3. Wilma – des Lebens sanfter Nachmittag
… Die sanft stechende Sonne zog gen Westen, Bastians Refugium lag nun bar jeglichen Schattens im erhitzten, gleissenden Licht. Er sammelte den Rest seiner Lektüre und zog gemächlich um zur gegenüber liegenden Seite des Baches. Dort war er einer in kühlendes Halbdunkel gebetteten, freien Sitzgelegenheit ansichtig geworden. Still ließ der ehemalige Wirt sich darauf nieder. Sein Blickwinkel war nun ein anderer, von hier aus konnte er vortrefflich das bunte Treiben im an das geschwungene Ufer sich schmiegenden Biergarten beobachten. Vom friedlichen Atem des Wassers getragen drang das Scheppern der Gläser, Stimmengewirr, das Klirren der Bestecke und Teller an sein Ohr – wohlvertraute Geräusche. Eine einsam wirkende, malerisch in ein weich fallendes, mit üppigem Faltenwurf ihre hoch gewachsene Gestalt umschmeichelndes, sandfarbenes Sommerkleid gehüllte Frau zog langsam schlendernd zwischen dem heiter summenden, wogenden Trubel ihre Bahn. Kandertz’ Aufmerksamkeit schwand, er vergrub sich erneut in die Suche nach Interessantem und Lesenswertem…
… Die ebenmäßige, von winzigen Lichtern sternförmiger Gänseblümchen durchsetzte Wiese wurde zusehends vom munteren Treiben quirligen Jungvolks in Beschlag genommen. Eine Horde Schulbuben war bereits nach kurzem völlig in ein rasantes Fußballspiel versunken, hitziges Anfeuern, “coole” und schnoddrige Sprüche, übermütiges Gelächter brandeten auf in der nunmehr schier innehaltenden, brütenden Hitze des fortgeschrittenen Nachmittags. Am ferneren Bachufer übte sich bewehrt mit lässig geschwungenen, keulenförmigen Schlaghölzern und grotesk übergroßen Fanghandschuhen ein Trupp Halbstarker, Sportstudenten womöglich, im hierzulande ein wenig fremd anmutenden Baseball. Der Wechsel zwischen nahezu langweiliger Ereignislosigkeit und dermaßen rasanten Abläufen – Werfen, Schlagen, Treffen, Laufen, Niederhechten, Fangen, Zurückschleudern – daß das Auge Mühe hatte zu folgen, weckte Bastians Interesse. Sein noch so jung gebliebenes Herz erwärmte sich freudig an den flinken, gelösten Bewegungen der voller Eifer ihren Zerstreuungen hingegebenen Spielenden, seine Blicke wanderten zwischen den beiden Grüppchen hüben und drüben des gelassen seewärts ziehenden Rinnsals hin und her…
… Ein sandfarbener Schemen lenkte ihn kurz ab. jene Frau von aufrechtem Wuchs, die ihm vor einer Weile – was ist Zeit, eine Minute kann so lang dauern wie ein ganzes Leben – bereits aufgefallen war, als sie in ihr Alleinsein gleich einer Rüstung ummandelt ihre Bahn durch den Biergarten gezogen hatte, war am Seeufer auf die malerische Alte, die angebliche Handleserin, gestoßen. Ein kurzer Wortwechsel, dann ließen sich die beiden auf der Uferböschung nieder. – Nun ja, ohne Unterlass werden Dumme geboren, lautet ein altes Sprichwort, man muss sie nur zu finden wissen. – Diese Hexe gibt nun ein paar Plattheiten von sich, die wirklich keinerlei sogenannte esoterische Fähigkeitenerfordern, erweckt den Anschein, als würde sie gewissenhaft die Linien der hingestreckten Handinnenseite studieren, und hält dann die ihre auf, um abzukassieren. Und vor dem Park wartet die Sippschaft, um sie nach getaner “Arbeit” in einem Luxusschlitten nach Hause zu kutschieren…
… Wird fortgesetzt…