Die Schwarze Frau (Teil 9)…

„Wir können unser Haus hier, unser Gewerbe nur dann halten, wenn es so wenig hungrige Mäuler wie nur irgend möglich zu stopfen gibt. Unsere Armee hat zwar die Schweden aus dem Lande vertrieben, doch der Krieg* hat gar bitterlich gewütet, der Handel ist fast völlig zum Erliegen gekommen. Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis sich das Land wieder erholt haben wird.“ Mutter seufzte. „Zehn Kinder hat mir der Herrgott gegeben, fünf hat er vorzeitig zu sich geholt, fünf sind mir geblieben – und diese fünf nimmt mir nun das Schicksal weg…“ Sie schauderte und ich barg meinen Kopf an ihrem Busen und sog ihren vertrauten Geruch ein. Sie ließ von mir ab, schob mich ein Stückchen von sich, nestelte in ihrer Rocktasche, und brachte dann ein dünnes güldenes Kettchen mit einem kleinen Medaillon zum Vorschein.
„Das ist der Heilige Christopherus, mein Kind. Er soll dich vor jeglichem Ungemach beschützen, und darauf achten, dass du stets den richtigen Weg einschlägst.“
Und mit zarten, den Flügelschlägen eines Engels gleichenden Bewegungen legte sie das Schmuckstück um meinen Hals.
Zwei Tage später kamen ein guter Freund der Familie, der von uns allen stets Oheim Franz genannt wurde, und ich in München an. Schon etliche Meilen vor der Stadt hatten die schier in den Himmel ragenden, mit welschen Hauben gekrönten, Türme des Liebfrauen-Doms uns den rechten Weg durch die nach Ende der Belagerung der Schweden nach wie vor verwüsteten und brach liegenden Felder, Auen und Weiler gewiesen.
Wir durchfuhren nach kurzer Kontrolle das Nördliche Stadttor, und folgten dann einer überaus belebten Gasse, die sich entlang des riesigsten Gebäude hinzog, das ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Oheim Franz ließ seine beiden braven, dunkelbraunen Zugpferde an einer Seitenpforte des mächtigen Bauwerks anhalten, und holte mich vorsichtig aus dem recht bequemen Fond. Er betätigte den Türklopfer. Ein überaus elegant gewandeter älterer Herr öffnete nach kurzem Warten. Der Oheim Franz drückte ihm eine versiegelte Depesche in die Hand und wies seinen Kutscher an, meine kleine Truhe vom Kutschendach zu hieven. „Adelheid von Gründing, Euer Gnaden, bereit, in die Dienste der kurfürstlichen Familie zu treten.“
Der Angesprochene führte mit gezierter Handbewegung ein spitzenumsäumtes Tüchlein an die mit sehr großen Löchern versehene Nase und winkte uns in einen kühlen, halbdunklen, von vier Säulen gestützten Raum.
„Niederer Landadel, ohne nennenswerten Stammbaum, meiner Seel’, schon wieder ein nutzloses, dahergelaufenes Blag von der Sorte. Wie ist man denn zum Titel ‘Freiherr’ gekommen? Günstlingswirtschaft?“
„Der Vater hat seiner Hoheit, dem Kurfürsten, vor einigen Jahren einen wichtigen Gefallen erweisen dürfen.“, entgegnete mein Beschützer knapp.
„Sie ist sehr zierlich, sehr klein gewachsen. Wie alt?“
„Grade sechs Jahre.“
Eine behandschuhte Rechte griff an mein Kinn und zwang mich, den Kopf zu heben. „Ein reizendes Gesichtchen, fürwahr. Doch diese Augen… Ich gebe dir den guten Rat, mein Kind, stets die Augen gesenkt zu halten. Denn es ist etwas darin, etwas Seltsames, man könnte dich leicht für eine Hexe halten…“
Der Stutzer griff nach einer kleinen goldenen Glocke. Kurz nachdem der laute aber feine Klang durch den Saal geschwungen war, öffnete sich linkerhand eine Tür und ein hochgewachsener Bursche trat ein. „Bring die Neue hier zuerst zum Schlafsaal der Mädchen und Frauen, und dann in den westlichen Flügel. Wir erwarten in Kürze sehr hohen Besuch, und die Räume werden zur Zeit neu eingerichtet. Diese Kleine soll sich zunächst das täglich Brot als Bürstenläuferin verdienen.“
Der angesprochene Knabe war inzwischen näher getreten, und mein Herz machte vor Freude einen riesigen Satz. „Jakob!“, strahlte ich ihn überwältigt an, „Jakob! Ach, ich freue mich ja so sehr, dich wieder zu sehen!“
Der geliebt Bruder verhielt sich zwar sehr zurückhaltend, doch seine Augen flossen schier vor Freude und Liebe über, als er eine sehr knappe, angedeutete Verbeugung ausführte, sich dann meine Truhe auf die Schulter lud und mir mit einer energischen Kopfbewegung hieß, ihm zu folgen.
Was war das für ein verzwickter, verwinkelter Kaninchenbau, durch welchen er mich bugsierte! Ich verrenkte mir schier den Hals, um trotz all der Hast – mein Jakob schlug ein gar rasches Tempo an! – so viel als möglich von meiner neuen Heimat zu erfassen. Ich blickte in dunklen Höhlen gleichenden Amtsstuben, vernahm das eifrige Kratzen der Federkiele und das Rascheln der Papiere, sah bieder gekleidete Männer vor brusthohen Sekretären stehen, dumpf und modrig wogte mir der Odem von Vorratskammern und Lagern entgegen, und die Hitze, die aus der großen Hofküche loderte, benahm mir schier den Atem. Ungezählte Menschen, groß und klein, hasteten uns entgegen – Diener, Köche, Mägde, mit silbern schimmerndem Brustharnisch bewehrte Hartschiere, Kammerfrauen, Schreiberlinge, Jäger, Pferdeburschen…
Nach einer mir unendlich scheinenden Irrfahrt durch das kurfürstliche Schloss erreichten wir eine enge und steile Wendeltreppe, und stiegen diese hinan. In einem großen, stickig riechenden Raum, in dem die feuchtheisse Luft zu stehen schien, direkt unter den massigen, schrägen Dachbalken, machten wir Halt. Jakob deutete auf einen der vielen kleinen, schmalen Verschläge, die links und rechts eines Mittelganges angeordnet waren.
„Dein Schlafplatz, Adelheid im Saal der niederen Dienstboten-Frauen. Für’s erste wirst du hier zurecht kommen müssen.“
Er stellte meine schöne Truhe neben einem eindeutig alles andere als frischen Strohsack ab, auf dem nachlässig zusammengefaltet eine unsaubere, an manchen Stellen von Motten zerfressene und sehr dünne Decke lag. Ich schluckte, die Tränen schossen mir in die Augen, und ich musste an mein feines, geschnitztes Bettchen im Schlafgemach meiner Eltern denken. Ach, was hatte ich es nur gut gehabt! Der Schmerz und die Sehnsucht nach dem schönen, lichten, gemütlichen Stadthaus in Wasserburg zogen mir das Herz zusammen und ließen es ganz seltsam pochen. Jakob nahm mich in seine Arme und wiegte mich leise und tröstend murmelnd hin und her.
„Meine arme kleine Adelheid… Na, na, na… Nicht traurig sein, Schwesterlein, nicht traurig sein… Du wirst dich hier schon noch einleben, ganz bestimmt. Du bist ein kluges, gutes Kind, ein ganz feines Menschlein, du wirst hier bald ganz wunderbar zurecht kommen…“

*Der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648)

