Familiengeheimnisse (Teil 2)…

Zizzy verließ das schlicht ockergelb gestrichene, zweistöckige Gebäude der Carabinieri Comando Stazione in der Via Scuisse, überquerte die Hauptstraße und durchmaß mit schnellen Schritten den kleinen Park Richtung Hafen. Seit den frühen Morgenstunden hingen die Wolken tief über dem Gardasee, es hatte unangenehm zu nieseln begonnen. Sie überlegte, ob sie noch einmal umkehren und einen Schirm mitnehmen sollte, entschied sich aber dagegen. Das bisschen Regen – sie war schließlich nicht aus Zucker.

Warum sie sich auf eine Beziehung mit Raoul, dem Unsteten, Undurchschaubaren eingelassen hatte? Wahrscheinlich, weil viele Frauen immer wieder unbewusst auf den gleichen Männertyp hereinfallen, konstatierte sie trocken. Nach einer kurzen und turbulenten Ehe, während der sie von ihrem Gatten öfter betrogen worden war, als sie zählen konnte, hatte sie, von gelegentlichen kurzen Affären einmal abgesehen, lange Jahre allein gelebt und sich völlig auf die Erziehung ihrer beiden Söhne und den Beruf konzentriert. Und dann ließ sich eines Tages dieser bieder wirkende Harfenspieler gesetzten Alters im Ort nieder, hatte sie, Einwohner und Touristen binnen kurzem mit seiner Musik verzaubert, und sie, Tenente Tiziana Bardani, die doch eigentlich aufgrund ihrer Erfahrungen über ein ganz besonderes Gespür für ihre Mitmenschen verfügen sollte, mit seinem magischen Charme um den kleinen Finger gewickelt. Sie wähnte sich im Paradies – ein guter Liebhaber und dazu noch ein väterlicher, zärtlicher Freund – genau das, was sie sich seit langem schon ersehnt hatte.

Es dauerte geraume Weile, bis sie aus ihrem romantischen Tagtraum erwacht war. Raoul konnte, was Untreue anbelangte, ihrem Ex-Gemahl leider durchaus das Wasser reichen. Er stellte bevorzugt alleinstehenden jungen Touristinnen nach. Die Klänge der Harfe, sein schmelzender Blick, die sanfte Stimme, eine starke erotische Ausstrahlung, die er je nach Bedarf ein- und ausschalten konnte wie eine Lampe – und schon war die Beute wehrlos umgarnt.

Und Zizzy verging jedes Mal, wenn sie davon Wind bekam – und das war oft der Fall, denn wie in allen anderen Kleinstädten gediehen auch in Malcesine Klatsch und Tratsch – vor ohnmächtiger Wut, Gram und Frust, denn sie war besitzergreifend und zur Eifersucht neigend. Dann packte sie all seine Habseligkeiten, die er großzügig in ihrer Vierzimmerwohnung deponiert hatte, denn obwohl er in der Via Grosso in der historischen Altstadt ein Appartement gemietet hatte, hatte er sich schon nach kurzem bei ihr eingenistet, in diverse alte Einkaufstüten und warf sie ihm vor die Tür. Und schwor sich, diesmal hart zu bleiben, und nicht mehr nachzugeben, wenn er nach mehr oder weniger langer Funkstille mit einer Flasche Wein und einem wagenradgroßen Blumenstrauß stundenlang ihre Wohnung belagerte, um Gnade und Verzeihung bettelte, und ihr wieder einmal mit tränenumflorter Stimme ewige Liebe und Treue schwor…

Tja…

In der gemütlich eingerichteten Lobby des Hotels Malcesine nahe des kleinen Hafens setzte sie ihre Mund-Nasen-Maske auf und benutzte den Desinfektionsmittel-Spender. Nur Augenblicke später kam ihr der distinguiert wirkende Manager entgegen und machte große Augen.

„Na, das ging aber fix! Keine fünf Minuten nach meinem Anruf ist die Polizei schon hier! Und noch dazu Signora Tenente Bardani persönlich! Ich hätte nie gedacht, dass Sie sich selbst um meine Anzeige kümmern würden.“

„Ich wollte eigentlich nur die Beschwerde gegen Signore Raoul Castron aus der Welt schaffen, und deshalb gerne mit dem jungen Pärchen sprechen, das sich heute Vormittag so über seine Harfenmusik aufgeregt hat.“

„Und eben um diese Leute geht es bei meiner Anzeige. Signora Talbot und Signore Singer haben unser gastliches Haus verlassen, ohne die Rechnung für ihren zehntägigen Aufenthalt zu bezahlen.“

Tiziana wollte die Befragung des Managers beginnen, als die Eingangstür aufschwang und zwei ihrer Wachtmeister eintraten. Sie nickte dem vornehmen Hotelier zu.

„Da sich der Grund für meinen Besuch erledigt hat, überlasse ich Sie nun meinen Kollegen. Sie werden Ihre Anzeige aufnehmen, und eine Fahndung in die Wege leiten. Meine Carabinieri sind tüchtig, es dürfte es kein Problem sein, die Zechpreller dingfest zu machen.“

„Fällt es unter Beamtenbestechung, wenn ich Sie auf unsere schöne Terrasse zu einem Caffé und einem frisch gebackenen Cornetto einlade?“

Zizzy grinste breit und zwinkerte verschmitzt.

„Ich fühle mich recht schwach, das liegt bestimmt an einer Unterzuckerung. Da würden Sie mit Ihrer Einladung viel Gutes für meine Gesundheit tun.“

Als sie unter einem weit ausladenden Sonnenschirm an einem der kleinen Tischchen nahe des Seeufers saß, und ihr der Duft des Backwerks in die Nase stieg, wurde ihr bewusst, dass sie seit dem Frühstück vor gut sieben Stunden nichts mehr zu sich genommen hatte. Sie verschlang in wenigen großen Bissen das knusprige Hörnchen. Dies und der heiße, starke Kaffee stärkten ihre Lebensgeister, sie legte ein Trinkgeld für den Kellner auf den Tisch, und wandte sich zum Gehen.

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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6 Responses to Familiengeheimnisse (Teil 2)…

  1. Gudrun sagt:

    Eine symphatische Frau, deine Protagonistin.

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