Die Königssee-Piraten…

Am ersten Mai wird, von Blaskapelle, Trachtenverein, Freiwilliger Feuerwehr, Bürgermeister samt Gemeinderat, Pfarrer im Schlepptau einer Schar scheinbar lammfrommer Ministranten, und zahlreichen Schaulustigen geleitet, der festlich geschmückte Maibaum auf den großen Platz vor der „Bergwirtschaft“ gebracht, gezogen von vier stämmigen Haflingern, und mit viel Eifer, Geschrei, und Einsatz männlicher Muskelkraft aufgestellt. Anschließend beginnt die Festlichkeit mit allerlei ausgelassener Kurzweil wie Eierlaufen, Würstlschnappen und Sackhüpfen für die Kinder, Maibaumklettern, Scheibenschießen, Ringlstechen, Schuhplattln und Tanzen für die Erwachsenen, und das dunkel bersteinfarbene, sehr süffige Bockbier fließt in Strömen.

Zumeist. Manchmal allerdings geschieht es, dass unternehmungslustige Burschen aus einem Nachbarsprengel trotz nächtlicher Bewachung den Baum stehlen. Dieser muss dann unter zähen und langwierigen Verhandlungen und mittels großzügig bemessener Spenden an flüssiger und fester Nahrung ausgelöst werden. Natürlich ist so etwas eine Blamage für das geschädigte Dorf!

Anlässlich der Gebietsreform in den Sechzigern hatte man die beiden Ortschaften Schönau und Königssee, im weiten Berchtesgadener Tal gelegen, vereint. Zwischen den Gemeinden bestanden seit jeher gewisse Spannungen, viele Alteingesessene betrachten auch heute noch diesen seinerzeit unfreiwilligen Zusammenschluss als einen Akt bürokratischer Vergewaltigung.

Die lustigste Stammtischclique in der urigen „Bergwirtschaft“ war die „Milde Dreizehn“. Sie traf sich jeden Freitagabend und sorgten für gehörig Leben und Frohsinn. Die jungen, quirligen und ausgesprochen einfallsreichen Männer waren bei uns sehr angesehen, gute, stets fröhliche Gesellen, überaus trink- und auch spendierfreudig. Fast alle waren im Ortsteil Königssee ansässig.

Anfang der Achtziger stiftete die Forstverwaltung den Schönauern einen Maibaum, gefällt auf der Halbinsel von St. Bartholomä, welche sich wie eine grüne Zunge in den tiefdunklen, geheimnisumrankten Königssee schiebt. Einzige Bedingung: Das Geschenk musste selbst abgeholt werden. Auf dem fjordähnlichen Gewässer dürfen seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nur wenige Motorboote fahren: das vom Förster, eines gehört dem Fischer, und das dritte, ein seltsames Gefährt, eine sogenannte Plätte, dem Saletbauern, der damit seine Rinder zum und vom Obersee transportiert…

Frühmorgens um Vier tuckerte das Motorboot des Forstamtes beladen mit einem halben Dutzend Schönauern über den nachtstillen, tiefschwarzen Königssee. Ihr Ziel war St. Bartholomä. Was sie nicht wissen konnten war, dass unsere umtriebige Wirtshausclique sich durch verwandtschaftliche Beziehungen um viele Ecken den Kahn des Fischers erschlichen hatte, und bereits eine Stunde vor ihnen zur Halbinsel gefahren war.

Die Schönauer legten am Steg an, schulterten ihre stählernen Baumhaken und marschierten Richtung Wald. Kaum hatte das Dunkel sie verschluckt, prischten sich zwei von den Königsseern lautlos an das dummerweise unbewachte kleine Schiff heran. Sie hatten einen meterlangen Schlauch und einen großen Kanister bei sich, saugten aus dem Tank bis auf einen winzigen Rest den Sprit ab und verschwanden wieder hinter dem Bootshaus, wo sie bislang auf der Lauer gelegen hatten.

Eine gute Weile später, inzwischen hatte sich der Himmel zu einem grünstichigen Schiefergrau erhellt, und einige Vögel begannen zaghaft zu singen, kamen die Schönauer zurück, mit vereinten Kräften den Maibaum schleifend. Unter vielfachem „Hauruck!“ ließen sie ihn zu Wasser und vertäuten die noch mit Tannengrün bestandene Krone am Heck ihres Kahns. Dann starteten sie frohgemut den Motor und brummten los. Sie kamen nicht sehr weit, nur bis ungefähr zur Mitte des immerhin etliche hundert Meter breiten Sees. Ein letztes Blubbern, die Schiffschraube drehte sich noch einige Male kraftlos und blieb dann stehen. Ratloses Schweigen, und viele hektische, vergebliche Versuche folgten, den Außenborder erneut anzuwerfen.

Dies war der heiß ersehnte Augenblick für die ungeduldig hinter dem geduckten Bootshaus Wartenden! Sie brausten Vollgas gebend auf die Schönauer zu, die hilflos auf dem Wasser treibend vor Überraschung und Schreck wie versteinert da saßen. Eines brannte sich ihnen unauslöschlich ins Gedächtnis ein: Das überlegen schadenfrohe Grinsen der wohlweislich mit Russ unkenntlich gemachten Räuber, als diese schwungvoll beidrehten, mit einer Axt das Schlepptau kappten, die hölzerne Fracht mit den Spitzhaken längsseits holten, wendeten und Richtung Ortsufer fuhren.

Mit sehr bleichen Gesichtern, abgezehrt und hohlwangig, völlig übermüdet und schweißgebadet, denn an Bord hatte man nur zwei kleine Notpaddel gefunden, trafen die Schönauer lange nach Sonnenaufgang an der Seelände ein. Aufregung und Empörung schlugen hohe Wellen, die Angelegenheit war ungemein blamabel. Piraterie auf dem Königssee, niemand hatte einen derartigen Handstreich je für möglich gehalten! Kurze Zeit später wurde die erste „Lösegeldforderung“ überbracht.

Es war bereits Mittag, als sich endlich der Festzug mit dem freigekauften Maibaum Richtung „Bergwirtschaft“ schob. Die Mienen der Teilnehmer waren alles andere als fröhlich, auch die Blaskapelle spielte lustlos und mit vielen falschen Zwischentönen. In Folge des gemeinen Handstreichs wollte sich die Stimmung in der „Bergwirtschaft“ trotz aller kunstfertigen und kurzweiligen Bemühungen kaum über den frostigen Nullpunkt heben, und die Wirtsleute grämten sich über den schlechtesten Tagesumsatz seit Menschengedenken.

Da ging es auf der Königsseer Seite, beim „Sulzberger“, schon anders zu, wo sich die tapferen und kühnen „Piraten“ und ihr bewundernder Anhang bis weit in die Nacht feiernd und feixend schon sehr anzustrengen hatten, um ihre beachtliche Beute zu vertilgen…

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Ein ganz besonderer Einkehrschwung…

Am kegelförmigen, ungefähr zweitausend Meter hohen Jenner im Berchtesgadener Land befinden sich interessante Buckelpisten, die enorm viel Spaß bereiten, vorausgesetzt, man verfügt über einiges Können und gute Kondition. Die vergnügliche, abwechslungsreiche Abfahrt wies in früheren Jahren zudem eine spezielle Eigenheit auf: Von der Bergstation kommend musste man nach kurzer Strecke entlang des Jennergrats einen steilen Hang hinunter und danach links in eine Querpassage einschwenken, die zum Nadelöhr eines ehemaligen Holzziehwegs und somit zu den Jennerwiesen führte. Jener Linksschwung hatte es in sich. Aber keineswegs der schwierigen Technik wegen. Ein kleines Stückchen geradeaus lag in einer weichen Mulde die Mitterkaseralm, bewirtschaftet von einem wahren Original, einer Legende unter den Hüttenwirten der Nordalpen, dem Klaus-Maxei. Bei ihm gab es einen herrlich feurigen Roten, kräftige Brotzeiten, stets jede Menge handfeste Gaudi – drei gute Gründe, die Brettln der Schwerkraft zu überlassen und sich den Rest der langen Talfahrt für später aufzuheben.

