Die „Geisterfahrerin“…

… Nachdem sich das Chaos meiner Spätjugend einigermaßen in Wohlgefallen aufgelöst hatte, alle Schulden beglichen waren, und ich im beruflichen Metier recht sicher zugange war, fand ich, dass es höchste Zeit war, den Führerschein zu machen. Die Sache musste allerdings Hand und Fuß haben. Fahrerlaubnis ohne eigenes Auto kam für mich überhaupt nicht in Frage. Jeden Abend, wenn ich mich, erschöpft vom redlichen Tagwerk, zu Bett begeben hatte, frönte ich eine geraume Weile der beglückenden Wunschvorstellung, mit dem taufrischen „Lappen“ in der Hand elegant und nonchalant vom Prüfungswagen in den eigenen zu wechseln. Also machte ich mich voller Tatendrang nach dem geeigneten fahrbaren Untersatz…

… Ungefähr zehn Tage vor dem großen Termin verliebte ich mich bis über beide Ohren in einen kleinen, blitzblanken, rot leuchtenden, gebrauchten Fiat128, den ich im Vorbeischlendern auf dem Parkplatz eines Autohändlers entdeckt hatte. Ich schlich viele Male seufzend und in Gedanken immer wieder den aktuellen Kontostand überschlagend um das Objekt meiner Begierde herum. Dann fasste ich mir ein Herz, plünderte das Sparbuch, und mein liebenswerter Chef, der mich unter seine Fittiche genommen hatte, bürgte bei der Bank für einen kleinen Kredit. Ich ging hin und kaufte die Kiste. Schwungvoll setzte ich die Unterschrift auf den Vertrag und blätterte die knisternden, nagelneuen, sehr großen Scheine auf den ramponierten Tisch im Büro des Händlers. Der drückte mir die Papiere und die Schlüssel in die Hand und meinte: „Des mit’m Anmeldn mach‘ ma in Nullkommanix, dann kannst dei Auto glei wegfahrn.“ Bedauernd schüttelte ich den Kopf. „Geht net, i hab mei Führerscheinprüfung erst in einer Woch‘.“ Der kleine, sehr korpulente Mann legte die fleischige, hohe Stirn in Falten. „So a Mist! I kriag bald a große Lieferung Neuwagn, da brauch‘ i jedn Stellplatz. – Aber glei nach da Prüfung kummst und holst dei Karre ab, ja?“ Ich strahlte ihn schier berstend vor Zuversicht an. „Versprochn!“ Und stelzte von dannen. Ich konnte den nächsten Mittwoch kaum erwarten…

… Aber, wie ein altes Sprichwort besagt: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt…

… Den theoretischen Teil bestand ich fehlerfrei. Doch von dem Moment an, da ich mich an einem trüben, verregneten Vormittag hinter das Lenkrad des Fahrschul-Golfs klemmte, ging alles schief. Ich fiel mit Pauken und Trompeten durch. Wie belämmert stieg ich aus und fand mich völlig planlos auf dem großen Parkplatz unterhalb der Fahrschule wieder. Himmel die Berge, was war mir elend zumute! – Sei vernünftig, ruf deinen Bruder oder einen Spezl an, dein Fiat muss abgeholt werden, riet mir mein weises inneres Stimmchen. – Ach, nein, diese Schmach, diese Blamage!…

… Irgendwann stand ich vor dem verglasten Kontor des Autohändlers. Der sprang hinter seinem Schreibtisch hoch, strahlte über sämtliche Backen, eierte eifrig auf mich zu, quetschte meine Rechte mit seinen Patschhändchen und dröhnte: „Meinen herzlichen Glückwunsch zum Führerschein!“…

… Ich schluckte heftig. Der gute Mann geleitete mich zu meiner signalrot leuchtenden Karrosse und hielt mir grinsend wie ein Honigkuchenpferd chevalresk den Wagenschlag auf. Ich zuckte innerlich mit den Schultern, warf alle Skrupel über Bord, würgte das schockiert zeternde innere Stimmchen ab, stieg ein, und rollte ganz, ganz zaghaft auf die Straße hinaus…

… Nach ein paar hundert Metern verstand ich überhaupt nicht mehr, warum ich durchgefallen war, ich konnte doch so gut chauffieren! Schwungvoll parkte ich an der nächsten Tankstelle ein, zapfte dreißig Liter Super für das geliebte Gefährt und bestellte einen kompletten Satz Winterreifen, den ich natürlich sofort aufziehen ließ. Sodann kurvte ich gemächlich weiter zur „Bergwirtschaft“, jenem alteingesessenen, bayerischen Gasthaus, in dem ich damals zu arbeiten und zu wohnen pflegte, und stellte den fahrbaren Untersatz unbemerkt hinter dem Anwesen ab. Danach ging ich den Eltern beichten, aber nur die nicht bestandene Prüfung, und ließ mich mit einer guten Portion kräftigen Eintopfs samt Trost und Anteilnahme seelisch wieder aufbauen…

… Der Rest der Woche verstrich, und jedesmal, wenn ich während der Arbeit aus dem Fenster blickte und den kleinen Flitzer so verlassen dastehen sah, wurde mir weh ums Herz. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, am nächsten dienstfreien Nachmittag setzte ich mich ans Steuer und glitt beseligt kreuz und quer durch’s weite Tal. Das weise innere Stimmchen hatte ich mit dem Argument zum Schweigen gebracht, dass untertags so gut wie nie Polizeistreifen unterwegs sein würden, ich also völlig sicher sei…

