Starlight Sue (3)…

Ihre Mutter versuchte krampfhaft, mit großenteils völlig frei erfundenen Geschichten der Außenwelt ein heiles und harmonisches Familienbild vorzugaukeln. Sie vergötterte Ben und ließ an Beth von deren früher Kindheit an kein gutes Haar. Eine traumatisierende Gemengelage, hätte es die innige und bedingungslose Liebe der Geschwister füreinander nicht gegeben.

Sobald als möglich dieser verstörenden Situation zu entfliehen, wurde schon bald der größte Wunsch von Beth und ihrem Bruder. Dem Mädchen war das Glück hold, es ergatterte eines der heiß begehrten Harvard-Stipendien. Ben, der eine gute Portion des musikalischen Talents seines Erzeugers geerbt hatte, stahl sich kurz nach Beths‘ Auszug bei Nacht und Nebel aus dem Haus, lediglich einen hastig gepackten Rucksack und seine Gitarre mit sich führend.

Beth studierte Geschichte im Hauptfach. Während der ersten Semesterferien zog sie als Rucksacktouristin durch Deutschland, und begeisterte sich dabei so sehr für dieses Land, dass sie sich danach auf dessen Geschichte spezialisierte. Ihre Magisterarbeit, die mit Summa Cum Laude bewertet wurde, hatte die Kurfürsten und ihren Einfluss auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zum Thema. Ihre Professoren sagten ihr eine beispiellose Karriere voraus. Woher ihre Affinität ausgerechnet für jenes mitteleuropäische Land stammte, konnte sie sich nicht erklären. Unter ihren Vorfahren hatte sich ihres Wissens nicht ein einziger Deutscher befunden. „Vielleicht bist du ja in einem früheren Leben mal ein ‚Kraut‘ gewesen.“, pflegte ihre Harvard-Zimmergenossin Carmen gerne zu witzeln.

Ben hatte recht schnell als Jazz-Gitarrist mit eigener Formation in der Fachwelt Beachtung gefunden. Als er anlässlich eines großen Musik-Festivals in New York gastierte, traf sie ihn, lernte dabei den faszinierenden und verführerischen Schlagzeuger einer Metallica-Band kennen und verliebte sich von jetzt auf gleich bis über beide Ohren – ausgerechnet sie, die stets Kühle und Kopfgesteuerte. Nach einer endlosen, heillos verrückten Liebesnacht erwachte sie in einem kühl und unpersönlich ausgestatteten Hotelzimmer, und ihr erster Blick fiel auf das heraus gerissene Blatt eines abgegriffenen Terminkalenders: „War schön mit dir. Bist ne heiße Braut. Bin auf dem Weg zurück nach Kalifornien, steh‘ nicht so auf Beziehungskram. Leb wohl.“

Ein paar Monate später musste sie feststellen, dass dieses leidenschaftliche Intermezzo nicht ohne Folgen geblieben war. Sie brachte Zwillinge zur Welt – Maud und Benedict – in ihrer Familie schien das dafür verantwortliche Gen besonders aktiv zu sein, und in dem Augenblick, als deren erste, erstaunlich kraftvolle Schreie an ihre von den Schmerzen einer harten und lang sich hinziehenden Geburt noch halb tauben Ohren gedrungen waren, hatte sie ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Pfeif‘ auf eine Karriere, was gibt es Wichtigeres und Schöneres als diese beiden kleinen, unglaublich wundervollen Wesen.

Die Sprößlinge waren nun Fünfundzwanzig – unfassbar, wie schnell die Jahre dahin gegangen waren! – und verheiratet, sie hatten sich am gleichen Tag in der gleichen Kirche trauen lassen, und die ersten beiden Enkel – oder vielleicht auch vier – waren unterwegs. „Vielleicht klappt es ja, und du wirst an deinem fünfzigsten Geburtstag Oma.“, hatte Benedict sie während ihres letzten Telefongesprächs vor ein paar Tagen geneckt. „Ach, du! Hör bloß auf!“, gab sie ihm verdrossen zur Antwort. Sie hasste es, alt zu werden, und „Großmutter“ war in ihren Augen das Synonym für „alte Schachtel“.

Beth warf einen zornigen Blick in den Rückspiegel, ein sehr dicht auffahrender Pickup hatte ihren Unmut erregt. Nachdem der Verfolger in Richtung eines großen Supermarktes abgebogen war, blieben ihre Augen kurz an ihrem Spiegelbild hängen. Ihr ursprünglich weizenblondes Haar, das sie sehr kurz geschnitten trug, war fast schon weiß, es bildete einen köstlichen Kontrast zu ihrem immer noch ziemlich jugendlich wirkenden Gesicht, in dem alles ein wenig zu groß geraten schien – der Mund, die leicht gebogene Nase, vor allem die intensiv blauen Augen. An Volumen zugelegt hatte seit Beginn der Wechseljahre auch ihre einstmals zwar kräftige, aber immer sportlich-schlanke Gestalt. Mittlerweile schleppte sie gut zwanzig Kilo Übergewicht mit sich herum, zum Glück recht gleichmäßig verteilt, jeder Versuch, sich der überflüssigen Pfunde wieder zu entledigen, war bislang kläglich gescheitert.

„Du gefällst mir so, wie du bist.“, bekräftigte Hike, ihr Lebensgefährte, ein etwas exzentrischer Portraitmaler, mit dem sie seit ein paar Jahren ein hübsches Häuschen mit Atelier im vornehmen Washingtoner Viertel Georgetown bewohnte. Beth empfand die Beziehung zu ihm als amüsant und angenehm, denn er ließ ihr sehr viel Freiraum, was auf Gegenseitigkeit beruhte, auch wenn sie stark vermutete, dass er nebenbei schon einige Affären gepflegt hatte. Sie war viel zu kopfgesteuert, um Eifersucht zu empfinden. Er war keineswegs das, was sie als ihre große Liebe bezeichnen würde, aber es war schön und beruhigend, nicht allein zu sein. Zudem konnte er weitaus besser kochen und backen als sie.

Um sich und ihre beiden Kinder ordentlich durchzubringen, hatte sie lange Jahre als Dozentin einer kleinen und namenlosen Universität im Mittelwesten gearbeitet. Seit der Wiederwahl des Präsidenten hatte sie einen Posten als Beraterin des Außenministers inne, eine Empfehlung ihres früheren Lieblingsprofessors, einige hoch dotierte Preise für Veröffentlichungen in der Fachpresse, und der immer noch wohlbekannte Name Kittridge hatten ihr den Weg in die Bundeshauptstadt geebnet.

… Fortsetzung folgt…

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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