„Starlight Sue“ – Teil 23…

Eine lange Weile war es in dem holzgetäfelten Arbeitszimmer des Gutsbesitzers vollkommen still. Endlich brach Daniel das Schweigen: „Ich hoffe, Sie erlauben uns, dieses Video zu kopieren, Herr Brandon. Das wäre für unsere Nachforschungen ungemein wichtig.“
Der Angesprochene wandte sich langsam zu den beiden jungen Männern um, als würde er aus einem fernen Traum erwachen.
„Ja, natürlich… Selbstverständlich…“
Daniel entnahm einen USB-Stick aus der Umhängetasche, die er bei sich getragen hatte. Brandon stand auf und versuchte ein schiefes Lächeln.
„Entschuldigen Sie mich, ich bin ein ganz schlechter Gastgeber, hab ganz auf meine guten Manieren vergessen. Ich darf Sie doch bestimmt zum Kaffee einladen, nach der Fahrt von München werden Sie hungrig sein. Meine Frau backt den besten Apfelkuchen diesseits des Bodensees… Und ich würde Ihnen gerne eine Kiste unserer Äpfel mitgeben. Wir haben jetzt zum zweiten Mal eine regelrechte Apfelschwemme, wissen gar nicht mehr, wohin damit…“
Nachdem Daniel und Paul sich herzlich von Brandon verabschiedet hatten, dieser in Richtung seiner zierlichen, sich unter der Last der Früchte biegenden Obstbäume jenseits der schmalen Zufahrtsstraße davon gestapft war, und eine große Holzkiste randvoll mit prallen, rotbackigen Früchten beladen ihren Platz im Kofferraum von Helmholzers Wagen gefunden hatte, standen die Zwei lange unweit des Hauses auf dem Kamm des Hügelrückens und sahen schweigend auf den See hinaus. Ein frischer Westwind hatte die Schlechtwetterfront auseinander getrieben, hier und da zeigte sich ein Stückchen tiefblauen Himmels. Nun war deutlich das hügelige Schweizer Ufer auszumachen, und darüber schälte sich der schroffe Klotz des hoch aufragenden Säntis mit dem abstrakt sich ausnehmenden Betonmasten auf seinem Gipfel aus dem tief hängenden Gewölk.
Paul fröstelte und zog die Schultern hoch.
„So hat es sie also wirklich gegeben, und gibt es sie höchstwahrscheinlich immer noch, die Münchner Atombombe. Wer hätte das gedacht… Um Gottes Willen!… Wie konnte ich nur so dumm und so borniert sein, das nicht ernst zu nehmen… Was mache ich nur mit Kate! – Ich muss sie unbedingt dazu überreden, zurück in die Staaten zu fliegen…“
Daniel schwieg und wich seinem Blick aus.
Während der Rückfahrt sprach er mit Meixner und Kamhuber. Die Sonde hatte den ersten Quadranten mit dem Stiglmaierplatz als südlichen Bezugspunkt abgetastet, und die beiden Kollegen Helmholzers waren nun mit der Auswertung beschäftigt.
„Es sieht ganz danach aus, als würde sich am Westrand des Maßmannparks in ungefähr fünf Metern Tiefe ein Blindgänger befinden, allerdings wieder eine ‚völlig normale‘ Fliegerbombe, und nicht das gesuchte Objekt. Dobmeier und ein Sprengmeister sind bereits auf dem Weg dorthin. Wir halten euch in jedem Fall auf dem Laufenden.“, dröhnte Kambhubers volle Stimme aus dem Lautsprecher der Freisprechanlage.
„Wieder einer weniger.“, murmelte Paul. Daniel nickte geistesabwesend. Der junge Amerikaner fühlte sich zusehends unwohler in seiner Haut, je näher sie München kamen. Es gab nun auch für ihn keinen Zweifel mehr, dass seit über siebzig Jahren eine Kernwaffe unter den Fundamenten der Stadt lauerte, und die Bedrohung von Tag zu Tag wuchs. Man sprach von einer Art rosa Nebel, in welchen man bei einer Detonation in unmittelbarer Nähe zerstieben würde. Aber bei der Explosion einer Atombombe würde man wohl eher in Sekundenbruchteilen verdampfen. Was mochte man wohl in diesen letzten Momenten seines Lebens fühlen? Konnte man dann überhaupt noch fühlen? Hatte man in so einem Fall auch den Eindruck, dass mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit das ganze Leben vor dem inneren Auge vorüber ziehen würde, wie das von so vielen Menschen, die sich in akuter Lebensgefahr befunden hatten, berichtet wird? Er wandte den Kopf und musterte nachdenklich das ebenmäßige, attraktive Profil seines Freundes mit der schmalen, leicht gebogenen Adlernase und der hohen Stirn. Er hatte einen Bombenanschlag aus nächster Nähe miterleben müssen. Was für ein Mut und eiserner Wille in diesem Kerl steckte! Trotz dem, was er durchgemacht hatte, trotz seiner Ängste, seiner Alpträume, seiner Seelenqualen stand er so tapfer und konsequent seinen Mann.
