Der Watzmanngeist…

… In früheren Zeiten ging einmal ein gar schreckliches Gespenst am Watzmann um. Und dieses soll einem jungen Burschen, der auf der Schapbachalm (am Fuße des Watzmannmassivs zwischen Grünstein und Kühroint) den Sommer über arbeitete, sehr übel mitgespielt haben. Den Hirten hat recht oft der Hafer gestochen, so dachte er sich allerlei Schabernack aus, um die beiden Sennerinnen zu dratzen. Eines Tages verfiel er auf einen besonders bösen Streich: Durch eine List gelang es ihm, die Arme und Beine der Frauen zusammen zu schnüren, und sie so den Hügel vor der Hütte hinab zu rollen. Er schüttete sich dabei schier aus vor Lachen, die Sennerinnen hatten genug von dem Bürscherl, sie weigerten sich erbost, künftig mit ihm noch zusammen zu arbeiten, und zogen in die nahe gelegene Kühroint-Alm…

… Der Hirte verblieb also alleine in der Schapbach-Alm, was ihn aber weiters nicht störte, vergnügt legte er sich Abends zur Ruhe. Um Mitternacht, als er tief und fest schlief, erhob sich unvermittelt ein solch starkes Brausen, dass er erschrocken aufwachte. Ihm wurde von unsichtbarer Hand die Zudecke weg gerissen. Gleichzeitig begann seine Liegestatt, wild taumelnd herum zu wirbeln. Entsetzt wollte der junge Mann aus der Hütte fliehen. Als er die Türe aufriss, blieb ihm vor Schrecken fast das Herz stehen…

… Ein riesiges Gespenst stand vor ihm und starrte ihn mit Augen an, die glühenden Kohlen glichen, das Gesicht war zu einer Furcht erregenden Grimasse verzerrt. Der Bursche war wie gelähmt vor Grauen, hilflos sah er zu, wie das unheimliche Wesen ständig sein Aussehen änderte, und sich in immer noch abscheulicheren Gestalten zeigte. Zuletzt verwandelte es sich in ein klappriges Gerippe und zerfiel zu Staub. Endlich fand der Hirte die Kraft zur Flucht! Mit zitternden Knien stolperte er den Abhang hinunter. Doch als er vermeinte, dem Geist entkommen zu sein, stand dieser grinsend wieder vor ihm!…

… „Oh, Gott! Hilf mir!“, stammelte der Gepeinigte, „hilf mir in meiner Not!“…

… Das Gebet stärkte ihn, er lief weiter, die Gegenwart des Unheimlichen stets hinter sich fühlend. Mit pfeifenden Lungen hetzte er bis hinab nach Berchtesgaden, ohne die kleinste Rast. Dort flüchtete er sich ins Franziskanerkloster und erzählte abgezehrt und totenbleich, was ihm widerfahren war.“Bitte! Helft mir!“, flehte er die frommen Männer an, „Helft mir, das Gespenst zu verjagen, sonst wage ich mich nimmer zurück auf die Alm!“ Da gab ihm einer der Mönche eine Rute und sagte: „Wenn du die hier in der Hand hältst, kann dir das Gespenst nichts anhaben. Treibe es damit den Berg hoch, bis dorthin, wo nur noch Steine, Felsen und Schnee sind. Dann kann es nicht mehr zurück kehren. Aber du darfst dich auf gar keinem Fall umschauen!“…

… Der Bursche befolgte den Rat getreulich, obwohl er sich arg fürchtete, dem Geist erneut zu begegnen. Es gelang ihm, das unheimliche, unirdische Wesen hoch hinauf in die Eisregionen des Watzmannes zu bannen. Das schreckliche Ereignis aber konnte er nie vergessen. Niemand habe ihn jemals wieder lachen gesehen, so heißt es, still und in sich gekehrt habe er seine Tage verbracht und ist seiner Lebtag lang ein sonderbarer Eigenbrötler gewesen…

 

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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7 Responses to Der Watzmanngeist…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Eine recht unheimliche und gespenstische Sage aus meiner Heimat:

  2. Bigfoot auf urbairisch. 🙂 Danke für diese tolle Geschichte. LG Michael

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