Begegnungen im Park (Teil 45)…

3. Wilma – des Lebens sanfter Nachmittag

… Die sanft stechende Sonne zog gen Westen, Bastians Refugium lag nun bar jeglichen Schattens im erhitzten, gleissenden Licht. Er sammelte den Rest seiner Lektüre und zog gemächlich um zur gegenüber liegenden Seite des Baches. Dort war er einer in kühlendes Halbdunkel gebetteten, freien Sitzgelegenheit ansichtig geworden. Still ließ der ehemalige Wirt sich darauf nieder. Sein Blickwinkel war nun ein anderer, von hier aus konnte er vortrefflich das bunte Treiben im an das geschwungene Ufer sich schmiegenden Biergarten beobachten. Vom friedlichen Atem des Wassers getragen drang das Scheppern der Gläser, Stimmengewirr, das Klirren der Bestecke und Teller an sein Ohr – wohlvertraute Geräusche. Eine einsam wirkende, malerisch in ein weich fallendes, mit üppigem Faltenwurf ihre hoch gewachsene Gestalt umschmeichelndes, sandfarbenes Sommerkleid gehüllte Frau zog langsam schlendernd zwischen dem heiter summenden, wogenden Trubel ihre Bahn. Kandertz’ Aufmerksamkeit schwand, er vergrub sich erneut in die Suche nach Interessantem und Lesenswertem…

… Die ebenmäßige, von winzigen Lichtern sternförmiger Gänseblümchen durchsetzte Wiese wurde zusehends vom munteren Treiben quirligen Jungvolks in Beschlag genommen. Eine Horde Schulbuben war bereits nach kurzem völlig in ein rasantes Fußballspiel versunken, hitziges Anfeuern, “coole” und schnoddrige Sprüche, übermütiges Gelächter brandeten auf in der nunmehr schier innehaltenden, brütenden Hitze des fortgeschrittenen Nachmittags. Am ferneren Bachufer übte sich bewehrt mit lässig geschwungenen, keulenförmigen Schlaghölzern und grotesk übergroßen Fanghandschuhen ein Trupp Halbstarker, Sportstudenten womöglich, im hierzulande ein wenig fremd anmutenden Baseball. Der Wechsel zwischen nahezu langweiliger Ereignislosigkeit und dermaßen rasanten Abläufen – Werfen, Schlagen, Treffen, Laufen, Niederhechten, Fangen, Zurückschleudern – daß das Auge Mühe hatte zu folgen, weckte Bastians Interesse. Sein noch so jung gebliebenes Herz erwärmte sich freudig an den flinken, gelösten Bewegungen der voller Eifer ihren Zerstreuungen hingegebenen Spielenden, seine Blicke wanderten zwischen den beiden Grüppchen hüben und drüben des gelassen seewärts ziehenden Rinnsals hin und her…

… Ein sandfarbener Schemen lenkte ihn kurz ab. jene Frau von aufrechtem Wuchs, die ihm vor einer Weile – was ist Zeit, eine Minute kann so lang dauern wie ein ganzes Leben – bereits aufgefallen war, als sie in ihr Alleinsein gleich einer Rüstung ummandelt ihre Bahn durch den Biergarten gezogen hatte, war am Seeufer auf die malerische Alte, die angebliche Handleserin, gestoßen. Ein kurzer Wortwechsel, dann ließen sich die beiden auf der Uferböschung nieder. – Nun ja, ohne Unterlass werden Dumme geboren, lautet ein altes Sprichwort, man muss sie nur zu finden wissen. – Diese Hexe gibt nun ein paar Plattheiten von sich, die wirklich keinerlei sogenannte esoterische Fähigkeitenerfordern, erweckt den Anschein, als würde sie gewissenhaft die Linien der hingestreckten Handinnenseite studieren, und hält dann die ihre auf, um abzukassieren. Und vor dem Park wartet die Sippschaft, um sie nach getaner “Arbeit” in einem Luxusschlitten nach Hause zu kutschieren…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 42)…

… Nachdem wir ungefähr die Hälfte der dem Palast und Park zugewandten Basislänge der Pyramide abgeschritten hatten, stoppte Lahl’lil. Er drückte mit der flachen Linken auf ein reliefartiges Symbol, welches ungefähr in Brusthöhe in die makellose Oberfläche des Bauwerks gekerbt war. Beinahe lautlos schob sich eine mehr als gut getarnte Türe auf – selbst bei Tageslicht wäre es wohl niemandem von uns gelungen, sie zu entdecken. Wir folgten dem K’auth einen etwa mannsbreiten Gang entlang, dämmeriges Licht aus geheimnisvollen, unsichtbaren Quellen umgab uns. Der Boden bestand aus dem gleichen Material wie die Fassade der Pyramide, die Wände waren über und über mit eigenartigen, sehr farbenfrohen, teilweise mit edlen Metallen und Juwelen verzierten Gemälden bedeckt…

… Nach einer endlos scheinenden Zeit kamen wir an das Ende des Ganges, beiderseits waren zwei Portale zu sehen, das linke war breit und mit kostbaren Einlegearbeiten gestaltet, es ragte hoch auf, das rechte war schmal, in ein schmuckloses, metallen schimmerndes Schwarz gehalten. Wieder berührte Lahl’lil ein kleines, unscheinbares Relief. Mit einem leisen Zischen glitt die Tür wie von Zauberhand zur Seite. “Tretet ein, meine Freunde!” Der Herrscher von Kalkadiass wies mit einer einladenden Handbewegung in einen kleinen, düsteren, leeren Raum. Zögernd schritten wir hinein, ich muss gestehen, daß ich mein Herz bis in den Hals hinauf schlagen hörte, und mein Vertrauen in unseren so wohlmeinenden, immer noch so rätselhaften Freund wieder einmal ins Wanken geriet…

