Familiengeheimnisse (Teil 28)…

Zwei Tage später traf sie sich mit Commissario Rosso an der Uferpromenade. Es war trüb, die Berge wolkenverhangen, und der Nordwind führte einen kalten Hauch der nahen Südtiroler Gletscher mit sich. Sie schritten eine Weile schweigend vor sich hin, bis Rosso das Wort ergriff.

„Ihnen ist schon klar, dass Ihr Verhalten vom Montag eine interne Untersuchung nach sich ziehen wird, Tenente Bardani?“

Zizzy nickte.

„Ich denke nicht, dass man Sie degradieren und die Leitung der Carabinieri Comando Statione entziehen wird – man wird Ihren mutigen Einsatz vor zehn Jahren gegen die Hooligans in Verona und Ihr bis dato makelloses Verhalten in die Beurteilung mit einbeziehen – aber mit einem scharfen Verweis oder einer vorübergehenden Suspendierung müssen Sie rechnen. Sie haben sich sehr fahrlässig verhalten – Ihr Diensthandy nicht aufgeladen, sich nicht in der Stazione gemeldet, obwohl Sie direkt daran vorbei gefahren sind, Sie haben unbesonnen gehandelt und einen Kollegen in Lebensgefahr gebracht. Noch dazu einen Menschen, dem Sie sehr tief verbunden sind. Und das wird Sie bis ans Ende Ihrer Tage verfolgen, glauben Sie mir.“ Er blickte sie an, und in seinen grauen Augen lag eine so tiefe Trauer, dass ihr die Kehle eng wurde, und sie sich abwenden musste. „Auch wenn Sottotenente Rambolate Ihnen bestimmt sofort vergeben hat – er hat ein edles Gemüt, wie man sich in alten Romanen auszudrücken pflegte.“ Er lächelte schwach. „Aber wir haben mit Ihrer und Sottotenente Rambolates Hilfe Quimendez ausfindig gemacht und festnehmen können. Und Sie und Ihre Carabinieri haben wirklich gute Arbeit geleistet. – Die Beförderung von Sottotenente Rambolate wird sehr wohlwollend in Betracht gezogen, habe ich gehört. Und auch, dass der Leiter der Carabinieri Comando Stazione in Limone nächsten Sommer in Pension gehen wird. Ich habe zwar an sich mit euch Carabinieri dienstlich nur sehr selten zu tun, aber ich werde mal sehen, ob ich da vielleicht irgendwo ein paar Strippen ziehen kann, damit man Ihren Freund nicht ans andere Ende der Republik versetzt. Mein älterer Bruder ist Generalmajor der Arma dei Carabinieri.“

Tiziana machte überrascht große Augen. Rosso verzog den breiten Mund ein wenig.

„Wir haben nicht viel Kontakt zueinander. Leider. – Zurück zu Quimendez: Honduras hat bereits einen Auslieferungsantrag gestellt, doch ich hoffe sehr, dass unsere Regierung nicht darauf eingehen wird. – Die Anzugjacke, die Krawatte, den Hut und die Perücke, die er beim Einchecken ins Hotel San Marco getragen hat, hat man in einer Mülltonne in der Viccolo Vinzetta gefunden. Die DNA-Proben stimmen mit denen des Abstrichs überein, den man Emma entnommen hat. Er hat ihr völlig den Kopf verdreht und sie willenlos gemacht. – Mit viel Liebe und einer guten Therapie wird dieses bildschöne, liebenswerte Mädel hoffentlich eines Tages über das hinweg kommen, was ihr angetan worden ist. – Eine erste psychologische Untersuchung hat ergeben, dass Quimendez zwar eine gespaltene Persönlichkeit hat, aber zum Glück höchstwahrscheinlich nicht als schuldunfähig eingestuft werden wird.“

„Ja, den Verdacht hatte ich wohl unbewusst schon lange. Er konnte ungemein charmant sein, liebevoll, ein zärtlicher Romantiker – und innerhalb weniger Sekunden war er manchmal ein völlig Anderer – eiskalt, grob, Angst einflößend. – Er hatte mir ungezählte Male seine tiefe Liebe geschworen – und doch hat es ihn immer wieder zu diesen blutjungen Mädchen hingezogen. Vielleicht hatte er durchaus ernsthaft vor, sich zu ändern, sein altes Leben hinter sich zu lassen, doch er hat sich allem Anschein nach immer wieder davon einholen lassen.“ Tiziana fröstelte und zog ihre Jacke fester um sich. „Ich hoffe, er verbringt den Rest seiner Tage hinter Gittern. Allein für das, was er Emma angetan hat. Ihr und mit Sicherheit noch etlichen anderen jungen Mädchen und Frauen.“

„Das hoffe ich auch. – Es gibt noch etliche offene Fragen. Wo hatte er die Drogen her? War er ein Zwischenhändler? Es weist Vieles darauf hin.“ Rosso seufzte und zog die Schultern hoch. „In den Medien wird einem häufig vorgegaukelt, mit der Verhaftung eines Bösewichts sei der Fall erledigt und die Arbeit abgeschlossen. Doch damit fängt sie erst an.“

„Am Samstag vor zwei Wochen ist er mit Koffern bepackt mit dem ersten Schnellboot nach Salò gefahren. Am Abend davor muss er wohl sein Versteck in Signore Fabiosos Gartenhäuschen leer geräumt haben.“

„Wobei ihn Umberto, Signora Trettonis Botenjunge, beobachtet hat.“

Der Commissario hielt inne, wandte sich Tiziana zu und sah ihr direkt in die Augen.

