Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (4)…

Das missmutige, zerfurchte Gesicht des Kleinen wurde noch vergrämter, so beschloss ich klugerweise, einzulenken und mich zu entschuldigen.

Es tut mir leid. Ich verspreche Ihnen, dass ich mich in Zukunft beherrschen und respektvoller verhalten werde. – Übrigens, ich heiße Valerie – und Sie?“

Tiefdunkle Blicke schienen sich bis in das Innerste meiner Seele zu bohren. Eine kleine Ewigkeit schlich dahin, bevor das Männchen sich einen Ruck gab und mir brummelnd antwortete: „Caspisian.“

Ein schöner Name.“, lobte ich, und freute mich darüber, dass meine Worte dem Zwerg sichtlich wohl taten. Wer weiß, wann er das letzte Mal ein Kompliment zu hören bekommen hatte… Er packte mich am Arm und zog mich mit sich, auf das Ende des gläsernen Trichters in der Mitte der Kuppel zu.

Komm, jetzt zeig‘ ich dir ein paar literarische Zeitspannen, die sich über Nacht angesammelt haben.“

Neben der Trichtermündung erhob sich ein hölzernes Podest mit mehreren Stufen. Behende sprang Caspisian hoch und deutete eifrig auf einige seltsame Gebilde, die am Boden der gläsernen Röhre zu erkennen waren. Neugierig presste ich meine Nase gegen die Trichterwand.

Ich hatte mir in meiner Phantasie alles Mögliche vorgestellt, aber dass Zeit so aussehen könnte, wäre mir nie im Leben in den Sinn gekommen. Die einzelnen Segmente glichen irgendwie Seifenblasen, durchscheinend, mit einer sanft in allen Regenbogenfarben schillernden Haut. Sie schienen lebendig zu sein, bewegten sich träge, wuchsen mal in die Länge, ballten sich dann wieder zu Kugeln verschiedener Größen zusammen. Es sah aus, als würde sich eine leicht pulsierende, gallertartige Masse in ihrem Inneren befinden.

Der Gnom entnahm einer Innentasche seines Fracks eine unförmige Brille mit sehr dicken Gläsern und setzte sie auf. Konzentriert betrachtete er die eigenartigen Gebilde vor sich.

Hmmm, ja… Die meisten kleinen Zeiteinheiten, die in der Nacht eingetroffen sind, stammen von so einer schrulligen amerikanischen Kitsch-Autorin – sie überspringt in ihren unerträglich schwülstigen Romanen immer nur wenige Stunden.“ Er deutete auf eine größere „Seifenblase“. „Deutscher Heimatschriftsteller, seine bayerischen Krimis verkaufen sich sehr gut. Hat wohl in seinem neuesten Werk eine ganze Woche quasi unter den Tisch fallen lassen.“

Sie sehen das alles durch Ihre Brille?“

So ist es. Ist eine Spezialanfertigung, es heißt, sie sei vom Großen Gnuff persönlich gemacht worden.“

Und diese Zeiteinheiten müssen Sie jetzt aus dem Trichter nehmen und verstauen?“

Die große schon, ja. Die kleinen esse ich.“

Ich fühlte, wie mir sämtliche Gesichtszüge entgleisten. Das wird ja immer schräger, verflixt noch eins! Jetzt behauptete der Kerl doch glatt, dass man Zeit essen kann! Schief lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Ach, kommen Sie, Caspisian, jetzt veralbern Sie mich aber schon ganz ordentlich!“

Anstatt mir zu antworten, beugte der Zwerg sich vor, öffnete den Auslass des Trichters, nahm eine der kleinen, durchscheinenden, schillernden Kugeln in die Hand, führte sie zum Mund und kaute genussvoll. Er schluckte, und wies mit der Rechten auf die Zeitblasen.

Du kannst ruhig mal eine probieren. – Du hast dich vorhin ja darüber gewundert, warum ich trotz meiner zweihundert Jahre noch relativ jugendlich aussehe – das ist das Geheimnis: Die Zeiteinheiten wirken verjüngend.“

Zögernd griff ich nach einem der seifenblasenähnlichen Gebilde, das so klein wie eine Murmel war. Es fühlte sich nicht unangenehm an, samtig, beinahe wie die Haut einer Aprikose, und warm. Mir war ein wenig ekelig zumute, hatte ich doch kurz zuvor noch beobachtet, dass dieses Ding sich wie ein Lebewesen sachte bewegt hatte. Doch ich überwand meine Abscheu und biss hinein – und schmeckte eigentlich gar nichts – und dennoch schien dieses Ding seltsam süß zu sein, und gleichzeitig würzig, und wohltuend, entspannend auch, wie ein guter Schluck Wein oder Whisky – und die geleeartige, lebendig wirkende Masse im Inneren bekam nun in etwa die Konsistenz von Marshmallows. Ich schluckte und fühlte ein beinahe unwiderstehliches Verlangen nach einem weiteren Zeitkügelchen.

Caspisian nickte, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Ja, diese Dinger haben anfangs schon ein gewisses Suchtpotenzial. Aber man muss streng darauf achten, nicht zu viel davon zu essen. Zeiteinheiten im Übermaß genossen haben höchst unangenehme Nebenwirkungen.“

Fortsetzung folgt

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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5 Responses to Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (4)…

  1. So mancher prominente Mitbürger scheint auch Zeitkügelchen zu essen. 😉 Ich würde ja gerne eines nehmen, um die schöne Weihnachtszeit etwas zu verlängern. 😍

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