„Starlight Sue“ – Teil 25…

… Das Überfliegen und Scannen per Helikopter sowie Auswerten der Aufzeichnungen der Forschungssonde des nächsten Planquadrats an den Rechnern im Innenministerium dauerte bis in den späten Nachmittag. Wie bereits die Tage zuvor kauerten Helmholzer, Winnegard, Kamhuber und Meixner gebannt vor dem Bildschirm, als sich die seltsam anmutende 3-D-Animation allmählich aufbaute.
„Wenn ich mich nicht irre, liegt da ein ziemlich dickes Ei unter dem Innenhof des Finanzamts.“, murmelte Daniel, „Sehr tief – sonst hätte man das beim Ausschachten seinerzeit wohl kaum übersehen können.“
„Hah! Da sollten wir morgen vielleicht ganz freundlich darauf hinweisen, dass wir dieses Bömbchen nur dann bergen und entschärfen werden, wenn man uns hoch und heilig verspricht, bei allen zukünftigen Steuererklärungen sämtliche Augen zuzudrücken.“, witzelte Kamhuber.
„Unter dem angrenzenden Hostel kann ich auch zwei Objekte erkennen.“
„Yepp. Die sind allerdings weitaus übler. Die sind direkt unter dem Hauptgebäude. Viel zu klein, um unsere ‚Starlight Sue‘ zu sein – und dennoch alles andere als harmlos… Ich werde die Absteige sofort räumen lassen – die Betreiber werden mich lynchen, ich weiß, denn schließlich mache ich ihnen das ganze schöne Oktoberfest-Geschäft kaputt – und dann werden wir eine versierte Hoch-und-Tiefbau-Firma einschalten müssen. Deren Arbeiter werden sich im Kellergeschoss zu den Dingern durchgraben müssen, ganz, ganz vorsichtig, und ohne die Statik zu gefährden. Ob wir sie dann vor Ort entschärfen werden können, oder abtransportieren müssen – wir werden sehen. Die eine Option wäre genau so ungut wie die andere…“ Helmholzer seufzte und fuhr sich über die Augen. „Okay, Buam, machen wir Schluss für heute.“
„Was bin ich nur für ein Dummkopf gewesen, dass ich diese Angelegenheit so lange Tage nicht ernst nehmen konnte, oder wollte…“, murmelte Paul. Daniel zuckte die Schultern. „Wir machen alle Fehler, Happy.“
Winnegard stutzte. Es war dies das erste Mal, dass sein Jugendfreund ihn bei seinem alten Spitznamen nannte, den er ihm verpasst hatte, als er noch ein Kleinkind gewesen war, weil seine Gesichtszüge permanent einen scheinbar glücklichen Ausdruck gezeigt hatten, auch wenn er sich innerlich geärgert hatte oder Trauer oder Frust an ihm gezehrt hatten.
Sie hatten das Innenministerium verlassen und standen unter dem stattlichen Bronzedenkmal König Ludwigs I. Die Sonne schien, doch ein unzeitig kühler Wind fegte über den Platz. Daniel schauderte und Paul klappte den Kragen seines Kurzmantels hoch.
„Manchmal habe ich die Hosen dermaßen gestrichen voll, dass ich am liebsten davon laufen würde.“
„Davon laufen, ja, das wär’s…“, murmelte Helmholzer und starrte in den Frühabendhimmel.
„Ich habe den Eindruck, dass dich außer der Bombe noch etwas anderes bedrückt, Danny. Kann ich dir irgendwie helfen?“
Der Blick des Angesprochenen glitt mit einem nicht zu enträtselnden Ausdruck über den jungen Amerikaner. Sein Adamsapfel bewegte sich, als würde ihn etwas in der Kehle würgen.
„Nein. Leider nicht, Paul, leider nicht… – Wir sehen uns morgen.“
Daniel puffte seinem Freund sanft in die Rippen und ging schnell davon, beinahe fluchtartig, wie Winnegard schien. Er zog die Schultern hoch und wandte sich gen Bahnhof, um Kate abzuholen, sie hatte ihm vor einer Weile schon eine Nachricht geschickt, dass sie zwar glücklich sei, doch furchtbar müde, und sich nur mehr nach einer warmen Mahlzeit, einer Dusche und einem weichen Bett sehnen würde.
Doch Kate war nicht da. Trotz ihres derzeitigen Lebenswechsels schien sich ihr sprunghaftes Verhalten nicht geändert zu haben. Als Paul das Smartphone hervor holen wollte, um nach ihr zu forschen, entdeckte ihn Doro inmitten der tosenden und strudelnden Massen der Flüchtlinge, die den beinahe stündliche eintreffenden Sonderzügen entstiegen, und kam auf ihn zu.
„Falls du deine Liebste suchst – ein ziemlich aufdringlicher Klatschreporter aus Amiland hat sie vor etwa einer halben Stunde entdeckt und ist ihr auf die Pelle gerückt – wollte sie fotografieren und ein Interview mit ihr machen. Danach hat sie alles stehen und liegen lassen und gemeint, sie müsse abhauen und dringend frische Luft schnappen. Ich habe ihr geraten, in den Englischen Garten zu fahren, und sich morgen wieder bei uns zu melden – sofern sie dann noch Bock darauf hat, uns weiter zu helfen.“
Es war bereits dunkel, als Kate im Hotel eintraf. Sie trat auf ihn zu, mit einem Gesicht, das von tiefen Seelenqualen sprach und um Jahre gealtert zu sein schien, legte die Arme um seine Taille und barg ihren Kopf an seiner Brust.
„So ein scheiß grausames Leben.“, murmelte sie.
„Was ist mit dir, Baby? Wie kann ich dir helfen?“
Er fühlte die Feuchte ihrer Tränen durch seinen dünnen Kaschmirpullover und wiegte sie sanft hin und her. Sie seufzte auf, es war ihm, als ringe sie wie eine Erstickende um Luft.
„Gar nicht, Paul. Leider, leider gar nicht. Aber hab‘ keine Angst – alles wird gut werden. – Ich werde jetzt ganz lang duschen, um all den Dreck los zu werden, und dann lass‘ uns bitte essen gehen, und völlig belangloses Zeugs miteinander reden.“
Nur kurze Zeit später hörte er sie durch die Badezimmertür fluchen wie ein Fuhrknecht, weil ihr wohl die Seife durch die Finger geglitscht war, und er schmunzelte. Ganz und gar eindeutig, und ziemlich beruhigend – das war Kate, so wie er sie kannte und mittlerweile liebte. Und doch – er wurde das unterschwellige Gefühl nicht los, in einen bedrohlichen, dunkel gähnenden Abgrund zu blicken. „Starlight Sue“, die Bombe, sie wirft ihren furchtbaren Schatten immerdar und überall, resümierte er mit düsterem Fatalismus…