Seit der Videobotschaft des alten Brandon begann sich zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben tiefes Mitgefühl für andere Menschen in Paul zu regen – er empfand dies als höchst befremdlich, verstörend, unbequem…

… Da Kate zugesagt hatte, am Abend im Hotel zu sein, hatte er einen Tisch in dem vornehmen Restaurant reserviert. Sie erwartete ihn bereits im eleganten Wohnzimmer der Suite, ungewöhnlich still und gesetzt, wie stets ein wenig düster und zerzaust, und doch irgendwie völlig verändert. Als er ihr gegenüber in einem der Fauteuils Platz nahm und sie eingehend musterte, war Paul, als säße er einer Fremden gegenüber.
„Kate, ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen.“
Sie hob die Brauen und ein schattenhaftes Lächeln glitt über ihr merkwürdig schönes Gesicht.
„Huh! Das klingt aber schon verdammt dramatisch. Schieß los.“
„Es war ein großer Fehler von mir, dich auf diese Reise mitzunehmen, Kate.“
Sie zuckte zusammen und sah blass werdend zu Boden, als hätte er sie bei etwas Unschicklichem ertappt. Paul rückte näher und griff nach ihrer Rechten.
„Es war nicht richtig von mir. Ich darf dir nichts über meinen Auftrag sagen, Kate, aber es könnte hier gefährlich werden. Richtig gefährlich. Ich würde mich wohler fühlen, wenn du dich in den nächsten Flieger zurück nach Washington oder New York setzen würdest.“
Sie schluckte und holte tief Luft, und ihm schien, als würde ihr eine schwere Last von der Seele fallen. Sie schüttelte den Kopf.
„Keine Chance, Paul, ich bleibe. Es rührt mich, dass du dir Sorgen um mich machst, Baby, aber wie gesagt, keine Chance. Ich habe heute etwas getan, und Dinge gesehen, die mich von Grund auf verändert haben – zumindest hoffe ich das.“
Die Intensität ihres Blicks aus den angeschrägten blauen Augen ging ihm ans Herz. Sie umschloss seine Finger mit ihren beiden Händen und knetete und drückte sie leicht.
„Ich hatte mich heute mit Dorothea, Daniels Schwester, verabredet.“
„Sieh an! Woher kennst du sie denn?“
„Daniel hat mir neulich, als wir zusammen essen waren, ihre Nummer gegeben, ich solle sie anrufen, wenn ich mich langweilen würde. Wir waren ein wenig bummeln, und haben uns die Alte Pinakothek angesehen, und dann sind wir irgendwie am Bahnhof gelandet. Du weißt, doch, dass Doro sich dort für die Flüchtlinge engagiert. Bevor ich mich’s versah, stand ich auch da, und verteilte Obst und Wasser und Lunchpakete an die vielen, vielen Menschen, die ankamen. – Paul, die meisten hatten nur mehr das, was sie am Leib trugen, und das waren oft zerfetzte Klamotten und ausgelatschte, kaputte Schuhe. Frauen und Männer trugen mit letzter Kraft die Koffer, in die sie ihre Habseligkeiten gepackt hatten. Und die Kinder – die Augen der Kinder – die Augen dieser Menschen – welches Leid, und wie viel Entsetzen und Schrecken so oft darin geschrieben stand. Und wie unglaublich dankbar sie für das waren, was wir ihnen geben konnten… Ich hielt zwei Stunden lang durch, und dann musste ich weg, eine Pause machen. Ich schloss mich auf der Toilette eines Fastfood-Restaurants am Bahnhof ein, und heulte, mir war, als würde ich nie mehr mit dem Heulen aufhören können. Doch dann ging ich zurück, und reihte mich wieder unter die vielen, vielen Helfer ein… Uns geht’s so gut, Paul. Und ich bin bis jetzt so ein verfickt undankbares und boshaftes, auch bösartiges, dummes Luder gewesen… Und jetzt… Ich möchte mich ändern, Paul. Ich weiß, dass ich das bereits so viele Male gesagt habe. Doch diesmal ist es mir bis ins tiefste Mark hinein ernst damit. Ich möchte morgen wieder dort hin gehen und helfen. Ich habe mich bereits in die Listen für die nächsten Tage eingetragen. Es ist so wenig, was ich tun kann – aber ich möchte – ich muss! – es weiterhin tun dürfen… Ich glaube, ich habe meine Bestimmung, meine Aufgabe gefunden, Paul. Und deshalb werde ich nicht gehen. Keine Chance.“
Er wusste nicht, was er sagen sollte, er ließ sich stumm neben ihr auf dem Sessel nieder und nahm sie in die Arme. An seine Schulter lehnend murmelte sie: „Baby, ich habe nach diesem Tag keinen Bock auf dieses supernoble Hotelrestaurant. Lass uns irgendwo anders hingehen, wo es normal zugeht, einfach und menschlich…“
Sie fanden einen türkischen Imbiss nahe des Sendlinger Tors und aßen eine Auswahl südländischer Spezialitäten, beinahe schweigend, doch einander so nah wie noch nie zuvor. Nur wenig später gingen sie miteinander ins Bett, und dieses unglaublich zärtliche, rücksichtsvolle, harmonische, hauchzarte Liebesspiel berührte Paul zutiefst. Er begann zu ahnen, nein, zu fühlen, was Liebe sein konnte…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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