„Zerstörte Liebe“…

… Diese Kurzgeschichte ist während meiner Zeit als Museumsaufsicht in der Pinakothek der Moderne entstanden. Bei so manchem Ausstellungsstück, das ich mir während der Acht-Stunden-Schichten in den verschiedenen Abschnitten angesehen hatte, kamen mir bisweilen die krausesten Theorien über dessen Entstehung in den Sinn. Dies ist eine davon:…

Zerstörte Liebe

… Bereits während Erich Breitsam die Wohnungstür aufschloß, fühlte er, daß eine unheilvolle Überraschung seiner harrte. Er irrte sich nicht, an den übermannshohen Garderobenspiegel war ein mit tiefschwarzem Edding-Stift beschriebenes DIN-A-4-Blatt geheftet: „Ich habe die Eintönigkeit mit Dir endgültig satt! Ich werde mit Timo einen Neuanfang starten! Leb wohl!!!“…

… Es dauerte lange, bis der mittelgroße, schlanke Dreiundvierzigjährige die Tatsache endgültig realisiert hatte, daß Emma, seit fast zwanzig Jahren seine Angetraute, ihn verlassen hatte. Er fuhr sich durch das graumelierte, dichte, leicht gewellte Haar und setzte sich wie betäubt auf einen Küchenstuhl. Seine schmalen, verwaschen blaue Augen blickten ins Leere…

… Emma und er hatten sich auf der Universität kennen und lieben gelernt, beide studierten sie Kunst. Nach einem halben Jahr leidenschaftlicher Affäre heirateten sie. Erich befand sich in einer Sinnkrise, tief enttäuscht hängte er das Studium an den Nagel, nahm eine Stelle als Versicherungvertreter an. Emma, klein und zierlich, mit raspelkurzem, silberblondem Bubikopf und großen, strahlenden, grünen Augen, machte ihren Abschluß und verdingte sich als Assistentin einer Kuratorin in einem der größten Museen der Stadt…

… Erich hasste es bald zutiefst, seinen Mitmenschen Versicherungen anzudrehen, dementsprechend schleppend liefen seine Geschäfte. Seine Frau machte indessen Karriere, nach wenigen Jahren schon übernahm sie die Position ihrer Chefin. Sie bekam einen Assistenten zugeteilt, Timo Brandstadt, fast zehn Jahre jünger als sie, von männlich-herber Schönheit, mit gestylter Pferdeschwänzchenfrisur und Modelfigur – Erich hatte ihn auf Anhieb widerlich gefunden…

… Er stand auf, holte aus dem Küchenschrank eine Flasche altehrwürdigen Scotch, die seit Jahren unbeobachtet vor sich hin gedämmert hatte, und ein hohes Wasserglas, und schleppte sich ins Arbeitszimmer am Ende des langen Flurs. Dort pflegte er nicht nur seine Kundenakten sowie den Computer aufzubewahren. In heimlichen nächtlichen Stunden, wenn alles schlief, modellierte er aus fleischfarbener Knetmasse seltsame kleine Figuren, männlich-weibliche Zwitterwesen mit grotesk übergroßen Köpfen, die er stets mit blutrot gefärbten Zahnstochern zu durchbohren pflegte, bevor er sie mit Kunstharz konservierte…

… Das erste Glas des dunkelgoldenen Getränks erfüllte ihn mit wohliger Wärme, Ruhe und Abgeklärtheit. Er seufzte tief auf und streckte sich auf seinem Bürostuhl lang. Der zweite Drink jedoch weckte einen tiefen, tiefen Schmerz in seinem Herzen. Erich kramte unter dem Schreibtisch nach der abgegriffenen Schuhschachtel, in welcher er die Liebesbriefe Emma’s aus Studientagen und die kleinen, lustigen Notizzettel aufbewahrte, die sie in den ersten Jahren ihrer Ehe stets morgens an die Kühlschranktür geheftet hatte. Er zerriss und zerknüllte bitterlich weinend Blatt für Blatt und warf es in den nahe stehenden Papierkorb aus durchsichtigem Kunststoff…