Ein wunderschöner Spätwintertag mit tiefblauem Himmel und glitzerndem, blendend weißen Firn lockte mich zum Jenner – das ist jetzt bald vierzig Jahre her. Das Skifahren war der reinste Traum, überschäumende Freude brannte in jeder meiner Fasern, sang in meinem Herzen. Etliche Spezln traf ich unterwegs. Und den Willi Michl, bayerischer Bluesbarde, damals am ersten Höhepunkt seines Ruhms, sein Album „Ois is a Blues“ zählte zu den Rennern sämtlicher Musikalienhandlungen. Er hatte seine lange Mähne in einen Pferdeschwanz gebändigt, gekrönt von einer Mütze aus imitiertem Biberschwanz, trug eine handgestrickte, dicke Joppe und Bundhosen, und auf dem Rücken seine Gitarre.

Mit der Zeit fiel es mir zunehmend schwerer, die berüchtigte Linkskurve einzuschlagen, all meine Kumpels waren bereits den Verlockungen des Mitterkasers erlegen, Mittag war schon längst vorbei, und Skifahren macht sehr, sehr durstig. So gab ich gleichfalls meinem Verlangen nach, ließ die Skier geradeaus laufen und stoppte nur Augenblicke später mit einem besonders eleganten „Einkehrschwung“ vor der Hütte. Es gab ein fröhliches „Griaß di!“ und Frotzeleien von den Kameraden und ich war noch nicht einmal richtig aus den Bindungen gestiegen, da stand am in den platt getretenen Schnee gerammten groben Holztisch bereits ein gut eingeschenktes Viertel Rotwein parat. Kurze Weile später gesellte sich auch der Willi Michl zu uns.

Wir lehnten faul und selig an der mit ausgebleichten Schindeln verkleideten Kaserwand, schmausten Speck und würzigen Almkäs‘ und ließen uns genüsslich die Wintersonne auf den Pelz brennen. Mit der Zeit wuchsen die Schatten, und ein unangenehm eisiger Wind hauchte durch die Mulde. Der Klaus-Maxei wies mit der Hand auf die sperrangelweit geöffnete Eingangstür und ein gutmütiges Grinsen machte sich auf seinem ständig geröteten, verwitterten Gesicht breit. „Kommt‘s doch nei, drinnen ist‘s jetzt vui griabiger.“

Wir schlugen uns alle warnenden Erinnerungen an frühere Mitterkaser-“Abstürze“ aus dem Sinn und folgten fröhlich seiner Einladung. Die klobigen Skischuhe polterten über die vernarbten Bodendielen, Tische rückten, Stühle scharrten, Gläser klirrten. Der Willi Michl hatte seine Klampfe im Schoß und hub leise an zu präludieren. Wir forderten ihn begeistert auf, eines seiner bayerischen Blueslieder vorzutragen, er schmunzelte verschmitzt in seinen üppig wuchernden Vollbart und ließ sich nicht lange bitten.

Zwei Skiwachtler traten ein, sie hatten in ihrer Bergrettungs-Ausrüstung auch eine Blockflöte und mehrere Okarinas dabei. Der Klaus-Maxei lösste seine alte, silberne Trompete von der Hüttenwand und spielte sich ein – und mir nichts dir nichts war der herrlichste Hoagascht (Stubenmusi) im Gange mit ungekünstelter Volksmusik, Gesang und G‘stanzln. Der Wirt schlurfte zu den beschlagenen kleinen Fenstern und zog unbemerkt die bunt karierten Vorhänge zu. Die Damen lud er auf einen Pikkolo und ein Glaserl Likör ein, den Männern stellte er eine Armvoll Rotweinflaschen auf den Tisch, ohne sich zu fragen, wer wohl die Zeche bezahlen möge. Die Freude am Leben und am geselligen Beisammensein wiegt doch so viel mehr als alles Geld der Welt.

Wir hatten jegliches Zeitgefühl verloren – bei so viel Gaudi! Bis jemand auf die Idee kam, die Fenster zu öffnen, da die dicht wabernden Tabakschwaden der Raucher uns allmählich den Atem benahmen. Draußen herrschte stockfinstere Nacht, lediglich der halbvolle Mond und das schemenhafte Band der Milchstraße hingen am Firmament und tauchten die Umgegend in einen silbernen Schimmer. Und jetzt im angeheiterten Zustand auf den Skiern ins weit entfernte Tal fahren! Schon das Anlegen der Brettln erwies sich als problematisch. Manch einer steckte dabei unfreiwillig den Kopf in den Schnee – ein gerüttelt Maß an Alkohol und glasklare, eisige Winterluft ergeben einen Schwindel erregenden Cocktail!

Langsam und in Treppenschritten mühten wir uns hoch zur Querfahrt, um dann vorsichtig in den engen Holzziehweg einzuschwingen. Wir waren noch nicht weit gekommen, da tasteten sich grelle Lichtfinger heran und das Brummen starker Motoren dröhnte durch die Stille. Die Pistenraupe – und kein Platz zum Ausweichen! Wohin jetzt? Nach rechts? Nicht gut, denn da landete man in den vorsorglich aufgespannten Fangnetzen wie die Fliege im Leim und darunter gähnte ein tiefer Abgrund. Also Anlauf nehmen, linkerhand die Steilwand hoch schießen, nach einer Latsche greifen und die Beine anziehen! Gleich einer Horde Affen in den Büschen baumelnd haben wir dem Fahrer des ratternd näher kommenden Ungetüms sicherlich einen sehr erheiternden Anblick geboten. Blinkend und grollend schob sich das unförmige Fahrzeug knapp unter uns vorbei. Wir rutschten auf die frisch geebnete Spur zurück und setzten unseren Weg fort.

Eine Biegung noch – und dann verhielten wir oberhalb der Jennerwiesen und staunten. Ein silbriges, erstarrtes Meer tat sich unter uns auf, Woge an Woge, Buckel an Buckel, fahl im Schein des schlanken Mondes schimmernd. Unten im so fernen Tal funkelten unzählige kleine Lichter, Straßenlaternen, wie Geschmeide auf unsichtbare Schnüre gezogen. Über uns, im Dunst des Königssees gleichsam schwebend, glichen die eisigen Gipfel der heimatlichen Berge Urgestalten. Wir fühlten uns so winzig, demütig, und doch auch erhaben in dieser verzaubernden Winternacht, wir stießen uns mit urtümlichen, fast tierhaften Schreien ab und rauschten los.

