Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (3)…

Was ist ein Gnuff?“

Das Männlein machte sich mit einer Vielzahl von Schlüsseln, manche waren riesig, andere wiederum winzig klein, am Schlüsselloch zu schaffen, das auf wundersame Weise unablässig seine Größe veränderte. Er hielt kurz inne und seine übergroßen, tiefschwarzen Augen funkelten vor Missbilligung und Entrüstung.

Verdammt, das ist nicht EIN Gnuff! Das ist DER GROSSE Gnuff! Der absolute Herrscher der Salmeyiiden, so nennt sich das Zwergenvolk, dem ich entstamme.“

Und dieser Große Gnuff hat dich hierher gebracht?“

Nicht er selbst – aber nein! Ein hohes Mitglied seines Hofstaats hat mir diesen Posten zugewiesen – das mag vor – lass mich kurz nachdenken – etwa zweihundert Jahren gewesen sein.“

Ich zog die Brauen hoch.

So alt sind Sie schon?… Ich meine, man würde Sie nicht mehr für einen Teenager halten, aber zweihundert Jahre sieht man Ihnen gewiss nicht an. Wie machen Sie das?“

Das verrate ich dir später.“

Endlich sprang die Türe auf. Das Männlein sprang behende hindurch und winkte mir. Mit klopfendem Herzen, zögernd und doch von einer unstillbaren Neugier getrieben folgte ich ihm.

Wir standen am Rande des gewaltigen Kuppelinneren. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, als ich zu der runden Öffnung hoch oben starrte, die sich in der Mitte des Doms befand. Eine Art gläserner Trichter umschloss diese und reichte, sich zusehends verjüngend, bis etwa eineinhalb Meter über den schimmernden, dunklen Marmorfußboden. Der Raum mutete mich wie der Bienenstock eines Riesen an, oder wie ein Theater, mit ungezählten Rängen, die sich nach oben hin verjüngten. Auf den einzelnen Etagen schien es eine schier unfassbare Menge an Schränken und Schubladen zu geben, von winzig klein bis zu der Größe eines Zimmers.

Potztausend!“, entfuhr es mir – das war seit einer Weile eines meiner Lieblingswörter. Der Zwerg machte eine elegante, weit ausholende Armbewegung.

Bitte sehr – hier siehst du die Literarische Zeiterfassungs- und Aufbewahrungsstelle. – Potztausend – den Ausdruck habe ich übrigens seit einer Ewigkeit schon nicht mehr gehört.“

Ich zuckte mit den Schultern.

Ach, ich habe ein Faible für alte Wörter.“

Ich drehte mich langsam um meine Achse und schaute und staunte.

Und in all diesen Behältnissen befindet sich jene Zeit, die von Schriftstellern beim Schreiben ihrer Werke übersprungen worden ist?“

Nun ja, nicht in allen. Es gibt schon noch eine Menge Platz. Und leider lösen sich im Laufe der Zeit diese übersprungenen Zeiteinheiten auch wieder auf. Aber das dauert zum Glück lange.“

Was wird denn dieser Gnuff denn eines Tages mit all dieser Zeit machen?“

Mein kleiner Freund stampfte ungehalten mit dem Fuß auf. „Nein, nein, nein! Das heisst nicht DIESER Gnuff! Das ist DER GROSSE Gnuff! – Ich verbitte mir diese Respektlosigkeit! – Mit Autoritäten scheinst du wohl ein Problem zu haben!“

Ich nickte und grinste schief. „Yepp. Immer schon – egal, ob es sich um Götter, Päpste, Regierungschefs, Vorgesetzte, Eltern etc. handelt.“

Der Zwerg sah mir tief schnaufend in die Augen.

Da solltest du mal ein wenig an dir arbeiten, sonst wirst du noch ein schlimmes Ende nehmen.“

Ich lachte. „Was glauben Sie wohl, wie oft ich diesen Spruch schon zu hören bekommen hab‘!“

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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5 Responses to Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (3)…

  1. Sehr wichtig die Autoritäten zu ehren.LOL
    Super, freue mich schon auf den nächsten Teil. Wird ja immer spannender. Danke, und beste Wünsche zum 3ten Advent. Sorry, mußte heute auch auf Ihren Blogs „nacharbeiten“. Irgendwie fehlen mir seit drei Tagen einige Stunden. 😉 LG Michael

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