Die Mär vom Ulukl…

Vor ungezählten Jahren lebte am Ufer des großen Stromes, der als Mutter aller Flüsse galt, unweit der schroff verwinkelten Biegung, wo die Felswände sich zu beiden Seiten lotrecht auftürmten, das Flussbett verengten und umklammerten, so daß die Wassermassen wild brausend und gischtend und gefährlich für Mensch und Tier dahin schossen, ein recht seltsames Wesen. Es maß ungefähr zweimal die Länge eines ausgewachsenen Mannes, hatte  vier verkümmerte Gliedmaßen, eine blasse, beinahe durchscheinende Haut und einen eigentümlichen Klumpkopf mit einem breiten Maul, kleinen Nüstern, die sich verschließen konnten, und sehr, sehr großen, tiefdunklen, sanft glänzenden Augen. Das sonderbare, scheue, aber überaus friedvolle und gutartige Geschöpf pflegte sich von Ratten, Mäusen, kranken und gebrechlichen Wildtieren, sowie an Land gespülten, verendeten Fischen zu ernähren. Es wurde von den Menschen der umliegenden Weiler “Ulukl, der Danuba-Molch” genannt und sehr verehrt, zur Sommer- und Wintersommerwende wurden ihm stets üppige Opfergaben dargebracht, Feldfrüchte, Obst, Brot, süße Spezereien, frisch geschlachtetes Vieh. Die Schutzgötter der Flure, Wälder und der Großen Mutter Fluss hatten dem Ulukl fürsorglich eine Handvoll Zwerge zur Seite gestellt, die über eine unglaubliche Körperkraft verfügten, sie konnten mit einer ihrer kleinen Hände ohne jegliche Anstrengung einen ausgewachsenen Ochsen in die Höhe stemmen. Wenn sie an ihren lang über den Rücken fallenden Zipfelmützen drehten, verwandelten sie sich im Nu in eine verwegene Reiterschar, die “Hauzemannreiter”, welche auf riesigen, schwarzglänzenden Rössern mit feurig glosenden Augen einher preschten und zwielichtigen Menschen das Fürchten lehrten.

So lebten sie lange, lange Zeit in guter und naturverbundener Ordnung miteinander, die Dörfler, die Gottheiten, als deren Mittler der Ulukl angesehen wurde, die Vielfalt der Zauberwesen, die dieser und der Anderwelt entstammten. Eines Tages kam eine befremdlich wirkende Schar Männer des Weges. Sie waren in schlichte, dunkelbraune Kutten gekleidet, trugen grobe Sandalen an den bloßen Füßen, hatten sich inmitten des Haupthaares eine kahle Stelle geschoren und auf ihren Oberkörpern baumelten hölzerne Kreuze, von schmucklosen Schnüren gehalten. In unmittelbarer Nähe der tosenden Klamm erbauten sie, beschattet von den hoch und zerklüftet in den Himmel ragenden Felswänden, eine stattliche Klause, begannen, Felder zu bestellen, zu gärtnern und Bier zu brauen – und zu predigen. Sie sprachen lang und viel von ihrem Buch der Bücher und von dem einen, dem alleinigen, dem wahren Gott. Anfangs fanden ihre Worte unter den Einheimischen kaum Gehör, wußte seinerzeit doch bereits ein jedes Kind, daß ein einzelnes Geschöpf, egal, ob Mensch, Tier, Gottheit oder Fabelwesen, nur in der Vielheit seiner Erscheinungen Bestand haben kann, ein einziger Allmächtiger erschien ihnen öde, blass, unwirklich, schwach, nicht nachvollziehbar.

Auch vom Bösen berichteten die neuen Nachbarn gerne, vom Satan, vom gefallenen Engel Luzifer, von all den verwerflichen, düsteren, unmoralischen, heidnischen Sünden, deren sich der Mensch beinahe unablässig schuldig machen würde. So riefen sie unter ihren Zuhörern allmählich Beklemmung, Unsicherheit und Schuldbewußtsein hervor. Ihr Zorn, ihre Häme richtete sich zunehmend gegen Ulukl, den Danuba-Molch. Er sei eine Kreatur des Satans, eine Ausgeburt des Teufels, in seinen schwarzen Lichtern würden die verzehrenden Feuer der Hölle glühen und seine bleiche, filigran geäderte Haut sei ein Sinnbild der Sündhaftigkeit. Schließlich gelang es den seltsamen Gottesmännern, viele Dörfler gegen ihn aufzuhetzen. Als sich am Tage der nächsten Sommersonnenwende der Ulukl aufmachte, um seine Opfergaben in Empfang zu nehmen, hatten sich die Männer und Burschen des Weilers mit Steinen bewaffnet, brüllend und schimpfend begannen sie eine wilde, blindwütige Jagd auf das schier wehrlose Geschöpf. Der Molch hätte mit Sicherheit das Zeitliche gesegnet, wenn ihm nicht die treu ergebene Schar seiner Kraftprotz-Zwerge zur Seite gestanden wäre. In letzter Sekunde konnte so der Ulukl in eine tiefe, geräumige Höhle entkommen. Nachdem sich die Zwerge mit einer Drehung ihrer Zipfelmützen in die gefürchteten Hauzemannreiter verwandelt und die Horde aufgebrachter Menschen furchteinflössend in sämtliche Himmelsrichtungen zerstreut hatten, stemmten sie sich mit vereinter Muskelkraft so lange gegen die Felsen des Höhleneinganges, bis nurmehr ein sehr schmaler, finsterer Spalt verblieb. Und darin fristet nun der Ulukl seitdem sein Leben. Nur, wer reinen Herzens ist, wer den ungezählten Stimmen der Natur zu lauschen, sie zu verstehen vermag, wer an Feen, Elfen und Geister glaubt, an die Zauber und Wunder dieser und der Anderwelt, dem kann es bisweilen widerfahren, daß sich ihm der Danuba-Molch offenbart. Wer einmal die zarte Haut des Ulukl berühren durfte, und sei es auch nur mit einer Fingerspitze, wird von Glück, Seligkeit und Wohlergehen gesegnet sein bis ans Ende seiner Tage.

… … Und wenn vom Süden her der unzeitgemäß heiße Wind über die hohen Berge fegt, dann kann man sie in tiefdunklen Neumondnächten noch über die Wiesen und Felder brausen hören, die Hauzemannreiter auf ihren wilden, wilden, pechschwarzen Rössern…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 84)…

… Als der Morgen anbrach, war es ungewöhnlich still in Kardachen’en. Kaum jemand war in den verwinkelten Gassen zu sehen. Es schien, als würden die Bewohner befangen, misstrauisch und voll der Zweifel hinter verschlossenen Türen und Fenstern abwarten. Der Feuersturm im alten Westflügel der Festung war inzwischen gelöscht worden, doch noch immer trieben Schwaden beißenden Qualms über die verschachtelten Giebel hinweg. Als sich auf Anordnung Lutania’s und mir gegen Mittag die Tore der Gefängnisse ringsum öffneten, und die Scharen der zu Unrecht Inhaftierten und Gequälten sich in die Freiheit wagten, als die Herolde landauf landab den Tod des Herzogs verkündeten, und dass wir, die letzten Nachfahren der Virisons, nun unser Erbe antreten würden, begann die angstvolle Zurückhaltung zu weichen. Nun schien ganz Varashon in begeisterten Jubel auszubrechen, es wurden Fahnen gehisst, auf den Straßen und Plätzen musiziert und gefeiert…

… Am dritten Tag nach unserem Umsturz hauchte mein Vater, Adlanat, sein Leben aus, obwohl die beiden Llewsorianer, die inzwischen zusammen mit Hadum’maith und Oberst Padruuut in Kardachen’en eingetroffen waren, all ihre umfangreichen medizinischen Kenntnisse angewandt hatten. Ich saß zusammen mit meiner Schwester und den Freunden bei ihm, wir hielten seine Hände. „Nun haben sie ihren Frieden gefunden, all die gequälten Seelen, die durch Halpenstein den Tod gefunden hatten.“ – „Der Schemen, das ‘Luftwesen’.“, flüsterte ich. „Ja!“ Sein Blick vertiefte sich. „Mein Leben wird nicht enden! Mein Geist und meine Seele werden sich lediglich verwandeln. – Ich liebe euch, meine Kinder, ich liebe euch so sehr!“ Das waren seine letzten Worte…

