Begegnungen im Park (Teil 33)…

… Es galt an anderes zu denken als vielleicht süße Liebesbande zu knüpfen. Wegen ihrer südtirolerischer Herkunft sind die Kandertz während des NS-Regimes als “Volksdeutsche” registriert gewesen. Im Jahre 1951 lief ihre sogenannte Kennkarte ab, sie mussten sich nun entscheiden, ob sie in Zukunft Deutsche, Italiener oder gar Staatenlose sein wollten. Die Eltern entschlossen sich ohne jegliche Diskussion dazu, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, sie hegten nicht im Geringsten die Absicht, jemals wieder dauerhaft in die mittlerweile fremd gewordene Heimat zurück zu kehren, zudem wollten sie ohne mühseligen behördlichen Aufwand die “Möwe” als Pächter weiter führen. Anders lagen die Dinge bei ihrem Sohn. Als Deutscher stand ihm bevor, eines nicht allzu fernen Tages in die eben im Aufbau befindliche Bundeswehr eingezogen zu werden. Die Abscheu gegen “von oben” ausgeübter und daher in Frage zu stellender Autorität war in dem jungen Mann nach wie vor tief verwurzelt…

… “Jetzt stell’ dir nur vor, da ist so einer, der im wirklichen Leben nix taugt, der kein Rückgrat hat, sich vielleicht dreht wie ein Fahnderl im Wind, und der ist durch welche Umstände auch immer ein Offizier oder Feldwebel oder sonst einer, der Kommandos erteilen darf, egal, wie unsinnig sie auch sein mögen, und der baut sich vor mir auf und bellt mich an: ‘Kandertz, putzen Sie mir gefälligst die Stiefel, und Kandertz, machen Sie dies, und jenes, und Kandertz, jetzt steh’n Sie mal ordentlich stramm, werfen sie sich in den Dreck! – Ich kann das nicht! Ich kann doch niemandem eine solche Macht über mein Leben erlauben! Ich will meine guten Entscheidungen selber treffen, und ich will auch meine Fehler selber machen und verantworten, und mir selber Rechenschaft darüber ablegen, wann’s mir passt! – Ach, ich hasse es ganz einfach, wenn ich mich von jemandem gängeln lassen muss, wenn mir jemand Befehle erteilt!” Der Vater wiegte das Haupt und maß ihn schmunzelnd, aber durchaus verständnisinnig. “Ja, dann musst halt Italiener werden.”…

… Sein dunkles, annähernd kahlköpfiges, in einen eleganten Anzug gewandetes Gegenüber überschüttete ihn in einer kargen Amtsstube des italienischen Konsulats mit einer wahren Flut wundervoll melodischer, rhythmisch klingender Laute und leicht gerollter R’s, von der er allerdings zu seinem Leidwesen nicht das Geringste verstand. Am Ende des schönen, liedhaften Schwalls maßen sich die Beiden äußerst hilflos über den Schreibtisch hinweg. Endlich griff der gediegene Signor aufseufzend zum Telefon und beorderte einen Dolmetscher. Als Geburtsort wurde Rom vereinbart, denn die Ewige Stadt war Bastian immerhin ein Begriff, zudem wollte er keinesfalls als Findelkind gelten. Sebastian wurde in Bastiano umgewandelt und Kandertz in Kanderco. Mit der schwungvollen Unterschrift seines neuen Namens unter die ausgefertigten Dokumente tat sich der junge Rebell selbstredend etwas schwer. Von nun an galt der Sprössling einer südtirolerischen Wirtsfamilie in der bayerischen Landeshauptstadt als italienischer Staatsbürger, auch wenn er so gut wie kein Wort seiner angeblichen Muttersprache artikulieren konnte. Er wurde von den Behörden behandelt wie ein Ausländer, das betraf auch das Beantragen einer befristeten Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die Jahr für Jahr gegen eine Gebühr von zehn Mark erneuert werden musste…

… Wird fortgesetzt…

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Begegnungen im Park (Teil 32)…

… Vorbei war der Wahntraum der Nazionalsozialisten. Die einst so schöne Stadt verkommen zum Trümmerfeld. Noch taub die Ohren vom Bombenhagel. Gesenkt die Augen, schwer von Leid, Entsetzen, Kampf ums Überleben, vor Hunger, Flucht, Sehnsucht nach Frieden und Zukunft. Doch zum Glück gab es beherzte Menschen am rechten Ort. Langsam hob sich der Blick nach vorne. Man richtete sich auf, klopfte den Staub ab. Jetzt bauen wir uns wieder auf! Unvergessen das Schlagwort jener Tage: “Rama dama.” Der zusammen gekarrte, oft genug mit den bloßen Händen transportierte Schutt wuchs zu Hügeln an, die Landschaft vor allem im Norden der Stadt veränderte sich dadurch. Die Amerikaner hatten das Land besetzt. Ein kleiner, enorm willensstarker, redlicher Mann mit stets offenem Ohr für die Nöte des einfachen Bürgers, ein kühler Kopf und sparsamer Rechner namens Thomas Wimmer wurde Oberbürgermeister – und zur Legende…

… Das Schicksal hatte es – gemessen an den Umständen – gut mit der Familie Kandertz gemeint. Lediglich der rückwärtige Anbau der “Möwe” lag seit jener grausamen Bombennacht, die Anni das Leben geraubt hatte, in Schutt und Asche. Noch war allerdings nicht daran zu denken, den Gastbetrieb wieder aufzunehmen, Not und Hunger beherrschten die verwüstete Stadt. Erst Anfang der Fünfziger setzte der Aufschwung ein, die Lebensmittelkarten wurden abgeschafft. Der Wunsch, die unselige Vergangenheit, die teils so grausamen persönlichen Erlebnisse hinter sich lassen zu können, das Verlangen nach unbeschwerter Geselligkeit, Feiern und fröhlichem Genießen, danach, sich endlich einmal wieder richtig satt essen zu können, brachen sich zusehends ihre Bahnen. Die Reifenfabrik “Metzeler” auf der Schwanthalerhöhe öffnete Ende der Vierziger nach erfolgter “Entnazifizierung” erneut ihre Pforten, die Sudkessel der an der Landsberger Straße gelegenen Großbrauerei brodelten und dampften, endlich nahm eine lange “Durststrecke” ihr Ende, statt des unbefriedigenden Dünnbiers fand nun wieder das heiß ersehnte Vollbier seinen Weg in die darbenden Kehlen…

… Bastian zählte mittlerweile zwanzig Lenze. Körperlich ähnelte er seinem Vater, er überragte mit wuchtigem, hohem Wuchs. Sein volles, beinahe schwarzes Kopfhaar gemahnte an die südländischen Vorfahren, die rauchgrauen Augen blitzten, funkelten vor Vitalität und Selbstsicherheit, der buschige, leicht martialisch wirkende Schnauzbart, welchen er sich schon sehr früh hatte wachsen lassen, und dessen Enden er bei jeder Morgentoilette penibel nach oben zwirbelte, verlieh ihm eine leicht verwegen-romantische Aura. Er glich mehr einer jener abenteuerlichen, kühnen Helden farbenprächtiger Hollywoodstreifen, die einer Sintflut gleich die neu entstandenen Lichtspielpaläste der Stadt überschwemmten, denn einem biederen einheimischen Metzger oder Wirtssohn. Manch ein fesches “Froylein” warf ihm unverhohlen schmachtende Blicke zu…