… Die Tür schloß sich, unmittelbar darauf setzte sich das Gelass in Bewegung – nach oben! Meine Gefährten und ich hätten ums Haar das Gleichgewicht verloren, mit erstaunten Ausrufen und rudernden Armen versuchten wir, die Balance zu halten. Hadraa’ina fasste nach meiner rechten Hand, und drückte sie leise lächelnd. “So ergeht es jedem, Liebster, der zum ersten Mal auf diese Weise zur Spitze der Pyramide katapultiert wird. – Ihr solltet fest schlucken, um den Druck zu mindern, der sich mittlerweile in euren Ohren aufgebaut hat.”…

… Die befremdliche Fahrt dauerte nur eine kurze Weile, endlich kam der Raum mit einem sanften Ruck zum Stehen, und die Pforte tat sich auf. Mit wackeligen Knien verließ ich dieses Höllengefährt – ich vermute, daß es Oberst Padruuut und Adlanat nicht viel anders erging als mir…

… Wir standen inmitten der Sternenwarte, und verhielten ehrfürchtig staunend den Atem. Keine Wand, kein Rahmen störte den ungehinderten Blick nach draußen, über die Oase Kalkadiass, die nahen Schroffen der umringenden Bergkette, die sanften, erstarrten Wogen der Sanddünen der großen Dra’a'anat hinweg, hinein in den von ungezählten Gestirnen funkelnden, samtschwarzen Nachthimmel. Die Spitze des gigantischen Bauwerks war vom Boden bis hoch zur Kuppel verglast. Ich hatte das Gefühl, über der Welt zu schweben, frei, losgelöst. Irgend jemand musste einen verborgenen Mechanismus betätigt haben, mit einem sirrenden Geräusch öffnete sich über unseren Köpfen eine große Luke, und ein monströses Gerät, einem Fernrohr ähnlich, doch mindestens vier Mannslängen messend, das gedrungen und still wie ein Wesen aus einer anderen Welt nahe der Mitte des Raumes verharrt hatte, richtete sich auf und schob sich der Öffnung entgegen…

… Mein Blick klärte sich, und ich entdeckte Hadraa’ina’s Vater, der, bislang über einen ausladenden Kartentisch gebeugt, sich nun aufrichtete, und uns entgegen eilte. Er war etwa in meinem Alter, von gedrungener Gestalt, die Haare seines unordentlich zurück gekämmten, schlohweißen Schopfes standen wirr in sämtliche Richtungen ab, als würden sie ein Eigenleben führen, seine Nase war um einiges zu groß und knollenartig, die Oberlippe wurde von einem dichten, silbrigen Schnauzbart verborgen, doch die dunklen, von ungezählten Lachfältchen umgebenen, kleinen Augen funkelten und strahlten eine entwaffnende und fesselnde Klugheit und Lebenskraft aus…

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… Schier unendlich wand sich die Wendeltreppe aus den tiefsten Niederungen der herzoglichen Burg empor. Mauthin hielt sich eng an die gemauerte Brüstung an der Innenseite, ausreichend Abstand zu dem Leibdiener Halpensteins wahrend, dessen lästerliches Fluchen bereits nach wenigen Etagen in ein zusehends schwerer werdendes Keuchen übergegangen war. Die kleine Katze achtete penibel darauf, den im Staub der Stufen sternförmige Muster hinterlassenden Schweißtropfen auszuweichen, die unter dem falschen Kopffell des Mannes hervor quollen. Immer häufiger wurden die Pausen des Lakaien, immer nasser das mit feinster Spitze verzierte Tüchlein, mit welchem er sich bei jedem Halt eifrig über Gesicht und Nacken wischte. Mauthin unterzog sich während der Unterbrechungen auch stets einer Reinigung mit Pfötchen und rauer Zunge – das Handwerk einer Spionin konnte schon auch ein schmutziges sein…

… Wird fortgesetzt…

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Begegnungen im Park (Teil 44)…

… Schräg hinter der Bank raschelte es im verrotteten Vorjahreslaub. Bastian zuckte ein wenig erschrocken zusammen und wandte sich um. Zwei junge, rötlichbraune Eichhörnchen tollten sich haschend und übermütig keckernd durch das dichte Gebüsch. Der Unmut, welcher beim Studieren und Sinnieren einer Wolkenbank gleich die sanfte Stimmung überschattet hatte, die seit der Begegnung mit den beiden Jünglingen seine Seele hatte schweben lassen, verschaffte sich in selbstkritischer Grantelei Luft: “Was bin ich doch ab und zu für ein alter und bissiger und nörgelnder Geselle! Ständig reib’ ich mich an Dingen, die ich als alter Knacker sowieso nicht mehr werd’ ändern können.” Er überließ sich dem heiteren Genuss, die kleinen, flinken Geschöpfe zu beobachten. Nach einer Weile huschten diese pfeilschnell den gefurchten Stamm einer betagten Linde hoch und entschwanden in die Geborgenheit der üppigen Baumkrone. Bastian senkte den knochigen Haken seiner Adlernase zurück in die aufgeschlagene Zeitung…

… Ein pittoresk zigeunerhaft gewandetes, fülliges Weiblein kam jämmerlich keuchend und hinkend auf ihn zu, unter dem mit schreiend roten, großen Mohnblumen verziertem Kopftuch baumelten zu beiden Seiten ihres verzerrten Gesichts üppige Ohrgehänge, welche bei jedem gequälten Schritt ihre Schultern streiften. Sie verhielt bei dem alterszierlichen Manne und ihr heftig hervor gepresster, knoblauchumflorter Atem umwehte ihn unangenehm. “Willst net die Zukunft wissen? Ich kann gut Handlesen.” Er maß sie mit einem unverhohlen sarkastischen Blick von oben bis unten. “Wenn du tatsächlich in die Zukunft schauen könntest, gute Frau, dann würdest du deine Gabe bestimmt net an jemanden verschwenden, der den Rest seiner Tage schon fast an den Fingern seiner Händ’ abzählen kann. Lass mich in Frieden, ja? ich hab’ weder Zeit noch Gusto und mit Sicherheit auch kein überflüssiges Geld für deinen windigen Hokuspokus!”…

