Familiengeheimnisse (Teil 1)…

Tenente Tiziana Bardani lehnte den Handspiegel an den Bildschirm ihres Dienst-PCs und zupfte sich die kastanienbraune Kurzhaarfrisur zurecht, welche ein unerwartet heftiger Windstoß auf dem Weg zu der kleinen Carabinieri Comando Stazione Malcesine verwirbelt hatte. Zizzy, wie sie von all ihren Freunden und Bekannten, auch von ihren Untergebenen genannt wurde, sah mit ihren kindlich sanften Zügen, den Grübchen in den vollen Wangen und am runden Kinn und den fast schon zu großen honigfarbenen Augen sehr ansprechend aus, trotz der langen Narbe, die sich quer fast über ihre ganze Stirn zog, und die sie nun wie stets penibel mit den dichten Ponyfransen zu kaschieren suchte. Die Narbe war ein verhasstes „Andenken“ an einen Einsatz gegen höchst aggressive Hooligans während eines Fussballspiels von Inter Mailand gegen Hellas Verona vor einigen Jahren.

Sie wäre damals ums Haar verblutet, der wütende Pöbel hatte sämtliche Zufahrtstrassen blockiert, der Notarztwagen kam buchstäblich erst in letzter Sekunde durch. Weit mehr als der Schock über die völlig unerwartete Attacke eines durch Drogen und blinder Wut außer Kontrolle geratenen jungen Mannes hatte sie das Entsetzen in den Gesichtern ihrer grade mal sechsjährigen Zwillinge bei deren ersten Besuch in ihrem Krankenzimmer getroffen. Nach einer gebührenden Auszeit und einer psychotherapeutischen Behandlung hatte sie um die Versetzung in eine beschauliche, abgelegene Dienststelle möglichst auf dem Land gebeten.

Das lag nun schon fast zehn Jahre zurück, und Zizzy hatte ihren Schritt noch nie bereut. Malcesine war ein schöner Ort am nordwestlichen Ufer des Gardasees mit einer bezaubernden Altstadt, die von einer imposanten Festung aus dem 14. Jahrhundert überragt wurde, und direkt dem Mittelalter entsprungen zu sein schien, und die Delikte, die sie hier zusammen mit ihren Untergebenen aufzuklären hatte, gingen über Laden- und Taschendiebstähle, leichte Betrugsfälle, kleine Drogendealereien, Kneipenschlägereien, Verkehrsdelikte und gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Touristen in der Regel nicht hinaus. Von einigen Bergunfällen am hoch über dem Städtchen aufragenden Monte Baldo einmal abgesehen. Und eines tragischen Selbstmordversuchs im Frühjahr.

Die Tür zum Vorraum wurde aufgerissen, und nur wenig später betrat mit raschen Schritten Sottotenente Don Rambolate die Amtsstube, der Traum einer jeden Mutter einer heiratsfähigen Tochter weit über die Ortsgrenzen hinaus – für einen Italiener sehr hoch gewachsen, selbst die nicht grade kurz geratene Zizzy reichte ihm nur bis zu den Schlüsselbeinen, muskulös, markantes Gesicht mit sensiblen Lippen, edle Römernase, stahlblaue, funkelnde Augen, und den eleganten, leichtfüßigen, lässigen Bewegungen eines geborenen Tänzers.

„Ciao, Zizzy! Wie war dein Termin beim Schuldirektor?“

„Schaff dir niemals Zwillinge an, Don. Chaos hoch Zehn im Doppelpack. Wenn ich die Lümmel doch nicht irgendwie ins Herz geschlossen hätte, dann hätte ich sie schon längst irgendwo ausgesetzt.“

„Ich vermute, Linus und Charlie geraten überhaupt nicht nach der Mutter.“, entgegnete der Carabinieri augenzwinkernd.

„In keinster Weise.“ Zizzy ließ ihre Grübchen spielen.