… “Basti, wenn du nur wissen tätst, wie man die Weiber um den Finger wickelt, du könntest glatt der größte Aufreisser weit und breit sein!”, eröffnete ihm eines Abends während einer trinkfreudigen, übermütigen Runde ein alter Freund, einer jener rotzfrechen und dennoch gutmütigen, aufrechten Spielkameraden, mit denen er vor dem Weltenbrand die Gassen und Hinterhöfe des Viertels unsicher gemacht hatte. Doch Bastian war trotz seiner offenen Geradlinigkeit und seines Selbstbewusstseins im tiefsten Herzensgrunde scheu und überaus wählerisch im Umgang mit dem anderen Geschlecht…

… Die Wirtshaustür öffnete sich qualvoll in den Gelenken quietschend, gestoßen und gebeutelt von einer übermütigen, frühherbstlichen Windböe stolperte eine zierliche, in einen unförmigen, abgetragenen, an vielen Stelllen verzweifelt geflickten Landsermantel dick vermummte Mädchengestalt in den Gastraum. Die ungestüm zerrenden Klauen des launischen Wetters hatten aus der hellbraunen, unter einer viel zu großen Baskenmütze versteckten Haarfülle sich kreiselnde und wellende Strähnchen gezupft, sie umspielten ein kindlich ernstes, elfenhaftes, durchscheinend blutarmes Gesichtchen. Die Kleine bahnte sich mit stiller Zielstrebigkeit durch die Schar teils verwegen wirkender, rotbackiger, übermütig lärmender Zecher ihren Weg an die Theke, aus ihrer fest geballten Rechten kullerten einige schweißfeuchte Münzen auf das blank gescheuerte, von unzähligen aufgestützten Ellenbogen fadenscheinig gewordene Holz. “Meinem Vater sind die Zigaretten ausgegangen. Overstolz braucht er – bitte.” Unter scheu niedergeschlagenen blassen Lidern flatterten ihre Blicke über die sich forsch in die Brust werfende jugendliche Schar. Einer ihrer grünlichen Pfeile maß den turmhohen, sich überaus lässig gebenden Bastian und grub sich in sein Innerstes. Wie eine kleine Ewigkeit – ach, so unendlich kurz! – währte diese Musterung. Als das Mädchen gesenkten Hauptes die Gaststube wieder verlassen hatte, kam es dem jungen Metzger vor, als habe sie einen Teil seiner selbst mit sich genommen. “Wer war das eben, kennt ihr sie?” Viel Überwindung hatte ihn diese Frage gekostet, er fürchtete den anzüglichen Spott seiner Trinkgenossen, bangte, sie würden ihn durchschauen und den seltsam seligen, traurigen, besänftigenden, beunruhigenden Aufruhr erkennen, der in seinem Herzen tobte und es sich weiten ließ. “Das ist die Günther Lisa. Wohnt noch nicht lang hier im Viertel. Keine Ahnung, wo sie herkommt, ist wohl eine Aussiedlerin. So weit ich weiss, muss sie für ihren Vater sorgen, der soll im Krieg sehr schwer verwundet worden sein.” – “Ist ein hübsches Mädel, aber’s ist nicht viel los mit ihr. Steckt ihre Nase ständig in Bücher, hockt viel herum, liest und träumt vor sich hin. Ist nixx für unsereins, Bub.” Eine schwere Pranke rüttelte bierselig an ihm…

… Wird fortgesetzt…

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Die Königssee-Piraten…

… Beim Lesen eines Kommentars der lieben Mandy ist mir diese alte, und vor allem wahre, G’schicht aus meiner Heimat wieder einmal in den Sinn gekommen:…

… Am ersten Mai wird, von Blaskapelle, Trachtenverein, Freiwilliger Feuerwehr, Bürgermeister samt Gemeinderat, Pfarrer im Schlepptau einer Schar scheinbar lammfrommer Ministranten, und zahlreichen Schaulustigen geleitet, der festlich geschmückte Maibaum auf den großen Platz vor der “Bergwirtschaft” gebracht, gezogen von vier stämmigen Haflingern, und mit viel Eifer, Geschrei, und Einsatz männlicher Muskelkraft aufgestellt. Anschließend beginnt die Festlichkeit mit allerlei ausgelasener Kurzweil wie Eierlaufen, Würstlschnappen und Sackhüpfen für die Kinder, natürlich Maibaumklettern, Scheibenschießen, Ringlstechen, Schuhplattln und Tanzen für die Erwachsenen, und das dunkel bersteinfarbene, sehr süffige Bockbier fließt in Strömen.

Zumeist. Manchmal aber geschieht es, dass unternehmungslustige Burschen aus einem Nachbarsprengel trotz nächtlicher Bewachung den Baum stehlen. Dieser muss dann unter zähen und langwierigen Verhandlungen und mittels großzügig bemessener Spenden an flüssiger und fester Nahrung ausgelöst werden. Natürlich ist so etwas eine Blamage für das geschädigte Dorf!

Anlässlich der Gebietsreform in den Sechzigern hatte man die beiden Ortschaften Schönau und Königssee vereint. Zwischen den Gemeinden bestanden seit jeher gewisse Spannungen, viele Alteingesessene betrachten auch heute noch diesen seinerzeit unfreiwilligen Zusammenschluss als einen Akt bürokratischer Vergewaltigung.

Unsere lustigste Stammtischclique war die “Milde Dreizehn”. Sie traf sich jeden Freitagabend und brachte gehörig Leben und Frohsinn in die “Bergwirtschaft”. Die jungen, quirligen und ausgesprochen einfallsreichen Männer waren bei uns sehr angesehen, gute, stets fröhliche Gesellen, überaus trink- und auch spendierfreudig. Fast alle waren im Ortsteil Königssee ansässig.

Anfang der Achtziger stiftete die Forstverwaltung den Schönauern einen Maibaum, gefällt auf der Halbinsel von St. Bartholomä, welche sich wie eine grüne Zunge in den tiefdunklen, geheimnisumrankten See schiebt. Einzige Bedingung: Das Geschenk musste selbst abgeholt werden. Auf dem fjordähnlichen Gewässer dürfen seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nur wenige Motorboote fahren: das vom Förster, eines gehört dem Fischer, und das dritte, ein seltsames Gefährt, eine sogenannte Plätte, dem Saletbauern, der damit seine Rinder zum und vom Obersee transportiert…

… Frühmorgens um Vier tuckerte das Motorboot des Forstamtes beladen mit einem halben Dutzend Schönauern über den nachtstillen, tiefschwarzen Königssee. Ihr Ziel war St. Bartholomä. Was sie nicht wissen konnten war, dass unsere umtriebige Wirtshausclique sich durch verwandtschaftliche Beziehungen um viele Ecken den Kahn des Fischers erschlichen hatte, und bereits eine Stunde vor ihnen zur Halbinsel gefahren war.

Die Schönauer legten am Steg an, schulterten ihre stählernen Baumhaken und marschierten Richtung Wald. Kaum hatte das Dunkel sie verschluckt, prischten sich zwei von den Königsseern lautlos an das dummerweise unbewachte kleine Schiff heran. Sie hatten einen meterlangen Schlauch und einen großen Kanister bei sich, saugten aus dem Tank bis auf einen winzigen Rest den Sprit ab und verschwanden wieder hinter dem Bootshaus, wo sie bislang auf der Lauer gelegen hatten.

