Der Altglas-Container (Teil 1)…

Frau Stegert lebte recht komfortabel, doch sehr allein in einem kleinen, aber schmucken Häuschen am südlichen Dorfrand von Heubach, einem Tausend-Seelen-Nest in den oberbayerischen Bergen. Ihr Mann, der bis zu seiner Pensionierung der Leiter der hiesigen Sparkassen-Filiale gewesen war, hatte vor gut fünf Jahren nach einem heftigen Schlaganfall das Zeitliche gesegnet. Zu ihren drei Töchtern und deren Familien, die in der nahen Kreisstadt wohnten, hatte sie dank ihres sehr ambivalenten Verhältnisses zur Wahrheit und der unguten Neigung, mittels böser, zumeist selbst erfundener Gerüchte Unfrieden zu stiften, kaum noch Kontakte.

Außer dem Lesen von Magazinen der sogenannten Regenbogenpresse, dem Verfolgen von Klatschsendungen im TV sowie dem eifrigen Kolportieren von gehässigen Tratschereien im Supermärktchen des Ortes, die sehr oft ihren Ursprung im wöchentlichen Seniorentreff im spätbarocken Pfarrhaus der katholischen Kirche hatten, pflegte Frau Stegert keinerlei Hobbies. Zum Handarbeiten fehlte ihr die Konzentration, und mit der Lektüre von Büchern war sie ihr Lebtag lang, im Gegensatz zu ihren Töchtern, auf Kriegsfuß gestanden.

Gar manchmal wäre ihr also die Zeit in ihrem kleinen, schmucken Häuschen schon arg lang geworden – wenn es da nicht ihren liebsten Zeitvertreib gegeben hätte: Etwa hundert Meter entfernt befanden sich in einer kleinen und von ihrem Anwesen aus leicht einsehbaren Senke die Glas-, Altpapier-, Kunststoff- und Altkleider-Container Heubachs. Mit einem antiken, goldgefassten, elfenbeinernen Opernglas bewaffnet, einem Erbstück ihrer Schwiegermutter, verbrachte Frau Stegert viele erbauliche Stunden an ihrem großen Wohnzimmerfenster, bis ins letzte Detail Tag um Tag registrierend, wer von ihren Nachbarn was und wann zu entsorgen pflegte, und sich selbstredend geflissentlich Gedanken darüber zu machen. Manchmal begab sie sich ungesehen sogar höchstselbst nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Alibi-Müllbeutelchen und einer Taschenlampe versehen zu den Containern, um sich zum Beispiel zu vergewissern, ob der Bauer Lenz vom Alpbichl tatsächlich einen ganzen Schwung an Billigjeans, die seine Frau doch erst vor wenigen Wochen im Discounter in der Kreisstadt erstanden hatte, dem Altkleiderbehälter einverleibt hatte. Und ob der Obst- und Gemüsehändler Heinrich wieder einmal eine ganze Kiste Äpfel in den Biomüll entsorgt hatte, nur weil eine Handvoll davon einige Druckstellen aufgewiesen hatte.

Seit einer geraumen Weile machte sie sich sehr oft Gedanken über das Verhalten von Frau Perl, der ehemaligen Leiterin der Dorfbücherei. Deren Mann war vor knapp einem halben Jahr nach langer und schwerer Krankheit entschlafen, eine Gnade sei das für die arme Frau gewesen, darin waren sich alle „Damen“ der gemütlichen wöchentlichen Runde des Seniorentreffs bei Kaffee und selbstgebackener Linzer Torte einig gewesen.

Jetzt kann‘s endlich wieder anfangen zu leben, die arme Frau Perl.“, hatte Frau Kneitz, die Pfarrhaushälterin, mitfühlend geseufzt, und die Anwesenden hatten ihr eifrig zugestimmt. Selbstredend hatte man Frau Perl nach dem Verstreichen einer mehrwöchigen „Trauerfrist“ mehrmals zu den Veranstaltungen des Seniorentreffs eingeladen, doch nie eine Antwort erhalten, was Frau Kneitz, Frau Stegert und die anderen Teilnehmerinnen durchaus ein wenig verärgerte.

Daran musste Frau Stegert denken, als sie wieder einmal in ihrem höchst bequemen Wohnzimmersessel thronend das edle Opernglas ansetzte und nach draußen Richtung Müllcontainer spähte. Eben war Frau Perl mit ihrem großen dunkelblauen Kombi heran gefahren, sie öffnete den Laderaum und hievte mehrere Holzkisten heraus, die randvoll mit Wein-, Sekt- und Spirituosenflaschen gefüllt waren.

Koa Wunda, dass die sich net bei uns im Seniorentreff blicken lässt! Des is a heimliche Säuferin! Und was für oane, die muaß ja mindestens zwoa Flaschn Wein und a Flaschn Schnaps am Tag saufn!“, grummelte Frau Stegert. Voller Vorfreude und Eifer konnte sie kaum noch mehr den nächsten Vormittag erwarten, da würde sie all ihren Bekannten im kleinen Supermärktchen ihre Erkenntnis mitteilen. Und genießen, dass sie endlich wieder einmal im Mittelpunkt des dörflichen Interesses stand. Denn es mangelte ihrer Meinung nach schon sehr seit dem Tode ihres Mannes an der gebührenden respektvollen und bewundernden, beständigen Aufmerksamkeit ihr gegenüber…

Fortsetzung folgt

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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9 Responses to Der Altglas-Container (Teil 1)…

  1. susepedia sagt:

    Ich liebe einfach deinen Schreibstil. Schon bei deinen Reiseberichten, aber deine Geschichten malen sofort Bilder vor dem inneren Auge. Bin auf die Fortsetzung gespannt!

    • Ich danke dir. 🙂 Diese Geschichte trage ich seit langem schon in mir herum, sie ist mir jedes Mal in den Sinn gekommen, wenn ich mein Altglas zum Container brachte. 😉

  2. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Diese Geschichte kam mir seit langem schon immer wieder in den Sinn, wenn ich mein Altglas zum nahen Container brachte. 😉 Da ich zur Zeit ja wieder einmal „außer Gefecht gesetzt“ bin, habe ich nun endlich Muße gefunden, sie aufzuschreiben. 😉 Diese Kurzgeschichte ist frei erfunden, jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten bzw. lebenden Personen wäre rein zufällig, und ist von mir nicht beabsichtigt.

  3. Das fängt schon sehr spannend an, liebe Margot.
    Bestimmt tut sich da noch einiges, denn die bayerische „Miss Marple“ scheint ja sehr neugierig, zielstrebig und gewitzt zu sein.
    Diese Eigenschaften ergeben, gepaart mit guter Beobachtungsgabe, eine sehr stimmige Kombination, um kurzweiligen Lesestoff zu bieten.
    Ich freue mich schon auf die Fortsetzung!
    Schneeflockengrüße von Rosie

  4. Sie haben wirklich einen sehr schönen Schreibstil, und mit ihren Geschichten immer so nah an der Realität. Da verschlingt man die Geschichten wie ihre Berichte „auf einen Zug“. Danke für ihre Mühen, und ein superschönes erstes Advent-Wochenende. LG Michael

    • Sehr gerne, lieber Michael. Ich bin grad sehr froh darüber, dass die Muse der Schreiberei mich seit langer Abstinenz endlich wieder einmal geküsst hat. 😉
      Ich wünsche Ihnen auch ein wundervolles Advents-Wochenend. 🙂

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