„Vielleicht fragen Sie sich, woher ich weiß, dass es Sie auf ewig belasten wird, dass durch Ihre unbedachte Aktion Sottotenente Rambolate schwer verletzt worden ist. Ich habe das noch nie jemandem erzählt, und bitte, behalten Sie das für sich: Meine Frau und ich führten in Florenz lange Jahre ein glückliches Leben. Dachte ich zumindest. Bis meine Kollegen dahinter kamen, dass sie ein düsteres Doppelleben hatte und in einen florierenden Menschenhandel verwickelt war. Der Tag, an dem sie mich vor vollendete Tatsachen stellten, und ich die Wahrheit nicht mehr beschönigen und verdrängen konnte, war einer der schlimmsten meines Lebens. – Wir stellten der Gang eine Falle. Man legte mir dringend nahe, mich an der geplanten Aktion nicht zu beteiligen, doch ich blieb stur. Als wir meine Frau und ihre Kumpane in einer verlassenen Lagerhalle etwas außerhalb von Florenz hochgehen ließen, verlor ich die Beherrschung und machte im entscheidenden Moment einen Fehler. Die Sache geriet außer Kontrolle, es kam zu einem wilden Feuergefecht. Vier meiner Kollegen wurden verletzt, zum Glück nicht schwer. Aber ich – ich habe dabei meine Frau erschossen… Das ist jetzt zwei Jahre her – und es verfolgt mich immer noch. Tag für Tag. Nacht für Nacht.“

Seine Stimme erstarb und er starrte mit gerunzelten Brauen auf den nebelgrauen See hinaus. Zizzy schauderte. Sie legte ihm sanft die Hand auf den Arm. Lange standen sie schweigend am sandigen Ufer. Dann nickte er ihr ganz leise lächelnd zu und tippte grüßend mit dem Finger an seine Schläfe. „Arrivederci, Tenente Bardani. Wir sehen uns.“ Er wandte sich um und ging langsam zurück zu seinem Wagen. Sie hatte den Klang seiner schönen Baritonstimme noch lange im Ohr…

ENDE

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Familiengeheimnisse (Teil 27)…

Don hatte die Operation gut überstanden, die Kugel hatte zum Glück keine Organe verletzt. Er war sehr blass und hatte tiefe Schatten unter den Augen, doch er wirkte guter Dinge und winkte Tiziana, die an der Tür zu seinem mit Blumensträußen, Gestecken, Luftballons mit Genesungswünschen und Geschenkekörben fast vollgepfropften Krankenzimmer zögernd verharrte, lächelnd zu sich.

„Komm rein, und setz dich doch!“

Sie bahnte sich einen Weg Richtung Stuhl, der neben dem Bett stand, und versuchte sich trotz ihrer Befangenheit, Sorge und tiefer Reue, die ihr die Kehle eng machten, an einem Kalauer: „Ich wusste ja, dass du einen ganz ordentlichen Fanclub hast, Don, aber das hier…“ Ihre Stimme versagte.

Sie ließ sich bei ihm nieder, nahm seine Rechte in beide Hände und drückte einen langen Kuss darauf.

„Ich bin schuld daran, dass Quimendez dich angeschossen hat. Kannst du mir jemals verzeihen.“

„Zizzy.“ Seine Stimme klang schwach, aber voller Wärme. „Da gibt es nichts zu verzeihen.“

Sie hielt den Kopf gesenkt und Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Ich fühle mich so furchtbar. Er hätte dich fast umgebracht. Und das hätte nie passieren können, wenn ich nicht völlig den Verstand verloren hätte.“

Er strich ihr sanft über das Haar.

„Ich bin selbst schuld daran. Ich hätte nie auf ihn zugehen sollen, noch dazu unbewaffnet. Ich war so in Sorge um dich, da hat mein Verstand auch ausgesetzt.“

Don schwieg eine Weile, dann schmunzelte er.

