Parkbank-Gespräche (1)…

Wenn ich zu bequem bin, mit der Regionalbahn aufs Land zu fahren, oder ich mich mal wieder nicht rechtzeitig aus dem warmen Bettchen bequemen konnte, dann pflege ich gerne ein halbes Stünderl in einem nahen, kleinen, aufgelassenen Friedhof spazieren zu gehen. In der Regel habe ich die Kamera dabei, denn diese kleine, etwas verwilderte Oase inmitten des Großstadtdschungels ist ein Refugium für viele Singvögel, Eichhörnchen und Igel.

Habe ich eine ausgedehnte Runde gedreht, dann lasse ich mich auf einer ganz bestimmten Parkbank nieder. Dort scheint die Sonne vor allem an Spätwinternachmittagen am längsten. Und man hat eine der Nusskästchen für Eichhörnchen, die am rauen Stamm eines betagten Laubbaumes befestigt ist, gut im Blick. Hin und wieder gesellen sich SpaziergängerInnen zu mir, und daraus haben sich schon einige interessante Unterhaltungen ergeben.

Eines Tages hatte ich es mir auf der Bank bequem gemacht und genoss mit geschlossenen Augen die sanft wärmenden Strahlen der bereits sehr tief stehenden Sonne. Ich hörte, wie jemand neben mir Platz nahm. Eine Weile herrschte Schweigen, dann vernahm ich einen seligen Seufzer: „Das Leben ist schön, nicht wahr!“

Ich schlug die Augen auf und musterte ein wenig neugierig die Sprecherin. Es war eine zierliche, kleine, alte Dame, schätzungsweise gut in den Siebzigern. Sie trug eine silberweiße, modische Kurzhaarfrisur unter einer keck sitzenden Baskenmütze, hatte ein dezentes Make Up aufgetragen, und war in einen wollenen, eleganten Wintermantel gehüllt.

Ich nickte schmunzelnd. „Oh ja, das finde ich auch. Es ist zwar manchmal wie ein fürchterlicher Ritt auf einem bockenden Wildpferd, aber wenn man abgeworfen wird, dann klopft man sich halt den Staub ab, sortiert seine Knochen und schwingt sich wieder in den Sattel.“

Die Dame schwang einen zierlichen Zeigefinger mit rotlackierten und sorgfältig zurecht gefeilten Fingernagel durch die frische Winterluft. „Das gefällt mir! Sehr sogar!“ Sie blickte auf meine Kamera in meinem Schoß. „Sind Sie Fotografin?“

Das ist eines meiner Lieblingshobbies. Ich beobachte so gerne die Eichhörnchen, wie geschickt sie mit dem Köpfchen die Klappe der Nusskiste dort am Baum aufstemmen und sich dann ihre Leckerbissen holen.“

Ich gehe sehr gerne spazieren. Und lese viel. Außerdem liebe ich Musik, ich besuche sehr viele klassische Konzerte. Und zweimal in der Woche helfe ich ehrenamtlich bei einer Tafel mit.“

Ich nickte anerkennend. Sie hing ein Weilchen schweigend ihren Gedanken nach und fuhr dann fort: „Wissen Sie, das war ich nicht immer, so dem Leben zugewandt, meine ich. Ich war beinahe fünfzig Jahre lang verheiratet. Mein Mann war meine ganz große Liebe, ich war fast noch ein Kind, als wir uns kennenlernten. Wir haben viele Reisen miteinander unternommen, haben uns die Welt angeschaut. Viel gelernt dabei. Nach einem schweren Unfall wurde mein herzallerliebster Wolfgang zum Pflegefall. Ich betreute ihn lange Zeit, bis er einen schweren Schlaganfall erlitt. Er starb in meinen Armen.“

Sie griff nach meiner Rechten und ich drückte diese sanft.

