Die Rebellen von Varashon (Teil 80)…

… Wir kauerten auf einem sehr schmalen Felssims unter dem östlichen Ende der Schlossbrücke, welche die Hauptstadt mit der mächtigen, hoch aufragenden Festung verband, und die für uns Rebellen mit so viel traurigen und erschütternden Erinnerungen verbunden war. Wir trugen inzwischen hauchfeine, tiefschwarze, eng anliegende Anzüge, und hatten die Gesichter mit Russ beschmiert. Das Gebräu der Llewsorianer hatte tatsächlich nach zwei Tagen an Wirkung verloren, all die entstellenden eitrigen Pustel, offenen Geschwüre und schuppigen Hautstellen waren wie durch Zauberhand binnen weniger Minuten verschwunden. Es herrschte stockfinstere Nacht, knapp über unseren Köpfen patrouillierte die Wachmannschaft unermüdlich auf und ab. „Sie sollen aus der Luft kommen, so heißt es seit Tagen schon bei der Dienstbesprechung. Mit Flugdrachen oder so was ähnlichem.“, ließ sich einer der Soldaten vernehmen. Die anderen lachten grob auf. „Pah! So ein Unsinn! Also, manchmal frage ich mich schon, ob unser Allerehrwürdigster Herrscher im Oberstübchen noch ganz sauber ist.“ Ein beipflichtendes, mehrstimmiges Knurren und Grunzen beendete die kurze Unterhaltung, die Posten nahmen ihre eintönige Wanderung wieder auf…

… Minthau, die geschmeidig vorneweg getigert war, reckte das Köpfchen. „Das Luftschiff kommt.“, ließ sie lautlos vernehmen. Wir starrten sie ungläubig an. Sie sträubte ungehalten die Schnurrhaare. „Was! Ich bin eine Katze! Meine Ohren sind ungleich besser als die euren!“…

… Während wir uns als Seuchentransport getarnt wie vorher gesagt unbehelligt durch Varashon bewegt hatten, planten Hadum’maith und seine Besatzung, das Herzogtum sowie die Haltrauth-Berge zu überfliegen, und über der Dra’a’anat kreisend erneut in etwa zehn Kelpias Höhe aufzusteigen, um sich dann unbemerkt der Hauptstadt und der herzöglichen Burg nähern zu können. Unseren Wagen hatten wir noch vor Sonnenaufgang in einem schier undurchdringlichen Getreidefeld versteckt, und dem wackeren Gaul die Freiheit geschenkt…

… Lahl’lil machte sich, den gefährlich ausgesetzten, engen Felsabsatz entlang kriechend, auf den gefährlichen Rückweg zu jener kleinen Kaverne unterhalb einer kühn vorspringenden Zunge des Schlosswaldes, welche auf jener der Stadt zugewandten Seite des schlundartigen, ausgetrockneten Burggrabens lag. Wir folgten ihm, sorgsam darauf bedacht, jeden Laut zu vermeiden. Meister Lempstein, der uns nach Sonnenuntergang durch das dschungelartige Dickicht hierher geführt hatte, erwartete uns vor Tatendrang förmlich fiebernd. Ihm zu Füßen lag der vorsorglich betäubte, geknebelte und gefesselte Ssimlang…

… „Es ist so weit!“, hauchte der K’auth. Wir nahmen die geladenen Pistolen auf, von denen wir nur im äußersten Notfall Gebrauch zu machen gedachten, befestigten Knüppel aus dem sehr elastischen Holz des Paith-Baumes und lange, aufgerollte Lickxi-Rindenfasern, die sich sehr gut als Fesseln eigneten, an unseren Gürteln. Dann sahen wir uns tief in die Augen. „Freiheit für Varashon! Möge die wahre und gute Kraft unsere Herzen erfüllen, unsere Sinne schärfen und unsere Schritte lenken!“ Der Falkner wuchtete sich den ehemaligen Hofnarren auf den Rücken, und stieg als erster hinab in die schier bodenlose Schlucht…

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… Ein übervorsichtig nach allen Seiten lugender dunkler Schatten huschte mit eingezogenen Schultern den Kerkergang entlang, ein hochgewachsener Mann, gänzlich in einen weiten, schwarzen Überwurf gewandet, dessen Kapuze das Gesicht völlig verbarg. Staunend schnupperte Mauthin, gut in ihrer Mauerlücke verborgen, mit eifrig zuckendem Näschen dem durchaus wohlbekannten Duft eines aufdringlichen Parfums hinterher, und verfolgte die Szene auf’s höchste gespannt mit ihren Blicken. Der Unbekannte war an Rondena’s Zelle angelangt, er nestelte unter seinem Umhang einen klobigen Schlüssel hervor, mit dem er nach anfänglichen Schwierigkeiten die Pforte des Gelasses öffnete. Die Gefangene war aufgesprungen und hatte sich zu Tode erschreckt in die hinterste Ecke geflüchtet. Ihr seltsamer Besuch warf ein sorgsam zusammen gerolltes Stoffbündel auf das Stroh des Lagers. „Hier – das ist für Euch. Ihr werdet dank Eurer verfluchten Fertigkeiten schon die richtige Verwendung dafür finden.“ Rondena fasste sich und nickte der verhüllten Gestalt zu. „Zommiak, Kammerdiener des Herzogs, ich bin sehr erfreut, dass Ihr den Mut und die Klugheit habt, die Seiten zu wechseln.“ – „Diese Bestie hat meinen besten Freund hinrichten lassen – eines ironischen Scherzwort wegen, das er angetrunken im Offizierskasino von sich gegeben hat. Der Tyrann hat mich mehr als zwanzig Jahre lang Tag für Tag gepeinigt, gedemütigt und verhöhnt, und um meinen gerechten Lohn betrogen, ich habe das alles ertragen. Doch nun ist’s genug.“ Sprach’s, wandte sich um und entfernte sich mit raschen Schritten, die Kerkertür zwar hinter sich zu ziehend, aber nicht mehr verriegelnd. Mauthin machte sich, einer Ahnung folgend – „Meine Schwester! Meine geliebte Schwester ist nah!“ – ebenfalls auf den Weg durch das düstere Labyrinth der unterirdischen Gänge…

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… Seit mehr als einer Woche hatte Herzog Halpenstein sein geräumiges Empfangs- und Schreibzimmer kaum verlassen. In all diesen langen Tagen und Nächten hatten ihn die Mannen seiner auf die doppelte Anzahl verstärkten Leibgarde nicht eine Minute schlafend gesehen, und doch wirkte der Herrscher Varashons überaus wach, voll konzentriert und berstend vor Kraft…
… Hoch über der Burg, auf den Dachfirsten, zahlreichen Türmchen und Erkern hatten sich auf Geheiß des Herzogs Soldaten verschanzt, die unablässig mit starken Fernrohren den Himmel beobachteten. Bereits mehrmals hatte es Fehlalarme gegeben, als furiose Lichtschweife hinter sich her ziehend Sternensteine über das Firmament gejagt waren…
… Die Fenster und Luken des verlassenen Westflügels waren sperrangelweit geöffnet, in den Räumen hielten sich bis an die Zähne bewaffnete Scharfschützen auf, bereit, mit einem infernalischen Kugelhagel jedem unbefugten Eindringling unverzüglich das Leben zu nehmen. Doch über Kardachen’en, unter einem vom sommerheissen Vortag aufgeheizten, sternenübersäten Himmelsbaldachin war es ruhig, friedvoll, geradezu langweilig ereignislos…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 79)…

… Als der Morgen anbrach, machten Adlanat – mir fiel es trotz aller Vertrautheit nach wie vor schwer, in ihm meinen Vater zu sehen – und ich uns auf den langen Weg in die nächst gelegene Ortschaft. Wir hatten vor, dort ein Fuhrwerk samt starkem Pferd zu erstehen. Meine Gefährten und ich wussten nun, wie wir uns am gefahrlosesten der Hauptstadt Varashon’s nähern konnten – als Krankentransport getarnt. „An einen Wagen voller Leute, die an der gefürchteten und sehr ansteckenden Faulseuche leiden, wird mit Sicherheit kein Soldat Hand legen, ganz im Gegenteil, man wird uns allerorten ungehindert passieren lassen.“, gab Pirak, der Knappe, zu bedenken, und wir zollten ihm lauten Beifall für seinen genialen Einfall…