Es war wie Fliegen, wie schwereloses Tanzen! Was für ein Glücksgefühl! Swingen in einer noch nie erlebten Pracht. Jeder Schwung vollkommen. Die Stahlkanten scharrten und kratzten, die Skispitzen zischten leis beim Eintauchen in die weiße Dünung, bei jeder Drehung stoben gischtend die Schneefahnen hoch, flirrend und blitzend im Sternenlicht, fortgetragen vom frostigen Nachtwind. Wir sausten, kurvten, sprangen durch eine scheinbar überirdische Märchenlandschaft, berauscht, aber längst nicht mehr vom Wein. Wir huschten durch das Halbdunkel wie Kobolde, sangen, jauchzten, jodelten wild, der Sturm der Fahrt riss uns die Laute von den Lippen und trug sie gipfelan, biss in unsere Wangen, machte sie glühen.

Unten bei der Talstation angelangt zögerten wir den letzten Schwung so lang als möglich hinaus. Wir blickten mit großen, ehrfürchtigen, staunenden, freudigen Kinderaugen zurück bergwärts. Unsere Bretter schulternd marschierten wir dann einträchtig zum Parkplatz, gedankenverloren, wie benommen. Der Willi Michl befestigte seine Skier am Dach seiner Nobelkarrosse und blinzelte mir lächelnd zu: „Ja, es is ned ois bloß a Blues.“

Recht hatte er.

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Parkbank-Gespräche (2)…

Es war frostig kalt an jenem Nachmittag, daher überlegte ich lange, bevor ich mich ein Weilchen auf meine Lieblingsbank im Alten Friedhof niederließ. Ich wäre auch nach wenigen Minuten wieder aufgestanden, doch dann brach die Sonne hinter mir durch eine düstere Wolkenbank, und ihre goldenen, sanften Strahlen umschmeichelten wohltuend Nacken und Schultern.

Eine Frau, die ungefähr meines Alters sein mochte, joggte schwer atmend an mir vorbei, kehrte aber nach wenigen Metern um und schritt auf mich zu.

Genug geschuftet für heute!“, keuchte sie und ließ sich an meiner Seite nieder. In einhelligem Schweigen genossen wir die Sonnenwärme. Ein schon recht betagtes Pärchen spazierte langsamen Schrittes an uns vorüber, sich innig an den Händen haltend.

Schön, gell, diese Zweisamkeit.“, sprach meine Banknachbarin versonnen. „So etwas hätte ich auch sehr gerne gehabt. Aber leider ist mir die große Liebe niemals wohlgesinnt gewesen.“

Das ist aber mittlerweile auch alles andere als einfach, den richtigen Partner für ein gemeinsames Leben zu finden.“

Wem sagen Sie das! Ich hatte immer ein ganz besonders großes Talent, mir die falschen Kerle auszusuchen. Meine Wahl fiel immer und immer wieder auf jene Typen, die mir mit Sicherheit Scherereien machen und mich verletzen würden. Die Mannsbilder haben sich von meiner kraftvollen und selbstbewussten Fassade blenden lassen, in mir jemanden gesehen, an den sie sich halten und stützen wollten. Wenn ihnen dann klar wurde, dass ich im Grunde genommen das genaue Gegenteil war, ein völlig lebensfremdes, realitätsfernes, verträumtes Wesen mit einem sehr verkümmerten Selbstbewusstsein, wenn sie ihre Gelüste gestillt hatten, denn ich war eine recht willige Gespielin, dann haben sie mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. – Einer hat vollmundig eine Woche nach unserem Kennenlernen behauptet, mich zu lieben – und kurze Zeit später hat er mich mit seiner Exfrau betrogen und ist mit ihr in Skiurlaub gefahren, und ich dummes Weib habe ihm verziehen und bin so lange bei ihm geblieben, bis er mich finanziell ganz übel übers Ohr gehauen und mich danach gegen seine neue ‚Verlobte‘‘eintauschte‘, eine Bankangestellte, die er nur zwei Wochen zuvor kennen gelernt hatte. – Einer hatte ganz schnell versprochen, das vom Vater geerbte Geschäft stehen und liegen zu lassen, mit mir in eine andere Stadt zu ziehen und dort neu anzufangen, und einige Monate später ist er wie ein Hund auf allen Vieren zu seiner Frau zurück gekrochen. Und ich hatte mich in mein kleines, hübsches Auto gesetzt und den Entschluss gefasst, mich umzubringen. Zum Glück bin ich grade noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen. – Einer war ein großer Trinker vor dem Herrn, immer, wenn er besoffen war – eigentlich ein Dauerzustand bei ihm – dann bekam er das heulende Elend und benahm sich entsetzlich primitiv. Als er mich dann eines Abends in volltrunkenem Zustand schlug, packte ich heimlich meine Sachen und verließ ihn. – Der letzte Kerl war der Schlimmste. Ein sehr fesches Mannsbild, oh ja. Ein Arbeitskollege, ich war damals in einem kleinen Bücherladen am Luitpoldpark beschäftigt. Und bereits über Mitte Vierzig, als es bei mir so richtig funkte. Er lebte von seiner Frau getrennt, die anscheinend so schwere psychische Probleme hatte, dass ein Zusammenleben für ihn nicht mehr möglich war. Es begann eine Leidenszeit für mich, die über drei Jahre dauerte. Im Nachhinein erscheint mir diese Beziehung, oder was das gewesen sein mochte, immer wie eine grausame Achterbahnfahrt. Er konnte so charmant sein und mich mit seinen tiefen Blicken und sanften Berührungen umgarnen und um den Verstand bringen – wenn er einen Gefallen von mir haben wollte. Und dann stieß er mich wieder von sich. Ich sei nur eine gute Freundin für ihn, und mehr nicht. Und der einzige Mensch, den er wirklich lieben würde, sei seine Frau. Und dann ging das Spielchen wieder von vorne los. Eine gute Freundin, eine Psychotherapeutin, hat mir dann endlich die Augen geöffnet. Die Zeit danach war verdammt bitter und so voller Seelenschmerz. – Liebeskummer hat seinen ganz eigenen Schmerz, den man nicht so richtig in Worte fassen kann, finden Sie nicht auch?“

Ich nickte langsam und verbannte energisch eine sehr düstere Erinnerung, die sich wie durch ein Hintertürchen in mein Herz und meine Seele schleichen wollte.

Meine Banknachbarin fuhr fort: „Das ist nun schon etliche Jahre her, und seitdem bin ich Single, und inzwischen fast in den Sechzigern. Aber, ich sag‘ Ihnen was, obwohl Männer mich so sehr leiden ließen, bin nicht verbittert! Ich trage keinem dieser Männer etwas nach! Und ich trage an all meinem Unheil ja auch ein ordentliches Quäntchen Mitschuld. Ich glaube immer noch an die Liebe. Und vielleicht wird mir ja auch noch eines Tages der eine Mann begegnen, der mir ein lieber und treuer Lebensgefährte sein wird. – Und wenn nicht in diesem Leben, dann ganz bestimmt im nächsten!“

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Parkbank-Gespräche (1)…

Wenn ich zu bequem bin, mit der Regionalbahn aufs Land zu fahren, oder ich mich mal wieder nicht rechtzeitig aus dem warmen Bettchen bequemen konnte, dann pflege ich gerne ein halbes Stünderl in einem nahen, kleinen, aufgelassenen Friedhof spazieren zu gehen. In der Regel habe ich die Kamera dabei, denn diese kleine, etwas verwilderte Oase inmitten des Großstadtdschungels ist ein Refugium für viele Singvögel, Eichhörnchen und Igel.

