Bergnot (2)…

… Der Sturm stieß mir nun in den Rücken, das Blitzen und Donnern ebbte ab, aus dem sintflutartigen Niederschlag wurde Hagel, der mir schmerzhaft den unbedeckten Kopf peitschte. Noch immer war es stockdunkel. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Vielleicht dauerte dieses Inferno bereits Stunden, vielleicht würde ich das Riemannhaus niemals erreichen, vielleicht würde ich irgendwann erschöpft zusammenbrechen, ohne Hoffnung auf Rettung und Hilfe, vielleicht hatte ich diese Welt bereits verlassen und weilte nun in der Vorhölle…

… Der Hagel wandelte sich zum dichten Schneefall, der in den Senken sofort liegenblieb. Eine hauchdünne Eisschicht überzog die Felsen, wie gefährlich war das Gehen nun geworden! Von hinten kroch lautlos dicker Nebel heran und verschlang die Umgebung. Keine fünf Meter Sicht mehr. Wo war die nächste Markierung? Und wo war das Riemannhaus?…

… Lauf zu, renn, schnell, du musst fliehen! – Bleib ruhig, ganz ruhig, geh langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt, konzentriere dich! – Nie, nie komme ich heil hier raus! Nie, nie werde ich einen sicheren Ort erreichen!…

… Der Kampf zwischen dem blinden Impuls zu fliehen und der kühlen Vernunft erschöpfte mich noch mehr als das verkrampfte und vorsichtige Tasten über die glatten Steine. Ich zitterte am ganzen Körper, meine Zähne klapperten laut, es war so furchtbar kalt, mittlerweile musste es einige Grad unter Null haben – und das im Hochsommer…

… Wo zum Henker ist das Riemannhaus! Ich reckte die Arme hoch und brüllte mit brechender Stimme: „Wo habt ihr nur diese elende Hütte hingebaut!“ Wie durch Zauberhand verzog sich für Augenblicke der schier undurchdringliche Nebel. Ich stand nur wenige Meter von den klobigen Mauersteinen des Riemannhauses entfernt…

… Köstliche Wärme umfing mich. Eine freundliche Stimme sprach mich an, ich stierte hoch, noch gefangen in dem Albtraum, den ich grade durchlebt hatte. Kundige Hände lösten meine blau gefrorenen, klammen Finger aus den Schlaufen der Bergstecken, zogen mir die schweren Schuhe aus, halfen mir aus der Windjacke, bugsierten mich in die heimelige Stube. Ich setzte mich auf eine Bank am gemütlich bullernden Kachelofen. Man drückte mir einen Steinkrug in die Hand. ich nahm einen tiefen Zug und schmeckte starken, heißen Tee, viel Zucker, Zitrone und einen ordentlichen Schuss Rum…

… Lange saß ich wie betäubt da. Endlich begann ich, meine Umgebung wahr zu nehmen. An den groben Holztischen waren Bergwanderer versammelt, lachend, plaudernd, essend, Karten spielend. Meine Blicke glitten zum Fenster hin, überrascht schüttelte ich den Kopf. Dunkelblauer, wolkenloser Abendhimmel da draußen, die Pyramide der Schönfeldspitze war von der untergehenden Sonne rotgolden überzogen. Ich stand auf und schlurfte auf die Veranda. Im Hütteneingang lehnend blickte ich auf das etwa sechzehnhundert Meter unter mir liegende Saalfeldener Tal. Dort in der Tiefe war es bereits finster, die Straßenlaternen zogen sich gleich glitzernden, verschlungenen Perlenschnüren darüber hin, der eiförmige Gipfel des links von mir hochragenden Sommersteins war purpurn vom letzten Hauch des Alpenglühens…

… Ein wildes, beinahe schmerzhaftes Glücksgefühl durchströmte mich, ich vermeinte, jede einzelne Faser meines Wesens so intensiv zu spüren wie noch niemals zuvor. Es glich einer Wiedergeburt, einer Auferstehung aus Sturm, Blitz, Donner, Eis und Schnee…

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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1 Response to Bergnot (2)…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Dass ich dieses gefährliche Unwetter nach einem Föhn-Zusammenbruch in der Ödnis des Steinernen Meeres unbeschadet überstanden hatte, erfüllt mich heute nach so vielen Jahren immer noch mit großer Dankbarkeit…

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