„Aber du hast uns schon ein wenig die Show vermasselt. Commissario Rosso und ich hatten geplant, dass ich Quimendez mit den Carabinieri ablenke, während er sich durch den Garten anschleicht und ihn festnimmt. – Nun ja, das hat ja letztendlich auch funktioniert. – Wie hast du übrigens herausbekommen, wer Raoul wirklich ist? Wir hatten viele Male versucht, dich per Handy zu erreichen.“

„Ich hatte vergessen, den Akku aufzuladen, und das Privathandy zuhause liegen lassen. – Ich hatte allerdings bis zuletzt keine Ahnung, dass Raoul Martin Quimendez ist. Ich wusste nur von den Drogen, und hatte so eine Ahnung, dass er Emma verführt hatte und sie Heroin schnupfen ließ. Es waren Linus und Charlie, die mir die Augen geöffnet haben. Am Montag früh hat er mit ihnen gefrühstückt und auf sie eingeredet. Er wollte ihnen ein Internat in der Schweiz schmackhaft machen. Ziemlich unverblümt hatte er ihnen erklärt, dass er mit mir glücklich werden und eine lange Weltreise machen wolle, und sie ihm dabei im Weg seien. Als er ins Bad ging, nahmen sie einen der Böller, mit dem sie vor einer Weile ihren Chemielehrer furchtbar erschreckt hatten. Sie wollten ihm eine Lektion erteilen, dachten wohl, ihn so vertreiben zu können. Sie wollten den Kracher in dem kleinen Fach unten in der Harfe verstecken. Doch das war voll mit Drogenbriefchen. – Den Zünder des Böllers hatten sie übrigens verdammt genial konstruiert, der hätte per Handy-App das Ding hochgehen lassen.“

Don lachte und fasste sich danach mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Bauch.

„Uh, das tut noch gar nicht gut.“

„Dann lass das, bitte.“

„Eigentlich können wir stolz auf uns sein, Zizzy. Kleinstadt-Carabineri helfen dabei, einen international gesuchten Drogenbaron festzunehmen. Eine Mords-Schlagzeile.“

Sie schmunzelte und fuhr ihm zärtlich über die Wange, doch innerlich verging sie vor Reue und Selbstvorwürfen.

„Und du bist eine Heilige, Zizzy!“

„Was phantasierst du denn da? Ich glaube, du hast Fieber!“

„Ganz sicher nicht. Man hat mir zugetragen, dass du Gustavo Percolos Haus gekauft hast. Und Signore Fabioso beschäftigt ihn gegen Kost und etwas Taschengeld als Aushilfe, bis er wieder auf eigenen Füßen stehen kann. – Ich liebe dich, Zizzy. Du hast so ein umwerfend großes und gutes Herz. Glaub mir, für jemanden wie dich lässt man sich gerne über den Haufen schießen.“

Gerührt barg sie das Gesicht an seiner Schulter und brach erneut in Tränen aus. Don strich ihr sanft über den Rücken.

„Im nächsten Leben heiraten wir aber, mit allem Drum und Dran. Und jeder Menge Sex, versprich mir das.“, flüsterte er.

„Mein Ehrenwort darauf.“, entgegnete sie und lächelte trotz ihrer Tränen.

-.-

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Familiengeheimnisse (Teil 26)…

„Nein, nein, Sie brauchen mir keinen Eisbecher spendieren, Signore Carabiniere. Ich habe Geld genug, ich kann mir so viel Eis kaufen, wie ich nur will!“, prahlte Umberto, der Botenjunge der steinalten Witwe Trettoni, die seit schier unendlichen Zeiten schon über den Fabiosis wohnte, als ihn Don in die kleine Gelateria schräg gegenüber von Signore Fabiosis Geschäft einladen wollte. Sein breites Vollmondgesicht strahlte vor Vergnügen.

„Ach!“ Don staunte ihn an. „Wie viel Geld hast du denn?“

„Einhundert Euro!“, wisperte der etwa zwanzigjährige, kleine und gedrungene Mann. Don nickte langsam.

„Oh, ja. Das ist richtig viel. – Wo hast du das denn her?“

Umberto wiegte langsam den Kopf hin und her.

„Das darf ich niemandem sagen.“

„Auch mir nicht? Ich bin dein Freund, das weißt du doch.“

„Jaaaaa, Signore Carabiniere. – Aber nein, auch dir nicht.“

„Du weißt schon, dass man der Polizei immer alles erzählen muss, und dabei nicht schwindeln darf?“

Umberto hielt inne und der innere Kampf war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Hat der Mann, der dir das Geld gegeben, gedroht? Hat er dir gesagt, dass er dir etwas Böses antun, und die hundert Euro wieder wegnehmen wird, wenn du etwas erzählst?“

Umberto nickte mit gesenktem Kopf. Don legte ihm behutsam die Hände auf die Schultern.

„Ich verspreche dir, dass wir auf dich aufpassen werden. Ich, und Signora Tenente, und alle unseren Kollegen. Du brauchst keine Angst zu haben.“

„Wirklich nicht?“

„Ganz fest versprochen.“

„Ich sag es dir aber nur ganz leise.“ Umberto packte Don beim Kragen und flüsterte ihm ins Ohr. Entgeistert starrte der Sottotenente ihn an. Dann zog er seine Brieftasche und drückte Umberto einen Fünfzig-Euro-Schein in die Hand.

