Die Schwarze Frau (Teil 38)…

„Nicht zu fassen, nicht wahr, aber es ist so. Ich, die Prinzessin von Savoyen, Abkömmling eines der angesehensten und ältesten Adelsgeschlechter Europas, habe nicht einen einzigen Sous zu meiner freien Verfügung! Meine Schwiegermutter, und dieser Obersthofmeister, diese impertinente Knollennase Kurtz von Senftenau, haben strikte Anweisungen erteilt, mir kein Geld auszuhändigen. Nicht einmal mein eigener Ehemann will mir eine Barschaft geben! Angeblich sei ich zu spendabel, zu großzügig, im Umgang mit Geld zu leichtsinnig! – Gibt es denn gar nichts, mit dem ich dich für die Ungerechtigkeit, die ich dir zugefügt habe, entschädigen kann?“
„Doch, Hoheit. Wenn ich so unverschämt sein darf – vielleicht könntet Ihr eine Messe für meine liebe Mutter in Wasserburg lesen lassen. Sie ist todkrank gewesen, und könnte die Gnade der Heiligen Dreifaltigkeit und der Gottesmutter Maria ganz bestimmt gut gebrauchen.“
Ich muss unbedingt den Jakob fragen, ob das stimmt, dass die Habsburgerin und der Obersthofmeister der Kurprinzessin den Geldhahn zugedreht haben, schoss mir durch den Kopf, als ich zusammen mit Signora Vernoni an die Erfüllung unserer Pflichten ging.
Am gleichen Tag noch bekam ich mein neues zukünftiges Quartier zugewiesen, eine kleine und spärlich möblierte Kammer im Dachgeschoss über den Kurprinzlichen Zimmern. Ich hatte diese mit Cecilia Vernoni zu teilen, was mich nicht im Geringsten störte, ich mochte ihr mütterliches und trotz Lebhaftigkeit duldsames Wesen. Eine der Hofdamen klärte mich zwar hinter vorgehaltener Hand darüber auf, dass die Piemonteserin zu schnarchen und während der Nacht ganze Urwälder abzusägen pflegte, doch ich hatte mich während der gut sechs Jahre, die ich großenteils in Gemeinschaftsunterkünften geweilt hatte, an derlei Geräusche gewöhnt. Das Besondere an dieser Unterkunft war eine kleine Glocke neben der schmalen Tür, sie war in ihrer Halterung an einem straff gespannten Drahtseil befestigt, das direkt ins Schlafgemach der Kurfürstin führte, so informierte mich voller Eifer meine Mitbewohnerin. Wenn die Principessa spät nachts, nachdem der Gemahl das Lager mit ihr geteilt hatte, noch einen Wunsch verspüren sollte, dann müsse sie lediglich den Klingelzug betätigen, und wir würden dann auf schnellstem Wege die nahe, sehr steile und schmale Treppe hinunter laufen und ihr zu Diensten sein können. Die Vernoni, ich durfte sie nun Mama Cecilia nennen, strahlte. Ich war eingedenk meiner Erfahrungen, die ich bislang mit der neuen Herrin gemacht hatte, gar nicht entzückt und malte mir im Geiste eine Unzahl turbulenter und schlafloser Nächte aus. Auch hatte ich so meine Zweifel, dass das Geläut des Glöckchens das Schnarchen der italienischen Kammerfrau übertönen würde. Zudem würde diese Behausung an warmen Sommertagen heißer als ein Backofen sein, und im Winter vor Eiseskälte uns das Wasser in der Waschschüssel einfrieren. Ich hoffte darauf, dass man in den Gemächern unter uns dann kräftig einheizen, und etwas Wärme durch die groben Bodendielen hinauf steigen würde. Dann schalt ich mich eine Närrin, ich hatte mich wohl von der bereits jetzt, im heißesten August!, immer und immer wieder laut geäußerten Angst der Savoyerin vor den kalten Jahreszeiten hier in unseren „nördlichen Breiten“ anstecken lassen. Bis zum Winter würde noch sehr viel Wasser die Isar hinab fließen, wer weiß, was bis dahin alles geschehen mochte.

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“Starlight Sue” (Teil 1)…

Von den historischen Persönlichkeiten und den vielfach dokumentierten Ereignissen, die im Laufe dieser Erzählung Erwähnung finden, einmal abgesehen, sind alle Geschehnisse und Personen frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlich Lebenden oder bereits Verstorbenen und Vorkommnissen ist rein zufällig und keineswegs beabsichtigt.

Prolog: 24. April 1944

Sanft senkten sich in der anbrechenden Dämmerung Dunstschleier über die sanft gewellten Felder und Haine rund um Mildenhall, Suffolk, etwa zehn Kilometer Luftlinie von der berühmten Abtei von Ely, sowie ca. fünfzig Kilometer von der Nordseeküste Englands entfernt. Eine rotglühende, im Abendwind leise wabernde Sonne sank dem westlichen Ende der lang gestreckten Start- und Landebahn von Mildenhall Airfield entgegen. Der Asphalt des Flugfeldes vibrierte unter dem Dröhnen der Propeller. Die Phalanx der 8. Division der US American Air Force setzte sich in Bewegung, Ziel München. Die Vorhut bildeten etwa ein Dutzend zweimotorige, leicht gebaute, schnelle und ausgesprochen wendige DeHavilland Mosquitos. Sie würden zunächst einen Scheinangriff auf Karlsruhe fliegen, um die Nachtabwehr abzulenken. EIn weiterer Pulk Mosquitos würde die in ihren Bombenschächten lagernden Tonnen Stanniolstreifen über der bayerischen Landeshauptstadt abwerfen, um die Funkmessgeräte und somit die Flaks lahm zu legen, sowie mit roter Leuchtmunition die wichtigsten Angriffsziele markieren. Ihnen folgten die wuchtigen, viermotorigen B-17- und B-24-Bomber, die „Fliegenden Festungen“. Insgesamt hoben sich an diesem Frühlingsabend dreihunderfünfzig Kampfflugzeuge in den langsam sich verdunkelnden Himmel. Abseits des Airfields, in einem kleinen, unscheinbar grauen Hangar, arbeitete eine Handvoll Airmen konzentriert daran, einen bauchigen, etwa drei Meter langen, metallen schimmernden Sprengkörper in den aufgeklappten Bombenschacht einer Mosquito zu hieven, und in den dort angebrachten Halterungen sicher zu befestigen. Quer über den Rumpf des Gebildes zog sich eine etwas ungelenk aufgepinselter Namenszug: „Starlight Sue“. Yag Alone und Hart Yob, die beiden jungen Piloten, beobachteten, Kaugummi kauend und mit lässig verschränkten Armen gegen eine der beiden sanft gerundeten Triebwerkskanzeln gelehnt, die Bodencrew. Sie waren seit langem schon bereit für den bevor stehenden Einsatz – olivgrüne Overalls, darüber die hellen Schwimmwesten, träge schlängelten sich unter den linken Achseln die Schläuche der Sauerstoffversorgung hindurch, auf den Rücken waren die Fallschirme geschnallt, die eng anliegenden Schutzkappen mit den darüber geschobenen Schutzbrillen und den seitlich davon baumelnden Atemmasken verbargen ihre kurz geschorenen Haare. Endlich war die Montage beendet, die Airmen schlossen die Klappen des Bombenschachtes und verriegelten ihn. Durch eine schmale Seitentür des Hangars trat Major General Leivenston. Er schritt auf die stramm stehenden und salutierenden Piloten zu. „Rührt euch. – Kurz eine letzte Zusammenfassung, auch wenn ihr das in den letzten Tagen bereits hunderte Male zu hören bekommen habt: Ihr haltet euch hinter und über der Achten. Captain Yob, Sie werden die Zünder der Bombe erst kurz vor Erreichen des Zielgebietes installieren. Da euer Riesenbaby schwerer und größer ist als die normalen Sprengkörper, habt ihr aus Gründen der Gewichtsersparnis nur genügend Sprit für den Hinflug in den Tanks. – Sämtliche Einzelheiten eures Einsatzes befinden sich in dieser Mappe.“ Er überreichte Yag Alone einen dünnen Aktenordner. „Präsident Roosevelt lässt Sie grüßen, er wünscht Ihnen Glück und lässt Ihnen ausrichten: ‘Bringen Sie München ordentlich zum Leuchten.’ – Meine Herren – viel Erfolg. Es war eine Ehre, mit Ihnen gedient zu haben.“ Leivenston verabschiedete sich salutierend.