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Die Schwarze Frau (Teil 8)…

Die Paramenten-Kammern, im Erdgeschoss neben der kleinen Hofkapelle gelegen, sind drei kleinere Räume, in schlichtem Weiß gehalten, was die Wirkung der schönen Ornamente und Girlanden der Stuck-Elemente der leicht gewölbten Decke ganz wunderbar verstärkt. Im vorderen Raum sind zwei üppigst mit Perlen und Edelsteinen bestickte Mitren zu sehen, sowie einige ebenso kostbar verzierte Priestergewänder und -umhänge. In den Zentren der beiden anderen Zimmer stehen drei bronzene Brunnenfiguren, Perseus, wie er das gerade eben abgeschlagene Haupt der Medusa triumphierend in der Linken trägt, in der Rechten sein Schwert, Merkur’s Flügelhelm auf dem noch jugendlichen Haupt, und über den leblosen Leib der Gorgonin schreitet, und der im Jahr 1568 gefertigte Neptun, auf seinen Dreizack gestützt, ihm schräg gegenüber die 2008 entstandene, noch golden schimmernde Kopie. Zu erreichen sind die Paramenten-Kammern über einen langen Flur, an dessen linker Seite sich eine durch ein schmiedeeisernes Gitter verschlossene Remise befindet. Wir pflegten diesen Abschnitt des Museums scherzhaft als Schlafzimmer zu bezeichnen, da er etwas abseits von der eigentlichen Führungslinie liegt, und an manchen Tagen von nur sehr wenigen Besuchern aufgesucht wird. Und dorthin hatte mich die Dienstleiterin eingeteilt.
Ich versteckte das Taschenbüchlein, welches ich sorgsam unterm Jackett verborgen mitgenommen hatte, denn laut Dienstanweisung war uns das Lesen strengstens untersagt, hinter einem der dicken Lichtschutzvorhänge und machte es mir auf einem Schemel bequem. Es war einige Minuten vor neun Uhr morgens, vor elf Uhr würde sich garantiert kein Besucher bei mir blicken lassen. Ich rückte meine Sitzgelegenheit etwas näher an die weiß verputzte Wand, lehnte mich an und schloss aufseufzend die Augen. Während der vergangenen Tage waren meine Geister-Nachforschungen sehr in den Hintergrund getreten, es gab Wichtigeres zu bedenken, denn ich war pleite, und zwar so was von. Wenn mir nicht bald eine zündende Idee in den Sinn kam, wie ich meinen Haare sträubenden finanziellen Status wieder etwas erfreulicher gestalten konnte, würde ich in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Unter anderem standen über fünfhundert Euro an Heizkosten-Nachzahlung aus, und ich suchte immer und immer wieder händeringend nach einer Möglichkeit, sie begleichen zu können. Außerdem war es kurz vor Weihnachten – und ich hasste dieses Fest, seitdem ein entsetzliches Intrigenspiel meiner „Mutter“ vor etlichen Jahren nur wenige Monate nach dem Tod des geliebten Vaters unsere Familie entzweit hatte.
Ein metallisches Scheppern riss mich aus meinen trüben, fast schon verzweifelten Gedanken. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf und blickte um mich. Ich trat auf den Korridor, der die Paramenten-Kammern mit dem ehemaligen Gartensaal und der Ahnengalerie verbindet. Nichts. Niemand zu sehen. Ich trat an das hohe, schmiedeeiserne Gitter, welches den Zugang zur Remise versperrte und umfasste die Stäbe. Mir war, als würden sie leise vibrieren. Mit gerunzelten Brauen starrte ich in das diffuse Halbdunkel der schmalen, niederen Durchfahrt, und ich glaubte, einen kleinen Schemen die Wand entlang gleiten zu sehen, dunkler noch als die Schatten. Ich fühlte, wie ein leises Glück mich lächeln ließ. „Na, endlich! Da bist du ja wieder! Ich habe dich so vermisst!“, grüßte ich in Gedanken „meinen“ Schlossgeist. Ich verharrte noch eine Weile, doch nichts tat sich mehr. So tastete ich mich zurück zu meinem Schemel und ließ mich erneut darauf nieder, Rücken und Hinterkopf anlehnend. Schwerer und schwerer wurden meine Lider…

-.-

Das klare Brunnenwasser beruhigte sich und zeigte alsbald eine spiegelglatte Oberfläche. Neugierig blickte ich hinein. Ich erkannte ein schönes, herzförmiges, kleines Kindergesicht mit einem winzigen Grübchen am Kinn und sehr großen, bernsteinfarbenen Augen. Ich sah mich um. Ich befand mich in einem von hohen Mauern und hölzernen Galerien eingerahmten Innenhof. Durch das geöffnete Tor drangen Hufgetrappel und das Knarren von Wagenrädern an mein Ohr. Eine melodische Stimme schwang durch den Hof: „Adelheid! Nun komm schon, trödel’ nicht! Wir müssen noch deine Reisetruhe packen!“ Ich griff nach meinem langen Rock, um ihn zu raffen, und trippelte in Windeseile die knarrenden, eichernen Stufen der steilen Treppe hoch. Meine Mutter, schlank, biegsam, hochgewachsen, mit strengem und kummervollem, bleichem Antlitz, ganz in Schwarz gekleidet, ging unruhig die Hände ringend in der großen Wohnstube hin und her. Anna, unsere Kammerfrau, sah inzwischen meine Kittel und Schürzen durch, faltete sie zusammen und legte sie in die kleine, hölzerne, mit vergoldeten Schnitzereien verzierte Truhe, die neben ihr auf dem Boden stand. Mutter sank vor mir auf die Knie und strich mir fahrig mit ihrer Rechten über den hellbraunen Scheitel. „Weiß Gott, es bricht mir das Herz, meine Kleinste auch noch weg zu geben. Aber es muss sein! Es muss!“
Mein Vater war vor drei Monaten gestorben, ein schwer beladenes Fuhrwerk war ihm beim Rangieren an der Wasserburger Innlände über den Fuß gefahren, schweres Fieber und Wundbrand hatten ihn binnen zweier Wochen dahin gerafft. Daraufhin hatte mein ältester Bruder das Geschäft, unseren Tuchhandel, übernommen, zwei meiner Brüder hatten ins Augustiner-Chorherren-Stift Baumburg bei Traunstein eintreten müssen, mein Lieblingsbruder Jakob war nach München gegangen, um dort in der kurfürstlichen Residenz zu dienen. Und ich würde ihm morgen nachfolgen.

 

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Die Schwarze Frau (Teil 7)…

Nur wenig später saß ich entspannt auf einem der mit rotem Kunstleder bezogenen niederen Schemel in den sogenannten Trierzimmern, schloss die Augen, atmete tief durch und konzentrierte mich. Würde er sich erneut bei mir melden, der geisterhafte, schwarz verhüllte Schemen? Und auf welche Weise? Einige Male hatte ich den Eindruck, als würde ein eisigkalter Hauch mich umwehen, aber ich wusste inzwischen, dass es in diesem riesigen Stadtschloss des Öfteren höchst ungesund zu ziehen pflegte. Wahrscheinlich hatte man irgendwo in irgendwelchen geheimnisvollen Räumen, von welchen ich noch keinerlei Kenntnis hatte, Türen oder Fenster aufgetan, und der frische Herbstwind bahnte sich nun seinen Weg durch die endlosen Zimmerfluchten und Säle. In meiner Phantasie jedoch kam es mir vor, als würden schwere, dunkle Röcke über die glänzenden Fliesen aus ockerfarbenem und dunkelrotem Marmor schleifen, als würde eine kleine, zierliche Gestalt mich umkreisen, als würde ich abgrundtiefe Seufzer furchtbaren Leids und entsetzlicher Qualen vernehmen.
Ich begann, mich umzuhören, bei Tour-Guides, Kollegen/innen, Hausangestellten, sogar den Chef-Kastellan befragte ich eines Abends. Eine äußerlich sehr einschüchternd wirkende, aber an sich nette und umgängliche Dame des Sicherheitsdienstes klärte mich ausführlich auf: „Hier gibt’s mehrere Geister und Gespenster, Martha. Und zwar die Schwarze Frau der Wittelsbacher, die tritt aber nur dann in Erscheinung, wenn einer aus der Adelsfamilie stirbt, der Herzog Franz zum Beispiel, mit über Achtzig ist er ja schließlich nicht mehr der Jüngste. Dann ist da noch eine Weiße Frau mit einem Pudel, aber ich glaube, das ist eher ein Gerücht oder eine Erfindung, denn von uns hat die noch keiner gesehen.“
Ich machte große Augen. „Ihr seht auch Geister?“
Lara zuckte lässig mit den Schultern, als sei eine Begegnung mit etwas Übersinnlichem eine Alltäglichkeit. „Na, klar.“
„Komm, veralber’ mich nicht.“
„Martha, ich mein’s ernst, kannst mir glauben. Es ist die andere Schwarze Frau, und die ist jedem von uns, ich meine wirklich JEDEM, während der Nachtpatrouillen durch’s Haus schon mehrmals über den Weg gelaufen, äh, geschwebt. Meistens drüben in den Kurfürsten-Zimmern oder den Steinzimmern.“
„Was für eine andere Schwarze Frau?“
„Eine Kurfürstin, Herzogin, Kammerzofe, was weiß ich, ich hab’s nicht so mit Geschichte, jedenfalls die Person, die damals, vor ich weiß nicht wie vielen Jahrhunderten mal einen furchtbaren Brand in der Residenz ausgelöst haben soll.“
Wir befanden uns im Schwarzen Saal, der seinen Namen wegen der hoch aufragenden Portale aus pechschwarzem, seidig glänzendem, mit Intarsien versehenem Stuckmarmor trug. Lara verabschiedete sich von mir und marschierte mit ihrem voluminösen Schlüsselbund rasselnd davon, das breite Treppenhaus hinab Richtung Antiquarium, dem größten Renaissancesaal mit Tonnengewölbe nördlich der Alpen, und mit Sicherheit auch einer der schönsten. Ich besah mir die großen, nachgedunkelten Portraits der beiden Kurfürstinnen Maria Anna und Elisabeth, der Gemahlinnen des Bayern und München, und vor allem die Residenz so prägenden Regenten Maximilian I. Sie blickten düster, bleich und erhaben – und irgendwie unheimlich – zu mir herab. War eine von ihnen diese mysteriöse Frau, die vor allem des Nachts durch das Schloss zu ziehen pflegte? Und wenn ja, warum?
Oder war es eine andere Maria Anna, die Prinzessin von Sachsen, Gemahlin des Kurfürsten Max III. Joseph, von dem sich ja sehr hartnäckig sehr viele Gerüchte im Umlauf befinden, er sei homosexuell gewesen. Geisterte sie deshalb, aus Liebesleid? Weil der Mann, den sie über alles verehrte und liebte, sich weitaus leidenschaftlicher seinem Vertrauten und Cousin, dem Grafen von Salern, zuwandte als ihr? Und weil ihr daher ein sehnlicher Kinderwunsch versagt geblieben ist?
Oder war es Henriette Adelaide, die stolze und wunderschöne Prinzessin aus Savoyen? Inzwischen wusste ich ein ganz klein wenig mehr über sie. Hochintelligent soll sie gewesen sein, musisch hochbegabt, eine sehr starke Persönlichkeit, die, obwohl das Wörtchen Emanzipation damals noch gar nicht erfunden gewesen war, dennoch an der Seite ihres Gatten die bayerische Politik entscheidend mitbestimmte, und das eher als Provinzstädtchen einher kommende München in eine stattliche Hauptstadt, ein Zentrum von Kunst und Kultur wandelte. Die Schönheit ihrer Gemächer musste die Besucher des Hofes förmlich geblendet und verzaubert haben. Bis ein verheerendes Feuer fast die ganze Residenz in Schutt und Asche legte. Hatte sie den Brand verursacht? Hatte sie sich während ihrer letzten zwei Lebensjahre zu Tode gegrämt, weil die meisten Zeugnisse ihrer feinen Sinne, Eloquenz, Bildung, ihres guten Geschmacks und Kunstempfindens ein Raub hoch auflodernder Flammen geworden waren?
Fragen über Fragen, Rätsel über Rätsel – und die Schwarze Frau hatte sich auch nach Wochen trotz all meines inneren Bittens und Rufens kein weiteres Mal bei mir gemeldet.

