Urlaubserinnerungen – Kreta – Busfahren und die Samaria-Schlucht (2)…

… Die fünf Schwaben und ich waren mit Ausnahme der flippigen Reiseleiterin die einzigen Deutschen an Bord, der Rest der ungefähr fünfzigköpfigen Truppe bestand aus Holländern, also reinsten „Flachlandtirolern“. Als sich die goldrote Kugel der Sonne aus dem bleifarbenen Meer schob, bogen wir bei Chania ab und schraubten uns nach einer kurzen Fahrt durch Obst- und Walnussplantagen auf einer engen Straße mit vielen haarsträubenden Spitzkehren hoch in die Levka Ori, die Weißen Berge. Es dauerte nicht lange, und von den hinteren Sitzreihen ertönten die ersten Würgegeräusche. Die Schwaben und ich hatten allerdings viel Spaß an der rasanten Bergfahrt und quittierten jede der Haarnadelkurven, wenn es für Augenblicke den Anschein hatte, als würden die vordersten Plätze über dem Abgrund schweben, mit ausgelassenem Jodeln…

… Wir erreichten Omalos, den Ausgangspunkt der Wanderung. Der riesige Parkplatz war bereits gut gefüllt und Heerscharen von Urlaubern trotteten auf den Eingang der Samaria-Schlucht zu. – Nach einer zünftigen Brotzeit in einer großen Taverne gab uns die Reiseleiterin, eine sehr erfolgreiche Bergläuferin, etliche Ermahnungen mit auf den Weg, wie eine solche Exkursion in der Hitze des Mittelmeersommers am vernünftigsten anzugehen sei. Die meisten Holländer schlugen die gutgemeinten Ratschläge in den Wind und trabten dem stufenreichen, an die tausend Meter Höhenunterschied überwindenden Abstieg zur Talsohle entgegen. Die Schwaben und ich machten zunächst einmal etwas Aufwärmgymnastik, um die Muskeln zu lockern…

… Dann nahmen wir die Serpentinen und unzähligen Schwellen der Xylóskalo, der hölzernen Treppe, in Angriff. Die hoch aufragenden, schroffen Felswände waren beeindruckend und malerisch, ein Gebirgsbach strömte nach einem atemberaubenden Wasserfall gischtend und brodelnd talwärts, ein intensiv blauer Himmel überwölbte an diesem bildschönen Sommermorgen die grandiose Szenerie, und herzerwärmendes Vogelgezwischter ertönte – so selten auf Kreta. Wir legten immer wieder Pausen ein, um dieses Panorama in uns aufzunehmen. Kindisch, wie wir waren, machte es uns viel Spaß, dass es gar nicht lange dauerte, und wir fast alle Holländer aus unserer Gruppe überholt hatten. „Yassu!“, grüßten wir jedesmal mit einem breiten Grinsen, wenn wir steten Schrittes an einem der krampfhaft sich abwärts tastenden Mitmenschen vorbei trabten…

… Ich habe während einer Bergtour noch nie so viele Variationen von unpassendem Schuhwerk vor Augen bekommen, obwohl in jedem Reiseführer und auch beim Buchen der Tour deutlich darauf hingewiesen wurde, sich adäquat auszurüsten. Ich sah Pumps mit sieben Zentimeter hohen Absätzen, und die Fußknöchel darüber waren nach einem Bruchteil des Weges grotesk angeschwollen, ich sah goldfarbene Riemchensandaletten, ohne die geringste Andeutung eines Fußbetts, und FlipFlops, deren Besitzer sich über den Pfad schleifte, als ginge er auf rohen Eiern, ich sah Ballerinas, die sich buchstäblich auflösten, die Stofffransen standen nach allen Himmelsrichtungen ab und die Sohlen hatten Löcher, durch die man einen Daumen hätte stecken können, ich sah auch einen sehr asketischen Typen mit Irokesenfrisur, der die Strecke barfuß in Angriff genommen hatte, aber der musste mit einem Fakir verwandt gewesen sein, denn während seine staubbedeckten Füße sich durch Sand, über groben Kies und scharfkantiges Geröll mühten, hatte sein Gesicht einen völlig entrückten Ausdruck inne und seine Augen waren so leer wie Glaskugeln…

… Damals, vor dreißig Jahren, als sich auf Kreta zum ersten Mal zaghaft so etwas wie Umweltbewusstsein regte, hatte man die Samaria-Schlucht zum Nationalpark erklärt, alle Daumenlang passierten wir einen der uniformierten Aufseher, etliche hielten Maultiere am Zügel, auf deren Rücken sich jene Wanderer, die sich den Strapazen nicht mehr gewachsen fühlen, für sehr viel Geld entweder nach Omalos oder Agia Roumeli im Süden bringen lassen konnten…