… Sie spie ihm einen unverständlichen Fluch ins Gesicht und trollte sich, auf wundersame Weise nun gleichmäßig ausschreitend. Bis sie gewahr wurde, daß ein junges Pärchen sich anschickte, auf einer nahe gelegenen Bank Platz zu nehmen. Sofort begann sie auf’s Neue tragisch zu stöhnen und zu humpeln…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 41)…

… Der aufdringliche, süßlich-schwere Duft eines exklusiven Rasierwassers drang in Mauthin’s kleines, rosiges Näschen, lange bevor mit heftigem Schlüsselbund-Rasseln die dicke, eisenbeschlagene Tür des Verließes geöffnet wurde. Herein trat, dem ungepflegten, brummigen Wächter unwillig folgend, und sich geziert ein Spitzentaschentuch vor den langen, schmalen Riechkolben haltend, ein geschniegelter, magerer und hochgewachsener Geck in der tadellosen, maßgeschneiderten Robe, die Halpenstein’s vertrauteste Diener zu tragen pflegten. Die kleine Katze staunte sehr, als sie erkannte, daß der Mann auf seinem Haupte über der spiegelnden, glatten Stirn ein künstliches Fell trug, sie machte gar große Augen, und hätte sich ums Haar verraten, weil sie ihr Köpfchen gar zu weit aus ihrem Versteck heraus streckte…

… “Das stinkt ja wie die Pest hier unten! – Los, weck’ die Zwerge auf, ich will so schnell als möglich hier wieder ‘raus!”, zischelte der Lakai entnervt. Der Soldat stapfte durch den dunklen Raum zu den Pritschen, Mauthin vernahm das dumpfe Geräusch grober Fausthiebe, und die schrillen Schreie der beiden Wesen, voller Schreck und Pein. Der Grobian hatte eines der Beiden am Genick gepackt, und zerrte es nun an den Labortisch. “Her mit dem Zaubermittel, verflucht noch eins!” Die überlangen, schlanken, empfindsamen Finger der kindhaft zarten Gestalt zitterten und bebten, als sie ein kleines Behältnis öffneten, und die zuvor angefertigten, weißlichen Pillen in eine papierene Tüte füllten. Missbilligend grummelnd verstaute der Bedienstete diese in der Innentasche seines reichlich gülden und purpurrot bestickten Fracks und wandte sich zum Gehen. “Und jetzt heisst’s Treppen steigen, weil du Hohlkopf mal wieder den Aufzug zuschanden gemacht hast! Tausende Male hat man dir schon erklärt, daß du das untere Gitter sachte zuziehen sollst, und nicht ins Schloß schmettern!” – “Das bisschen hochmarschieren wird dich schon nicht umbringen, du Lackaffe!”, knurrte der Wachposten. Die zwei Männer stierten sich hasserfüllt an. Mauthin nutzte die Gelegenheit, unbeobachtet unter dem Schrank hervor, die klobig zusammen gefügte Wand entlang und durch die halb geöffnete schwere Tür nach draußen zu huschen. Linkerhand des defekten “schwebenden Zimmers” befand sich ein Durchlass in ein rund gemauertes, schwindelerregend hohes Wendeltreppenhaus. Die vierpfötige Spionin huschte hindurch, und kauerte, sich ganz klein machend, in eine Nische des Mauerwerks, förmlich mit dem Gestein verschmelzend…

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… Ich berührte mit meiner Linken vorsichtig die nachtschwarze, steil ansteigende Fassade der Pyramide. Ich hatte erwartet, daß diese sehr warm sein würde, aufgeheizt von den langen Sonnenstunden des vergangenen Tages, doch sie fühlte sich kühl an, glatt, massiv, und doch sehr zart, beinahe wie die Haut eines lebendigen Wesens. Der K’auth nickte mir zu. “Dieses Material bedeckt das gesamte Bauwerk ohne eine einzige Fuge, Falte, Naht oder Narbe, vom Fundament bis hoch zur Spitze. Die besten Wissenschaftler und Forscher unserer bekannten Welt haben sich bereits Jahrzehnte lang mit der Analyse dieses Stoffes beschäftigt – bislang ohne jeglichen Erfolg.” – “Als sei es aus einer anderen Welt gekommen.”, murmelte ich beeindruckt. Lahl’lil erwiderte: “Ich bin fest davon überzeugt, daß dem auch so ist, werter Grismiol.” Er wies hoch zum etliche hundert Meter über uns thronenden Observatorium. “Nun kommt, Hadraa’ina’s Vater erwartet uns bereits.” Oberst Padruuut lachte kurz schnaubend auf. “Da wird er wohl noch ein Weilchen warten müssen! Das wird Stunden dauern, bis wir dort oben angelangt sein werden!” – “Oh, nein, da irrt Ihr Euch. Ich versichere Euch, daß wir binnen kurzem dem hochverehrten Hadum’maith in der Sternwarte unsere Aufwartung werden machen können.”…

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Begegnungen im Park (Teil 43)…