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Die Schwarze Frau (Teil 6)…

Erst als die Schwingen dunklen, dumpfen Herbstnebels sich über die Straßen gelegt hatten, und ich mich bettfertig machte, kam mir diese seltsame Erscheinung wieder in den Sinn, und versetzte mir nun einen gehörigen Schock. „Ich habe einen Geist gesehen! Hilfe! Weh mir!“ Klappernd fiel die Zahnbürste, welche mir aus den Fingern gerutscht war, ins Waschbecken, und ich zuckte erschrocken zusammen und schrie auf.
Ich hatte eine sogenannte Weiße Nacht, der Schlaf mied meine Lider. Jedesmal, wenn ich am Einnicken war, durchzuckte mich die Erinnerung an diese schwarz verhüllte, schemenhafte Gestalt auf’s Neue und grauenvolle Auswüchse meiner überbordenden Phantasie peinigten mich. Mein Herz raste und pochte wie wild. Zwar war ich immer schon davon überzeugt gewesen, dass zwischen Himmel und Erde weitaus mehr existiert, als die sogenannten „Wissenschaften“ oder unsere sehr beschränkten fünf Sinne uns weismachen, doch nie im Leben hätte ich’s mir träumen lassen, eines Tages höchstpersönlich einen Geist zu erblicken.
Eine langjährige Freundin, die mir seit jenen finsteren und verhassten Jahren, welche ich als Zögling einer gestrengen Klosterschule verbracht hatte, vertraut, lieb und teuer war, Ellen, klein, elfengleich, mit einer silberweißen, dicht wallenden Mähne und einem trotz fortgeschrittener Jahre unschuldig und unberührt wirkenden Kindergesicht, befasste sich schon seit ihrer Jugendzeit mit übersinnlichen Phänomenen. Nachdem ich mich am Vormittag nach sehr wenigen Stunden bleiernem und eher zermürbendem als regenerierendem Schlaf aus den Federn gequält – die Dosis Schlaftabletten, welche ich mir im Laufe der Nacht verzweifelt eingeworfen hatte, hätten einen ausgewachsenen Ochsen narkotisiert – rief ich sie immer noch recht aufgewühlt an, und erzählte ihr von der gestrigen Begegnung, verwirrt und erschüttert nach den richtigen Worten tastend.
Ellen schwieg eine Weile, nachdem ich geendet hatte. Dann sprach sie sanft und ruhig: „Martha, es gibt nicht den geringsten Grund, Angst zu haben. Ich verstehe, dass du verwirrt bist, und das Gefühl hast, dein Weltbild wäre innerhalb weniger Augenblicke völlig auf den Kopf gestellt worden. Aber das wird sich legen, glaube mir. Du bist noch nie unflexibel gewesen, hast noch nie starre und sture Scheuklappen-Ansichten vertreten. Du wirst damit zurecht kommen, einen echten Geist gesehen zu haben, glaube mir. Du wirst sogar Gefallen daran finden.“
Ich fühlte, wie meine Unterlippe zu zittern begann und mir die Tränen in die Augen traten.
„Und dieses – Wesen – wird mich nicht bedrohen oder ängstigen, oder gar ein Leid zufügen?“
„Aber nein! – Es gibt einen Grund, warum du diese schwarz verschleierte Frau gesehen hast. Du solltest dich geehrt fühlen, stolz darauf sein, dass sie quasi Kontakt zu dir aufgenommen hat. Das ist ein großes Privileg, das nur wenigen Menschen zuteil wird. Vielleicht hat sie dich sogar dazu auserkoren, ein Teil ihrer Geschichte zu werden, sie eines Tages vielleicht sogar zu erlösen und ins Licht zu führen.“
„Ins Licht…“ Ich verstummte. Allmählich wichen Verwirrung und Furcht, das sonderbare, kurze Erlebnis faszinierte mich zusehends. Wer war diese Frau gewesen? Wann und wie hatte sie gelebt…
Ellen unterbrach meinen Gedankengang: „Ich schicke dir eine ausführliche Mail, am Telefon kann man so etwas nicht recht erklären. – Und versuche, sie zu rufen, ich bin sicher, sie wird darauf reagieren.“
Am nächsten Morgen, als ich ganz in Gedanken versunken den kurzen Weg zwischen der Bushaltestelle und dem Portal zum Kapellenhof der Residenz zurück legte, steuerte eine Kollegin den Odeonsplatz querend auf mich zu. Sie mochte ungefähr meines Alters sein, eine sehr schöne Frau mit einem fein geschnittenen, ebenmäßigen Gesicht und kinnlangen weizenblonden Haaren. Ich wusste mittlerweile, dass sie russischer Abstammung war, aber bereits seit vielen Jahren in München lebte. Sie strahlte mich freundlich an. „Guten Morgen, Frau Ihles!“
Ich hielt ein wenig verwirrt inne. Während der vergangenen Wochen hatte ich mich so sehr daran gewöhnt, von fast allen anderen Aufsichten ignoriert oder distanziert behandelt zu werden, dass mich diese unvermutet fröhliche Begrüßung regelrecht aus dem Tritt brachte.
„Ich habe vor ein paar Tagen zufällig mitbekommen, wie anschaulich und lebhaft Sie einem Besucher vom Wiederaufbau der Residenz nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt haben, und das hat mir sehr gefallen. Ich finde es immer ganz wunderbar, wenn ich sehe, dass eine Kollegin an der Geschichte und ihren Zusammenhängen interessiert ist, und nicht nur gelangweilt ihr tägliches Stundenpensum hinter sich bringt, um etwas Geld zu verdienen.“
Ich lächelte zurück. „Ich habe mich schon in der Schule sehr für Geschichte interessiert, mich allerdings lange, sehr lange Jahre nicht mehr damit beschäftigt. Aber es macht mir große Freude, meine riesengroßen Wissenslücken nun so ganz allmählich zu schließen, und nach und nach dazu zu lernen.“ – „Sie werden mir immer sympathischer.“, sprach Frau Cordes. Wir legten den Rest der kurzen Wegstrecke gemeinsam zurück, und waren bald schon in eine heitere Diskussion über den Dreißigjährigen Krieg vertieft, das heißt, meine Begleiterin, die weitaus besser fundierte Geschichtskenntisse hatte als ich, sprach, und ich hörte aufmerksam zu und warf gelegentlich kurze Bemerkungen wie „Das ist aber sehr interessant!“ oder „Sieh an, das wusste ich bislang noch gar nicht!“ oder „Hätte ich doch nur damals in der Schule besser aufgepasst!“ ein. Bevor wir im zweiten Stock nahe des Max-Joseph-Saals den Lift verließen, zwinkerte ich ihr schelmisch zu. „Ich bin schon sehr froh, dass endlich einmal jemand eine Unterhaltung mit mir bestreitet, ich hatte schon befürchtet, für euch ‘Alteingesessene’ unsichtbar zu sein oder an einer furchtbaren Krankheit zu leiden.“
Frau Cordes legte mir die Hand auf den Unterarm. „Wissen Sie, das ist nicht böse gemeint. Aber es kommen und gehen hier ständig so viele Leute… Manchmal vertraut man jemandem, schließt diesen Menschen in sein Herz, freundet sich mit ihm an, und dann verschwindet er von einem Tag auf dem anderen – wird in ein anderes Museum versetzt, oder ins Messezentrum, oder hat gekündigt… Aber bei Ihnen habe ich ein gutes Gefühl, ich habe Sie übrigens schon seit einer Weile heimlich beobachtet, und mir meine Gedanken über Sie gemacht – gute Gedanken.“
An der Türe empfing uns mit spitzbübisch-freundlichem Lächeln Abdul, der Mann aus Usbekistan, jener warmherzige Kollege, der mich an meinem ersten Arbeitstag durch’s Schloss geleitet hatte. „Olga! Wie schön, dich zu sehen! – Martha, wo bist du denn gestern gewesen?“
Ich grinste verschmitzt. „Ich hatte frei, mein Lieber.“
„Waaaaas! Ohne mich um Erlaubnis zu fragen? So geht das nicht, nein, nein, nein!“
Ich lachte schallend auf, und nachdem die Dienstleiterin uns die Abschnitte zugewiesen hatte, für die wir an diesem Tag verantwortlich sein würden, marschierten wir zu Dritt frohgemut in den vierten Stock, Richtung Aufenthaltsräume. „Angekommen!“, dachte ich, und mein Herz wurde weit, „ich bin angekommen – und zuhause. Und ich will hier nie wieder weg!“ *

