Der Altglas-Container (4)…

Nach dem Absingen von Weihnachtsliedern durch eine Schar als Engel verkleideten Grundschulkinder, einer kleinen Geschenketombola, und dem Sturm aufs Kuchen- und Plätzchen-Bufett, kehrte unter den etwa zwanzig teilweise hoch betagten Gästen im Pfarrhaus Ruhe ein. Gar manchem wurden dank des zur Begrüßung verteilten Gläschens Prosecco und dem Genuss des nach der Haushälterin‘ Geheimrezept gebrauten Punsches die Augen schwer.

Die Tür zum Vorraum ging auf, und herein trat in Begleitung des jungenhaften Pfarrers, dessen Vollmondgesicht irgendwie nicht so recht zu seiner mageren Statur passen wollte, die ehemalige Leiterin der Dorfbücherei, Frau Perl. Flink wie ein Wiesel sprang Frau Kern auf, und bot ihren Platz an: „Was für eine schöne Überraschung! Wir freuen uns alle sehr, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch, ich hole mir einen Stuhl aus dem Büro. Bedienen Sie sich, es ist noch genügend Kuchen und Weihnachtsgebäck und Punsch da!“

Frau Perl schüttelte den grauhaarigen Kopf. „Nein, danke. Ich bin nicht zum Feiern gekommen.“ Sie stockte. Der Pfarrer reichte ihr ein Glas Wasser und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. Frau Perl trank in großen Schlucken, sie trat einige Schritte nach vorne an die Stirnseite der mit Tannengrün, bunten Sternchen und Kerzen geschmückten Tafel. Ihre Schultern strafften sich, und all ihre Nervosität und Unsicherheit fielen von ihr ab.

Ich bin gekommen, um einige Dinge richtig zu stellen. Und um mich zu verabschieden.“

Mit einem Schlag war die traute Seniorenrunde hellwach.

Man hat mir zugetragen, was hinter meinem Rücken seit einer Weile über mich geredet wird. Es heißt, ich sei eine schwere Alkoholikerin, seit dem Tod meines Mannes sei ich dem Suff ergeben, und würde pro Tag mindestens zwei Flaschen Wein und eine Flasche Schnaps in mich hinein schütten. Das entspricht nicht den Tatsachen. Ich habe noch nie Alkohol getrunken – ich werde seit jeher von einem Schluck Bier, Wein, Sekt oder gar Schnaps sterbenskrank… Es heißt auch, dass mir das heimliche Saufen zuhause nicht ausreichen würde, und dass ich mich im Café Bootshaus bei den Asozialen herum treiben würde. – Nach dem Tod meines Mannes und meiner Pensionierung habe ich mich nach einer sinnvollen Aufgabe gesehnt. So habe ich die Bekanntschaft der Wirtsleut‘ vom Bootshaus gemacht. Die Beiden haben vor einer Weile im Wirtsgarten zweimal pro Woche eine Art Tafel eingerichtet, damit die Bedürftigen und oft genug ohne eigene Schuld arbeitslos gewordenen Dörfler, die sogenannten sozial Schwachen, die Flüchtlinge, die häufig völlig traumatisiert nur mit dem nackten Leben davon gekommen sind, nicht immer mit dem Bus in die Kreisstadt fahren müssen. Sie haben bestimmt schon zur Kenntnis genommen, dass Benni und Ossi, die Zwillinge vom Boothaus, körperlich schwer behindert und nicht mehr die Jüngsten sind. Die Arbeit mit dem Organisieren der Tafel, dem Betreuen der Asylsuchenden und dem Führen des Cafés, in dem es übrigens hervorragenden, selbst gebackenen Kuchen gibt, ist ihnen immer mehr über den Kopf gewachsen. So habe ich mich bei ihnen eingebracht, und einige Pflichten abgenommen. Dazu gehört auch das Entsorgen der leeren Flaschen einmal in der Woche…“

Sie machte eine kurze Pause. Im Pfarrsaal war es mittlerweile geradezu furchtbar still geworden. Man spielte angelegentlich mit Keksbröseln und Tannennadeln auf den einstmals blütenweißen, nun von Wachs- und Punschflecken verunzierten Tischdecken, um Frau Perls Blicken auszuweichen.