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Die Schwarze Frau (Teil 37)…

Das ist ja ein schöner Einstand, dachte ich, und fühlte den Kloß in meiner Kehle größer und größer werden. Ach, was war mir elend zumute! Ich konnte der Tränenflut keinen Einhalt gebieten, kauerte mich neben der Tür auf den blanken Holzboden, mich so gut es ging in die Decke wickelnd und leise vor mich hinschluchzend. Ich konnte die Füll gut verstehen, dass sie das Weite gesucht hatte, am liebsten hätte ich es ihr auf der Stelle gleich getan.
Als ich mich ausgeheult hatte, lehnte ich mich gegen die gekalkte Wand, versuchte, es mir so bequem als möglich zu machen, und wenigstens etwas Schlaf zu finden.
Ich schreckte hoch, als ich den gleichmäßigen Klang fester Schritte hörte. Ein Paar blankgewichste Stiefel kam näher, der diffuse Schimmer eines Talglichts erhellte den finsteren Flur.
„Na, wen haben wir denn da! Die schöne Jungfer Adelheid! Was macht Ihr denn an einem so ungastlichen Ort zu solch nachtschlafender Zeit?“, ließ sich eine sanfte Männerstimme vernehmen. Ich starrte hoch und erkannte Vitus, den liebenswürdigen jungen Hartschier.
„Ich übernachte hier.“, gab ich ihm mit so viel Würde als möglich zu verstehen. Eine Weile musterte er mich, nachdenklich auf seiner Unterlippe kauend. Dann half er mir auf die Beine, legte die Rechte um meine Schultern und zog mich mit sich. Ich stemmte wie ein bockiges Pferd die Füße in den Boden. „Nein! Ich kann nicht weg! Wenn nun die Kurprinzessin nach mir ruft! Ich bin nämlich die neue Kammerfrau.“
„Glückwunsch!“, meinte Vitus trocken. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf. „Die Principessa wird heute Nacht ganz sicher nicht nach Euch rufen, glaubt mir. Ihr kommt jetzt mit, denn ich weiß einen sehr gemütlichen Schlafplatz für Euch, gar nicht weit von hier.“
Misstrauisch beäugte ich ihn von der Seite her. Er bugsierte mich in den nahen Rittersaal, dort pflegte sich die Leibwache des Kurprinzen-Paares aufzuhalten. Nahe des hohen Kamins, in dem ein anheimelndes Feuerchen vor sich hin bullerte, saß rund um einen grob gezimmerten Tisch gedrängt eine Handvoll Hartschiere vor großen zinnernen Humpen, die sie recht fleißig aus einem hinter ihnen aufgebockten Bierfass nachfüllten. Sie würdigten uns keines Blickes und waren zu meinem Entsetzen völlig ins Würfelspiel vertieft, was bei Hofe strikt verboten war, da es als Zeitvertreib des Satans, der Schwerverbrecher, Halsabschneider und Henker galt. Vitus drückte mich auf einen niederen, schmucklosen Hocker, er machte sich an einer hohen Truhe zu schaffen, die an der Stirnseite des karg möblierten Raumes stand, zog einen hohen Stapel Decken hervor, den er dann sorgfältig vor der Feuerstelle zu einem recht bequem aussehenden Lager arrangierte.
„So. Ihr werdet jetzt brav einen Becher gewürzten, heissen Weins trinken, und Euch dann hier schlafen legen. Und ich werde Wache halten und Euch vor diesen groben Kerlen hier, sowie tobenden Prinzessinnen und allem anderen Ungemach dieser Welt beschützen, und Euch morgen früh beizeiten wecken. Das verspreche ich.“
Nachdem wir getrunken und ein wenig geplaudert hatten, schlüpfte ich in mein ziemlich gemütliches Nest vor dem glosenden Kamin. Vitus zog seinen hochlehnigen Sessel näher an die Feuerstelle, sich entspannend streckte er seine langen, schlanken Beine aus. Ich fühlte mich so geborgen in der Nähe dieses jungen Mannes, noch nie war mir ein Mensch begegnet, außer Mutter Udalrica und Anna von Sautern vielleicht, der eine solch innere Ruhe, Kraft und Reinheit ausstrahlte. Ich fühlte, wie Zorn, Enttäuschung und Gram über die Weise, wie die Savoyerin mich behandelt hatte, tiefem Frieden und einer wohltuenden Müdigkeit wichen. Ich kuschelte mich zusammen, und dann fielen mir die schweren Lider zu…
… Sanft wurde ich an der Schulter gepackt.
„Hochverehrte Kammerfrau, es ist an der Zeit, aufzustehen.“, flüsterte Vitus mir ins Ohr. Er hatte über dem neu entfachten Kaminfeuer bereits einen Kessel Wasser aufgewärmt, damit ich mich schnell ein wenig säubern konnte. Nachdem ich mein Gewand geglättet, mit den Fingern das Haar geordnet und unter der Haube verstaut hatte, wandte ich mich zu ihm um.
„Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll, Vitus.“
Er fuhr mit den Fingerspitzen leicht über meine Wange.
„Schenkt mir ein Lächeln, Jungfer Adelheid. Das ist mir Belohnung und Dank genug.“
Ich strahlte ihn selig an, dann schlüpfte ich durch die Tür in den Dienstbotengang, schlich auf Zehenspitzen vor das Schlafgemach der Kurprinzessin, ließ mich samt der dünnen Decke nieder, und tat so, als hätte ich die ganze Nacht auf den staubigen Dielen des Flurs verbracht.
Es dauerte nicht lange, und Signora Vernoni lugte vorsichtig durch einen Türspalt. Sie fiel neben mir auf die Knie, nahm mich in die Arme und wiegte mich wehklagend hin und her.
„Ach, du liebes, unschuldiges Mädchen! Oh, du süße, arme Kleine! Es tut mir so sehr leid, es tut unserer Herrin, der Principessa, von Herzen leid, wie sie gestern Abend mit dir umgesprungen ist! Sie will dich sofort sehen, sobald sie aufgewacht ist.“
Henriette Adelaide zerfloss förmlich vor Reue und Zerknirschung. Sie hinderte mich daran, vor ihr Referenz zu machen, umarmte mich sogar, nannte mich ihre beste Freundin, und forderte mich dazu auf, aus ihrem prall gefüllten Schmuckkoffer als Entschädigung etwas auszusuchen. Eingedenk des Skandals, welchen die piemontesische Kammerfrau durch das Tragen der Ohrringe, des Hochzeitsgeschenks Ferdinand Maria’s hervor gerufen hatte, lehnte ich dankend ab. Die Prinzessin knetete nervös ihre langfingrigen Hände.
„Aber irgendein Geschenk muss ich dir doch machen! – Ich kann dir kein Geld geben, denn ich habe keins!“
Das ungläubige Erstaunen muss mir ganz deutlich ins Gesicht geschrieben gewesen sein, denn meine Herrin lachte trocken auf.

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Die Schwarze Frau (Teil 36)…

