Die Statistin – Teil 2…

… Endlich wurden wir in die großen Umkleideräume geführt, in denen sich enorm ausladende, fahrbare Kleiderständer befanden, auf denen Unmengen sich bauschender Kostüme wucherten. Die Darstellerin einer anspruchsvolleren Statistenrolle war wohl ausgefallen, die Garderobiere schritt mit einem wunderschönen, tief ausgeschnittenen, mit gestickten Blümchen fein verzierten, rotsamtenen Gewand an uns vorbei, einen passenden Ersatz suchend, hieß mich gerade stehen, hielt die herrliche Schöpfung an meine Vorderseite, zuckte dann aber bedauernd die Schultern. „Geht leider net, du bist a kloans bisserl zu schmal in den Schultern.“ Ihre Assistentin drückte mir Rock, Mieder und wollenes Schultertuch einer etwas derben, dunklen, bäuerlichen Tracht in die Hand. Nun ja, was soll’s, Hauptsache, einmal auf der Bühne stehen…

… Die Damen und Herren der Statisterie für den Zweiten Aufzug werden gebeten, sich auf die linke Nebenbühne zu begeben!“, schallte es aus dem über dem Türrahmen angebrachten Lautsprecher. Ich holte tief Luft und trottete dem Pulk der malerisch Verkleideten hinterdrein, verwinkelten, nur spärlich beleuchteten, sogar mir bis dato unbekannten Gängen entlang, treppab, durch eine wuchtige, eiserne Feuerschutztür – und dann standen wir im diffusen Dunkel zwischen Kulissenteilen, Scheinwerfern, Windmaschinen, schlangengleich über den Boden züngelnden Kabeln, und wurden durch einen zischelnd flüsternden Inspizienten aufgefordert, zu warten. Ich pirschte mich an eine Gruppe älterer Damen heran, die ins raunende Diskutieren verschiedener Zubereitungen von Pizzateig vertieft waren, und den Eindruck erweckten, als wären sie „alte Hasen“…

… „Was muss ich denn eigentlich tun, wenn wir jetzt dran sind?“ Sie musterten mich leicht amüsiert. „Zum ersten Mal dabei?“ Ich nickte. Eine mollige Rothaarige nahm sich meiner an: „Auch nix anderes als sonst, wenn’st in der Stadt einen Schaufensterbummel machst. Du flanierst halt einfach so zwischen de Kulissen ‚rum und passt‘ auf, daß’d dem Chor net im Weg stehst. Gib de einfach völlig natürlich.“…

… Der letzte Ton des Orchesters war verhallt, der himmelhohe, goldverbrämte Vorhang schloss sich mit einem wuchtigen Rauschen, wie aus dem Nichts tauchte das Heer der Bühnenarbeiter in ihren schwarzen Overalls auf, rasch, lautlos, völlig aufeinander eingespielt bugsierten sie die im Hintergrund bereit gehaltenen Kulissen der Pariser Straßenszene nach vorne, wahrend die Dachkammer des Ersten Aufzugs mittels Rollwägen und Seilen auf die rechte Nebenbühne und in den Schnürboden verfrachtet wurde…

… Lampenfieber packte mich, meine Hände wurden klamm und schweissnass. Lieber Himmel, worauf hatte ich mich da nur wieder eingelassen!…

… Vom Schnürboden glitt die komplette Fassade eines Blumenladens herab, sie rastete, von ein paar Helfern dirigiert, auf der vorgesehenen Markierung ein, Requisiteure in weißen Mänteln huschten heran, die Arme voll mit künstlichen Sträußen und Topfpflanzen, welche sie im Schaufenster arrangierten, als Kellner gewandete Komparsen legten letzte Hand an die Möbel eines kleinen Straßencafés im vorderen Teil der Bühne, der Inspizient winkte uns zu. „Meine Damen und Herren, nehmen Sie bitte Ihre Plätze ein!“…

