„Starlight Sue“ – Teil 27…

Im Anschluss an das kleine, achteckige, von einigen steinernen Köpfen und Statuen gezierte Gelass befand sich ein etwa vierzig Quadratmeter großer, rechteckiger Raum. Das nördliche Ende wurde von dem halbrunden, schmiedeeisernen, verglasten Portal zum lang gezogenen Brunnenhof gebildet. An der südlichen Seite hatte man ein bis zur Decke reichendes und mit dicker, dunkelgrauer Plastikfolie verkleidetes Gerüst aufgestellt. Eine schmale Tür führte in die Baustelle.
Die marmornen Bodenfliesen waren im Bereich der einstmaligen alten Toiletten entfernt, und dadurch eine quadratische, etwa einen Meter pro Seitenlänge messende Bodenplatte mit einem eisernen Ring frei gelegt worden. Die Bauarbeiter hatten diese geöffnet, Paul beugte sich vor und blickte in eine schwarzdunkle Tiefe, einem gähnenden Schlund gleich.
„Wir haben hinein geleuchtet, der Raum darunter scheint unserer Schätzung nach etwa fünf Meter tief zu sein.“, erläuterte der Polier. Daniel wandte sich an den Kastellan: „Habt ihr eine Leiter, die lang genug ist?“
Der Angesprochene nickte. „Natürlich, wir müssen ja die ausgebrannten Glühlampen an den Kronleuchtern im Kaisersaal und den anderen hohen Räumen wechseln können. Ich ruf‘ den Elektriker, damit er sie gleich vorbei bringt.“
Nur wenig später erschien ein rundgesichtiger, gutmütig wirkender Mann in blauem Arbeitsanzug, zusammen mit einem Kollegen das Ungetüm der Klappleiter und eine längliche Holzkiste schleppend.
„Nach dem letzten Neujahrsempfang hat die Beleuchterfirma ein paar mit Akku betriebene Standscheinwerfer vergessen, ich dachte, ich bring‘ sie mal mit, vielleicht könnt ihr da unten so was brauchen.“
„Hervorragend mitgedacht! Danke!“, rief Daniel. Er zog aus seinem Rucksack ein Messgerät und ein längeres Stück Schnur. „Ich werde jetzt vorsichtshalber da unten den Sauerstoffgehalt messen und nachprüfen, ob sich eventuell Giftgase in der Luft befinden, was ich aber nicht glaube.“
Helmholzer ließ das Messgerät in den Schacht und drückte Paul das lose Ende der Schnur in die Hand, anschließend streifte er sich die Schutzweste über und setzte den Helm auf. Dann setzte er den Rucksack neben Winnegard ab. „Hier, nimm dir die zweite Ausrüstung. Du kommst doch mit, oder?“
„Was für eine Frage!“
Paul gab seinem Freund die Schnur und zog sich an. Daniel studierte die digitale Anzeige des kleinen, elektronischen Geräts. „Gut. Die Luft scheint so weit in Ordnung zu sein, keinerlei Giftgasspuren. – Los geht’s.“
Mit Hilfe des Poliers und des Hauselektrikers bugsierten sie langsam die Leiter in den Schacht, dann stellte sich Daniel vorsichtig auf die oberste Sprosse und begann, hinunter zu klettern. Paul folgte ihm mit klopfendem Herzen. Er hatte eine leichte Phobie, was enge, finstere, abgeschlossene Räume anbelangte, doch der Kick, die Neugierde darauf, was sie da unten erwarten mochte, wischte seine Ängste beiseite.
Sie hatten den überraschend glatten Boden des finsteren Gelasses erreicht und blickten sich mit eingeschalteten Helmlampen forschend um. Der Raum, in dem sie sich befanden, maß ungefähr vier mal sechs Meter, und die gewölbte Decke war grade so hoch, dass Daniel aufrecht stehen konnte, ohne sich den Schädel anzustoßen. An der gegenüber liegenden Schmalseite gab es eine schmale, niedere, verschlossene Tür. Die Einrichtung bestand aus einem Tisch und einem halben Dutzend umgekippter Stühle, die einen sehr ramponierten Eindruck machten. Rechts unter der Deckenluke lehnte eine Leiter mit eisernen, arg verrosteten Sprossen an der grob gemauerten Wand. Daneben standen zwei unförmige Kisten. Daniel fuhr mit dem Metalldetektor darüber und registrierte nickend den starken Ausschlag.
„Dann wollen wir doch mal nachschauen, was sich da Interessantes versteckt.“
Er winkte nach oben.
„Lasst doch bitte jetzt die Scheinwerfer und so etwas Ähnliches wie Brechstangen herab!“
Der Kastellan und der Hauselektriker brachten die gewünschten Utensilien. Bevor sich die Männer wieder zurück zogen, blickte sich der Schlossverwalter intensiv um, sein vom silberweißen, dichten Schopf umrahmtes, scharf geschnittenes Gesicht spiegelte fassungsloses Staunen wider.
„Es gibt so einige geheimnisvolle Türen und auch Gänge hier in der Residenz. Aber dass sich unter unseren Füßen vermutlich siebzig Jahre lang ein Luftschutzkeller verborgen hat – das ist schon überwältigend… Ich frage mich, warum diese Anlage beim Wiederaufbau ab 1948 nicht entdeckt worden ist.“
Daniel wischte sich mit der Hand über die staubige Stirn.
„Vielleicht wollte man diesen Bunker ja nicht wiederfinden. Vielleicht hat man ihn voller Bedacht ‚vergessen‘, wie so manches, was in den ersten Jahren nach der Nazi-Zeit an diese gemahnt hat. Mit der sogenannten ‚Aufarbeitung‘ hatte man’s nicht so.“
Die mit fingerdickem Staub bedeckten Truhen ließen sich überraschend mühelos öffnen. Sie waren bis zum Rand mit nagelneuen Sturmgewehren 44 gefüllt, deren Läufe im matten Licht täuschend sanft schimmerten. Daniel pfiff leise durch die Zähne und nahm eine der Waffen heraus.
„Was für ein Schatz… Hier liegt ein Vermögen, Happy. Was glaubst du wohl, was Nazi-Devotionalien- und Waffenhändler sowie Rechtsextreme für den Inhalt dieser beiden Kisten berappen würden. Ich könnte mir jetzt – dein Stillschweigen vorausgesetzt – eine goldene Nase verdienen, und danach, was Reichtum anbelangt, sogar deinen Vater ganz locker in die Tasche stecken.“
Paul ging auf den feixenden Ton ein: „Nur zu! Ich werd‘ mich mal da drüben in die Ecke stecken und ein Nickerchen mit ganz fest geschlossenen Augen machen.“
„Nein, ganz im Ernst. Wir müssen acht geben, dass diese Waffen nicht in die falschen Hände geraten. Sobald wir hier fertig sind, werde ich das Innenministerium benachrichtigen, und den Kastellan darum bitten, bis auf Weiteres eine Dauerwache des Sicherheitsdienstes hier abzustellen.“
„Auch wenn wir ‚Starlight Sue‘ wieder einmal nicht gefunden haben, höchst spannend und aufregend ist das hier in jedem Fall. – Was wir wohl hinter dieser Tür finden werden…“, murmelte Paul und schritt auf den verschlossenen Durchgang zu.

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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