„Starlight Sue“ – Teil 20…

… Seit vielen Stunden waren Beth und Cleb mit der Stichwortsuche an einem der Rechner im Archiv des Pentagon beschäftigt. Im Laufe des Tages waren hin und wieder andere Militärangehörige eingetreten, um sich vor einem der insgesamt sechs Keyboards nieder zu lassen, ihren eigenen Forschungen nachgehend, von dem ungleichen, völlig in ihre Aufgaben vertieften Duo kaum wahr genommen. Es schien der Historikerin, als befänden sie sich auf einem sehr wilden, aufregenden, und ermüdenden Ritt durch die ungemein vielschichtigen Ereignisse und Schicksale der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Europa. Gar oft hätte sie nur zu gerne inne gehalten und sich mit Details befasst, sich ins Lesen, Forschen, Stöbern vertieft, doch dafür hatten sie keine Zeit. Und Abspeichern, geschweige denn Abschreiben oder gar Ausdrucken und Mitnehmen waren strengstens verboten. Das Anhängen von Dateien an verschlüsselte Mails musste von Cleb autorisiert werden, und da sie vom ersten Augenblick an hervorragend miteinander auskamen, und die Ältere nebst großer Sympathien einen Heidensrespekt vor seiner natürlichen Autorität und seinen Fähigkeiten hatte, wollte sie diese harmonische, einer Mutter-Sohn-Beziehung zusehends ähnlicher werdende Freundschaft auf gar keinem Fall missbrauchen. So musste sie sich auf ihr gutes fotografisches Gedächtnis verlassen, um sich Artikel, Berichte und Aufstellungen einzuprägen, doch auch dieses war mittlerweile – am späten Nachmittag – an seine Grenzen gelangt.
„Endlösung München 1944“ war das letzte Stichwort, das sie an diesem langen Tag intensivster Recherchen eingab. Eine geraume Weile tat sich nichts, der Rechner suchte. Endlich erschien auf dem Bildschirm: „File 1881/II/1944“ und darunter: „Berechtigung Alpha – Bitte, geben Sie hier Ihren Code ein.“ Beth stockte der Atem. Sie winkte Cleb zu sich. Langsam und sehr sorgfältig, um sich ja nicht zu vertippen, gab sie aus dem Gedächtnis – sie hatte das zwölfstellige, wirre Mischmasch aus Satzzeichen, Ziffern und Buchstaben auswendig lernen müssen – den Code der höchsten Berechtigungsstufe ein. Wieder und wieder lasen Beth und ihr junger Assistent den in knappen Worten formulierten Einsatzbefehl sowie den dazu gehörigen Abschlussbericht.
„Das ist wie ein Wunder! Die erste heiße Spur!“, jubelte Beth.
„Genial! – Hoffen wir, dass es noch jemanden gibt, der bis heute überlebt hat und bei halbwegs klarem Verstand ist.“
„Machen wir uns auf die Suche.“
Eine Stunde später nahm die Historikerin das abhörsichere Telefon und wählte…

… „Hab ein paar coole Typen kennen gelernt, die auf der Filmhochschule studieren. Kann spät werden. Warte nicht auf mich.“, so lautete die SMS, die Winnegard von Kate während seiner kurzen U-Bahnfahrt Richtung Hotel empfangen hatte. Er zuckte mit den Schultern. „Kann spät werden“ – das hieß „übersetzt“, dass mit ihrer Rückkehr in ein paar Stunden, im Morgengrauen, oder aber erst in ein paar Tagen zu rechnen war. Bislang hatte ihn das nicht gestört, er war stets der festen Überzeugung gewesen, dass ihre Beziehung eine offene und höchst tolerante sei. Nun jedoch hatte er in seinem Innersten das unterschwellige Gefühl, als würde er in einem Sumpf auf schwankendem, unsicheren Untergrund stehen, umgeben von einem die klare Sicht benehmenden Nebel. Dies behagte ihm ganz und gar nicht, verwirrte ihn.
Er zog sich um, fuhr mit den Öffentlichen in den Olympiapark, und lief in der recht herbstlich kühlen Abendluft ein paar Runden um den stillen See, Windstöße kräuselten die Oberfläche und verwischten die Konturen des sich spiegelnden kühnen Zeltdaches des Stadions, und des hoch aufragenden Turms, während die untergehende Sonne die sich bauschenden Ränder einer kompakten Wolkenfront aufglühen ließ.
Zurück im Hotel ließ Paul sich ein leichtes Abendessen auf die Suite servieren, lustlos aß er und zappte dabei durch die schier unendliche Anzahl der angebotenen TV-Sender, bis er bei einem amerikanischen Sportkanal und einem Bericht über die Baseball-Major-League hängen blieb.
Laut gellte ein Trompetensignal der Kavallerie der US-Nordstaaten, sein Handy-Klingelton, und riss ihn aus tiefem, traumlosem Schlaf. Es war Beth. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass Mitternacht bereits weit vorüber war. Kate war ganz offensichtlich immer noch mit ihren neuen Bekanntschaften auf Tour.
„Hi, Paul. Ich habe Ihnen grade eine Mail mit Anhang über den verschlüsselten Kanal geschickt, eine erste heiße Spur sozusagen.“
Er setzte sich an den Schreibtisch, fuhr den Laptop hoch, schaltete ihn frei, und begann zu lesen…