Habe ich eine ausgedehnte Runde gedreht, dann lasse ich mich auf einer ganz bestimmten Parkbank nieder. Dort scheint die Sonne vor allem an Spätwinternachmittagen am längsten. Und man hat eine der Nusskästchen für Eichhörnchen, die am rauen Stamm eines betagten Laubbaumes befestigt ist, gut im Blick. Hin und wieder gesellen sich SpaziergängerInnen zu mir, und daraus haben sich schon einige interessante Unterhaltungen ergeben.

Eines Tages hatte ich es mir auf der Bank bequem gemacht und genoss mit geschlossenen Augen die sanft wärmenden Strahlen der bereits sehr tief stehenden Sonne. Ich hörte, wie jemand neben mir Platz nahm. Eine Weile herrschte Schweigen, dann vernahm ich einen seligen Seufzer: „Das Leben ist schön, nicht wahr!“

Ich schlug die Augen auf und musterte ein wenig neugierig die Sprecherin. Es war eine zierliche, kleine, alte Dame, schätzungsweise gut in den Siebzigern. Sie trug eine silberweiße, modische Kurzhaarfrisur unter einer keck sitzenden Baskenmütze, hatte ein dezentes Make Up aufgetragen, und war in einen wollenen, eleganten Wintermantel gehüllt.

Ich nickte schmunzelnd. „Oh ja, das finde ich auch. Es ist zwar manchmal wie ein fürchterlicher Ritt auf einem bockenden Wildpferd, aber wenn man abgeworfen wird, dann klopft man sich halt den Staub ab, sortiert seine Knochen und schwingt sich wieder in den Sattel.“

Die Dame schwang einen zierlichen Zeigefinger mit rotlackierten und sorgfältig zurecht gefeilten Fingernagel durch die frische Winterluft. „Das gefällt mir! Sehr sogar!“ Sie blickte auf meine Kamera in meinem Schoß. „Sind Sie Fotografin?“

Das ist eines meiner Lieblingshobbies. Ich beobachte so gerne die Eichhörnchen, wie geschickt sie mit dem Köpfchen die Klappe der Nusskiste dort am Baum aufstemmen und sich dann ihre Leckerbissen holen.“

Ich gehe sehr gerne spazieren. Und lese viel. Außerdem liebe ich Musik, ich besuche sehr viele klassische Konzerte. Und zweimal in der Woche helfe ich ehrenamtlich bei einer Tafel mit.“

Ich nickte anerkennend. Sie hing ein Weilchen schweigend ihren Gedanken nach und fuhr dann fort: „Wissen Sie, das war ich nicht immer, so dem Leben zugewandt, meine ich. Ich war beinahe fünfzig Jahre lang verheiratet. Mein Mann war meine ganz große Liebe, ich war fast noch ein Kind, als wir uns kennenlernten. Wir haben viele Reisen miteinander unternommen, haben uns die Welt angeschaut. Viel gelernt dabei. Nach einem schweren Unfall wurde mein herzallerliebster Wolfgang zum Pflegefall. Ich betreute ihn lange Zeit, bis er einen schweren Schlaganfall erlitt. Er starb in meinen Armen.“

Sie griff nach meiner Rechten und ich drückte diese sanft.

Nach seinem Tod wollte ich nicht mehr weiter leben. Ich existierte nur noch mehr vor mich hin, vernachlässigte meine Körperpflege und mein Aussehen, was ich trug, war mir völlig egal, ich schottete mich komplett ab und wollte mit keinem Menschen mehr etwas zu tun haben. Es hatte alles seinen Sinn verloren. Ich vertraute niemandem mehr, jeder Mitmensch war mein Feind – unfähig, dumm, rücksichtslos, verletzend… Wenn ich doch einmal die Wohnung verlassen musste, dann war das für mich eine ganz furchtbare Qual. Ich wäre so gerne gestorben, war aber viel zu feige dazu, Selbstmord zu begehen, obwohl ich mir das ungezählte Male in Gedanken ausmalte. – Eines Nachts träumte ich von meinem Wolfgang. Er stand vor mir, wirkte so real wie Sie hier neben mir. Er sah so traurig aus, so viel Schmerz war in seinen schönen braunen Augen. Ich fragte ihn voller Hoffnung, ob ich denn nun endlich zu ihm kommen dürfte, aber er schüttelte den Kopf. Und dann hielt er mir eine Standpauke: Glaubst du vielleicht, mir gefällt, was du aus deinem Leben gemacht hast? Wie du dahinvegetierst? Dein Körper ist noch lebendig, aber innerlich bist viel mehr tot als ich! Glaubst du denn, mich freut, wie sehr du das Leben missachtest? Wie du es wegwirfst, als wäre es irgendein billiger und wertloser Tand? Denkt ihr Hinterbliebenen denn, ihr würdet uns Verstorbenen damit einen Gefallen tun, indem ihr so achtlos mit der Zeit umgeht, die euch geschenkt worden ist? Das tut ihr nicht! Das ist so grundfalsch! Leben sollt ihr, sollst du! Und das Leben feiern, Tag für Tag! Euch öffnen und auf andere zugehen! Freuen sollst du dich, und anderen Freude geben! So ehrt ihr die Geliebten, die euch voraus gegangen sind! Nicht mit endlosen Tränen und Gram, mit Achtlosigkeit vor euch selbst, mit dem lebendig begraben sein! Nein! Mit Humor und Güte, mit Seelenstärke und Lebenskraft, mit Schönheit und Glück, mit Freude und Mut und Offenheit! – Dann entschwand er wieder. – Kurze Zeit später wurde ich wach. Ich atmete tief durch und fasste den festen Entschluss, das Leben wieder zu genießen – mich wieder in den Sattel meines Wildpferdes zu schwingen.“

Sie schüttelte meine Hand, die sie immer noch umfangen hielt.

Vielen Dank, junge Frau, dass Sie so geduldig meiner Geschichte zugehört haben.“

Gerne! Und für das ‚junge Frau‘ würde ich Ihnen mit Vergnügen ein Gläschen Sekt spendieren.“

Dann sollten wir vor zur kleinen Ziegler-Bäckerei gehen. Sie bezahlen die Getränke, und ich den Kuchen. Wenn ich mich nicht irre, gibt es heute frische Windbeutel.“

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Die „Geisterfahrerin“…

… Nachdem sich das Chaos meiner Spätjugend einigermaßen in Wohlgefallen aufgelöst hatte, alle Schulden beglichen waren, und ich im beruflichen Metier recht sicher zugange war, fand ich, dass es höchste Zeit war, den Führerschein zu machen. Die Sache musste allerdings Hand und Fuß haben. Fahrerlaubnis ohne eigenes Auto kam für mich überhaupt nicht in Frage. Jeden Abend, wenn ich mich, erschöpft vom redlichen Tagwerk, zu Bett begeben hatte, frönte ich eine geraume Weile der beglückenden Wunschvorstellung, mit dem taufrischen „Lappen“ in der Hand elegant und nonchalant vom Prüfungswagen in den eigenen zu wechseln. Also machte ich mich voller Tatendrang nach dem geeigneten fahrbaren Untersatz…