Ich hatte in den vergangenen sechs Jahren meines Lebens am Münchner Hofe noch nie erlebt, dass es hinter den Kulissen der Residenz vor Gerüchten dermaßen summte wie in einem Bienenstock. Täglich machten neue Geschichten über das Benehmen und Befinden des Kurprinzen-Paares, vor allem über die Savoyerin, die Runde. Klatsch und Tratsch hatte es schon immer gegeben, und ich hatte bislang auch gerne mein Scherflein dazu beigetragen, denn dergleichen war im häufig recht eintönigen Alltag schon so etwas wie eine wohltuende Prise Salz in der Suppe. Nun jedoch machten mir die ständigen, gar oft gehässigen Anekdoten und bösen Witzeleien über Henriette Adelaide, sowie die obszönen Anspielungen auf eine angebliche Impotenz, und gar auf eine mögliche, überaus sündige, sodomistische Neigung zu Männern des Ferdinand Maria das Herz schwer. Ich konnte mir nicht helfen, ich mochte den Prinzen und liebte und verehrte seine Angetraute aus der Ferne wie eine ältere Schwester, die ich nie gehabt hatte. Es tat mir weh, mitanhören zu müssen, wie sie sich durch ihre anscheinend unkontrollierten Wutausbrüche, ihre fast schon hysterischen Weinkrämpfe, die zahllosen unverblümten, abfälligen Bemerkungen über ihren jugendlichen, gleichaltrigen Gemahl, mit welchen sie auch in Anwesenheit adliger Gäste und Besucher wohl nicht hinter dem Berg zu halten pflegte, über die Kurfürstin-Witwe, ihre neue Heimat und den Hofstaat viele Sympathien verscherzte. Man erzählte, dass der Kurprinz zunehmend unzugänglicher werden würde, mürrisch, verschlossen, geradezu menschenscheu, und die Abende lieber in der Gesellschaft seiner engsten Vertrauten oder zurückgezogen in seinem Kabinett verbringen würde, an seinen Elfenbein-Schnitzereien arbeitend, als mit seiner bildschönen Gattin. Das Ehebett würde er in der Regel erst tief nachts aufsuchen, wenn die Principessa bereits fest schlief.
Ich versuchte, meinen Bruder über die Befindlichkeiten des jungen Paares auszuhorchen, bekam aber eine eisige Abfuhr erteilt. Jakob maß mich mit eisigen Augen von oben bis unten und zischelte zwischen zusammengepressten Zähnen hervor: „Es würde jedem hier an diesem Hofe sehr wohl anstehen, würde man sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, anstatt sich das Maul über Dinge zu zerreißen, die die wenigsten von uns etwas angehen. Es handelt sich um die Kurfürstliche Familie, unser Herrscherhaus, das uns Arbeit gibt, Stellungen am Hof, für die uns jeder achtet, und ein Auskommen. Wir sind diesen Menschen Loyalität und Zurückhaltung schuldig.“
„Das geht uns aber was an, mein Lieber. Schließlich sind das die Leut’, die eines vielleicht nicht mehr sehr fernen Tages hier in Bayern das Sagen haben werden.“, entgegnete ich, und fing mir einen Blick ein, der mich auf der Stelle in eine Salzsäule verwandelt haben würde, wenn das einem Normalsterblichen, wie mein Bruder nun einmal war, möglich gewesen wäre. Insgeheim gab ich ihm aber sehr recht.
Meine weise Einsicht verflog allerdings schnell, als ich eines Morgens in der Gesindeküche in der Schlange vor dem Herd anstand, um meinen Napf Gerstenbrei, den obligatorischen Kanten Weißbrot und einen Becher Dünnbier zugeteilt zu bekommen, und die Näherin Gerelinde, die ein arges Plaudertäschlein war, mir zuraunte, dass die Kurfürstin-Witwe der Prinzessin nebst der ältlichen Vernoni nun eine einheimische Kammerfrau zugeteilt hätte. Frau Barbara Füll war die Auserwählte, über die niemand so recht etwas zu sagen wusste, weil sie sehr unscheinbar, zurückhaltend und schweigsam war, und zudem bislang nicht am Hofe gewohnt hatte, sondern auf dem Bauerngütl ihrer Familie etwa eine Meile nördlich des Schwabinger Tores. Sie war mir in all der Zeit in der Residenz nur einige Male begegnet, eine hagere, leicht gebeugt gehende Frau, schon in den Vierzigern, also in meinen Augen bereits recht alt.
„Die ‘Spitzmaus’ hat angeblich die Kammerfrau Vernoni erwischt, wie sie mit den Ohrringen, die der Kurprinz seiner Liebsten zur Hochzeit geschenkt hatte, in der Schwabinger Gasse herumstolziert sei und sich gar fürnehm geriert habe. Es heißt, die Kurprinzessin habe der Wolkenstein danach gesagt, sie habe den Schmuck der Kammerfrau für ihre treuen Dienste gegeben, denn es sei weit unter ihrer Würde, so billig verarbeitete Juwelen zu tragen. – Die Kurprinzessin treibt’s ganz schön bunt, wirklich! Wenn ich die alte Habsburgerin wäre, würde ich sie in die nächste Kutsche setzen, zurück zu den Welschen schicken und dem Papst in Rom einen Sack Gulden spendieren, damit der die Ehe annulieren lässt. Und dann würde ich mich unter den bayerischen Adeligen nach einer braven und anständigen Braut für den Kurprinzen umschauen.“
Nur ein paar Tage später wurde ich in das Audienzzimmer der Kurfürstin-Witwe gebeten. Ich hatte schon erfahren, dass Henriette Adelaide und Frau Füll äußerst heftig aneinander geraten sein mussten, die Kammerfrau hatte daraufhin ihre Sachen gepackt und zeternd und wutschnaubend die Residenz verlassen.
Die Regentin ließ mich lange Zeit vor sich knien, sie zupfte nachdenklich an ihrem Doppelkinn und betrachtete mich forschend.
„An sich bis du viel zu jung und zu unerfahren für die Aufgabe, die ich dir zugedacht habe. Doch ich will es mit dir versuchen, da du es damals in der Hofkapelle wohl recht gut verstanden hast, die Kurprinzessin zu beruhigen. Du bist ab sofort die neue Kammerfrau meiner Schwiegertochter. Du wirst dir die größte Mühe geben, deinen Pflichten äußerst gewissenhaft nachzukommen. Und du wirst Gräfin Wolkenstein und mir regelmäßig Bericht erstatten. Hast du mich verstanden, mein Kind?“
Ich war vor Überraschung und Schreck wie vor den Kopf gestoßen und brachte lediglich ein schwaches Nicken zustande, versuchte, mit einigen gestammelten Worten meine Dankbarkeit über ihr Vertrauen und ihr schönes Geschenk auszudrücken. Und dann ward ich mit der Anweisung, meine Habseligkeiten zu packen und mich im Gemach des jungen Ehepaares einzufinden, auch schon wieder entlassen.
Ferdinand Maria hatte sich eine fiebrige Erkältung zugezogen, und durfte daher auf Anraten der Hofärzte nicht das Bett mit der Principessa teilen. So befahl die Hofmeisterin „Spitzmaus“, dass ich zusammen mit der Vernoni im Schlafzimmer Henriette Adelaide’s zu nächtigen hatte.
Als ich am Abend eintraf, waren zwei Kammerdiener soeben zugange, neben dem breiten Ehebett eine recht komfortable Liegestatt aufzubauen, und vor dem Kamin einige warme Decken zu arrangieren. Die Kurprinzessin trat ein, betrachtete mit einer unwilligen Kerbe zwischen den fein geschwungenen Brauen die Szene, sie stemmte die Hände in die Hüften und fragte mit nicht sehr freundlichem Ton und in mühevoll hervor gebrachtem Deutsch mit starkem Akzent: „Was wird das? Was tut ihr da?“
Einer der Männer verbeugte sich artig und gab Auskunft: „In diesem Bett hier soll auf Befehl der Kurfürstin-Witwe das Fräulein von Gründing schlafen. Und hier“, er wies auf das noch etwas unordentliche Lager, „Frau Vernoni.“
Ein sengender, empörter, verachtungsvoller Blick aus funkelnden, dunklen Augen glitt einen Moment lang über mich weg. „Dieses – Arrangement – findet ganz und gar nicht meine – Zustimmung.“, schnappte Henriette Adelaide. Und dann explodierte sie, eine tiefe Röte überflammte ihr schönes Gesicht, die Wut verzerrte die ebenmäßigen Züge ins Groteske, sie fiel ins von einem markanten Turiner Dialekt geprägte Italienisch zurück. „Meine Vernoni soll auf ein paar stinkenden Pferdedecken übernachten? Meine Vernoni? Jene Frau, die mir von Kindesbeinen an vertraut ist? Die stets wie eine zweite Mutter zu mir gewesen ist? – Ganz bestimmt nicht! Ganz bestimmt nicht! – Richtet diesen beiden alten und giftigen – Damen – aus,“, mit einem Rest an Selbstbeherrschung verschluckte sie weitere höchst unfeine Ausdrücke, die ihr sichtlich auf der Zunge gelegen hatten, „dass ich hier das Sagen habe und bestimme, wer wo schläft, und wie! – Und du!“, sie beugte sich, nahm eine der Decken und schleuderte sie mir heftig ins Gesicht, „Du wirst draußen auf der Schwelle von meinem Schlafzimmer übernachten! Pack dich fort!“ Der Griff, mit dem sie meinen linken Arm ergriff, war so schmerzhaft, dass ich nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrücken konnte, sie zerrte mich zur rückwärtigen Tür, welche auf den Dienstboten-Korridor führte, stieß mich hinaus und donnerte sie dann dermaßen wild wieder ins Schloss, dass rund um den Rahmen an einigen Stellen sogar der Putz von der Wand bröckelte.

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Die Schwarze Frau (Teil 35)…

