Der Altglas-Container (5)…

Unmittelbar nach Frau Perls Abgang brachen auch die Damen und Herren des Seniorentreffs auf, schweigsam, betroffen, die Köpfe gesenkt, die Blicke der anderen meidend. Jegliche vorweihnachtliche, fröhliche Stimmung war verpufft. Nur Frau Stegert hängte sich betont fürsorglich beim schwer gehbehinderten, neunzigjährigen Herrn Kramer ein und gellte: „Ich bring‘ Sie nach Hause. Nicht dass Ihnen noch etwas passiert, es ist schon dunkel, und vielleicht ist die Straße glatt.“

Der alte Mann wandte sich ihr zu: „Was hat denn die Frau Perl gesagt? Ich hab das alles nicht so richtig mitbekommen.“

Ja, mei, sie hat sich von uns verabschiedet, weil sie zu ihrem Sohn zieht, und uns ein frohes Fest und alles Gute gewünscht.“

In ihrem behaglichen und blitzsauberen Häuschen angekommen hängte sie sorgfältig den Mantel auf und entledigte sich ihrer Schuhe. Dann wandte sie sich dem Portraits ihres Mannes über dem Garderobenschränkchen zu – eines von vielen, die im ganzen Anwesen verteilt waren: „Die Perl ist immer schon eine gspinnerte blöde Kuh gewesen, aber heut hat sie sich wie eine Verrückte aufgeführt.“

Sie ging ins Wohnzimmer und einem spontanen Impuls folgend nahm sie das Telefon und wählte die Nummer ihrer ältesten Tochter.

Irene, ich bin‘s, die Mama. Sag mal, habt ihr allesamt nicht Lust, Weihnachten bei mir zu verbringen? Platz ist genug, die Kinder können ja unten im Keller im Bastelraum vom Papa schlafen.“

Tut mir leid. Wir verbringen die Feiertage bei den Eltern vom Ferdl in Südtirol. Die Bärbel hat ja am Fünfundzwanzigsten einen großen runden Geburtstag, und uns alle eingeladen.“

Alle außer mich, der Gedanke stach Frau Stegert ins Herz. Nach ein paar nichtssagenden Floskeln und einem kurzen, schwer lastenden Schweigen war das Gespräch beendet.

Sie und ihr Mann hatten die angeheiratete Verwandtschaft, die in einem kleinen Bergdorf nahe Brixen ein kleines Obst- und Weingut bewirtschaftete, vor vielen Jahren mal ein paar Tage lang besucht, das war kurz nach der Geburt des ersten Enkels gewesen. Frau Stegert konnte mit den Beiden nicht recht warm werden, trotz – oder vielleicht gerade wegen – deren lebensvoller, offener und freundlicher Art. Anders verhielt es sich mit ihrem Mann, er war von Irenes Schwiegereltern auf Anhieb begeistert, und nach einem spannenden Tag, den er zusammen mit Ferdl Senior in der riesigen Franzensfeste verbracht hatte, bahnte sich eine Freundschaft zwischen den Zweien an.

Doch Frau Stegert hatte in ihrer Ehe das Motto „Du sollst keine anderen Götter – und Freunde! – neben mir haben!“ zum obersten Credo erhoben, und so stichelte und hetzte sie so lange gegen die Südtiroler, bis das Verhältnis abkühlte und bald ganz erlosch.

Sie fühlte sich einsam, klein und unbedeutend, und es fröstelte sie, so kauerte sie sich in ihren voluminösen Lieblingssessel mit Blick auf die Müllcontainer, und wickelte sich in eine flauschige, sandfarbene Decke.

Bis ein Auto sich der Senke näherte, genauer gesagt der Geländewagen vom Bauern Lenz vom Alpbichl. Frau Stegert setzte sich ruckartig auf und griff nach dem Opernglas. Der Lenz hatte die Scheinwerfer seines Wagens brennen lassen, und sich außerdem noch eine Stirnlampe über die dicke Wollmütze geschoben, mit der er seine sehr hohe Stirn vor dem kalten Winterwind zu schützen pflegte, so konnte seine Beobachterin sehr genau erkennen, dass er wieder einmal ein dickes Bündel Textilien in den Behälter für die Altkleider gab.

Kaum hatte der Bauer seinen Heimweg angetreten, pirschte sich Frau Stegert an die Container heran, um genauer nachzusehen. Sie hatte ihr kleines Küchenschemelchen dabei, erklomm dieses, stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte hinein. Sie griff nach dem großen Bündel und zog es zu sich heran. Es waren ausschließlich Frauenkleider. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Wieder zurück in ihrem gemütlichen Sessel kam ihr die Erleuchtung: Die Lenzens hatten Eheprobleme! Vermutlich lebten die Beiden schon in Scheidung, die Frau – die ist aber in letzter Zeit auch immer magerer geworden! – war deswegen ausgezogen, und der Kerl hatte nun entsorgt, was sie nicht hatte mitnehmen können! Ja, genau! So musste es sein! Sie dachte lange darüber nach, und je detaillierter sich in ihrem Kopfe jene Geschichte zu formen begann, die sie gleich morgen im Supermärktchen ihren Bekannten erzählen würde, desto wärmer wurde ihr, und desto wohler begann sie sich zu fühlen.

Spät abends brühte sie sich eine Tasse Schlaftee auf, die sie mit einem ordentlichen Schuss Melissengeist würzte. Unvermittelt kam ihr die Erinnerung an den Auftritt der ehemaligen Bibliothekarin während der Weihnachtsfeier in den Sinn, und wie tief gekränkt der letzte Teil von Frau Perls Ansprache sie doch hatte! Und dass man sie bei der großen Familienfeier in Südtirol ganz offensichtlich nicht dabei haben wollte. In der kleinen Küche prostete sie mit tränenschwerer Stimme dem dort über der bunt bezogenen Eckbank hängenden Portrait ihres Mannes zu: „Gerald, sei froh, dass du nimmer lebst. Die Menschen werden immer boshafter und gehässiger zueinander. Und das wird von Tag zu Tag schlimmer.“…

Ende

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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5 Responses to Der Altglas-Container (5)…

  1. Bei Ihrem Schreibstil fühlt man sich direkt „mitten drin“. Super LG Michael

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