… Eine mit beissender Ironie verfasste Glosse sprang ihn an. Sie behandelte anlässlich der kurz bevor stehenden Fertigstellung des New Yorker Freedom Towers die tragischen Ereignisse des 11. September 2001 und jenen von einem auf äußerst dubiose Art und Weise an die Macht gelangten US-Präsidenten angezettelten Krieg gegen den Terrorismus.  – Der Afghanistan-Feldzug, auch der Einsatz der deutschen Truppen dort, und der Krieg gegen den Irak seien lediglich ein kaltschnäuziges und höchst unmoralisches Kalkül gewesen, um der Rüstungsindustrie nach der “Flaute”, welche dem Ende des sogenannten Kalten Krieges folgte, neuerlich steigende Umsätze zu verschaffen – ganz meine Meinung! – Die wahren Terroristen tragen weder Burnusse noch Kopftücher, sie kleiden sich in teure Maßanzüge, tragen handgeschusterte Schuhe, Nobeluhren, und parfümieren sich mit den erlesendsten Duftwässerchen, sie verbergen sich nicht in Unterschlüpfen in einem schwer zugänglichen Bergland, sondern in Villen, Palästen und Regierungssitzen, bewehrt mit einem starrenden Unmaß an Sicherheitsvorkehrungen, sie sitzen in Vorständen von Großunternehmen, im sogenannten Top-Management, auf Regierungsbänken. Sie dienen selbstherrlich auf den eigenen Vorteil bedacht den so unheiligen Göttern Mammon und Macht, und einem Wirtschaftssystem, das längst dabei ist, sich selbst zu überleben, und die Zahl ihrer Opfer, die sie auf ihre erloschenen Gewissen unablässig laden, ist um ein Vielfaches größer als jene des schicksalhaften 11. September, welcher, anders, als stets so volltönend dramatisch propagiert wird, die Welt keinesfalls verändert hat. – Mich würde interessieren, wie viele von den Menschen, die in den letzten Jahren allein hierzulande sich das Leben genommen, oder dieses versucht haben, Langzeit-Arbeitslose, Hartz-IV-Entrechtete waren, arme Schlucker, denen aus Gründen der Rationalisierung, aus Profitgier der Boden unter den Füssen weggezogen worden war…

… Ach, in was für Lobhudeleien und ausführliche Reminiszenzen man sich einem kleinwüchsigen, rauschbärtigen Bergsteiger und Abenteurer zu Ehren mal wieder verstieg! Respekt vor seinen Leistungen, es sollte sich niemand anmaßen, diese zu schmälern, doch mir scheint, früher war man, und tat, und wirkte, und beließ es dabei, und heute ist einer nur dann groß, wenn er sich gut “verkaufen” lässt, den Rummel um seine Person auch selbst mit inszeniert. – Na gut, es hat Ausnahmen gegeben, diesen Gröning zum Beispiel. Elvis Presley – ach, aber der wurde “verkauft”, Blues wollte er singen – und was hat man aus ihm gemacht! Goethe hat sich selbst auch recht gut “verkaufen” können, keine Frage. – Dieser ganze Zirkus um die oft genug selbst etikettierten “Stars” und “Sternchen” und “VIP’s” scheint mir mittlerweile nichts anderes zu sein als ein aufgeblasener, von Medienmachern gesteuerter, verblendender, verdummender Sklavenmarkt, eine Art psychologisch geschickt eingesetztes “Betäubungsmittel”. Wer sich in die Klatsch- und Tratschgeschichten der sogenannten Regenbogenpresse und des Infotainments vertieft, bei Königs, Sportler- und Showgrößen sozusagen “zuhause” ist und ihnen über die Schulter guckt, als Voyeur genußvoll Zeuge sein darf, wie sie sich in Casting Shows oder “Dschungelcamps” demütigen und entwürdigen lassen, übersieht, daß es in der eigenen Seele oft genug mangelt, daß da zu wenige Brücken nach außen bestehen, zu wenig Freundschaft, zu wenig Wärme, zu wenig Sprache, zu geringer Rückhalt an moralischen Werten. – Unsere sogenannte “zivilisierte” Welt gerät ohne Zweifel in eine bedenklich irre Schieflage…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 40)…

… Der K’auth von Kalkadiass führte uns quer durch den dunklen Park. Jenseits des linkerhand sanft sich wellenden, schimmernden Sees hatten einige unserer Weggefährten mit ihren Frauen und Kindern ein hoch aufloderndes Lagerfeuer entfacht, sie lachten, speisten und tranken, stimmten anheimelnde, uralte Volksweisen aus Varashon an, den Rhythmus dazu klatschend. Mein Herz wurde warm und weit. Langsam verloren sich die Stimmen in der Finsternis, sie wurden überlagert vom Zirpen der heimischen Sternkäfer, dem Rascheln der Bäume und Büsche im trägen, warmen Nachtwind, dem Geräusch unserer festen Schritte…

… Je näher wir der Pyramide kamen, umso greifbarer wurde die stumme Spannung, die auf uns lastete. Die Aura einer geheimnisvollen, starken, mit Worten nicht erklärbaren Macht nahm uns zusehends gefangen. Lahl’lil öffnete eine Pforte in der etwa doppelt mannshohen, von rankenden Kletterpflanzen beinahe völlig überwucherten Mauer, die den Park des Palastes umgab. Wir traten auf einen schnurgerade Richtung Pyramide führenden Weg aus im Licht der Sterne und der zwei Halbmonde sanft glänzenden, nahtlos ineinander gefügten, hellen Steinplatten, der beidseitig von schlanken, hochragenden Säulen gesäumt war, auf deren Kapitele die steinernen Bildnisse von Fabeltieren, Göttinnen und Göttern thronten. Nun mussten wir bereits die Köpfe in den Nacken legen, um die Spitze des gigantischen Bauwerks ausmachen zu können. Sie erglühte von einem sanft schimmernden Lichte von innen her, einem steten Leuchtfeuer in der schier endlosen Wüste gleich…