Eine gute Weile später, inzwischen hatte sich der Himmel zu einem grünstichigen Schiefergrau erhellt, und einige Vögel begannen zaghaft zu singen, kamen die Schönauer zurück, mit vereinten Kräften den Maibaum schleifend. Unter vielfachem “Hauruck!” ließen sie ihn zu Wasser und vertäuten die noch mit Tannengrün bestandene Krone am Heck ihres Kahns. Dann starteten sie frohgemut den Motor und brummten los. Sie kamen nicht sehr weit, nur bis ungefähr zur Mitte des immerhin etliche hundert Meter breiten Sees. Ein letztes Blubbern, die Schiffschraube drehte sich noch einige Male kraftlos und blieb dann stehen. Ratloses Schweigen, und viele hektische, vergebliche Versuche folgten, den Außenborder erneut anzuwerfen.

Dies war der heiss ersehnte Augenblick für die schon ungeduldig hinter dem geduckten Bootshaus Wartenden! Sie brausten Vollgas gebend auf die Schönauer zu, die hilflos auf dem Wasser treibend vor Überraschung und Schreck wie versteinert da saßen. Eines brannte sich ihnen unauslöschlich ins Gedächtnis ein: Das überlegen schadenfrohe Grinsen der wohlweislich mit Russ unkenntlich gemachten Räuber, als diese schwungvoll beidrehten, mit einer Axt das Schlepptau kappten, die hölzerne Fracht mit den Spitzhaken längsseits holten, wendeten und Richtung Ortsufer fuhren.

Mit sehr bleichen Gesichtern, abgezehrt und hohlwangig, völlig übermüdet und schweißgebadet, denn an Bord hatte man nur zwei kleine Notpaddel gefunden, trafen die Schönauer lange nach Sonnenaufgang an der Seelände ein. Aufregung und Empörung schlugen hohe Wellen, die Angelegenheit war ungemein blamabel. Piraterie auf dem Königssee, niemand hatte einen derartigen Handstreich je für möglich gehalten! Kurze Zeit später wurde die erste “Lösegeldforderung” überbracht.

Es war bereits Mittag, als sich endlich der Festzug mit dem freigekauften Maibaum Richtung “Bergwirtschaft” schob. Die Mienen der Teilnehmer waren alles andere als fröhlich, auch die Blaskapelle spielte lustlos und mit vielen falschen Zwischentönen. In Folge des gemeinen Handstreichs wollte sich die Stimmung in der “Bergwirtschaft” trotz aller kunstfertigen und kurzweiligen Bemühungen kaum über den frostigen Nullpunkt heben, und die Wirtsleute grämten sich über den schlechtesten Tagesumsatz seit Menschengedenken.

Da ging es auf der Königsseer Seite, beim “Sulzberger”, schon anders zu, wo die tapferen und kühnen “Piraten” und ihr bewundernder Anhang bis weit in die Nacht hinein sich feiernd schon sehr anzustrengen hatten, um ihre beachtliche Beute zu vertilgen…

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Begegnungen im Park (Teil 31)…

… Der Greis schüttelte den Kopf. “Die Schwester nicht mehr, nein. Ich weiss, dass Sie das grade keinesfalls trösten wird, aber an ihrem Selbstmord trifft Sie nicht die geringste Schuld. Jeder Mensch ist ein kleines, abgeschlossenes Universum für sich, und egal, wie gut oder wie lange man jemanden kennt, wie’s hinter der Fassade einer geliebten Person aussieht, bleibt einem auf ewig verborgen. Wer weiss, was in Ihrer Schwester schon seit langem unterschwellig gegärt hat, was sie so sehr verletzt hat, dass sie im Weiterleben keinen Sinn mehr gesehen hat. Sie hätten da nicht helfen können, glauben Sie mir, dazu wäre ein Facharzt nötig gewesen. Diese ungeheuerlich taktlose, brutale und gedankenlose Art und Weise, wie dieser Karl und seine neue Eroberung wohl mit Alex umgesprungen sind, waren die eiskalten Tropfen, die dann das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Die Ohnmacht dem Schicksal gegenüber, und die Tatsache, am falschen Ort zur falschen Zeit gewesen zu sein, nicht in der Lage gewesen zu sein, zu helfen, wird Sie allerdings bis ans Ende Ihrer Tage schmerzen und verfolgen, auch wenn Sie dieses furchtbare Ereignis noch so gut werden verarbeiten können. – Es tut mir so unendlich leid, Sie haben mein ganzes Mitgefühl. – Was nun Ihr ersehntes Lebensziel angeht, da sind Sie so sehr verbissen davon überzeut, dass es nun auf ewig unerreichbar sein wird. Aber dem ist nicht so! Freilich können Sie mit der lädierten Linken niemals wieder Gitarre spielen, und kein Star werden wie der von Ihnen bewunderte Pat Metheney, aber deshalb brauchen Sie Ihre Berufung zur Musik doch nicht völlig aufgeben! Sie besitzen nämlich noch ein anderes, großartiges Instrument, mein Lieber!” Der Angesprochene runzelte irritiert die Stirn. Bastian deutete auf seinen Adamsapfel. “Ihre Stimme, Martin! Ihre Stimme!” Er wandte sich Simon zu. “Haben Sie Ihren Freund schon einmal singen hören? – Unglaublich! Diese Stimme haut einen um! – Bleiben Sie nur auf der Musikhochschule, Martin, und erfüllen Sie sich Ihren Traum auf eine andere Weise – singen Sie!” Simon versetzte seinem Liebsten einen sanften Stüber. “Er hat Recht.” – “Ach, nein, ich weiss nicht. Ich müsste doch wieder ganz von vorne anfangen.” Der Alte neigte sich Martin zu, unversehens wirkten seine zerfurchten Züge hart, beinahe grausam. “So ist das Leben! Niemand bleibt von Rückschlägen, Neuanfängen verschont, niemand! Und grade Sie sollten doch in der Lage dazu sein, mit solchen Dingen umgehen zu können! Sie sind in Einsamkeit aufgewachsen, jedesmal, wenn man Sie abgewiesen, zurück gestossen hat, mussten Sie wieder von Neuem beginnen! Sie konnten sich so lange Zeit nur auf sich selbst verlassen, da haben Sie ganz tief in sich drinnen doch genügend Chuzpe, wieder einmal einen anderen Weg einzuschlagen. Sehen Sie sich an! Nach allem, was Sie mir anvertraut haben, ist es für mich wie ein Wunder, dass Sie Ihre Vergangenheit derart unversehrt überstanden haben. Weil Sie ein Ziel und eine Hoffnung hatten – und immer noch haben, haben können! Und wer liebt, und Sie sind zum Glück trotz Ihrer Vorgeschichte zur Liebe fähig, kann eine unglaubliche Menge hinnehmen und verarbeiten, ohne zu verzagen. – Martin, betrachten Sie das, was Ihnen in den letzten Tagen zugestoßen ist, auch als die Chance für einen Neubeginn, auch wenn sich das grad recht krass und roh anhört.”…