„Damit kannst du dir jetzt noch viel, viel mehr Eis kaufen. Und denk immer dran: Wir passen ganz fest auf dich auf.“

Umberto strahlte übers ganze Gesicht, winkte Don noch einmal zu und machte sich geschwind auf den Weg Richtung Eisdiele. Das Handy des Sottotenente läutete. Es war Commissario Rosso.

-.-

Völlig außer sich vor Wut, Entsetzen und Enttäuschung – auch über sich – raste Zizzy dahin, und kam erst dann zumindest halbwegs wieder zur Besinnung, als sie die Vespa am Hafen nahe des Anlegeplatzes der „Siora Veronica“ abstellte. Sie griff nach ihrem Diensthandy und schaltete es ein, doch das Display blieb schwarz. Sie hatte vergessen, es aufzuladen, und ihr privates Smartphone lag zuhause auf der Kommode im Flur.

Frustriert hieb sie auf den Sitz der Vespa ein, und es übermannte sie erneut unfassbarer Zorn. Aus dem weit geöffneten Portal des Palazzo de Capitani schwangen die silberhellen und glasklaren Klänge einer keltischen Harfe in die pittoresken Gassen der Altstadt. Tiziana klopfte das Herz bis zum Hals, es wollte ihr schier in der Brust zerspringen, und ihre Knie zitterten, als sie sich in Bewegung setzte.

Sie passierte das Tor und verhielt kurz auf der Empore, zu deren beider Seiten leicht geschwungene Treppen hinunter in den Saal führten.

Der große, hohe Raum war leer, bis auf Raoul, der anscheinend völlig in sich versunken unweit des Durchgangs zum Garten auf seinem Schemel hockte und musizierte. Zizzy holte tief Luft und schritt die Stufen hinab.

Als sie auf ihn zukam, sah der Harfenist auf und lächelte sie strahlend an.

„Cara mia! Was für eine schöne Überraschung!“

Zizzy zog mit der Rechten die Baretta 9mm aus dem Holster, und griff mit der Linken nach den Handschellen. Sie zielte mit der Pistole auf Raouls Brust und näherte sich ihm langsam aber stetig.

„Raoul Castron – sofern das überhaupt dein richtiger Name ist – ich nehme dich fest wegen des Besitzes und des Handels mit Drogen, und ferner wegen des dringenden Verdachts auf Unzucht mit einer Minderjährigen am siebenundzwanzigsten September dieses Jahres. Nimm die Hände hoch und mach ja keine falsche Bewegung.“

Raouls Züge verschlossen sich, und seine Augen wurden hart.

„Was ist los mit dir? Wie kommst du darauf, mir solche Dinge vorzuwerfen? Und mich mit einer Waffe zu bedrohen! Ich besitze keine Drogen!“

„Aber ja doch. Ich kann es beweisen.“

Er lachte spöttisch. Zizzy wies mit dem Kinn auf die Harfe.

„Sie sind in einem kleinen Schubfach im Standfuß deiner Prinzipessa. Und wenn nicht, dann werden wir zumindest Spuren davon in deinem genialen kleinen Versteck finden.“

„Wer hat dir das gesagt?“, blaffte Raoul scharf. Im selben Atemzug wurde seine Stimme leise, sanft und einschmeichelnd und er streckte bittend seine Rechte nach ihr aus.

„Cara mia, das ist ein Missverständnis! Nimm die Waffe runter, bitte. Ich kann dir alles erklären.“

Sie stand ihm jetzt direkt gegenüber und die Mündung der Pistole berührte beinahe seine Brust. Aus den Augenwinkeln nahm sie oben auf der Empore Bewegungen wahr und wandte für einen Moment den Kopf. Don hatte, gefolgt von einem halben Dutzend Carabinieri, das Portal passiert.

Tizana war nur für eine Sekunde abgelenkt gewesen, und dies nutzte Raoul. Er entriss ihr die Baretta und steckte sie in seinen Hosenbund, drehte ihr die Hände auf den Rücken und fesselte sie mit den Handschellen, schlang seine Linke brutal um ihren Hals, nahm die Waffe, entsicherte sie und drückte die Mündung an ihre rechte Schläfe.

„Keinen Schritt weiter.“

Don legte seine Pistole auf die steinerne Balustrade, zeigte seine leeren Hände und begann, langsam die Stufen der rechten Treppe hinab zu steigen.

„Lassen Sie das doch bitte, Signore Quimendez. Das hat doch keinen Zweck. Sie sind umstellt. Lassen Sie Tenente Bardani gehen und ergeben Sie sich.“

Raoul bewegte sich rückwärts auf das Gartenportal zu, Zizzy mit sich schleifend. Sie fühlte seinen heißen, stoßweisen Atem in ihrem Nacken.

Don hatte die letzte Stufe erreicht.

„Signor Quimendez…“

In Raouls dunklen Augen begann der Wahnsinn zu flackern.