Ich bin hier geboren worden und aufgewachsen. Hier habe ich geheiratet, eine gute Ehe geführt, habe meinen Sohn aufgezogen und mich all die Jahre glücklich und zufrieden gefühlt. Doch ich möchte auf gar keinem Fall länger in Heubach bleiben. Ich könnte es nicht ertragen, Tag für Tag all jenen zu begegnen, die diese entsetzlichen Gerüchte über mich in die Welt gesetzt und fleißig verbreitet haben. Ich habe mein Haus verkauft, und werde noch vor Weihnachten zu meinem Sohn ziehen.“

Frau Perls folgende Worte waren anscheinend an sämtliche Anwesenden gerichtet, doch während sie sprach, fixierte sie Frau Stegert, auf deren fahle Wangen sich zwei tiefrote Flecken gebildet hatten, und deren glasige Blicke unstet hin und her huschten.

Mein Sohn hat mir geraten, Anzeige wegen Verleumdung und Rufschädigung zu erstatten. Nach langem Überlegen habe ich mich allerdings dazu durchgerungen, auf dergleichen zu verzichten. – Wissen Sie, ich hasse Sie nicht, ich kann Sie nicht hassen. Ich fühle große Abscheu – aber eigentlich tun Sie mir aus tiefster Seele leid. Was müssen Sie für ein erbärmliches Leben führen, wie dunkel und zerrissen muss es in Ihren Herzen und Ihren Seelen aussehen, dass Sie es nötig haben, solche Lügen über Menschen, die Ihnen noch nie ein Leid zugefügt haben, zu erfinden, und ohne jegliches Hinterfragen diese böswilligen Unterstellungen durch‘s ganze Dorf zu tragen. – Nun möchte ich Ihnen eine schöne Weihnachtszeit wünschen – und mir wünsche ich, dass ich keinen von Ihnen jemals in meinem Leben wiedersehen muss.“

Frau Perl wandte sich um, nickte dem Pfarrer kurz zu, und verließ festen und schnellen Schrittes den kleinen Saal…

Fortsetzung folgt

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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9 Responses to Der Altglas-Container (4)…

  1. gann uma sagt:

    Dass die Dame so ganz unbefleckt von Sünden wie Alkoholgenuss ist, find ich nicht gut. Das gibt dem fiesen Getratsche doch untergründig recht. Es geht schließlich niemanden was an, und warum rechtfertigt sie sich?
    Schönen Gruß von einer stadtbekannten geprüften „Alkoholikerin“, die trotzdem soviel Alkohol kauft und trinkt, wie sie will. Und in die Container schmeißt.

    • Frau Perl ist mit Sicherheit keine Heilige. Aber sie verträgt keinen Alkohol, sie wird krank davon, das hat sie ja erklärt…
      Es geht darum, dass die Tratschweiber des Dorfes, allen voran Frau Stegert, die ihr leeres Leben mit Lügen und Intrigen aufzupeppen versucht, ihren Ruf in den Dreck gezogen haben. Ich dachte, das ginge aus der Geschichte deutlich hervor, aber wahrscheinlich habe ich mich doch nicht deutlich genug ausgedrückt.

      • gann uma sagt:

        Doch, das hab ich verstanden, und die Geschichte gefällt mir sehr gut. Nur, wenn die Beschuldigte sich überhaupt rechtfertigt und das ganze entrüstet von sich weist, wirkt das (auf mich) als wäre es tatsächlich schlimm Alkohol zu trinken und nicht nur in den Phantasiegebilden der braven Tratschweiber. Das verfälscht die Botschaft meiner Meinung nach.

        • Frau Perl rechtfertigt sich nicht, sie stellt auf der Weihnachtsfeier die Dinge richtig. Und ich finde das gut und richtig so, ich hätte an ihrer Stelle genau so gehandelt. Es geht doch hier nicht darum, was vom Genuss von alkoholischen Getränken zu halten ist, sondern darum, wie schnell durch Lügen und Intrigen und sogenannten Fake News der Ruf eines Menschen ruiniert werden kann.

          • gann uma sagt:

            Wie gesagt, mir gefällt die Geschichte, du hast diese narzisstische Person plastisch beschrieben, und es ist natürlich deine Geschichte. Ich wollte nur meine Wahrnehmung zu diesem Punkt sichtbar machen.

          • Das finde ich interessant, dass du Frau Stegert als narzisstisch bezeichnest. Der Mensch, der mir als Vorlage für diese Figur gedient hat, hat nämlich tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

          • gann uma sagt:

            Das kommt für mich sehr deutlich rüber, auch in der Beschreibung der Beziehung zu den Töchtern und dem Mittelpunktsbedürfnis von ihr.

          • Danke. Das freut mich, das ist ein schönes Lob für mich.

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