… „Der Bombenangriff am 25. April 1944 auf München begann um ziemlich genau ein Uhr morgens. Es war der achtzehnte Angriff auf die Stadt, und er wurde von der Air Force angeführt. Eingeleitet wurde er durch einen Scheinangriff auf Karlsruhe, um die deutschen Nachtjäger abzulenken. Da diese bald landen mussten, weil ihre Tanks leer waren, konnte der Luftschlag gegen München wie ein routiniertes Lehrbuch-Manöver statt finden. Die umliegende Flak-Abwehr hatte 350 bis 400 feindliche Maschinen gemeldet. Als erstes wurden elf Mosquito-Bomber gesichtet, die Stanniol-Streifen abwarfen, um die deutschen Funkmessgeräte unbrauchbar zu machen. Mehrere Mosquitos markierten im Sturzflug mit roten Leuchtbomben das Hauptangriffsziel, den Hauptbahnhof. Es folgte ein dichter Teppich von Brandbomben, die ersten sogenannten „Wohnblock-Knacker“ detonieren, das sind Bomben mit enormer Sprengkraft gewesen. Die meisten Bomber konnten ungehindert bis in die Stadtmitte vordringen. Dreizehn Maschinen wurden von der Flak im Raum München abgeschossen, drei schlugen im Stadtgebiet auf. Laut Behörden wurden allein in dieser Nacht an Sprengmitteln abgeworfen: sieben Sprengbomben mit je 2000 Kilogramm, 24 Sprengbomben zu 500 Kilogramm, 54 zu 250 Kilogramm, 844 Flüssigkeitsbrandbomben, rund 550.000 Stabbrandbomben, 14.160 Phosphorbrandbomben zu 14 Kilogramm, 10.245 Flammstrahlbomben zu 13 Kilogramm, 459 Blitzlichtbomben, 36 Zielmarkierungsbomben und rund 2500 Flugblätter…
136 Personen sind diesem Angriff zum Opfer gefallen. Fast 4.000 Menschen wurden verletzt, davon 500 schwer, cirka 1.900 leicht, cirka 1.800 erlitten Augenverletzungen… Das Gesicht der Stadt hat sich in jener Nacht dramatisch verändert. Wertvolle geschichtliche Bauten und Baudenkmäler wurden zerstört, darunter die Residenz, das Odeon, das Rokoko-Palais, die Bürgersaalkirche, die Heiliggeistkirche, die Damenstift- und die Herzogspitalkirche. Viele Wohnungen gingen verloren. 70000 Menschen wurden obdachlos. Um 2.53 Uhr meldete ein einminütiger hoher Dauerton das Ende der Luftgefahr…“, fasste Beth ihre Nachforschungen zusammen. „Wir sollten uns ausgiebig mit diesem Luftangriff beschäftigen, Cleb. Die genaue Anzahl der daran beteiligten Kampfflugzeuge, die Piloten, die Besatzungen, die Liste der vermissten und toten britischen und amerikanischen Air-Force-Angehörigen… Wir benötigen ganz dringend Zugang zu den Aufzeichnungen der Flugbasis Mildenhall, von wo aus die Aktion gestartet ist.“

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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