Die Schwarze Frau (Teil 19)…

Mir wurden die Knie weich, ich musste mich gegen die weiß gekalkte Wand lehnen. Was für ein Tag! Haben mir die Dreifaltigkeit, die Jungfrau Maria und alle Himmlischen Mächte doch die Gnade erwiesen, zuerst die Kurfürstin Witwe und dann den Prinzen Ferdinand Maria höchstpersönlich kennen zu lernen und gar wunderbar mit ihnen parlieren zu dürfen. Das musste ich unbedingt Jakob erzählen! Ich nestelte das feine Kettchen mit Mutter’s Medaillon des Heiligen St. Christophorus vom Hals, das ich stetig trug, seitdem ich das elterliche Haus in Wasserburg verlassen hatte, und fügte zärtlich und ehrfurchtsvoll den zierlichen Stern Ferdinand’s hinzu.
Jakob machte allerdings, als wir uns des Abends in unserem neuen Geheimversteck im Dachboden der Neuveste trafen, einen ausgesprochen trübseligen Eindruck. Außerdem war seine Wange wieder angeschwollen. Er kommentierte nur gelegentlich mit einem unwirschen Brummen und Knurren, und wirkte überaus abwesend, was mich sehr erboste. „Du hörst mir überhaupt nicht zu!“
„Tut mir leid, Adelheid, ich hab‘ schon wieder so entsetzliches Zahnweh!“
„Mach den Mund auf.“
Ich hob das kleine Talglicht auf, welches am Boden stand, und starrte mit zusammen gekniffenen Augen, um besser sehen zu können, in Jakob’s Rachen. Und schlug mir entsetzt mit der Hand auf die Wange. „Oh, nein! Oh, nein!“
„Was ist? Was siehst du?“
„Da ist etwas in deinem Zahn, das sieht aus wie ein kleiner, weißer Wurm! *(Siehe Anmerkung unten) – Soll ich versuchen, ihn ‚rauszuholen?“ Mir ekelte ganz fürchterlich, aber um meinem Bruder zu helfen, würde ich mich schon überwinden. Doch Jakob schlug mein tapferes Angebot aus, obwohl auch ihm Abscheu und Furcht deutlich ins Gesicht geschrieben standen. „Untersteh‘ dich! Ich geh‘ noch einmal zum Bader.“
Mir schlug das Herz bis zum Halse, als wir zum zweiten Mal die Behandlungsstube betraten, doch diesmal schien der schöne, doch recht unheimliche Hüne durch mich hindurch zu sehen, als wäre ich aus Glas. Mir war das ganz recht so. Er betrachtete den faulen Zahn. „Tja, Ihr habt Euch da einen Zahnwurm eingefangen, werter Herr. Und das heisst, der faule Beißer muss ‚raus, und zwar so schnell als möglich, bevor sich der Wurm fortpflanzt, und Euer ganzes Gebiss befällt, und vielleicht sogar in Eure Blutbahn und die inneren Organe gerät.“
Jakob stierte zu ihm hoch und nickte. Er hatte zwar jegliche Gesichtsfärbung verloren und wirkte so bleich wie die Wand hinter ihm, und mit den Händen umklammerte er die Armlehnen des Behandlungsstuhls so fest, dass die Fingerknöchel weißlich hervor traten, doch er wirkte sehr gefasst. Der Bader griff nach einer langen Zange, setzte sie an, ruckte und zog und zerrte, dann knirschte es deutlich hörbar, und er beförderte ein ein blutigen, schwärzlichen Backenzahn zutage. „Da ist er ja, der Übeltäter.“, knurrte der Mann, mit seinen hoffentlich sauberen Fingern drückte und presste er den wunden Gaumen. „Keine Splitter – sehr gut!“ Aus einer bauchigen, schmutziggrünen Flasche schenkte er ein kleines Gläschen einer dunkelroten Flüssigkeit ein und reichte es meinem Bruder. „Trinkt das – es ist ein feuriger Roter mit etwas Bilsenkraut versetzt, das wird Euch heute die schlimmsten Schmerzen nehmen.“
Als wir die Hundskugel verließen, schwand endlich meine bange Anspannung. Ich besah meine Handflächen, aus lauter Mitgefühl und Mitleiden hatte ich die Fingernägel so sehr ins Fleisch gegraben, dass kleine, blutige Halbmonde zu sehen waren.