Ich fingerte aus meiner Rocktasche jenes Tüchlein hervor, welches Vitus mir mitgegeben hatte und reichte es der Kurprinzessin. Sie schnäuzte sich ausgiebig und nicht eben sehr damenhaft und blickte mir düster in die Augen. Ich fuhr ruhig fort: „Bayern ist kein abscheuliches Land, es ist voller Schönheit und reich an Kultur, und die Menschen, Eure Untertanen, können sehr aufgeschlossen und herzlich sein. Und der Kurprinz…“ Ich stockte kurz. Henriette Adelaide wandte den Blick ab und schluckte hart. Ich griff nach ihrer Hand. „Der Kurprinz ist ein guter Mensch, Hoheit. Er hat ein großes Herz, eine mitfühlende und gottesfürchtige Seele, und einen noblen Charakter. Mein Bruder, der ihn sehr gut kennt, und mit ihm sozusagen aufgewachsen ist, hat mir das wieder und wieder erzählt. Ich bin ganz, ganz sicher, dass Euer Gemahl Euch niemals mit Absicht weh tun und demütigen wollte. Er liebt Euch, Hoheit, er liebt Euch aus tiefstem Herzen, seit Jahren schon. Bereits vor Eurer Prokura-Vermählung hat er stets eine Miniatur mit Eurem Abbild bei sich getragen. Habt Geduld mit ihm, Principessa. Er ist ein feiner und hochanständiger Mensch, und Gott und die Heilige Jungfrau Maria werden Euch ganz sicher dabei helfen, ihn lieben zu lernen. – Und jetzt kommt, ich bringe Euch zurück in Eure Gemächer, man wird sich bestimmt schon große Sorgen um Euch machen.“
Ich half ihr auf die Beine und führte sie die seitliche Wendeltreppe hoch auf die Empore, und dann den Geweihgang entlang Richtung der kurprinzlichen Enfilade. Im Rittersaal stürzte uns völlig aufgelöst die Hofmeisterin Gräfin Wolkenstein entgegen, gefolgt von der düster aufragenden Kurfürstin-Witwe. „Bei allen himmlischen Heerscharen, wo seid Ihr nur gewesen! Ist Euch etwas geschehen? Seid Ihr verletzt? Ich bin fast gestorben vor Angst, Euch könnte ein Unheil zugestoßen sein!“
Henriette Adelaide drückte kurz und verstohlen fest meine Hand, und flüsterte ein kaum hörbares „Grazie, Cara!“, dann wurde sie von der „Spitzmaus“ und der piemontesischen Kammerfrau Vernoni in einen dicken Umhang gehüllt und in die hell erleuchtete, vom erregten Zwitschern der Hofdamen erfüllte Zimmerflucht geleitet. Ich sank vor Maria Anna in einen tiefen Knicks.
„Steh auf, mein Kind. Das hast du gut gemacht, ich werde mich dafür erkenntlich zeigen. – Nun muss ich zu meinem Sohn, er hat sich in sein Kabinett eingeschlossen, er spricht mit keinem, und will niemandem öffnen, auch mir nicht. – Was für eine Nacht! Sie hätte doch eigentlich für meinen Sohn und seine junge Frau voller Freude und Erfüllung sein sollen…“ Ihre markante Unterlippe zitterte merklich, doch kaum hatte sie geendet, da legte sich wie ein Visier der übliche distanzierte, etwas hochmütige, undurchdringliche Ausdruck über ihr Antlitz, als sei es höchst unwürdig gewesen, einer niederen Untergebenen gegenüber die Fassung verloren und ihre Gefühle offenbart zu haben. Sie machte mit der Rechten eine wedelnde, verscheuchende Handbewegung. „Geh jetzt!“
Die Sorge um meine Mutter und die verstörende Begegnung in der Hofkapelle raubten mir den Schlaf. Am nächsten Morgen fühlte ich mich, als hätte man mich durch eine Mangel gedreht, ich meldete mich krank. Schwester Udalrica sah am frühen Abend nach mir. Allein der Anblick ihrer würdevollen, edlen Gestalt verlieh mir Trost und brachte den wilden Strudel meiner Gedanken und Empfindungen zum Einhalten. Ich schüttete ihr mein gar schweres Herz aus, sie wiegte mich in ihren Armen und ich durfte mich an ihrer Brust ausweinen.
Ich bekam für die nächsten Tage Dispens, und verbrachte diese auf meinem Lager, von der Mutter Oberin umsorgt, und die liebe Anna von Sautern ließ mir kleine, tröstende Botschaften zukommen, allerlei Naschwerk, und eine mit feinen Schnitzereien verzierte, kleine Schatulle, in welcher sich zehn Gulden befanden – ein wahrer Schatz, beinahe ein ganzer Jahressold! – sowie ein kurzes Schreiben der Kurfürstin-Witwe in gestochener, sehr schöner Handschrift, welches mir von dem Hofschranzen, der das Geschenk überbrachte, in gelangweiltem und affektiertem Tonfall vorgelesen wurde. Sie danke mir, wohl wissend, dass die Münzen nur unzureichend meinen Fleiß und meinen beherzten Einsatz entlohnen würden, und verleihe ihrer Hoffnung Ausdruck, dass ich dem Hause Wittelsbach noch sehr lange Zeit treu und brav erhalten bleiben würde. Ich fühlte trotz der Angst und Sorge um meine Mutter, über deren Zustand ich immer noch nichts Neues erfahren hatte, großen Stolz und fasste den Vorsatz, das Kästchen in unserem Geheimversteck zu deponieren, sobald ich wieder gesund war.
Dann, an einem regnerischen Sommerabend Anfang Juli, trat mit schmutzbedeckten Stiefeln und durchnässtem Umhang mein Bruder Jakob ein. Er fiel neben meiner Liegestatt auf die Knie, nahm mich in die Arme, strich mir über das zerzauste Haar und rief, nein, jubelte: „Sie lebt, Adelheid! Mutter lebt, sie hat das Schlimmste überstanden, und wird in einigen Wochen wieder auf den Beinen sein!“
Natürlich erzählte ich ihm von meiner „Heldentat“ und zeigte ihm das Geschenk der Regentin. Schneller als ich schauen konnte, hatte Jakob die zehn Gulden an sich genommen.
„Sag mal, bist du verrückt! Was tust du da!“
„Ich werde das Geld für dich beim jüdischen Kaufmann Isaak Stern anlegen. Er gilt als sehr ehrenhaft und verlässlich, und zahlt Zinsen, glaub mir, Adelheid, da ist es weitaus besser und sicherer aufgehoben als unterm Turmdach der Neuveste.“
„Und wenn ich mir etwas Schönes kaufen will?“
„Dann gehst du ganz einfach zum Stern, sagst ihm Bescheid, und er gibt dir die Summe, die du benötigst.“
Nach kurzem Grübeln kam ich zu der Erkenntnis, dass mein Bruder recht hatte. Ich sage das nicht gerne, aber er ist schon ab und an viel gescheiter als ich…

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Die Schwarze Frau (Teil 34)…

