Familiengeheimnisse (Teil 3)…

An sich hatte sie vorgehabt, zurück zur Carabinieri Comando Statione zu kehren. Doch dann fiel ihr ein, dass ihre Freundin Gabriella in wenigen Tagen einen runden Geburtstag feierte, und sie immer noch kein passendes Geschenk hatte. So gab sie kurz per Handy Sottotenente Rambolate bescheid.

„Okay, Zizzy. – Ein Commissario Rosso aus der Questura in Verona hat angerufen, um dich zu sprechen. Er will sich morgen wieder melden.“

„Rosso? Noch nie gehört. Muss ein Neuer sein. – Danke, Don. Ciao!“

Sie wandte sich der historischen Altstadt zu. Ganz oben, in der Via Posterna, direkt unter den kühn und wuchtig aufragenden Mauern der alten Scaliger-Festung gab es das Atelier eines jungen Kunstschmieds, dessen handgearbeitete Katzenshilouetten aus Metall ihr schon des Öfteren aufgefallen waren. Genau das Richtige für Gabriella, die passionierte Katzenliebhaberin.

Es hatte aufgehört zu nieseln, ein leichter, aber stetiger, kühler Wind wehte von Norden her, die tief hängende Wolkendecke hob sich, vereinzelt wurden kleine Lücken tiefblauen Himmels sichtbar.

Ein feiner Strahl Sonnenlichts fiel auf Nico, den Miniaturenmaler, der vor seiner Staffelei nahe des kleinen Hafens unter einem großen Schirm saß, und geschickt mit haarfeinen Pinseln eine winzig kleine Leinwand bearbeitete. Hinter ihm verharrte wie immer eine stattliche Schar bewundernder Zuschauer.

Nico der Bayer, der vor langer Zeit nur einen kurzen Urlaub am Gardasee verbringen wollte, und in Malcesine hängen geblieben war, lächelte strahlend und winkte ihr mit einem mit ungezählten bunten Farbkleksen übersäten Tuch zu.

„Ciao, Contessa! Ich wünsche Ihnen einen ganz wundervollen Tag!“

„Danke, mein Bester. Dito!“

Für einen ganz kurzen Augenblick glitt der dunkle Schatten der Erinnerung über ihren Geist. Sie war in der Tat eine Contessa, eine Gräfin. Doch niemand hier in Malcesine wusste davon, nicht einmal ihre engsten Freunde, nicht einmal Don Rambolate, der wie ein jüngerer Bruder für sie war. Seit langem schon hielt sie diesen Teil ihrer Biographie eisern unter Verschluss.

Sie beschleunigte ihren Schritt, um dann jedoch abrupt inne zu halten. Aus den Augenwinkeln hatte sie wahrgenommen, dass an Bord der stattlichen, frisch renovierten Zweimastbark Siora Veronica, einem fast hundert Jahre alten ehemaligen Lastenschiff, das am südlichen Ende des Hafens vertäut lag, zwei dunkle Lockenköpfe verzweifelt versuchten, in die unter Deck liegende elegante Dinette abzutauchen.

Mit wenigen Sprüngen war sie am Bootssteg.

„Linus! Charlie!“

Zögerlich schoben sich die entgeisterten Gesichter ihrer sechzehnjährigen Zwillinge, die eigentlich auf die Namen Ludovico und Carlo getauft worden waren, über den Rand der Luke.

„Was zum Henker habt ihr an der Anordnung ‚Hausarrest‘ heute vormittag nicht verstanden?“

„Franco hat uns um Hilfe gebeten, Mummy…“

„… Für die letzte Rundfahrt heute nachmittag haben ihm beide Gehilfen abgesagt…“

„… und der Franco ist einer unserer besten Freunde…“

„… und gute Freunde soll man nie im Stich lassen, sagst du doch immer, weil sie so selten sind,…“

„… und noch viel wertvoller als Gold.“

Die Eigenart ihrer Söhne, dass Linus einen Satz begann, und Charlie ihn dann fortführte, ging Zizzy zunehmend auf die Nerven. Wahrscheinlich wussten die Zwillinge das, und pflegten diese Art der Konversation mit Absicht, um sie in den Wahnsinn zu treiben, konstatierte sie.

Hinter dem großen Ruder erhob sich Franco aus seiner hockenden Haltung, ein junger Kapitän, der als Stellvertreter Robert Benamatis, Besitzer der Siora Veronica und Italiens Segelchampion, fungierte und vor einigen Jahren den beiden Jungen das Segeln beigebracht hatte. Er schüttelte seinen mit unzähligen dunkelblonden Rasta-Zöpfchen umwunden Kopf.

„Tut mir so leid, Tenente Bardani. Haben die Jungs mal wieder was ausgefressen?“

„Sie können nichts dafür, Franco. – Yepp. Die Kerle haben mit einem schlimmen Dummejungenstreich ihren Chemielehrer zu Tode erschreckt, sie hätten ums Haar einen Verweis einkassiert.“

Tiziana nickte Linus und Charlie zu.

„Schon gut, ihr dürft Franco helfen. – Franco, wenn Sie auf der Fahrt eine einsame Insel weitab vom Ufer entdecken, dann dürfen Sie die Plagen gerne dort aussetzen. – Aber heute Abend werde ich eure Handys und Laptops einkassieren, meine Lieben. Für zwei Wochen. Und der Hausarrest wird um eine Woche auf drei verlängert. Vielleicht bringt euch das endlich einmal zu Vernunft und Einsicht und etwas mehr Verantwortungsbewusstsein. Basta!“

Sie machte auf den Absätzen kehrt und marschierte im Stechschritt davon. Sie konnte fühlen, wie sich die Blicke ihrer vor Schrecken förmlich versteinerten Söhne in ihren Rücken bohrten, und das bereitete ihr eine gewisse Genugtuung.

-.-

About freiedenkerin

Seit meinen Kindertagen pflege ich zu schreiben. Und zu denken. Und wegen meiner manchmal sehr sensiblen Geisteshaltung, meiner offenen, unverstellten, auch unbequemen Art anzuecken. Da es mittlerweile so gut wie unmöglich ist, ohne sich zu verbiegen im etablierten Verlagswesen einen Fuß in die Tür zu bekommen, möchte ich mich auf diesem Wege "austoben" und meiner Stimme sozusagen Gehör (Geles) zu verschaffen. Ich habe eine Menge zu sagen, laßt Euch überraschen! Ich bin Mitte der Fünfziger geboren worden, fühle mich allerdings zeitlos.
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