Wilde Weiber (3)…

… Wir kamen zu dem Schluss, dass wir dringend etwas für unsere sportliche Ertüchtigung tun mussten. So gründeten wir eine Damen-Fußballmannschaft. Die Spielerinnen setzten sich aus Kolleginnen und den besseren Hälften unserer großmäuligen Stammtischkicker zusammen, die seit Urzeiten keinen Sieg mehr errungen hatten. Nach etlichen heimlichen, sehr schweißtreibenden und verbissenen Trainingsstunden forderten wir die Ball- und Maulhelden zu einem Duell heraus. Sie hielten das zunächst für einen Scherz, doch wir meinten es durchaus ernst.
Die Organisation des Wettkampfes, der in der „Waldwirtschaft“ bald nach Bekanntgabe für einiges Aufsehen sorgte, überließ man mir. Ich holte die Erlaubnis des Sportvereins ein, den alten Bolzplatz der Fußballer benutzen zu dürfen, und ließ zudem einen schönen Holzteller mit der Inschrift gravieren:
„Waldwirtschaft-Fußball-Sonderspiel
Damen gegen Herren
15. Oktober 1984“
Den wollten wir vor dem Anpfiff überreichen, genau wie bei einem großen Spiel der Nationalmannschaft. Der Teller hängt übrigens heute noch an einem Ehrenplatz in der Wirtsstube.
Die ganze Woche über war es wolkenverhangen und regnerisch gewesen, doch als der große Tag anbrach, spannte sich ein makellos tiefblauer Himmel über der farbenprächtigen, herbstlichen Bergkulisse. Wegen des ungewöhnlichen sportlichen Ereignisses blieb unser Gasthaus den Nachmittag über geschlossen.
Wir versammelten uns in den baufälligen Umkleideräumen am Spielfeldrand, leise waberten handtuchgroße Spinnweben im sanften Luftzug, und getrocknete Mäuseköttel knirschten unter unseren Schritten. Entschlossen zwängten wir uns in die geliehenen Trikots und schminkten uns sorgfältig. Wenn wir schon untergingen, dann mit fliegenden Fahnen! Allmählich trudelten die gegnerische Mannschaft, überraschend viele Zuschauer und unsere Betreuer ein: Fritz, der Schankkellner, war der Masseur, er schleppte einen riesengroßen Erste-Hilfe-Koffer mit sich, die elegante Wirtin Hanna, welche den in einer Kühlbox mitgebrachten Sekt großzügig an uns ausschenkte, fungierte als Sponsorin und Seelentrösterin, und ihr Gatte Hansi war mit seiner Videokamera als Reporter tätig. Wir trabten auf den vom Dauerherbstregen durchweichten Rasen, begleitet vom Dackel Batzi, der übermütig zwischen unseren Beinen herum tollte, und uns aufmunternd in die Wadeln zwickte.
Charlie, der Schiedsrichter, ermahnte: „Kratzen, Beißen und an den Haaren ziehen ist nicht erlaubt!“ Und schon ging’s nach dem Gellen der Trillerpfeife zur Sache!
Es wurde eine wahre Schlammschlacht! Schon nach wenigen Minuten konnte man vor lauter Schmutz die Farben unserer Trikots nicht mehr erkennen. Der Ball versank zum Verzweifeln oft in riesengroßen Pfützen, unsere Pässe landeten überall, nur nicht da, wo sie hin sollten, unsere sorgsam ausgeklügelten Angriffe wurden stets weit vor der Mittellinie abgeblockt, außerdem ist so ein Spielfeld in der Realität viel, viel größer, als es am heimischen Bildschirm den Anschein hat, und wir litten schon bald unter dem Gefühl, der rasende Herzschlag und krampfhaft keuchende Atem würde uns die Brustkörbe sprengen.
Nach dem Ende der ersten Halbzeit – die Partie würde zweimal zwanzig Minuten dauern, und das reichte auch vollends! – lagen die Mannsbilder mit Acht zu Null haushoch in Führung.
Die Hanna hob unsere Stimmung mittels weiterer üppiger Dosierungen von Sekt, der Fritz massierte unsere verkrampften Haxen, wobei es ihm sichtlich schwer fiel, sich in seinem Feuereifer nicht in höhere Regionen zu verirren. Mehr schlecht als recht schleppten wir uns erneut in die Arena.
Den ersten Gegentreffer erzielte ich völlig überraschend, fassungslos die Luft anhaltend beobachtete ich, wie sich wie in Zeitlupe das runde, verdreckte Leder zwischen den gegrätschten Beinen des Torwarts hindurch ins Netz stahl. Mein Triumphgebrüll gellte fremd in meinen Ohren.
Vom heiß ersehnten Erfolgserlebnis beflügelt schossen wir noch weitere vier Tore, ehe der Schlusspfiff ertönte. Arm in Arm mit unseren Kontrahenten verließen wir ausgemergelt, aber sehr mit uns zufrieden den Bolzplatz. Wir wussten, dass wir uns wacker geschlagen hatten.
In Windeseile schnitt Hansi das gedrehte Video, nachdem die Stammtischler den großen Fernseher samt Recorder im Nebenstüberl aufgebaut und angeschlossen hatten, präsentierte er uns seine Aufnahmen unseres Fußballspiels. Wir lachten Tränen. Das Bier und der Sekt flossen an jenem Abend in Strömen, und die ausgelassene und schöne Stimmung habe ich bis zum heutigen Tage im Schatzkästlein meiner Erinnerungen fest verschlossen…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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7 Responses to Wilde Weiber (3)…

  1. Ilanah sagt:

    grins….das waren ja nicht die besten Bedingungen, sogar der Wettergott war gegen euch.
    Aber immerhin habt ihr vier Treffer trotz schlechter körperlicher Verfassung geschafft, die Männer wohl in der zweiten hälfte gar keins mehr….also echt tapfer gehalten 🙂

    • Irgendwie hatte es in der zweiten Halbzeit den Anschein, als hätten die „Herren der Schöpfung“ geschwächelt – obwohl mich auch über dreißig Jahre nach diesem Spiel des Öfteren der Verdacht beschleicht, dass das pure Absicht gewesen ist, um uns nicht zu sehr zu frustrieren. 😉

  2. Lutz sagt:

    Schöne Geschichte. L.G.

  3. Danke für die sehr schöne und vor allem lustig zu lesende Erinnerung aus deinem Leben, die mir richtig gut gefällt, also 2 Däumchen nach oben. Und dabei beginne ich mich an jene Zeit zurück zu erinnern…

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