… Das dritte Glas Whisky ließ ihn vor Ekel und Abscheu erschaudern. Er griff nach dem vollen Aschenbecher auf dem Schreibtisch, und kippte den Inhalt laut fluchend über die arg misshandelten Papiere, danach öffnete er den Hosenstall und urinierte schrill und hämisch lachend darauf…

… Der vierte große Schluck bescherte Erich unendliche Wut. Er traktierte den Papierkorb mit Fußtritten, dann, als wäre er vom Wahnsinn gepackt worden, pflanzte er den Behälter auf einen alten, halb verrosteten Gartenstuhl, der im Dunkel unter der Werkbank in der Ecke hinter dem Aktenschrank verborgen stand, griff sich mehrere Dosen flüssiges Acryl und verteilte schauerlich lachend den Inhalt großzügig über Eimer und Sitzgelegenheit. Danach packte er seine in einer Schublade verborgene Sammlung kleiner, absonderlicher Figürchen, und drapierte diese auf die klebrigen, allmählich hart werdenden Oberflächen…

… Eine Woche später suchte ihn Adrian Silberhorn, einer seiner wenigen Stammkunden, zu einem klärenden Gespräch auf. Während Erich mit gefurchter Stirn und vorgeschobener Unterlippe konzentriert in seinen Unterlagen blätterte, fielen die Blicke des Besuchers zufällig auf das seltsame Konstrukt aus Gartenstuhl, Miniaturen und Plastikpapierkorb, welches, von einer glänzenden Acrylschicht überzogen, mittlerweile auf der Werkbank thronte. Wie elektrisiert sprang der schmerbäuchige, glatzköpfige Mann auf. „Potztausend!“ Erich sah irritiert hoch. Sein Kunde fuchtelte mit dem dicklichen Zeigefinger. „Haben Sie das geschaffen?“ Der Gefragte nickte peinlich berührt – er hätte dieses Gerümpel längst entsorgen müssen,  dieses Zeugnis seines großen Herzwehs, seines persönlichen Scheiterns. „Ich habe immer schon geahnt, daß Sie eine künstlerische Ader haben müssen!“, bellte Silberhorn und schoß hinüber in die Zimmerecke, wo er sich schwerfällig verrenkte, um das Objekt möglichst von allen Seiten in Augenschein nehmen zu können. „Das ist eine schlichtweg geniale Installation! So etwas Ausdruckstarkes und vielschichtig Deutbares habe ich selten zu Gesicht bekommen – und ich weiß, von was ich rede, ich bin Kunstkenner und -sammler.“ Er wandte sich zu Erich um, der ihn völlig entgeistert anstarrte. „Ich MUSS dieses Werk haben! Ich suche seit langem schon nach einem Kernstück für meine Sammlung, die demnächst als Leihgabe ein halbes Jahr lang im Museum der Moderne gezeig werden soll. – Nennen Sie mir Ihren Preis!“ Der Versicherungsvertreter holte tief Luft und nannte ein hübsches Sümmchen mit fünf Nullen vor dem Komma. Ohne Zaudern packte der Schmerbäuchige seine Rechte und schüttelte sie enthusiastisch. „Prächtig! Prächtig! Ich überweise Ihnen das Geld noch heute auf Ihr Konto! – Sie haben doch bestimmt Ihrer Schöpfung einen Namen gegeben?“ – „Nennen Sie’s ‚Zerstörte Liebe‘.“, murmelte Erich…

… Zwei Tage später rief Erich am Computer seinen Kontostand auf. Eine Weile starrte er reglos auf den Saldo. Dann buchte er einen Flug auf seine heimliche Trauminsel in der Karibik, und begann, langsam und methodisch einen Koffer zu packen…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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