Starlight Sue (5)…

Ben startete mit versteinertem Gesicht die Jacht und steuerte sie zurück. Von der Gartenpforte her näherten sich langsam die Nachbarn, ein Partyservice hatte inzwischen auf dem Rasen einige Klapptische aufgebaut und darauf ein Bufett aus Sandwiches, Cupcakes, Donuts, Salaten und Burgern arrangiert, aus einem riesigen, versilberten Kühler ragten anmutig die schlanken Hälse einer Batterie Weinflaschen, ein halbes Dutzend Thermoskannen mit dampfend heißem Kaffee drängelte sich an Karaffen mit Säften und Softdrinks.

Während Beth abseits stand, beobachtete sie ihren Bruder, der einem Schmetterling gleich von Grüppchen zu Grüppchen flatterte, und sich dabei prächtig zu unterhalten schien. Wie leicht es ihm doch fiel, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. Wie gut er auf Andere eingehen konnte, ohne sich anzubiedern. Er schien sie alle noch zu kennen, die Bewohnerinnen von Marathon Key. Sie hatte sich ihnen schon seit langem völlig entfremdet und verspürte nicht den geringsten Drang, erneute Bande zu knüpfen. Und dennoch war da dieser leise Hauch von Einsamkeit, unüberbrückbarer Fremdheit, des ausgeschlossen sein.

Vom Nacken her fühlte Beth eine unangenehme Verspannung aufsteigen, dazu ein eigenartiges Brennen in den Augen, und einen dumpfen Druck im Schädel. Sie wusste, was diese Warnzeichen zu bedeuten hatten. Sie stellte ihr Glas ab, wandte sich entschuldigend an ihre Mutter, und stieg hoch ins Refugium des „alten Eisenfressers“. Nach kurzem Suchen fand sie in ihrer Handtasche das Sumatriptan-Nasenspray und inhalierte es. Eine ungeheure Mattigkeit ergriff sie, mühevoll schlüpfte sie aus der schwarzen, weit geschnittenen Tunika und ihrer Hose, das Beziehen der Bettcouch mit der bereit gelegten Wäsche kostete sie das letzte Quäntchen Kraft, aufseufzend ließ sie sich auf das kühle Lager fallen, und war nach kurzem tief und fest eingeschlafen.

Als sie wieder erwachte, war es bereits dunkel. Durch die immer noch weit geöffneten Fenster drangen sanft das Rauschen der Brandung jenseits der Insel, die Melange aus Rosen- und Meeresduft in das Zimmer. Beth setzte sich langsam auf. Sie fühlte sich benommen und immer noch schwach, doch die Migräne war weg. Sie knipste das Leselicht über dem Kopfende an. Wuchtig kauerte vor den Fenstern der Schreibtisch ihres Großvaters, die Wände links und rechts waren mit bis zur Decke ragenden, gut gefüllten Bücherregalen versehen, über der Bettcouch hing in protzigem, vergoldeten Rahmen ein Ölgemälde, das Fort Zachary Taylor darstellte, die einstige Militärbasis auf Key West. Dort hatte Erzählungen des „alten Eisenfressers“ zufolge der Urgroßvater sein Leben als Navy-Offizier gefristet und nicht nur die „Kittridge-Dynastie“ gegründet. Boshaften Gerüchten zufolge hatte mindestens die Hälfte der Key-West-InsulanerInnen den alten Commander Hal unter seinen Vorfahren.

Im Haus war es still, vermutlich war ihre Verwandtschaft bereits zu Bett gegangen. Beth verspürte ein leichtes Hungergefühl, sie schlang ihren Morgenmantel um sich und wandte sich zur Tür, um in der Küche nachzusehen, ob es noch Überreste des Bufetts gab. Doch dann hielt sie inne und fuhr sich mit der Rechten ans Ohr. Sie musste sich im Schlaf das Ohrgehänge abgestreift haben, den kostbaren, in Silber gefassten Türkis, echten Navajo-Schmuck, den Hike ihr neulich von einem Auftrag in Nevada mitgebracht hatte.

Sie durchwühlte mit tastend suchenden Händen die Bettcouch, ohne Erfolg, dann kniete sie nieder und spähte unter das Möbel. Ganz weit hinten, an der Wand, sah sie einen silbrigen Schimmer, doch ihre Arme waren zu kurz. Sie stand auf, packte das Kopfteil und zerrte mit einem Ruck die Couch in die Mitte des Zimmers. Aufatmend griff sie nach dem Geschmeide und stutzte. Über der Fußbodenleiste war eine kleine Schublade in die Wand eingelassen. Sieh mal einer an, der „alte Eisenfresser“ hatte ein Geheimversteck!… Dann wollen wir doch mal nachsehen, was sich darin verbirgt. Beth zog an der Klappe und ihr Blick fiel auf einen Stapel in dunkles Leder gebundene Notizbücher. Grandpa’s Memoiren? Sie nahm die Bücher an sich, schob das Lager zurück an die Wand, kuschelte sich in die Bettdecke und begann zu blättern, ihren Hunger hatte sie völlig vergessen.

Die spinnwebenartige Schrift des Generals war mühelos zu lesen, der Inhalt belanglos und öde, unpersönliche Aufzeichnungen des Militäralltags, seinen Reisen und Einsätzen als Militärischer Berater des Weißen Hauses, lange Zahlenkolonnen, der „alte Eisenfresser“ war ein Geizkragen per excellence gewesen, und hatte über jeden ausgegebenen Cent penibel Buch geführt. Beth überflog die Notizen rasch, nach kurzem schon wuchsen Desinteresse und Enttäuschung. Keinerlei intime Anmerkungen über Privatleben und Familie hatte der Großvater zu Papier gebracht, keine schlüpfrigen Details, weder Skandale noch Andeutungen irgendwelcher Affären, nicht die geringsten menschlichen Regungen. Gähnend schlug sie den letzten der insgesamt fünf Bände auf. Hastig rasten ihre Augen über die Zeilen. Und dann stieß sie auf eine Eintragung, die ihren Atem stocken und ihr Herz aus dem Tritt geraten ließ…

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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