… Er wurde zusammen mit den sterblichen Überresten des Despoten auf dem großen Marktplatz verbrannt, als Zeichen des Neubeginns. Danach krönte der K’auth von Kalkadiass in Vertretung Adlanat’s Lutania und mich in einer schlichten Zeremonie zu Großfürst und Großfürstin von Varashon. Nachdem der Beifall versiegt war, ergriff meine Schwester das Wort: „Gebt uns fünf Jahre Zeit, Bürgerinnen und Bürger von Varashon, um euch zu beweisen, dass wir aufrecht und mutig, anständig und guten Willens sind, aufgeschlossen und stets voller Mitgefühl für euch, das Volk. Und nach dieser Zeit werdet ihr entscheiden, ob wir auch weiterhin euer Vertrauen verdienen. Doch zuvor schon, ab sofort, werden wir euch in unsere Vorhaben und Entscheidungen einbinden, eure Erfahrungen und Ratschläge beherzigen, und euch stets Respekt entgegen bringen.“ Hoch-Rufe und Beifall brandeten einer gewaltigen Woge gleich auf. Danach erklomm der in ein sehr prachtvolles, in allen Farben schillerndes Gewand gekleidete Ssimlang das Podium und stimmte mit seiner unvergleichlichen Stimme die Hymne unseres Landes an. „So muss einst Orpheus geklungen haben.“, murmelte Lutania, die Mühe hatte, ihre Tränen zurück zu halten. Hadum’maith funkelte sie von der Seite her neugierig an. „Orph… wer?“ – „Eine Sagengestalt jener Erde, er konnte so wunderschön singen, dass sogar die Steine zu weinen begannen.“ – „Ihr wisst, dass ich tausend und abertausend Fragen an Euch habe! – Wenn ich von der Expedition Doktor Heyer Thordahl’s zurück gekehrt bin, werde ich sie Euch stellen.“ Lahl’lil verbeugte sich vor meiner Schwester. „Es wird an der Zeit, dass ich wieder in mein Wüstenreich reise, um mich dort um die Regierungsgeschäfte zu kümmern. Doch ich bin sicher, dass mich meine Wege in nicht allzu ferner Zeit wieder hierher führen werden. – Ich weiß, dass in Eurem Herzen immer noch Euer irdischer Lebensgefährte wohnt. Und doch – dürfte ich Euch nach einer Weile den Hof machen?“ Sie reichte unserem stattlichen Freund sanft lächelnd die Hand. „Manche Erinnerungen beginnen bereits zu verblassen… Das dürft Ihr, edler K’auth. – Und ich hoffe doch, dass Ihr noch so lange unser Gast seid, um uns bei der Vermählung meines Bruders und Hadraa’ina Gesellschaft zu leisten.“ Ich holte tief Luft und sah den lieben und vertrauten Menschen ringsum strahlend in die Augen. Und fühlte, wie sich der riesige Knoten aus Anspannung, Kummer, Zorn und Furcht, welcher seit Jahrzehnten auf meiner Seele gelastet hatte, zu lösen begann…

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… Der Hüne hatte sehr lange Zeit auf dem flachen Dach des hohen und überaus kunstvoll gestalteten Turms verbracht, welcher sich fein ziseliert, von Zacken, Krönchen, Spitzbögen und Säulen durchbrochen, den Gipfel eines zerklüfteten, in der hoch stehenden, rötlich goldenen Sonne metallisch flirrenden Bergs beherrschend in den dunstigen Himmel reckte. Tarkum, der Hohepriester, der unermüdliche Wächter des Alten Tempels, der tief im Fels verborgen zur Verehrung und zum Schutz des Tores zur Unendlichkeit vor so vielen Äonen erschaffen worden war, beendete seine Kontemplation. Er holte seinen Blick von der kaum wahrnehmbaren Linie zurück, an der das dunkel silberne, vom heißen Wind durchwühlte Meer mit dem zart schwefelig gelben Firmament zusammen zu treffen schien und hob seinen wuchtigen, vergoldeten, an der Spitze spiralförmig gekrümmten und verschlungenen Stab. „Mächte des Universums! Ihr Göttinnen und Götter! Ich vertraue Euch den unsterblichen Geist und Lebensfunken jenes noblen und unerschütterlichen Wesens namens Adlanat an. Behütet und beschirmt seine Reise durch das All, und in ein neues Leben!“…

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… Ein winzig kleines Kind öffnete, geborgen in einem durchsichtigen Brutkasten, die seltsamen, eindringlich blickenden Augen. Es musterte die drei Erwachsenen, die es mit warmem Lächeln umfingen und sandte ihnen eine stumme Botschaft: „Seid gegrüßt, Hendrik, Wally, Jonas, von Tayna-Lutania, der Unvergleichlichen, meiner Tochter. Ich bin Adlanat der Edle, und werde nun Euer Gefährte sein ein Menschenalter lang.“ Dann sank das Wissen um sein außergewöhnliches Schicksal auf einem fernen Planeten in den dunklen, verborgenen Urgrund seines Unterbewusstseins…

ENDE

… Wird nicht mehr fortgesetzt…   ;-)

 

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Die Rebellen von Varashon (Teil 83)…

… Eine Stimme erklang, wie sie von Menschenwesen noch niemals vernommen worden war, zuerst zögerlich und verhalten, dann jedoch schwoll sie an und erfüllte das kostbar gestaltete Arbeitszimmer Halpensteins mit ihrem reinen Klang. Sie war schmelzend und hauchzart, und doch so voller Kraft und Schönheit. Kein Instrument unter diesem Himmelszelt kam ihr gleich. Sie bannte und verzauberte, wirbelte die Sinne durcheinander, besänftigte und wühlte auf, machte glücklich und von Herzen traurig zugleich. – Ach, Worte sind so unwürdig, sie zu beschreiben…

… Das Unfassbare geschah, die Leibgardisten ließen die Waffen zu Boden poltern, Halpensteins Bann schwand, wir konnten unsere Glieder wieder bewegen. Ergriffen wandten wir die Köpfe und starrten auf Ssimlang, der mit geschlossenen Augen sang, ein Lied, wie es unsere Welt noch nie zuvor gehört hatte…

… Der Herzog schrie wutentbrannt auf, aus einer Lade seines Schreibtisches zog er einen langen Dolch, in einer rasend schnellen, fließenden Bewegung schleuderte er diesen auf mich. Adlanat warf sich dazwischen, die Waffe fuhr ihm bis zum Heft in die Brust, aus den Augenwinkeln konnte ich just in diesem Moment eine blitzartige Bewegung der Luft erkennen, das geheimnisvolle „Luftwesen“ – doch dieses eine Mal konnte es seinen Schützling nicht retten. Im selben Augenblick, da die scharfe Klinge meinen Vater traf, wandte sich einer der Soldaten Halpenstein zu, ein für unsere Zungen unaussprechliches Wort rufend, Mauthin und Minthau hechteten mit kühnen Sprüngen dem Tyrannen auf den Rücken, ihm mit den Krallen ihrer Vorderpfötchen die Perücke vom Kopf reißend, worauf ein sorgfältig auf dem Hinterkopf drapierter, weißblonder Haarknoten zum Vorschein kam…

… Mit vor Entsetzen und Überraschung aus den Höhlen tretenden Augen sahen wir, wie sich das Antlitz unseres Erzfeindes veränderte, es verlor jegliche Gesichtszüge, und wurde zu einer ausdruckslosen, konturlosen, leeren Fläche mit schmalen Augenschlitzen, Nasenlöchern und einer schmalen Mundöffnung. Mit einem schrillen, erstickten Schrei fuhr sich dieses seltsame Wesen mit beiden Händen an das Haupt, und sank völlig kraftlos hinter dem unförmigen Schreibtisch in sich zusammen…
… „Was – wer ist das?“, keuchte Lahl’lil fassungslos. Der seltsame Leibgardist trat zu uns. „Ich bin Rondena, ehrwürdiger K’auth von Kalkadiass, und dies ist – war – Barzina, meine Weggefährtin und ehemalige Vertraute, wie ich eine Gesichtswandlerin, eine Priesterin der Weisen Mithkenn. Die Macht des Herzogs, dessen Geliebte sie in Gestalt einer Hofschreiberin wurde, um anfangs Eure Pläne für den Umsturz zu unterstützen und mit umzusetzen, hatte sie im Laufe der vergangenen Wochen dazu verleitet, all unsere Gelübde zu brechen. Sie hat die Identität des Herzogs angenommen, besessen vor Machtgier, und der perversen Lust daran, über andere zu herrschen, und diese ihre Willkür, Menschenverachtung und Grausamkeit spüren zu lassen.“…