Schachen am Bodensee/ Washington D. C., 5. September 2015

… Kate war im Morgengrauen von ihrer Tour durch das nächtliche München zurück gekehrt, betrunken, bekifft, was auch immer, taumelte sie durch die Suite, eine Spur der Verwüstung hinterlassend, von ihrer natürlichen, schwebenden, verführerischen Anmut war nicht viel zu sehen. Sie weckte ihn auf, um ihn wortreich zu verfluchen und zu beschimpfen, dann war sie auf der Bettkante niedergesunken, in Tränen ausbrechend und mit beiden Händen das Gesicht bedeckend hatte sie sich wie ein kleines Kind vor und zurück gewiegt. Er hatte unbeholfen versucht, sie zu trösten, mit ihr zu sprechen, den Grund für ihren depressiven Ausbruch zu erfahren, doch sie hatte ihn von sich gestoßen, um sich danach ins Badezimmer einzuschließen, wo sie den Rest der Nacht sich abwechselnd erbrechend und voller Leidenschaft schluchzend zugebracht hatte. Irgendwann, die erste hauchzarte Morgendämmerung war bereits durch die seitlichen, filigranen Ritzen der Fenster-Verdunkelungen gedrungen, war er in einen kurzen, bleischweren Schlummer gefallen. Als Paul wach wurde, lag seine Freundin neben ihm, so weit von ihm entfernt, wie es das große Bett nur zuließ, mit wirrem Haar und verschmiertem Make-Up, so zerbrechlich, und doch dermaßen hinreißend kindhaft, dass ihm ganz plötzlich und unerwartet das Herz zu schmerzen begann. Er hatte sich über sie gebeugt, um sie zu küssen, sich dann aber wieder abgewandt. Sie hatte sich die Zähne nicht geputzt, und der Gestank von Erbrochenem zusammen mit dem faden Oudoir einer erklecklichen Anzahl hochprozentiger Drinks war mehr, als seine verfeinerte Nase zu einer so frühen Stunde hatte ertragen können. Sie hatte tief und fest geschlafen, in einer Welt weilend, die unsagbar fern von der seinen war, oder zumindest so getan, als ob, als er die Suite verlassen hatte.
Auch Daniel, der treue, unerschütterliche, weise, gutherzige Freund seiner Kinder- und Jugendtage, schien Universen weit von ihm entfernt zu sein. Die große Freude, die er bei ihrem völlig überraschenden Wiedersehen nach fast neun Jahren am Flughafen gezeigt hatte, war einer unerklärlichen Distanziertheit gewichen. Nur manchmal stellte sich zwischen den Beiden die frühere, lässige, heitere Vertrautheit wieder ein.
Der Kampfmittelexperte hatte den protzigen, großen SUV seines Vaters inzwischen gegen den eigenen, mit Erdgas betriebenen Kleinwagen eingetauscht. Nun fuhren sie in den regnerischen Morgen hinein, zunächst auf der Autobahn Richtung Lindau am Bodensee.
„Dein Elefantenrollschuh fährt mit Erdgas?“, witzelte Paul. „Ist ja dann wohl eine ziemlich lahme Krücke.“
Daniel grinste, lenkte auf die linke Fahrbahn und drückte das Gaspedal durch. „Überhaupt nicht.“
Mit beachtlicher Kraft beschleunigte das kleine Gefährt, die Tachonadel zeigte beinahe hundertachtzig Stundenkilometer an, ehe eine Geschwindigkeitsbeschränkung dem Sprint ein Ende setzte.