… Dieser Tag war mit 42° im Schatten der bislang heisseste des Sommers gewesen, doch davon bekamen wir zum Glück nicht allzu viel mit. Im übrigen waren wir nach den ersten herrlichen Ausblicken auf der Xylóskalo etwas enttäuscht, denn die Landschaft ähnelte während der guten ersten Hälfte eher einem idyllischen Gebirgstal. Dichter Baumbewuchs schirmte uns wohltuend von der sengenden Sonne ab und der Weg führte fast immer am Ufer des Baches entlang…

… Nach etwa zwei Stunden erreichten wir über den malerischen Bogen einer Steinbrücke das verlassene alte Dorf Samaria, vor Jahrhunderten war das kleine Plateau, auf dem die teilweise restaurierten Gebäude sich scharten, von einem Ausläufer des nahen Libyschen Meeres umspült gewesen, an der Südseite konnte man mit Phantasie noch die Überreste alter Kaimauern entdecken…

… Die hochragenden Bergwände schoben sich nun allmählich näher und bildeten eine atemberaubende Klamm. Das Gestein schimmerte in den vielfältigsten Grau-, Grün-, Blau- und Braunschattierungen, der kühlende Luftzug des nahen Mittelmeers verstärkte sich und trocknete auch die hartnäckigsten Schweißbäche…

… Endlich war sie erreicht, die weltberühmte Sideoportas, die Eiserne Pforte, die schmalste Stelle der Schlucht, ein abenteuerlicher Durchschlupf, halb durchs rauschende Flüsschen, halb über glitschige, ausgetretene Steine hinweg, eine einschüchternde Enge, die höchstens vier Armbreit maß, zu beiden Seiten türmten sich die nackten Felsen schier siebenhundert Meter hoch. Wir verharrten eine Weile, dem befremdenden Gefühl nachspürend, vom Gestein förmlich in einen riesigen Schraubstock gepresst worden zu sein, bevor uns der Pulk der Mitwanderer weiterschob…

… Nach der Eisernen Pforte wich das Gebirgsmassiv zurück, die Landschaft wurde karg, und nun knallte uns die Sonne mit aller Macht auf die Häupter und zehrte an unseren Kräften. Aus dem frohgemuten Marschieren wurde ein lustloses Sich-dahin-Schleppen. Vreni, das Ulmer Mädchen, warf aus zusammengekniffenen Augen einen frustrierten Blick gen Himmel. „I tät mei Hemd gebe für a Radlermaß!“ – „Da wirst aber Pech habe, Schätzle, wir sin uff Kreta und ned in München im Augustiner Biergarten.“ – „Ah, wa, falls mer no lebend a Taverne erreichen sollten, b’stelln mer uns einfach sechs Fläschle Bier, sechs Seven-Ups und leere Gläsle dazu.“…

… Natürlich erreichten wir lebend die erste Taverne in der kleinen Ortschaft Agia Roumeli an der Küste am Ende der berühmt-berüchtigten Samaria-Schlucht. Nur war die erste Wirtschaft in jenem Dörflein, in welchem sich nach Sonnenuntergang Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, kein Auto existierte, und die einzige Verbindung zur Außenwelt die Fähre nach Chora Sfakion war, von Wanderern, die viel früher als wir aufgebrochen sein mussten, bis auf den letzten Platz besetzt. Ebenso die zweite. Und die dritte…

… In der vierten Taverne ergatterten wir endlich einen Tisch, der grade mal groß genug war, dass wir es uns leidlich gemütlich machen konnten. Nachdem wir eine geraume Weile ohne Erfolg versucht hatten, winkend und rufend eine Bedienung auf uns aufmerksam zu machen, kam endlich ein gelangweilt wirkender schnauzbärtiger Kellner mit pechschwarzer Mähne herbei geschlendert, die obersten Knöpfe seines weißen Hemdes waren geöffnet, Goldkettchen glitzerten auf seiner gebräunten, behaarten Brust – so ein echter griechischer Bilderbuch-Dandy also. Die Vreni orderte in fließendem Englisch: „Wir hätten bitte gerne sechs Flaschen Bier, sechs Seven Ups und sechs leere Gläser dazu.“ Der dienstbare Geist musterte uns eingehend mit einem undefinierbaren Blick aus kaffeebraunen Augen und entgegnete dann in tadellosem und akzentfreien Bayerisch: „Ja, sagt’s des halt glei, dass‘ sechs Radlermaß wollts!“… 😀

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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