… Die Blicke des Angesprochenen verloren sich ins Weite, immer noch befangen von tiefstem Leid. Über Simon’s gutherziges Gesicht jedoch legte sich ein Schimmer von Trost und Zuversicht. Dankbar lächelte er Bastian zu, er barg die Rechte seines Freundes in den Händen und drückte sie mit sanfter Kraft. “Das stimmt, was er sagt. Deine Stimme ist einzigartig, geht einem durch Mark und Bein. Da hast du nach wie vor ein mehr als üppiges Talent, das du entfalten solltest. Wenn du das nicht erkennen kannst, oder willst, dann hat dieses – dieses Wesen, das deine Schwester in den Tod getrieben hat, nicht nur ein Leben auf dem Gewissen. Du solltest es ja nicht dazu kommen lassen!” Martin wandte sich, aus der dunklen Leere zurück kehrend, ihm zu. Simon fuhr fort: “Wir kennen uns eigentlich erst kurz, unsere Zeit in Wasserburg nicht mitgerechnet, und doch irgendwie schon so sehr lang, mir scheint, mehr als ein ganzes Leben lang. – Hab keine Angst. Ich will dir keine großartigen, wohlklingenden Versprechungen machen, aber ich werde dir beistehen und helfen, so gut ich nur kann.” Bastian legte seine Linke auf Martin’s Schulter. Einander durch diese lindernden, beherzten Berührungen verbunden, ruhten die Drei auf der Parkbank. Endlich straffte ein tiefes Aufatmen den Körper des jungen Mannes. “Danke! Ach, ich bin so dankbar, dass es Menschen gibt wie euch Zwei. – Nun, dann machen wir also meine Kehle zu meinem Instrument.”…

… Sein Versuch, mit einem Lächeln Hoffnung auszudrücken, mutete zögerlich an. Und auf seinem Antlitz lasteten immer noch Gram, Mutlosigkeit und Verbitterung. Aber in seinen dürren, beinahe tonlos hingeworfenen Worten schwang ein hauchfeiner Unterton von aufkeimender Seelenkraft, vom Sichfügen in das Unabänderliche, von Entschlossenheit. Die Gefährten herzten ihn aufmunternd und erleichtert…

… Simon richtete sich an Bastian: “Was für eine glückliche Fügung, dass Martin in seiner schlimmen Verfassung ausgerechnet auf Sie getroffen ist! – Auch ich bin Ihnen dankbar, mehr als ich mit Worten ausdrücken kann. Sie haben bestimmt ein an Erfahrungen reiches Leben gelebt, und sind nun ein wirklich guter Menschenkenner, fast schon so etwas wie ein Therapeut. – Wie war das eigentlich, als Sie in unserem Alter waren?” Der Greis schmunzelte. “Wollt ihr euch das wirklich antun? – Nun gut, wenn ihr noch ein wenig Zeit habt, will ich euch gerne davon erzählen.” Und durch die Landschaft seines langen Lebens tasteten sich seine Gedanken weit, so weit zurück…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon – Teil 16…

… Der schmale, sehr feuchte und zudem sehr schmutzige Gang endete unter einem mehrere Meter weit überkragenden Felsvorsprung am Grund des zur Zeit trocken gelegten Burggrabens. Ssimlang verzog erschauernd das Gesicht voller Ekel, als er versuchte, sich wenigstens notdürftig zu reinigen. “Über vierhundert Thaler hat dieses Kostüm gekostet – jetzt ist’s wohl ruiniert, jetzt werd’ ich’s wegschmeißen müssen!”, zischelte er zwischen zusammen gepressten Zähnen hervor. “Ich bin aber auch in der Tat ein Narr!”, schalt er sich in Gedanken, “warum habe ich mich nicht ausgezogen, bevor ich mit dieser wahnsinnigen Kletter- und Rutschpartie begonnen hab’! – Warum habe ich mich überhaupt auf diesen gefährlichen Schwachsinn eingelassen!”, fügte er nach einer Weile hinzu, als er vergeblich versucht hatte, mit seinen übergroßen, verwaschen grauen Augen die tiefe Schwärze der Nacht zu durchdringen. Er sehnte das Aufgehen der vollen Zwillingsmonde herbei, obwohl ihn deren strahlend helles Licht in höchste Gefahr bringen konnte…

… Er fuhr zusammen und sein Herz geriet gefährlich aus dem Takt, als wie durch Zauberhand neben ihm eine kräftige, männliche Gestalt plötzlich aus der Finsternis zu wachsen schien. Eine raue Hand legte sich über seinen Mund, um den Schreckensschrei zu ersticken. “Seid still, um der Götter und Göttinnen Willen! Habt keine Angst, ich bin’s!” – “Meister Lempstein?” Der Hofnarr tastete mit fliegenden Fingern über das zerfurchte Gesicht seines Gegenübers. “Wie habt Ihr mich aber erschreckt! Gar nicht gut ist so was für mein kleines, altes Herz, gar nicht gut!” – “Beschwert Euch bei Oberst Padruuud!”, raunzte Lempstein, “Ihr habt also eine wichtige Botschaft für die Rebellen?” – “Eminent wichtig sogar.”, prahlte Ssimlang. Er griff mit der Rechten in die verborgene Brusttasche seines ramponierten Gewandes und zog einen sorgfältig und vielfach zusammen gefalteten Bogen Papier hervor. Der Mann griff hastig danach, riss es dem Narren förmlich aus der Hand, dann ließ er es behutsam in den hohen Schaft seines linken Stiefels gleiten. Meister Lempstein legte Ssimlang die schwere Rechte auf die Schulter und schüttelte ihn leicht. “Ihr habt das nicht umsonst getan, dessen seid unbesorgt. Und nun geht, es ist bereits kurz vor Mondenaufgang. Gebt acht auf Euch!” Er drehte sich um und entschwand genauso leise und unauffällig, wie er gekommen war. Ssamsin zog eine angewiderte Grimasse, als er sich anschickte, den dunklen, schlammigen Gang entlang seinen Rückweg anzutreten…

… Lempstein kletterte geschickt und behende wie eine Katze die beinahe lotrecht abfallende Felswand des Burggrabens empor, in einer stillen Seitengasse zog er sich auf’s unregelmäßige Pflaster, wie ein wildes Tier nach allen Seiten witternd verharrte er am breiten, hölzernen Geländer eine Weile, bevor er zwischen den massiven Balken hindurch kletterte und sich seinen Weg von Schatten zu Schatten suchend entschwand…

… Die beiden silberhell strahlenden Monde standen bereits hoch am Himmel, als Lempstein seinen Hof vor den Toren Kardachen’ens erreichte. Er trat an eine riesige Voliére, die sich an den rückwärtigen Teil des geduckten Wohnhauses schmiegte, und stieß einen leisen, zärtlichen Ruf aus. Ein Rascheln ertönte, danach der heisere Schrei eines Raubvogels. Lempstein streifte sich einen dicken, gepolsterten, ledernen Schutzhandschuh über die Rechte, er öffnete das Gitter, ein riesiger, doppelköpfiger Adler hüpfte auf die geballte Faust, leise gurrend ließ er sich über das matt glänzende Gefieder streichen. Der Mann fischte mit der Linken nach der Metallkapsel, in welcher er in der Zwischenzeit jenes Papier verstaut hatte, das der Hofnarr ihm anvertraut hatte. Dann befestigte er das Behältnis an dem silbernen Ring, der den rechten Lauf des Vogels zierte. “Flieg’ nach Hause, Whin’whin, flieg’ nach Hause!”, befahl er dem Adler. Dieser warf ihm mit dem linken Kopf einen durchdringenden Blick aus den scharfen, dunklen Augen zu, das rechte Haupt hob sich prüfend gen Himmel, ein kurzer Schrei, ein Rauschen, das Geräusch schlagender Flügel, im kalten, beinahe taghellen Glanz der Monde kreisend gewann der Raubvogel schnell an Höhe, dann wandte er sich der am Horizont aufragenden Gipfelkette der Haltrauth-Berge zu…

