Der Kommentar…

… Er ist quasi mit dabei gewesen, als das Bloggen „erfunden“ wurde. Seit vielen Jahren bereits nannte er solch ein „Online-Tagebuch“ sein Eigen. Er war sehr stolz darauf, dass die Anzahl der Klicks sich in flottem Tempo der Zweimillionen-Marke näherte, und seine humorigen Erzählungen und Fotomontagen sich regelmäßig in den obersten Rängen der Top-Einhundert finden ließen. Das Bloggen bestimmte mittlerweile seine Freizeit, die sogenannte Blogroll war ausgesprochen ansehnlich, die Zahl der Abonnements kaum mehr überschaubar. Abend für Abend, wenn er nach Stunden des Lesens, Kommentierens, Schreibens und der Bearbeitung von Fotos und Artikeln den PC herunter fuhr, schmerzten seine Augen, fühlte er sich ausgelaugt. Doch die Sucht nach den sogenannten Klicks, der oftmals triumphierende Blick auf die erfreulich hohe Statistik trieben ihn weiter, immer weiter…

… Vor kurzem war ihm ein Neuling aufgefallen, der mit spitz und sarkastisch formulierten Artikeln zum aktuellen Tagesgeschehen brillierte. Gönnerhaft abonnierte er den Blog dieses Burschen. Noch ein Leser mehr, denn es gilt ja die Regel „Besuch‘ ich dich, dann besuchst du auch mich“…

… Es war bereits später Abend, längst hätte er den Computer abschalten und ins Bett gehen müssen, um noch ein paar Stunden Ruhe vor dem nächsten Arbeitstag zu finden. Doch in seinem Mail-Postfach stapelten sich immer noch die neuen Beiträge, die „abgearbeitet“ werden mussten. Er las diese gar nicht mehr, widmete ihnen nur mehr kurze Blicke, um danach einen Kommentar oder zumindest kurzen Gruß zu hinterlassen – denn auch das bringt „Klicks“…

… Er seufzte auf, als er entdeckte, dass sein favorisierter Neuling diesmal entgegen dessen Gepflogenheiten keinen kurzen Abriss sondern einen überaus wortreichen, langen Post verfasst hatte. Ungeduldig scrollte er zum Ende, würdigte die bereits abgegebenen Kommentare ebenfalls kaum eines Blickes, und setzte eine knappe Bemerkung darunter…

… Nur einen Tag später fand er eine E-Mail eines sehr betroffenen Mitbloggers vor, mit dem er seit längerem schon eine gute, virtuelle Freundschaft pflegte: „Ich kann nicht fassen, was du bei … neulich geschrieben hast! Ich habe dich während vieler Jahre für einen integeren, aufrichtigen und auch liberalen Freund gehalten!“ Er stutzte kurz und verschob die Nachricht, ohne sich groß darüber Gedanken zu machen. „Der kriegt sich schon wieder ein, dem ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen.“…

… Während der nächsten Tage häuften sich die kritischen, auch unverhohlen stichelnden und anklagenden Kommentare und Mails – und er büßte zunehmend Klicks ein. Nun wurde er endlich aufmerksam und versuchte, dem auf den Grund zu gehen. Sein Internet-Freund kam ihm wieder in den Sinn. Er kramte dessen Schreiben hervor und antwortete: „Ich verstehe nicht, was du damit meinst, kannst du mir bitte erklären, warum du und so viele meiner Stammleser derart aufgebracht seid?“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten…

… Er rief den Blog des „Neulings“ auf und suchte den betreffenden Post, welchen er vor Kurzem so gut wie völlig ignoriert hatte, und las diesmal gründlich. Dabei gefror ihm schier das Blut in den Adern. Es handelte sich um ein Machwerk mit eindeutig rechtsradikalen Zügen, sogar das Befürworten der Todesstrafe, die Euthanasie Behinderter und ein neuer Holocaust wurden darin angesprochen. Erschüttert wandte er sich den Kommentaren zu. Er fand seine eigenen Worte. Da stand zu lesen:

… „Ich weiß zwar nicht, worum es hier eigentlich genau geht, aber ich bin voll und ganz deiner Meinung.“…

… Dies ist eine frei erfundene Geschichte. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Vorkommnissen und real existierenden Personen wäre rein zufällig und ist von der Autorin keineswegs beabsichtigt…

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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17 Responses to Der Kommentar…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Auch diese kurze Geschichte ist mir beim Ausmisten und Stöbern auf meinem Blog untergekommen. Da ich sie eigentlich sehr aktuell finde, habe ich sie auf meinem Zweitblog „Stupor Mundi“ noch einmal online gestellt… Bis zum heutigen Tag ist mir allerdings nicht so ganz klar, warum ich mit dieser Erzählung dereinst einige Mitbloggerinnen erboste, eine sogar so sehr, dass sie mir per Mail ein wortreiches Traktat zukommen ließ, indem sie mich mehrmals nichts Gutes hieß, und mir sogar drohte, ihren Anwalt einzuschalten. 😉

  2. Anna-Lena sagt:

    Dumm gelaufen….. :mrgreen: !

  3. Wortman sagt:

    Man soll eben nicht immer blind was tippen oder liken… man sollte sich den jeweiligen Beitrag auch mal anschauen 😉

    • Oder nach Möglichkeit keine Copy&Paste-Kommentare hinterlassen, ohne die jeweiligen Blogbeiträge zu lesen. Da gibt es einen gewissen Herrn K. K. aus W. an der M., der wegen dieser oftmals recht unguten Weise, auf sich aufmerksam zu machen, bei mir und etlichen anderen Mitbloggern/innen auf der Blacklist landete…
      Eine langjährige Mitbloggerin, die schwerst an Krebs erkrankt war, beschloss, in den Freitod zu gehen, weil sie ihr Leiden nicht mehr aushielt. Sie stellte einen Abschiedsbrief online, auf dem sie auch erwähnte, dass sie an diesem Tag unter ärztlicher Aufsicht aus dem Leben scheiden würde. Da hinterließ ihr dieser Dummbratz folgenden Copy&Paste-Kommi: „Ich wünsch dir einen schönen Tag und viel Freude bei allem was du tust.“… Die Mutter einer anderen Mitbloggerin starb vor einigen Monaten. Die Tochter veröffentlichte einen tieftraurigen letzten Gruß auf ihrem Blog. Copy&Paste-Kommi von K. K.: „Die Sonne lacht, hab viel Spaß!“

  4. … von dem her hat sich – nach Lektüre der Kommentare – die mangelnde Ähnlichkeit mit real existierenden Personen erledigt. Schadet auch nicht. Treffende Geschichte.

    • Danke schön. Und willkommen hier. Und manchmal findet man auch beim Lesen einer eigentlich nicht persönlich gemeinten Geschichte jemanden, auf den die Schilderung passt wie die berühmte Faust aufs Auge. 😉

  5. Linsenfutter sagt:

    Wortmann hat Recht. Wer Lesen kann ist im Vorteil und sollte das auch nutzen. Bevor man kommentiert, kann das Durchlesen nicht schaden.

    • Es wäre ja auch höchst respektlos dem/der Blogger/in gegenüber, wenn man seine Leistung nicht würdigen, und einfach einen lieb- und ziemlich sinnlosen Copy&Paste-Kommentar, den man schon auf vielen anderen Blogs hinterlassen hat, unter Text und Bilder setzen würde…

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