Cilly…

… Eine kleine Geschichte, verfasst vor einigen Jahren, über eine sehr bemerkenswerte Frau, die ich vor langer, langer Zeit ein wenig kennenlernen durfte…

… Als am späten Sonntagnachmittag die üppig scheinende Sonne hinter dem Isarhochufer versank, die Ausflügler sich allmählich auf den Heimweg machten und etwas Ruhe in den weitläufigen Garten des Wirtshauses einkehrte, „hingen“ meine Chefin, ihre beste Freundin, die seit zwei Jahren pensioniert ist, und am Wochenende an der Theke aushilft, und ich ein wenig „ab“ und plauderten. Das heißt, jede von uns überbot die Anderen mit den ausführlichen Schilderungen, wo’s denn nun am meisten zwicke und zwacke… Und wir stellten einstimmig fest, daß wir nun beileibe nicht mehr die Jüngsten waren und der Zahn der Zeit bisweilen schon grausam an uns zu nagen begann.

Auf der Heimfahrt kam mir dann eine – im wahrsten Sinne des Wortes – alte Arbeitskollegin in den Sinn. Ich mußte mich schmunzelnd fragen, was sie wohl von all den Beschwerden über unsere Zipperlein gehalten hätte.

Cilly war eine original „Berliner Göre“ gewesen, Tochter einer alt eingesessenen Hutmacherfamilie. Im Strudel der Kriegswirren verschlug es die kleine Sippe in ein verschlafenes Bergdorf nahe des Königssees. Das Mädel lernte das seit Generationen überkommene Handwerk und heiratete zu schicklicher Zeit einen – wie sollte es auch anders sein! – Hutmacher. Ihre kleine Tochter übte grade das Laufen, da erkannte die junge Frau, daß sie einen falschen Weg eingeschlagen hatte. „Den janzen scheenen Tach in ’ner halbdunklen, muffigen Bude hocken und Filz zuschneiden und nähen und so… Nee, nee, det war uff de Dauer nix für mia! Ick brauche Menschen um mia ‚rum, Musik und jute Jespräche und Witzchen, n‘ bißken Schäkern un‘ Tralala. Vastehste mir?“ Sie packte kurzentschlossen ihre Koffer, nahm ihren Sprößling und segelte fortan konsequent unter eigener Flagge, in den biederen und bigotten Nachkriegsjahren, noch dazu in einer erzkonservativen, zutiefst katholischen Gegend ein Skandal sondergleichen. Cilly hob stolz das ausgeprägte, fein modellierte Kinn – eine Geste, die bis ins hohe Alter charakteristisch für sie war –  straffte die schmalen Schultern und scherte sich nichts um das Gerede, Getuschel und die scheelen Blicke. Als die Eltern des „Bergwirtschaft“-Wirtes Simmerl in den frühen Sechzigern den ursprünglichen, in der Mitte des Dorfes gelegenen, Kolonialwarenladen in eine Gaststätte umbauten, fing sie als Bedienung an.

Und blieb der „Bergwirtschaft“ über viele Jahrzehnte hinweg treu. Nachdem sie das Rentenalter erreicht hatte, arbeitete sie noch zweimal die Woche als Aushilfe, bis zu ihrem zweiundachtzigsten Lebensjahr. Es gibt unzählige Anekdoten und Geschichtchen über sie, die am meisten zitierte ist folgende: Cilly hatte ein festes „Revier“ in einer teilweise überdachten Ecke des Biergartens, unweit der Schänke und der Küchenausgabe. Während der Sommersaison gab es mittags stets ein täglich wechselndes Dreigängemenü zu einem seinerzeit unschlagbar günstigen Preis. Als unsere betagte Grand Dame zwei nicht sehr freundlichen Touristinnen grade den Hauptgang servieren wollte, wurde sie angefaucht: „Was soll das denn, wir haben ja noch nicht einmal unsere Suppe bekommen!“ Cilly konterte ungerührt und knochentrocken: „Seien Se froh, die schmeckt heute sowieso nicht.“…

Nachdem sie, äußerst widerwillig, in ihrem beachtlichen Alter das Bedienen ganz an den Nagel hängte, „weißte, Kleene, weil, im Oberstübchen rieselt schon jewaltig der Kalk“, blieb sie uns als treuer Stammgast erhalten. Sie hatte ein Ehrenplätzchen am Seniorentisch, kehrte jeden Nachmittag gegen Fünf bei uns ein, verkonsumierte genüßlich ein kleines Bier und dazu zwei doppelte Kognac und schmauchte, „um den Jenuß zu vervollständigen“, sehr damenhaft eine ellenlange Zigarettenspitze haltend, wohl ein Requisit aus den „Wilden Zwanzigern“, ein halbes Dutzend Sargnägel. Wir „jungen Hühner“ lernten, ihre immer noch scharfe Beobachtungsgabe und Zunge zu fürchten, zumal sie mit ihrer oftmals harschen Kritik niemals hinter dem Berge zu halten pflegte.

Cilly wurde Neunundachtzig, ihr Fortgehen von dieser Welt war unspektakulär, leise und friedlich gewesen, der perfekte Kontrapunkt für ihr turbulentes, lautes, farbenprächtiges, pralles Leben…

Immer dann, wenn die Gefahr besteht, daß mich das Selbstmitleid beuteln könnte, kommt sie mir in den Sinn. Dann sehe ich ihre bis zuletzt schönen, blitzenden, dunkelblauen Augen hinter den großen Brillengläsern, wie ihre Zähne sich in das Mundstück ihrer Zigarettenspitze graben, sehe die fein geschminkten Lippen schmal werden und höre sie mit rauchiger, sonorer Stimme murmeln: „Jammern? Nee, nee, Kleine, det tuste dir nich‘ an. Wer jammert, verliert, merk dir det!“…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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