… Ungefähr zehn Tage vor dem großen Termin verliebte ich mich bis über beide Ohren in einen kleinen, blitzblanken, rot leuchtenden, gebrauchten Fiat128, den ich im Vorbeischlendern auf dem Parkplatz eines Autohändlers entdeckt hatte. Ich schlich viele Male seufzend und in Gedanken immer wieder den aktuellen Kontostand überschlagend um das Objekt meiner Begierde herum. Dann fasste ich mir ein Herz, plünderte das Sparbuch, und mein liebenswerter Chef, der mich unter seine Fittiche genommen hatte, bürgte bei der Bank für einen kleinen Kredit. Ich ging hin und kaufte die Kiste. Schwungvoll setzte ich die Unterschrift auf den Vertrag und blätterte die knisternden, nagelneuen, sehr großen Scheine auf den ramponierten Tisch im Büro des Händlers. Der drückte mir die Papiere und die Schlüssel in die Hand und meinte: „Des mit’m Anmeldn mach‘ ma in Nullkommanix, dann kannst dei Auto glei wegfahrn.“ Bedauernd schüttelte ich den Kopf. „Geht net, i hab mei Führerscheinprüfung erst in einer Woch‘.“ Der kleine, sehr korpulente Mann legte die fleischige, hohe Stirn in Falten. „So a Mist! I kriag bald a große Lieferung Neuwagn, da brauch‘ i jedn Stellplatz. – Aber glei nach da Prüfung kummst und holst dei Karre ab, ja?“ Ich strahlte ihn schier berstend vor Zuversicht an. „Versprochn!“ Und stelzte von dannen. Ich konnte den nächsten Mittwoch kaum erwarten…

… Aber, wie ein altes Sprichwort besagt: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt…

… Den theoretischen Teil bestand ich fehlerfrei. Doch von dem Moment an, da ich mich an einem trüben, verregneten Vormittag hinter das Lenkrad des Fahrschul-Golfs klemmte, ging alles schief. Ich fiel mit Pauken und Trompeten durch. Wie belämmert stieg ich aus und fand mich völlig planlos auf dem großen Parkplatz unterhalb der Fahrschule wieder. Himmel die Berge, was war mir elend zumute! – Sei vernünftig, ruf deinen Bruder oder einen Spezl an, dein Fiat muss abgeholt werden, riet mir mein weises inneres Stimmchen. – Ach, nein, diese Schmach, diese Blamage!…

… Irgendwann stand ich vor dem verglasten Kontor des Autohändlers. Der sprang hinter seinem Schreibtisch hoch, strahlte über sämtliche Backen, eierte eifrig auf mich zu, quetschte meine Rechte mit seinen Patschhändchen und dröhnte: „Meinen herzlichen Glückwunsch zum Führerschein!“…

… Ich schluckte heftig. Der gute Mann geleitete mich zu meiner signalrot leuchtenden Karrosse und hielt mir grinsend wie ein Honigkuchenpferd chevalresk den Wagenschlag auf. Ich zuckte innerlich mit den Schultern, warf alle Skrupel über Bord, würgte das schockiert zeternde innere Stimmchen ab, stieg ein, und rollte ganz, ganz zaghaft auf die Straße hinaus…

… Nach ein paar hundert Metern verstand ich überhaupt nicht mehr, warum ich durchgefallen war, ich konnte doch so gut chauffieren! Schwungvoll parkte ich an der nächsten Tankstelle ein, zapfte dreißig Liter Super für das geliebte Gefährt und bestellte einen kompletten Satz Winterreifen, den ich natürlich sofort aufziehen ließ. Sodann kurvte ich gemächlich weiter zur „Bergwirtschaft“, jenem alteingesessenen, bayerischen Gasthaus, in dem ich damals zu arbeiten und zu wohnen pflegte, und stellte den fahrbaren Untersatz unbemerkt hinter dem Anwesen ab. Danach ging ich den Eltern beichten, aber nur die nicht bestandene Prüfung, und ließ mich mit einer guten Portion kräftigen Eintopfs samt Trost und Anteilnahme seelisch wieder aufbauen…

… Der Rest der Woche verstrich, und jedesmal, wenn ich während der Arbeit aus dem Fenster blickte und den kleinen Flitzer so verlassen dastehen sah, wurde mir weh ums Herz. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, am nächsten dienstfreien Nachmittag setzte ich mich ans Steuer und glitt beseligt kreuz und quer durch’s weite Tal. Das weise innere Stimmchen hatte ich mit dem Argument zum Schweigen gebracht, dass untertags so gut wie nie Polizeistreifen unterwegs sein würden, ich also völlig sicher sei…

… Danach waren sämtliche Bedenken wie weggewischt. Ich weihte meinen jüngeren Bruder ein, der bereits stolzer Führerscheinbesitzer war. Zusammen unternahmen wir manch schöne Spritztour auf anspruchsvollen und kehrenreichen Bergstraßen. Beim rasanten und vergnüglichen Durchpflügen einiger schmaler, verschneiter Weglein durch Wälder und Wiesen brachte er mir bei, wie ein Rallye-Pilot in die Kurven zu gehen: gleichzeitig Gas geben und Bremsen, damit das Heck ordentlich ausbricht. Mit einem Spezl übte ich auf einem riesigen, spiegelglatt gefrorenen, gähnend leeren Parkplatz die „Gangsterwende“, geht ganz einfach, man muss das Lenkrad bis zum Anschlag herumreißen und dazu die Handbremse ziehen…

… Von der Fahrschule kam nach einer Woche ein Anruf: Ich solle doch bitte zwecks Anmeldung zur nächsten Prüfung kurz vorbei schauen. So startete ich wohlgemut den Fiat, fuhr höchst frech bis vor die Eingangstür des Unterrichtsraums, unterschrieb den neuen Antrag, ließ mir noch eine Praxisstunde aufs Auge drücken, und tuckerte dann wieder zurück. Allerdings überaus vorsichtig, denn nach einem leichten Nieselregen war es mit Einbruch der Dunkelheit bitterlich frostig geworden, und die Straße glich zunehmend einer Eislaufbahn. Als ich vorsichtig einen Berg hinab schlich, rutschte mir vor Schreck das Herz in Richtung Eingeweide. Blaulicht! Straßensperre! Hilfe! Die Polizei! Nun bist du geliefert, krähte schadenfroh das weise innere Stimmchen…

… Zwei PKWs waren ineinander geschliddert, zum Glück nur Blechschaden. Der junge Beamte, welcher mich an der Unfallstelle vorbei winkte, nickte mir freundlich lächelnd zu. Ich zwang ein nussknackerähnliches Grinsen in die entgleisten Gesichtszüge und machte, dass ich von dannen kam. Der Schreck war heilsam. Von nun an ließ ich das „Geisterfahren“ sein, auch wenn es mich viel Überwindung kostete…

… Als der Fahrlehrer mich nach der Übungsstunde absetzte, staunte er: „Du verhältst dich ja wie ein alter Hase! hat dir nicht geschadet, dass du das erste Mal durchgesaust bist. – Weißt‘ was, wenn’sd übermorgen wieder a bisserl nervös bist, dann trinkst halt nach dem Frühstück a Glaserl Sekt. Des is guad für die Nerven.“…

… So kredenzte ich mir am Tage X nach einer ausgedehnten Brotzeit einen Pikkolo. Mit einem sehr ausgeprägten L-m-a-A-Gefühl flitzte ich geschickt den Fiat steuernd zum Parkplatz nahe der Fahrschule. Ich stellte mein Gefährt im entferntesten Eck ab, schlenderte lässig einher, drapierte mich hinters Lenkrad, lächelte dem Beamten freundlich, aber mit geschlossenem Mund zu, der durfte ja schließlich meine kleine Fahne nicht riechen, unterdrückte einen unfeinen Rülpser – was muss Sekt auch so viel Kohlensäure haben! – und legte los…