„Zurück! Ich bin nicht Signore Quimendez! Signore Quimendez ist tot! Gestorben vor drei Jahren! – Verschwindet! Niemand bekommt sie! Niemand! Sie gehört mir! Mir allein!“, brüllte Raoul mit sich überschlagender Stimme. Er zielte kurz und schoss. Don stieß einen leisen, überraschten Laut aus, presste die Hände auf den Bauch und brach leblos zusammen. Zizzys verzweifelte Schreie hallten durch den Saal. Sie versuchte, sich zu befreien, trat in blinder Wut und Verzweiflung nach Raouls Schienbeinen. Der Griff um ihre Kehle wurde noch fester, sie rang röchelnd nach Luft.

Es klickte leise, als eine Waffe auf Raouls Kopf gerichtet und entsichert wurde. Eine Hand griff blitzschnell nach der Beretta und entwand sie ihm.

„Geben Sie auf. Ich nehme Sie fest wegen des Besitzes und Handels mit Drogen, Unzucht mit einer Minderjährigen und eines bewaffneten Angriffs, vielleicht sogar Mord, an einem Staatsbeamten.“

Commissario Rosso, der sich draußen im Garten verborgen gehalten, sich seiner Schuhe entledigt und lautlos angeschlichen hatte, tippte mit dem linken Zeigefinger auf das halbmondförmige Muttermal hinter Quimendez’ Ohr, bevor er ihm die Handschellen anlegte. Seine sonst so wohlklingende Baritonstimme klang kalt und rau.

„Da haben Sie so verdammt viel Geld für plastische Chirurgie ausgegeben. Aber das hier haben Sie sich nicht entfernen lassen. Ziemlich dummer Fehler.“

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Familiengeheimnisse (Teil 25)…

Kurz nachdem man Emma auf die Intensivstation gebracht hatte, trafen ihre Eltern ein. Gabriella wirkte völlig verstört und um viele Jahre gealtert, dem korpulenten Luigi war all die Fröhlichkeit abhanden gekommen, die er ansonsten beinahe beständig auszustrahlen pflegte.

„Können wir zu ihr?“, wandten sie sich an den Intensivpfleger, nachdem die zuständige Ärztin sie untersucht und versorgt hatte.

„Sie ist nach wie vor bewusstlos.“

„Aber sie wird trotzdem wissen, dass wir da sind.“, entgegnete Gabriella. Der übermüdet wirkende Mann zeigte sich verständnisvoll und nahm sie mit in den Raum. Emma war immer noch intubiert und wurde beatmet. Eine bestürzende Vielzahl von Geräten und Monitoren umgaben das Krankenbett. Ihre Mutter zog einen Stuhl heran und ließ sich nieder, sie griff mit beiden Händen nach der schmalen, noch so kindlichen Rechten ihrer Tochter. Luigi und Tiziana setzten sich zu Gabriella und legten sanft die Arme um ihren Rücken.

-.-

Gegen Mitternacht traf Commissario Rosso zusammen mit Don Rambolate ein und winkte Tiziana zu sich auf den tristen, halbdunklen Flur.

„Wie geht es der Kleinen?“

„Liegt noch im Koma.“

„Der Portier im Hotel San Marco hat ausgesagt, dass gegen siebzehn Uhr ein einzelner Herr das Zimmer 212 angemietet hat. Er hat erzählt, er hätte eine Autopanne, und müsse deshalb die Nacht in Malcesine verbringen. Er war in einen dunkelblauen Anzug gekleidet, trug ein weißes Hemd, eine rot gemusterte Krawatte, hatte dunkelbraunes, etwas längeres Haar, und trug einen Borsalino, sowie eine Brille mit großen, getönten Gläsern. Er hat sich als Signore Martelli aus Neapel ausgegeben und das Zimmer in bar bezahlt. Die Scheine sind völlig unauffällig, wir werden sie aber noch genau untersuchen. Ein Hausdiener hat gesehen, dass gegen zwanzig Uhr Emma Patrione die Lobby durchquert und den Lift nach oben genommen hat. Die Flasche Prosecco stammt aus der Minibar, das eine Glas ist sorgfältig abgewischt worden. Keine Fingerabdrücke, vermutlich auch keine DNA-Spuren. Und niemand hat beobachtet, dass Signore Martelli das Hotel wieder verlassen hat. Er muss die Hintertreppe und den Notausgang genommen haben. In Zimmer 213 ist einem Gast eine Flasche Wein zu Bruch gegangen, das Zimmermädchen war unkonzentriert und hat deshalb die Tür von 212 geöffnet. Zum Glück, sonst wäre das Mädel wahrscheinlich tot.“

Luigi Patrioni gesellte sich zu ihnen.

„Emma hat uns nach der Schule angerufen und gesagt, sie würde mit ihrer Freundin Rita am Umweltprojekt teilnehmen, und dann für eine wichtige Klassenarbeit lernen, und bei ihr über Nacht bleiben. Das ist öfter vorgekommen, deshalb haben wir uns natürlich überhaupt keine Sorgen gemacht! Wir konnten ihr immer vertrauen! Sie hat uns noch nie zuvor belogen!“

Die Zeit verrann quälend langsam. Gegen drei Uhr morgens schickte Commissario Rosso Tiziana und Don nach Hause.

