„Starlight Sue“ – Teil 21…

Beiderseits des nach einem plötzlichen, kurzen und heftigen Regenschauer schwarz glänzenden Asphalts waren in den weit über das leicht gewellte Land sich erstreckenden Apfel- und Pflaumenplantagen die Bauern emsig bei der Ernte. Den Angaben der sanften Stimme des Navigationsgeräts folgend bog Daniel nach einer Weile ab, kurz darauf hielt er vor einem recht stattlichen Anwesen, welches inmitten der akkurat gezogenen Linien einer Weinpflanzung auf einer lang gezogenen Anhöhe über der großen, im flüchtigen Schimmer raren Sonnenlichts zwischen den zerfasernden Fetzen der tief hängenden Wolkendecke silbern schimmernden Fläche des Bodensees thronte. Eine kunstvoll geschreinerte, dunkelgrün lackierte hölzerne Konstruktion trug die einladende Veranda an der Nordwestseite, und den darüber liegenden Balkon. Das steile und hohe Walmdach war an den Längsseiten von runden Fenstergauben unterbrochen. Bemerkenswert war eine Art quadratischer Dachgarten oder Ausguck, der sich an der Ostseite über die steile Schräge des Daches erhob und von einem zierlichen, schmiedeeisernen Gitter eingefasst war.
Die beiden jungen Männer stiegen aus und näherten sich bedächtig. Ein großer, schwarzbefellter Hofhund, der in der Nähe eines schön geschwungenen Tores vor seiner Hütte lag, bellte heiser, machte sich aber nicht die Mühe, sich zu erheben. Paul und Daniel stiegen die flachen Stufen zur wuchtigen, hölzernen Eingangstüre hoch und klingelten. Man ließ sie eine Weile warten, dann öffnete ein etwa sechzigjähriger, rotgesichtiger, korpulenter Mann mit spärlichem Haarwuchs. Daniel zeigte seinen Ausweis des Bayerischen Innenministeriums vor.
„Herr Hubert Brandon, nehme ich an?“ Und fügte hinzu, nachdem der Angesprochene sich mit einer Papierserviette den Mund abtupfte: „Falls wir Sie beim Essen gestört haben, tut uns das sehr leid.“
„Bin grad fertig geworden. Muss wieder raus zur Apfelernte. – Was kann ich für Sie tun?“
Paul musterte den Sprecher irritiert lächelnd. „Verzeihen Sie, Herr Brandon. Wir haben Sie uns eigentlich eine ziemliche Ecke älter vorgestellt, um ehrlich zu sein.“
„Dann meinen Sie höchstwahrscheinlich meinen Vater. Ich bin sozusagen Hubert Brandon junior. – Tut mir sehr leid, er ist in der letzten Augustwoche verstorben, hat ein gesegnetes Alter erreicht, ist fast Hundert geworden. Gestern ist die Beerdigung gewesen. – Aber vielleicht kann ich Ihnen weiter helfen – treten Sie doch bitte ein!“
Nachdem sie in einem altmodisch möblierten Wohnzimmer Platz genommen hatten, dessen weite und hohe Fensterfront zwischen gebauschten, strahlend weißen Gardinen hindurch einen ungehinderten und bei schönem Wetter sicherlich atemberaubenden Blick auf den nahen See bot, hub Daniel an: „Wir stellen bezüglich einer im Frühjahr 1944 durchgeführten geheimen Operation namens ‚Endlösung München‘ der amerikanischen Streitkräfte Ermittlungen an, und wurden von einer unserer Mitarbeiterinnen im Pentagon darüber informiert, dass Ihr Vater daran beteiligt gewesen sein soll.“
„Das ist aber sehr erstaunlich, dass sich jetzt auf einmal gut siebzig Jahre danach jemand aus dem Innenministerium dafür interessiert! Aber Sie werden sicherlich einen triftigen Grund haben. Und ich nehme auch an, dass Sie mir diesen nicht nennen dürfen.“ Hubert Brandon seufzte. „So lange er lebte, hat er nie darüber gesprochen, auch dann nicht, wenn er mal ein paar Viertele zu viel intus hatte, und gern ins Schwadronieren und Phantasieren geraten ist. Aber er muss sich bis zuletzt in Gedanken viel damit beschäftigt haben. Er ist bis zum Tod geistig sehr rege und vielseitig interessiert gewesen, aufgeschlossen gegenüber fast allem Neuen. Und er muss gefühlt haben, dass sein Ende nahe gewesen ist.“ Er schluckte, und fuhr sich über die feucht gewordenen Augen. „Er ist der beste Vater der Welt gewesen, und mein allerbester Freund… Kurz vor seinem Tod hat er sich von meiner jüngsten Tochter zeigen lassen, wie man die digitale Videokamera bedient. Und sich dann damit in sein Zimmer eingeschlossen. Als ich seine Papiere durchsah, fand ich in einer Schreibtischschublade zuoberst eine CD-Rom mit der Video-Aufzeichnung. – Kommen Sie doch bitte in mein Büro, meine Herren.“
Das Gesicht des völlig kahlköpfigen Greises, der die drei Männer, die vor dem klobigen, schon recht betagten Monitor saßen, wehmütig anlächelte, wirkte trotz ungezählter Falten und Furchen in der lederartigen, tief gebräunten Haut erstaunlich jugendlich.

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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