… “Kaum vorstellbar, welche Anstrengungen, welchen Aufwand an körperlichen, geistigen und logistischen Fähigkeiten es euer Volk gekostet haben muss, diesen Bau zu errichten, Lahl’lil.”, murmelte Oberst Padruuut. Der K’auth musterte ihn ihn mit einem leisen Lächeln, das Haupt schüttelnd. “Wir haben diese Pyramide nicht geschaffen, werter Freund. Sie stand bereits hier, am Rande unserer Oase, als vor vielen, vielen Jahrhunderten die ersten Kalkadassianer, damals noch unstete Wüstennomaden, sich hier nieder ließen. Lange Zeit vermeinten meine Vorfahren, dieser Bau sei ein Werk böser und unheiliger Geister, deshalb befanden sich die ersten Ansiedlungen auch weit von hier entfernt, am nordwestlichen Ende unseres kleinen Reichs. Erst mein Vorgänger, ein sehr kühler und pragmatischer Kopf, ein kluger und sachlicher Denker, wagte sich daran, die Pyramide zu erforschen, und dann nutzbar zu machen. Nun beherbergt sie unsere Universität, in der Spitze befinden sich die Sternwarte von Kalkadiass, und unsere Bibliothek, auf die wir mit Recht überaus stolz sind – und sie birgt noch so einiges mehr, wie ihr im Laufe dieser Nacht noch feststellen werdet”…

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… Als Mauthin sicher war, daß die beiden seltsamen Wesen tief und fest schliefen, wagte sie sich aus ihrem staubigen und unbequemen Versteck unter dem Schrank. Mit einer anmutig fließenden und schwerelos scheinenden Bewegung sprang sie auf den Labortisch und erkundete diesen, vorsichtig und sachte die Pfötchen voreinander setzend. Sie schnupperte wissbegierig an den ungezählten Ingredenzien, steckte ab und zu auch mal eine kleine Tatze in ein Tiegelchen, um dessen Inhalt besser begutachten zu können, öffnete gelegentlich flehmend den Rachen, um Düfte und Geschmäcker zu verinnerlichen. Dank ihrer raubtierhaft scharfen Augen gelang es ihr trotz des mittlerweile herrschenden, dämmerigen Fastdunkels, die Inschriften auf den herum stehenden Behältnissen zu entziffern und sich einzuprägen…

… Endlich hatte die Katze ihre Inspektion beendet, sie zog sich erneut unter den Schrank zurück, angespannt und dennoch geduldig wartend. Wenn ihre Sinne sie nicht täuschten, musste es nun schon auf den späten Abend zugehen, Zeit für den Diener des Herzogs, aufzuscheinen und das Zaubermittel zu holen…

… Wird fortgesetzt…

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Begegnungen im Park (Teil 42)…

… Ein Weilchen versank das Trio in Schweigen, sich Phantasien hingebend – die in geheimnisvoll dämmeriges Fastdunkel gehüllten Ränge eines Theaters, wie das Innere eines gewaltigen Bienenkorbs wirkend, das verlöschende Summen des erwartungsvoll murmelnden Publikums, ungezählte konturenlose Gesichter, wie bleiche Blüten dem noch jungenhaft wirkenden Interpreten sich zuneigend, der undefinierbare, so berauschende Duft, der den Bühnenbrettern und Kulissen entströmt, feiner Staub wirbelnd in den gleißenden Kaskaden der hoch in den Beleuchterbrücken angebrachten Trauben von Scheinwerfern, das abstrakte, wirre, gedämpfte Lärmen des sich einstimmenden Orchesters, der Dirigent hebt den Taktstock, getragen von der berührenden, melodischen Vielfalt der Instrumente schwingt eine seltsam vibrierende, silberhelle Stimme Engelsflügeln gleich durch den atemlos lauschenden Raum…

… Martin seufzte tief auf und gähnte. Er wirkte still hoffnungsvoll, zugleich auch sehr mitgenommen und ein wenig apathisch. Simon stand kurz entschlossen auf, nahm die Gitarre an sich und zog ihn sanft hoch. “Jetzt ist es höchste Zeit für dich, mein Lieber, dich auszuruhen und zu Kräften zu kommen. Und etwas gegen die Schmerzen in deiner Hand zu unternehmen, ich spür’ doch, wie sehr dir das zusetzt. Ich will dich keinesfalls bevormunden, aber wir fahren jetzt zurück in das Krankenhaus, aus dem du getürmt bist, damit man deine Wunden weiter versorgen kann. – Entschuldigen Sie uns bitte. Es war sehr schön, sich mit Ihnen zu unterhalten, Herr Kandertz, und wir würden uns freuen, wenn dies heute nicht die letzte Begegnung mit Ihnen gewesen ist.” Martin blickte mit dem Schatten eines weichen Lächelns auf den Alten hinab und reichte ihm die unversehrte Hand. “Ich weiß nicht, was ich ohne Ihre Geduld, Ihren Zuspruch und Ihre Weisheit heute noch mit mir angestellt hätte – bestimmt nichts Gutes. Danke – ich danke Ihnen so sehr. – Und es wäre mir lieb, wenn wir miteinander in Verbindung bleiben könnten.” – “Zählt mich nun zu euren Freunden. So lange es warm ist, und die Sonne es gut mit mir meint, könnt ihr mich jeden Tag hier antreffen. – Bis zum Wiedersehen wünsche ich euch von ganzem Herzen alles, alles Gute!”…

… Ihre Schritte knirschten auf dem fahlen Kies des Weges, dann verschmolzen die zwei jungenhaften Gestalten mit dem grünlichen Dunkel des Wäldchens…