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Die Schwarze Frau (Teil 5)…

Ich achtete darauf, stets einen kleinen Notizblock sowie einen Kugelschreiber in der Innentasche meines Jacketts bei mir zu haben, um während eines Arbeitstages all jene Fragen auflisten zu können, die mir gestellt wurden, und dann nach Feierabend im Internet sowie aus der Stadtbücherei entliehenen Geschichtsbüchern nach den Antworten zu forschen. Zudem machte ich es mir zur Gewohnheit, mich bei Führungen immer in unmittelbarer Nähe der erklärenden und fachkundigen Person aufzuhalten, um ja kein Detail zu verpassen. Alles, alles, alles, was dieses den Atem beraubende, beeindruckende, mächtige Anwesen und die Menschen betraf, welche darin gelebt und geherrscht hatten, war mir wichtig, ich saugte die aufgeschnappten Brocken und Bröckchen an Informationen auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. Als ich nach etwa einer Woche einem sehr liebenswürdigen und wissbegierigen Pärchen aus den USA zum ersten Mal einen kleinen Vortrag über den ersten bayerischen Kurfürsten Maximilian I. halten konnte, fühlte ich, wie in meiner Seele eine seit langem nicht mehr gekannte stolze Befriedigung, so etwas wie Glück aufzukeimen begann. Ich gewann in meinem neuen Metier zusehends Sicherheit und Zufriedenheit, und freute mich mittlerweile an jedem Morgen auf den bevor stehenden Arbeitstag. Die Kollegen/innen begegneten mir, mit ganz wenigen Ausnahmen, zwar immer noch sehr schweigsam, distanziert und zugeknöpft, doch das störte mich nicht, im Gegenteil, nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre, die ich innerlich immer noch zu verarbeiten hatte, war mir das ganz recht. Lieber so als anders herum.
Das überlebensgroße Bildnis der Kurfürstin Henriette Adelaide von Savoyen zog mich auf Anhieb in seinen Bann, als ich das erste Mal Dienst in den sogenannten Päpstlichen Zimmern tat. Die samten strahlenden, schön geschnittenen, dunklen Augen der Porträtierten schienen mich überall hin zu verfolgen, egal, wo in den drei kleinen Räumen, die ich zu observieren hatte, ich meinen Standplatz einnahm. Das einzige, was ich von dieser Frau wusste, zu der ich mich auf Anhieb trotz all meiner Unkenntnis, was ihre Geschichte betraf, auf eine seltsame Weise hingezogen fühlte, war eine kleine Anekdote, die mir vor etlichen Jahren einmal von einer Bekannten, die als Stadtführerin jobbte, erzählt worden war: Henriette Adelaide und ihr Gemahl, Kurfürst Ferdinand Maria, hatten über zehn Jahre lang sehnlichst auf einen Sohn und Erben gewartet. In ihrer Not hatten sie das Gelübde abgelegt, der Stadt München die schönste Kirche zu stiften, die jemals gebaut worden war, falls die sogenannten Himmlischen Mächte ihnen diesen Wunsch erfüllen würden. Die noble Dame hatte sich auf Kur ins oberbayerische Bad Heilbrunn begeben. Zu ihrem prachtvoll ausgestatteten Gefolge hatte sich alsbald ein sowohl geistreicher als auch attraktiver , noch recht junger Geistlicher gesellt. Als die bayerische Herrscherin zu ihrem Gatten an den Hof zurück gekehrt war, soll sie den zukünftigen Thronfolger bereits unter dem Herzen getragen haben… Ich trug am späten Nachmittag dieses Geschichtlein zwei quirligen Besucherinnen vor, und hatte danach den Eindruck, als würde ein schmerzlicher, leicht zürnender Ausdruck über das ebenmäßig ovale Antlitz der Prinzessin von Savoyen huschen. Aber es ist sicher nur eine kleine Wolke gewesen, die für ein paar Augenblicke die frühherbstliche Sonne verdüstert hat…
Abends flegelte ich auf meiner Couch, zappte mich durch die üppige Anzahl der Fernsehprogramme, und blieb irgendwie bei einer albernen Comedy-Serie aus den Neunzigern hängen. Bei einem nicht einmal sehr originellen Gag hörte ich mich unvermittelt laut und schallend auflachen – so etwas war mir seit Monaten nicht mehr widerfahren!
Tags darauf wurde ich in die sogenannten Steinzimmer im Westflügel des Stadtschlosses eingeteilt. Diese recht düster anmutende Raumfolge ist im Auftrag des Kurfürsten Maximilians I. gebaut worden. Die Gemächer dienten ausschließlich dazu, den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und seine Familie zu beherbergen, wenn er sich dazu herab ließ, nach Bayern zu reisen, was nicht allzu oft der Fall gewesen war.
Es war ein recht ruhiger Vormittag, nur wenige Besucher durchstreiften das Schloss. So hatte ich ausreichend Gelegenheit und Muße, mich umzusehen. Ich stand im sogenannten Raum der Elemente, und inspizierte hingebungsvoll einen der riesengroßen Wirkteppiche aus der Werkstatt des Holländers Hans van der Biest, geschaffen nach Entwürfen des einstigen Münchner Hofmalers Peter Candid. Ich stand etwa drei Meter vom Durchgang in den Raum der Welt entfernt und bewunderte andächtig die Akkuratess und Feinheit, mit welcher die vielschichtigen Gestalten der aufwändigen Szenerie „Tribut der Stände an Otto von Wittelsbach“ gewoben und gestickt worden waren, als mir jenseits des aus Stuckmarmor bestehenden Portals eine Bewegung auffiel. Ich dachte, einer der Kastellane – Schlossverwalter – oder ein/e Kollege/in würde sich nähern und schaute genauer hin. Und nahm wahr, wie sich quer durch den Saal, von der verriegelten und verdunkelten Fensterfront, vorbei an der lang gezogenen, mit einem Brokatüberwurf versehenen Festtafel bis zum beinahe mannshohen Kamin eine fast kindhaft kleine, zierliche, von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllte, anscheinend weibliche Gestalt bewegte. Sie schritt nicht, sie schien zu schweben, und sich nahe des Kamins im Halbdunkel aufzulösen. Die ganze Begebenheit hatte mit Sicherheit nicht länger als zwei, höchstens drei Sekunden gedauert, doch mir kam dies wie eine kleine Ewigkeit vor.
Dieses Erlebnis ist wohl dermaßen abstrakt und irrational gewesen, dass ich es binnen kurzem völlig aus meinem Bewusstsein verdrängt hatte. Ich sah zwar etwas erstaunt und neugierig genauer nach, ob sich nicht doch irgend jemand in jenem Zimmer aufgehalten haben könnte, und kam danach zu dem eindeutigen Schluss, dass dem in der Tat nicht möglich gewesen war, grübelte aber nicht weiter darüber nach. Kurz darauf stellte sich auch eine erkleckliche Anzahl Besucher/innen ein, und ich verwandte meine Konzentration darauf, meiner Aufgabe nachzukommen, und ihnen auf die Finger zu sehen oder behilflich zu sein.