Die Residenz vibrierte förmlich vor Anspannung, seitdem am Vormittag des 25. Juni durchgesickert war, dass in den frühen Morgenstunden sich eine Abordnung Hofärzte unter Leitung der Gräfin Wolkenstein in die Kaiser-Zimmer begeben hatte, um Henriette Adelaide gründlich zu untersuchen. Der Ehevollzug der savoyischen Prinzessin mit Ferdinand Maria schien also unmittelbar bevor zu stehen.
Am Abend wurde ich zu Anna von Sautern gerufen. Die Kurfürstin-Witwe hatte ihren Hofstaat nach einem festlichen Mahl abtreten lassen, und ihre Schwiegertochter in ihre Gemächer gebeten, um sich unter vier Augen mit ihr zu unterhalten. Während in Anna’s kleinem Boudoir eine der Hofdamen vorlas, hatten wir die Köpfe eifrig über unsere Stickereien geneigt. Lediglich die Stimme der Vortragenden und das Ticken einer zierlichen Standuhr durchbrach die Stille.
„Was geschieht jetzt mit – mit ihr?“, flüsterte ich Anna zu. Meine Freundin lächelte mich an. „Sie wird vom Obersthofmeister, zwei Hofmeistern und dem Bruder unseres Kurprinzen in die Hofkapelle geführt werden, wo ihr Gemahl und die Kurfürstin-Witwe bereits auf sie warten werden. Der Beichtvater der Familie, Pater Vervaux, wird das Paar noch einmal an das Eheversprechen erinnern, und sie werden die Ringe wechseln. Und dann wird unsere Prinzessin die Kaiser-Zimmer endgültig verlassen und die Räume ihres Gemahls beziehen. Und sie werden zum ersten Mal das gleiche Lager teilen.“ Kaum hatte sie geendet, da sprang die junge Hofdame auf, sich erschreckt mit der Hand auf den Mund schlagend. „Oh, himmlische Heerscharen! Ein Brief aus Wasserburg ist für dich eingetroffen, Adelheid, und ich habe bis jetzt vergessen, ihn dir vorzulesen!“
Sie huschte an ihren Sekretär, nahm ein schmales Kuvert auf und gab es mir. Ich erbrach hastig das Siegel, dann reichte ich das Schreiben zurück, und meine liebe Freundin begann. Sie war außer meinem Bruder die einzige Person am Hofe, die wusste, dass ich des Lesens mächtig war, und überaus gewissenhaft und treu wahrte sie mein Geheimnis. Nachdem sie geendet hatte, wurde mir das Herz schwer, ich fühlte, wie alles Blut mir aus dem Antlitz wich. Anna ließ den Bogen zu Boden gleiten, und nahm mich in ihre Arme.
„Ach, du liebes, liebes Kind, es tut mir unendlich leid, dass deine Mutter eine Fehlgeburt erlitten, und dabei viel Blut verloren hat. Und dass ihr Leben in Gefahr sei, so wie dein Vater schreibt. Kann ich irgend etwas für dich tun, Adelheid?“
Ich wies Anna sanft ab und erhob mich. „Ich würde mich sehr gerne zurück ziehen, und für meine Mutter beten.“
„Aber natürlich! Auch ich werde sie heute Abend in meine Gebete einschließen.“
Eine unendlich Stunde später stand ich im Hof der Neuveste, und wusste vor Gram, Verwirrung – ich hatte nicht die geringste Ahnung gehabt, dass meine Mutter ein Geschwisterchen unter dem Herzen getragen hatte – Elend und Angst nicht, wohin, was tun. Ich hatte zuerst unser Geheimversteck aufgesucht und dort gewartet, in der Hoffnung, Jakob würde sich blicken lassen. Doch wahrscheinlich nutzte mein Bruder den freien Abend, um sich in der Stadt umzutun. Wahrscheinlicher war aber, dass er ebenfalls ein Schreiben bekommen hatte, sich vom Kurprinzen ein paar Tage Dispens erbeten hatte, und sich nun bereits auf dem Weg nach Wasserburg befand.
Ohne es bewusst zu wollen, lenkten mich meine Schritte Richtung Hofkapelle. Ich hatte Glück, das Portal war nicht verschlossen, so trat ich in den stillen Raum, der lediglich von einer Handvoll blakender Kerzen ein wenig erhellt war, und von einem Hauch aromatischen Weihrauchs erfüllt, kniete mich in der letzten Bank nieder, und begann, inbrünstig zu beten, zu flehen. Ich legte all meine Kraft, Hoffen und Sehnen in diese Fürbitten, die ich fortwährend wiederholte, bis meine Stirn erschöpft auf die verschränkten Hände sank, und ich in eine Art Dämmerschlaf fiel.
Ich schreckte hoch, als schräg hinter mir die Tür polternd aufgerissen wurde. Eine zierliche Frauengestalt, lediglich in ein durchscheinendes, weißes, an den Säumen mit Spitzen verbrämtes Hemd gekleidet, und bloßfüßig, stürmte herein und fiel vor der aus rot gemasertem Marmor gehauenen Balustrade, die den Altar abgrenzte, auf die Knie, die Arme um den Leib geschlungen, sich vor und zurück wiegend, wild und verzweifelt schluchzend. Ich vergaß mein eigenes Herzeleid, schritt langsam auf das Mädchen zu, und beugte mich herab. Als ich inmitten der wilden, zerwühlten Flut aus dunkelbraunen Haaren das Antlitz der Kurprinzessin erkannte, sank ich betroffen in eine tiefe Referenz. Henriette Adelaide jedoch schien mich überhaupt nicht wahr zu nehmen. Ich kauerte mich neben sie, und legte meine Rechte um ihre unaufhörlich zuckenden Schultern. Sie zitterte am ganzen Körper, so arg, dass sogar ihre Zähne aufeinander schlugen. Die Hände vor’s Gesicht schlagend lehnte sie sich gegen mich.
„Oh, Gott! Es war so furchtbar! So entsetzlich! So abstoßend! Nie im Leben hätte ich gedacht, dass so etwas dermaßen schrecklich sein kann!“
Ich hielt betroffen den Atem an, als ich erkannte, dass sie von ihrem Ehevollzug sprach.
„So ein – barbarischer – demütigender – verletzender Akt! – Wie kann ein Mensch nur so grob sein, so tölpelhaft, so ungeschickt! Schlimmer als der letzte Bauerntrampel!“, stieß sie zwischen ihren Fingern hervor. Ich wiegte sie sanft in meinen Armen, und versuchte unbeholfen, sie auf Italienisch zu trösten, als sei sie ein kleines Kind, das sich beim Spielen das Knie aufgeschlagen hatte. „Sch, sch – alles wird gut, sch, sch…“
Die Savoyerin ließ die Hände sinken und sah mich an. Ihr Gesicht strahlte nun nicht mehr diese verzaubernde, berückende Schönheit aus, Augen und Nase waren gerötet und die Lider geschwollen. „Du sprichst meine Heimatsprache?“
Ich nickte. „Hab ich vor ein paar Jahren in einem Kloster gelernt.“
„Meine Heimat, ach, ich vermisse sie so sehr. Und meine Mutter…“ Ihre Stimme versiegte, und die Tränen begannen von neuem zu fließen. Ich musste wieder an meine eigene Mutter denken, die vielleicht schon tot und kalt in ihrem Schlafgemach aufgebahrt lag, und vor wilder Pein stöhnte ich auf.
„Hätte man mich doch nie mit diesem rückständigen Barbaren, mit diesem grobschlächtigen Menschen verheiratet! Wäre ich doch nie in dieses abscheuliche Land gekommen, in dem mich niemand versteht!“
Ich fühlte so etwas wie Wut in mir aufkeimen. „Hoheit, wenn Ihr Euch bis jetzt nicht die Mühe gemacht habt, unsere Sprache zu lernen, dann kann Euch doch auch kaum jemand verstehen, und Ihr die Menschen hier auch nicht.“, sprach ich so sanft als möglich. Just in diesem Moment hasste und verabscheute ich dieses hochwohlgeborene Geschöpf, das bar jeglicher Hemmungen, und voller Selbstmitleid meine Schulter nass heulte. Und verstand gleichzeitig doch zumindest teilweise so gut, was in ihr vorgehen mochte. Ich fühlte mich an jene fernen Tage erinnert, als man mich als Sechsjährige aus der heimatlichen Geborgenheit gerissen und in die Fremde geschickt hatte, an die Verlorenheit, die Verstörtheit. Gedachte auch der fieberhaft züngelnden Finger, der schleimigen Zunge eines Herboltz, der lüsternen Aufdringlichkeit des Kämmerers, meines Entsetzens, der Ohnmacht, der tiefen Scham ob dieser Erniedrigungen. Die Vorstellung, dass auch der Kurprinz solch ein vor lauter blinder Geilheit entmenschlichtes, tierhaftes Wesen sein sollte, erschien mir ungeheuerlich. Verachtung einerseits und tiefes Mitgefühl andererseits zerrissen mir schier das Herz.

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Die Schwarze Frau (Teil 33)…

In einem der kleineren Kabinetts vernahm ich höchst sonderbare Geräusche. Es nahm sich wie ein mehrstimmiges Keuchen und Stöhnen aus, beinahe im Gleichklang mit dem Quietschen eines anscheinend rhythmisch gestoßenen Möbelstücks. Ich machte den Hals lang und entdeckte ein ineinander verschlungenes Wirrwarr von nackten Armen und Beinen, inmitten einer wüst zerzausten, pechschwarzen Mähne das gerötete Antlitz der Hofkämmerers-Gattin Lisa von Heydern, und darüber den scharf modellierten Kopf eines der Sänften-Träger der Kurprinzessin. Ganz, ganz leise zog ich mich zurück, die Beiden ihrem innigen Tete-a-tete überlassend. Ich wusste natürlich, was da vor sich ging, wenn man an einem großen Hofe lebt, wird man sehr bald schon mit den sogenannten Tatsachen des Lebens konfrontiert, auch wenn die gestrenge Kurfürstin-Witwe und der Obersthofmeister noch so sehr darauf achteten, dass Sitte und Anstand gewahrt wurden, und es zu keinem sündhaften Gebaren kam. Mir war auch klar, dass ich mich auch eines nicht mehr allzu fernen Tages in den Armen eines Mannes wieder finden würde. Vor fast zwei Jahren noch hatte mich diese Vorstellung zu Tode erschreckt, doch ich hatte das grausige Erlebnis mit dem Maler Herboltz zum Glück gut verwunden. Ich wünschte mir nun bereits sehnlich, eines nicht mehr allzu fernen Tages einem guten, gottesfürchtigen und braven Mann zugeführt zu werden, und mit ihm eine Schar Kinder in die Welt zu setzen.
Ich spazierte lautlos auf Zehenspitzen retour und hastete die im Dunkeln liegende Treppe am Ende des ehemaligen Gehörnganges hinab. Als ich in den Flur Richtung Hofküche einbog, packte mich unvermittelt jemand hart am Arm und riss mich grob in eine finstere Nische. Ein etwas schmerbäuchiger Mann, dessen Atem ungut nach viel Bier roch, umarmte mich roh und versuchte ungeschickt, mit seiner Zunge meinen Mund zu öffnen. Ich zappelte und wand mich, und versuchte, mich zu wehren, doch er hielt mich so umklammert, dass ich nicht schlagen konnte.
„Mein Weib, das Flittchen, gebärdet sich wieder einmal wie eine läufige Katze, nun will ich’s der Schlampe endlich mal so richtig heimzahlen!“, zischte er keuchend, und mir wurde klar, mit wem ich es gerade zu tun hatte.
„Herr von Heydern! Lasst mich bitte los!“
„Den Teufel werd’ ich tun!“
Er rückte ein wenig von mir ab, es fühlte sich so an, als wolle er sich den Hosenstall aufknöpfen. Ich holte mit dem rechten Bein aus und rammte mit voller Wucht das Knie in denselben. Der Hofkämmerer ließ augenblicklich laut aufheulend von mir ab, sich mit den Händen in den Schoß greifend sank er zu Boden. Ich rannte so schnell ich konnte davon, und hielt erst im Vorraum der Hofküche wieder inne. Ein noch recht junger Hartschier, den ich vorher noch nie gesehen hatte, stand auf und kam lächelnd auf mich zu.
„Ihr müsst die Adelheid von Gründing sein, Euer Bruder Jakob hat Euch sehr genau beschrieben.“
Ich starrte den Kerl fragend an.
„Ich bin der Vitus, Vitus Eichenstein, und der Jakob hat mich gebeten, hier auf Euch zu warten, und Euch das hier zu überreichen. Er lässt Euch grüßen, und ausrichten, dass Ihr’s Euch schmecken lassen sollt. Er hat leider nicht auf Euch warten können, sondern den Kurprinzen wieder ins Schloss Neudeck begleiten müssen.“
Er bedeutete mir, ich solle ihm folgen, trat auf eine Anrichte zu, und enthüllte aus einem Packen groben Spültuchs einen Zinnteller, auf dem eine liebevoll angerichtete Auswahl der feinsten Leckereien des Schauessens gehäuft war. Beim Anblick der Speisen meldete sich mit einem geradezu schmerzhaften Knurren mein Magen wieder. Und vor Rührung, Aufregung, Erschöpfung, was auch immer, zog sich mein Herz zusammen, die Tränen schossen mir in die Augen, ich musste laut aufschluchzen.
„Na, na, na. Nicht weinen, schöne Maid.“
Er stellte den Teller beiseite, und nahm mich äußerst behutsam in seine langen Arme, mit einem sehr sauberen und sorgsam geplätteten Tüchlein, welches er aus dem Wams seiner Uniform zog, die Zähren weg tupfend, die mir über die Wangen kullerten. Irgendwie fühlte sich das so tröstlich an, dass nach ein paar trockenen Schluchzern der Tränenstrom versiegte. Ich griff nach dem Teller, und dem in einer Kugel Reisbrei steckenden Löffel, ließ mich auf die Türschwelle nieder, und begann, voller Heißhunger zu essen. Vitus nahm neben mir Platz, verschränkte die Arme und sah mir gutmütig schmunzelnd zu. Ich musterte ihn von unten herauf. Er mochte vielleicht fünf, sechs Jahre älter sein als ich, hatte feine, goldblonde Locken, die ihm ungebärdig in die hohe Stirn fielen, und große, etwas schmale, tiefgraue Augen, die unablässig ein klein wenig blitzten und funkelten, als ob sich darin ein winziger Funken Sonnenlicht verbergen würde. Wenn die Nase nicht einen Deut zu lang, und das Kinn nicht ein bisschen zu groß geraten gewesen wären, dann hätte man diesen Leibgardisten als einen ausnehmend schönen Mann bezeichnen können.
Nach einer Weile schien mein Magen schier zu bersten, und mich ergriff eine solch bleierne Müdigkeit, dass ich Mühe hatte, das Geschirr auf dem Schoß zu balancieren und den Löffel zu halten. Vitus nahm mir beides ab, trug es in die Spülküche und half mir auf die Beine.
„Ihr habt bestimmt einen schweren und langen Tag hinter Euch. Ich bringe Euch jetzt zu Eurem Quartier, wenn Ihr erlaubt.“
Ich war ungemein froh für seine starken, stützenden Arme, als er mich langsam durch den nachtdunklen Hof bis zur Türe des Frauenschlafsaaals in der Neuveste führte und bedankte mich artig. In der Finsternis fühlte ich noch für einen Moment sein längliches Gesicht über mir schweben, dann wandte er sich um und schritt gemessen die hölzerne Wendeltreppe hinab.
„Gute Nacht, schöne Jungfer, schlaft gut.“