… Ich war inzwischen auf die Knie gegangen, und hielt Adlanat in den Armen, dessen Antlitz totenbleich war, mit tief in die Höhlen gesunkenen Augen. Doch er atmete noch, schien sogar bei Bewusstsein zu sein, und das Geschehen zu verfolgen. Sanft betteten wir ihn auf eine schmale Liege, die nahe der hohen Fensterfront stand. Meine Schwester hatte bereits nach dem Leibarzt des Herzogs gesandt, sowie Barzina, die sich ohne Widerstand zu leisten, abführen ließ, in den Kerker bringen lassen…

… „Was ist mit Halpenstein geschehen? Hat deine Weggefährtin ihn umgebracht?“, wollte ich wissen. Daraufhin führte uns Rondena tief hinab in die verborgensten Verließe der Burg. Sie stöberte einen sehr abstoßenden Wächter auf, den sie Helquet nannte. Dieser öffnete uns, nachdem wir ihn mit vorgehaltenen Pistolen und Knüppeln sanft dazu überredet hatten, eine der beiden Zellen. Darin lag ein mumifizierter Toter, zusammen gekrümmt wie ein schlafendes Kind. Schüttere, dunkle, stumpfe Haarbüschel wanden sich um den fast kahlen Schädel, die vertrockneten Lippen entblößten gleich einem krampfartig verzerrten, höhnischen, dämonischen Grinsen das starke, makellose Gebiss. „Siridian Obeselion Lamavasian von und zu Halpenstein III.“, erklärte die Gesichtswandlerin trocken. „Nachdem ihm der Feenstaub, welcher ihm ewige Jugend, Schönheit und Kraft verliehen hatte, entzogen worden war, starb er etliche Tage und Nächte lang einen furchtbaren Tod. Ich war in der benachbarten Zelle inhaftiert, und musste mitanhören, ohne zu wissen, wer mein Kerkernachbar gewesen ist, welche Höllenqualen er durchleiden durfte, bevor er in die Anderwelt ging.“…

… Wird fortgesetzt…

 

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Die Rebellen von Varashon (Teil 82)…

…”Siehst du diese schmale, mit einem Metallgitter versperrte Tür dort drüben? Rechts, ungefähr in Höhe deiner Hüfte ist ein Knopf. Den musst du drücken.“ Ich tat wie geheissen. Neben dem fernen dumpfen Krachen und Dröhnen, das von den Explosionen herrühren mochte, welche Hadum’maith’s zusammen mit den Llewsorianern geschickt ausgetüftelter Luftangriff verursachte, vernahmen wir ein gleichmäßiges Rasseln in der Wand, das sanft anschwoll. Mit einem Ruck öffnete sich eine Tür, und wir blickten voller Erstaunen in einen kleinen, leeren Raum. „Sieh an, ein fahrendes Zimmer.“, murmelte der K’auth. „Da hat dieser teuflische Herzog doch auch so was!“…

… Inzwischen hatte Lempstein zusammen mit Pirak das Gitter aus den Angeln gehoben. Mit einem mulmigen Gefühl betraten meine Gefährten und ich die höllische Konstruktion, Lahl’lil presste seinen Daumen auf gut Glück gegen das oberste Segment der golden glänzenden Schalttafel, die in das vernarbte, ungepflegte, matte Holz der Kabine eingelassen war, gleich darauf schwebten wir sanft in die Höhe…

… Niemand stellte sich uns in den Weg, als wir den üppig mit Seidentapeten vergoldeten Ornamenten, ungezählten Spiegeln und kunstvollem Stuck verzierten, mit flammend roten Teppichen belegten Flur der Privatgemächer Halpensteins entlang schritten, die Pistolen in den Händen haltend. Am Ende des Korridors befand sich das geräumige Arbeitszimmer des Tyrannen. Die Flügeltüren waren angelehnt, gedämpft drang die klare, wohl modulierte Stimme des Herzogs zu uns, in eiskalter Ruhe Weisungen erteilend…
… „Jetzt!“, befahl Lahl’lil…

… Der K’auth von Kalkadiass und ich rissen die Türen auf – wir stürmten hinein, die Waffen im Anschlag – auf Halpenstein zielend, der gelassen und ohne mit der Wimper zu zucken hinter seinem voluminösen Schreibtisch thronte. „Lasst die Gewehre fallen! Und nehmt die Hände hoch!“, bellte ich, getragen von einer ungeahnten, beinahe rauschhaften Kraft, die vielköpfige Schar der Leibgardisten an, mit jeder Faser meines Wesens siegesgewiss, und endlich, endlich vollends davon überzeugt, dass ich ein Großfürst war, gekommen, Frieden und Freiheit zu bringen. Die Männer folgten ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Meine Schwester und ich traten vor. „Wir sind Lutania und Grismiol derer von und zu Virison, die rechtmäßigen Erben des Thrones von Varashon. Steht auf, Halpenstein, und ergebt Euch!“ Ich vernahm die überraschten und entsetzten Ausrufe einiger Soldaten. Halpenstein jedoch schien nicht im Geringsten erstaunt, gar überrumpelt zu sein. Ein spöttisches Lächeln glitt über seine ebenmäßigen Züge, die schönen, tiefdunklen Augen glühten vor Hohn. Die in den Dachgeschossen des gegenüber liegenden alten Westflügels lodernden Feuersbrünste umgaben seine schlanke, stattliche, geschmeidige Gestalt mit einer rotgoldenen Aureole. „Was Ihr nicht sagt!“, murmelte der verhasste Widersacher seidenweich. Für die Ewigkeit eines Lidschlages übermannten mich Blutrausch und ein schier unerträglicher Zorn, und die Versuchung, unserem Feinde brüllend wie ein Vieh sämtliche Kugeln des Pistolenmagazins in den Leib zu jagen. Doch diese Anwandlung ging vorüber, ich holte tief Luft und fasste mich wieder. Der Herzog stieß unterdessen einen kurzen, vor Hass und Abscheu triefenden Fluch aus…

… Im selben Augenblick waren meine Freunde und ich wie gelähmt, die Pistolen und Knüppel glitten uns aus den kraftlosen Händen und fielen polternd zu Boden. Halpenstein wandte sich mit einer ruckartigen Kopfbewegung an seine Leibgardisten: „Zu den Waffen! Und knallt dieses Gesindel ab – sofort!“…

… Die Soldaten gehorchten ohne Umschweife. Als würde sich die Zeit so zäh wie das Harz eines Burnholt-Baumes ziehen, nahm ich wahr, wie die Männer sich bückten, nach ihren Gewehren griffen, sie aufhoben, auf uns anlegten, entsicherten. Ich konnte den Kopf nicht bewegen, doch mit den Augen suchte ich Hadraa’ina, die rechts von mir stand. „Ich liebe dich!“, sprach ich in Gedanken, „Ich liebe dich so sehr! Du hast mir die letzten Wochen meines Lebens so wunderbar verschönt, jeder einzelne Augenblick mit dir ist ein herrliches Geschenk gewesen. Ich liebe dich, und ich werde diese Liebe mit mir nehmen in die Anderwelt.“

… Die Blicke meiner Gefährtin jedoch ruhten voller Verzweiflung auf Ssimlang, und ich konnte hören, wie sie innerlich voller Inbrunst flehte: „Sing! Sing! Sing!“…

… Ich schloss die Augen und wartete auf den sicheren Tod. Werde ich es fühlen, werde ich Schmerzen empfinden, wenn die Geschosse meinen Leib zerfetzen werden? Wie wird es sein, dieses Hinübergehen in die Anderwelt? Voller Schönheit, Erhabenheit und Ruhe? Oder eher wie ein Albtraum, der grausam den bleiernen Schlaf der Nacht zerfetzt? Ich atmete tief ein und reckte das Haupt. Ich öffnete meine Augen und versenkte meine Blicke in die undurchdringlichen, glühenden des Herzogs. Ich bereue nichts, nicht eine Sekunde meines Lebens – und für dich wird die Zeit noch kommen, wo du für alles wirst büßen müssen, du Hund! – Und jetzt, jetzt schießt endlich!…

… Wird fortgesetzt…

 