… Bastian starrte ihnen nach, bis seine Augen vor Anstrengung zu brennen begannen. Dies war nicht seine erste Begegnung mit einem gleichgeschlechtlichen Liebespaar gewesen. Als Freigeist, der er dank seines Erbgutes und seines familiären Hintergrundes stets gewesen war, fiel es ihm leicht, die unendlich breit gefächerten Spielarten menschlicher Neigungen gutmütig zu tolerieren, so lange niemandens Würde und Unversehrtheit angetastet wurde. Die Eselsohren seiner im Grase ruhenden Gazetten winkten in einer leis aufkommenden Brise verführerisch, Kandertz griff nach ihnen, im Rascheln der umgeblätterten Seiten verklangen der Nachhall lang, so lang schon gelebter Zeiten, und die ungestümen Rhythmen eines sich vor kurzem erst so drastisch gewandelten, jungen Lebens…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 39)…

… Mauthin hatte ein ausgefranstes Loch in der alten, dreckigen Tischdecke entdeckt, vorsichtig robbte sie näher und lugte hindurch. Unsanft ratternd polterte der Etagenwagen über die groben Flurbohlen, und kam schließlich vor einem kunstvoll geschmiedeten Eisengitter zum Stehen, welches so etwas wie einen kleinen, schmucklosen Raum abteilte. Ein Schlüsselbund rasselte, kurz darauf wurde von der feisten Hand des Soldaten die Absperrung zur Seite gedrängt, und der Servierwagen hinein geschoben. Laut scheppernd glitt das Gitter wieder zurück, der schwammig-dickliche Mann legte einen kleinen Hebel an einer Art Schaltbrett um, worauf der Boden des schmalen Gelasses sich nach unten abzusenken begann. Weit über dem Wächter ertönte ein monotones Surren und Rattern…

… Die Katze krallte sich in das mit schadhaftem Lack überzogene Holz, und widerstand tapfer dem ersten Impuls, schreiend vor Schreck die Flucht zu ergreifen. Nach einer kleinen Weile entspannte sie sich wieder. “Sieh an, das scheint so etwas wie ein schwebendes Zimmer zu sein.”, dachte sie, “Manchmal können die Felllosen durchaus genial sein.”…

… Endlich fand die Fahrt ein Ende, erneut wurde eine eherne Sperre geöffnet, der Soldat bog in einen schmalen, sehr düsteren, sehr feuchten Gang. Mauthin schnupperte konzentriert die dumpfe, muffige Luft und kam zu dem Schluß, dass man sich nun sehr tief unter der eigentlichen Burg befinden musste. Vor einer schweren, mit ungezählten Schlössern gesicherten Tür kam der Speisetransport endgültig zum Halten. Der Mann hantierte lange und konzentriert an seinem voluminösen Schlüsselbund, dann schwang, von seinen schweren Stiefeln getreten, die wuchtige Pforte auf. Den Topf hochhievend trat der Feistling in einen sehr seltsamen Raum, einem Mittelding zwischen Laboratorium und Gefängniszelle. Die vierbeinige Spionin wartete den richtigen Moment ab, und huschte, geschickt ihre dunkelgrau getigerte Tarnfarbe nutzend, in das Gelass, und unter einen hochbeinigen Schrank unweit des Eingangs…

… “Hier, euer Festmahl des Tages! Es möge euch wohl bekommen!”, keifte der Wachposten, knallte den Topf auf einen großen, allerdings recht niedrigen Tisch, auf welchem allerlei Reagenzgläser, Tiegelchen, Schälchen, Bunsenbrenner, Kocher, kleine Schachteln, Spachteln, Messbecher etc. in wilder Unordnung kreuz und quer durcheinander standen und lagen. “Denkt daran, der Herzog schickt heute Nacht noch seinen Diener, um die nächste Dosis seines Zaubermittels holen zu lassen!” Die Tür wurde von außen krachend zugeschlagen…

… Es herrschte zunächst völlige Stille. Dann sah Mauthin, wie sich auf den beiden Pritschen in der entferntesten, sehr dunklen Ecke etwas zu regen begann. Zwei kleine, dürre Gestalten mit unverhältnismäßig großen Köpfen und riesigen, schwarzen Augen in bodenlangen, erdfarbenen Kutten setzten sich auf, und schlurften langsam näher. In ihren zitternden Händen hielten sie blecherne Näpfe, die sie voller Gier mit dem unappetlich graubraunen Eintopf füllten. Im Stehen schlangen sie das frugale Mahl hastig in sich hinein. Die Katze beobachtete, wie die Wesen nach und nach ihre krankhafte Schwäche verloren, eine neue Welle der Energien sie durchflutete. Leise zirpten sie miteinander, und begannen an ihrem Labortisch zu hantieren. Sie kochten zunächst aus einer Vielzahl Ingredenzien einen sehr konzentrierten Sud, den sie anschließend mit einem weisslichen Pulver vermengten und zu kleinen Pillen drehten. Danach schienen ihre Kräfte sie erneut zu verlassen, schwankend kehrten sie zurück zu ihren finsteren Lagern. Kaum hatten sie die klammen, schmutzigen Decken über sich gezogen, ertönten auch schon die ebenmäßigen, tiefen Atemzüge Schlafender…

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… Ich hatte den Rest des Tages alleine zugebracht, denn auf Hadraa’iina warteten ihre Pflichten als Erste Hofdame, ihr Vater begab sich in das Observatorium, das seinen Worten zufolge in der Spitze der gewaltigen Pyramide lag, und weder Adlanat noch Oberst Padruuut schien nach Gesellschaft zumute zu sein. So bat ich einen Diener, dass man mir Filfil, meinen Tronk, aufzäumen möge, dessen Sattel zwischen den beiden hohen Höckern ich – oh, Wunder! – diesmal sogar ohne jegliche Hilfe zu erklimmen vermochte, und machte einen ausgedehnten Ritt in die vor Hitze flirrende Wüste, um Klarheit sowohl in meinen Kopf als auch mein Herz zu bekommen. Ich kehrte erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Vor dem kleinen, schmucken Anwesen meiner Liebsten warteten bereits mit Glimmlichtern versehen Oberst Padruuut, Adlanat, Hadraa’iina, und Lahl’lil…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 38)…

