Die Schwarze Frau (Teil 20)…

Herboltz ließ sich an dem großen, in der Mitte des Gemachs stehenden Tisch nieder und winkte mich zu sich. „Komm, setz‘ dich, ich werde dich nun für deine Mühen entlohnen.“
Ich wollte auf einem Schemel Platz nehmen, doch er klopfte einladend auf seine Schenkel. „Hierher. Du bist doch noch ein kleines Mädchen, nicht wahr, und hast es gern, von deinem Großvater lieb gehabt zu werden, stimmt’s.“
Mir schwante nichts Gutes, dennoch ließ ich mich zögernd wie geheißen nieder. Herboltz begann, mich zu küssen, auf den Mund, so heftig, wie mich noch nie jemand geküsst hatte, dann schob er seine dicke, schleimige Zunge zwischen meine Lippen. Er fuhr mit der Rechten unter meinen Rock und zwischen meine Beine und fingerte an meiner Scham herum. Sein Atem ging rasch und stoßweise, und wurde bald zum tierhaften Keuchen. Ich war vor Entsetzen wie gelähmt, völlig kraftlos. Mein Herz raste, das Blut brauste betäubend laut in meinen Ohren. Endlich fand ich den Mut und die Kraft, aufzuspringen. Ich raste zur Tür, angelte nach meinem dicken Lodenüberwurf, der dort an einem Haken hing, kleidete mich hastig an und entschwand nach draußen. Inzwischen hatten sich wie ein dunkles Tuch die Dämmerung und dicke, tief hängende Wolken über das Land gelegt, und ein heftiges Schneegestöber eingesetzt. Mir schien der groteske, übermütige Wirbel der eisigen Flocken wie Hohn, und im bitterkalten Sturmwind, der an mir zerrte, vermeinte ich erneut die tastenden Finger des Alten zu fühlen. Die Böen stießen mich hin und her, als wäre ich ihr kraftloses Spielzeug, riss mir den Atem von den verzerrten Lippen, warf mich zu Boden. Keuchend rappelte ich mich wieder auf, kämpfte mich voller Furcht den wuchtigen Leibungen des Sendlinger Tors entgegen. Als ich über die eisig glatte Brücke schlidderte, die den Stadtgraben überspannte, ging die Wachtmannschaft bereits daran, das in seinen Angeln knarzende, hoch aufragende Tor zu schließen.
In der Residenz angelangt verbarg ich mich in unserem Geheimversteck, an allen Gliedern zitternd, und dennoch von Kopf bis zu den Füßen in Schweiß gebadet. Mein Mantel wollte mich nicht recht wärmen, so eisig war mir körperlich und auch innerlich zumute. Ich kauerte mich ganz klein zusammen, und wünschte mir, auf der Stelle sterben zu können. Ich war so verwirrt, unheimliche, sehr böse und verbotene Gedanken wirbelten in meinem Kopf durcheinander. Nie, nie, nie wieder würde ich irgend einem Manne mein Vertrauen schenken! Nie, nie, nie wieder sollte mich irgend ein Mann noch einmal auf diese entehrende Weise berühren! Jakob kam, als es dunkel geworden war, ein Talglicht tragend, unter seinem seidenen Wams hatte er ein weiteres Buch verborgen, das er den Prinzen und ihrem gestrengen Erzieher hatte stiebitzen können. Nach einer halben Stunde gab er jedoch seine Bemühungen entnervt auf. „Es hat keinen Sinn, dich unterrichten zu wollen, wenn du dich nicht konzentrieren kannst, und so wenig bei der Sache bist! Was ist denn los mit dir?“ Ich wandte das Gesicht ab und zuckte die Schultern. „Ich bin nur sehr müde.“, murmelte ich. Die Wahrheit durfte ich ihm niemals erzählen, denn ich wusste, Jakob würde nicht eine Sekunde zögern, um dem alten Maler den Garaus zu machen.
Bleich und abgehärmt, mit lähmenden Glieder- und Kopfschmerzen, abwechselnd von Fieberschauern und Schüttelfrost gebeutelt, und so matt, dass ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte, erschien ich am nächsten Morgen in der Nähstube. Mutter Udalrica musterte mich forschend, einen tröstlichen Augenblick lang ließ sie ihre gütige Hand auf meinem Scheitel ruhen und legte sie dann auf meine Stirn. „Geh, und leg‘ dich nieder, mein Kind. Es ist nicht gut, zu arbeiten, wenn du krank bist. Du hast Fieber, wie mir scheint. – Ich werde gleich nach dir sehen, und dir einen feinen Kräutertee und eine warme Decke bringen.“
Trotz der Fürsorge meiner Lehrmeisterin erkrankte ich binnen kurzem sehr schwer. Ich verbrachte Wochen im Delirium. An diese Zeit fehlt mir so gut wie jede Erinnerung. Mutter Udalrica hatte mich zu sich in ihr kleines Kloster schaffen lassen, dort hatte ich eine winzige, aber saubere und stille Kammer ganz für mich alleine. Die anderen Nonnen hatten mich bald lieb gewonnen, und verwöhnten mich auf höchst angenehme Weise. Doch es war bereits das Frühjahr angebrochen, bis ich das Krankenlager endlich auf wackeligen Beinen verlassen durfte.
Als ich meinen Platz in der Näherei wieder einnehmen konnte, zuckte ich jedes Mal vor Schreck zusammen, wenn die Türe zum angrenzenden Apothekerhof geöffnet wurde. Mutter Udalrica gesellte sich zu mir und legte mir wie ein Flügelschlag so leicht die Hand auf die Schulter. „Du hast sehr oft laut gesprochen und geschrien, und um dich geschlagen, als du gefiebert hast. Ich weiß, was dir widerfahren ist. Du brauchst dich nicht zu sorgen, mein Kind. Meister Herboltz ist bei Hofe in Ungnade gefallen, es ging um eine erkleckliche Anzahl gefälschter und überhöhter Rechnungen, deren Zahlung er vom Kurfürsten verlangt hatte. Er musste das Land verlassen. Eine sehr feine und gerechte Fügung, nicht wahr?“
Ich nickte und senkte den Kopf über meine Näherei. Die Tränen brannten hinter meinen Augen. Für das, was dieser Mensch mir angetan hat, gibt es keine gerechte Fügung, wollte ich rufen. Doch ich blieb stumm.
In einem kleinen Dörfchen namens Mammendorf, etwa fünfeinhalb bayerische Meilen von München entfernt, war die Pest ausgebrochen. Kaum war der Frühling mit viel Wärme und Sonnenschein ins Land gezogen, forderte der Schwarze Tod das Leben von mehr als zwei Dritteln der Bewohner. Die ganze Stadt war halb verrückt vor Angst und Sorge, dass die grauenvolle Seuche wieder einmal innerhalb ihrer ansonsten so festen und schützenden Mauern wüten würde. Der greise Kurfürst, seine Gemahlin, die beiden Prinzen und der Hofstaat machten sich auf die Reise nach Ingolstadt, offiziell um Ferdinand Maria und seinen jüngeren Bruder Maximilian Philip mit der dortigen Universität vertraut zu machen.

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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5 Responses to Die Schwarze Frau (Teil 20)…

  1. piri ulbrich sagt:

    Schön, endlich geht’s weiter…

    • Mit den Arbeiten am Rohmanuskript bin ich diese Woche gut voran gekommen, nachdem ich mich drei Monate lang fast ausschließlich mit Recherchen beschäftigt habe. 😉

  2. Lutz sagt:

    Wieder toll geschrieben. Weiter machen. L.G.

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