…Gegen Mittag erreichten wir einen größeren Weiler. Das Glück war uns hold, gleich am Ortseingang befand sich ein Pferdehändler, in dessen Remise eine stattliche Ansammlung robust wirkender Fuhrwerke stand. Wir wählten einen ausladenden, geschlossenen Wagen, und ein schier turmhohes, überaus kräftig gewachsenes Pferd mit eimergroßen Hufen. „Mein Stärkster!“, lobte der vierschrötige, dunkel sonnenverbrannte Mann, und tätschelte stolz den Widerrist des Tieres. „Er wird auch eine ordentliche Ladung zu ziehen haben.“, spottete Adlanat mit wieherndem Lachen. „Jaaaaa!“, gröhlte ich, „Unsere Weiber! Eine Base heiratet am Wochenende in Siriak – schönes Städtchen, solltet Ihr Euch einmal anschauen! – und da müssen wir unseren ganzen Weiberhaufen hin kutschieren. Wir sind wandernde Reisigsammler, und haben zwei Wegstunden von hier unser Lager nahe der Tainnik-Furt aufgeschlagen.“ Der Handel ging reibungslos, und mit etlichen kräftigen, unflätigen Witzen gewürzt, vonstatten. Wir spannten den rotbraunen Wallach vor, erklommen den Kutschbock, schlugen zunächst den Weg zum Flüsschen Tainnik ein, um etwaige misstrauische Verfolger in die Irre zu führen, und kehrten schließlich, mühselig einem Pfad folgend, der viel zu schmal und zu holprig für unser neu erstandenes Transportmittel war, zur gut verborgenen Lichtung zurück…

… Den späten Nachmittag verbrachten die Llewsorianer damit, uns mithilfe eines nicht gerade Vertrauen erweckenden Trunks, welchen sie aus Ingredenzien des kleinen Kofferlabors Hadum’maith’s zusammengebraut hatten, und dessen erschreckende Wirkung spätestens nach zwei Tagen nachlassen sollte, äußerlich so zu entstellen, dass wir tatsächlich wie an der gefürchteten Faulseuche Erkrankte aussahen. Als die Nacht herein brach, teilten wir uns wie besprochen auf: Hadum’maith, die Llewsorianer, die beiden Studenten, der Leibkoch, Oberst Padruuut und die Dienerschaft verblieben an Bord des Luftschiffs, Pirak, der K’auth, Meister Lempstein, der sich heftig sträubende Ssimlang – „Nein, dieses Gesöff kommt mir nicht über die Lippen! – Und nein! Ich bin NICHT Die Stimme, verdammt noch mal! Ich – kann – gar – nicht – singen!“ – sowie Adlanat, Hadraa’ina – „Ich weiche nicht von deiner Seite, Liebster! Keine Widerrede!“ – meine Schwester und ich würden uns auf den gefahrvollen Weg zunächst Richtung Edelzhiven machen, der sogenannten Heil- und Versorgungsstation. „Wer dort eingeliefert wird, kehrt niemals wieder zu den Lebenden zurück. Tag und Nacht qualmen dort die Schornsteine, und im Umkreis von zehn Kelpias riecht es ständig nach verschmortem Menschenfleisch.“, beantwortete Oberst Padruuut heiser zwischen den Zähnen hervor stoßend die Frage meiner Schwester…

… Hadum’maith umarmte uns der Reihe nach, und küsste seine widerspenstige Tochter inniglich auf die Stirn. „Mein Herz, gib ja acht auf dich!“ Er wandte sich an mich: „Bringt sie mir bitte, bitte heil wieder, Großfürst!“ Er maß uns mit einem leuchtenden Blick aus seinen kleinen, flinken Äuglein, sein silbern schimmernder Haarschopf stand wie stets energiegeladen in sämtliche Himmelsrichtungen ab, dann nickte er uns zu, die geballten Fäuste gen Himmel reckend. „Freiheit für Varashon! Auf bald!“ – „Freiheit für Varashon!“, erwiderten wir wie aus einem Munde, bevor wir die Kutsche bestiegen und unsere Plätze einnahmen. Meister Lempstein hatte sich in einen weißen Umhang gehüllt, in welchem er aussah wie einer der berüchtigten Seuchenärzte Halpensteins. Nachdem er sich von Whin-Whin verabschiedet und diesen auf den Flug Richtung Kardachen’en geschickt hatte, kletterte er auf den Bock und griff nach den Zügeln und der Peitsche. Durch die Fenster konnten wir sehen, wie Hadraa’ina’s Vater die Motoren des Luftschiffes startete, das riesige Fluggerät die Nase hob und alsbald in den finsteren Nachthimmel entschwunden war. Meister Lempstein ließ die Peitsche auf das ausladende Hinterteil unseres Zugtieres klatschen und schnalzte dazu mit der Zunge. Langsam und rumpelnd, hin und her schwankend setzten wir uns in Bewegung…

…Wir hatten kaum die Lichtung verlassen, da vernahmen wir unter einer der Sitzbänke ein leises Scharren, des K’auth’s große, grau getigerte Katze kam zum Vorschein. Sie reckte und streckte sich ausgiebig und sprang dann dem Herrscher von Kalkadiass auf den Schoß. „Minthau! Verdammt noch mal! Was machst du hier!“ – „Ehrwürdigster, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich jetzt in Stich lasse, da du dich in so furchtbare Gefahr begibst?“, erwiderte das gewitzte vierbeinige Wesen und himmelte Lahl’lil aus unwiderstehlich großen, grünen Augen an. „Außerdem brenne ich doch so sehr darauf, endlich meine liebe Schwester Mauthin wieder zu sehen!“ – „Hach, na gut, ich kann dich ja schlecht hier aussetzen. Aber versteck dich bitte, sonst nutzt unsere ganze Tarnung nichts.“, brummte mein Freund übel gelaunt. Minthau tat so, als hätte sie den Befehl nicht gehört, mit größtem Interesse beäugte sie unsere dank des widerlichen Getränks der Llewsorianer furchtbar entstellten Gesichter. Doch dann scheuchte unser ungefüges Zugpferd einen schlafenden Gingroch auf, einen mannsgroßen Vogel, der in den Grenzwäldern von Nithian und Varashon beheimatet ist, keine Nester baut, bevorzugt auf Lichtungen brütet, und seine Küken in Hauttaschen auf den Oberseiten der Flügel herum trägt, bis sie flügge sind. Das Federvieh stob wild heulend und trompetend davon – und von der grau getigerten Katze ward nichts mehr zu sehen…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 78)…

… Drei Tage und drei Nächte lang ritten wir mit höllischer Geschwindigkeit und Furcht in den Eingeweiden auf dem Rücken der Luftströmung, die ungebärdigen Winde drohten des Öfteren, das fragile Luftschiff in tausend Fetzen zu zerreißen. Dann kam Hadum’maith aufgrund des Studiums seiner Karten und der Bestimmung der Gestirne zu dem Schluss, dass wir das an Varashon angrenzende Fürstentum Nithian schon gut zur Hälfte überquert haben mussten. Es war an der Zeit, den Sinkflug einzuleiten, an einem gut verborgenen Ort zu landen, und die letzten Vorkehrungen für unseren Putsch zu treffen. Es kostete Hadum’maith und Lahl’lil, Virrilh und Iree’boin, die nun zu Viert das Steuer des Luftschiffs übernommen hatten, viel Kraft und Geschick, unser Gefährt aus dem ewig gellenden Sturm heraus zu manövrieren. Doch endlich glitten wir tiefer, und konnten die auf Dauer unbequem gewordenen Atemmasken wieder abnehmen…

… Es herrschte finstere Nacht, als wir auf einer leicht ansteigenden, holprigen Lichtung inmitten eines weithin sich erstreckenden Waldgebietes den Ausstieg öffneten und die Treppe anlegten. Tief und durstig die kühle, würzige Luft in unsere Lungen trinkend trampelten wir auf und ab, um die steigen Gelenke zu lockern. Lempstein krallte sich unvermittelt in den dicken Stoff meiner Jacke. Mit gerunzelten Brauen versuchte er angestrengt, das Dunkel ringsum zu durchdringen. „Was habt Ihr, Meister?“ – „Whin-Whin, mein Adler – er ist in der Nähe, ich kann ihn fühlen!“ Lahl’lil musterte ihn erstaunt. „Das kann nicht sein, mein Freund. Euer Raubvogel dürfte mittlerweile längst in Kalkadiass angelangt sein.“ – „Doch, doch, er ist hier! Ich muss ihn suchen!“ Der Falkner stolperte zurück in das Luftschiff, kurz darauf kam er wieder zum Vorschein, ein großes Glimmlicht bei sich tragend. Adlanat und der K’auth nickten mir zu. „Allein geht hier niemand irgendwo hin. – Kommt, wir begleiten ihn.“..

