Ein ganz besonderer Einkehrschwung…

Am kegelförmigen, ungefähr zweitausend Meter hohen Jenner im Berchtesgadener Land befinden sich interessante Buckelpisten, die enorm viel Spaß bereiten, vorausgesetzt, man verfügt über einiges Können und gute Kondition. Die vergnügliche, abwechslungsreiche Abfahrt wies in früheren Jahren zudem eine spezielle Eigenheit auf: Von der Bergstation kommend musste man nach kurzer Strecke entlang des Jennergrats einen steilen Hang hinunter und danach links in eine Querpassage einschwenken, die zum Nadelöhr eines ehemaligen Holzziehwegs und somit zu den Jennerwiesen führte. Jener Linksschwung hatte es in sich. Aber keineswegs der schwierigen Technik wegen. Ein kleines Stückchen geradeaus lag in einer weichen Mulde die Mitterkaseralm, bewirtschaftet von einem wahren Original, einer Legende unter den Hüttenwirten der Nordalpen, dem Klaus-Maxei. Bei ihm gab es einen herrlich feurigen Roten, kräftige Brotzeiten, stets jede Menge handfeste Gaudi – drei gute Gründe, die Brettln der Schwerkraft zu überlassen und sich den Rest der langen Talfahrt für später aufzuheben.

Ein wunderschöner Spätwintertag mit tiefblauem Himmel und glitzerndem, blendend weißen Firn lockte mich zum Jenner – das ist jetzt bald vierzig Jahre her. Das Skifahren war der reinste Traum, überschäumende Freude brannte in jeder meiner Fasern, sang in meinem Herzen. Etliche Spezln traf ich unterwegs. Und den Willi Michl, bayerischer Bluesbarde, damals am ersten Höhepunkt seines Ruhms, sein Album „Ois is a Blues“ zählte zu den Rennern sämtlicher Musikalienhandlungen. Er hatte seine lange Mähne in einen Pferdeschwanz gebändigt, gekrönt von einer Mütze aus imitiertem Biberschwanz, trug eine handgestrickte, dicke Joppe und Bundhosen, und auf dem Rücken seine Gitarre.

Mit der Zeit fiel es mir zunehmend schwerer, die berüchtigte Linkskurve einzuschlagen, all meine Kumpels waren bereits den Verlockungen des Mitterkasers erlegen, Mittag war schon längst vorbei, und Skifahren macht sehr, sehr durstig. So gab ich gleichfalls meinem Verlangen nach, ließ die Skier geradeaus laufen und stoppte nur Augenblicke später mit einem besonders eleganten „Einkehrschwung“ vor der Hütte. Es gab ein fröhliches „Griaß di!“ und Frotzeleien von den Kameraden und ich war noch nicht einmal richtig aus den Bindungen gestiegen, da stand am in den platt getretenen Schnee gerammten groben Holztisch bereits ein gut eingeschenktes Viertel Rotwein parat. Kurze Weile später gesellte sich auch der Willi Michl zu uns.

Wir lehnten faul und selig an der mit ausgebleichten Schindeln verkleideten Kaserwand, schmausten Speck und würzigen Almkäs‘ und ließen uns genüsslich die Wintersonne auf den Pelz brennen. Mit der Zeit wuchsen die Schatten, und ein unangenehm eisiger Wind hauchte durch die Mulde. Der Klaus-Maxei wies mit der Hand auf die sperrangelweit geöffnete Eingangstür und ein gutmütiges Grinsen machte sich auf seinem ständig geröteten, verwitterten Gesicht breit. „Kommt‘s doch nei, drinnen ist‘s jetzt vui griabiger.“

Wir schlugen uns alle warnenden Erinnerungen an frühere Mitterkaser-“Abstürze“ aus dem Sinn und folgten fröhlich seiner Einladung. Die klobigen Skischuhe polterten über die vernarbten Bodendielen, Tische rückten, Stühle scharrten, Gläser klirrten. Der Willi Michl hatte seine Klampfe im Schoß und hub leise an zu präludieren. Wir forderten ihn begeistert auf, eines seiner bayerischen Blueslieder vorzutragen, er schmunzelte verschmitzt in seinen üppig wuchernden Vollbart und ließ sich nicht lange bitten.

Zwei Skiwachtler traten ein, sie hatten in ihrer Bergrettungs-Ausrüstung auch eine Blockflöte und mehrere Okarinas dabei. Der Klaus-Maxei lösste seine alte, silberne Trompete von der Hüttenwand und spielte sich ein – und mir nichts dir nichts war der herrlichste Hoagascht (Stubenmusi) im Gange mit ungekünstelter Volksmusik, Gesang und G‘stanzln. Der Wirt schlurfte zu den beschlagenen kleinen Fenstern und zog unbemerkt die bunt karierten Vorhänge zu. Die Damen lud er auf einen Pikkolo und ein Glaserl Likör ein, den Männern stellte er eine Armvoll Rotweinflaschen auf den Tisch, ohne sich zu fragen, wer wohl die Zeche bezahlen möge. Die Freude am Leben und am geselligen Beisammensein wiegt doch so viel mehr als alles Geld der Welt.