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Die Schwarze Frau (Teil 4)…

Anstatt darüber nachzugrübeln, wie du dich am besten um die Ecke bringen kannst, wozu du ohnehin viel zu feige bist, solltest du lieber endlich etwas Anständiges zu Essen und zu Trinken besorgen!, revoltierte mein Magen. Mir wurde bewusst, dass ich seit langen, langen Wochen endlich wieder ein gesundes Hungergefühl verspürte, und machte mich trotz der Beklemmungen und des Angstgefühls, das mich immer noch ergriff, sobald ich die Geborgenheit meiner vier Wände verließ, um mich in die Welt da draußen zu begeben, auf den Weg zum nahe gelegenen Supermarkt, um ordentlich einzukaufen. Mein Geld ging zwar Besorgnis erregend rapide zur Neige, doch auf der Kreditkarte hatte ich noch etwa eintausendfünfhundert Euro zur Verfügung.

Nach einer sorgfältig zubereiteten Mahlzeit schlug ich zufrieden gesättigt die Tageszeitung auf, um mich dem unerfreulichen Studium der Stellenangebote zu widmen. Beinahe auf Anhieb sprang mir die dezent gestaltete Annonce eines renommierten Veranstaltungsunternehmens ins Auge. Es wurden Museums-Aufsichten für die Münchner Residenz gesucht. Museums-Aufsicht. Hm! Das soll ein ziemlich langweiliger Job sein. Nun ja, Aufregungen hatte ich während der vergangenen sechsunddreißig Jahre schließlich genug gehabt. Und schlecht bezahlt wird man auch. Kaum vorstellbar, dass die Entlohnung mieser sein konnte, als in der feudalen Seniorenresidenz. Aufseufzend suchte ich im WWW nach der Website des Unternehmens und füllte die Online-Bewerbung aus.
Zwei Tage später stand ich im mittäglichen Sommersonnenglast an einer vom Feierabendverkehr umtosten Straßenkreuzung in Nähe der Theresienwiese. In der rechten Hand trug ich eine große Tüte, darin befand sich meine zukünftige Dienstkleidung, in gedecktem Anthrazit gehalten: Eine Weste, die einem Kartoffelsack mit Löchern glich, ohne jegliche Fasson, ein Jackett, dessen Ärmel mir fast bis an die Fingerspitzen reichten, ein grau-gelb gemustertes Seidentuch mit dem Firmen-Emblem und eine etwas kratzige Hose. Mit der linken Hand umfasste ich die Klarsichthülle mit dem soeben unterzeichneten Arbeitsvertrag. Ich war von der raschen Abwicklung des Vorstellungsgespräches immer noch wie betäubt. Was hatte ich da nur getan!… Meinem Leben eine neue Wende gegeben. Eine Wende zum Besseren. Es fühlt sich so seltsam an. Das tut es am Anfang immer… Die Bezahlung war in der Tat alles andere als berauschend, aber genug, um, etwas Sparsamkeit vorausgesetzt, über die Runden kommen zu können. Ich atmete auf. Und verbannte die Vision meiner selbst als armselige Obdachlose. Vorerst.
In der Trambahn Richtung Schwabing sitzend fischte ich zwischen den Kleidungsstücken nach dem ersten Dienstplan. Von Montag bis einschließlich Sonntag von Dreiviertel Neun bis Viertel nach Sechs Museums-Aufsicht in der Münchner Residenz. Mittwoch und Donnerstag würde ich frei haben. Ich runzelte die Stirn. Was wusste ich über unser Stadtschloss? Gar nichts! Vor gut einem Dutzend Jahre hatte ich zusammen mit meinem Vater und einem Onkel einmal einen Vormittag dort verbracht. Das einzige, woran ich mich erinnern konnte war, dass mir danach die Füße brannten, wahrscheinlich hatte ich die falschen Schuhe getragen.

Mein erster Tag war, nun, wie solche Tage eben nun mal sind. Ich war unsicher, auch angstvoll und hatte den Eindruck, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Meine zukünftigen Kollegen/innen verhielten sich äußerst zurückhaltend, die meisten ignorierten mich und erwiderten nicht einmal meinen freundlichen Gruß. Lediglich der klein gewachsene Mann mit leicht asiatisch geschlitzten Augen, buschigem, tiefschwarzem Schnurrbart und etwas vernarbtem Gesicht, der mich auf meinen Abschnitt brachte, behandelte mich mit sanfter Freundlichkeit. Er führte mich durch eine hohe Tür, deren kunstvoll gefertigte schmiedeeiserne Flügel sperrangelweit offen standen, wir bogen um etliche Ecken, passierten einige geheimnisvolle Räume, wandelten einen langen, mit Hirschgeweihen und Kupferstichen ausgestatteten Flur entlang, wieder ein paar Ecken, zwei sehr seltsame und schmale Einlässe, deren Klinken in Kopfhöhe angebracht waren, und dann standen wir in einer im üppigsten Barock ausgestatteten Zimmerflucht.
„Wir sind in den Kurfürstenzimmern, von hier bis zum kleinen, gelben Kabinett dort vorne reicht Ihr Abschnitt. Am besten ist, Sie gehen hin und her, und achten auf die Besucher. Es darf nichts angefasst werden, Fotografieren mit Blitz ist verboten, auch das Telefonieren mit Handys. Machen Sie die Leute darauf aufmerksam, aber bleiben Sie freundlich. Über den geöffneten Türen sind Alarmsensoren befestigt, und die sind scharf geschaltet, deshalb sollten kleine Kinder von ihren Eltern nicht auf den Schultern getragen werden. Wenn keine Besucher in Ihrem Abschnitt sind, dann dürfen Sie sich natürlich auch mal für eine Weile hinsetzen. – Hier“, er drückte mir zwei dicht bedruckte DIN-A-4-Seiten in die Hand, „ist Ihre Dienstanweisung. Ich weiß, die sieht beim ersten Durchlesen ganz furchtbar aus, ganz viele Dinge, die wir Aufsichten nicht tun dürfen, und entsetzlich viele Vorschriften, aber Sie werden sehen, ganz so schlimm, wie Sie vermutlich denken werden, ist’s bei uns dann doch nicht. Die Dienstleiterin wird so gegen Zehn, halb Elf bei Ihnen vorbei schauen, und Ihnen dann sagen, wann Sie Mittagspause haben. Wenn Sie auf die Toilette müssen, dann dürfen Sie das ohne Weiteres, sagen Sie vorher nur kurz Ihrem Nachbarn Bescheid, dass der auf Ihren Abschnitt mit aufpasst, bis Sie wieder zurück kommen. – Alles klar?“ Ich nickte. Er tätschelte mir sanft den Arm. „Sind Sie sicher, dass Sie den Weg zurück zum Aufenthaltsraum wieder finden werden?“ Ich warf mich in die Brust. „Aber freilich! Ich habe einen sehr guten Orientierungssinn!“
Natürlich verlief ich mich heillos, als ich gegen halb Eins in die vierzigminütige Pause gehen durfte, und musste kleinlaut eine meiner neuen Kolleginnen darum bitten, mir den Weg zu zeigen, was diese ein wenig unwirsch tat. Doch nicht der schroffe Ton oder die vielen unübersichtlichen Gänge und Räume waren es, was mir auf dem Nachhauseweg außer einem schmerzenden Rücken und wehen Füßen vom vielen Stehen zusetzte. Es war meine atemberaubende Kenntnislosigkeit, was die Geschichte meines neuen Arbeitsplatzes anbelangte. Und nicht nur das, ich hatte vom Ende meiner Schulzeit an bis zu diesem Tage die Geschichte meiner Heimat so gut wie völlig ignoriert, mich nicht im Geringsten dafür interessiert. Jedes Mal, wenn Besucher eine Auskunft bezüglich der Historie des riesigen Stadtschlosses und der bayerischen Herrscher an mich richteten, wurde mir dieses recht schmerzhaft bewusst. Und ich beschloss, meiner Unkenntnis so schnell als möglich ein Ende zu bereiten.