„Ich bleibe hier. Gehen Sie nur, und versuchen Sie, etwas zur Ruhe zu kommen.“

-.-

Nach vielen Stunden Warten und ungezählten Bechern Kaffee aus dem Automaten im Wartebereich war Commissario Rosso auf der harten Sitzbank eingenickt. Er schreckte hoch, als er fest an der Schulter gepackt wurde. Es war Luigi, der tiefe Schatten unter den Augen hatte und grau und zu Tode erschöpft wirkte. Doch er lächelte matt.

„Commissario, Emma ist vor fast einer Stunde aufgewacht. Die Ärzte haben sie untersucht, und wir haben schon mit ihr gesprochen. Sie können sie jetzt befragen.“

Es dauerte eine Weile, bis Rosso völlig zu sich gekommen war. Er blickte auf die Uhr. Es war gegen ein Uhr mittags.

Emma war aus der Intensivstation in ein normales, helles Krankenzimmer verlegt worden. Sie war blass, ihr apartes, anrührendes Madonnengesicht war eingefallen, in den großen, dunklen Augen standen große innere Pein, Scham, Fassungslosigkeit und Angst.

Rosso nahm an ihrem Bett Platz. Mit seiner schönen, warmen, verhaltenen Baritonstimme sprach er so lange auf sie ein, bis sie sich entspannte, sich seinen Fragen nicht mehr verschloss und sie detailliert beantwortete.

Kaum hatte er Emma wieder verlassen, klingelte sein Handy. Es war sein Assistent, Ispettore Dominik.

„Stefano, wir haben ihn. Die modifizierte Gesichtserkennungs-Software hat ihn identifiziert. Und das nicht nur einmal. Er war häufig auf dem See unterwegs, vor allem von Malcesine nach Salò. Ich schick dir gleich die besten Fotos.“

Der Commissario öffnete die Bilddatei und betrachtete eine Weile die Aufnahmen. Es gab keinen Zweifel. Die Fotos – eines im Profil, das andere von vorne – waren klar und scharf. Rosso ballte die Rechte zur Faust.

„Oh, ja! Wir haben ihn!“

Er schloss den Ordner und rief zuerst Tenente Bardani und anschließend Sottotenente Rambolate an.

-.-

Erst im Morgengrauen fiel Tiziana in einen unruhigen bleiernen Schlaf. Es war bereits Mittag vorüber, als sie erwachte. Sie fühlte sich wie gerädert, nach einer langen, heißen Dusche zwang sie sich, etwas zu essen und zu trinken.

Die Tür ging auf, und die Zwillinge kamen in die Wohnung, sehr still, nicht so lebhaft und umtriebig wie gewohnt.

„Was macht ihr denn schon hier? Ihr habt doch nicht etwa die Schule geschwänzt?“

„Mummi! Warum musst du nur immer so schlecht von uns denken! – Die letzten beiden Stunden sind ausgefallen, Signore Dante ist krank.“

Sie setzten sich zu ihr an den Küchentisch.

„Mummi, wir wollten schon gestern Abend mit dir sprechen…“

„… Aber du warst leider so in Gedanken versunken…“

„… Dass wir nicht zu dir durchgedrungen sind.“

Tiziana fühlte einen Anflug von schlechtem Gewissen und Scham.

„Es tut mir sehr leid. – Um was geht’s, Jungs?“

Linus holte tief Luft und holte aus seiner Hosentasche ein kleines Plastiktütchen, das mit einer weißlichen Substanz gefüllt war und legte es vor seiner Mutter auf den Tisch. Zizzy war wie vom Donner gerührt.

„Um Gottes Willen! Wo habt ihr das her?“

Sich wie üblich abwechselnd berichteten ihre Söhne. Als sie geendet hatten, schlug ihre Mutter entsetzt die Hand vor den Mund. Sie fasste sich wieder und stand mit versteinerter Miene auf.

„Ihr rührt euch nicht von der Stelle. Verriegelt die Tür. Lasst niemanden herein. Geht nicht ans Telefon, außer ihr seht meine Nummer, die von Don, der Stazione oder Commissario Rosso auf dem Display.“

Während sie mit fliegenden Fingern ihre Uniform anzog und sich den Gürtel umschnallte, schlich Charlie sich ins Schlafzimmer.

„Mummi, Emma ist heute nicht in der Schule gewesen. Ist sie krank?“

‚Oddio, ich darf ihm jetzt auf keinem Fall die Wahrheit sagen!‘ Zizzy packte ihren Sohn sanft bei den Schultern. Sein kummervolles Gesicht ging ihr ans Herz.

„Charlie, Emma hat gestern Abend einen Unfall gehabt. Sie ist in Riva im Krankenhaus. Aber sie wird ganz bestimmt wieder gesund werden, und du wirst sie schon bald besuchen dürfen.“

Sie umarmte Charlie, fuhr ihm tröstend über den wirren, lockigen Schopf und legte Linus, der seinem Bruder still gefolgt war, zärtlich die Hand an die Wange.