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Die Schwarze Frau (Teil 32)…

Kurtz von Senftenau nahm wieder Platz. Im Grottenhof begann ein kleines Orchester höchst melodische Tafelmusik zu intonieren, sanft perlten die Töne durch die geöffnete Tür in den Saal. Nun begann das Defilee der Kammerdiener und Pagen, sie setzten Platte um Platte, Schüssel um Schüssel mit den feinsten Delikatessen vor den Dinierenden ab: prall gewölbte Laiber Weißbrot, Karaffen vorzüglichsten Weines, junge, dicke Bohnen, in Milch gekocht, gesottene Fische, darunter ein ganzer Karpfen, den man portioniert und dann wieder sorgfältig zusammengesetzt hatte, und rosig gegarte Krebse, Aal- und Fleischpasteten mit knuspriger, glänzender Teigkruste, Schaffleisch mit geschmorten Zwiebeln, ein ganzes Spanferkel, deren Schwarte honigbraun schimmerte, ein Fasan, mit hauchzartem, gedünsteten Rettich und Dörrpflaumen umlegt, an dessen Bürzel man zur Zierde die Schwanzfedern wieder angebracht hatte, Spieße mit dunkelgoldenen Kapaunen, Stockfische mit Öl und Rosinen, eine gebratene Gans mit roten Rüben, Hirsegemüse, gesottene Gurken, Wannen randvoll mit unter Verwendung von Mandelmilch zubereitetem Reisbrei, Salat mit Eiern, Gallerte und Mandeln, Bleiglas-Saucieren voll der aromatischen, dunklen, eingedickten Bratensäfte, Etageren mit Kuchen, Früchten und Torten.
Das östliche Portal wurde geöffnet, und in langsamen, gemessenen Schritten nahten sich die zweitausend Geladenen, von den Gardisten dirigiert. Wie magisch wurden ihre Blicke zunächst vom Ebenmaß des halbrunden Tonnengewölbes weit über ihren Köpfen angezogen. Es wirkte wuchtig, und doch gleichsam leicht, schwebend. In der Deckenmitte prangten die farbenprächtigen Versinnbildlichungen der menschlichen Tugenden, eingebettet in verspielte Groteskenmalerei, umrankt von den Darstellungen von gut hundertzwanzig bayerischen Städten und Ortschaften. Auf den Gesimsen, welche den Saal umfingen, und in den lang gezogenen Fensterlaibungen stand eine Auswahl jener antiken Statuen, die Albrecht V. Dereinst gesammelt hatte.
Zäh wälzten sich die Menschenmassen vorüber, die Hälse reckten sich voller Neugier, um ja jedes kleinste Detail in sich aufzunehmen, obwohl es lediglich den Hochgewachsenen möglich war, über die steinerne Brüstung zu lugen. Ich sah, wie sich viertausend Ohren angestrengt spitzten, um ja hören zu können, was die erlauchten Hochwohlgeborenen während des Mahls denn so sprachen. Dabei gab es meinem Empfinden nach nichts Langweiligeres, Oberflächlicheres und auch Unehrlicheres als diese Konversation. Eigentlich machte man sich die ganze Zeit über immerfort artig Komplimente. Auch Henriette Adelaide, die voll des Lobs über das Essen war, obwohl sie die kleinen Häppchen, welche sie sich von den bedienenden Pagen (darunter mein Bruder Jakob, der beständig albern grinste wie ein Honigkuchenpferd) auf ihren Teller hatte laden lassen, mehr hin und her schob denn wirklich zum Munde führte. Da waren mir die derben Mahlzeiten im Gesindesaal weitaus lieber, auch wenn die Gerichte vergleichsweise karg waren, da ging es wenigstens ehrlich zur Sache, es wurde geschimpft, gespottet und über die edlen Herr- und Damenschaften gelästert, was das Zeug hielt, es wurden Gerüchte verbreitet – und manchmal auch über dem unwuchtigen, billigen Napf aus Zinn erst erfunden – da wurde ab und an auch gestritten, und so manch ein scharf geschliffener Hirschfänger hatte vom Küchenmeister schon in Verwahrung genommen werden müssen.
Zäh zog sich die Zeit, und mir begannen nicht nur die Füße zu schmerzen, auch mein Magen, der seit einer Schale Gerstenbrei und einem Becher Wasser am frühen Morgen arg darben musste, begann sich zu regen. Jedes Mal, wenn meine Blicke die immer noch gut gefüllten Platten und Schüsseln streiften, lief mir das Wasser schmerzlich im Munde zusammen, und mein Gekröse begann, sich rumpelnd zu verkrampfen. Das Mitleid mit den geladenen Münchnern, und vor allem mit jenen plumpen, biederen Gören, die Dorothee und mich voller Neid musterten – sie waren wohl der Meinung, solch ein Amt am kurfürstlichen Hofe sei das reinste Zuckerschlecken – hatte sich lange schon in Missgunst verwandelt. Die hatten’s gut! Die konnten schnurstracks nach Hause gehen, und dort nach Herzenslust essen, während ich nicht die geringste Ahnung hatte, wann man mich meiner heutigen Pflicht entbinden würde.
Endlich, nach schier endlosen Stunden, hob die Kurfürstin-Witwe die Tafel auf. Bevor ich mich bückte, um nach der Schleppe der Savoyerin zu greifen, suchte ich im entstandenen Gemenge mit den Augen nach Jakob. „Ein Stückchen Aalpastete, liebes Bruderherz!“, versuchte ich, ihn stumm zu beschwören. „Und eine Scheibe Spanferkel! Und von den Bohnen! Und Reisbrei! Und ein Honigküchlein! – Ach, am liebsten einen voll gehäuften Teller von allem!“ Mein lieber, lieber Bruder schien tatsächlich meine Gedanken lesen zu können, denn er zwinkerte mir leise lächelnd zu, bevor er sich mit den anderen Pagen und den Köchen anschickte, die Speisen abzuräumen.
Man entließ Dorothee und mich in den frühen Abendstunden. Inzwischen hatte mein Heißhunger sozusagen den Scheitelpunkt überschritten, mittlerweile war mir egal, ob ich an jenem Tag noch etwas zu essen bekommen würde oder nicht. Doch Jakob würde es mir übel nehmen, wenn er mir tatsächlich etwas von den Speisen beiseite getan hatte, und ich diese nun verschmähen würde. So machte ich mich auf den Weg in den Küchentrakt im Erdgeschoss der Neuveste, allerdings mit einem kleinen Umweg über die Gastzimmer an der Ostflanke des Brunnenhofs. Voller ungeziemender Neugierde wollte ich heraus finden, wie man die Hofdamen Henriette Adelaide’s vorübergehend untergebracht hatte. So öffnete ich vom Dienstbotengang auf der rückwärtigen Seite der Enfilade lautlos mal diese mal jene Tür, und spähte vorsichtig in die Zimmer. Sehr unordentlich sah es dort im matt rosigen Abendlicht aus, das durch die locker gebauschten Vorhänge glitt, Kleidertruhen standen kreuz und quer, die üppigen Inhalte auf den Hockern, Sesseln, Kommoden und Betten achtlos verstreut. Die gestrenge Gräfin „Spitznase“ hatte allem Anschein nach schon seit längerem keinen Fuß mehr in diese Gemächer gesetzt. Ich musste daran denken, was ich neulich erst von einem Kammerdiener aufgeschnappt hatte: „Der Senftenau rauft sich seit Ankunft der Henriette Adelaide schon fast beständig den kümmerlichen Schopf, weil ihm die vielköpfige Welschen-Schar, die unsere Verehrteste mitgebracht hat, nicht nur die Haar’ vom Kopfe fressen, sondern auch sonst jede Menge Scherereien bereiten. Er soll geschworen haben, jeden dieser Bagage, egal ob Mann oder Frauenzimmer, der sich auch nur das Geringste zu schulden kommen lässt, auf der Stell’ wieder zurück in die Heimat zu schicken.“