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Die Rebellen von Varashon (Teil 81)…

… Wir durchquerten die felsige, mit abgestorbenem Wurzelwerk, welches uns des Öfteren gefährlich ins Stolpern brachte, und dürren Flechten überzogene Sohle des Burggrabens. Gar häufig stießen wir mit den Füßen an trockene Gebilde, den Geräuschen nach waren es die zerfallenden Knochen von Varashonern, die hier unten auf grausame Weise den Tod gefunden hatten. Endlich hatten wir die scheinbar glatte Wand jenes riesigen Felsstocks erreicht, auf dem vor vielen Jahrhunderten die herzögliche Burg errichtet worden war…

… Während unserer langen Reise im Luftschiff hatten wir die von Lempstein mitgeführten Pläne und Aufzeichnungen kopiert, sorgsam auswendig gelernt und verinnerlicht, bis sich jeder von uns absolut sicher war, welchen Handgriff er wo zu machen hatte, welcher kleine Spalt oder winziger Felsvorsprung als nächstes zu ergreifen, zu erklimmen war. Und doch schlug mir das Herz laut und hart bis in die Kehle hinauf. Ich hatte schon immer eine Abscheu davor gehabt, mich durch feindliches Gestein zu hangeln. Wieder war es der Falkner, der uns anführte, und ich kam nicht umhin, rückhaltlos zu bewundern, mit welcher Geschmeidigkeit er sich trotz der schweren Last des geschulterten Hofnarrs nach oben schob…

… Nach einer schier endlos währenden Zeit hatte Lempstein weit über unseren Köpfen eine schmale Öffnung unter einem weit auskragenden Felsvorsprung erreicht. Nur wenig später glitt sich raschelnd entrollend ein dünnes Seil herab, an dessen unterem Ende sich eine fachmännisch geknüpfte Sitzschlinge befand. Trotz meiner Beklommenheit schlüpfte ich hinein, gab durch mehrmaliges Ziehen dem Falkner ein Zeichen, und machte mich auf den Weg nach oben…

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… Wir schoben uns vorsichtig durch einen schmalen und feuchten Gang, bis wir eine eherne Leiter erreicht hatten, die senkrecht nach oben führte. Mit vereinten Kräften und unter viel Mühen gelang es uns, die massive marmorne Platte beiseite zu schieben, die den quadratischen Auslass versperrte. Wir standen im augenscheinlich seit längerem schon nicht mehr benutzten Dampfbads des Herzogs, durch die weit geöffnete Tür konnten wir die von geschickt in den Wänden verborgenen Glimmlichtern sanft erhellte, spiegelglatte Fläche eines großen Bassins erkennen. Und eine kleine, grau getigerte Gestalt, die sich aus einer dunklen Nische löste und mit einem gellenden Freudenschrei uns, das heißt der vierbeinigen Beraterin des K’auth, entgegen warf. „Minthau! Meine liebe, liebe Schwester!“ – „Mauthin! Es zerspringt mir schier das Herz vor Freude, dich unversehrt wieder zu sehen!“ Die beiden Katzen umkreisten einander wonnig schnurrend und eifrig maunzend, die Wangen inniglichst aneinander schmiegend…

… Ächzend und stöhnend kam Ssimlang unterdessen zu Bewusstsein. Er zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen, sein Gesicht war vor Entrüstung und Zorn noch röter als sein wirrer Haarschopf. Lahl’il kniete sich neben ihm nieder. „Ssimlang, ich werde Euch die Fesseln lösen – wenn Ihr mir versprecht, absolut still zu sein, und keinen Unfug zu machen, was auch immer geschieht!“ Wütende Blicke trafen den Herrscher von Kalkadiass, doch dann nickte der kleine Mann und seufzte dabei den Göttern ergeben…

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… Ein Wachposten, der auf dem langgezogenen First des ehemaligen Westflügels balancierte, setzte sein Fernrohr ab und schrie rau auf. Aus der Schwärze des Firmaments hatten sich viele trapezförmige, schwebende Schatten gelöst, an deren Unterseiten jeweils ein länglich geformter, mannsgroßer Gegenstand hing. „Alaaarm!“, brüllte der Soldat nun mit überschnappender Stimme, „Alaaarm! Luftalarm! Die Rebellen greifen an!“ Seine Gefährten, die auf den schwindelerregend hohen Plattformen der filigranen Türme Positionen bezogen hatten, griffen zu den kühn geschwungenen, silbern glänzenden Hörnern und stießen einen lang gezogenen, auf- und abschwellenden Signalruf aus…

… Nur wenige Atemzüge danach hingen Hunderte Kämpfer in jeder Luke, jeder Schießscharte in den Dachgeschossen der Festung, jedem weit aufgerissenen Fenster, die Gewehre im Anschlag. Ein knapp gebellter Befehl – und das Dröhnen, Knattern und Peitschen der mannifaltigen Salven erfüllte die Luft…

… Der Kugelhagel zerriss das feine Gewebe der Flugschirme und ließ sie abstürzen. Überall dort, wo die Geschosse auf die zylinderförmigen Lasten trafen, detonierten diese in einem gewaltigen Feuerball, brennende, zäh fließende Flüssigkeiten verspritzend, die sich einer verzehrenden, todbringenden Flut gleich auf den Dächern der Burg verströmten, glühend heiß in jede Ritze, jede Öffnung tropften, verheerende Brände entfachend…

…Einer der Flugkörper durchschlug den morschen Dachstuhl der einstigen Pulverkammer, eine dröhnende Explosion erfolgte, welche die weitläufige Residenz in ihren Grundfesten erschütterte und erbeben ließ, als sich die trockenen, leichtsinnigerweise nicht beseitigten Munitionsreste entzündeten…

… Im Haupthof verharrte der Kommandant der herzöglichen Streitkräfte, voller Entsetzen nach oben starrend. Endlich kam wieder Leben in ihn, er führte die Hände trichterartig zum Mund und bellte: „Die Burg brennt! Der gesamte Westflügel steht in Flammen! Alle Mann zum Löschen nach oben! Bildet Eimerketten! Nehmt Decken mit und Sandsäcke! Schnell! Schnell, ihr verdammten Söhne einer fünfköpfigen Dämonin!“…

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… Wir spürten ein Vibrieren und Beben des gefliesten Bodens unter unseren Füßen. „Das ist unser Zeichen!“, schrie ich, „Hadum’maith’s Luftangriff ist erfolgreich verlaufen!“ In der Linken den Knüppel, in der Rechten die entsicherte Pistole haltend stürmte ich, von Mauthin und Minthau geführt, meine Freunde dicht auf den Fersen, durch finstere, verwinkelte Korridore und Gänge bis an den Fuß einer endlos scheinenden Wendeltreppe. „Dort hinauf!“, gellte der K’auth. Doch Mauthin gebot schmunzelnd Einhalt. „Da müsst ihr hoch, sicher. Aber das könnt ihr auch einfacher haben.“…

… Wird fortgesetzt…

 

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Die Rebellen von Varashon (Teil 80)…

… Wir kauerten auf einem sehr schmalen Felssims unter dem östlichen Ende der Schlossbrücke, welche die Hauptstadt mit der mächtigen, hoch aufragenden Festung verband, und die für uns Rebellen mit so viel traurigen und erschütternden Erinnerungen verbunden war. Wir trugen inzwischen hauchfeine, tiefschwarze, eng anliegende Anzüge, und hatten die Gesichter mit Russ beschmiert. Das Gebräu der Llewsorianer hatte tatsächlich nach zwei Tagen an Wirkung verloren, all die entstellenden eitrigen Pustel, offenen Geschwüre und schuppigen Hautstellen waren wie durch Zauberhand binnen weniger Minuten verschwunden. Es herrschte stockfinstere Nacht, knapp über unseren Köpfen patrouillierte die Wachmannschaft unermüdlich auf und ab. „Sie sollen aus der Luft kommen, so heißt es seit Tagen schon bei der Dienstbesprechung. Mit Flugdrachen oder so was ähnlichem.“, ließ sich einer der Soldaten vernehmen. Die anderen lachten grob auf. „Pah! So ein Unsinn! Also, manchmal frage ich mich schon, ob unser Allerehrwürdigster Herrscher im Oberstübchen noch ganz sauber ist.“ Ein beipflichtendes, mehrstimmiges Knurren und Grunzen beendete die kurze Unterhaltung, die Posten nahmen ihre eintönige Wanderung wieder auf…