… Zäh wie Honig tropften die vielen Stunden des Tages dahin. Die Sonne schwang sich hoch über die dunklen, dichten Wipfel des Schloßwaldes, und schickte ihre wärmenden Strahlen in die Luke, auf deren Sims Mauthin nach wie vor überaus geduldig mit unter den grau getigerten Körper gezogenen Pfötchen ruhte. Eine kleine Küchenmagd, kaum dem Kindesalter entwachsen, mit einem noch rührend unschuldigen, runden Gesicht, hatte die Katze entdeckt, ihr heimlich einen Napf mit Bratenresten und eine angeschlagene Porzellanschale mit einem in Milch verquirlten Eigelb gebracht, sie lieb und versonnen lächelnd ein wenig unter dem Kinn gekrault, bevor das Brüllen des Chefkochs durch die weitläufige Küche röhrte, und das Mädchen rasch mit sich verfinsterndem, verschrecktem Antlitz zurück an ihren badewannengroßen Spültisch eilte, in welchem sie unablässig mit roten, aufgequollenen Händen Salat wusch und zurecht zupfte…

… Satt und zufrieden, beinahe lautlos vor sich hin schnurrend, döste Mauthin ein. Mit ihren überscharfen Sinnen nahm sie dennoch wahr, wer da alles kam und ging – die Leibdiener des Herzogs, eine erlesene Mahlzeit für den Herrscher und seine treuesten Vasallen in den Thronsaal servierend, rangniedere Diener, welche den Mittagstisch für die Jäger, Fischer, Wachposten, Hofschreiber, die Kinder des Regenten, ihre Lehrer und Erzieherinnen, Mägde, Stallburschen, Kutscher, Zofen, Musikanten, Bauarbeiter auf riesige Tabletts luden, und von dannen trugen. Die Ablöse der Brückenwachen schlenderten herein, schäkerten und witzelten mit den Mägden, und holten in gewachstes Papier eingeschlagene belegte Brote für die Nachtschicht ab…

… Es begann zu dunkeln. Mauthin wollte bereits ihre Beobachtungen für diesen Tag einstellen, als sich die schwere, eisenbeschlagene Küchentür noch einmal auftat, und ein ungepflegter, vierschrötiger, graugesichtiger Soldat eintrat, einen hölzernen Wagen mit drei Etagen vor sich her schiebend. Dumpf grollend wandte er sich an den Posten an der Ausgabe: “Gib mir den Fraß für die Gnome im Keller.” Im Nu war die kleine Katze hellwach. Sie sah sich prüfend und abwägend um. Der Uniformierte stierte das junge Mädchen an der Spüle durchdringend mit seinen vorstehenden, beinahe farblosen Augen und hängender Unterlippe an, der schmucke Koch an der Ausgabe hatte sich abgewandt, um einen schweren, hohen Topf mit einer wenig appetitlichen, dickflüssigen Masse zu befüllen, der Rest der vielköpfigen Schar war damit beschäftigt, den großen Ofen blank zu schrubben, den gefliesten Boden zu fegen, Kochgeschirr und die verschiedensten Küchenutensilien zu säubern und zu sortieren. Über den Servierwagen war eine von vielen Flecken verunzierte, ausgefranste Tafeldecke gebreitet, welche die mittlere der drei Etagen verbarg. Flink sprang Mauthin aus der Fensternische, legte lautlos und stets die eifrig umher wuselnde Horde Menschen im Auge behaltend, den Bauch an den Boden gepresst, die wenigen Meter zwischen den dunklen Quadersteinen der Wand und dem Gefährt zurück, und hüpfte in ihr neues Versteck. Erschreckt zuckte sie zusammen, als über ihr ein harter Schlag ertönte – der Soldat hatte jedoch lediglich den Topf auf das Wägelchen gewuchtet. Die Fahrt durch die gewundenen, halbdunklen Gänge der Burg begann…

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… Der Herzog betrat die geräumige Stube mit den gut ein Dutzend hölzernen Pulten, an welchen die Schar der Hofschreiber zugange war. In Windeseile flogen die Federhalter über Stapel blütenweißen Papiers, schier endlos die Korrespondenz zwischen Siridian Obeselion Lamavian von und zu Halpensteins III. und der benachbarten Reiche, die Flut der das Volk knechtenden und ausblutenden Erlasse und Gesetze mit jeweils ungezählten, knebelnden, jeden freien Willen im Keim erstickenden und maßregelnden Paragraphen und Unterparagraphen, die Steuerbilanzen, die Aufstellungen des Schatzmeisters, die gegen Widerspenstige, Eigenbrötler und Querköpfige gefällten Urteile. In der Regel schickte der Herrscher von Varashon seinen Leibdiener, um Aufträge zu überbringen, ab und an jedoch machte er sich selbst auf den Weg vom im obersten Geschoss der Burg gelegenen Thronsaal und seinen angrenzenden Gemächern in die Niederungen der Schreiberlinge. Es bereitete ihm förmlich körperlichen Genuss mitanzusehen, wie jegliche Unterhaltung, jeder Funke eines Lächelns bei seiner Ankunft erstarben, wie sich die perfekt frisierten Köpfe demutsvoll über die Pulte senkten. Sein Blick glitt über die Arbeitenden, und blieb auf Barzina-Laruuna haften. Ihre gewohnte Eiseskälte – sie hatte im Laufe von vielen Jahren stets abweisend auf seine Avancen reagiert, und nur ihr großes Können als Kopiererin und Verfälscherin von Dokumenten hatte ihn davor abgehalten, sie dafür zu bestrafen – war einer förmlich mit den Händen greifbaren, schier unwiderstehlichen, erotischen Ausstrahlung gewichen. Der Herzog runzelte erstaunt die Stirn, dann machte er abrupt auf den Hacken kehrt, und verließ denRaum…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 37)…