Rambolate versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen. „Ein Touristenpärchen, das im Hotel Malcesine abgestiegen ist, will Anzeige gegen deinen Freund erstatten – wegen Lärmbelästigung.“

Seine Vorgesetzte machte große Augen, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Seit etwa zwei Jahren pflegte sie ein mal mehr, mal weniger inniges Verhältnis mit Raoul, einem Harfenisten, der sich sein täglich Brot als Straßenmusiker verdiente. Selbst Zizzy, die sich als völlig unmusikalisch bezeichnete, hielt den schlaksigen Mann Mitte Fünfzig mit zerfurchtem Gesicht und schütterem, graumeliertem Schopf, den er im Nacken stets mit einer geflochtenen Kordel aus Bast zusammenband, für einen begnadeten Musiker. Er verlieh mit den zart und harmonisch perlenden Klängen seiner keltischen Harfe der Altstadt Malcesines ein geradezu märchenhaftes, poetisches Flair.

Don zog sein Notizbuch aus der Uniformjacke.

„Die Zwei, Missis Talbot und Mister Singer aus England, wollten laut ihren eigenen Angaben wegen des schlechten Wetters einen gemütlichen Kuscheltag in ihrem Hotelzimmer genießen. Doch so ein Harfe klimpernder Dilettant hätte sie von zehn Uhr morgens an mit seinem lauten, schier unerträglichen und unharmonischen Gedudel permanent gestört.“

Harfe klimpernder Dilettant – schier unerträgliches und unharmonisches Gedudel – Raoul darf das nie und nimmer erfahren, der stürzt sich sonst in den See oder erdrosselt sich mit den Saiten der Principessa (so pflegte er sein Instrument zu nennen), ging es Tiziana durch den Kopf. Ein kleiner Dämpfer würde vielleicht sein Ego zurechtstutzen, aber diese Beschwerde, nein, das wäre zu viel für ihn. Sie stand auf und nahm ihre Kappe vom Schreibtisch.

„Ich kümmere mich gleich darum. Ich hoffe, ich kann das im Stillen regeln, bevor mein kleiner, alter Musikus davon erfährt, und sein hypersensibles Seelchen einen irreparablen Schaden erleidet.“

Don gluckste amüsiert und salutierte spielerisch.

-.-

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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10 Responses to Familiengeheimnisse (Teil 1)…

  1. Hat dies auf Freidenkerins Weblog rebloggt und kommentierte:

    Nach meiner Besichtigung des wunderschönen alten Städtchens Malcesine am nördlichen Ostufer des Gardasees hatte mich doch tatsächlich nach etlichen langen Jahren wieder einmal die Muse geküsst – mir kam die Idee zu einer Kriminalgeschichte, die in den Mauern der historischen Altstadt spielen würde.
    Nachdem ich eine gute Weile quasi Tag und Nacht damit beschäftigt war, die Hauptfiguren und die Handlung zu entwickeln, platzte vor einigen Tagen endlich der Knoten, ich setzte mich an den Laptop und begann zu schreiben.
    Schon bald stand fest, dass aus der geplanten Kurzgeschichte doch etwas längeres werden würde, immer wieder kamen neue Einfälle und Anregungen hinzu.
    Worauf meine Schreiberei letztendlich hinauslaufen wird, weiß ich nicht. Und ehrlich gesagt, ist das für mich auch nicht wichtig. Es macht so viel Freude, wenn ich in diese meine selbst geschaffene Welt der Handlung eintauche, dann verrinnt die Zeit wie im Fluge, und ich fühle mich rundum gut und wohl in meiner Haut.
    Ich weiß, das längere Textbeiträge sich unter Bloggern keiner großen Beliebtheit erfreuen. Aber vielleicht schaut doch der/die eine oder andere zum Lesen vorbei…

  2. Bin sehr gespannt, wie es weiter geht! Mir jedenfalls gefällt der Anfang. Du hast eine Flotte Schreibe…

  3. Gudrun sagt:

    Es liest sich gut. Ich habe es gerne gelesen und bin gespannt, wie es weiter geht.

  4. Pit sagt:

    Das macht Lust auf mehr: ich bleibe dran. 🙂

  5. Also ich hab auch Lust auf mehr 😄

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