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Die Schwarze Frau (Teil 31)…

Mit rauschenden Röcken, die ohnehin schon schmalen Lippen fest zusammen gepresst, Tränen des Zorns und der Demütigung in den fahlen Augen fegte Gräfin Wolkenstein an uns vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Geraume Weile später betrat die Hofmeisterin erneut die Kaiser-Zimmer. Sie hatte solch eine dicke Puderschicht aufgetragen, dass es unmöglich war, in ihrem Gesicht zu lesen, doch die hin und her huschenden Augen verrieten, dass es in ihr immer noch ordentlich gärte und brodelte. Dorothee und ich waren inzwischen fertig angekleidet. Gerelinde hatte das Mieder meines Kleides mit einigen zerknüllten Tüchlein ausgestopft, um zu vertuschen, dass ich im Gegensatz zu Dorothee obenherum flach wie ein Brett war. Nun ja, dafür hatte ich weitaus mehr im Kopf als diese. Begleitet von ihren drei munter um sie herum zwitschernden Hofdamen, die sie nebst sehr vielen anderen Begleitpersonen aus Turin mitgebracht hatte, kam Henriette Adelaide auf uns zu, wir nahmen die an ihren Schultern mit goldenen Spangen befestigte und durch eine Doppelreihe schimmernder Perlen gehaltene samtene Schleppe auf und trippelten hinterdrein. Wir durchmaßen den Herkules-Saal, tunlichst darauf bedacht, der Kurprinzessin nicht in die Hacken zu treten, da die Schleppe nicht sehr lang war, schritten die Breite Treppe hinab, und querten den schmalen Kapellenhof, um zum Grottenhof-Tor und somit dem Antiquarium zu gelangen. Mit langen Helebarden und blitzblanken Schwertern bewaffnete Leibgardisten bahnten uns den Weg durch die seit den frühen Morgenstunden bereits geduldig Wartenden, die man zu diesem Schauessen geladen hatte. Es waren an die zweitausend Münchner Bürger und Bürgerinnen, in ihr bestes und sauberstes Tuch gewandet. „Hoch!“- und Segensrufe brandeten die grauen Mauern der Residenz empor, viele der Anwesenden sanken in die Knie, schlugen sich gegen die Brust und bekreuzigten sich, als sei es die Heilige Jungfrau Maria persönlich, die da vorüber zog, huldvoll lächelnd nach links und rechts nickend. Die dunkel glänzenden, den ebenmäßig gerundeten Wangen schmeichelnden Korkenzieherlocken der Prinzessin wippten vor meinen Augen bei jedem ihrer schwebenden Schritte ein wenig tanzend auf und ab, und ihrer Robe entströmte der Hauch jenes Duftwassers, welches sich nur die ganz Reichen leisten konnten, da es aus dem Öl italienischer Zitrusfrüchte und Gewürzen gewonnen wurde, die aus sagenhaften, fernen Ländern stammten. Im Grottenhof war es dank der sanft plätschernden Brunnen angenehm kühl, im Gegensatz zu der drückenden Wärme, die bereits jetzt in den Höfen der Residenz herrschte. Mitleidig gedachte ich all jener, die noch eine geraume Weile auszuharren hatten, ehe man das hintere Tor öffnen würde, um sie einzulassen. Hartschiere würden jede einzelne Person sorgfältig nach Waffen untersuchen, anschließend zwei Leibärzte der Kurfürstin-Witwe die Geladenen in Augenschein nehmen, ob sie sich auch sauber präsentierten und keine Krankheiten hatten. Erst dann würden sie den siebzig Meter langen Festsaal betreten dürfen, den einst Albrecht V., der Großvater unseres Maximilian I. Selig hatte erbauen lassen. Sie würden weder Speis noch Trank angeboten bekommen. Die große Ehre der Teilnahme an einem Schauessen lag einzig darin, all die Hochwohlgeborenen einmal aus aller Nähe beim Schmausen an einer Festtafel bestaunen zu dürfen. Ferdinand Maria kam samt seinem Gefolge und dem zwei Jahre jüngeren Bruder Maximilian Philip durch das Portal zum südlich gelegenen Residenzgarten, er zog seinen breitkrempigen Hut, verbeugte sich gar artig vor seiner Mutter, welche eine Falte des Unmuts zwischen den dichten, dunklen Brauen zeigte, und begrüßte seine Braut mit einer sanften Umarmung und zwei Wangenküssen. In genau festgelegter Reihenfolge wandelten wir nun durch die kunstvoll mit Muscheln aller Farben und Größen verzierte Tür ins Antiquarium. Am westlichen Ende, auf der von einer massiven Brüstung aus rotem Marmor umspannten Empore hatte man eine breite Tafel aufgebaut. In der Mitte kam das junge Paar zu sitzen, rechterhand die Kurfürstin-Witwe, linkerhand der Obersthofmeister sowie Landeshofmeister Graf Maximilian Kurtz zu Senftenau, der seit dem Tode des Kurfürsten vor fast genau zwei Jahren zusammen mit Maria-Anna die Vormundschaft über den Kurprinzen inne hatte. Er stand dem Hofrat sowie dem Geheimen Rat vor, leitete somit nicht nur die Geschicke unserer Residenz, sondern auch die des Landes Bayern, bis zur Volljährigkeit des Kurprinzen. Maximilian Philip und Herzog Albrecht zu Leuchtenberg-Bayern samt Frau rundeten die Tischgesellschaft ab. Die Mitglieder des Hofstaats und ein gutes Dutzend Hartschiere hatten im Hintergrund der Empore Aufstellung genommen. Dorothee und ich mussten zu beiden Seiten hinter dem hochlehnigen Stuhl Henriette Adelaide’s verharren und uns keinesfalls vom Fleck rühren, das hatte die „Spitzmaus“ Gräfin Wolkenstein uns zuvor eindringlichst eingeschärft. Die Tafel, welche wie üblich aus breiten Brettern bestand, die man aufgebockt hatte, war mit Tüchern aus feinstem Linnen bedeckt, die über und über mit Blütenreigen und Sagengestalten aus Goldfäden bestickt waren. Schwere Kerzenleuchter aus Silber und ebensolche Tischaufbauten, die Schiffe mit vom Wind geblähten Segeln darstellten, sowie versilberte Platzteller, zierten sie. Als Besteck hatte man zusätzlich zu den üblichen Messern und Löffeln sogar Gabeln eingedeckt, obwohl allgemein bekannt war, dass die Kurfürstin-Witwe dieses aus Italien stammende Hilfsgerät ungehalten als neumodischen Schnickschnack abtat. Der Obersthofmeister hielt in salbungsvollem Tonfall eine kurze Ansprache, von der ich nicht ein einziges Wort mitbekam, ich war allzu fasziniert von den kleinen kreisenden Schlenkerern, die sein höchst ungefüges, mit den winzigen Kratern erweiterter Poren übersätes Riechorgan beim Sprechen machte. Ich fühlte, wie ich verschämt ob meiner respektlosen und unziemlichen Gedanken errötete, und wandte schnell meinen Blick ab. Die Liste der Sünden, die ich demnächst würde beichten müssen, wurde zusehends länger.