… So marschierten wir, vorsorglich entsicherte Feuerwaffen mit uns tragend, durch das dichte, mit Dornen und Widerhaken bewehrte Unterholz. Lempstein stieß von Zeit zu Zeit einen kaum hörbaren Pfiff aus. Wir lauschten angestrengt, konnten allerdings außer unserer Atemzüge und dem Knacken trockenen Geästs unter unseren Füßen nichts vernehmen. Unser Freund jedoch schien die weitaus besseren Ohren zu haben. Mit einem hastig gehauchten “Dort drüben ist er!” preschte er los, über Stock und Stein…

… Als wir eine kleine, kraterähnliche Senke erreichten, sahen wir im Schein des Glimmlichts tatsächlich den zweiköpfigen Adler. Er hatte die beiden Häupter mit den klug und scharf blitzenden Augen uns zugewandt, die Flügel schützend über einen großen, geflochtenen Korb gespreizt. Ich konnte trotz der Dunkelheit hektische Bewegungen darin ausmachen, stoßende kinderkleine Hände und Füße, hin und wieder kam ein absonderlicher Kopf zum Vorschein. “Whin-Whin!” –  “Die Llewsorianer!”, stießen der K’auth und Lempstein zugleich hervor. Wir sprangen in die Mulde. Der riesige Adler krächzte laut – und sehr erleichtert, wie es schien – ließ von seiner Last ab, und flog auf den ausgestreckten Arm des Falkners, der ihm beruhigend und kosend murmelnd das Federkleid der breit gewölbten Brust streichelte…

… Dem Korb entstiegen die absonderlichsten Lebewesen, die ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Sie trugen riesige, vollkommen kahle Köpfe mit übergroßen, tiefschwarzen Augen auf den schmalen Schultern, hatten grotesk dünne Arme und Beine, Hände mit schier endlos langen, zartgliedrigen Fingern und kleine, tonnenförmige Körper. Der K’auth sank auf die Knie, die Zwei stürmten auf ihn zu, umarmten ihn stürmisch, und ließen dazu Laute vernehmen, die sich wie das Zwitschern einer exotischen Vogelart anhörten. Zu meinem großen Erstaunen schlug Lahl’lil die gleichen Töne an. Es entspann sich eine aufgeregte Unterhaltung zwischen den Dreien…

… Das erste, was wir vernahmen, als wir mit den Llewsorianern und dem Adler das Luftschiff erreicht hatten, war des K’auth’s Leibkatze Minthau, die sich auf der obersten Stufe der Treppe stehend wie eine Furie gebärdete, spuckte, wild fauchte, und mit dem Schwanz hin und her peitschend einen sehr beeindruckenden Buckel machte. Lahl’lil stapfte kurzerhand hoch, packte seine vierbeinige Beraterin im Nacken, und verstaute sie in seinem Gemach. “Was erlaubst du dir!”, schrillte die Katze, “Geht man so mit einer altgedienten, langjährigen Vertrauten und Respektsperson um?!” Eine Weile schien die Vierbeinerin in dem abgesperrten Raum alles kurz und klein zu schlagen, doch dann kehrte Ruhe ein. Unser Freund schmunzelte. “Da hat jetzt die Neugierde gesiegt. Ich gehe jede Wette ein, daß Minthau jetzt dicht an der Türe hockt, und beide Öhrchen ganz konzentriert spitzt.”…

… “Es gibt sie also wirklich.”, murmelte meine Schwester, als sie der Außerirdischen ansichtig wurde. Hadum’maith nickte mit glänzenden Augen. “Aber natürlich!” – “Auf der Erde sind ungezählte Geschichten über sie im Umlauf. Die meisten Menschen dort tun diese als Märchen, Lügen, oder gar Halluzinationen ab. Oft werden sie als blutrünstige und skrupellose Eroberer dargestellt, hin und wieder auch als sehr gutherzig und uns weit überlegen. Es existieren Tausende Filme über sie.” – “Filme? Was ist das?” – “Bewegte Bilder.” – “Ach! – Sagt, Großfürstin, was wisst Ihr darüber? Könnt Ihr mir das erklären?” Der K’auth packte Hadraa’ina’s Vater bei den Schultern und zog ihn von Lutania-Nasieliel weg. “Später, mein Freund! Jetzt sind andere Dinge weitaus wichtiger! Nachdem, was mir die Llewsorianer berichtet haben, hat man uns und unser Angriff auf die Burg Halpensteins verraten. Wir müssen uns eine neue List einfallen lassen. Ich fürchte, dies wird wieder einmal eine lange und schlaflose Nacht werden.”…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 77)…

… Ich stand am Waschtisch in der kleinen Kabine des Luftschiffs, welche Hadraa’ina und ich uns teilten und starrte in den Spiegel. Bei allen Göttinnen und Göttern, ich war wieder jung! Jung und sehr ansehnlich! Noch vor wenigen Stunden hatte mich die Last meines hohen Alters bedrückt, die fast schon einer Gewissheit gleichenden Ahnung, dass ich dieses unglaubliche, irrwitzige Abenteuer keinesfalls überleben würde, dass meine letzten Tage angebrochen seien – und nun hatte ein magischer Trunk mich körperlich in die Mittzwanziger zurück katapultiert. Ich musterte dieses seit so langem schon nicht mehr gesehene Gesicht und die Erinnerungen schlugen unvermittelt über mir zusammen wie die Wogen eines ungestümen Ozeans. Die Lehrjahre – vor langen Jahren schon in die Anderwelt eingegangene Jugendfreunde – furiose Auseinandersetzungen mit dem Vater Joylan, einem strengen, aber gerechten, wenn auch zu konservativen Mann – meine Heirat – das Antlitz meiner Frau erstand klar und deutlich vor meinem inneren Auge – die Geburten unserer zwei Söhne – der Kerker, und ihre abgezehrten, ausgemergelten Leiber darin mit den tief in den Höhlen liegenden Augen, die stumpf vor Qualen geworden waren – das Geräusch des Fallbeils, als der Henker sie enthauptete – die unendlichen, langen Jahre der Flucht, des Entwurzeltseins, der Entbehrungen – das Schreien, das Entsetzen der Kampfgefährten, als so viele von ihnen an der Schlossbrücke dahin gemetzelt wurden… Ein tierhaftes Stöhnen drang aus meiner Brust. Unbändiger Hass auf Halpenstein stieg in mir hoch, brannte in meinen Eingeweiden, ergriff mich einem Fieber gleich, machte mich nach Rache dürsten. Ich war kein hinfälliger Greis mehr, sondern erneut ein Mann in den besten Jahren – und ich würde ihn bluten lassen für alles, was er mir und den Meinen angetan hatte! Fassungslos barg ich den Kopf in meinen Händen…
… Meine Liebste trat an mich heran und umschlang mich sanft mit ihren Armen. „Du wirst dich schon bald daran gewöhnt haben, Grismiol – oder soll ich dich mit deinem Kindnamen Nasieleng nennen?“ Sie zwinkerte scherzhaft und in ihren Wangen zeigten sich kleine, entzückende Grübchen. „Das ist es nicht, Stern meines Herzens, das ist es nicht.“, flüsterte ich, „Ich habe große Angst, dass diese äußerlichen Veränderungen mich, meinen Charakter, meine Seele ungut beeinflussen werden.“ Hadraa’ina musterte mich mit ihren großen, wunderschönen, leicht angeschrägten Augen. „Inwiefern?“ – „Als ich mich gerade im Spiegel betrachtete, fühlte ich einen so gewaltigen Hass auf den Herzog in mir, eine nie gekannte Mordlust, ein ungezügeltes Verlangen, blutige Rache zu nehmen.“ – „Du wirst das überwinden, Liebster. Und bald schon werden deine Bedachtsamkeit, innere Ruhe und Weisheit, Gelassenheit und Reife wieder die Oberhand gewinnen. Du bist viel zu besonnen, zu empfindsam, zu nobel, zu reif, um dich ohne Hemmungen einem Blutrausch hinzugeben.“…
… Sie fuhr mit den Händen durch meinen Schopf, küsste sanft meine Stirn, die Schläfen, die Wangen, ihre Lippen suchten behutsam die meinen, wurden fordernder, inniger. Wieder entbrannte ein loderndes Feuer in mir – doch diesmal war es kein Zorn, kein Durst nach Vergeltung, sondern der Strudel einer schier den Atem beraubenden, jugendfrischen Sinnlichkeit…