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… Vom gleichförmigen, ebenmäßigen Rhytmus der unentwegt dahin ziehenden Tronks eingelullt, ermattet durch den stetig stechenden, glutheissen Glanz der Sonne untertags und der eiskalten Pracht der Mondnächte verloren meine Weggefährten und ich jegliches Gefühl für die Zeit. Waren wir gestern erst zu dieser Reise durch die Dra’a'nat aufgebrochen? Vor drei Tagen? Oder zogen wir bereits seit unendlichen Äonen an den rötlichgoldenen, himmelhohen, zerfurchten Sanddünen entlang? Obwohl das Reiten auf den “Wüstenschiffen” sich als ausgesprochen komfortabel erwies – wenn man erst einmal aufgestiegen war – und unsere Schar regelmäßig einschläferte, hatten wir erst einmal einen Rastplatz erreicht, konnten wir von einer unerklärlichen Erschöpfung ergriffen kaum mehr die Augen offen halten, um zu essen und zu trinken. Bereits unmittelbar nach den hastig eingenommenen Mahlzeiten krochen wir in die provisorisch errichteten kleinen Zelte…

… Zum wievielten Male sich der rote Ball der Sonne nun über den gewellten Horizont der großen Wüste geschoben hatte? Ich wurde aus meinen Grübeleien aufgeschreckt, als Lahl’lil sein Tronk anfeuernd zu mir aufschloss. “Freut euch, Grismiol, Adlanat, meine Freunde! Schon morgen um diese Zeit werden wir unser Ziel erreicht haben – die Oase Kalkadiass! Ihr werdet die hochgeehrten Gäste meines Herren sein, des K’haut von Kalkadiass!”…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon – Teil 15…

… Eine noch recht junge, in einen frühlingshaft bunt gemusterten Kittel gewandete Sprechstundenhilfe nahm sich Tayna’s zur vereinbarten Zeit an, und lotste sie behutsam aus dem besorgten Kreis ihrer Lieben im Wartezimmer durch die ausgedehnten Räumlichkeiten von Dr. Wandsam’s Praxis in dessen Allerheiligstes. Kaum hatte die Frau in einem recht betagten, mit leicht abgenutztem Brokatstoff gepolsterten, ausladenden Sitzmöbel Platz genommen, da stürmte auch schon der Neurologe höchstselbigst herein. Anfangs schien es Tayna, als habe sie noch nie zuvor einen unattraktiveren Menschen gesehen, die riesige Nase glich einem Pumpenschwengel, der die obere Hälfte des sehr schmalen und zudem noch schiefen Mundes überragte, Fledermausohren reckten sich zu beiden Seiten des beinahe kahlen Schädels himmelwärts, die Arme schienen übernatürlich lang, die Beine waren zu einem ausgeprägten O geformt, der Doktorkittel spannte sich gefährlich über einem ausladenden Wanst – doch die kleinen, flinken Augen unter dem wuchernden Dschungel der buschigen Brauen strahlten vor Intelligenz und kindhafter Freundlichkeit. “Entspannen Sie sich, meine Liebe, und erzählen Sie mir jetzt bitte ganz genau, was Sie zu mir führt.”…

… Unbarmherzig pulsierte der Sekundenzeiger der schlichten, großen Bahnhofsuhr im Wartezimmer vorwärts, Stunden verrannen, und noch immer war Tayna im Labyrinth der Untersuchungsräume gefangen. Eine zweite Assistentin hatte sie nun zu guter Letzt in die finstere Röhre des Kernspintomographen geschoben, sie umkrampfte mit ihrer schweißnassen Linken den Notfallknopf, und versuchte, sich auf die besänftigende Musik in den Kopfhörern zu konzentrieren, die man ihr kurz vorher aufgesetzt hatte. Doch die immer wieder einsetzenden, tackernden Salven des Geräts ließen sie nicht zur Ruhe kommen, wild galoppierten unzusammenhängende Gedankenfetzen durch ihr Bewusstsein, ihr Kopf dröhnte, die Angst vor einem erneuten Schmerzanfall ließ sie in kalt über ihre Stirn perlenden Schweiß ausbrechen. Endlich, endlich wurde sie aus ihrem sargähnlichen Gefängnis befreit, die Knie zitterten ihr, als man sie nach kurzer Wartezeit bei ihrer Familie erneut in Dr. Wandsam’s Sprechzimmer führte. Die Blicke des Arztes, die sich voller Konzentration auf die geheimnisvollen Bilder des CT’s geheftet hatten, wandten sich ihr zu. Tayna vermeinte, eine verräterische Feuchte und tiefes Mitgefühl darin zu erkennen. Sie schluckte: “Sie wissen – haben Sie vielleicht schon eine Diagnose erstellen können?” Der Arzt schenkte ihr ein Lächeln, das trotz seiner Hässlichkeit wirkte wie eine warme, herzliche Umarmung. “Ich möchte, dass Sie mir noch ein paar Tage Zeit geben, meine Liebe. Ich möchte die Ergebnisse der heutigen Untersuchung zunächst noch mit einem Freund, meinem ehemaligen Lehrmeister, Professor Fürstenstein, abgleichen und besprechen.” Er zog kurz einen Klappkalender zurate, der auf seinem ramponierten, antiken Schreibtisch lag, machte mit einem Bleistift eine kurze, hieroglyphenartige Notiz darin, und nickte ihr dann zu. “Wenn es Ihnen recht ist, würde ich Sie sehr gerne kommenden Montag um sechzehn Uhr wieder hier bei mir sehen wollen. Dann, das versichere ich Ihnen, kann ich Ihnen auch den Befund mitteilen.” Er warf ein paar Buchstaben und Ziffern auf einen Rezeptblock, stempelte, signierte, riss das Blatt ab und reichte es Tayna. “Ein sehr starkes Schmerz- und Beruhigungsmittel. Es wird Ihnen helfen, ein- und hoffentlich auch durchzuschlafen.” Tayna rang nach Luft. Wortlos nickte sie dem Neurologen zu, wandte sich ab, und suchte sich ihren Weg zurück ins Wartezimmer, wo sie Hendrik in die Arme fiel und die Augen schließend ihren Kopf an seiner Brust barg…

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… Tief in dem über der Hauptstadt Varashons aufragenden Felsen, welcher die burgähnliche Residenz des Herzogs trug, verbargen sich dessen kolossales unterirdisches Schwimmbassin, sowie ein komfortabel ausgestattetes Schwitzbad. Es war tiefe Nacht, die von Feuchtigkeit geschwängerte Düsternis wurde lediglich von einer einzigen Glimmleuchte notdürftig erhellt. Eine geschickt im Fels verborgene Seitentür tat sich zaghaft auf, eine in ein faltenreiches, bunt schillerndes Kostüm gekleidete, schmächtige Gestalt trat vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend heraus. Kurze Zeit verharrte Ssimlang, der Hofnarr Halpensteins, sich suchenden Blickes orientierend. Dann huschte er in das Dampfbad, zog lautlos die weit geöffnete, hölzerne Tür hinter sich ins Schloss, und machte sich an den großen, marmornen Bodenplatten zu schaffen. Mit einem kräftigen Ruck löste er eine davon. Ein enger, finsterer Gang kam zu Vorschein, mit einer ehernen Leiter, die senkrecht in die Tiefe führte. Ssimlang wischte sich den Schweiß seiner Hände an seinen buntscheckigen Hosen ab, und machte sich daran, hinab zu klettern…

