Bergnot (1)…

… Das Steinerne Meer ist eine über zweitausend Meter hoch gelegene, von unzähligen Schroffen, Furchen und Dolinen bizarr zerklüftete Mondlandschaft in den Berchtesgadener Bergen. Bei Wetterumschwung ist es dort überaus gefährlich, da es keine Wege gibt, sondern nur schmale Tritte über abgeschliffenes und ausgewaschenes Gestein, gelegentliche rotweisse Farbmarkierungen und Felsmannderln, die der Orientierung dienen. Es ist ein karges Gebiet, an die hundert Quadratkilometer groß, das in der Tat an ein zu Stein erstarrtes Meer erinnert, an den Rändern begrenzt von hoch aufragenden Gipfeln. Ein nahezu greifbares Schweigen herrscht dort oben, nur manchmal ruft ein Bergfink, löst sich Geröll und poltert in Senken und Spalten und gemahnt an den unablässig nagenden Zahn der Zeit…

… Ich war seit dem frühen Morgen auf Tour, von St. Bartholomä aus zunächst durch die schier endlosen und zermürbenden sechsunddreißig Spitzkehren der Saugasse zum Kärlinger Haus unweit des tiefgrünen Funtensees. Nach einer ausgedehnten Rast marschierte ich im Sonnenschein weiter und stieg langsam durch parkähnliche Mulden, über Grasmatten und Latschenfelder hoch ins Steinerne Meer. Die Durchquerung dieser Felswüste mit anschließender Übernachtung im Riemannhaus auf der österreichischen Seite hatte ich lang schon geplant gehabt…

… Ich befand mich seit etwa einer Stunde auf dem Weg. Der Himmel hatte sich inzwischen milchig eingetrübt. Auf dem Gipfel der pyramidenförmigen Schönfeldspitze linkerhand saß eine neblige, vom Wind ausgefranste Kappe – ein Warnzeichen. Böen zerrten stoßweise an mir. Ich verspürte ein Kribbeln in der Magengegend, gleich einer Vorahnung, hockte mich im Schutz einer Felsnische nieder und zog die Wanderkarte zurate. Ich war überzeugt, nicht mehr weit entfernt vom Salzburger Kreuz zu sein, etwa in der Hälfte der Etappe…

… Als ich mich wieder aufrichtete und den Rucksack schulterte, stutzte ich. Über den im Westen hochragenden Watzmanngipfeln braute sich ein wahrlich finsteres, riesiges Wolkengebilde zusammen. Mein flaues Gefühl verstärkte sich. Ich setzte mich wieder in Bewegung, die Aufmerksamkeit stur auf die Wegmarkierungen richtend. Duster wurde es, als ob bereits die Dämmerung anbrechen würde. In der Ferne grollte dumpfer Donner. Weitergehen, langsam weitergehen…

… Die Heftigkeit der Böen nahm zu, ich kämpfte dagegen an, stemmte bei jedem Schritt die Bergstöcke fest in den Boden. Näher und näher rückte das Unwetter. Blitze blendeten mich grell, unmittelbar darauf folgten die Donnerschläge, das Rumpeln und Krachen ließ den Untergrund erbeben und wurde von den Bergwänden ohrenbetäubend laut zurückgeworfen. Meine Beklemmung steigerte sich zur Furcht. Mir wurde bewusst, in welcher Gefahr ich schwebte. Ich hätte die metallenen Wanderstöcke wegwerfen müssen, doch angstvoll Halt suchend klammerte ich mich noch fester daran. Los, lauf weg!, gellte die Stimme der Panik. Bleib ruhig, geh ganz langsam und vorsichtig weiter, flüsterte der Verstand…

… Um mich herum tobte der reinste Hexenkessel. In mir auch, allein in diesem Höllenspektakel. Solch ein intensives Gefühl der Ohnmacht, Todesangst und Verlassenheit hatte ich noch nie zuvor verspürt. – Nach schier endloser Wegstrecke, jeder Augenblick geriet zur kleinen Ewigkeit, ragte das Salzburger Kreuz rechts von mir am Grund einer Senke auf. Die Tränen sprangen mir in die Augen – um Himmels Willen! Jetzt erst hatte ich die Hälfte des Wegs zum Riemannhaus zurückgelegt! – Ruhig bleiben, ganz ruhig, ganz langsam und vorsichtig weitergehen. – Ein Bergstock klemmte sich in einer Felsritze fest, wild riss ich daran, und meiner Kehle entfuhr ein urtümlicher Laut, halb Schluchzen, halb Angstschrei…

… Wird demnächst fortgesetzt…

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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5 Responses to Bergnot (1)…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Bei der vor allem in Südbayern auftretenden Wetterlage Föhn – der Ausdruck stammt vom lateinischen favonius = lauer Westwind ab – ist die Fernsicht meist höchst erstaunlich, und kann sogar weit über hundert Kilometer betragen, der tiefblaue Himmel so ungemein klar, und die Berge scheinen zum Greifen nahe zu sein. Doch dieser laue Fallwind kann sehr launisch und in den Bergen auch gefährlich sein. Das durfte ich vor etlichen Jahren am eigenen Leibe erfahren. Davon erzähle ich euch heute und morgen…

  2. Ingwer sagt:

    Sehr schön geschrieben.

  3. Ingwer sagt:

    Ich bin nur noch zu atemlos, um den zweiten Teil zu lesen. Dafür schweiften meine Gedanken zu einer Situation, wo ich dachte, nur noch 10 Sekunden zum Leben zu haben. Was da alles an Gedanken vorbeirauscht, ergäbe eine eigene Geschichte!

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