… Die steile Straße hoch zur Mautschranke? Na, wenn’s weiter nichts ist! Anfahren am Berg? Aber bitteschön, eine meiner leichtesten Übungen! Rückwärts-seitwärts einparken? So was mach‘ ich mit dem kleinen Finger! Völlig selig und losgelöst ließ ich mich beinahe eine Stunde lang hin und her, rauf und runter durch den ganzen weiten Talkessel jagen…

… Mit genau dem richtigen Maß an Schwung stellte ich den Golf endlich wieder vor der Fahrschule ab. Schweigen. Dann spürte ich, wie mir ein kleines Stück Papier in die Hand gedrückt wurde. „Wenn alle Prüflinge so nervenstark, talentiert und diszipliniert wären wie Sie, dann würde mir meine Arbeit nochmal so viel Freude machen. Meine Glückwünsche zum Führerschein!“…

… Mit stolz geschwellter Brust stelzte ich über die weite Fläche glänzenden Asphalts, schon von ferne konnte ich die Chromleisten meines vierräderigen Schatzes in der Wintersonne blitzen und die Außenspiegel mir fröhlich zuwinken sehen – haargenau so wie in meinen Tagträumen. Mehr als zufrieden mit mir stieg ich ein, drehte den Zündschlüssel um, und tat eine geraume Weile nichts anderes, als mit geschlossenen Augen überglücklich dem sanften Brummen des Motors zu lauschen. Dann legte ich den Gang ein und fuhr los – einfach der Nase nach…

 

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Begegnungen im Park (1)…

 1. Florian – des Lebens Morgen

 

 

Zu Beginn des Monats war der Frühling wie eine Flut in die Stadt und ihrer darin treibenden Parks und Gärten gequollen, die nach den Unbillen des harten Winters traurig und öde wirkten, mit zierlichem, jungem Grün und aufspringenden Knospen der Welt beinahe gewaltsam ein neues Gesicht aufdrückend. Nun, einige Wochen später, ebbte das heftige Erwachen der neuen Jahreszeit allmählich ab, vom Wispern dicht belaubter Bäume, der Emsigkeit nistender Vögel, die unentwegt in pfeilschnellem Rhythmus ihren quengelnden Nachwuchs versorgten, und mildem Sonnenfeuer begleitet, hielt so etwas wie ein heiterer Friede, ein Atemholen Einzug. Die Medien schwärmten voreilig vom „Jahrhundertsommer“ und viele Städter schickten sich an, die Koffer zu packen und in übervolle Urlaubsorte zu entfliehen, als könnten sie diese grüngoldene, beschwingende Stimmung nicht ertragen.

Inmitten einer großzügig angelegten Parklandschaft spiegelten die stillen Wasser eines Sees das von Spitzenmustern ausgefranster Kondensstreifen und den zarten Wattebäuschen einiger Föhnwolken verzierte Himmelsblau wider. Rings um das Gewässer befanden sich im Schatten betagter Laubbäume olivgrün lackierte Bänke, wie willkürlich hingestreut, um müden Bummlern und Müßiggängern Rast zu bieten, am Ostufer drängten sich die einem Schweizer Chalet nachempfundenen Bauten eines Restaurants mit permanent übervollem Biergarten an das mit dunklem Moos gesäumte Ufer.

Fernab dieser lärmenden Oase überteuerter Gaumenfreuden bahnte sich, mit bemerkenswert jugendlichem Elan die betagten Füße voreinander setzend, ein Greis seine Spur über das helle Band eines Kiespfads. Sein gelegentliches, scharfäugiges Stochern in den beiderseits des Wegs aufgestellten großen Papierkörben war nicht erfolglos gewesen, unter den rechten Arm geklemmt trug er einen zerzausten Packen Tageszeitungen.

Sein Lieblingsplatz befand sich an jener Stelle des kleinen Sees, da dieser von einem sirupfarben sprudelnden Bach gespeist wurde. Hier wich die niedere Uferböschung zurück, um einer sanft und verträumt geschwungenen Bucht Platz zu schaffen, über den raunenden Flusslauf spannte sich der zierliche Bogen einer mit einem kunstvollen, schmiedeeisernen Geländer eingefassten Brücke, gegenüber krümmte sich der Spazierweg in einer Kehre um eine mit smaragdgrünem Gras bestandene Lichtung.

Voll Behagen ließ sich der Alte auf seiner angestammten Bank nieder, welche er zu seiner stillen Freude unbesetzt vorgefunden hatte, den ramponierten Stapel Lektüre linkerhand deponierend. Seit etlichen Lenzen zählte er während der warmen Jahreszeiten zum gewohnten Anblick hier im Stadtpark, jeden Sonnentag dasselbe kleine Ritual vollziehend. Das kühle Halbdunkel des Refugiums hob die Alterszierlichkeit seiner dennoch agilen Gestalt hervor, während es gleichzeitig die tief eingegrabenen Runen und Furchen des recht flächigen Gesichtes milderte. Die Haarpracht beschränkte sich auf einen spärlichen, schlohweißen und kurz geschorenen Kranz, welcher einen hochgewölbten, ebenmäßig gerundeten Kahlkopf umrahmte, seine schmalen, aber sinnenfrohen Lippen verbarg ein üppiger, schneeiger Schnauzbart, der von ihm allmorgendlich mit einem Anflug von Schalk und Übermut an den Enden penibel hoch gezwirbelt wurde.

Aufseufzend beugte er sich über die Gazetten und machte sich daran, diese sorgfältig zu glätten und zu sortieren…

Nun wurden seine Bewegungen sparsam und sorgfältig, so, als würde er sich der entspannt andächtigen Stimmung seiner Umgebung unbewusst anpassen. Hier schien sich der hastige, immer intensiver fortschreitende Wahn des neuen Jahrtausends, das Raffen und Gieren nach Macht und Geld, das Hasten nach ach so wichtigen, unzähligen Terminen, alle Ungeduld und Unbesonnenheit, das rastlose, unablässige Ticken und Fordern stets vorhandener Zeitmesser zu brechen wie an einem Bollwerk…

Das nur wenige Seiten zählende tagtäglich erscheinende Spitzenblatt der sogenannten Boulevardpresse, auf deren Titelseite mit übergroßen Lettern die neueste Affäre eines sogenannten Stars breitgetreten wurde, während sich daneben lasziv ein völlig hüllenloses Geschöpf räkelte, welches die Enkelin des Lesers hätte sein können, wurde unwillig grummelnd und mit böse gerunzelter Stirn zusammen geknüllt und im neben der Bank aufgepflanzten Mülleimer versenkt. Das einzig Lesenswerte dieses Schmierblatts waren zu Wochenbeginn die Sportberichte und Fußballergebnisse…