… Minthau, die geschmeidig vorneweg getigert war, reckte das Köpfchen. „Das Luftschiff kommt.“, ließ sie lautlos vernehmen. Wir starrten sie ungläubig an. Sie sträubte ungehalten die Schnurrhaare. „Was! Ich bin eine Katze! Meine Ohren sind ungleich besser als die euren!“…

… Während wir uns als Seuchentransport getarnt wie vorher gesagt unbehelligt durch Varashon bewegt hatten, planten Hadum’maith und seine Besatzung, das Herzogtum sowie die Haltrauth-Berge zu überfliegen, und über der Dra’a’anat kreisend erneut in etwa zehn Kelpias Höhe aufzusteigen, um sich dann unbemerkt der Hauptstadt und der herzöglichen Burg nähern zu können. Unseren Wagen hatten wir noch vor Sonnenaufgang in einem schier undurchdringlichen Getreidefeld versteckt, und dem wackeren Gaul die Freiheit geschenkt…

… Lahl’lil machte sich, den gefährlich ausgesetzten, engen Felsabsatz entlang kriechend, auf den gefährlichen Rückweg zu jener kleinen Kaverne unterhalb einer kühn vorspringenden Zunge des Schlosswaldes, welche auf jener der Stadt zugewandten Seite des schlundartigen, ausgetrockneten Burggrabens lag. Wir folgten ihm, sorgsam darauf bedacht, jeden Laut zu vermeiden. Meister Lempstein, der uns nach Sonnenuntergang durch das dschungelartige Dickicht hierher geführt hatte, erwartete uns vor Tatendrang förmlich fiebernd. Ihm zu Füßen lag der vorsorglich betäubte, geknebelte und gefesselte Ssimlang…

… „Es ist so weit!“, hauchte der K’auth. Wir nahmen die geladenen Pistolen auf, von denen wir nur im äußersten Notfall Gebrauch zu machen gedachten, befestigten Knüppel aus dem sehr elastischen Holz des Paith-Baumes und lange, aufgerollte Lickxi-Rindenfasern, die sich sehr gut als Fesseln eigneten, an unseren Gürteln. Dann sahen wir uns tief in die Augen. „Freiheit für Varashon! Möge die wahre und gute Kraft unsere Herzen erfüllen, unsere Sinne schärfen und unsere Schritte lenken!“ Der Falkner wuchtete sich den ehemaligen Hofnarren auf den Rücken, und stieg als erster hinab in die schier bodenlose Schlucht…

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… Ein übervorsichtig nach allen Seiten lugender dunkler Schatten huschte mit eingezogenen Schultern den Kerkergang entlang, ein hochgewachsener Mann, gänzlich in einen weiten, schwarzen Überwurf gewandet, dessen Kapuze das Gesicht völlig verbarg. Staunend schnupperte Mauthin, gut in ihrer Mauerlücke verborgen, mit eifrig zuckendem Näschen dem durchaus wohlbekannten Duft eines aufdringlichen Parfums hinterher, und verfolgte die Szene auf’s höchste gespannt mit ihren Blicken. Der Unbekannte war an Rondena’s Zelle angelangt, er nestelte unter seinem Umhang einen klobigen Schlüssel hervor, mit dem er nach anfänglichen Schwierigkeiten die Pforte des Gelasses öffnete. Die Gefangene war aufgesprungen und hatte sich zu Tode erschreckt in die hinterste Ecke geflüchtet. Ihr seltsamer Besuch warf ein sorgsam zusammen gerolltes Stoffbündel auf das Stroh des Lagers. „Hier – das ist für Euch. Ihr werdet dank Eurer verfluchten Fertigkeiten schon die richtige Verwendung dafür finden.“ Rondena fasste sich und nickte der verhüllten Gestalt zu. „Zommiak, Kammerdiener des Herzogs, ich bin sehr erfreut, dass Ihr den Mut und die Klugheit habt, die Seiten zu wechseln.“ – „Diese Bestie hat meinen besten Freund hinrichten lassen – eines ironischen Scherzwort wegen, das er angetrunken im Offizierskasino von sich gegeben hat. Der Tyrann hat mich mehr als zwanzig Jahre lang Tag für Tag gepeinigt, gedemütigt und verhöhnt, und um meinen gerechten Lohn betrogen, ich habe das alles ertragen. Doch nun ist’s genug.“ Sprach’s, wandte sich um und entfernte sich mit raschen Schritten, die Kerkertür zwar hinter sich zu ziehend, aber nicht mehr verriegelnd. Mauthin machte sich, einer Ahnung folgend – „Meine Schwester! Meine geliebte Schwester ist nah!“ – ebenfalls auf den Weg durch das düstere Labyrinth der unterirdischen Gänge…

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… Seit mehr als einer Woche hatte Herzog Halpenstein sein geräumiges Empfangs- und Schreibzimmer kaum verlassen. In all diesen langen Tagen und Nächten hatten ihn die Mannen seiner auf die doppelte Anzahl verstärkten Leibgarde nicht eine Minute schlafend gesehen, und doch wirkte der Herrscher Varashons überaus wach, voll konzentriert und berstend vor Kraft…
… Hoch über der Burg, auf den Dachfirsten, zahlreichen Türmchen und Erkern hatten sich auf Geheiß des Herzogs Soldaten verschanzt, die unablässig mit starken Fernrohren den Himmel beobachteten. Bereits mehrmals hatte es Fehlalarme gegeben, als furiose Lichtschweife hinter sich her ziehend Sternensteine über das Firmament gejagt waren…
… Die Fenster und Luken des verlassenen Westflügels waren sperrangelweit geöffnet, in den Räumen hielten sich bis an die Zähne bewaffnete Scharfschützen auf, bereit, mit einem infernalischen Kugelhagel jedem unbefugten Eindringling unverzüglich das Leben zu nehmen. Doch über Kardachen’en, unter einem vom sommerheissen Vortag aufgeheizten, sternenübersäten Himmelsbaldachin war es ruhig, friedvoll, geradezu langweilig ereignislos…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 79)…

… Als der Morgen anbrach, machten Adlanat – mir fiel es trotz aller Vertrautheit nach wie vor schwer, in ihm meinen Vater zu sehen – und ich uns auf den langen Weg in die nächst gelegene Ortschaft. Wir hatten vor, dort ein Fuhrwerk samt starkem Pferd zu erstehen. Meine Gefährten und ich wussten nun, wie wir uns am gefahrlosesten der Hauptstadt Varashon’s nähern konnten – als Krankentransport getarnt. „An einen Wagen voller Leute, die an der gefürchteten und sehr ansteckenden Faulseuche leiden, wird mit Sicherheit kein Soldat Hand legen, ganz im Gegenteil, man wird uns allerorten ungehindert passieren lassen.“, gab Pirak, der Knappe, zu bedenken, und wir zollten ihm lauten Beifall für seinen genialen Einfall…

…Gegen Mittag erreichten wir einen größeren Weiler. Das Glück war uns hold, gleich am Ortseingang befand sich ein Pferdehändler, in dessen Remise eine stattliche Ansammlung robust wirkender Fuhrwerke stand. Wir wählten einen ausladenden, geschlossenen Wagen, und ein schier turmhohes, überaus kräftig gewachsenes Pferd mit eimergroßen Hufen. „Mein Stärkster!“, lobte der vierschrötige, dunkel sonnenverbrannte Mann, und tätschelte stolz den Widerrist des Tieres. „Er wird auch eine ordentliche Ladung zu ziehen haben.“, spottete Adlanat mit wieherndem Lachen. „Jaaaaa!“, gröhlte ich, „Unsere Weiber! Eine Base heiratet am Wochenende in Siriak – schönes Städtchen, solltet Ihr Euch einmal anschauen! – und da müssen wir unseren ganzen Weiberhaufen hin kutschieren. Wir sind wandernde Reisigsammler, und haben zwei Wegstunden von hier unser Lager nahe der Tainnik-Furt aufgeschlagen.“ Der Handel ging reibungslos, und mit etlichen kräftigen, unflätigen Witzen gewürzt, vonstatten. Wir spannten den rotbraunen Wallach vor, erklommen den Kutschbock, schlugen zunächst den Weg zum Flüsschen Tainnik ein, um etwaige misstrauische Verfolger in die Irre zu führen, und kehrten schließlich, mühselig einem Pfad folgend, der viel zu schmal und zu holprig für unser neu erstandenes Transportmittel war, zur gut verborgenen Lichtung zurück…

