… Es galt an anderes zu denken als vielleicht süße Liebesbande zu knüpfen. Wegen ihrer südtirolerischer Herkunft sind die Kandertz während des NS-Regimes als “Volksdeutsche” registriert gewesen. Im Jahre 1951 lief ihre sogenannte Kennkarte ab, sie mussten sich nun entscheiden, ob sie in Zukunft Deutsche, Italiener oder gar Staatenlose sein wollten. Die Eltern entschlossen sich ohne jegliche Diskussion dazu, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, sie hegten nicht im Geringsten die Absicht, jemals wieder dauerhaft in die mittlerweile fremd gewordene Heimat zurück zu kehren, zudem wollten sie ohne mühseligen behördlichen Aufwand die “Möwe” als Pächter weiter führen. Anders lagen die Dinge bei ihrem Sohn. Als Deutscher stand ihm bevor, eines nicht allzu fernen Tages in die eben im Aufbau befindliche Bundeswehr eingezogen zu werden. Die Abscheu gegen “von oben” ausgeübter und daher in Frage zu stellender Autorität war in dem jungen Mann nach wie vor tief verwurzelt…
… “Jetzt stell’ dir nur vor, da ist so einer, der im wirklichen Leben nix taugt, der kein Rückgrat hat, sich vielleicht dreht wie ein Fahnderl im Wind, und der ist durch welche Umstände auch immer ein Offizier oder Feldwebel oder sonst einer, der Kommandos erteilen darf, egal, wie unsinnig sie auch sein mögen, und der baut sich vor mir auf und bellt mich an: ‘Kandertz, putzen Sie mir gefälligst die Stiefel, und Kandertz, machen Sie dies, und jenes, und Kandertz, jetzt steh’n Sie mal ordentlich stramm, werfen sie sich in den Dreck! – Ich kann das nicht! Ich kann doch niemandem eine solche Macht über mein Leben erlauben! Ich will meine guten Entscheidungen selber treffen, und ich will auch meine Fehler selber machen und verantworten, und mir selber Rechenschaft darüber ablegen, wann’s mir passt! – Ach, ich hasse es ganz einfach, wenn ich mich von jemandem gängeln lassen muss, wenn mir jemand Befehle erteilt!” Der Vater wiegte das Haupt und maß ihn schmunzelnd, aber durchaus verständnisinnig. “Ja, dann musst halt Italiener werden.”…
… Sein dunkles, annähernd kahlköpfiges, in einen eleganten Anzug gewandetes Gegenüber überschüttete ihn in einer kargen Amtsstube des italienischen Konsulats mit einer wahren Flut wundervoll melodischer, rhythmisch klingender Laute und leicht gerollter R’s, von der er allerdings zu seinem Leidwesen nicht das Geringste verstand. Am Ende des schönen, liedhaften Schwalls maßen sich die Beiden äußerst hilflos über den Schreibtisch hinweg. Endlich griff der gediegene Signor aufseufzend zum Telefon und beorderte einen Dolmetscher. Als Geburtsort wurde Rom vereinbart, denn die Ewige Stadt war Bastian immerhin ein Begriff, zudem wollte er keinesfalls als Findelkind gelten. Sebastian wurde in Bastiano umgewandelt und Kandertz in Kanderco. Mit der schwungvollen Unterschrift seines neuen Namens unter die ausgefertigten Dokumente tat sich der junge Rebell selbstredend etwas schwer. Von nun an galt der Sprössling einer südtirolerischen Wirtsfamilie in der bayerischen Landeshauptstadt als italienischer Staatsbürger, auch wenn er so gut wie kein Wort seiner angeblichen Muttersprache artikulieren konnte. Er wurde von den Behörden behandelt wie ein Ausländer, das betraf auch das Beantragen einer befristeten Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die Jahr für Jahr gegen eine Gebühr von zehn Mark erneuert werden musste…
… Wird fortgesetzt…