„Ich hab euch unendlich lieb.“, flüsterte sie. Dann ging sie nach draußen, sprang auf die Vespa und brauste davon.

-.-

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Familiengeheimnisse (Teil 24)…

Nur wenig später raste sie auf ihrer Vespa durch die abendlichen Straßen in Richtung Altstadt. In einem Zimmer des Hotels San Marco am Hafen hatte man ein lebloses und allem Anschein nach sexuell missbrauchtes junges Mädchen gefunden.

An der Tür mit dem golden glänzenden Nummernschild „212“ traf Zizzy auf Commissario Rosso und starrte ihn überrascht an. „Wie kommt es, dass Sie so schnell hier sind?“

„Ich habe mich in einer kleinen Pension in der Altstadt eingemietet.“, erklärte er mit schwachem Lächeln.

Der Notarzt hatte sich mit zwei Sanitätern über das zerwühlte Doppelbett gebeugt. Das Gesicht des Mädchens wurde von einer Sauerstoffmaske verborgen. Nahe der Balkontür war eine fahrbare Trage abgestellt.

„Wir müssen sie stabilisieren, sonst überlebt sie den Transport ins Hospital nicht.“, murmelte der Arzt und zog eine Spritze auf.

Auf einem der Nachtkästchen befanden sich eine halb geleerte Flasche Schaumwein und zwei Gläser. Und ein kleines Plastiktütchen mit Resten einer weißlichen Substanz.

„Ich tippe auf Heroin.“, sprach Commissario Rosso leise. Alle Wärme war aus seiner Stimme verschwunden. „Wird es geschnupft, dann wirkt es euphorisierend, von Angst befreiend, auch aphrodisierend. Das ist bei Zuhältern, Drogendealern und Menschenhändlern nicht unüblich, ihre Opfer Heroin schnupfen zu lassen, um sie zu enthemmen und gleichzeitig anzufixen.“

Auf dem Fußboden neben dem Bett war eine Lache Erbrochenes zu sehen.

„Sie hat Glück gehabt. Vermutlich hat sie sich unbewusst zur Seite gedreht, als sie sich übergeben hat. Sonst wäre sie erstickt.“

„Ist sie vergewaltigt worden?“

Der Notarzt zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Sie hatte Sex, aber dem allerersten Eindruck nach muss der wohl einvernehmlich gewesen sein. Ich sehe keine Anzeichen von Gewalt. Aber wir werden die Kleine in jedem Fall noch genauer untersuchen. Wenn wir ihr Leben gerettet haben.“

„Wie alt mag sie sein?“, fragte Tiziana.

Rosso beugte sich über den schlanken, leblosen Körper.

„Allerhöchstens Sechzehn.“

Tenente Bardani trat näher, der Arzt zog die Maske vom Gesicht der Leblosen.

„Wir müssen sie jetzt doch intubieren.“

Mit einem rauen Schrei fuhr Zizzy zurück und jedwede Farbe wich aus ihrem Gesicht.

„Mein Gott!, flüsterte sie tonlos, „Emma! Das ist Emma!“

Commissario Rosso wandte sich ihr zu. „Sie kennen das Mädchen?“

Sie nickte und das Zimmer schien sich plötzlich um sie zu drehen. Als nächstes fand sie sich in einem etwas altbackenen Polstersessel wieder. Rosso drückte ihr ein Glas Wasser in die Hand und strich ihr beruhigend übers Haar.

„Emma ist die Tochter meiner besten Freundin Gabriella, der Frau von Carabiniere Patrioni. Die Kleine ist so brav, liebenswert und wohlerzogen, wenn auch ein bisschen weltfremd und verträumt, und ihre Eltern sind so stolz auf sie. Das wird Gabriella und Luigi das Herz brechen.“ Sie schüttelte wie betäubt den Kopf. „Ich kann das gar nicht fassen!“

Die Sanitäter rollten nach kurzer Anweisung des Notarztes die Trage an das Bett.

„Ich denke, wir können sie jetzt nach Riva ins Hospital bringen.“

Rosso nickte Tiziana zu.

„Fahren Sie mit, wenn Sie möchten, Tenente Bardani. Die Spurensicherung und Sottotenente Rambolate müssten jeden Augenblick eintreffen. Vielleicht wird Emma ja schon bald zu sich kommen, und dann können Sie sie befragen. Davon abgesehen wird es für die Eltern die Situation zumindest ein bisschen erleichtern, wenn Sie vor Ort sind.“

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Familiengeheimnisse (Teil 23)…

Kurz nachdem Zizzy am frühen Abend ihre Wohnung betreten hatte, stand Raoul vor der Tür. Sie musterte ihn kühl.