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Die Schwarze Frau (Teil 30)…

Das erste Ziel der farbenprächtigen Prozession war der Dom Unserer Lieben Frau. Dort erwartete links und rechts aufgereiht vom Hauptportal bis zum Altar sämtliche Würdenträger des bayerischen Klerus das jugendliche Brautpaar. Dieses kniete im Portal auf zwei gülden bestickten Kissen nieder, um den Segen des Dompropstes zu empfangen. Danach führte Ferdinand Maria sein „Gespons“ durch das Kirchenschiff bis unter einen gleichfalls goldverbrämten Himmel. Träge ziehende Weihrauchwolken erfüllten das große, zum Bersten mit dem Hofstaat und geladenen, adligen Gästen gefüllte Gotteshaus mit ihrem wohltuenden süßlichen Duft. Ich war ganz hinten, am Kirchenportal, zum Stehen gekommen. Zum Glück befand sich der Lange Johannes in meiner Nähe, der mittlerweile beinahe doppelt so groß war wie ich, und daher mit Leichtigkeit über die Häupter hinweg sehen und mir zuraunen konnte, was sich vorne am Altar abspielte. Mit brausendem Orgelklang, begleitet von Trompeten, Posaunen und Heerpauken, wogte und wirbelte das Tedeum durch den Dom. Von Rührung und Andacht ergriffen schossen mir die Tränen in die Augen und der Hals wurde mir eng.
Anschließend fuhr die Kurfürstin-Witwe mit der Gemahlin ihres älteren Sohnes und dem engsten Hofstaat von einer Hundertschaft Hartschieren und feurig sich bäumenden Handpferden geleitet durch die Höfe der Residenz. Sie hielten am weit geöffneten Eingang zum Viersäulen-Saal, dann wurde Henriette Adelaide von der Regentin die breite Kaisertreppe hinauf in die edel ausgestatteten Kaiserzimmer geführt. Bis zum Vollzug der Ehe, dessen Zeitpunkt angeblich noch nicht festgesetzt worden war, würden diese das Quartier der schönen Savoyerin sein. Erzählt hatte mir dies mein Bruder in aller Hast und Eile, denn Ferdinand Maria musste samt seinem engsten Gefolge auf Geheiß seiner Mutter bis auf Weiteres bei seinem Vormund, dem gutherzigen Herzog Albrecht von Leuchtenberg-Bayern im Schloss Neudeck unterkommen. Nach einem frühen Abendmahl im Vier-Schimmel-Saal und nachdem er sich mit einem artigen Wangenkuss von seiner Angetrauten für diesen Tag verabschieden durfte, hatte seine Abordnung sich auf den Weg zu machen. Das passte mir so gar nicht, bedeutete dies doch, dass mir der liebe Jakob, meine wichtigste und zuverlässigste Nachrichtenquelle bei Hofe, die nächste Zeit über keine spannenden Details über „seinen“ Prinzen mehr würde zutragen können…

-.-

Drei Tage später fand ein sogenanntes festliches Schauessen im Antiquarium statt, dem größten, und wie ich fand, auch schönsten Saal der Münchner Residenz. Eine glückliche Fügung – wahrscheinlich eine Intervention der lieben Dame Anna – hatte ergeben, dass ich zusammen mit der zwar recht unansehnlichen aber freundlichen und sanften Tochter einer Hofdame die Schleppe der Kurprinzessin würde halten dürfen. Man hatte uns dafür gar feine Gewänder aus dunkelbraunem Samt anfertigen lassen. Bereits Stunden vor Beginn der Feierlichkeit hatten wir uns im Empfangszimmer der Kaiser-Enfilade zum Ankleiden und für letzte Änderungen einfinden müssen. Während die kleine Dorothee duldsam wie ein Lamm und ohne sich zu bewegen da stand, und all das Zupfen und Zerren, Stechen und Nähen stumm über sich ergehen ließ, pochte mir das Herz vor Aufregung bis in den Hals hinein, und all meine Muskeln und Fasern vibrierten. Durch den Spalt der leicht geöffneten Tür zum Schlafgemach konnte ich sehen, wie die wunderschöne, fremde Prinzessin aus den fernen Landen angekleidet, frisiert und geschmückt wurde.
„Sie hat während der ganzen zwei Jahre als Prokura-Gemahlin unseres Kurprinzen nicht ein einziges Wort Deutsch gelernt.“, murmelte Gerelinde vorwurfsvoll, alte Vertraute aus meinen Jahren in der Nähstube, den Mund voller Stecknadeln. Ich zuckte mit den Schultern. „Sie hat dazu vielleicht keine Zeit gehabt.“
„Adelheid! Das meinst du jetzt aber nicht ernst, oder? – Wenn man mir einen so feinen, herzensguten und gescheiten Gemahl präsentieren würde, dann würde ich alles daran setzen, um ihn glücklich zu machen und zufrieden zu stellen, selbst wenn es das Erlernen einer fremden Sprache wäre!“
Ich setzte zu einer scharfen Antwort an, schloss meinen Mund aber wieder schnell, denn im Zimmer nebenan schien sich so etwas wie ein Streit anzubahnen. Gerelinde wandte sich wieder meinem Kleid zu, da die Unterhaltung auf Italienisch geführt wurde. Ich jedoch spitzte aufmerksam meine Ohren, und atmete ganz flach durch die Nase, um ja gut hören zu können.
„Warum legen Eure Hoheit nicht die Ohrringe an, die Seine Hoheit Euch zur Begrüßung geschenkt hat? Gefallen sie Euch nicht?“
„Werte Gräfin Wolkenstein, ich bitte Euch! Beim ersten Hinsehen wirkt dieser Schmuck zwar ganz präsentabel, doch wenn man diese Perlenohrringe genau betrachtet, dann kann man schnell feststellen, dass sie nicht eben sehr sorgfältig gefasst worden sind. So etwas verehrt man in meiner Heimat allenfalls einer Adeligen von niederem Rang, nicht jedoch einer Prinzessin von edelstem Geblüt, einer zukünftigen Kurfürstin!“
Eine kurze Pause entstand. Ich konnte mir deutlich ausmalen, wie die betuliche, schwergewichtige und auch oftmals wichtigtuerische Hofmeisterin, ihrer spitz zulaufenden Nase wegen hinter vorgehaltenen Händen „Spitzmaus“ genannt, soeben empört nach Luft schnappte.
„Das wird der Kurfürstin-Witwe gar nicht gefallen.“
„Damit wird die Kurfürstin-Witwe leben müssen.“
„Ich muss doch sehr bitten! Ihr seid ein wenig impertinent, Eure Hoheit!“
„Nein!“ Durch den Türspalt konnte ich erkennen, wie die junge Frau sich leicht nach vorne beugte, während die Kammerfrau sich anschickte, das doch recht großzügige Dekolletee des zimtfarbenen, reich mit Gold bestickten Mieders mit einem dünnen Tuch aus filigraner, eierschalenfarbener Spitze zu verkleiden. Über das ebenmäßig ovale Gesicht mit den zarten, sanft rosa schimmernden Lippen, der fein modellierten, etwas länglichen Nase, den sehr großen, dunklen, leicht mandelförmigen Augen unter den ausgedünnten, kühn geschwungenen Brauen flammte die Zornesröte eines leicht reizbaren Temperaments. Henriette Adelaide hob den rechten Zeigefinger und stieß ihn wie einen Degen gegen die Hofmeisterin. „Ihr seid es, die sich impertinent verhält, Gräfin Wolkenstein! Während Eures Aufenthalts in meiner innigst geliebten Heimat, während der gesamten Reise habt ihr Euch so liebevoll an mir gerieben wie eine rollige Katze, mich mit Freundlichkeiten und Schmeicheleien umgarnt, mir Honig um’s Maul geschmiert ohne Ende! Nun, wieder unter dem Schutz Eurer Kurfürstin-Witwe stehend, offenbart Ihr Euer wahres Gesicht, ein doppelzüngiges und Masken tragendes Janus-Gesicht, ein sehr gouvernantenhaftes und ungnädiges noch dazu! Wisst Ihr, was man mir zugetragen hat? Ihr hättet einen Schlüssel zu meinen Gemächern, um jederzeit unangemeldet ein- und ausgehen zu können! Was glaubt ihr allesamt wohl, wen ihr hier vor Euch habt? Ich bin doch kein ungezogenes und ungebildetes Gör, das man nach Gusto Tag und Nacht observieren kann!“
„Bei allem Respekt, Prinzessin, Ihr vergesst Euch!“
„Nein, Ihr vergesst Euch, Gräfin Wolkenstein! Ich werde meiner aus tiefstem Herzen geliebten Mutter und meinem Bruder Bericht über Euer Benehmen erstatten, und darüber, dass ich hier gehalten werde wie ein tumbes und unmündiges Käfigtier! Und nun geht! Sofort!“

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