Die Schwarze Frau (Teil 30)…

Das erste Ziel der farbenprächtigen Prozession war der Dom Unserer Lieben Frau. Dort erwartete links und rechts aufgereiht vom Hauptportal bis zum Altar sämtliche Würdenträger des bayerischen Klerus das jugendliche Brautpaar. Dieses kniete im Portal auf zwei gülden bestickten Kissen nieder, um den Segen des Dompropstes zu empfangen. Danach führte Ferdinand Maria sein „Gespons“ durch das Kirchenschiff bis unter einen gleichfalls goldverbrämten Himmel. Träge ziehende Weihrauchwolken erfüllten das große, zum Bersten mit dem Hofstaat und geladenen, adligen Gästen gefüllte Gotteshaus mit ihrem wohltuenden süßlichen Duft. Ich war ganz hinten, am Kirchenportal, zum Stehen gekommen. Zum Glück befand sich der Lange Johannes in meiner Nähe, der mittlerweile beinahe doppelt so groß war wie ich, und daher mit Leichtigkeit über die Häupter hinweg sehen und mir zuraunen konnte, was sich vorne am Altar abspielte. Mit brausendem Orgelklang, begleitet von Trompeten, Posaunen und Heerpauken, wogte und wirbelte das Tedeum durch den Dom. Von Rührung und Andacht ergriffen schossen mir die Tränen in die Augen und der Hals wurde mir eng.
Anschließend fuhr die Kurfürstin-Witwe mit der Gemahlin ihres älteren Sohnes und dem engsten Hofstaat von einer Hundertschaft Hartschieren und feurig sich bäumenden Handpferden geleitet durch die Höfe der Residenz. Sie hielten am weit geöffneten Eingang zum Viersäulen-Saal, dann wurde Henriette Adelaide von der Regentin die breite Kaisertreppe hinauf in die edel ausgestatteten Kaiserzimmer geführt. Bis zum Vollzug der Ehe, dessen Zeitpunkt angeblich noch nicht festgesetzt worden war, würden diese das Quartier der schönen Savoyerin sein. Erzählt hatte mir dies mein Bruder in aller Hast und Eile, denn Ferdinand Maria musste samt seinem engsten Gefolge auf Geheiß seiner Mutter bis auf Weiteres bei seinem Vormund, dem gutherzigen Herzog Albrecht von Leuchtenberg-Bayern im Schloss Neudeck unterkommen. Nach einem frühen Abendmahl im Vier-Schimmel-Saal und nachdem er sich mit einem artigen Wangenkuss von seiner Angetrauten für diesen Tag verabschieden durfte, hatte seine Abordnung sich auf den Weg zu machen. Das passte mir so gar nicht, bedeutete dies doch, dass mir der liebe Jakob, meine wichtigste und zuverlässigste Nachrichtenquelle bei Hofe, die nächste Zeit über keine spannenden Details über „seinen“ Prinzen mehr würde zutragen können…