… Den späten Nachmittag verbrachten die Llewsorianer damit, uns mithilfe eines nicht gerade Vertrauen erweckenden Trunks, welchen sie aus Ingredenzien des kleinen Kofferlabors Hadum’maith’s zusammengebraut hatten, und dessen erschreckende Wirkung spätestens nach zwei Tagen nachlassen sollte, äußerlich so zu entstellen, dass wir tatsächlich wie an der gefürchteten Faulseuche Erkrankte aussahen. Als die Nacht herein brach, teilten wir uns wie besprochen auf: Hadum’maith, die Llewsorianer, die beiden Studenten, der Leibkoch, Oberst Padruuut und die Dienerschaft verblieben an Bord des Luftschiffs, Pirak, der K’auth, Meister Lempstein, der sich heftig sträubende Ssimlang – „Nein, dieses Gesöff kommt mir nicht über die Lippen! – Und nein! Ich bin NICHT Die Stimme, verdammt noch mal! Ich – kann – gar – nicht – singen!“ – sowie Adlanat, Hadraa’ina – „Ich weiche nicht von deiner Seite, Liebster! Keine Widerrede!“ – meine Schwester und ich würden uns auf den gefahrvollen Weg zunächst Richtung Edelzhiven machen, der sogenannten Heil- und Versorgungsstation. „Wer dort eingeliefert wird, kehrt niemals wieder zu den Lebenden zurück. Tag und Nacht qualmen dort die Schornsteine, und im Umkreis von zehn Kelpias riecht es ständig nach verschmortem Menschenfleisch.“, beantwortete Oberst Padruuut heiser zwischen den Zähnen hervor stoßend die Frage meiner Schwester…

… Hadum’maith umarmte uns der Reihe nach, und küsste seine widerspenstige Tochter inniglich auf die Stirn. „Mein Herz, gib ja acht auf dich!“ Er wandte sich an mich: „Bringt sie mir bitte, bitte heil wieder, Großfürst!“ Er maß uns mit einem leuchtenden Blick aus seinen kleinen, flinken Äuglein, sein silbern schimmernder Haarschopf stand wie stets energiegeladen in sämtliche Himmelsrichtungen ab, dann nickte er uns zu, die geballten Fäuste gen Himmel reckend. „Freiheit für Varashon! Auf bald!“ – „Freiheit für Varashon!“, erwiderten wir wie aus einem Munde, bevor wir die Kutsche bestiegen und unsere Plätze einnahmen. Meister Lempstein hatte sich in einen weißen Umhang gehüllt, in welchem er aussah wie einer der berüchtigten Seuchenärzte Halpensteins. Nachdem er sich von Whin-Whin verabschiedet und diesen auf den Flug Richtung Kardachen’en geschickt hatte, kletterte er auf den Bock und griff nach den Zügeln und der Peitsche. Durch die Fenster konnten wir sehen, wie Hadraa’ina’s Vater die Motoren des Luftschiffes startete, das riesige Fluggerät die Nase hob und alsbald in den finsteren Nachthimmel entschwunden war. Meister Lempstein ließ die Peitsche auf das ausladende Hinterteil unseres Zugtieres klatschen und schnalzte dazu mit der Zunge. Langsam und rumpelnd, hin und her schwankend setzten wir uns in Bewegung…

…Wir hatten kaum die Lichtung verlassen, da vernahmen wir unter einer der Sitzbänke ein leises Scharren, des K’auth’s große, grau getigerte Katze kam zum Vorschein. Sie reckte und streckte sich ausgiebig und sprang dann dem Herrscher von Kalkadiass auf den Schoß. „Minthau! Verdammt noch mal! Was machst du hier!“ – „Ehrwürdigster, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich jetzt in Stich lasse, da du dich in so furchtbare Gefahr begibst?“, erwiderte das gewitzte vierbeinige Wesen und himmelte Lahl’lil aus unwiderstehlich großen, grünen Augen an. „Außerdem brenne ich doch so sehr darauf, endlich meine liebe Schwester Mauthin wieder zu sehen!“ – „Hach, na gut, ich kann dich ja schlecht hier aussetzen. Aber versteck dich bitte, sonst nutzt unsere ganze Tarnung nichts.“, brummte mein Freund übel gelaunt. Minthau tat so, als hätte sie den Befehl nicht gehört, mit größtem Interesse beäugte sie unsere dank des widerlichen Getränks der Llewsorianer furchtbar entstellten Gesichter. Doch dann scheuchte unser ungefüges Zugpferd einen schlafenden Gingroch auf, einen mannsgroßen Vogel, der in den Grenzwäldern von Nithian und Varashon beheimatet ist, keine Nester baut, bevorzugt auf Lichtungen brütet, und seine Küken in Hauttaschen auf den Oberseiten der Flügel herum trägt, bis sie flügge sind. Das Federvieh stob wild heulend und trompetend davon – und von der grau getigerten Katze ward nichts mehr zu sehen…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 78)…

… Drei Tage und drei Nächte lang ritten wir mit höllischer Geschwindigkeit und Furcht in den Eingeweiden auf dem Rücken der Luftströmung, die ungebärdigen Winde drohten des Öfteren, das fragile Luftschiff in tausend Fetzen zu zerreißen. Dann kam Hadum’maith aufgrund des Studiums seiner Karten und der Bestimmung der Gestirne zu dem Schluss, dass wir das an Varashon angrenzende Fürstentum Nithian schon gut zur Hälfte überquert haben mussten. Es war an der Zeit, den Sinkflug einzuleiten, an einem gut verborgenen Ort zu landen, und die letzten Vorkehrungen für unseren Putsch zu treffen. Es kostete Hadum’maith und Lahl’lil, Virrilh und Iree’boin, die nun zu Viert das Steuer des Luftschiffs übernommen hatten, viel Kraft und Geschick, unser Gefährt aus dem ewig gellenden Sturm heraus zu manövrieren. Doch endlich glitten wir tiefer, und konnten die auf Dauer unbequem gewordenen Atemmasken wieder abnehmen…

… Es herrschte finstere Nacht, als wir auf einer leicht ansteigenden, holprigen Lichtung inmitten eines weithin sich erstreckenden Waldgebietes den Ausstieg öffneten und die Treppe anlegten. Tief und durstig die kühle, würzige Luft in unsere Lungen trinkend trampelten wir auf und ab, um die steigen Gelenke zu lockern. Lempstein krallte sich unvermittelt in den dicken Stoff meiner Jacke. Mit gerunzelten Brauen versuchte er angestrengt, das Dunkel ringsum zu durchdringen. „Was habt Ihr, Meister?“ – „Whin-Whin, mein Adler – er ist in der Nähe, ich kann ihn fühlen!“ Lahl’lil musterte ihn erstaunt. „Das kann nicht sein, mein Freund. Euer Raubvogel dürfte mittlerweile längst in Kalkadiass angelangt sein.“ – „Doch, doch, er ist hier! Ich muss ihn suchen!“ Der Falkner stolperte zurück in das Luftschiff, kurz darauf kam er wieder zum Vorschein, ein großes Glimmlicht bei sich tragend. Adlanat und der K’auth nickten mir zu. „Allein geht hier niemand irgendwo hin. – Kommt, wir begleiten ihn.“..