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… „Wir werden WAS???“, kreischte es durch die dünnen Wände der Kabine. Hadraa’ina verdrehte die Augen himmelwärts. „Oh, nein! Ssimlang!“ Sie erhob sich von unserem Lager und öffnete die Tür. Wir traten in den Hauptraum. Meister Lempstein und Hadum’maith hatten versucht, dem ehemaligen Hofnarren mit behutsamen Worten den Fortgang unserer Reise zu erklären. Der kleine, von den Geschehnissen sichtlich völlig überforderte Mann stand mit wild gesträubten, roten Haaren, kreidebleich und weit von sich gespreizten Händen in eine Ecke fern der Fenster gedrückt, Blicke randvoll mit Entsetzen in alle Richtungen schleudernd. „Noch HÖHER fliegen???“ Hadum’maith nickte. „Wesentlich höher.“ – „Nein, nein, nein! Ich mach’ das nicht mit!“ – „Kommt schon, Ihr seid Ssimlang Die Stimme…“ – „Hört gefälligst auf mit diesem Nonsens! Ich bin nicht Die Stimme! Ich kann überhaupt nicht singen! Ich…“ Er verschluckte sich und begann, heftig zu husten. Lempstein nutzte dies aus, trat herbei und versetzte ihm einen festen Fausthieb. Ohnmächtig brach Ssimlang zusammen. Der Falkner hob ihn hoch und und warf ihn sich über die Schulter, als wäre er ein Sack Tronk-Futter. Er brachte ihn in seine Kabine und fesselte ihn wohlweislich. Hadraa’ina verabreichte ihm ein starkes Beruhigungsmittel und setzte ihm eine der Atemmasken auf…
… Wir nahmen an den Fenstern Platz, jeder hielt nun eine Maske und die dazu gehörige Luftflasche in den Händen, und beobachteten, wie wir langsam aber stetig an Höhe gewannen. Nach einer Weile waren wir oberhalb der Wolken. Das Firmament hatte eine tief dunkelblaue Färbung angenommen. Weiter stiegen wir, immer weiter, bis wir das Glitzern einzelner Sterne erkennen konnten. Schließlich fühlten wir, dass uns das Atmen schwer zu fallen begann, wir stülpten uns Tarkum’s geniale Erfindung über die Köpfe, zurrten sie fest und öffneten, genau den Anweisungen des Hohepriesters folgend, die Behältnisse mit der auf geheimnisvolle Weise hinein gepressten Luft. Einem wuchtigen Schlag gleich, der in die Seite des Fluggeräts rammte, ergriff uns die Met’lliaf-Strömung. Das Luftschiff schwenkte ächzend und knirschend die stumpfe Nase gen Westen, dann wurden wir von dem stetigen, rasenden Sturmwind erfasst und mitgerissen…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 76)…

… Jenseits der scharf gezackten Shilouette der Insel des Diamantenen Bergs hob sich die Sonne bereits aus den silbern schimmernden Fluten des Ozeans, als unsere lebhaften Beratungen endlich zum Abschluss kamen. Tarkum hatte erwähnt, daß sich an der Westseite des hoch aufragenden, abweisend zerklüfteten Eilands eine schmale, lang gezogene Bucht befände, aus der sich bei Ebbe stets das Meer zurück ziehen würde, so daß dort das unermüdlich im Zenit kreisende und kreuzende Luftschiff gefahrlos niedergehen und uns an Bord nehmen konnte. Während meine Gefährten, meine Schwester und ich mit vor Müdigkeit brennenden Augen beobachteten, wie die wild schäumenden Wassermassen zusehends zahmer und seichter wurden, und endlich den sandigen Grund völlig frei gaben, übermittelte der K’auth mittels sehr geheimnisvoll anmutender Lichtzeichen eine Botschaft an die beiden Studenten, welche unser vertrautes Fluggerät steuerten…

… “Jeder Bewohner Kalkadiass’ muss schon in früher Kindheit diese Lichtsprache erlernen.”, erläuterte Lahl’lil, an Lutanial gewandt, zu der er sich augenscheinlich sehr hingezogen fühlte. “So verständigen sich unsere Karawanen in den schier unendlichen Weiten der Dra’a’anat, der Großen Wüste.” Meine Schwester nickte. “Auf jenem Planeten, auf welchem meine Seele während der langen Jahre des Fluchs geweilt hatte, hat es lange Zeit so etwas Ähnliches gegeben – Morsezeichen wurde es dort genannt.” Hadum’maith, der in der Nähe stand und diese beiläufige Bemerkung eher zufällig mitanhörte, zwirbelte eifrig seinen Schnauzbart, seine unordentliche silberweiße Mähne begann sich zu sträuben, als würde eine seltsame Kraft sie aufladen, in die Äuglein trat ein Glitzern und Funkeln, als er zu Lutania trat. “Ihr könnt euch an euer früheres Leben auf dieser – wie nennt Ihr sie? – Erde? – noch gut erinnern?” – “Aber ja! – Es ist ein sehr erfülltes Dasein gewesen – ich hatte eine wunderbare Aufgabe. In dem Land, in welchem ich aufwuchs und lebte, ist es nicht so wie hier, daß die alten Menschen bis zum Tod im Kreise ihrer Familien bleiben, sehr viele verbringen ihre letzten Jahre in sogenannten Altenheimen, oftmals von ihren Kindern und Kindeskindern in Stich gelassen, als lästig empfunden, abgeschoben und vernachlässigt. Ich habe mich in einem dieser Heime um solche alten Menschen gekümmert, sie versorgt und gepflegt. – Zwei Lebenspartner hatte ich. Dem einen verdankte ich viel Leid, Kummer und Tränen, aber auch eine wunderbare Tochter, die ich zusammen mit meinem zu früh geborenen Enkelsohn zurück lassen musste, als beide in großer Gefahr schwebten. Und der andere Gefährte schenkte mir viele, viele Jahre voller Glück, Liebe und Geborgenheit…” Ihre Stimme wurde dünn und verlor sich im Rauschen des Morgenwinds. Lahl’lil näherte sich und legte ihr den Arm um die Schultern. Er wandte sich an Hadum’maith: “Ich weiß, mein Freund, daß dich tausend Fragen über jene andere Welt plagen. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, sie zu stellen.” Hadraa’ina’s Vater lächelte schief und fuhr Lutania sanft über die Wange. “Natürlich. Vergebt mir – manchmal bin ich so sehr Forscher und Wissenschaftler, daß mich jegliches Taktgefühl verlässt.”…

… Das Luftschiff hatte unterdessen die Nase gesenkt. Rasch kam es im Sinkflug näher, bis es sanft auf dem leicht gefurchten Meeresboden aufsetzte. Wir stapften durch den nassen Sand darauf zu, geflissentlich die glitschigen, wurmähnlichen Meeresgetiere ignorierend, die sich in großer Zahl darauf wanden und schlängelten. Wir trugen mehrere große Kisten mit uns. In einer dieser Truhen befanden sich seltsame, maskenähnliche Gebilde, aus einem gallertartigen, anschmiegsamen Material gefertigt. Die Augenpartien waren mit Glas verkleidet, von den Nasenlöchern führten dünne Schläuche zu großen, flaschenartigen Behältnissen, an den Hälsen waren schmale Gurte angebracht…