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Die Schwarze Frau (Teil 3)…

Zudem wollte ich mit aller Macht aus der Gastronomie aussteigen. Ich hatte mehr als genug davon. Sechsunddreißig lange Jahre hatte ich in diesem Metier verbracht, quasi ein halbes Leben. Sechsunddreißig Jahre voll der körperlichen, seelischen und geistigen Anspannung, der Entbehrungen, der Selbstverleugnung und -aufopferung. Sechsunddreißig Jahre, in denen es ungezählte schlaflose Nächte gegeben hatte, während welcher ich mich, ohne Ruhe zu finden, oftmals voller Groll und Frust in meinem Bett von einer Seite auf die andere geworfen hatte, leidend, viel Seelenpein in mich hinein fressend. Denn man muss ja stets beflissen und höflich und freundlich bleiben, auch wenn die werten Gäste noch so ungeduldig und unfreundlich sind, auch wenn man hin und wieder als Spielball schlechter Launen oder Profilierungsneurosen missbraucht wird, man darf sich ja nicht zur Wehr setzen. Sechsunddreißig Jahre voll der Vierzehn- bis Sechzehn-Stunden-Schichten, der Feiertagsdienste, der unregelmäßigen Dienstzeiten. Sechsunddreißig Jahre in einem Beruf, den ich eigentlich aus purer Not ergriffen hatte, als rettender Strohhalm, als Gelegenheit, dem damals so ungeliebten Elternhaus, vor allem der stets spottenden und nörgelnden Mutter zu entkommen.
Bereits als Kind hatte ich davon geträumt, eines Tages auf’s Gymnasium zu gehen und anschließend zu studieren. Pilotin, Astronautin, Tierärztin oder Schriftstellerin, das sind meine Berufswünsche gewesen. Doch es blieb beim Träumen. Als ich Zwölf war, schickte man mich auf eine Kaufmännische Realschule, eine sehr gestrenge Klosterschule noch dazu. Ich kam mir während dieser vier Jahre in diesem Institut vor, als hätte man mich in eine Zwangsjacke gesteckt, die Erinnerungen daran sind in einem düsteren Nebel gefangen, ich weiß nur, dass ich damals ein sehr melancholischer Teenager gewesen bin, sehr weltfremd, sehr traumverloren, und dass Buchführung, Wirtschaftskunde und Rechnen zu einer Welt gehörten, die mir auf ewig verschlossen sein würde…
Drei Dutzend Jahre Servicefachkraft… Je länger ich darüber nachdachte, umso intensiver hatte ich wieder dieses furchtbare Gefühl, gefangen zu sein, gefesselt, als würde mir ein ungeheurer Zwang die Luft zum Atmen, ja, das Leben an sich abschnüren!
Es hatte in meinem Berufsleben natürlich auch Schönes gegeben. An die Jahre im Restaurant der Bayerischen Staatsoper dachte ich sehr, sehr gerne zurück. An die Atmosphäre dieses weltweit renommierten Musiktheaters, das Flair, die wundervolle Musik, die Tag für Tag das große Haus erfüllte, die Weltstars, die ich bedienen durfte, das aufgeregte Summen vor jeder Premiere, das Rauschen des mächtigen, rotsamtenen, mit Gold bestickten Vorhangs, wenn er sich senkt und die Kulissen verhüllt, der mit Worten nicht zu beschreibende Duft, welcher den schwarzbraunen Bohlen des Bühnenbodens entströmt. Die geheimnisvollen Tapetentüren, hinter denen sich enge, düstere Gänge befinden, welche in die Finsternis der Unterbühne führen, oder hoch zum Schnürboden oder gar in die Schwindel erregende Höhe der Beleuchterbrücken. Dieser faszinierende Mikrokosmos war Wasser auf die Mühlen meiner unermüdlichen Phantasie gewesen, so oft hatte mein Herz vor freudiger Erregung schneller geschlagen, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit den Max-Josephs-Platz überquerte und mein Blick die hoch aufragende Säulenfront der Staatsoper umfing…
Vor einer Weile hatte ich während der Festspielzeit einen Neuanfang versucht, als Aushilfe am Selbstbedienungsbufett, doch bereits nach wenigen Einsätzen entsetzt wieder das Weite gesucht. Der einstmalig so freundliche und vertraute, verständnisvolle Umgang miteinander war einer schroffen, distanzierten Kälte gewichen, die Vorgesetzten hatten sich in unterkühlte, permanent missgestimmte Zombies verwandelt, denen jegliche Menschlichkeit, Fröhlichkeit, Umgänglichkeit im Streben nach Umsatz, Umsatz, immer noch mehr Umsatz abhanden gekommen zu sein schien.

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So ließen sich die meisten Stellenangebote in den Zeitungen und den einschlägigen Websites im Internet in die deutsche Umgangssprache übersetzen, wenn man sich ein wenig darauf verstand, zwischen den Zeilen zu lesen. Mir wurde beim Lesen sterbensübel, völlig entmutigt und niedergeschlagen verzog ich mich wieder ins Bett, mich zusammen krümmend starrte ich gegen die hell gemaserte Tür des Kleiderschranks. Vor meinen inneren Augen tat sich wieder einmal ein bodenloser, tiefschwarzer Abgrund auf. Was habe ich mit dieser Welt eigentlich noch zu schaffen? Warum bringe ich mich eigentlich nicht um? Das wäre die einfachste Lösung! Ich stand wieder auf, ging zum Fenster, zog die dicken, dunklen Vorhänge beiseite und blickte nach unten. Drei Stockwerke – ob das reichen würde, mir das Genick zu brechen, und einen schnellen Tod zu sterben, wenn ich mich hinunter stürzen würde? Wenn, dann müsste ich vom Küchenfenster aus springen, damit die dunkelrote Markise des Obst- und Gemüsehändlers meinen Fall nicht abbremsen würde. Wenn ich allerdings Pech haben und den Sturz überleben würde, dann würden mir unter Umständen viele Jahre als Querschnittgelähmte im Rollstuhl bevor stehen.
Ich schlurfte zum Nachtkästchen. Dort lag die Packung mit den kleinen, elfenbeinfarbenen Pillen, die zwar meine Depressionen etwas milderten, und mich tief und traumlos schlafen ließen, mich allerdings ziemlich antriebslos machten, auch manchmal Kopfschmerzen verursachten, sowie ab und an Ungemach in meinen Eingeweiden. Ich zählte elf Stück. Kurzes Stöbern in meiner sehr vernachlässigte Hausapotheke förderte zwanzig Ibuprofen 800, eine Handvoll Migräne-Tabletten und ein Imigran-Nasenspray zustande. Das müsste reichen, um mich ins Jenseits hinüber zu schlafen. Aber wenn man mich vorzeitig finden sollte, oder diese Dosis doch zu gering war, dann würde ich mit einem Schlauch im Magen in der Notaufnahme eines Krankenhauses landen, und unter Umständen den Rest meines Lebens im Koma verbringen.
Ein schönes Schaumbad, vom balsamischen Odoir einer Duftkerze umschmeichelt, dazu ein Glas sanft perlenden teuren Champagners, vom letzten Geld erstanden – und dann mit einem Messer die Pulsadern aufschneiden… Vorsichtig fuhr ich in der Küche mit dem Finger über die Schneiden meiner kleinen Messersammlung. Die hätte ich allesamt schon längst einmal nachschleifen lassen müssen. – Und wenn man mich dann nicht beizeiten finden würde, schließlich hatte ich nicht vor, einen Abschiedsbrief zu hinterlassen, was für einen Anblick würde ich dann wohl bieten: Aufgedunsen, mit schwarz verfärbter Haut, weit aufgerissenen, blind stierenden Augen, mit herab gesacktem Unterkiefer, was auf unschöne Weise mein mir äußerst peinliches Doppelkinn betonen würde, und geschwollener Zunge, nach Verwesung stinkend, und Würmer und Maden, die sich aus jeder nur erdenklichen Körperöffnung winden würden, so wie man es in einer erklecklichen Anzahl einschlägiger US-Fernsehserien zur besten Sendezeit, wenn auch die kleinen Kinderlein noch vor der Glotze sitzen, zu sehen bekommt. – Nein, nein. – Man hatte mir in frühen Kindertagen bereits eingebläut, mich stets gepflegt und adrett der Umwelt zu präsentieren.