Wir hatten jegliches Zeitgefühl verloren – bei so viel Gaudi! Bis jemand auf die Idee kam, die Fenster zu öffnen, da die dicht wabernden Tabakschwaden der Raucher uns allmählich den Atem benahmen. Draußen herrschte stockfinstere Nacht, lediglich der halbvolle Mond und das schemenhafte Band der Milchstraße hingen am Firmament und tauchten die Umgegend in einen silbernen Schimmer. Und jetzt im angeheiterten Zustand auf den Skiern ins weit entfernte Tal fahren! Schon das Anlegen der Brettln erwies sich als problematisch. Manch einer steckte dabei unfreiwillig den Kopf in den Schnee – ein gerüttelt Maß an Alkohol und glasklare, eisige Winterluft ergeben einen Schwindel erregenden Cocktail!

Langsam und in Treppenschritten mühten wir uns hoch zur Querfahrt, um dann vorsichtig in den engen Holzziehweg einzuschwingen. Wir waren noch nicht weit gekommen, da tasteten sich grelle Lichtfinger heran und das Brummen starker Motoren dröhnte durch die Stille. Die Pistenraupe – und kein Platz zum Ausweichen! Wohin jetzt? Nach rechts? Nicht gut, denn da landete man in den vorsorglich aufgespannten Fangnetzen wie die Fliege im Leim und darunter gähnte ein tiefer Abgrund. Also Anlauf nehmen, linkerhand die Steilwand hoch schießen, nach einer Latsche greifen und die Beine anziehen! Gleich einer Horde Affen in den Büschen baumelnd haben wir dem Fahrer des ratternd näher kommenden Ungetüms sicherlich einen sehr erheiternden Anblick geboten. Blinkend und grollend schob sich das unförmige Fahrzeug knapp unter uns vorbei. Wir rutschten auf die frisch geebnete Spur zurück und setzten unseren Weg fort.

Eine Biegung noch – und dann verhielten wir oberhalb der Jennerwiesen und staunten. Ein silbriges, erstarrtes Meer tat sich unter uns auf, Woge an Woge, Buckel an Buckel, fahl im Schein des schlanken Mondes schimmernd. Unten im so fernen Tal funkelten unzählige kleine Lichter, Straßenlaternen, wie Geschmeide auf unsichtbare Schnüre gezogen. Über uns, im Dunst des Königssees gleichsam schwebend, glichen die eisigen Gipfel der heimatlichen Berge Urgestalten. Wir fühlten uns so winzig, demütig, und doch auch erhaben in dieser verzaubernden Winternacht, wir stießen uns mit urtümlichen, fast tierhaften Schreien ab und rauschten los.

Es war wie Fliegen, wie schwereloses Tanzen! Was für ein Glücksgefühl! Swingen in einer noch nie erlebten Pracht. Jeder Schwung vollkommen. Die Stahlkanten scharrten und kratzten, die Skispitzen zischten leis beim Eintauchen in die weiße Dünung, bei jeder Drehung stoben gischtend die Schneefahnen hoch, flirrend und blitzend im Sternenlicht, fortgetragen vom frostigen Nachtwind. Wir sausten, kurvten, sprangen durch eine scheinbar überirdische Märchenlandschaft, berauscht, aber längst nicht mehr vom Wein. Wir huschten durch das Halbdunkel wie Kobolde, sangen, jauchzten, jodelten wild, der Sturm der Fahrt riss uns die Laute von den Lippen und trug sie gipfelan, biss in unsere Wangen, machte sie glühen.

Unten bei der Talstation angelangt zögerten wir den letzten Schwung so lang als möglich hinaus. Wir blickten mit großen, ehrfürchtigen, staunenden, freudigen Kinderaugen zurück bergwärts. Unsere Bretter schulternd marschierten wir dann einträchtig zum Parkplatz, gedankenverloren, wie benommen. Der Willi Michl befestigte seine Skier am Dach seiner Nobelkarrosse und blinzelte mir lächelnd zu: „Ja, es is ned ois bloß a Blues.“

Recht hatte er.

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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3 Responses to Ein ganz besonderer Einkehrschwung…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Dies ist die schönste Erinnerung an meine früheren Skifahrer-Zeiten. Immer noch denke ich von Herzen gerne an diesen ganz besonderen Wintertag zurück.

  2. Eine wirklich tolle Geschichte. Aber mich brächten trotzdem keine der sprichwörtlichen !zehn Pferde“ zum Abfahrtski. 😉 LG Michael

    • Das war aber auch ein gar herrlicher Tag!
      Abfahrt habe ich auch nie sonderlich geschätzt. Schwingen, am liebsten über Buckelpisten, den Rhythmus, die starke Konzentration auf den Verlauf der Piste, das habe ich geliebt. 😉

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