… “Die schnellste Art, mit eurem Fluggerät nach Varashon zu gelangen, ist, die Met’lliaf-Luftströmung zu nutzen, einen überaus kräftigen Ostwind. Dafür müsst ihr allerdings mehr als zehn Kelpias hoch aufsteigen. Dort oben ist die Luft so dünn, daß ihr ungeschützt binnen kurzem sterben würdet. Wenn ihr allerdings die von mir und meinen Akkoluthen entwickelten Atemmasken anlegt, dann könnt ihr in dieser Höhe problemlos eine Weile überleben. Ihr solltet so binnen weniger Tage die Grenzen von Varashon erreicht haben.”, hatte Tarkum im Laufe der vergangenen Nacht erläutert…

… Virrilh, Iree’boin, unsere beiden wackeren Studenten, der Koch und die Diener des K’auth hatten den Einstieg und die Luke zum Laderaum geöffnet, die Treppe angelegt und die Kisten verstaut. Wir wandten uns Tarkum zu. Die Sonne hatte sich mittlerweile hinter der wuchtigen Masse des Diamantenen Bergs hervor gestohlen, ihre Strahlen hüllten den Hünen in eine verzaubernde Gloriole aus Licht. Die morgendliche Brise zauste seinen vollen, dunklen Schopf und Bart. Er neigte das königliche Haupt und hob die Rechte mit dem kunstvoll gearbeiteten, spiralförmig geschwungenen Stab zum Segen. Er umfasste uns mit seinem offenen, weisen Blick. “Mögen alle Gottheiten eurem Unterfangen wohlgesinnt sein. – Großfürstin, Großfürst von Varashon,”, er sah Lutania und mir fest in die Augen, “Weisheit, Liebe, Toleranz, Großmut und Weitsicht seien mit Euch an jedem Tag Eurer Regentschaft. – Unsere Gebete werden von nun an euch gelten, Rebellen von Varashon. – Reist wohl!” Er wandte sich ab und stapfte mit weiten, kraftvollen Schritten durch die Bucht dem schroffen, felsigen Ufer zu…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 75)…

… Ich kehrte sanft ins Bewusstsein zurück. Hadraa’ina stützte meinen Kopf und hielt mir ein kleines Fläschlein unter die Nase, dem ein erfrischender und belebender Wohlgeruch entstieg. Ich sog tief die Luft in die Lungen – es fühlte sich großartig an. Was für ein Lebenskraft, die in mir pochte und toste! Ich stand auf und ging ein paar Schritte hin und her. Was für ein jugendlicher Elan, für eine seit langem so schmerzlich vermisste Geschmeidigkeit in den Gelenken, Muskeln und Sehnen! Ich setzte mich wieder. Mir pochte nach wie vor der Schädel, übervoll mit all den Wendungen, rätselhaften und wundersamen Ereignissen der letzten Stunden. Mein Blick suchte nach Tarkum, der auf seinen geschwungenen Stab gestützt, inmitten meiner treuen Freunde stand…

… “Warum diese Verwandlung?” – “Wenn du und meine geliebte Ziehtochter euer Erbe, die Regentschaft über Varashon, antreten werdet, werdet ihr eine lange Zeit Tag für Tag mit den bösen, bitteren und schmerzhaften Folgen von Halpenstein’s Missregime konfrontiert sein. Das würde junge Menschen – auch wenn sie charakterlich noch so gefestigt wären – nach kurzem völlig überfordern. Und Herrscher, welche den Zenit ihres Lebens bereits überschritten hätten, würden trotz ihrer Reife, Besonnenheit, Abgeklärtheit und Weisheit dem ungeheueren Druck, den ungezählten, überbordenden Anforderungen nicht lange genug stand halten. – Es bedarf Persönlichkeiten, welche die Erfahrungen eines an sowohl mit schweren Prüfungen und Entsagungen als auch Freuden und Liebe angefüllten Lebens sammeln und bewahren, und dank ihrer Klugheit ihre Lehren daraus ziehen durften, und dennoch die üppige und unermüdliche Kraft der Jugend ihr Eigen nennen. Und das seit ihr Beide nun, du und meine geliebte Ziehtochter. – Wer träumt ab einem gewissen Alter nicht ab und an davon, die Weitsicht und Weisheit eines gereiften Menschen zu besitzen, doch in einem jungen Körper zu wohnen? Dieses Geschenk habt ihr heute erhalten, Lutania und Grismiol. Und somit das beste Rüstzeug, um Varashon in eine goldene Zukunft zu führen.” Ich wiegte den Kopf, darum bemüht, die Worte des Hohepriesters zu verarbeiten. Eine Hand stahl sich auf meine linke Schulter, ich wandte mich um und blickte in die herrlichen Augen Adlanat’s. Widerwillig stahl sich das Wörtchen “Vater!” über meine Lippen. Unser rätselhafter Gefährte ging neben der Liege auf die Knie…

… “Du erinnerst dich noch an jene Geschichte, die ich dir eines Nachts am Belweg-See erzählt hatte, als du den verloren gegangenen Beutel mit dem Feenstaub gefunden, und mir dadurch das Leben gerettet hattest? An die große Liebe, die ich erwähnte, Sproß jenes dem Reich meiner Zieheltern benachbarten Fürstenhauses? Sie ist deine – eure – Mutter gewesen, Grismiol, Lutania. Die einzige Tochter des Fürstenpaares, und die zukünftige Herrscherin über Varashon, denn wie du bestimmt weißt, mein Sohn, ist es per Gesetz seit Jahrhunderten schon verankert, daß auch Frauen dort regieren dürfen…” – “… Und jener Mann, den zu heiraten man sie gezwungen hat, ist – ist…” – “… Nannte – und nennt sich immer noch – Siridian Obeselion Lamavian von und zu Halpenstein, jawohl!… Zuerst ließ er sie beseitigen, Heisaide, die Liebe meines Lebens, nachdem ihm von meinen Stiefbrüdern zugetragen worden war, daß die Zwillinge, die sie unter vielen Qualen zur Welt gebracht hatte, nicht seinen Lenden entsprungen sein konnten. Kurz danach inszenierten seine Schergen einen Unfall, bei der die zwei Ammen und die Kinder auf tragische Weise ums Leben kamen. So dachte er all die Jahrzehnte über zumindest.” Er stieß ein schnaubendes Lachen aus. Ich griff nach seiner Rechten und fragte forschend: “Und du bist…” – “… Der Balg der Gemahlin des damaligen K’auth von Kalkadiass…” Ich vernahm, wie Lahl’lil scharf die Luft einsog. Adlanat fuhr fort: “Die Dame hatte sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit einem erfolgreichen Handelsmann eingelassen. Sie nutzte eine Reise in das Varashon benachbarte Fürstentum Nithian, um mich, den wohl allzu lebendigen Zeugen ihres Fehltritts, zu ‘entsorgen’. Als ich dem Tode bereits sehr nahe war, fanden mich meine Zieheltern, die sich an jenem Tage bei einem Jagdausflug zerstreuten, in einem Dornbusch…” Mein Vater seufzte. “Somit haben sich alle Rätsel in dieser Nacht gelöst – bis auf eines: Was hat es mit dem seltsamen Kristallwesen auf sich, das mich seit langem schon beschützt und behütet.” Tarkum sprach mit seiner erstaunlich sanften Stimme: “Ich bin ganz sicher, daß Ihr auch dieses Geheimnis lüften werdet – wenn die Zeit dafür gekommen ist.”…

… Die Tür tat sich lautlos auf, herein trat die kleine Schar der männlichen und weiblichen Priester. Sie trugen kleine Tische und Bänke mit sich, Tabletts, Krüge und Becher, denen gar verführerische Düfte entstiegen. Ich fühlte meinen Magen knurren und verspürte Hunger wie – wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Nachdem wir wieder unter uns waren, forderte Tarkum uns auf: “Esst, trinkt, stärkt euch. Und dann lasst uns genau besprechen, wie ihr in Kardachen’en vorgehen werdet, um den Herzog zu überwältigen und zu stürzen.”…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 74)…