… So marschierten wir, vorsorglich entsicherte Feuerwaffen mit uns tragend, durch das dichte, mit Dornen und Widerhaken bewehrte Unterholz. Lempstein stieß von Zeit zu Zeit einen kaum hörbaren Pfiff aus. Wir lauschten angestrengt, konnten allerdings außer unserer Atemzüge und dem Knacken trockenen Geästs unter unseren Füßen nichts vernehmen. Unser Freund jedoch schien die weitaus besseren Ohren zu haben. Mit einem hastig gehauchten “Dort drüben ist er!” preschte er los, über Stock und Stein…

… Als wir eine kleine, kraterähnliche Senke erreichten, sahen wir im Schein des Glimmlichts tatsächlich den zweiköpfigen Adler. Er hatte die beiden Häupter mit den klug und scharf blitzenden Augen uns zugewandt, die Flügel schützend über einen großen, geflochtenen Korb gespreizt. Ich konnte trotz der Dunkelheit hektische Bewegungen darin ausmachen, stoßende kinderkleine Hände und Füße, hin und wieder kam ein absonderlicher Kopf zum Vorschein. “Whin-Whin!” –  “Die Llewsorianer!”, stießen der K’auth und Lempstein zugleich hervor. Wir sprangen in die Mulde. Der riesige Adler krächzte laut – und sehr erleichtert, wie es schien – ließ von seiner Last ab, und flog auf den ausgestreckten Arm des Falkners, der ihm beruhigend und kosend murmelnd das Federkleid der breit gewölbten Brust streichelte…

… Dem Korb entstiegen die absonderlichsten Lebewesen, die ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Sie trugen riesige, vollkommen kahle Köpfe mit übergroßen, tiefschwarzen Augen auf den schmalen Schultern, hatten grotesk dünne Arme und Beine, Hände mit schier endlos langen, zartgliedrigen Fingern und kleine, tonnenförmige Körper. Der K’auth sank auf die Knie, die Zwei stürmten auf ihn zu, umarmten ihn stürmisch, und ließen dazu Laute vernehmen, die sich wie das Zwitschern einer exotischen Vogelart anhörten. Zu meinem großen Erstaunen schlug Lahl’lil die gleichen Töne an. Es entspann sich eine aufgeregte Unterhaltung zwischen den Dreien…

… Das erste, was wir vernahmen, als wir mit den Llewsorianern und dem Adler das Luftschiff erreicht hatten, war des K’auth’s Leibkatze Minthau, die sich auf der obersten Stufe der Treppe stehend wie eine Furie gebärdete, spuckte, wild fauchte, und mit dem Schwanz hin und her peitschend einen sehr beeindruckenden Buckel machte. Lahl’lil stapfte kurzerhand hoch, packte seine vierbeinige Beraterin im Nacken, und verstaute sie in seinem Gemach. “Was erlaubst du dir!”, schrillte die Katze, “Geht man so mit einer altgedienten, langjährigen Vertrauten und Respektsperson um?!” Eine Weile schien die Vierbeinerin in dem abgesperrten Raum alles kurz und klein zu schlagen, doch dann kehrte Ruhe ein. Unser Freund schmunzelte. “Da hat jetzt die Neugierde gesiegt. Ich gehe jede Wette ein, daß Minthau jetzt dicht an der Türe hockt, und beide Öhrchen ganz konzentriert spitzt.”…

… “Es gibt sie also wirklich.”, murmelte meine Schwester, als sie der Außerirdischen ansichtig wurde. Hadum’maith nickte mit glänzenden Augen. “Aber natürlich!” – “Auf der Erde sind ungezählte Geschichten über sie im Umlauf. Die meisten Menschen dort tun diese als Märchen, Lügen, oder gar Halluzinationen ab. Oft werden sie als blutrünstige und skrupellose Eroberer dargestellt, hin und wieder auch als sehr gutherzig und uns weit überlegen. Es existieren Tausende Filme über sie.” – “Filme? Was ist das?” – “Bewegte Bilder.” – “Ach! – Sagt, Großfürstin, was wisst Ihr darüber? Könnt Ihr mir das erklären?” Der K’auth packte Hadraa’ina’s Vater bei den Schultern und zog ihn von Lutania-Nasieliel weg. “Später, mein Freund! Jetzt sind andere Dinge weitaus wichtiger! Nachdem, was mir die Llewsorianer berichtet haben, hat man uns und unser Angriff auf die Burg Halpensteins verraten. Wir müssen uns eine neue List einfallen lassen. Ich fürchte, dies wird wieder einmal eine lange und schlaflose Nacht werden.”…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 77)…

… Ich stand am Waschtisch in der kleinen Kabine des Luftschiffs, welche Hadraa’ina und ich uns teilten und starrte in den Spiegel. Bei allen Göttinnen und Göttern, ich war wieder jung! Jung und sehr ansehnlich! Noch vor wenigen Stunden hatte mich die Last meines hohen Alters bedrückt, die fast schon einer Gewissheit gleichenden Ahnung, dass ich dieses unglaubliche, irrwitzige Abenteuer keinesfalls überleben würde, dass meine letzten Tage angebrochen seien – und nun hatte ein magischer Trunk mich körperlich in die Mittzwanziger zurück katapultiert. Ich musterte dieses seit so langem schon nicht mehr gesehene Gesicht und die Erinnerungen schlugen unvermittelt über mir zusammen wie die Wogen eines ungestümen Ozeans. Die Lehrjahre – vor langen Jahren schon in die Anderwelt eingegangene Jugendfreunde – furiose Auseinandersetzungen mit dem Vater Joylan, einem strengen, aber gerechten, wenn auch zu konservativen Mann – meine Heirat – das Antlitz meiner Frau erstand klar und deutlich vor meinem inneren Auge – die Geburten unserer zwei Söhne – der Kerker, und ihre abgezehrten, ausgemergelten Leiber darin mit den tief in den Höhlen liegenden Augen, die stumpf vor Qualen geworden waren – das Geräusch des Fallbeils, als der Henker sie enthauptete – die unendlichen, langen Jahre der Flucht, des Entwurzeltseins, der Entbehrungen – das Schreien, das Entsetzen der Kampfgefährten, als so viele von ihnen an der Schlossbrücke dahin gemetzelt wurden… Ein tierhaftes Stöhnen drang aus meiner Brust. Unbändiger Hass auf Halpenstein stieg in mir hoch, brannte in meinen Eingeweiden, ergriff mich einem Fieber gleich, machte mich nach Rache dürsten. Ich war kein hinfälliger Greis mehr, sondern erneut ein Mann in den besten Jahren – und ich würde ihn bluten lassen für alles, was er mir und den Meinen angetan hatte! Fassungslos barg ich den Kopf in meinen Händen…
… Meine Liebste trat an mich heran und umschlang mich sanft mit ihren Armen. „Du wirst dich schon bald daran gewöhnt haben, Grismiol – oder soll ich dich mit deinem Kindnamen Nasieleng nennen?“ Sie zwinkerte scherzhaft und in ihren Wangen zeigten sich kleine, entzückende Grübchen. „Das ist es nicht, Stern meines Herzens, das ist es nicht.“, flüsterte ich, „Ich habe große Angst, dass diese äußerlichen Veränderungen mich, meinen Charakter, meine Seele ungut beeinflussen werden.“ Hadraa’ina musterte mich mit ihren großen, wunderschönen, leicht angeschrägten Augen. „Inwiefern?“ – „Als ich mich gerade im Spiegel betrachtete, fühlte ich einen so gewaltigen Hass auf den Herzog in mir, eine nie gekannte Mordlust, ein ungezügeltes Verlangen, blutige Rache zu nehmen.“ – „Du wirst das überwinden, Liebster. Und bald schon werden deine Bedachtsamkeit, innere Ruhe und Weisheit, Gelassenheit und Reife wieder die Oberhand gewinnen. Du bist viel zu besonnen, zu empfindsam, zu nobel, zu reif, um dich ohne Hemmungen einem Blutrausch hinzugeben.“…
… Sie fuhr mit den Händen durch meinen Schopf, küsste sanft meine Stirn, die Schläfen, die Wangen, ihre Lippen suchten behutsam die meinen, wurden fordernder, inniger. Wieder entbrannte ein loderndes Feuer in mir – doch diesmal war es kein Zorn, kein Durst nach Vergeltung, sondern der Strudel einer schier den Atem beraubenden, jugendfrischen Sinnlichkeit…