… Wird fortgesetzt…

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Begegnungen im Park – Teil 30…

… Achtlos lehnte er sein Fahrrad gegen einen Laternenpfahl, über das schmutziggrau fließende Band einer schmalen Gasse hinweg richtete er seinen Blick auf den von einer hüfthohen Hecke umrahmten Wirtsgarten, der um diese nachmittägliche Stunde nur spärlich besucht war. Gleich einem massigen Turm überragte der Tiroler Karl eine Handvoll johlender, bierseliger Gäste, das Weibsbild, welches er umschlungen hielt, war bekränzt mit einer mondänen, gleissenden Lockenpracht, das künstlich gebräunte, obszön ausgeschnittene Dekollete hatte sie gegen seine Brust gepresst, tolle Gier, lebenshunger, aufgegeilte, berauschte Verliebtheit loderte ungehemmt in beider Zügen. Übelkeit übermannte Martin, hinter einem nahen Gebüsch übergab er sich, wieder und immer wieder, bis der qualvoll krampfende Magen ermattet war. Dann schlich er einem geprügelten Hunde gleich davon…

… Kaum einen Steinwurf entfernt sichtete er eine Stehkneipe. Der Schnaps, welchen er fiebrig und blind hinunter stürzte, fuhr einem Hammer gleich in seine wunden Eingeweide. Dann jedoch breitete sich eine leis brennende Wärme, ein hauch von mildem, gleichgültigem Losgelöstsein in ihm aus. So trank er sich durch das ausgedehnte Stadtviertel. In Nähe der Pinakotheken taumelte er seiner Sinne nicht mehr mächtig zur Sperrstunde aus einer verräucherten, höhlengleichen Bar. Er stolperte, seine ausgetretenen Turnlatschen hatten sich im Rinnstein verfangen. Während er stürzte, vernahm er gedämpft das schrill warnende Kreischen einer Trambahnglocke. Sein Bewusstsein verlöschte…

… “Als ich aus der Narkose erwacht bin, hat man mir mitgeteilt, ich hätte Glück gehabt. – Glück!” Ein kurzes, hartes Lachen erzitterte. “Der Chirurg hätte sein Möglichstes getan, doch den Zeige- und den Mittelfinger hätte er leider amputieren müssen. Die anderen sind gequetscht, die Nerven, Sehnen und Muskeln durchtrennt, jedes Knöchelchen gebrochen, keine Ahnung, ob ich diese Hand jemals wieder halbwegs werde gebrauchen können. Mein Lebensziel kann ich vergessen, es ist auf ewig dahin. Ich kann ja die Stege meiner Gitarre nicht mehr greifen. Und Alex, Alex…” Martin barg die hochgewölbte Sirn in die Rechte. Bastian legte den Arm um die kantigen Schultern und zog ihn behutsam an sich. Geschüttelt von gequältem Schluchzen, benetzt vom warmen, herben Tränenstrom verharrte er geduldig. Endlich ebbte der ungehemmte Ausbruch ab. Martin richtete sich auf, nestelte in seiner Hemdtasche nach einer nicht mehr ganz frischen Papierserviette, schnäuztesich und hob das nasse, verquollene Gesicht dem kühlenden Hauch des Sees entgegen. “Ich bin aus dem Krankenhaus abgehauen. Mutter und Onkel Peter möchten Alex nach Wasserburg überführen lassen. Dort soll sie beerdigt werden. Und ich – ich weiss nicht, ob ich das überhaupt werde ertragen können. Ich fürchte, dass ich mich hinterdrein stürzen werde, wenn ihr Sarg ins Grab gelassen wird.” – “Und Simon?” – “Hat mir eine Nachricht geschickt. Es geht offenbar um eine nicht ganz einfache Geld- und Familiengeschichte, die sich wohl ganz plötzlich bei seinem Besuch zuhause entwickelt haben muss. Das hat ihn länger als geplant aufgehalten. Er weiss also von nichts – nun, wie sollte er auch.”…

… Aus dem kleinen Wäldchen gegenüber befreite sich die schlanke Gestalt eines noch jungen Mannes. Das geruhsame Licht des Nachmittags ließ Funken auf seiner lockigen, hellbraunen, schulterlangen Haarflut spielen. Steten Schrittes, suchend das Haupt einmal hierhin, einmal dorthin wendend, kam er näher. Unweit der Brücke hielt er stutzend inne, und strebte dann in raschem Lauf auf die Bank zu, in seinem offenen Antlitz lagen grenzenlose Erleichterung und tiefste Betroffenheit im Widerstreit. “Ja, Martin!” Nur ein paar Atemzüge später hielten die Beiden einander umfangen und wiegten sich inniglich. Nach einer geraumen Weile löste sich der Jüngling aus der liebevollen Umarmung. Etwas befangen spähte er nach seinem betagten Gesprächspartner und entdeckte nichts als mildes Wohlwollen in dessen verwitterten Zügen. “Bastian, ich möchte Ihnen gerne Simon vorstellen. – Sag, wie hast du mich denn gefunden?” Der Angesprochene sank in einer geschmeidig fließenden Bewegung auf die Ecke der Sitzbank nieder und griff nach Martin’s unversehrter Hand. “Ich hab’ einer inneren Eingebung folgend unseren Lieblingsspaziergang durch den Park gemacht, und dabei so sehr fest gehofft, auf dich zu treffen. – Onkel Peter hat mich angerufen, als ich heute Mittag in die Stadt zurück gekommen bin. Er hat mir erzählt, was passiert ist. – Mein Gott, ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut! Hätte ich nur die leiseste Ahnung gehabt, ich hätte dich doch niemals mit all diesen schrecklichen Ereignissen allein gelassen!” Seine schönen Augen von undefinierbarer Färbung – lohfarben, moosgrün, opalen? – in welchen ein sternengleiches Glitzern und Strahlen lag, hefteten sich fragend auf den alten Kandertz. Martin brachte ein kümmerliches Lächeln zustande. “Ich habe Bastian mein Herz ausgeschüttet. Der einzige Lichtblick der letzten Tage – man findet in einem völlig Fremden ganz überraschend einen guten Freund. – Wenn mir das auch weder meine Schwester noch meine Musik wieder zurück gibt.”…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon – Teil 14…

… Es grüßt Euch Sameerah, die Geschichtenerzählerin…

… Das Marschieren in dieser endlosen Reihe von gleichmütig dahin stapfenden Tronks erwies sich als überaus anstrengend, da wir bei jedem Schritt bis über die Knöchel in den überaus feinen Wüstensand einsanken. Bald schon hatte sich der pudrige Staub seinen Weg in unsere Stiefel und Schuhe gebahnt, nun wurde das Ausschreiten für uns erst recht zur Qual. Wir beneideten unsere Kleinen, die vor uns hoch droben auf dem breiten Rücken von Lahl’lil’s Tronk thronend, ungeachtet der sengenden Sonne ihren Spaß hatten, sich kabbelten, kicherten und vor Vergnügen krähten…