… Angstvoll nach allen Seiten witternd verharrte Mauthin sehr lange Zeit in einem engen, feuchten Mauerloch unweit der letzten Kehre des höhlenähnlichen, muffigen Ganges, der zu den beiden entlegensten Kerkerzellen der herzöglichen Burg führte. Endlich fasste sie sich ein Herz, schlich lautlos zu einer der beiden meterdicken, mit starken stählernen Streben verstärkten Türen, sammelte sich kurz duckend, dann schoß sie mit einem kühnen Sprung nach oben. Es gelang ihr, die messerscharfen Krallen in das grobe Holz zu schlagen, welches das kleine Guckloch einfasste, und durch die schmale Öffnung zu lugen. In der brütenden Finsternis konnte sie auf einem Lager aus schütterem, fauligem Stroh den Umriss einer skelettartigen, in sich zusammen gesunkenen Gestalt wahr nehmen. Das Wesen, welches nur mehr entfernt an einen stolzen Zweibeiner erinnerte, hob matt seinen fast kahlen Totenschädel und starrte ins Leere. Mauthin konzentrierte sich mit all ihren Sinnen auf das erbarmungswürdige Geschöpf, sie nahm dessen Aura und Ausstrahlung auf, ehe ihre Pfoten erlahmten, und sie sich wieder auf den schmutzigen, klammen Boden des Flures fallen lassen musste. Ihr Verdacht hatte sich bestätigt…

… Sie zog sich hastig in das Mauerloch zurück, mit heftigem Kopfschütteln und völlig entsetzt die soeben gemachte Entdeckung verarbeitend. Es verging eine geraume Weile, bevor sie sich erneut aus ihrem Versteck wagte. Sie hockte sich nahe an die Pforte des zweiten düsteren Gelasses und maunzte fragend und langgezogen. Es dauerte nicht lange, da raschelte es im Inneren und die leere Fläche von Rondena-Hesekial’s Gesicht presste sich gegen die Stäbe des Gucklochs. “Mauthin! Um der Weisen Mitkhenn Willen! Was machst du hier! Du hättest dich doch längst in Sicherheit bringen müssen!” – “Wie kann ich das, Ehrwürdige, wenn die Tapferen, die ausgezogen sind, den Tyrannen zu stürzen, in so großer Gefahr schweben! – Wie geht es dir?” Rondena lachte trocken und voller Zynismus auf: “Man behandelt mich gut, verwöhnt mich fast schon ‘liebevoll’. Es kam sogar ein Arzt, um nach meinen Wunden zu sehen, und diese zu versorgen. Wahrscheinlich will Halpenstein vermeiden, daß ich bei meiner Hinrichtung einen siechen Eindruck mache. – Ich kann es immer noch nicht fassen, daß wir verraten wurden!… Wer mag uns das angetan haben?… Ich zermartere mir seit Tagen und Nächten den Kopf…” – “Sei stark, Ehrwürdige – ich bin mir sehr sicher, daß ich weiß, wer der Verräter ist, auch wenn du mir das jetzt nicht glauben wirst.” Mauthin senkte ihre Stimme, und hauchte beinahe lautlos einen Namen. Die Gesichtswandlerin prallte zurück und fuhr sich an die Kehle. “Nein!!! Nein!!!” – “Habe ich dich jemals belogen, Ehrwürdige? – Ich bitte dich um eines, zum Schutze der Rebellen wegen: Sage mir das WORT. Falls man dich ermorden wird, bevor die tapferen Umstürzler erfolgreich waren, muss es jemanden geben, der sie vor den furchtbaren Folgen des Verrats bewahren kann.” Die Gefangene wandte sich ab, ihre Schultern krümmten sich und zuckten, als sie sich lautlos ihrem Gram, ihrer Verstörtheit und abgrundtiefer Erschütterung hingab. Mauthin wartete geduldig. Endlich hatte Rondena sich wieder gefasst. “Du weisst, daß ich das WORT nicht weiter geben darf – ich habe einen heiligen Eid darauf geschworen.” – “Es würde den sicheren Tod für jene bedeuten, die so viel auf sich genommen haben, um das Terrorregime des Herzogs zu beenden.”, entgegnete die kleine, graue Katze sanft. “Die Gefängisse landauf landab bersten aus allen Nähten, die Henker und Folterknechte haben noch weniger Muße als jemals zuvor, jeder, der auch nur den geringsten Verdacht auf sich geladen hat, mit den Rebellen zu sympathisieren, wird inhaftiert, misshandelt oder hingerichtet. Es ist unsere Pflicht, mit all unseren Fähigkeiten dazu beizutragen, daß dem ein Ende gesetzt wird, Ehrwürdige, das zählt mehr als jeder Heilige Eid. Denk darüber nach.” Rondena atmete tief und schwer, mit sich ringend. Mauthin fühlte ihren inneren Kampf und Mitleid und Liebe sprengten beinahe ihr kleines, tapferes Katzenherz. Die Priesterin der Weisen Mithkenn nickte seufzend. “Also gut. Komm ganz nahe, und konzentriere dich. Ich werde es dir nur einmal sagen, du musst genau hinhören.” Mauthin hielt gespannt die Luft an und spitzte ihre Öhrchen…

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… Das Antlitz, welches die blanke, fein geschliffene Scheibe reflektierte, war meins – und doch nicht meins. Es war klar und kraftvoll geschnitten, mit einem starken, aber wohlgeformten Kinn, einer schmalen, edlen Nase, lichtgrauen Augen unter dichten, dunklen Brauen, darüber wölbte sich eine hohe, und vor allem faltenfreie Stirn. Der üppige, gelockte Haarschopf, welcher mir auf die Schultern fiel, hatte eine hellbraune Farbe, goldene Lichter spielten übermütig darin – und nicht eine graue oder weiße Strähne war zu entdecken! So hatte ich vor ungefähr fünfzig Jahren ausgesehen, wenn mich die Erinnerung nicht trog. Ich legte den Handspiegel beiseite. Das Blut rauschte und dröhnte in meinen Ohren, ich konnte nicht fassen, was da mit mir offensichtlich geschehen war. Ich schob die weiten Ärmel des feinen, weißen Gewandes zurück, das ich gleich meiner Gefährten trug, und besah Arme und Hände. Jugendfrisch schimmerte die Haut, die Knoten, Adern, Schrunden und Altersflecken auf meinen Händen waren verschwunden. “Was – habt – ihr – mit – mir – gemacht!”, stieß ich krächzend hervor. Dann verlor ich auf’s Neue die Besinnung…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 73)…

