Fotograf der Tränen…

Früh am Morgen tauchte die Meldung im Internet auf: In der schwer zugänglichen Bergregion eines südamerikanischen Staates war eine Linienmaschine abgestürzt. Suchtrupps des dortigen Militärs hatten die Unfallstelle bereits ausfindig gemacht. Man ging davon aus, daß niemand den Crash überlebt hatte. Da vermutet wurde, daß sich an Bord auch mehrere Deutsche befunden hatten, wurden eine Hotline und eine spezielle E-Mail-Adresse eingerichtet. Ich gab mich als sorgenvoller, bestürzter Angehöriger aus und bekam nach wenigen Minuten bereits die Passagierliste zugeschickt. Volltreffer! Harti und Robbi W. aus B., Brüder, zwei Extrembergsteiger, vermisst, höchstwahrscheinlich tot. Mittels Suchmaschine machte ich das Häuschen der verwitweten Mutter am Rande eines verträumt in den Voralpen liegenden Städtchens ausfindig.

Mein Kamerakoffer war sehr schnell gepackt. Ich nahm meinen Assistenten mit, nicht gerade der Hellsten einer, und daher für meine Zwecke ausgesprochen nützlich. Schmier‘ ihm etwas Honig ums Maul, lob‘ sein fotografisches Talent, obwohl er einen Belichtungsmesser nicht von einem Navi unterscheiden kann – und er frisst dir aus der Hand. So instruierte ich ihm auf der etwa einstündigen Hinfahrt, wie er sich zu verhalten, was er zu sagen hatte.

Das Glück war mir aber so was von hold! Unauffällig am Straßenrand parkend konnte ich mühelos durch eine Lücke im Zaun, welcher den handtuchschmalen Vorgarten abgrenzte, mit dem starken Teleobjektiv die Haustüre anvisieren. Mein Helfer stelzte unbeholfen seine überlangen Streichholzbeine voreinander setzend über den terrakottafarbenen Plattenweg, stapfte die drei blitzblank gefegten Stufen hoch, klingelte. Nach kurzem Warten wurde die Türe geöffnet. Eine Frau mittleren Alters trat aus dem Häuschen, hager, mit gebeugten Schultern, fahlgrauen, eingefallenen Wangen, dunkel umränderten, trüben Augen, welche tief in ihren Höhlen lagen. Gut. Aber noch nicht gut genug.

Ich strengte mich an, die Kamera so unauffällig wie möglich im Schoß haltend, zumindest Wortfetzen der sorgfältig einstudierten Rede des Assistenten mit zu bekommen: „Guten Tag, ich hoff‘, ich stör‘ Sie nicht allzu sehr. Mein Name ist Ulf Berger, ich bin ein ehemaliger Schulkamerad vom Robbi, und wollt‘ mich grad mal kurz erkundigen, ob er wohlauf ist.“ Das Weib brach zusammen, sie stieß einen tierhaften Wehlaut aus, schlug aufschluchzend die Hände vors Gesicht. Ich hatte die digitale Spiegelreflex bereits im Anschlag gehabt, setzte sie lautlos fluchend wieder ab. Mein Hiwi sagte leise etwas zu der Weinenden, sie ließ die Hände sinken und sah zu ihm auf. Das war’s! Jawohl! Was für ein Ausdruck! Welch ein Schmerz, welche Gram, ohnmächtige Trauer in diesen zerfurchten, vorzeitig gealterten Zügen! Klick, machte die Kamera, Klick, Klick, und immer wieder Klick. Ein Manifest des Leidens war dieses Frauengesicht! Ich konnte gar nicht genug davon bekommen…

… Nur wenig später zierte es die Titelseite einer viel gelesenen Tageszeitung. Der ursprünglich vorgesehene Leitartikel über die Schlupflöcher im Mindestlohngesetz war auf eine der hinteren Seiten verbannt worden. Sich als anonyme Gaffer an der hilflosen Qual von Schicksalsschlägen unvermittelt Getroffener weiden zu können, zieht allemal mehr, ist weitaus weniger anstrengender, weniger anspruchsvoll, als sich gegen die zunehmend auftretenden sozialen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu engagieren.

Ich war ein gemachter Mann, ich hatte für die Fotos der Witwe, die nunmehr auch ihre beiden Söhne verloren hatte, eine gar ansehnliche Summe einstreichen können. Doch in ein paar Tagen nur wird ihr Bild bereits verblasst, vergessen sein. Und ich werde als Leidens-Schacherer wieder am Puls der Nachrichtenticker lauern. Auf die nächste Katastrophe, das nächste Unglück. So was wie Winnenden. Oder Eschede. Oder der Todesflug der Germanwings-Machine…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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3 Responses to Fotograf der Tränen…

  1. Toll geschrieben Marga! So wahr, leider. LG Michael

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