-.-

An einem gleißend sonnigen, doch bitterlich kalten Wintertag nicht lange nach der Entfernung von Jakobs wurmbefallenen Zahn wurde ich von Mutter Udalrica angewiesen, mich ins Anwesen des Malers und Bildhauers Ludwig Herboltz zu begeben. Die Kurfürstin hätte es arrangiert und angeordnet, dass ich dem Künstler Modell für eine Madonna, das Bildnis einer Heiligen oder eines Engels stehen solle. In der Nähstube war man sichtlich beeindruckt davon, und auch mein ansonsten mit meinem Werdegang so kritische Bruder kam nicht umhin, zumindest ein klein wenig Bewunderung und Zufriedenheit zu zeigen.
Meister Herboltz wohnte etwas außerhalb der Stadt, nahe des Isarufers. Auf dem Weg dorthin durchschritt ich das Sendlinger Tor, nicht ohne mit Gruseln der Geschichte vom Fingertürmchen zu gedenken: In München hatte es vor einigen Jahrhundten einen sehr gierigen und verschlagenen Stadtrat gegeben, der mit einem Raubritter paktierte – er wolle ihm des Nachts das westliche Tor öffnen, damit er mit seinen mordlüsternen und marodierenden Mannen in die Stadt einfallen und diese plündern könne. Natürlich hatte sich der Stadtrat für seine Schandtat einen kräftigen Anteil an der zu erwartenden Beute zusichern lassen. Dumm war nur, dass man ihm beizeiten auf die Schliche gekommen war. Als Strafe wurde er bei lebendigem Leibe in das winzig kleine Fingertürmchen eingemauert. Als man vor einigen Jahren diese bei der Errichtung der neuen, starken Befestigung einriss, die uns vor den Schweden schützen sollte, fand man die mumifizierte, zusammengekrümmte Leiche des elendiglichen Verräters. Sein Gesicht soll vor Qualen und Leid furchtbar entstellt und verzerrt gewesen sein. Man erzählte sich auch, dass dieser Stadtrat heute noch als Gespenst umgehen soll. Schnell griff ich in meiner Rocktasche nach dem kleinen Fläschchen Graberde, nahm eine Prise und zerrieb sie geschwind ein Vaterunser betend zwischen meinen Fingern…
Meister Herboltz war ein kleiner, schon recht alter Mann mit gekrümmtem Rücken, einem glänzenden, haarlosen Schädel und leicht vorstehenden, durchdringend blickenden, hellgrauen Augen. Er befahl mir schroff und wortkarg, auf einem Schemel, der auf einer kleinen Bühne stand, Platz zu nehmen, und mich einmal nach links, einmal nach rechts zu wenden, den Kopf zu heben oder zu senken, die Hände im Schoß ruhen zu lassen, anschließend wieder wie zum Gebet gefaltet in Brusthöhe zu halten. Dann musste ich die Haube abnehmen und mein Haar öffnen. Ich liebte es, wenn die hellbraune, dichte, leicht gewellte Flut sich schwer über meinen Rücken ergoss. Ein wenig eitel war ich nämlich schon auch. Der Künstler zeichnete inzwischen Skizze um Skizze. In dem großen, hohen und hellen Raum waren keine anderen Geräusche zu vernehmen als das Knacken, Knistern und Prasseln der Buchenholzscheite in dem wuchtigen Kamin, das sanfte, leise Kratzen der Kohlestifte und das Rascheln von Papier. Als das Tageslicht schwand, und es in dem großen, kühlen Raum zu dunkel wurde, um noch weiter zu arbeiten, war der Boden mit einer Unzahl großer – und teurer! – Blätter bedeckt.

*Das Bilsenkraut, welches der Bader Adelheid’s Bruder in den Zahn gestopft hatte, hatte zu keimen begonnen. Dergleichen hatte sich damals häufig ereignet. Einen faulen Zahn mit Bilsenkrautsamen zu füllen ist bei Badern durchaus gebräuchlich gewesen, konnte man dadurch beim Patienten dank zweier Besuche doppelt kassieren.

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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7 Responses to Die Schwarze Frau (Teil 19)…

  1. piri ulbrich sagt:

    Ich habe Gefallen an der Geschichte gefunden und habe die Gestalten vor meinem inneren Auge und möchte wissen, wie es weiter geht!

  2. evaschnepf sagt:

    Danke für den Einblick in die Geschichte.

    Alles Liebe
    Eva 🙂

  3. Lutz sagt:

    Wieder toll geschrieben. Deine Phantasien kennen keinen Grenzen. Dir noch einen schönen Tag. L:G.

    • Danke schön. Da es sich hier teilweise um einen historischen Roman handelt, ist so manches nicht Phantasie, sondern das Ergebnis fleißiger und umfangreicher Recherchen. 😉
      Hab du auch einen feinen Tag!

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