… Ich hatte das Gefühl, meine brennenden Augäpfel würden aus den Höhlen treten, so fassungslos starrte ich Tarkum an. In meiner Brust begann es, unheilvoll zu brennen, mir wurde abwechselnd siedend heiss und eisig kalt. “Nein!”, stieß ich heiser hervor, “Das glaube ich nicht!” Der Hohepriester nickte gemessen. “Doch, es ist wahr. Du bist Grismiol, dein Kindname lautete Nasieleng, der Zwillingsbruder Lutania’s, und somit ebenfalls rechtmäßiger Erbe des Reiches von Varashon.” Ich begann, ruckartig meinen Kopf zu wenden, und nacheinander all meine Kampf- und Weggefährten scharf ins Auge zu fassen . “Habt ihr – habt ihr davon gewusst?” Mein Blick bohrte sich in die bezaubernden, dunklen Lichter Hadraa’ina’s. Ich fuhr sie grob an: “Hast du es gewusst?” Im gleichen Moment schämte ich mich bitterlich dafür, zu jenen Männern zu zählen, die ihre Angst, ihre Fassungslosigkeit, Unverständnis und Beklemmung an dem einen Menschen auslassen, den sie im Grunde ihres Herzens am meisten lieben. Voller Ruhe, innerer Kraft und Anmut hielt meine Liebste mir stand, und entgegnete leise, aber mit fester Stimme: “Nein, Grismiol, ich wusste nicht davon. Mein Vater hatte eine Ahnung, nach all dem, was er in den Sternen und alten Mythen erforscht hatte. Nur eine Ahnung – mehr nicht. Ich habe mich deshalb bei unserer ersten Begegnung am Stadttor von Kalkadiass sofort in dich verliebt, weil ich da schon erkannt hatte, daß du mein Seelengefährte bist. Und das ist die Wahrheit, das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!” Ich konnte den Blick kaum von ihr wenden,  fühlte mich entwaffnet, schluckte schwer. Mit einem Male erschien mir die Situation ungemein komisch. Ich begann, hysterisch zu lachen, und deutete mit vor Hohn und Spott verzerrtem Gesicht auf Adlanat. “Ich vermute, du bist mein Vater?” Er senkte kurz erbleichend und wie nach einem erhaltenen Schlag zurück taumelnd die Lider. Dann fing er sich, hob den Kopf, sah mir fest in die Augen und nickte. “In der Tat, Grismiol, das bin ich.” Aus dem Brennen in meiner Brust wurde ein schmerzvolles Ziehen und Stechen. Bevor ich das Bewusstsein verlor, fühlte ich mich von Tarkum’s starkem rechtem Arm umfangen, mit der Linken hielt er jenen Kelch, den er vorhin beiseite gestellt hatte, an meinen Mund. “Trink dies, es wird dir gut tun und dich stärken und beruhigen.” Ich wollte das Gefäß  weg stoßen, hatte jedoch nicht mehr die Kraft dazu, gefügig umschloss ich mit meinen trockenen, spröden Lippen den kühlen Rand des Kelchs und tat einen tiefen Schluck. Eine leicht bittere, scharfe Flüssigkeit rann zunächst wohltuend durch meine Kehle, dann jedoch fühlte ich einen so furchtbaren Schmerz durch meinen gesamten Körper rasen, daß es mir schier den Atem verschlug, so glitt ich in die wohltuende Finsternis einer tiefen Ohnmacht…

… Ich erwachte und sah mich verwirrt und noch halb benommen um. Während meiner Besinnungslosigkeit hatten die Gefährten, Tarkum und Nasieliel die große Halle verlassen und sich mit mir in ein kleineres, schlicht eingerichtetes Gemach von vollendet gerundetem Grundriss zurück gezogen, dessen Wände aus einem beinahe durchscheinend weißen, leicht schillernden Material bestand. Mir wurde gewahr, daß ich auf einer wunderbar komfortablen Liege mit erhöhtem Kopfteil ruhte, mein Blick glitt durch das mir gegenüber liegende Fenster hinaus in den schwarzen Nachthimmel. Soeben zog draußen ein langer, zylinderförmiger Schemen, finsterer noch als die Dunkelheit, vorüber – unser Luftschiff auf seinem unentwegtem Kurs um die sagenhafte Insel des Diamantenen Bergs…

… Hadraa’ina kniete neben mir und hatte ihre schlanken, zarten Hände auf meine Brust gelegt. Ich erkannte die Spuren getrockneter Tränen auf ihrem lieblichen Gesicht. “Was hatte ich Angst und Sorge um dich, Liebster! Es wirkte eine Weile so, als würdest du in die Anderwelt hinüber gleiten. Man musste dich mit größter Behutsamkeit hierher in das oberste Turmzimmer bringen.” Mein Blick klärte sich und glitt zu meiner Schwester, die am Fußende des Ruhebetts stand, schlank, hochgewachsen, fremd, und doch irgendwie so vertraut. “Es war furchtbar – kaum hatte ich neben meinem Leben hier auch den Bruder wieder gefunden, drohten die Mächte des Todes mir diesen auch schon wieder zu entreissen.” Ich setzte mich auf und war höchst erstaunt darüber, daß mir dies so leicht fiel. “Schöner Bruder! Ich werde dir nicht viel von Nutzen sein können, Lutania. Ich bin ein Greis, meine Zeit hier in unserer Welt ist kurz vor dem Ablaufen, meine Kräfte versiegen, mir werden wohl nicht mehr viele Tage vergönnt sein…” – “Da irrst du dich!”, ließ sich Tarkum vernehmen. Er hielt mir einen blank polierten Spiegel hin. Als ich hinein sah, stockte mir der Atem…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 72)…

… Ich kenne diese Frau, diesen Menschen, fuhr es mir durch den Sinn, als ich – nunmehr seltsam distanziert, als hätte das soeben Geschehene meinen Geist und die Seele völlig überfordert – beobachtete, wie Tarkum der anscheinend aus einem todesähnlichen Schlaf Erwachten sanft auf die Beine half, ihr kaum hörbar flüsternd zusprach. Endlich wich die geisterhafte Blässe aus ihrem Antlitz, in die sanft geformten Wangen kehrte ein wenig Farbe. Die uns umringenden Priester und Priesterinnen hatten sich mittlerweile lautlos entfernt, nun kamen sie in die große Halle zurück, gepolsterte, bequem aussehende Sessel tragend, die sie auf dem Podest zurecht stellten, und uns stumm aufforderten, Platz zu nehmen. Als ich mich dankbar niederließ, fühlte ich meine Knie zittern…

… Tarkum stellte sich hinter Lutania und legte ihr die große, wohlgeformte Hand auf die linke Schulter. “Meine lieben Helden aus Varashon und Kalkadiass – dies ist meine Ziehtochter und Hohepriesterin, welcher ich bei ihrer Initiierung vor langer Zeit den Namen Lutania – Das Strahlen des Universums – verliehen hatte. Doch ihr Kindname, den sie inne hatte bevor sie zu mir auf die Insel des Diamantenen Bergs gelangte, lautete Nasieliel…” – “… Nasieliel von Virison!”, brach es ungestüm aus Oberst Padruuut hervor, “Aber das ist doch unmöglich! Die Zwillinge, die rechtmäßigen Erben des Thrones von Varashon, sind vor über siebzig Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen!” Der Hohepriester nickte und lächelte sanft. “So erzählt man sich seitdem, und wir haben seinerzeit auch viel dazu beigetragen, daß diese Geschichte in alle Welt verbreitet worden ist. Dies geschah, um das Leben der Babies zu schützen, die den furchtbaren Anschlag schwer verletzt überstanden hatten. Ich brachte mithilfe einiger Getreuer Nasieliel hierher in meinen Tempel, pflegte sie gesund, und nahm sie als meine Tochter an. Schon bald stellte sich heraus, daß sie über eine enorme Seelen- und Geisteskraft verfügte. Es fiel ihr überaus leicht, unsere Lehren zu verstehen und zu verinnerlichen. Sie war die beste Schülerin, die ich jemals unterrichten durfte. So konnte ich sie bereits in sehr jungen Jahren zur Hohepriesterin weihen. Ich ging davon aus, daß sie an meiner Seite über das kleine Inselreich hier herrschen, und allmählich meine Aufgaben übernehmen und mich somit entlasten würde, bis es an der Zeit für sie wäre, das rechtmäßige Erbe anzutreten. Aber eine ungute Wendung im Lauf der Gestirne trug eines Tages das Böse in Gestalt einer von Missgunst und Neid beherrschten Kreatur hierher. Sie blendete mich, und erschlich sich meine Liebe, machte mich töricht und hörig. Gleichzeitig verstand sie es, mich von Nasielil zu entfremden. Ich begann, ihren Einflüsterungen Glauben zu schenken und meiner wundervollen Ziehtochter zu misstrauen. Schließlich kam es zu einer von dieser furchtbaren Wesenheit inszenierten, sehr verfänglichen Situation, ich war nicht dazu in der Lage, diese Intrige zu durchschauen, verlor die Beherrschung und sprach einen Fluch über Lutania aus, der sie in jenen todesähnlichen Zustand versetzte, in dem ihr sie vorhin angetroffen habt, und der ihre Seele, ihre Lebenskraft in eine Person verbannte, die unendlich weit von hier entfernt – und doch so nah – auf einem anderen Planeten lebte. Von da an verliefen meine Tage in bitterster Reue, randvoll mit Scham, Klage und Trauer, ungezählten Gebeten an die Gottheiten und verzweifelten Versuchen, diesen Bann wieder rückgängig zu machen. Doch nichts wirkte. Erst nachdem jene Kreatur, die zauberischen Kräfte missbrauchend, endgültig in den Rausch der Schwarzen Magie geriet, wahnsinnig wurde, und sich vom Himmelsturm stürzte, zeigten mir die alten Schriften und die Botschaften der Gestirne auf, wie ich meine geliebte Nasielil von dem Fluch befreien konnte. Und dank eurer Hilfe ist mir dies in dieser Nacht gelungen.” Er kniete zu Füßen der jungen Frau nieder und barg das mächtige Haupt in ihrem Schoß. Erstickt murmelte er: “Nun weisst du, mein Kind, was ich dir angetan habe. Wirst du mir jemals verzeihen können?” Sie neigte den Kopf und legte die Hände sanft auf den kräftigen Schopf des Riesen. “Was wäre ich dir für eine Schülerin gewesen, wenn ich nicht einmal die einfachste aller Regeln begriffen hätte: Nur wer vergeben kann, ist würdig der Weisheit der Liebe und des Lebens. – Natürlich verzeihe ich dir, mein großer Tarkum!” Eine Weile wurde der wuchtige Körper des Hohepriesters von herzzerreissendem Schluchzen gebeutelt. Dann fasste er sich wieder, erhob sich und wischte sich die Tränen aus dem markant geschnittenen Gesicht…