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… „Wir werden WAS???“, kreischte es durch die dünnen Wände der Kabine. Hadraa’ina verdrehte die Augen himmelwärts. „Oh, nein! Ssimlang!“ Sie erhob sich von unserem Lager und öffnete die Tür. Wir traten in den Hauptraum. Meister Lempstein und Hadum’maith hatten versucht, dem ehemaligen Hofnarren mit behutsamen Worten den Fortgang unserer Reise zu erklären. Der kleine, von den Geschehnissen sichtlich völlig überforderte Mann stand mit wild gesträubten, roten Haaren, kreidebleich und weit von sich gespreizten Händen in eine Ecke fern der Fenster gedrückt, Blicke randvoll mit Entsetzen in alle Richtungen schleudernd. „Noch HÖHER fliegen???“ Hadum’maith nickte. „Wesentlich höher.“ – „Nein, nein, nein! Ich mach’ das nicht mit!“ – „Kommt schon, Ihr seid Ssimlang Die Stimme…“ – „Hört gefälligst auf mit diesem Nonsens! Ich bin nicht Die Stimme! Ich kann überhaupt nicht singen! Ich…“ Er verschluckte sich und begann, heftig zu husten. Lempstein nutzte dies aus, trat herbei und versetzte ihm einen festen Fausthieb. Ohnmächtig brach Ssimlang zusammen. Der Falkner hob ihn hoch und und warf ihn sich über die Schulter, als wäre er ein Sack Tronk-Futter. Er brachte ihn in seine Kabine und fesselte ihn wohlweislich. Hadraa’ina verabreichte ihm ein starkes Beruhigungsmittel und setzte ihm eine der Atemmasken auf…
… Wir nahmen an den Fenstern Platz, jeder hielt nun eine Maske und die dazu gehörige Luftflasche in den Händen, und beobachteten, wie wir langsam aber stetig an Höhe gewannen. Nach einer Weile waren wir oberhalb der Wolken. Das Firmament hatte eine tief dunkelblaue Färbung angenommen. Weiter stiegen wir, immer weiter, bis wir das Glitzern einzelner Sterne erkennen konnten. Schließlich fühlten wir, dass uns das Atmen schwer zu fallen begann, wir stülpten uns Tarkum’s geniale Erfindung über die Köpfe, zurrten sie fest und öffneten, genau den Anweisungen des Hohepriesters folgend, die Behältnisse mit der auf geheimnisvolle Weise hinein gepressten Luft. Einem wuchtigen Schlag gleich, der in die Seite des Fluggeräts rammte, ergriff uns die Met’lliaf-Strömung. Das Luftschiff schwenkte ächzend und knirschend die stumpfe Nase gen Westen, dann wurden wir von dem stetigen, rasenden Sturmwind erfasst und mitgerissen…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 76)…

… Jenseits der scharf gezackten Shilouette der Insel des Diamantenen Bergs hob sich die Sonne bereits aus den silbern schimmernden Fluten des Ozeans, als unsere lebhaften Beratungen endlich zum Abschluss kamen. Tarkum hatte erwähnt, daß sich an der Westseite des hoch aufragenden, abweisend zerklüfteten Eilands eine schmale, lang gezogene Bucht befände, aus der sich bei Ebbe stets das Meer zurück ziehen würde, so daß dort das unermüdlich im Zenit kreisende und kreuzende Luftschiff gefahrlos niedergehen und uns an Bord nehmen konnte. Während meine Gefährten, meine Schwester und ich mit vor Müdigkeit brennenden Augen beobachteten, wie die wild schäumenden Wassermassen zusehends zahmer und seichter wurden, und endlich den sandigen Grund völlig frei gaben, übermittelte der K’auth mittels sehr geheimnisvoll anmutender Lichtzeichen eine Botschaft an die beiden Studenten, welche unser vertrautes Fluggerät steuerten…

… “Jeder Bewohner Kalkadiass’ muss schon in früher Kindheit diese Lichtsprache erlernen.”, erläuterte Lahl’lil, an Lutanial gewandt, zu der er sich augenscheinlich sehr hingezogen fühlte. “So verständigen sich unsere Karawanen in den schier unendlichen Weiten der Dra’a’anat, der Großen Wüste.” Meine Schwester nickte. “Auf jenem Planeten, auf welchem meine Seele während der langen Jahre des Fluchs geweilt hatte, hat es lange Zeit so etwas Ähnliches gegeben – Morsezeichen wurde es dort genannt.” Hadum’maith, der in der Nähe stand und diese beiläufige Bemerkung eher zufällig mitanhörte, zwirbelte eifrig seinen Schnauzbart, seine unordentliche silberweiße Mähne begann sich zu sträuben, als würde eine seltsame Kraft sie aufladen, in die Äuglein trat ein Glitzern und Funkeln, als er zu Lutania trat. “Ihr könnt euch an euer früheres Leben auf dieser – wie nennt Ihr sie? – Erde? – noch gut erinnern?” – “Aber ja! – Es ist ein sehr erfülltes Dasein gewesen – ich hatte eine wunderbare Aufgabe. In dem Land, in welchem ich aufwuchs und lebte, ist es nicht so wie hier, daß die alten Menschen bis zum Tod im Kreise ihrer Familien bleiben, sehr viele verbringen ihre letzten Jahre in sogenannten Altenheimen, oftmals von ihren Kindern und Kindeskindern in Stich gelassen, als lästig empfunden, abgeschoben und vernachlässigt. Ich habe mich in einem dieser Heime um solche alten Menschen gekümmert, sie versorgt und gepflegt. – Zwei Lebenspartner hatte ich. Dem einen verdankte ich viel Leid, Kummer und Tränen, aber auch eine wunderbare Tochter, die ich zusammen mit meinem zu früh geborenen Enkelsohn zurück lassen musste, als beide in großer Gefahr schwebten. Und der andere Gefährte schenkte mir viele, viele Jahre voller Glück, Liebe und Geborgenheit…” Ihre Stimme wurde dünn und verlor sich im Rauschen des Morgenwinds. Lahl’lil näherte sich und legte ihr den Arm um die Schultern. Er wandte sich an Hadum’maith: “Ich weiß, mein Freund, daß dich tausend Fragen über jene andere Welt plagen. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, sie zu stellen.” Hadraa’ina’s Vater lächelte schief und fuhr Lutania sanft über die Wange. “Natürlich. Vergebt mir – manchmal bin ich so sehr Forscher und Wissenschaftler, daß mich jegliches Taktgefühl verlässt.”…

… Das Luftschiff hatte unterdessen die Nase gesenkt. Rasch kam es im Sinkflug näher, bis es sanft auf dem leicht gefurchten Meeresboden aufsetzte. Wir stapften durch den nassen Sand darauf zu, geflissentlich die glitschigen, wurmähnlichen Meeresgetiere ignorierend, die sich in großer Zahl darauf wanden und schlängelten. Wir trugen mehrere große Kisten mit uns. In einer dieser Truhen befanden sich seltsame, maskenähnliche Gebilde, aus einem gallertartigen, anschmiegsamen Material gefertigt. Die Augenpartien waren mit Glas verkleidet, von den Nasenlöchern führten dünne Schläuche zu großen, flaschenartigen Behältnissen, an den Hälsen waren schmale Gurte angebracht…

… “Die schnellste Art, mit eurem Fluggerät nach Varashon zu gelangen, ist, die Met’lliaf-Luftströmung zu nutzen, einen überaus kräftigen Ostwind. Dafür müsst ihr allerdings mehr als zehn Kelpias hoch aufsteigen. Dort oben ist die Luft so dünn, daß ihr ungeschützt binnen kurzem sterben würdet. Wenn ihr allerdings die von mir und meinen Akkoluthen entwickelten Atemmasken anlegt, dann könnt ihr in dieser Höhe problemlos eine Weile überleben. Ihr solltet so binnen weniger Tage die Grenzen von Varashon erreicht haben.”, hatte Tarkum im Laufe der vergangenen Nacht erläutert…

… Virrilh, Iree’boin, unsere beiden wackeren Studenten, der Koch und die Diener des K’auth hatten den Einstieg und die Luke zum Laderaum geöffnet, die Treppe angelegt und die Kisten verstaut. Wir wandten uns Tarkum zu. Die Sonne hatte sich mittlerweile hinter der wuchtigen Masse des Diamantenen Bergs hervor gestohlen, ihre Strahlen hüllten den Hünen in eine verzaubernde Gloriole aus Licht. Die morgendliche Brise zauste seinen vollen, dunklen Schopf und Bart. Er neigte das königliche Haupt und hob die Rechte mit dem kunstvoll gearbeiteten, spiralförmig geschwungenen Stab zum Segen. Er umfasste uns mit seinem offenen, weisen Blick. “Mögen alle Gottheiten eurem Unterfangen wohlgesinnt sein. – Großfürstin, Großfürst von Varashon,”, er sah Lutania und mir fest in die Augen, “Weisheit, Liebe, Toleranz, Großmut und Weitsicht seien mit Euch an jedem Tag Eurer Regentschaft. – Unsere Gebete werden von nun an euch gelten, Rebellen von Varashon. – Reist wohl!” Er wandte sich ab und stapfte mit weiten, kraftvollen Schritten durch die Bucht dem schroffen, felsigen Ufer zu…

… Wird fortgesetzt…

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