Die Stimme des Universums…

… Im Feenreich Baverarium war man höchst unzufrieden mit Minifray. Nicht einmal die leichtesten Aufgaben wie das Kochen und Backen von Blütenpollen-Broten, um den Bienen die harte Arbeit etwas zu erleichtern, oder das Beaufsichtigen der Kleinsten konnte man ihr übertragen. Stets wirkte sie verträumt, abwesend, als weile ihr Geist an einem fernen, fremden Ort. Bei den magischen Verrichtungen pflegte sie wichtige Zutaten zu vergessen und die Zaubersprüche durcheinander zu bringen, das Hüten des Nachwuchses endete immer in einem heillosen Chaos. Zudem sah sie ganz anders aus, als das bei diesen ätherischen, wunderschönen, strahlenden und filigranen Zauberwesen so üblich war, sie war dicklich und plump, hatte eine schiefe Knubbelnase, einen schmalen Mund und kleine, eng beieinander stehende Augen. Daher entschloss sich der Oberste Rat der Feen dazu, ihr nur mehr die Pflichten einer Magd anzuvertrauen, denn beim Fegen, Putzen, Scheuern und Wienern kann man schließlich nicht allzu viel verkehrt machen…

… Minifray fügte sich nur widerwillig, da sie mit einem beachtlichen Sturschädel gesegnet war und sich zudem zu Höherem berufen fühlte. Doch letztendlich, als man ihr sogar mit dem Verweis aus dem Feenreich drohte, ergab sie sich in ihr Schicksal. So führte sie tagein, tagaus dem guten Dutzend „weiser“ und ergrauter Feenhäuptlingen des Obersten Rats den Haushalt. Und sang dabei, heimlich, wenn ihre Herrschaften in Baverarium unterwegs waren, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte eine unbeschreiblich reine und klare Stimme, mit einem Klang und einem Volumen, wie sie hienieden noch nie zu vernehmen gewesen war…

… Eines Tages kündigte der Große und Unermessliche Weltengeist seinen Besuch an, und das Feenreich stand Kopf. Was wurde da geputzt, gewaschen, geschniegelt und gestriegelt, um ja einen gefälligen Eindruck zu hinterlassen! Aufgeregt tippelten die Mitglieder des Obersten Rates hin und her, als ein überirdisches Strahlen und Vibrieren den allmächtigen Gast ankündigte. Tief, sehr tief waren die Bücklinge, die da gemacht wurden! „Oh, Erhabener! Womit können wir Euch dienen?“ – „Ich bin auf der Suche nach meiner neuen Stimme des Universums, und sicher, sie hier zu finden.“ Sodann begann der Reigen der Feen, ein schier ewigliches Wogen der zarten Gestalten, ein gar wundersames Singen und Jubilieren. Doch der Große und Unermessliche Weltengeist schüttelte unentwegt den Kopf. „Das ist sie nicht – das auch nicht – nein, nein, und die hier ist es keineswegs! – Sie muss hier sein! Sie muss! Ich irre mich nie!“…

… Tolpatschig, wie sie nun einmal war, stolperte Minifray, die ein kleines Vestibül neben dem großen Ratssaal zu putzen hatte, über ihren Schrubber und schlug der Länge nach hin. Der allmächtige Besucher beugte sich vor. „Wer ist das?“ Die Obersten Räte zuckten mit den Schultern. „Ach, das ist nur Minifray, sie besorgt hier für uns die grobe Hausarbeit, weil sie zu nichts anderem nutze ist.“ – „Bringt sie zu mir!“ So führte man die Außenseiterin im Feenreich vor den lichtumwobenen Thron. Angesichts all des Glanzes und der Herrlichkeit verzagte sogar ihr widerspenstiges und aufmüpfiges Herz, demütig und verschämt barg sie ihre vom Putzwasser aufgequollenen und geröteten Hände in der unförmigen Schürze. Der allmächtige Besucher beugte sich vor. „Sing!“ Minifray wurden die Knie weich. „Du hast nicht den geringsten Grund, dich vor mir zu fürchten. – Sing!“ So schluckte sie den Kloß im Halse tapfer hinunter, der ihr die Kehle zuzuschnüren drohte und hub an. Eine tiefe Ruhe erfüllte das weite Land, es schien, als würde die Schöpfung den Atem anhalten, um den Klängen Minifray’s zu lauschen. „Das ist sie!“, rief der Herrscher aller Welten, „Das ist sie!“…

… Wenn des Nachts in unfassbarer Vielzahl die Sterne und Planeten blitzend, funkelnd, strahlend ihre Bahnen durch das samtschwarze Firmament ziehen, wenn der so oft schier ratlose und lärmende Atem der Erde inne hält, wenn ihr dann still seid und lauscht, könnt ihr ihren betörenden Lobgesang vernehmen – Minifray, die Stimme des Universums…

 

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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1 Response to Die Stimme des Universums…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Eigentlich wäre ich heute nur zu gerne mal wieder in den Bergen unterwegs, Webcam-Bilder vom Karwendel zeigen dort schönsten Sonnenschein. Aber mein Laptop ist „krank“, nach einem Windoof-10-Update blieb gestern mittag der Bildschirm schwarz. So musste ich das gute Stück zum PC-Doktor bringen – und nun darf ich auf einen Anruf des braven Mannes warten. Um mir die Zeit etwas zu vertreiben, habe ich eine weitere kleine Geschichte ausgegraben, überarbeitet, und mit einigen Bildern des Hubble-Weltraumteleskops aufgehübscht…

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