Starlight Sue (1)…

Prolog: 24. April 1944

Zarte Dunstschleier senkten sich in der anbrechenden Dämmerung über die sanft gewellten Felder und Haine rund um Mildenhall, Suffolk, etwa zehn Kilometer Luftlinie von der berühmten Abtei von Ely, sowie ca. fünfzig Kilometer von der Nordseeküste Englands entfernt. Eine rotglühende, im Abendwind leise wabernde Sonne sank dem westlichen Ende der lang gestreckten Start- und Landebahn von Mildenhall Airfield entgegen, nahe des Horizonts wurden die fächerförmigen Strahlenbündel, welche sie im letzten Aufflammen gen Himmel schleuderte, vom Dunkel eines rasch nahenden Tiefdruckgebiets ausgelöscht.

Der Asphalt des Flugfeldes vibrierte unter dem Dröhnen der Propeller. Die Phalanx der 8. Division der US American Air Force setzte sich in Bewegung, ihr Ziel war München. Die Vorhut bildeten etwa ein Dutzend zweimotorige, leicht gebaute, schnelle und ausgesprochen wendige DeHavilland Mosquitos. Sie würden einen Scheinangriff auf Karlsruhe fliegen, um die Nachtabwehr abzulenken. Ein weiterer Pulk Mosquitos würde die in ihren Bombenschächten lagernden Tonnen Stanniolstreifen über der bayerischen Landeshauptstadt abwerfen, um die Funkmessgeräte und somit die Flaks lahm zu legen, sowie mit roter Leuchtmunition die wichtigsten Angriffsziele markieren. Ihnen folgten die wuchtigen, viermotorigen B-17- und B-24-Bomber, die „Fliegenden Festungen“. Insgesamt hoben sich an diesem Frühlingsabend dreihunderfünfzig Kampfflugzeuge in den allmählich sich verdunkelnden Himmel.

Abseits des Airfields, in einem kleinen, unscheinbar grauen Hangar, arbeitete eine Handvoll Airmen konzentriert daran, einen bauchigen, etwa drei Meter langen, metallen schimmernden, zylinderförmigen Gegenstand in den aufgeklappten Bombenschacht einer Mosquito zu hieven, und in den dort angebrachten Halterungen zu befestigen. Quer über den Rumpf des Gebildes zog sich ein etwas ungelenk aufgepinselter Namenszug: „Starlight Sue“.

Yag Alone und Hart Yob, die beiden jungen Piloten, beobachteten Kaugummi kauend und mit lässig verschränkten Armen gegen den silbern glänzenden Flugzeugrumpf gelehnt, die Bodencrew. Sie waren seit langem schon gerüstet für den bevor stehenden Einsatz – olivgrüne Overalls, darüber die hellen Schwimmwesten, unter den linken Achseln schlängelten sich die Schläuche der Sauerstoffversorgung, auf den Rücken waren die Fallschirme geschnallt, die eng anliegenden Schutzkappen mit den hoch geschobenen Schutzbrillen und den seitlich davon baumelnden Atemmasken verbargen ihre kurz geschorenen Haare.

Endlich war die Montage abgeschlossen, die Mechaniker schlossen die Klappen des Bombenschachtes und sicherten ihn. Durch eine schmale Seitentür des Hangars schritt Major General Leivenston auf die stramm stehenden und salutierenden Piloten zu.

„Rühren. – Kurz eine letzte Zusammenfassung, auch wenn ihr das in den letzten Tagen bereits hunderte Male zu hören bekommen habt: Ihr haltet euch hinter und über der Achten. Captain Yob, Sie werden die Zünder der Bombe erst kurz vor Erreichen des Zielgebietes installieren. Da euer Riesenbaby schwerer und größer ist als die normalen Sprengkörper, habt ihr aus Gründen der Gewichtsersparnis nur genügend Sprit für den Hinflug in den Tanks. – Sämtliche Einzelheiten eures Einsatzes befinden sich in dieser Mappe.“ Er überreichte Yag Alone einen dünnen Aktenordner. „Präsident Roosevelt lässt Sie grüßen, er wünscht Ihnen Glück und lässt Ihnen ausrichten: ‚Bringen Sie München zum Leuchten.‘ – Meine Herren – viel Glück und Erfolg. Es war eine Ehre, mit Ihnen gedient zu haben.“ Leivenston verabschiedete sich salutierend.

Nur wenig später startete die Mosquito und glitt mit dröhnenden Motoren ostwärts, der Nordsee entgegen. Das Wetter hatte sich inzwischen verschlechtert, Wolkenfetzen rasten über den dunklen Himmel, sich zusammen ballend, wieder zerfasernd, auseinander driftend, über dem unruhigen Meer bedrohliche Türme formend. Heftige Böen und Turbulenzen rüttelten an der zum großen Teil aus Sperrholz, Fichten-, Birken- und Balsaholz bestehenden Maschine, die so manches Ächzen und Stöhnen von sich gab. „The Wooden Wonder“ wurde der leichte und extrem flinke Jagdbomber auch gerne genannt.

Nach langem Kampf gegen die instabile Wetterlage war endlich die Flughöhe von gut neuntausend Metern erreicht, nun strebte das Flugzeug ruhig seinem Ziel entgegen. Die beiden jungen Männer entspannten sich.