… Staunend wandten Oberst Padruuut und ich uns dem K’auth zu. “Der rechtmäßige Erbe des Herzogtums? Wer sollte das sein? Das alte Geschlecht der Virisons ist doch vor vielen, vielen Jahren schon ausgestorben, heisst es. Die beiden letzten Abkömmlinge, ein Zwillingspärchen, sind bei einem Überfall bei einer Landpartie samt ihrem Kindermädchen ums Leben gekommen, so erzählt man sich seit Generationen schon.” Hadum’maith, Hadraa’iina’s Vater, der sich bislang in Schweigen gehüllt hatte, meldete sich nun zu Wort: “So lautet die Legende. In Wahrheit verhält es sich aber anders. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass sich der legitime Erbe von Varashon im Alten Tempel auf der Insel des Diamantenen Bergs aufhält.” Ich wiegte ungläubig den Kopf. “Dieser Ort ist doch nicht wirklich existent, es gibt eine Sage, ein Märchen vom Diamantenen Berg, in dem sich angeblich ein Tor zu einer anderen Welt befinden soll. Aber das entspricht doch sicherlich keinesfalls den Tatsachen!” Der Oberste Gelehrte, Leiter der Universität des Wüstenreichs und Sterndeuter des K’auth wandte sich mit einem milden Lächeln an mich. “Doch! Es gibt sie wirklich, diese Insel, den Alten Tempel, und auch dieses Tor, oder besser gesagt, den Brunnen, der zu gewissen Zeiten in eine andere Welt führt.” Hadum’maith griff nach einer ledernen Mappe, die neben ihm lag, und entnahm einen großen, mehrfach gefalteten Bogen Papier, den er vor uns auf dem Tisch ausbreitete. “Seht, diese Karte wurde in mühevoller und jahrzehntelanger Kleinarbeit von den kundigsten Landvermessern und Forschern unseres Kontinents erstellt. Hier”, er deutete auf einen beinahe kreisrunden Flecken mit unregelmäßigen Rändern, “das ist unsere Oase, Kalkadiass, umgeben von der Dra’a'anat, der Großen Wüste, die sich in westlicher Richtung bis an den Ozean der Abendröte erstreckt. Hier oben, das sind die Haltrauth-Berge, nördlich davon befindet sich Varashon, umgeben von den Reichen Nithian, Rogunda und Perlect, noch weiter nordwärts, jenseits des Geisterlicht-Meeres, liegt das Land des Ewigen Eises.  Und dies,”, nun wies er auf einen winzigen, dunklen Punkt inmitten der blauen Fläche des schier unermesslichen Meeres der Abendröte, “ist die Insel des Diamantenen Bergs… Meine Astronomen und ich haben errechnet, dass wir genau zum Zeitpunkt der Roten Monde den Alten Tempel erreicht haben müssen. In zwölf Tagen also.” – “Welche Entfernung liegt zwischen Kalkadiass und der Insel?”, warf Oberst Padruuut voller Zweifel ein. Hadraa’iina’s Vater blickte kurz auf eine am linken unteren Rand der Karte eingezeichnete Tabelle. “So um die achttausend Kelpias.” Oberst Padruuut und ich schüttelten unisono voller Ungestüm unsere Häupter. “Unmöglich! Nie und nimmer ist in einer derart kurzen Zeitspanne eine solche Entfernung zurück zu legen! Nie!” Der K’auth schmunzelte. “Oh, doch! Glaubt mir, glaubt meinem lieben Freund Hadum’maith. Wir werden euch heute Abend zeigen, wie wir zu reisen gedenken.” Lah’lil erhob sich, und wir taten es ihm gleich. Minthau sprang voller Grazie und Anmut auf den mit sanftweißen Fliesen gekachelten Boden, und machte genüßlich einen Katzenbuckel. Nachdem der Herrscher des kleinen Wüstenreichs durch Winken den am Ufer wartenden Dienern signalisiert hatte, dass sie uns mit ihren kleinen Booten zurück an Land bringen sollten, verneigte er sich lächelnd. “Genießt den Rest des Tages, meine lieben Freunde! Ich werde euch zur zehnten Abendstunde an Hadraa’iina’s Haus abholen.”

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… Mauthin gelangte, sich vorsichtig an die dunklen Wände der langen und verzweigten Flure und Treppenhäuser schmiegend, nach einer ausgedehnten Pirsch in den Bereich der Hofküche. Menschen, auch die Träger der größten Geheimnisse, müssen mindestens einmal am Tag eine Mahlzeit zu sich nehmen, also kann man ihre Spuren am besten an jenem Ort aufnehmen, an welchem Speis und Trank zubereitet werden, so ihre Schlußfolgerung. Unbemerkt von all den guten und weniger guten Geistern, die im Widerschein der Feuer des riesigen Herds geschäftig am Rühren, Vermengen, Braten, Schneiden, Probieren, Waschen, Säubern, Garnieren, Portionieren, Anrichten und Wegtragen waren, nahm sie in einer der hohen und tiefen Fensternischen oberhalb des fleißigen Treibens sich so klein als möglich zusammen kauernd einen vortrefflichen Beobachtungsposten ein. Und harrte geduldig der Dinge, die sich unter ihr taten…

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