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Drei Tage später fand ein sogenanntes festliches Schauessen im Antiquarium statt, dem größten, und wie ich fand, auch schönsten Saal der Münchner Residenz. Eine glückliche Fügung – wahrscheinlich eine Intervention der lieben Dame Anna – hatte ergeben, dass ich zusammen mit der zwar recht unansehnlichen aber freundlichen und sanften Tochter einer Hofdame die Schleppe der Kurprinzessin würde halten dürfen. Man hatte uns dafür gar feine Gewänder aus dunkelbraunem Samt anfertigen lassen. Bereits Stunden vor Beginn der Feierlichkeit hatten wir uns im Empfangszimmer der Kaiser-Enfilade zum Ankleiden und für letzte Änderungen einfinden müssen. Während die kleine Dorothee duldsam wie ein Lamm und ohne sich zu bewegen da stand, und all das Zupfen und Zerren, Stechen und Nähen stumm über sich ergehen ließ, pochte mir das Herz vor Aufregung bis in den Hals hinein, und all meine Muskeln und Fasern vibrierten. Durch den Spalt der leicht geöffneten Tür zum Schlafgemach konnte ich sehen, wie die wunderschöne, fremde Prinzessin aus den fernen Landen angekleidet, frisiert und geschmückt wurde.
„Sie hat während der ganzen zwei Jahre als Prokura-Gemahlin unseres Kurprinzen nicht ein einziges Wort Deutsch gelernt.“, murmelte Gerelinde vorwurfsvoll, alte Vertraute aus meinen Jahren in der Nähstube, den Mund voller Stecknadeln. Ich zuckte mit den Schultern. „Sie hat dazu vielleicht keine Zeit gehabt.“
„Adelheid! Das meinst du jetzt aber nicht ernst, oder? – Wenn man mir einen so feinen, herzensguten und gescheiten Gemahl präsentieren würde, dann würde ich alles daran setzen, um ihn glücklich zu machen und zufrieden zu stellen, selbst wenn es das Erlernen einer fremden Sprache wäre!“
Ich setzte zu einer scharfen Antwort an, schloss meinen Mund aber wieder schnell, denn im Zimmer nebenan schien sich so etwas wie ein Streit anzubahnen. Gerelinde wandte sich wieder meinem Kleid zu, da die Unterhaltung auf Italienisch geführt wurde. Ich jedoch spitzte aufmerksam meine Ohren, und atmete ganz flach durch die Nase, um ja gut hören zu können.
„Warum legen Eure Hoheit nicht die Ohrringe an, die Seine Hoheit Euch zur Begrüßung geschenkt hat? Gefallen sie Euch nicht?“
„Werte Gräfin Wolkenstein, ich bitte Euch! Beim ersten Hinsehen wirkt dieser Schmuck zwar ganz präsentabel, doch wenn man diese Perlenohrringe genau betrachtet, dann kann man schnell feststellen, dass sie nicht eben sehr sorgfältig gefasst worden sind. So etwas verehrt man in meiner Heimat allenfalls einer Adeligen von niederem Rang, nicht jedoch einer Prinzessin von edelstem Geblüt, einer zukünftigen Kurfürstin!“
Eine kurze Pause entstand. Ich konnte mir deutlich ausmalen, wie die betuliche, schwergewichtige und auch oftmals wichtigtuerische Hofmeisterin, ihrer spitz zulaufenden Nase wegen hinter vorgehaltenen Händen „Spitzmaus“ genannt, soeben empört nach Luft schnappte.
„Das wird der Kurfürstin-Witwe gar nicht gefallen.“
„Damit wird die Kurfürstin-Witwe leben müssen.“
„Ich muss doch sehr bitten! Ihr seid ein wenig impertinent, Eure Hoheit!“
„Nein!“ Durch den Türspalt konnte ich erkennen, wie die junge Frau sich leicht nach vorne beugte, während die Kammerfrau sich anschickte, das doch recht großzügige Dekolletee des zimtfarbenen, reich mit Gold bestickten Mieders mit einem dünnen Tuch aus filigraner, eierschalenfarbener Spitze zu verkleiden. Über das ebenmäßig ovale Gesicht mit den zarten, sanft rosa schimmernden Lippen, der fein modellierten, etwas länglichen Nase, den sehr großen, dunklen, leicht mandelförmigen Augen unter den ausgedünnten, kühn geschwungenen Brauen flammte die Zornesröte eines leicht reizbaren Temperaments. Henriette Adelaide hob den rechten Zeigefinger und stieß ihn wie einen Degen gegen die Hofmeisterin. „Ihr seid es, die sich impertinent verhält, Gräfin Wolkenstein! Während Eures Aufenthalts in meiner innigst geliebten Heimat, während der gesamten Reise habt ihr Euch so liebevoll an mir gerieben wie eine rollige Katze, mich mit Freundlichkeiten und Schmeicheleien umgarnt, mir Honig um’s Maul geschmiert ohne Ende! Nun, wieder unter dem Schutz Eurer Kurfürstin-Witwe stehend, offenbart Ihr Euer wahres Gesicht, ein doppelzüngiges und Masken tragendes Janus-Gesicht, ein sehr gouvernantenhaftes und ungnädiges noch dazu! Wisst Ihr, was man mir zugetragen hat? Ihr hättet einen Schlüssel zu meinen Gemächern, um jederzeit unangemeldet ein- und ausgehen zu können! Was glaubt ihr allesamt wohl, wen ihr hier vor Euch habt? Ich bin doch kein ungezogenes und ungebildetes Gör, das man nach Gusto Tag und Nacht observieren kann!“
„Bei allem Respekt, Prinzessin, Ihr vergesst Euch!“
„Nein, Ihr vergesst Euch, Gräfin Wolkenstein! Ich werde meiner aus tiefstem Herzen geliebten Mutter und meinem Bruder Bericht über Euer Benehmen erstatten, und darüber, dass ich hier gehalten werde wie ein tumbes und unmündiges Käfigtier! Und nun geht! Sofort!“

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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9 Responses to Die Schwarze Frau (Teil 30)…

  1. Ingrid sagt:

    Oh, da bahnen sich schlimme Konflikte an (wie es sich für einen Roman gehört) 😉 Ich bin gespannt …

  2. evaschnepf sagt:

    So gut geschrieben, daß ich meine, dabei zu sein … Bin gespannt!

    Alles Liebe
    Eva 🙂

  3. Lutz sagt:

    Die Damen waren auch damals schon impertinent. Toll geschrieben L.G.

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