… Ich marschierte den anderen gleich nach vorne, und kam in der Nähe des Blumenladens wieder halbwegs zu mir. Welch ein Gewusele und Gedrängele rings um mich herum! Ich hob den Kopf und starrte nach oben, in die vielen Reihen kleiner, großer, bunter, abgeschirmter, voll blendender Scheinwerfer hinein, die weit über mir Trauben an den Rebstöcken gleich an den Beleuchterbrücken prangten. Das Orchester setzte ein, zunächst gedämpft durch den Vorhang, der nun auseinander glitt und den Blick frei gab auf den abgedunkelten Zuschauerraum, welcher von meiner Warte aus wie ein überdimensionaler Bienenkorb anmutete. Da fiel alles Lampenfieber von mir ab, und ich bestand nur mehr aus purem Entzücken, einer tiefen und beseligenden Freude. Es war so schön hier, so unfassbar schön! Ich blähte die Nüstern und sog die Bühnenluft in mich ein, dieses mit Worten nicht zu beschreibende Aroma…

… Natürlich stand ich mitten im Chor, als dieser aus vollen Kehlen zu singen anhub, zog ich mich langsam und möglichst unauffällig zurück, stumm meine Lippen bewegend. Mein Tatendrang war für’s Erste gebremst und ich begnügte mich damit, scheinbar die Auslagen des an den Blumenladen angrenzenden Geschäfts für Damenmoden zu mustern. Doch meine Augen standen nicht eine Sekunde lang still, zu viel gab es zu erstaunen, sich einzuprägen, sich daran zu erfreuen…

… Schließlich wurde ich wieder mutiger. Langsam tastete ich mich zwischen der langsam strudelnden Statistenmenge vorwärts, schlenderte am Café vorbei, auf dessen kleinem Vorplatz sich nun das Hauptgeschehen abspielte, ich bewunderte die Solisten und beneidete ein bisschen das junge Mädchen, welches nun statt meiner die in die wunderschöne Robe gekleidete fesche Kurtisane geben durfte. Ich traf das wackere Grüppchen der hilfreichen Damen wieder, die Pizzateig-Diskussion war noch immer im Gange, und wir bummelten ein Stückchen gemeinsam…

… Vorne, ganz in der Nähe der Rampe, stand ein kleiner Handkarren, überhäuft mit uralten, zerfledderten Büchern, ich tastete mich dorthin, nahm einen der abgewetzten Bände auf und tat, als würde ich lesen, unter gesenkten Wimpern hindurch warf ich jedoch einen langen, sehr langen Blick über den dämmerigen Orchestergraben hinweg. Ein Meer an Gesichtern schien mir zugewandt zu sein, gebannt, vertieft in die schöne Darbietung. Mein Herz tat einen weiten Satz vor Glück. Ich schlenderte wieder nach hinten, spürte den unregelmäßigen Bühnenboden unter den Sohlen, den Glast der Scheinwerfer auf meinen Schultern, den dumpfen Odem der veralteten Kulissen in der Brust, ich verinnerlichte jede Sekunde dieses Abenteuers voll Bedacht, auf dass ich diesen Abend nie, nie, nie wieder vergessen möge…

… Die schönen Stimmen verklangen, der letzte Akkord des Orchesters flog hinaus in die weit geschwungenen Ränge – und da brauste er auch schon heran, der rotsamtene, goldbestickte Vorhang…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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11 Responses to Die Statistin – Teil 2…

  1. ute42 sagt:

    Das ist so wunderbar beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, mit dir auf der Bühne zu stehen. Danke liebe Margot, das war wirklich ein Erlebnis.

  2. So war es mir noch nie vergönnt, das zu erleben, bei dir war ich dabei…
    Das hast du superschön beschrieben! ♥
    Im ersten Teil hattest du etwas von „etwas angestaubten Kulissen“ oder so geschrieben.
    Mir gefällt so ein Bühnenbild. Viel besser, als die, die sie jetzt manchmal haben. Die an irgendwelche Lager-oder Fabrikhallen oder sonstwas erinnern.
    Im Theater oder Oper möchte ich mich „verzaubern“ lassen, auch etwas optisch. Und da darf es gerne so sein, wie es vielleicht in der Zeit war, als die Stücke geschrieben wurden. 🙂
    Herzlich Grüße
    Ute

    • Danke, liebe Ute! ♥
      Ich finde ein schönes, klassisches Bühnenbild und eine historisch getreue Inszenierung auch wesentlich besser als viele der neumodischen Interpretationen. – Als mein Vater noch lebte, ist eines seiner Lieblingsthemen eine Art Denkmalschutz für klassische Opern gewesen. Ich finde diese Idee nach wie vor großartig… 😉
      ♥liche Grüße!

  3. Franka sagt:

    Wunderbar anschaulich beschrieben. Man merkt die Begeisterung.
    LG, Franka

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