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Die Schwarze Frau (Teil 2)…

Ich war tagelang nicht dazu in der Lage, die Wohnung zu verlassen. Die meiste Zeit verbrachte ich im Bett, dumpf vor mich hin starrend, zu keiner Regung fähig. Als ich mich endlich dazu aufraffen konnte, die Hausärztin aufzusuchen, zitterte ich an allen Gliedern wie Espenlaub. Die Praxis lag nur wenige Meter entfernt auf der gegenüber liegenden Straßenseite, doch als ich kraftlos im Wartezimmer in einen Sessel sank, war mir, als hätte ich eine unendliche Reise durch eine feindliche Welt hinter mich gebracht.
Es empfing mich jene noch sehr junge Dame, die bei Frau Dr. Hießler grade ein Praktikumsjahr absolvierte. Sie hatte den vollen, goldblonden Schopf im Nacken durch eine schmucklose, schlichte Spange gebändigt, ihre großen, dunkelblauen Augen spiegelten tiefes Mitgefühl und auch Erschrecken wider.
„Grundgütiger, Frau Ihles, was ist denn passiert? – Kommen Sie, setzen Sie sich, bitte, und erzählen Sie mir ganz ausführlich, wo Sie der Schuh drückt, Sie sind heute meine letzte Patientin, und wir Zwei haben so richtig viel Zeit.“
Ich rang nach Atem, hilflos und ruckartig mit dem Kopf schüttelnd. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll…“ Doch dann brach er aus mir heraus, ein recht ungeordneter Schwall der Düsternis, der Trauer, des Verletztseins, des Entsetzens, eine nicht enden wollende Aufzählung der Ungerechtigkeiten, Beleidigungen, der Ausgrenzungen… Was für eine Falschheit in dieser sich nach außen hin so nobel, so vornehm und edel gebenden Seniorenresidenz zu herrschen pflegte! Was für ein kindischer, unreifer Neid, für eine nur sehr dürftig verborgene Aggressivität, was für Hinterlisten und Tücken! Was für eine Rückgratlosigkeit des Vorgesetzten, die mir so oft schier den Atem benommen hatte! Die einander so häufig widersprechenden Anweisungen – so sehr schwer, einen Job gut und anständig zu machen, wenn die Regeln, die gestern noch galten, heute bereits wieder über den Haufen geworfen worden waren, durch neue Anordnungen, von denen niemand wusste, wie lange diese bestehen würden… Ich sprach von dem Gefühl, das mich seit langem schon jeden Tag ergriffen hatte, wenn ich jenes Anwesen betrat, das furchtbare Gefühl, in einen dunklen, dumpfen, gefährlichen Sumpf zu geraten, dichter, undurchdringlicher Nebel benahm mir die Sicht, zusehends unsicherer und ängstlicher hatten sich meine Füße voran getastet, denn jeder unbedachte Schritt hatte Demütigung und Seelenpein nach sich ziehen können.
„Ich habe selten von einem so klaren Fall von Mobbing gehört, liebe Frau Ihles.“, durchschnitt die klare, liebevolle Stimme der jungen Ärztin die lediglich von meinen trockenen Schluchzern unterbrochene Stille, die sich nach meinem verzweifelten Ausbruch auf das kleine Sprechzimmer senkte. „Ich schreibe Sie jetzt erst einmal für zwei Wochen krank, und verschreibe Ihnen ein leichtes Antidepressivum. Sie sollten eine Psychotherapie in Erwägung ziehen, um sich aus dem furchtbaren Stimmungstief heraushelfen zu lassen, in dem Sie sich derzeit befinden. Und eine Mobbing-Beratungsstelle aufsuchen. – Können Sie sich denn vorstellen, eines Tages in diese Seniorenresidenz zurück zu kehren, um dort einen Neubeginn zu wagen?“
„Nein!“, stieß ich gell hervor, die Hände abwehrend ausstreckend. „Nein! Niemals! Ich möchte nie wieder einen Fuß in diesen Laden setzen!“
„Dann rate ich Ihnen, heute noch Kontakt zu Ihrem Arbeitgeber und zum Arbeitsamt aufzunehmen, und abzuklären, ob man Ihnen im Seniorenheim kündigen oder den Arbeitsvertrag auflösen wird, oder ob Sie selbst Ihre Anstellung beenden müssen. Meines Wissens wird man Sie in einem solchen Fall für drei Monate sperren, es sei denn, Sie können zweifelsfrei belegen, dass Sie einen guten Grund dafür hatten – und den sehe ich bei Ihnen durchaus gegeben.“
Ich schleppte mich zurück in meine Wohnung, und verkroch mich wieder ins Bett. Zusätzlich zu der lähmenden Düsternis, die mich umfangen hielt, die jede meiner Zelle bis ins Innerste zu durchdringen schien, kam nun eine panische Angst vor der Zukunft. Ich hatte keinerlei Ersparnisse, hatte während der vergangenen Jahre zu gut gelebt, um mich unbewusst von dem zunächst völlig unbemerkt beständig in mir wuchernden Unbehagen abzulenken, obwohl die Entlohnung in der feudalen Seniorenresidenz alles andere als üppig gewesen war, und ich auch unter normalen Umständen Not gehabt hätte, mit dem kargen Salär über die Runden zu kommen. Im finsteren Käfig meiner Wohnung gefangen begann ich, fieberhaft zu rechnen. Ich würde höchstens ein Vierteljahr überstehen können. Das zu erwartende Arbeitslosengeld – sofern man mir keine Sperre aufbürden würde – würde keinesfalls sechshundert Euro übersteigen. Selbst wenn ich mit Hartz-IV aufstocken würde, wäre ich spätestens im Herbst finanziell am Ende. Vor meinem inneren Auge sah ich mich bereits als Obdachlose unter einer Isarbrücke kauern, mich verhärmt, verbittert, abgerissen, trostlos und ungepflegt wirkend die letzten Überreste meiner Habe in einem Einkaufswagen vor mir her schiebend durch die Innenstadt tastend, an einer Hauswand kauernd und einen Pappbecher haltend die vorüber hastenden Passanten anbettelnd. Es gab immer mehr, immer mehr solcher Gestalten hier in dieser großen, nach außen hin so glänzenden, so boomenden Stadt, ich wähnte mich bereits als eine von ihnen.
Ein neuer Job tat bitter Not! So schnell als möglich! Doch ich hatte die Mitte meiner Fünfziger bereits überschritten, und sechsunddreißig Jahre oftmals ungemein harter körperlicher Arbeit als Servicefachkraft hatten ihre deutlichen Spuren nicht nur in Form einer sogenannten linksseitigen Peronaeusschwäche hinterlassen, ein Absterben jener Nervenbahnen, die für das Anheben der Füße beim Gehen verantwortlich sind. Trotz orthopädischer Einlagen und einer sehr hilfreichen Schiene am linken unteren Bein hinkte und watschelte ich deutlich sichtbar – nebst meinem fortgeschrittenen Alter ein absolutes No-Go für jeden potentiellen Arbeitgeber.

… Wird fortgesetzt…

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Die Schwarze Frau (Teil 1)…

 

Lena werkelte mit fahrigen und hektischen Bewegungen neben mir an der ausladenden Theke, welche sich an der Stirnseite des dezent vornehmen Speisesaales der höchst feudalen Seniorenresidenz befand. Von meiner Kollegin ging – wie so oft – eine schier unerträgliche, aggressive Ausstrahlung aus. Ich löste meinen Blick, mit dem ich den vollen Eierkocher schier hypnotisiert hatte – „Bitte, klingel’ endlich! Bitte, bitte bitte! Damit ich von hier verschwinden kann, bevor’s ein Drama gibt!“ – und wandte ihn der unablässig leise vor sich hin schimpfenden Frau zu. Ihre geröteten Augen – sie hatte am Abend zuvor mit Sicherheit wieder einmal zu tief ins Weinglas geschaut – glitten voll der wuterfüllten Verachtung über mich hinweg, die an sich klar und fein geschnittenen Lippen waren verzerrt, als sie einer gereizten Schlange gleich zwischen den Zähnen mit Lauten, die sich wie ein Mittelding aus Bellen und Zischen anhörten, hervor stieß: „Was erlaubst du dir, mich in aller Herrgottsfrühe dermaßen unverschämt anzuschnauzen!“ Ich schluckte erschreckt, und war mir keiner Schuld bewusst.
Seit einer Weile schon saß Frau Bräuer, eine sehr schwierige und anspruchsvolle Bewohnerin, mit ihrer besten Freundin im Restaurant, ungeduldig darauf wartend, dass endlich jemand die Bestellung ihres Frühstücks entgegen nehmen würde. Ich hatte als Verantwortliche für den Roomservice alle Hände voll damit zu tun, die Tabletts jener Damen und Herren auf den Etagenwagen zu richten, die in ihren Appartements speisen würden. So war ich kurz in den Kellnergang gesprintet, um der offensichtlich ein wenig ziel- und planlos hin- und her trödelnden Lena etwas atemlos zuzurufen: „Du, die Bräuer ist schon da, und hat nach dir gefragt!“
„Ich hab’ dich nicht angeschnauzt, Lena, ganz bestimmt nicht. Ich bin nur ein wenig in Eile gewesen, wenn das falsch ‘rübergekommen ist, dann tut mir das leid.“
Ihre Augen loderten nun förmlich vor Wut, mit verstellter Stimme äffte sie mich nach: „’Du, die Bräuer ist schon da’…! – Du solltest mal an deiner Art arbeiten, mit Kollegen umzugehen, ich muss mir einen solchen Ton nicht bieten lassen! Von niemanden, und von dir schon gleich zweimal nicht! Am liebsten würde ich jetzt hinschmeißen, dann könnt ihr in Zukunft euren Scheiß alleine machen!“
Was danach in mir vorging, kann ich mit Worten nur sehr schwer beschreiben. Eine unheimliche Ruhe breitete sich in mir aus, zugleich eine furchtbare Eiseskälte, mir war, als würde das Blut in meinen Adern gefrieren. Seit langem schon hatte ich jeden Tag, wenn ich in dieses ach, so noble Haus kam, das Gefühl, einen gefährlichen Sumpf zu betreten, jedes Wort, jeder Schritt konnte einen ins Verderben führen. Vermeintliche Freunde hatten sich im Laufe der vergangenen zweieinhalb Jahren zu erbitterten Feinden gewandelt, Kollegen, die einem freundlich ins Gesicht lächelten, zögerten insgeheim nicht eine Sekunde lang, einem bei der erstbesten Gelegenheit hinterrücks das Messer ins Kreuz zu jagen. Vertraute entpuppten sich als Zeitgenossen, die nur zu gerne ihre Fähnchen in den grade vorherrschenden Wind zu hängen pflegten, und Vorgesetzte als charakterlose Schwächlinge ohne Rückgrat. Neid, Häme, Hass und Missgunst waren an der Tagesordnung, bisweilen beinahe körperlich greifbar…
Das Maß war voll. Es war an der Zeit, zu gehen, es war der Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr ertragen konnte. Ich holte tief Luft, löste die Kette mit dem Generalschlüssel vom Gürtel, und legte diesen mit einer beinahe sanften Bewegung vor Lena auf die marmorne Theke. „Nein. Du hast recht, so einen Ton muss man sich wahrlich nicht bieten lassen. Und deshalb werde ich hinschmeißen. Und ihr werdet in Zukunft euren Scheiß alleine machen können.“ Ich nickte Lena unnatürlich leise lächelnd zu, dann ging ich an ihr vorbei, durch die automatisch sich öffnenden Türflügel, durch den Kellnergang, vorbei an der Küchen-Durchreiche, die beiden Köche hatten die Köpfe gesenkt, sie schienen völlig in ihre Vorbereitungen für das heutige Mittagessen vertieft zu sein. Immer noch von dieser entsetzlichen, verstörenden Ruhe getragen schritt ich gelassen die Treppe hinab, in den Umkleideraum. Ich zog meine Dienstkleidung aus, schlüpfte in Hose, Turnschuhe und T-Shirt, schulterte den Rucksack, spazierte wieder nach oben ins Erdgeschoss, und verließ unbehelligt das elegante Anwesen durch den Lieferanteneingang. Die noch recht tief stehende Morgensonne fuhr mir grell blendend in die Augen, ich setzte meine alte Sonnenbrille auf, senkte den Kopf, starrte auf das regelmäßige Muster der Platten des Gehsteigs, wandte mich mit roboterhaft abgehackten Bewegungen der nahen Trambahn-Haltestelle zu.
Zuhause angelangt steckte ich das Telefon aus, entfernte den Akku aus dem Handy, schloss mich im Schlafzimmer ein, zog die dunklen Vorhänge vor und warf mich auf das ungemachte Bett. Von draußen drang durch das gekippte Fenster schwallweise d
ie brütende Hitze eines wolkenlosen Sommersonntags herein, doch ich fror, mir war so kalt, dass mir die Zähne klapperten, erst als ich die dicke Winter-Daunendecke und einen flauschigen Überwurf aus dem Schrank geholt, und mich darunter verkrochen hatte, hilflos und Schutz suchend zusammengekauert wie ein verwundetes, scheues Tier, ebbten die Kälteschauer allmählich ab.