… Danach waren sämtliche Bedenken wie weggewischt. Ich weihte meinen jüngeren Bruder ein, der bereits stolzer Führerscheinbesitzer war. Zusammen unternahmen wir manch schöne Spritztour auf anspruchsvollen und kehrenreichen Bergstraßen. Beim rasanten und vergnüglichen Durchpflügen einiger schmaler, verschneiter Weglein durch Wälder und Wiesen brachte er mir bei, wie ein Rallye-Pilot in die Kurven zu gehen: gleichzeitig Gas geben und Bremsen, damit das Heck ordentlich ausbricht. Mit einem Spezl übte ich auf einem riesigen, spiegelglatt gefrorenen, gähnend leeren Parkplatz die „Gangsterwende“, geht ganz einfach, man muss das Lenkrad bis zum Anschlag herumreißen und dazu die Handbremse ziehen…

… Von der Fahrschule kam nach einer Woche ein Anruf: Ich solle doch bitte zwecks Anmeldung zur nächsten Prüfung kurz vorbei schauen. So startete ich wohlgemut den Fiat, fuhr höchst frech bis vor die Eingangstür des Unterrichtsraums, unterschrieb den neuen Antrag, ließ mir noch eine Praxisstunde aufs Auge drücken, und tuckerte dann wieder zurück. Allerdings überaus vorsichtig, denn nach einem leichten Nieselregen war es mit Einbruch der Dunkelheit bitterlich frostig geworden, und die Straße glich zunehmend einer Eislaufbahn. Als ich vorsichtig einen Berg hinab schlich, rutschte mir vor Schreck das Herz in Richtung Eingeweide. Blaulicht! Straßensperre! Hilfe! Die Polizei! Nun bist du geliefert, krähte schadenfroh das weise innere Stimmchen…

… Zwei PKWs waren ineinander geschliddert, zum Glück nur Blechschaden. Der junge Beamte, welcher mich an der Unfallstelle vorbei winkte, nickte mir freundlich lächelnd zu. Ich zwang ein nussknackerähnliches Grinsen in die entgleisten Gesichtszüge und machte, dass ich von dannen kam. Der Schreck war heilsam. Von nun an ließ ich das „Geisterfahren“ sein, auch wenn es mich viel Überwindung kostete…

… Als der Fahrlehrer mich nach der Übungsstunde absetzte, staunte er: „Du verhältst dich ja wie ein alter Hase! hat dir nicht geschadet, dass du das erste Mal durchgesaust bist. – Weißt‘ was, wenn’sd übermorgen wieder a bisserl nervös bist, dann trinkst halt nach dem Frühstück a Glaserl Sekt. Des is guad für die Nerven.“…

… So kredenzte ich mir am Tage X nach einer ausgedehnten Brotzeit einen Pikkolo. Mit einem sehr ausgeprägten L-m-a-A-Gefühl flitzte ich geschickt den Fiat steuernd zum Parkplatz nahe der Fahrschule. Ich stellte mein Gefährt im entferntesten Eck ab, schlenderte lässig einher, drapierte mich hinters Lenkrad, lächelte dem Beamten freundlich, aber mit geschlossenem Mund zu, der durfte ja schließlich meine kleine Fahne nicht riechen, unterdrückte einen unfeinen Rülpser – was muss Sekt auch so viel Kohlensäure haben! – und legte los…

… Die steile Straße hoch zur Mautschranke? Na, wenn’s weiter nichts ist! Anfahren am Berg? Aber bitteschön, eine meiner leichtesten Übungen! Rückwärts-seitwärts einparken? So was mach‘ ich mit dem kleinen Finger! Völlig selig und losgelöst ließ ich mich beinahe eine Stunde lang hin und her, rauf und runter durch den ganzen weiten Talkessel jagen…

… Mit genau dem richtigen Maß an Schwung stellte ich den Golf endlich wieder vor der Fahrschule ab. Schweigen. Dann spürte ich, wie mir ein kleines Stück Papier in die Hand gedrückt wurde. „Wenn alle Prüflinge so nervenstark, talentiert und diszipliniert wären wie Sie, dann würde mir meine Arbeit nochmal so viel Freude machen. Meine Glückwünsche zum Führerschein!“…

… Mit stolz geschwellter Brust stelzte ich über die weite Fläche glänzenden Asphalts, schon von ferne konnte ich die Chromleisten meines vierräderigen Schatzes in der Wintersonne blitzen und die Außenspiegel mir fröhlich zuwinken sehen – haargenau so wie in meinen Tagträumen. Mehr als zufrieden mit mir stieg ich ein, drehte den Zündschlüssel um, und tat eine geraume Weile nichts anderes, als mit geschlossenen Augen überglücklich dem sanften Brummen des Motors zu lauschen. Dann legte ich den Gang ein und fuhr los – einfach der Nase nach…

 

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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8 Responses to Die „Geisterfahrerin“…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Neulich – https://freidenkerin.com/2020/01/07/auf-der-museumsinsel-teil-3/ – habe ich ja erwähnt, dass der Erwerb meines Führerscheins mit einer recht schrägen Geschichte verknüpft gewesen ist. Hier ist sie:

  2. rose1711 sagt:

    Mein Führerscheinerwerb war nicht ganz so spektakulär, aber als Geisterfahrerin war ich auch unterwegs, 1962 war das noch möglich. aber erwischen lassen durfte man sich auch nicht 😄

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