„Solltest du dir in Amiland auch zulegen.“, frotzelte Daniel. „Auch bei euch ist Grün im Kommen, so weit man das von hier jenseits des Großen Teichs aus beobachten kann. Glaub mir, in nicht allzu ferner Zukunft wirst du mit einem solchen ‚Elefantenrollschuh‘ viele wichtige Wählerstimmen gewinnen können. – Fast Hundertachtzig – nicht schlecht, was? – Wobei meiner Meinung nach nicht nur die Wahl des Kraftstoffs wichtig, gut und richtig für den Umweltschutz wäre, sondern ein bundesweites Tempolimit. Da hinken wir weltweit hinten nach, bei uns darf immer noch jeder Raser nach Gusto die Luft verpesten und nicht nur seines, sondern auch andere Leben in Gefahr bringen. – Du bist übrigens auch mal ganz schön grün gewesen, Paul, wenn ich dich daran erinnern darf, du hast mich damals auf ziemlich viele Demos begleitet. – Warum hast du deine Gesinnung gewechselt? The American Way of Life? Oder die Aussicht auf die Gunst der nicht grade umweltfreundlichen Republikaner?“
Winnegard ging nicht darauf ein.
„Kletterst du immer noch?“
„Aber ja! – Wenn das hier vorüber ist, dann werde ich mich mindestens eine Woche lang auf die Berghütte eines Freundes am Wilden Kaiser zurück ziehen. – Zweifelst du immer noch daran, dass es die Münchner Atombombe gegeben hat, beziehungsweise gibt?“
„Offen gesagt ja. Ich halte es für schier unmöglich, dass siebzig Jahre lang die Geschichte der USA dermaßen geklittert worden ist.“
„Aaaaah, Geschichtsklitterung ist seit jeher gang und gäbe! Sieh dir beispielsweise nur mal Nero an! Fast zweitausend Jahre lang wurde von Geschichtsbuch zu Geschichtsbuch überliefert, er sei völlig übergeschnappt gewesen und hätte Rom in Schutt und Asche gelegt, um die Christen dort auszurotten. Dabei ist er in Wahrheit wohl ein sehr sensibler und auch kluger Mensch gewesen, der sich allerdings zu seinem Leidwesen oft genug mit dem Senat angelegt hat. In der Nacht des Brandes ist er fünfzig Kilometer weit entfernt auf seinem Landgut gewesen, und hat im Nachhinein viele Maßnahmen ergriffen, um der betroffenen Stadtbevölkerung zu helfen. Oder Armin der Cherusker – neun nach Christus, die Varus-Schlacht im Teutoburger Walde. Seitdem wird er als Sieger über die römischen Streitkräfte gefeiert, obwohl die Rolle, die er bei der Schlacht wirklich gespielt haben mag, inzwischen ziemlich umstritten ist und ernsthaft hinterfragt wird. Es ist überliefert, dass er vor dem Kampf zu seinen Truppen sprach – ob er sie dann aber wirklich führte? – Oder Christoph Kolumbus – Heerscharen von Schulkindern sind in dem Glauben aufgewachsen, weil es ihnen so indoktriniert worden ist, dass er Amerika entdeckt habe. Obwohl es in Wahrheit vor einigen tausend Jahren die sogenannten Indianer gewesen sind, und vor etwa achthundert Jahren die Wikinger – und vielleicht sogar die Chinesen. Oder nimm die Mär vom finsteren Mittelalter, ebenfalls ungeheuer weit verbreitet. Erst nach und nach kommt aufgrund von gewissenhaften und sorgsamen Forschungen zutage, dass diese etwa vierhundert Jahre andauernde Zeitspanne überhaupt nicht finster gewesen ist, ganz im Gegenteil.“
„Du solltest dich mal mit Beth austauschen, meiner Mitarbeiterin im Pentagon.“, murmelte Paul. Sie hatten inzwischen die Autobahn verlassen und folgten der breiten, hervorragend ausgebauten Bundesstraße in westliche Richtung.

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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