… Nach mehreren Stunden erreichten wir endlich, endlich eine ausgedehnte, kreisförmige Ebene, in deren Mitte die wuchtig gemauerten Umrisse einer ergiebigen Wasserstelle auszumachen waren. Ringsum herrschte eine emsige Geschäftigkeit, Lasten wurden abgeladen, Tronks angepflockt, Wasser geschöpft und verteilt, Zelte aufgeschlagen, Lagerfeuer entfacht. Wir versammelten uns etwas unsicher wartend um Adlanat. Es dauerte nicht lange, und Lahl’lil gesellte sich wieder zu uns, in Begleitung einer Handvoll Vermummter, jeder dieser abenteuerlicher Gestalten hielt die Zügel zweier Tronks in der Hand. “Hier sind eure Reittiere.” Erleichtertes Seufzen folgte den Worten des rettenden Boten. Eine zierliche Gestalt, auf einem auffallend hell gefärbten ‘Wüstenschiff’ thronend, kam näher und sprang bei uns angelangt leichtfüssig aus dem Sattel. Lahl’lil legte seinen Arm um ihre schmalen Schultern. “Das ist Hill’in, mein Weib. Sie wird euch umsorgen, euch Wasser bringen, kochen, und beim Aufschlagen und Abbrechen eurer Lager behilflich sein.” Die jungeFrau nickte uns kurz grüßend zu, um sich dann ausgesprochen behutsam der beiden großen, aus einer Weidenart geflochtenen Körbe anzunehmen, die ihr Tronk getragen hatte. Sie öffnete die seitlich angebrachten Deckel, und ich beobachtete voller Staunen, wie eine große, dunkelgrau getigerte Kätzin und zwei halbwüchsige Welpen den gepolsterten Behältnissen entstiegen, sich voller Behagen dehnten und streckten, um sich danach ausführlichst zu putzen…

… Die Nacht legte sich über das unendlich scheinende Sandmeer, welches bereits kurz nach Anbruch der Dunkelheit empfindlich auskühlte. Adlanat und ich waren trotz unserer wund gescheuerten und schmerzenden Füße auf den Rücken einer Düne geklettert, um voller Staunen den prachtvollen Sternenhimmel zu betrachten. Lahl’lil gesellte sich zu uns. “Nirgendwo auf diesem Planeten erscheinen einem die Gestirne so klar und so nah wie hier in der Dra’a'nat. – Aber ihr solltet nun schlafen, denn wir haben die Zeit der vollen Doppelmonde, da pflegen wir die angenehme Kühle ihres Lichts auszunutzen, und kurz nach ihrem Aufgang wieder aufzubrechen.”…

… Das Schwierigste am Reiten eines Tronks war das Aufsteigen. Der Rücken eines solchen Wesens ist übermannshoch, und es kann weder in die Knie gehen noch sich niederlegen. Auch wenn Adlanat mir vor wenigen Tagen erst anvertraut hatte, dass ich wesentlich jünger sei, als es den Anschein hatte – als Lahl’lil und er mich in den Sattel zwischen den beiden Höckern hieven mussten, spürte ich jedes einzelne meiner mittlerweile zweiundsiebzig Jahre wie eine niederdrückende Last…

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… Tayna wurde zuhause bereits von Wally erwartet, die einen kleinen Zettel in ihrer Linken schwenkte. “Wir haben ganz großes Glück gehabt, meine Liebe! Schon am nächsten Mittwoch, um fünfzehn Uhr, ist dein Termin bei Dr. Wandsam.” Tayna stellte sachte ihre Handtasche auf dem kleinen, rötlichhölzernen Garderobenschränkchen ab, und warf im Spiegel ihrer Tochter einen scheuen Blick zu. “Ich weiss nicht recht…” Wally packte sie bei den Schultern und schüttelte sie. “Mum! Du wirst dahin gehen! Mit mir, mit Henni, mit Jonas! Wir werden alle bei dir sein, und dich auf dem Weg dorthin und im Wartezimmer auch nicht eine Sekunde aus den Augen lassen! So geht das doch nicht weiter! Sieh’ dich an, Mum! Sieh’ dich an! Du bist so eine wunderschöne Frau gewesen, bist du immer noch, aber durch diese furchtbaren Schmerzattacken bist du in den letzten Wochen um Jahre gealtert! Du hast dich dadurch verändert, Mum! Du bist nicht mehr du selbst – und ich, wir alle wollen, dass dies jetzt endlich aufhört, und dass jetzt endlich eine sinnvolle Erklärung für deine Kopfschmerzen, die Sehstörungen, dein manchmal fehlendes Gleichgewicht, und diese schreckliche Stimme in deinem Kopf gefunden wird!”…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon – Teil 13…

… Es grüßt Euch Sameerah, die Geschichtenerzählerin!…

… Das Tronk, binnen kurzem furchtlos umringt von unseren staunenden Kindern, war ein höchst seltsames Wesen. Noch nie hatten wir dergleichen jemals zu Gesicht bekommen. Es hatte einen tonnenförmigen Leib, der auf hohen, sehr schlaksigen Beinen ruhte, die Füße glichen sechszehigen Pfoten, mit scharfen Krallen bewehrt, die Unterseiten waren ungemein dick mit lederartiger Haut gepolstert. Auf dem Rücken befanden sich nebeneinander zwei hohe Höcker, über der kräftigen, ausladenden Kruppe wippte ein Stummelschwänzlein eifrig auf und ab. Der Hals war sehr, sehr lang, gebogen und dünn, gekrönt von einem kleinen, schlangenähnlichen Köpfchen, an welchem die winzigen, rund geformten Ohren anlagen. Die Augen fesselten unsere Kleinen am meisten, sie waren geradezu riesig groß, samten dunkelbraun schimmernd, von ungemein langen und dichten Wimpern umkränzt. Jisspa, Oberst Padruuud’s Enkel, welcher zusammen mit der Tochter des alten Haudegens als einziger der Familie jenes Massaker überlebt hatte, das der Herzog nach dem gescheiterten Aufstand an uns Widerständlern hatte verüben lassen, zog Lalh’lil, den Boten, an seinem fein gewirkten, hellen Burnus. “Dürfen wir denn bitte, bitte mal auf deinem Tronk reiten?” Der Mann nickte ihm schmunzelnd zu. “Das müsst ihr sogar. Es gibt keine bessere und sicherere Weise, die Dra’a'anat zu durchqueren, als auf dem Rücken eines Tronk.” Er nestelte an den beiden voll bepackten Taschen, die dem Tier hinter dem kleinen Sattel, der sich zwischen den beiden Höckern befand, auf den Rücken geschnallt waren, und zog einige dicke Bündel heraus. “Hier sind Überwürfe und Tücher, ich hoffe, sie reichen für euch alle, wir wussten nicht so genau, wie vielen von euch die Flucht gelungen sein mochte. Schlingt euch die Tücher um die Köpfe, ich werde euch noch zeigen wie. Es macht euch zum einen unkenntlich – man kann nicht vorsichtig genug sein – und zum anderen schützt es eure Häupter vor der Wüstensonne. Das ist eine der wichtigsten Regeln in der Dra’a'nat: Setzt eure Köpfe niemals, niemals der direkten Sonneneinstrahlung aus.” Ich wog Burnus und Tuch in meiner Hand und staunte über die Feinheit und Leichtigkeit des Gewebes. Mein Gesichtsausdruck musste wohl einige Zweifel gezeigt haben, denn Lahl’lil wandte sich mir zu: “Dieser Stoff wird euch untertags kühlen und des nachts wärmen. Er wird aus dem Gespinst der Sichelspinne gewonnen, die nur in der Oase von Kalkadiass zu finden ist. Unseren sagenhaften Reichtum verdanken wir dem Handel mit diesem Gewebe.”…