… “Was ist aus dem zweiten Kind geworden? Dem Sohn?”, ließ sich Oberst Padruuut vernehmen. “Lebt er noch? Und wo?” Tarkum atmete tief ein. “Der Sohn lebt. Er wurde in die Obhut eines biederen und verschwiegenen Handwerkerpaares in Kardachen’en gegeben, das sich seit langem schon sehnlichst einen Nachkommen wünschte. Dort wuchs er unweit der herzöglichen Residenz auf, übernahm nach seiner Lehrzeit das Geschäft seines Ziehvaters, heiratete und gründete eine eigene Familie. Als diese in den Kerkern  Halpenstein’s ums Leben kam, schloss er sich endgültig den Rebellen an, verbrachte etliche Jahre sehr unstet im Untergrund, und machte sich mit den überlebenden Kampfgefährten nach einer furchtbaren Niederlage an der Schlossbrücke auf eine lange und seltsame Reise. – Hier sitzt er.” Der Hohepriester wandte sich mir zu und fixierte mich mit seinen seltsamen Augen…

… Wird fortgesetzt…

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Die Rebellen von Varashon (Teil 71)…

… Sie löste sich aus ihrem Körper. Obwohl sie das Gefühl hatte, nicht mehr als eine Mannslänge über ihrem Liebsten, Jonathan, der jungen Ärztin und ihrem frühgeborenen Enkelkind zu schweben, schienen diese Menschen ihr doch so unerreichbar fern entrückt zu sein. Sie fühlte nichts mehr, weder Trauer noch Freude, keinen Zorn, keine Angst, nur eine unbeschreibliche Ruhe und Gelöstheit. Und Liebe – eine schier übermächtige, unirdische Liebe, die alles überstrahlte, auch das tiefe, unendliche Schwarz ringsum. Sie ahnte den Glanz unsagbar weit entfernter Gestirne…

… Dann, nach einer Ewigkeit, vermeinte sie einen Sog zu spüren. Sie glitt durch Planetensysteme, an glosenden Sonnen, funkelnden Sternenhaufen, in allen Farben leuchtenden stellaren Nebeln vorbei. Sie zog über die silbern schimmernde Oberfläche eines lebhaft sich wellenden Ozeans, deutlich konnte sie auf den Wogen die Schaumkronen erkennen. Schemenhaft zeichnete sich am nachtdunklen Himmel die dumpf rotglühende Scheibe eines Trabanten ab, und sie wusste, daß es sich dabei um zwei Monde handelte, die scheinbar miteinander verschmolzen waren…

… Sie sah eine Insel, einen sehr hohen filigranen Turm, und darunter, als wären die aufragenden, zerklüfteten, steilen Felsmassen aus Glas, ein gut verborgenes und weit verzweigtes Höhlensystem, eine riesige, von zierlich ineinander verschlungenen Säulen gestützte Halle bildete dessen Zentrum…

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… Gebannt starrten meine Freunde und ich auf den Brunnen. Der reine und klare Spiegel des Wassers bewegte sich nicht, und doch kam es mir vor, als würde er wie ein kraftvoller Strudel kreisen. In seinen Tiefen konnte ich ferne Gestirne wahr nehmen, blitzend und irrlichternd gleich wertvollem Geschmeide. Mir war, als würde ich einen Blick in die Unendlichkeit tun, in die Unfassbarkeit des Universums, von dem Hadum’maith so beredt erzählen und belehren konnte. Und als würde sich aus dieser unbegreiflichen Schwärze, dem atemberaubenden Sternenreigen etwas Körperloses nähern, ein Hauch, ein nicht begreifbarer Schemen. Ich fühlte, wie ich erschauerte, alles, was sich ereignete, willenlos aufnahm, als wäre ich in einem sehr seltsamen Traum gefangen…

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… Eine geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zog Tayna aus dem gemauerten Rund des Brunnen. Sie erkannte in einem aufrecht stehenden, offenen Katafalk aus durchscheinendem Kristall die Gestalt einer jungen, zierlichen, wunderschönen Frau, deren Gesichtszüge den ihren sehr ähnlich waren. “Erwache aus deinem tiefen Schlaf, Lutania, Wächterin des Diamantenen Bergs. Tue deine Pflicht und befreie das dir einst anvertraute Volk!”…

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… Die sonst sanft und weich klingende Stimme des Hohepriesters Tarkum schallte tief und dunkel und einer ehernen Glocke gleich durch das Labyrinth des unterirdischen Tempels, mir war, als würden seine Worte, die mir durch Mark und Bein gingen, selbst die starren, unzerstörbaren Felsen ringsum zum Beben bringen…

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… Tayna fühlte, wie die überirdische Kraft sie in den Leib der Leblosen zwang, wie ihr die wundervolle, körperlose, unbeschwerte Freiheit, die sie während ihrer schwebenden Reise durch Raum und Zeit erfahren durfte, entzogen wurde. Gleichzeitig kehrte das ganze Spektrum menschlicher Gefühle in ihre Wesenheit zurück. Verzweiflung packte sie, Entsetzen, Angst, Zorn! “Nein!”, begehrte sie auf, “Nein, ich will das nicht! Lasst mich! Tut mir das nicht an! Bitte! Bitte!” Doch ihr inniges Flehen verhallte ungehört. Kurz bevor sie vom Gefängnis ihres neuen Körpers umschlossen wurde, empfand sie eine abgrundtiefe Trauer, einen unsäglichen Schmerz. “Neeeeiiiiin!”, setzte sie sich in einem letzten verzweifelten Aufbäumen zur Wehr…

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… Die herrliche, bislang unbeseelte Gestalt des jungen Weibes in ihrem diamantenen Sarg öffnete die fein gezeichneten, blassen Lippen und stieß einen kaum hörbaren Hauch aus. Dann löste sie sich von der üppigen Unterlage aus schimmerndem Stoff, auf welcher sie bislang geruht hatte, und brach in die Knie. Tarkum hatte blitzschnell den Kelch, den er getragen hatte, abgestellt, er war mit einem Satz an ihrer Seite, fing sie auf und stützte sie. Er hielt sie mit der Linken, die Rechte legte er ihr wie segnend auf das gebeugte Haupt, auf die hellgolden schimmernde Lockenpracht, unablässig murmelnd. Endlich schien die Frau zu Kräften zu kommen, sie öffnete die wundervollen, tiefblauen Augen, nach einer Weile wurde ihr Blick klar, sie musterte uns aufmerksam der Reihe nach. Der Hohepriester holte tief Atem und lächelte. “Willkommen zurück bei den Lebenden, Lutania, Wächterin des Diamantenen Bergs und Erbin des Reiches von Varashon…

… Wird fortgesetzt…

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