Nach seinem Tod wollte ich nicht mehr weiter leben. Ich existierte nur noch mehr vor mich hin, vernachlässigte meine Körperpflege und mein Aussehen, was ich trug, war mir völlig egal, ich schottete mich komplett ab und wollte mit keinem Menschen mehr etwas zu tun haben. Es hatte alles seinen Sinn verloren. Ich vertraute niemandem mehr, jeder Mitmensch war mein Feind – unfähig, dumm, rücksichtslos, verletzend… Wenn ich doch einmal die Wohnung verlassen musste, dann war das für mich eine ganz furchtbare Qual. Ich wäre so gerne gestorben, war aber viel zu feige dazu, Selbstmord zu begehen, obwohl ich mir das ungezählte Male in Gedanken ausmalte. – Eines Nachts träumte ich von meinem Wolfgang. Er stand vor mir, wirkte so real wie Sie hier neben mir. Er sah so traurig aus, so viel Schmerz war in seinen schönen braunen Augen. Ich fragte ihn voller Hoffnung, ob ich denn nun endlich zu ihm kommen dürfte, aber er schüttelte den Kopf. Und dann hielt er mir eine Standpauke: Glaubst du vielleicht, mir gefällt, was du aus deinem Leben gemacht hast? Wie du dahinvegetierst? Dein Körper ist noch lebendig, aber innerlich bist viel mehr tot als ich! Glaubst du denn, mich freut, wie sehr du das Leben missachtest? Wie du es wegwirfst, als wäre es irgendein billiger und wertloser Tand? Denkt ihr Hinterbliebenen denn, ihr würdet uns Verstorbenen damit einen Gefallen tun, indem ihr so achtlos mit der Zeit umgeht, die euch geschenkt worden ist? Das tut ihr nicht! Das ist so grundfalsch! Leben sollt ihr, sollst du! Und das Leben feiern, Tag für Tag! Euch öffnen und auf andere zugehen! Freuen sollst du dich, und anderen Freude geben! So ehrt ihr die Geliebten, die euch voraus gegangen sind! Nicht mit endlosen Tränen und Gram, mit Achtlosigkeit vor euch selbst, mit dem lebendig begraben sein! Nein! Mit Humor und Güte, mit Seelenstärke und Lebenskraft, mit Schönheit und Glück, mit Freude und Mut und Offenheit! – Dann entschwand er wieder. – Kurze Zeit später wurde ich wach. Ich atmete tief durch und fasste den festen Entschluss, das Leben wieder zu genießen – mich wieder in den Sattel meines Wildpferdes zu schwingen.“

Sie schüttelte meine Hand, die sie immer noch umfangen hielt.

Vielen Dank, junge Frau, dass Sie so geduldig meiner Geschichte zugehört haben.“

Gerne! Und für das ‚junge Frau‘ würde ich Ihnen mit Vergnügen ein Gläschen Sekt spendieren.“

Dann sollten wir vor zur kleinen Ziegler-Bäckerei gehen. Sie bezahlen die Getränke, und ich den Kuchen. Wenn ich mich nicht irre, gibt es heute frische Windbeutel.“

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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3 Responses to Parkbank-Gespräche (1)…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    … Das Leben ist zwar manchmal wie ein fürchterlicher Ritt auf einem bockenden Wildpferd, aber wenn man abgeworfen wird, dann klopft man sich halt den Staub ab, sortiert seine Knochen und schwingt sich wieder in den Sattel.“… Lebt! Lebt gut, und voller Freude! Genießt jeden Tag! Seid glücklich! Macht glücklich! Es gibt kein schöneres Geschenk als Augenblicke des Glücks…

  2. Eine tolle Geschichte, und noch dazu sehr lehrreich. Danke für diese, und den Hinweis mal wieder Windbeutel (Lecker!“) LG Michael

    • Sehr gerne! 🙂
      Die Windbeutel von der Bäckerei Ziegler kann ich guten Gewissens empfehlen. Die allerbesten aber gibt es beim Windbeutelbaron in der Nähe vom Obersalzberg in Berchtesgaden. 😉

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