Hinter der Gardine…

… Hertha und Walter wohnten ihr halbes Leben lang direkt im Ortskern des beschaulichen Dorfes, in welchem ich aufgewachsen bin. Sie residierten im ersten Stock eines beinahe zweihundert Jahre alten ehemaligen Gutshauses. Von den großen und hohen Fenstern ihres Wohnzimmers aus hatten sie den perfekten Blick auf den links der Straße gelegenen kleinen Lebensmittelladen, das dahinter sich auftürmende Hotel im alpenländischen Stil, das Feuerwehrhaus und den weitläufigen Platz vor dem Gemeindehaus. Zu ihren Gepflogenheiten gehörte es, sorgfältig hinter den makellos weißen Gardinen verborgen hinaus zu spähen und das alltägliche Geschehen zu kommentieren, in der Regel waren es abfällige Bemerkungen über ihre Bekannten und Nachbarn im Dorf, sowie Behauptungen, die leider oft nicht der Wahrheit entsprachen…
… Während eines meiner ehemals häufigen Besuche bei ihnen erzählten Hertha und Walter mir von einer Begebenheit, die sich jüngst ereignet hatte. Sie waren bereits ins Bett gegangen, als lautes Geschrei, das vom Vorplatz des Hotels her zu kommen schien, sie wieder aus den Federn trieb. Sie schlichen ins Wohnzimmer, und beobachteten, wie immer hinter der Gardine verborgen, wie ein augenscheinlich angetrunkener Mann wild auf seine Begleiterin einschlug.
„So ein primitiver Bastard! So was Brutales und Unzivilisiertes!“, ereiferte Hertha sich beim Erzählen.
„Habt ihr denn das Fenster aufgemacht und dem Typen zugerufen, er soll gefälligst aufhören, seine Frau zu verprügeln?“
„Aber nein! Wie kommst du denn darauf! Der Kerl hätte einen Stein packen und nach uns werfen können! Oder uns sonstwie bedrohen.“
„Und unsere Nachbarn hätten aufwachen können.“, fügte Walter hinzu.
„Ich nehme an, dass die durch den Radau auch schon längst aufgeweckt worden sind.“, wandte ich ein. „Habt ihr wenigstens die Polizei gerufen?“
„Ach, nein.“
„Wie bitte? Und wieso nicht?“
„Ach, weißt du, die wären dann mitten in der Nacht zu uns in die Wohnung gekommen und hätten uns Fragen gestellt. Und wir wollten uns nicht einmischen, das Ganze ging uns ja gar nichts an! Und was hätten die Nachbarn von uns dann gedacht. Außerdem ist der Hotelier eingeschritten, hat die Beiden getrennt, und kurz darauf ist auch ein Streifenwagen gekommen.“
Der Hotelier. Aha. Jener junge Mann, der von Hertha stets als Duckmäuser und Feigling bezeichnet worden ist, weil er als Knabe klein, zierlich und still war, und sich meist im Hintergrund gehalten hatte.
Ich beugte mich über den Tisch und funkelte die Beiden an. „Die Nachbarn hätten doch auch von euch denken können, dass ihr Menschen mit Courage seid, die nicht zulassen, wenn sich jemand an Schwächeren vergreift. Meint ihr nicht auch?“
Hertha und Walter starrten mich eine Weile stumm an. Dann murmelte Walter: „Du immer mit deinem Idealismus.“
So standen die Beiden noch viele Jahre lang am Wohnzimmerfenster, immer gut hinter der Gardine verborgen, und beobachteten, schimpfend und zeternd – und niemals offen Stärke und Rückgrat zeigend. Denn was sich da draußen abspielte, mochte es auch noch so unmenschlich sein, ging sie ja nichts an…

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About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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4 Responses to Hinter der Gardine…

  1. Noch eine tolle Geschichte. Ich fühle mich bei dieser nahezu „wie zu Hause“. Danke! LG Michael

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