Für immer…

… An sich hatte sie überhaupt kein Faible für Parfums und fand die Schwärmereien vieler Frauen für teuere Duftwässerchen mit klingendem Namen lächerlich. Sie benutzte zur täglichen Pflege eine aromatisch-frische Körperlotion und das dazu passende Deo, nur zu besonderen Gelegenheiten tupfte sie sich sehr sparsam einige Tröpfchen „Herba Fresca“ von Guerlain hinter die Ohren…

… Eine ihrer Kolleginnen hatte von einer besonders liebenswürdigen Kundin einen kleinen Flakon Parfum geschenkt bekommen. Überwältigt vor Freude jubelte die nicht mehr ganz junge Dame: „Also, das musst du unbedingt auch aufsprühen! ‚Für immer‘ nennt sich das! Und es ist einfach überwältigend!“ So gab sie nach und benetzte eher halbherzig und ohne große Begeisterung ihre Ohrläppchen und den Ansatz ihres Dekollete. Der Duft, welcher sich ihr in die geblähten Nüstern stahl, war überwältigend, von feinherb-fruchtig bis verführerisch-samtig. Er fesselte ihre Sinne, ihren Geist, erschwerte ihr das Konzentrieren auf den Ablauf der täglichen Routine…

… Nach bleischwerer Nacht schlug sie am nächsten Morgen die Augen auf. Nur wenig später wurde sie von der innigen, nach wie vor intensiven Geruchswolke umhüllt – „Für immer“. Hatte sie sich nicht vor dem Zubettgehen gestern sehr gründlich geduscht und auch die Haare und die Ohren gewaschen? Ungewöhnlich intensiv, dieses Parfum!…

… Nach einer Woche fielen ihrer Arbeitskollegin die geröteten, stark geschwollenen Ohrläppchen und eine wund gescheuerte Stelle am Brustbein auf. „Für immer“. Immer noch so lästig hartnäckig und nicht zu vertreiben! Alles Scheuern, Rubbeln, Waschen half nichts! Sie konnte ihrer täglichen Arbeit kaum mehr nachkommen, ein innerer Zwang drang sie dazu, alle halbe Stunde aufzuspringen und in den Waschraum zu eilen. Doch so sehr sie sich auch darum bemühte, sich zu befreien, nur Sekunden später vergewaltigte das überwältigende, penetrante, störende, peinigende, quälende Aroma erneut ihre Sinne…

… Nach etwa einem Monat wurde sie durch Zufall von einer Nachbarin im Badezimmer gefunden, blutüberströmt, dem Tode nahe. Sie hatte verzweifelt versucht, sich mit einem scharfen Küchenmesser die Ohrläppchen und ein etwa handtellergroßes Stück Fleisch zwischen dem Ansatz ihrer Brüste abzuschneiden. Doch so sehr sie sich auch darum bemühte, sich zu befreien, nur Augenblicke später vergewaltigte das überwältigende, penetrante, störende, peinigende, quälende Aroma erneut ihre Sinne…

… Die Operation hatte eine Weile in Anspruch genommen. Die Stationsschwester kam in den Aufwachraum, sah, dass die Patientin das Bewusstsein wieder erlangt hatte, nahm ihr die Sauerstoffmaske vom Gesicht. Nur Augenblicke danach vergewaltigte das überwältigende, penetrante, störende, peinigende, quälende Aroma erneut ihre Sinne. Da fing die Frau an zu schreien und an den frischen Verbänden zu zerren: „Weg! Weg! Nimm es endlich weg von mir! Nimm es endlich weg von mir! Verfluchtes ‚Für immer‘!“…

… Wochen, nachdem sie sich selbst verstümmelt hatte, bekam sie Besuch von ihrer Arbeitskollegin. Sie war mit Fesseln an ihr Bett fixiert worden, ihre Augen stierten blicklos an das schmutzig-weiße Plafond. Aus einem Mundwinkel rann ihr ein dünner Faden Speichel. Für Sekunden kam sie zu sich und es war ein leises Lallen zu vernehmen: „Weg – weg – nimm es endlich weg, verfluchtes ‚Für immer‘.“…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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One Response to Für immer…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Mir steht so gut wie nie der Sinn nach Gruseligem und Horrorgeschichten bzw. -filmen. Vor einigen Jahren jedoch hatte ich ganz spontan die Idee zu folgender Kurzgeschichte. 😉

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