Der Altglas-Container (3)…

Eine Woche später war die kleine Weihnachtsfeier des Seniorentreffs anberaumt worden, und Frau Stegert warf sich etwa eine Stunde vor Beginn der Festivität in ihre beste perlmuttfarbene Seidenbluse, die sie mit einer fein ziselierten Brosche in Form einer Silberdistel zierte.

Während der vergangenen Tage hatte sie stets vormittags erwartungsvoll an der Tür gelauert, wenn der drahtige, wettergegerbte Postbote auf seinem voll bepackten, leuchtend gelben Fahrrad sich dem Haus genähert hatte. Vielleicht gab es ja diesmal eine Einladung einer ihrer Töchter, die Feiertage bei deren Familie zu verbringen. Doch ihre Hoffnungen wurden ein ums andere Mal enttäuscht, wie während all der Jahre seit dem Tod ihres Mannes.

Frau Stegert hatte nie einen liebevollen und fürsorglichen Umgang mit ihren drei Töchtern gepflegt, im Gegenteil, sie hatte seit deren frühen Kindertagen nichts unversucht gelassen, die Mädchen mittels Lügen, moralischer Erpressungen und seelischer Grausamkeiten gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen. Inmitten eines guten halben Dutzends Geschwister war ausgerechnet sie die mittlere gewesen, klein, unscheinbar, oft von ihren Brüdern und Schwestern und ihrer Mutter unbeachtet. Sie hatte sich durch keinerlei besondere Talente oder gar Schönheit hervor getan. Allerdings hatte sie bereits in ziemlich jungen Jahren herausgefunden, dass sie sich mittels Unwahrheiten, Gerüchten, Tratschereien und Hetzereien sehr gekonnt in Szene setzen und alle Aufmerksamkeit zumindest für ein Weilchen auf sich ziehen konnte. Wenn alles um sie herum in Hader und Unfrieden versank und Tränen flossen, dann verspürte sie zumeist ein seltsames Wohlgefühl, dann fühlte sie sich als Heldin, dazu berufen, nunmehr zu schlichten und zu befrieden, sich moralisch allen anderen haushoch überlegen.

Obwohl ihr Mann den Kindern sehr zugeneigt gewesen war, war er nie eingeschritten, hatte alles stumm geschehen lassen, nie aufgrund der zweifelhaften Erziehungsmethoden seiner Gemahlin ein Machtwort gesprochen, hatte sich nie auf die Seite seiner Sprösslinge gestellt. Seine Frau war seine große Jugendliebe gewesen, die er etliche Jahre lang schüchtern aus der Ferne bewundert hatte, ehe er sich, ermutigt durch einige Studienfreunde, ein Herz gefasst hatte, ihr einen Antrag zu machen. Beinahe ein halbes Jahrhundert lang hatte er bis zu seiner letzten Stunde vor Liebe zu ihr Augen und Ohren vor ihren Schattenseiten verschlossen gehabt.

Die Töchter, Irene, Bettina und Heidelinde, pflegten für gewöhnlich am Vormittag des Heiligabends lediglich für ein knappes Stündchen zusammen mit ihrer fast schon erwachsenen Kinderschar bei Frau Stegert vorbei zu schauen – sie überreichten kleine Geschenke, zwangen sich zu ein wenig neutral-freundlichem Small Talk, und machten sich dann rasch wieder auf den Rückweg in die Kreisstadt.

Dass sie die Verantwortung für das unterkühlte Verhalten ihrer Töchter und Enkelkinder trug, war Frau Stegert noch nie in den Sinn gekommen. Sie sah sich als Opfer angeblich rücksichtsloser und kaltherziger junger Menschen. „Keine Dankbarkeit, wissen Sie!“, pflegte sie ihren Dorfbekanntschaften bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorzujammern. „Man gibt ihnen so viel Liebe, so viel Fürsorge, schlägt sich voller Angst die Nächte um die Ohren, wenn die Kleinen krank sind – und wenn sie dann aus dem Haus sind, kennen sie einen nicht mehr. Ich habe den Dreien so viel gegeben, so viel Herzblut und Aufopferung – und so viel Undank und Ignoranz und Gleichgültigkeit bekomme ich nun zurück…“

Sie sah sich selbst als die beste Mutter aller Zeiten, und pflegte ausgesprochen gerne Erziehungstipps zu geben, wenn sie auf Einkaufstour in der Kreisstadt war. Neulich erst war sie, eine ruhige Seitenstraße überquerend, auf eine junge Frau zu gestürmt, deren Baby im Kinderwagen zu greinen begonnen hatte.

Sie müssen das Kleine an Ihre Brust legen, dann hört es Ihren Herzschlag und hört auf zu schreien. Liebe – was diese kleinen Wesen immerzu am allernötigsten brauchen, ist LIEBE! Glauben Sie mir, was das anbelangt, bin ich eine Expertin!“, deklamierte sie mit beseelt leuchtenden Augen, und ihr erhobener Zeigefinger verwirbelte im Takt ihrer Worte die schwer lastende, winterlich feuchte Großstadtluft. Und dann folgte einer ihrer Lieblingssätze, den sie bei solchen Gelegenheiten stets zu zitieren pflegte: „Wissen Sie – einmal Mama, immer Mama.“…

Ein paar letzte Bürstenstriche durch die proper sitzende, rötlichbraun gefärbte Prinz-Eisenherz-Frisur, ein paar dezente Spritzer Eau de Toilette auf den wuchtigen Pelzkragen ihres Wintermantels, dann griff Frau Stegert nach den Hausschlüsseln und einer kleinen Tüte mit den Plätzchen für die weihnachtliche Gebäck- und Kuchentafel, die sie schon Wochen zuvor im Discounter erstanden hatte, und wandte sich zum Gehen Richtung Pfarrhaus…

Fortsetzung folgt

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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6 Responses to Der Altglas-Container (3)…

  1. Wow! Endlich mal jemand, der diese sonst nicht mehr zu lesenden Begriffe „Hader“ und „greinen“ verwendet.

    • Ich liebe diese „alten“ Ausdrücke, und verwende sie immer wieder gern. 😉

      • Ja, geht mir auch so. Gerade diese selbstredenden Ausdrücke sollte man nicht vergessen. Übrigens: Sie sind links? LOL
        Da würde doch Wolfgang Krebs den bayerischen Zweitübervater gleich reden lassen, dass dies wohl nur von der bretonischen Rattenverschiebung, äh (!) tektonischen Plattenverschiebung kommen kann, weil manche CSU’ler lieber heute wie Morgen wieder in die ehem. deutschen Ostgebiete einmarschieren würden. LOL
        Wünsche Ihnen eine schöne nächste Woche! LG Michael

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