… Fortsetzung folgt…

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Die Mär vom Ulukl…

Vor ungezählten Jahren lebte am Ufer des großen Stromes, der als Mutter aller Flüsse galt, unweit der schroff verwinkelten Biegung, wo die Felswände sich zu beiden Seiten lotrecht auftürmten, das Flussbett verengten und umklammerten, so daß die Wassermassen wild brausend und gischtend und gefährlich für Mensch und Tier dahin schossen, ein recht seltsames Wesen. Es maß ungefähr zweimal die Länge eines ausgewachsenen Mannes, hatte  vier verkümmerte Gliedmaßen, eine blasse, beinahe durchscheinende Haut und einen eigentümlichen Klumpkopf mit einem breiten Maul, kleinen Nüstern, die sich verschließen konnten, und sehr, sehr großen, tiefdunklen, sanft glänzenden Augen. Das sonderbare, scheue, aber überaus friedvolle und gutartige Geschöpf pflegte sich von Ratten, Mäusen, kranken und gebrechlichen Wildtieren, sowie an Land gespülten, verendeten Fischen zu ernähren. Es wurde von den Menschen der umliegenden Weiler “Ulukl, der Danuba-Molch” genannt und sehr verehrt, zur Sommer- und Wintersommerwende wurden ihm stets üppige Opfergaben dargebracht, Feldfrüchte, Obst, Brot, süße Spezereien, frisch geschlachtetes Vieh. Die Schutzgötter der Flure, Wälder und der Großen Mutter Fluss hatten dem Ulukl fürsorglich eine Handvoll Zwerge zur Seite gestellt, die über eine unglaubliche Körperkraft verfügten, sie konnten mit einer ihrer kleinen Hände ohne jegliche Anstrengung einen ausgewachsenen Ochsen in die Höhe stemmen. Wenn sie an ihren lang über den Rücken fallenden Zipfelmützen drehten, verwandelten sie sich im Nu in eine verwegene Reiterschar, die “Hauzemannreiter”, welche auf riesigen, schwarzglänzenden Rössern mit feurig glosenden Augen einher preschten und zwielichtigen Menschen das Fürchten lehrten.

So lebten sie lange, lange Zeit in guter und naturverbundener Ordnung miteinander, die Dörfler, die Gottheiten, als deren Mittler der Ulukl angesehen wurde, die Vielfalt der Zauberwesen, die dieser und der Anderwelt entstammten. Eines Tages kam eine befremdlich wirkende Schar Männer des Weges. Sie waren in schlichte, dunkelbraune Kutten gekleidet, trugen grobe Sandalen an den bloßen Füßen, hatten sich inmitten des Haupthaares eine kahle Stelle geschoren und auf ihren Oberkörpern baumelten hölzerne Kreuze, von schmucklosen Schnüren gehalten. In unmittelbarer Nähe der tosenden Klamm erbauten sie, beschattet von den hoch und zerklüftet in den Himmel ragenden Felswänden, eine stattliche Klause, begannen, Felder zu bestellen, zu gärtnern und Bier zu brauen – und zu predigen. Sie sprachen lang und viel von ihrem Buch der Bücher und von dem einen, dem alleinigen, dem wahren Gott. Anfangs fanden ihre Worte unter den Einheimischen kaum Gehör, wußte seinerzeit doch bereits ein jedes Kind, daß ein einzelnes Geschöpf, egal, ob Mensch, Tier, Gottheit oder Fabelwesen, nur in der Vielheit seiner Erscheinungen Bestand haben kann, ein einziger Allmächtiger erschien ihnen öde, blass, unwirklich, schwach, nicht nachvollziehbar.

Auch vom Bösen berichteten die neuen Nachbarn gerne, vom Satan, vom gefallenen Engel Luzifer, von all den verwerflichen, düsteren, unmoralischen, heidnischen Sünden, deren sich der Mensch beinahe unablässig schuldig machen würde. So riefen sie unter ihren Zuhörern allmählich Beklemmung, Unsicherheit und Schuldbewußtsein hervor. Ihr Zorn, ihre Häme richtete sich zunehmend gegen Ulukl, den Danuba-Molch. Er sei eine Kreatur des Satans, eine Ausgeburt des Teufels, in seinen schwarzen Lichtern würden die verzehrenden Feuer der Hölle glühen und seine bleiche, filigran geäderte Haut sei ein Sinnbild der Sündhaftigkeit. Schließlich gelang es den seltsamen Gottesmännern, viele Dörfler gegen ihn aufzuhetzen. Als sich am Tage der nächsten Sommersonnenwende der Ulukl aufmachte, um seine Opfergaben in Empfang zu nehmen, hatten sich die Männer und Burschen des Weilers mit Steinen bewaffnet, brüllend und schimpfend begannen sie eine wilde, blindwütige Jagd auf das schier wehrlose Geschöpf. Der Molch hätte mit Sicherheit das Zeitliche gesegnet, wenn ihm nicht die treu ergebene Schar seiner Kraftprotz-Zwerge zur Seite gestanden wäre. In letzter Sekunde konnte so der Ulukl in eine tiefe, geräumige Höhle entkommen. Nachdem sich die Zwerge mit einer Drehung ihrer Zipfelmützen in die gefürchteten Hauzemannreiter verwandelt und die Horde aufgebrachter Menschen furchteinflössend in sämtliche Himmelsrichtungen zerstreut hatten, stemmten sie sich mit vereinter Muskelkraft so lange gegen die Felsen des Höhleneinganges, bis nurmehr ein sehr schmaler, finsterer Spalt verblieb. Und darin fristet nun der Ulukl seitdem sein Leben. Nur, wer reinen Herzens ist, wer den ungezählten Stimmen der Natur zu lauschen, sie zu verstehen vermag, wer an Feen, Elfen und Geister glaubt, an die Zauber und Wunder dieser und der Anderwelt, dem kann es bisweilen widerfahren, daß sich ihm der Danuba-Molch offenbart. Wer einmal die zarte Haut des Ulukl berühren durfte, und sei es auch nur mit einer Fingerspitze, wird von Glück, Seligkeit und Wohlergehen gesegnet sein bis ans Ende seiner Tage.

… … Und wenn vom Süden her der unzeitgemäß heiße Wind über die hohen Berge fegt, dann kann man sie in tiefdunklen Neumondnächten noch über die Wiesen und Felder brausen hören, die Hauzemannreiter auf ihren wilden, wilden, pechschwarzen Rössern…

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