Seitdem ihm bewusst geworden war, dass ihm die Kunst des Philosophierens zu eigen war, die Fähigkeit, über das Menschsein, die niemals lösbaren und darum stets aufs Neue faszinierenden Fragen über das Wozu und Wohin, dem rätselhaften, bestürzenden Lauf der Geschichte, der Geschicke und der unermesslichen Vielfalt an Schicksalen, einzelnen kleinen Universen nachzusinnen, war in ihm zugleich ein tiefes Unverständnis gegenüber jegliche Art von Volksverdummung erwacht. Seit langem schon sah er sich ihr Tag um Tag ausgesetzt. In fetten Schlagzeilen, in primitiven Talk-Shows, realitätsfremden Werbespots, lieblos abgedrehten, mit Klischees vollgepfropften Fernsehserien und dem schlampig recherchierenden, reißerisch aufgemachtem „Infotainment“ der Privatsender wird beständig indoktriniert, was heutzutage von ausschließlicher Wichtigkeit zu sein hat: Möglichst rasch zu möglichst viel Geld kommen, ohne Skrupel Erfolg zu haben, mit dem rasantesten Auto durch die Stadt zu „cruisen“, vom „abgefahrendsten“ Urlaub prahlen zu können, modisch unablässig auf dem neuesten Stand zu sein, dynamische Jugend zu verkörpern, eine fettfreie, muskulöse, makellose Figur vorweisen zu können – sportlich sein, schön sein – obwohl, was man heutzutage so als Schönheit zu definieren pflegt…! Die schnellst möglichste, vielfältigste, gierigste Befriedigung der Triebe, stets auf der Jagd sein nach dem neuesten „Kick“ und „Hype“ – Oberflächlichkeit, gähnend wie ein dunkler und abgrundtiefer, jegliche Individualität, kritische und sich selbst hinterfragende Reflektion verschlingender Schlund… Wird uns dies vorsätzlich angetan? Steckt als Ziel dahinter, das Niveau möglichst niedrig zu halten, damit das Gros der „zivilisierten“ Menschheit nicht in Versuchung gerät, sich über wahre und erschreckende Probleme Gedanken zu machen?

 

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Wassertropfenwelt…

… Halikinets befand sich in einer glasklaren und flüssigen, kugeligen Sphäre. Es war ein winzig, winzig, winzig kleines, schwebendes Reich, umschlossen von einer äußerst dünnen und dennoch sehr stabilen Membran. Kein einziges der zierlichen Geschöpfe, die dort ihren Lebensraum, ihre Zivilisation geschaffen hatten, und die mikroskopisch kleinen Blumen glichen, hatte bislang den Versuch gemacht, diese Schutzschicht zu durchstoßen, abergläubisch, misstrauisch und ängstlich hielt man sich von ihr fern, und die Ältesten und Weisesten pflegten stets voller Inbrunst zu behaupten: „Da draußen ist nichts. Nur eine gähnende Leere, ein bodenloses Nichts.“…

… Doch der junge Helianiss, seit seinen frühen Tagen ein Phantast und Träumer, was vielen seiner Artgenossen oft sehr befremdlich vorkam, glaubte den Beteuerungen des Obersten Rates und der Hohepriester nicht. Er hatte sich schon sehr oft in einsamen Nächten verstohlen der Membran genähert und rätselhafte Schemen, Schatten, riesige Umrisse eher erfühlt als wahr genommen, Dinge, die zu gewaltig waren, als dass sein Verstand sie zu deuten wusste…

… Nach einer langen und friedvollen Periode kühlen und dunklen Grüns veränderte sich plötzlich die so sicher geglaubte Welt Halikinets, es wurde heller, grelles Licht begann in das kugelige Reich zu strömen, die Temperatur der flüssigen Atmosphäre stieg bedrohlich an, der Lebensraum wurde kleiner, immer kleiner, und vom schier greifbaren Entsetzen der winzigen Wesen erfüllt…

… Als Helianiss zu schweben begann, empor getragen von einer ungeheuren Wärme, einem kaum zu ertragenden gleißenden Schein, pochte sein Herz in Triumph und freudiger Erwartung. „Ich habe es immer gewusst! Ich habe es immer gewusst, dass da draußen nicht die Leere, das Nichts auf uns wartet, sondern etwas Überwältigendes, Unerklärliches, Wunderschönes!“…

 

… Ein kleiner Knabe kauerte am Rande eines Blumenbeetes und fragte sich still, verzaubert und völlig versunken, was für eine Welt so ein Regentropfen auf einem Blütenblatt wohl in sich bergen, und wie es in dieser wohl zugehen mochte…

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Hinter der Gardine…

… Hertha und Walter wohnten ihr halbes Leben lang direkt im Ortskern des beschaulichen Dorfes, in welchem ich aufgewachsen bin. Sie residierten im ersten Stock eines beinahe zweihundert Jahre alten ehemaligen Gutshauses. Von den großen und hohen Fenstern ihres Wohnzimmers aus hatten sie den perfekten Blick auf den links der Straße gelegenen kleinen Lebensmittelladen, das dahinter sich auftürmende Hotel im alpenländischen Stil, das Feuerwehrhaus und den weitläufigen Platz vor dem Gemeindehaus. Zu ihren Gepflogenheiten gehörte es, sorgfältig hinter den makellos weißen Gardinen verborgen hinaus zu spähen und das alltägliche Geschehen zu kommentieren, in der Regel waren es abfällige Bemerkungen über ihre Bekannten und Nachbarn im Dorf, sowie Behauptungen, die leider oft nicht der Wahrheit entsprachen…
… Während eines meiner ehemals häufigen Besuche bei ihnen erzählten Hertha und Walter mir von einer Begebenheit, die sich jüngst ereignet hatte. Sie waren bereits ins Bett gegangen, als lautes Geschrei, das vom Vorplatz des Hotels her zu kommen schien, sie wieder aus den Federn trieb. Sie schlichen ins Wohnzimmer, und beobachteten, wie immer hinter der Gardine verborgen, wie ein augenscheinlich angetrunkener Mann wild auf seine Begleiterin einschlug.
„So ein primitiver Bastard! So was Brutales und Unzivilisiertes!“, ereiferte Hertha sich beim Erzählen.
„Habt ihr denn das Fenster aufgemacht und dem Typen zugerufen, er soll gefälligst aufhören, seine Frau zu verprügeln?“
„Aber nein! Wie kommst du denn darauf! Der Kerl hätte einen Stein packen und nach uns werfen können! Oder uns sonstwie bedrohen.“
„Und unsere Nachbarn hätten aufwachen können.“, fügte Walter hinzu.
„Ich nehme an, dass die durch den Radau auch schon längst aufgeweckt worden sind.“, wandte ich ein. „Habt ihr wenigstens die Polizei gerufen?“
„Ach, nein.“
„Wie bitte? Und wieso nicht?“
„Ach, weißt du, die wären dann mitten in der Nacht zu uns in die Wohnung gekommen und hätten uns Fragen gestellt. Und wir wollten uns nicht einmischen, das Ganze ging uns ja gar nichts an! Und was hätten die Nachbarn von uns dann gedacht. Außerdem ist der Hotelier eingeschritten, hat die Beiden getrennt, und kurz darauf ist auch ein Streifenwagen gekommen.“
Der Hotelier. Aha. Jener junge Mann, der von Hertha stets als Duckmäuser und Feigling bezeichnet worden ist, weil er als Knabe klein, zierlich und still war, und sich meist im Hintergrund gehalten hatte.
Ich beugte mich über den Tisch und funkelte die Beiden an. „Die Nachbarn hätten doch auch von euch denken können, dass ihr Menschen mit Courage seid, die nicht zulassen, wenn sich jemand an Schwächeren vergreift. Meint ihr nicht auch?“
Hertha und Walter starrten mich eine Weile stumm an. Dann murmelte Walter: „Du immer mit deinem Idealismus.“
So standen die Beiden noch viele Jahre lang am Wohnzimmerfenster, immer gut hinter der Gardine verborgen, und beobachteten, schimpfend und zeternd – und niemals offen Stärke und Rückgrat zeigend. Denn was sich da draußen abspielte, mochte es auch noch so unmenschlich sein, ging sie ja nichts an…