… Nachdem wir uns angekleidet, die spärlichen Habseligkeiten gepackt, und unser Möglichstes getan hatten, die Spuren unseres Aufenthalts in der Senke zu verwischen, folgten wir Lahl’lil, hinaus in das unendlich scheinende Sandmeer der großen Dra’a'nat. Der gutmütige und überaus kinderfreundliche Bote hatte all unsere Kleinen auf dem Rücken des stoisch anmutenden Tronk verstaut, das aufgeregte und fröhliche Kichern und Plappern schallte weit hinaus in die sengend heiße, leicht metallisch riechende Wüstenluft, und erwärmte unsere Herzen…

… Nach einem etwa zweistündigen Fußmarsch kämpften wir uns den Grat einer sichelförmigen Düne hoch. Und hielten erstaunt inne. Unter uns zog eine Karawane gewaltigen Ausmaßes in langsamem Trott dahin, schwer bepackte und berittene Tronks schienen sich in schier unendlicher Zahl aneinander zu reihen, wir konnten weder Anfang noch Ende dieses Zuges ausmachen. Mit Lahl’lil und Adlanat an der Spitze glitten wir vorsichtig tastend die sandige, sich beständig verändernde, trügerisch scheinende Schräge hinab, um unsere Plätze inmitten der Schar einzunehmen. Lahl’lil wandte sich meinem Freund, Oberst Padruuud und mir zu: “Sobald die Sonne versunken ist, werden wir die nächste Wasserstelle erreicht haben. Dort werdet ihr dann eure Reittiere bekommen, und mit Proviant versorgt werden.”…

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… Ganz oben auf dem hohen Turm, welcher den Diamantenen Berg krönte, befand sich ein kleines, doch sehr kunstvoll eingerichtetes Observatorium. Tarkum, der Hohepriester, hatte die letzten Stunden in Gebete und Meditationen versunken dort verbracht, bis die blutrote Sonne hinter den aufgepeitschten Wellenkämmen des Ozeans versunken war, behutsam die Nacht die zart glimmende Dämmerung abgelöst hatte, und die ungezählten Sterne am Firmament erschienen. Es würde noch etliche Stunden dauern, bis die beiden Monde, zur Zeit im vollen Glanze erstrahlend, sich über dem Horizont erheben würden, Zeit genug für Tarkum, seine Aufzeichnungen zu überprüfen und zu ergänzen…

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Die Rebellen von Varashon – Teil 12…

… Es grüßt euch Sameerah, die Geschichtenerzählerin…

… Als am vierten Tage unserer Rast die Sonne sich über den mit niederem Gebüsch bestandenen östlichen Hügelrand schob, der die Senke, in welcher wir lagerten, wohltuend von den häufigen, stossweisen, mit Wüstensand befrachteten, sengend heissen Windböen abschirmte, machte sich Adlanat daran, die steile Flanke zu erklimmen. Er bedeutete mir, ihm zu folgen. Oben angekommen tat ich es atemlos keuchend meinem Freunde gleich, ich ließ mich nieder, schützte mit der Rechten meine Augen vor den starken Strahlen unseres Gestirns, und beobachtete die Umgegend. Nur wenige Steinwürfe entfernt ging die fruchtbare Vegetation der Gebirgsausläufer beinahe abrupt in die überaus bedrohlich, ja, tödlich erscheinende Einöde der Dra’a'nat über. Trotz der zunehmenden Wärme schauderte ich zusammen. Ich vermochte es mir nicht vorzustellen, jemals lebend diese so sehr feindselige Gegend durchmessen zu können. Varashon ist ein ausgesprochen fruchtbares, üppiges Land, geradezu legendär sind die ausgedehnten Felder, die sanft geschwungenen, beinahe immergrünen Wiesen und Wälder, die vielen, vielen, wundervoll metallisch blau schillernden Seen und Flüsse, welche unsere Heimat durchziehen… Ich kämpfte wacker schluckend gegen den Kloß an, der sich in meiner Kehle gebildet hatte, und blinzelte die Tränen weg, die mir in die Augen traten. Ob es uns wohl jemals vergönnt sein mochte, die Heimat einmal wieder zu sehen – in Frieden und Freiheit, ohne Furcht vor dem kommenden Tag, ohne sich beständig vor Halpenstein’s gedungenen Mördern und Geheimpolizisten verstecken zu müssen, ohne sich vorzukommen wie ein in die Enge getriebenes Wild?…

… Adlanat packte mich am Ärmel meines grobfaserigen, erdfarbenen Wamses: “Sieh’ dorthin!”, und er wies mit der ausgestreckten Linken auf eine pyramidenförmige, alles überragende Düne, die sich wohl einige Meilen von uns entfernt befand. Ich kniff angestrengt die Augen zusammen. “Da bewegt sich etwas – ein Reiter, nehme ich an – er hält auf uns zu!” – “Er sucht uns, Grismiol. Dies ist der Mann, der uns endgültig in Sicherheit bringen wird.” Wir erhoben uns, und tasteten uns vorsichtig nach unten, um die Weggefährten auf das Eintreffen des Fremden vorzubereiten…

… Es dauerte nicht lange, und der regelmäßige Takt rascher Hufschläge war zu vernehmen. Dann kam der Reiter auch schon auf uns zu, sich seinen Weg durch das abgrenzende Dickicht am Bachufer bahnend. Wir bildeten einen Halbkreis um ihn, als er von seinem äußerst seltsamen Tier absass und auf uns zu trat. Sein Kopf war mit einem vielfach verschlungenen sandfarbenen Tuch bedeckt, dessen Ende das Gesicht bis auf die Augen verbarg, nun löste er seine Vermummung und lächelte uns respektvoll grüßend an. Falls ihn unser zerfledderter, armseliger Haufen erschreckt haben sollte, so ließ er sich dies nicht anmerken. Er nahm die höchst erstaunten Blicke wahr, mit denen wir sein – hm! – Geschöpf musterten, welches, von ihm am langen Zügel gehalten, nun begierig die langen, dunkelgelben Zähne in das saftige Gras unseres Refugiums zu hauen begann. “Das ist ein Tronk, ein kalkadiassisches ‘Wüstenschiff’. Ihr werdet diese Spezies in den nächsten Tagen noch genauer kennen lernen dürfen, denn auf ihren Rücken werdet ihr durch die Dra’a'nat zu meinem Herrscher, dem K’auth von Kalkadiass, reisen.”…

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… Der Herzog war seiner Gespielin überdrüssig geworden, er läutete nach einem der vor den schweren Flügeltüren seines prunkvollen Schlafgemachs verharrenden Wachpostens und ließ die athletische, dunkelhaarige Schöne abführen, kaum dass ihr die Zeit gelassen worden war, sich in ihren, einem hauchfeinen Gespinst gleichenden Umhang zu hüllen. Siridian Obeselion Lamavian wähnte sich alleine, tief aufatmend wandte er sich einem auf zierlichen Spindelbeinchen ruhenden, üppig verzierten Nachtschränkchen zu. Er öffnete die oberste Schublade und zog eine dunkel hölzerne, mit Halbedelsteinen besetzte Schatulle hervor. Ihr entnahm der Herzog eine kleine, hellweisse Kapsel, welche er schluckte…

… Wird fortgesetzt…

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