„’Starlight Sue‘, Yag, is‘ wohl der Spitzname deiner Herzallerliebsten, was?“, neckte Hart. Sein Flugkamerad schmunzelte unter der Atemmaske. „Yepp. Kann man so sagen.“

„Große Liebe?“

„Aber Hallo! Und wie!“

„Hochzeit schon geplant?“

Alone lachte laut auf. „Kein Kommentar!“ Sein Blick glitt über die beiden Tankanzeiger, schlagartig wurde er wieder ernst. Er klopfte kopfschüttelnd gegen die kleinen runden Scheiben „Das gefällt mir gar nicht.“

Yob murmelte: „Entweder haben sich diese Trottel bei der Treibstoffberechnung vertan, oder wir haben beim Flug über die Nordsee zu viel Sprit verbraucht. Oder beides.“

Nur wenig später, sie hatten soeben die Donau überquert, stotterten die beiden Rolls-Royce-Merlin-Motoren noch einmal kurz auf, dann verstummten sie.

„Wir schaffen das, Hart. Der Vogel hier hat einen ziemlich guten Gleitwinkel, und wir sind mit über sechshundert Sachen unterwegs. Geh nach hinten und mach‘ das Baby scharf.“

Als sie München erreichten, hatten sie bereits gut viertausend Meter an Höhe eingebüßt. Die 8. Division der US Army Air Force hatte inzwischen ganze Arbeit geleistet, unter ihnen glommen feurigen Blüten gleich ungezählte Brandherde, und der silbrige Rumpf des Mosquito bohrte sich in die empor quellenden Rauchschwaden. Rechts unter sich erkannte Gay die hochragenden Reste zweier neugotischen Türme eines zerbombten Gotteshauses.

„Wir sind im Zielbereich… Eigentlich wollte ich uns nach dem Abwurf in die Schweiz bringen, Kumpel. Die Grenze ist nur etwa zweihundert Kilometer von hier entfernt, wir hätten in einem kleinen Tal in den Alpen notlanden können und wären in Sicherheit gewesen.“

„Dumm gelaufen, Yag. – Aber ehrlich gesagt, uns beiden ist doch von Anfang an klar gewesen, dass wir uns da auf ein Himmelfahrtskommando einlassen.“

Alone betätigte einen Hebel und öffnete den Bombenschacht. Ein metallisches „Klank!“ war zu vernehmen, als die Halterungen die tödliche Fracht frei gaben.

Wie ein Sternschnuppenschauer rasten an Steuerbord von unten funkelnde Geschosse auf das Flugzeug zu. Nur Sekunden später erfolgten die Einschläge, sie zerrissen krachend und splitternd die rechte Tragfläche, einen Teil des vorderen unteren Rumpfes und die Frontscheibe.

„Scheiße! Flak-Beschuss! Los, sofort aus hier, Hart!“

Während die Maschine in den Sturzflug kippte, entledigten sich die beiden Piloten mit fliegenden Fingern ihrer Gurte, entriegelten die Cockpithaube, stießen sich ab und zogen die Reißleinen ihrer Fallschirme.

Mit einem Ruck wurde Yag nach oben gerissen, weg von der ins tödliche Flachtrudeln geratenen Mosquito. Hilflos musste er voller Entsetzen mitansehen, dass sich der Fallschirm seines Co-Piloten am Leitwerk des Flugzeugs verfangen hatte. Hart schlug wild um sich, und Alone konnte starr vor Grauen seine Blicke nicht abwenden, bis eine Säule stinkenden Qualms ihn einhüllte und ihn zwang, die Augen zu schließen.

Die Bombe hätte schon längst explodieren müssen, mit einem glühenden Lichtblitz, heller als die Sonne, und einer alles Leben im Umkreis von vielen Kilometern vernichtenden Druckwelle. Doch nichts dergleichen war geschehen.

„So ein Scheißtag!“, stieß der junge Kampfpilot zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Er fühlte einen starken, pochenden Schmerz in seiner rechten Schulter, und warmes Blut seinen Overall durchnässen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Fortsetzung folgt…

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Aus aller Welt, Dies und das, Erzählungen, Gedanken, Sonstiges abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Response to Starlight Sue (1)…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Beim Stöbern und Ausmisten auf meinen externen Festplatten bin ich vor einigen Tagen auf ein verschollen geglaubtes Romanfragment gestoßen, an dem ich vor etwa fünf Jahren intensiv gearbeitet hatte. Irgendwie erfasste mich beim Überfliegen erneut der Zauber, den ich beim Entwickeln der Idee damals hatte, und ich beschloss kurzerhand, die Teile des Skripts zu überarbeiten, weiter zu entwickeln und zum Abschluss zu bringen.
    Der Plot ist schnell erzählt: Per Zufall findet die Enkelin eines amerikanischen Kriegshelden heraus, dass die erste Atombombe in Wahrheit nicht über Hiroshima, sondern bereits ein Jahr zuvor über München abgeworfen worden war. Sie ist damals natürlich nicht detoniert. Man geht davon aus, dass sie immer noch irgendwo unter den Fundamenten der Stadt verborgen liegt. Nach über siebzig Jahren wächst die Gefahr einer Selbstentzündung. Ein kleines Spezialisten-Team macht sich auf die fieberhafte Suche nach dem furchtbaren Geschoss, das Oktoberfest, welches stets viele Millionen BesucherInnen in die bayerische Landeshauptstadt lockt, steht unmittelbar bevor…
    Die einzelnen Folgen von „Starlight Sue“ werden nun in mehr oder weniger regelmäßigen Folgen auf meinem Zweitblog Stupor Mundi zu lesen sein. Ich hoffe, ihr habt viel Freude bei der Lektüre. 😉

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s