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Cilly…

… Eine kleine Geschichte, verfasst vor einigen Jahren, über eine sehr bemerkenswerte Frau, die ich vor langer, langer Zeit ein wenig kennenlernen durfte…

… Als am späten Sonntagnachmittag die üppig scheinende Sonne hinter dem Isarhochufer versank, die Ausflügler sich allmählich auf den Heimweg machten und etwas Ruhe in den weitläufigen Garten des Wirtshauses einkehrte, „hingen“ meine Chefin, ihre beste Freundin, die seit zwei Jahren pensioniert ist, und am Wochenende an der Theke aushilft, und ich ein wenig „ab“ und plauderten. Das heißt, jede von uns überbot die Anderen mit den ausführlichen Schilderungen, wo’s denn nun am meisten zwicke und zwacke… Und wir stellten einstimmig fest, daß wir nun beileibe nicht mehr die Jüngsten waren und der Zahn der Zeit bisweilen schon grausam an uns zu nagen begann.

Auf der Heimfahrt kam mir dann eine – im wahrsten Sinne des Wortes – alte Arbeitskollegin in den Sinn. Ich mußte mich schmunzelnd fragen, was sie wohl von all den Beschwerden über unsere Zipperlein gehalten hätte.

Cilly war eine original „Berliner Göre“ gewesen, Tochter einer alt eingesessenen Hutmacherfamilie. Im Strudel der Kriegswirren verschlug es die kleine Sippe in ein verschlafenes Bergdorf nahe des Königssees. Das Mädel lernte das seit Generationen überkommene Handwerk und heiratete zu schicklicher Zeit einen – wie sollte es auch anders sein! – Hutmacher. Ihre kleine Tochter übte grade das Laufen, da erkannte die junge Frau, daß sie einen falschen Weg eingeschlagen hatte. „Den janzen scheenen Tach in ’ner halbdunklen, muffigen Bude hocken und Filz zuschneiden und nähen und so… Nee, nee, det war uff de Dauer nix für mia! Ick brauche Menschen um mia ‚rum, Musik und jute Jespräche und Witzchen, n‘ bißken Schäkern un‘ Tralala. Vastehste mir?“ Sie packte kurzentschlossen ihre Koffer, nahm ihren Sprößling und segelte fortan konsequent unter eigener Flagge, in den biederen und bigotten Nachkriegsjahren, noch dazu in einer erzkonservativen, zutiefst katholischen Gegend ein Skandal sondergleichen. Cilly hob stolz das ausgeprägte, fein modellierte Kinn – eine Geste, die bis ins hohe Alter charakteristisch für sie war –  straffte die schmalen Schultern und scherte sich nichts um das Gerede, Getuschel und die scheelen Blicke. Als die Eltern des „Bergwirtschaft“-Wirtes Simmerl in den frühen Sechzigern den ursprünglichen, in der Mitte des Dorfes gelegenen, Kolonialwarenladen in eine Gaststätte umbauten, fing sie als Bedienung an.

Und blieb der „Bergwirtschaft“ über viele Jahrzehnte hinweg treu. Nachdem sie das Rentenalter erreicht hatte, arbeitete sie noch zweimal die Woche als Aushilfe, bis zu ihrem zweiundachtzigsten Lebensjahr. Es gibt unzählige Anekdoten und Geschichtchen über sie, die am meisten zitierte ist folgende: Cilly hatte ein festes „Revier“ in einer teilweise überdachten Ecke des Biergartens, unweit der Schänke und der Küchenausgabe. Während der Sommersaison gab es mittags stets ein täglich wechselndes Dreigängemenü zu einem seinerzeit unschlagbar günstigen Preis. Als unsere betagte Grand Dame zwei nicht sehr freundlichen Touristinnen grade den Hauptgang servieren wollte, wurde sie angefaucht: „Was soll das denn, wir haben ja noch nicht einmal unsere Suppe bekommen!“ Cilly konterte ungerührt und knochentrocken: „Seien Se froh, die schmeckt heute sowieso nicht.“…

Nachdem sie, äußerst widerwillig, in ihrem beachtlichen Alter das Bedienen ganz an den Nagel hängte, „weißte, Kleene, weil, im Oberstübchen rieselt schon jewaltig der Kalk“, blieb sie uns als treuer Stammgast erhalten. Sie hatte ein Ehrenplätzchen am Seniorentisch, kehrte jeden Nachmittag gegen Fünf bei uns ein, verkonsumierte genüßlich ein kleines Bier und dazu zwei doppelte Kognac und schmauchte, „um den Jenuß zu vervollständigen“, sehr damenhaft eine ellenlange Zigarettenspitze haltend, wohl ein Requisit aus den „Wilden Zwanzigern“, ein halbes Dutzend Sargnägel. Wir „jungen Hühner“ lernten, ihre immer noch scharfe Beobachtungsgabe und Zunge zu fürchten, zumal sie mit ihrer oftmals harschen Kritik niemals hinter dem Berge zu halten pflegte.

Cilly wurde Neunundachtzig, ihr Fortgehen von dieser Welt war unspektakulär, leise und friedlich gewesen, der perfekte Kontrapunkt für ihr turbulentes, lautes, farbenprächtiges, pralles Leben…

Immer dann, wenn die Gefahr besteht, daß mich das Selbstmitleid beuteln könnte, kommt sie mir in den Sinn. Dann sehe ich ihre bis zuletzt schönen, blitzenden, dunkelblauen Augen hinter den großen Brillengläsern, wie ihre Zähne sich in das Mundstück ihrer Zigarettenspitze graben, sehe die fein geschminkten Lippen schmal werden und höre sie mit rauchiger, sonorer Stimme murmeln: „Jammern? Nee, nee, Kleine, det tuste dir nich‘ an. Wer jammert, verliert, merk dir det!“…

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Der Geiger vom Königssee…

 

… Eine steil in den Königssee abfallende Felswand gegenüber der Bedarfsanlegestelle Kessel wird seit jeher „Geigerwand“ genannt. Auf ihr soll es in hellen Vollmondnächten nicht ganz geheuer zugehen. Dann sei dort ein seltsamer und riesengroßer Mann zu sehen sein, der eine Geige bei sich trägt. Er würde sich an den Rand des schier lotrechten Abgrundes stellen und eigenartige, sehr traurige Weisen spielen. Weithin über das Gebirge sind diese Melodien zu hören, bisweilen sogar in das über zwanzig Kilometer entfernte Salzburg…

… Während seines Spiels soll der geheimnisvolle Musiker mühelos, mit geradezu tänzerischer Leichtigkeit, von Felsspitze zu Felsspitze springen, ohne den Bogen abzusetzen und zu unterbrechen. Sobald er seine melancholische Serenade beendet habe, würde er auf ebenso ungeklärte Weise verschwinden, wie er gekommen sei – und niemand weiß, in welche Sphären er sich dann begeben würde…

 

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