„Was willst du?“

„Cara mia, nachdem ich neulich recht grob zu dir gewesen bin, und völlig unnötig eifersüchtig, und mir das so unendlich leid tut, möchte ich das jetzt wieder gut machen und dich fein ausführen. Ich habe für heute abend eine Limousine mit Chauffeur gemietet.“ Er wies mit großer Geste auf einen blankpolierten, schwarzen Mercedes Maybach, der vor der Gartenpforte auf der schmalen, steilen Via Scuisse mit leise schnurrendem Motor wartend da stand. „Oddio!“, entfuhr es ihr unwillkürlich. Raoul, der an diesem Abend auf sie wirkte wie ein aus seiner Zeit gefallener romantischer Minnesänger, lächelte sie strahlend an. „Für dich ist mir nichts zu teuer.“, schmeichelte er und in seinen Blicke aus den dunklen, glänzenden Augen lag eine solch anbetende Zärtlichkeit, dass sie wider Willen nachgab, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, auf Distanz zu ihm zu gehen.

„Nun, gut. Warte kurz, ich ziehe mich um.“

Als sie sich im Schlafzimmer ein schwarzes Etuikleid überzog und ein wenig Make Up auflegte, hörte sie Raoul angeregt mit den Zwillingen plaudern. Anscheinend verstanden die Drei sich mittlerweile blendend.

Im Dämmerlicht des lauen Abends glitten sie auf der berühmt-berüchtigten Gardesana den wie geschmolzenes Silber glänzenden See entlang, im Fond Händchen haltend wie ein richtiges Liebespaar, bis der Fahrer, ein Meister seines Fachs, am Westufer in die durch den James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“ weltberühmt gewordene Strada della Forra einbog. Scheinbar mühelos schnurrte die elegante Limousine auf der teilweise sehr schmalen Straße durch enge Schluchten und entlang fast senkrecht abfallender Felswände bergwärts.

Sie nahmen auf der spektakulären, weit über den Abgrund ragende Terrasse des Hotels Paradiso einen Cocktail zu sich. Inzwischen war es dunkel geworden, mehr als dreihundertfünfzig Meter unter ihnen funkelten entlang des Seeufers die ungezählten Lichter der Dörfer und kleinen Städte.

Dann lotste Raoul sie in das Restaurant, zu einem mit viel Sorgfalt eingedeckten Tisch. Ein etwas düster wirkender Kellner, der einem Mafiafilm entsprungen zu sein schien, sich im Laufe des Abends aber als sehr freundlich und zuvorkommend entpuppte, begann mit dem Servieren eines auserlesenen Menüs.

Als sie beim Dessert angelangt waren, griff Raoul nach ihrer Hand.

„Hast du schon über meinen Heiratsantrag nachgedacht, cara mia?“

Zizzy hatte diese Frage befürchtet. Sie zog die Schultern hoch.

„Ja, sogar sehr viel. Aber ich bin noch zu keiner Entscheidung gekommen.“

Er nickte und schien ihre Antwort sehr gelassen aufzunehmen. Sie entspannte sich wieder.

„Das verstehe ich. Nimm dir so viel Zeit, wie du willst. Ich werde auf dich warten. Du bist es mir wert, du bist die Liebe meines Lebens! – Der Zweck dieses Abends ist, dir die Art von Leben zu zeigen, die dich erwartet, wenn du mich heiratest. Ein Leben voller Komfort und Luxus, voller Schönheit, Liebe und Abenteuer. Du bist in den letzten zwei Jahren immer wieder für mich da gewesen, hast mich bei dir aufgenommen, mir jedes Mal verziehen, wenn ich die Kontrolle über mich verloren hatte. Ich möchte das alles als dein Ehemann gut machen. Mich quasi revanchieren. Für dich da sein, dich verwöhnen, umsorgen…“

Er drückte leicht ihre Rechte.

„Du brauchst jetzt nichts zu sagen. – Genießen wir einfach diese schönen Stunden, das Essen, den Wein, unser Zusammensein…“

Am späten Abend kehrten sie wieder zurück nach Malcesine. Raoul stieg aus, öffnete ihr galant den Wagenschlag, und geleitete sie zur Tür. Dann küsste er sie ganz zart und sanft, hauchte „Schlaf gut, meine Liebe!“, bevor er wieder in den Maybach stieg und die Luxuslimousine fast lautlos in die Nacht entschwand.

-.-

Raoul ließ am Samstag nichts von sich hören. Am Sonntag Abend kreuzte er gut gelaunt und förmlich sprühend vor Witz und Charme samt Harfe bei Tiziana auf und blieb über Nacht. Den Montag hatte sie sich frei genommen. Raoul war ungewohnt früh aufgestanden, hatte mit den Zwillingen gefrühstückt, und war dann mit seiner Principessa auf dem Rücken langsam gen Altstadt geschlendert. Zizzy hatte beschlossen, endlich einmal gründlich auszuschlafen, und stand erst am späten Vormittag auf. Die Wohnung war angenehm still und leer. Sie bereitete sich einen starken Kaffee zu, buk sich ein Tiefköhl-Cornetto auf, setzte sich mit dem Laptop an den Küchentisch und begann, im Internet zu recherchieren. Am frühen Nachmittag führte sie ein langes Gespräch mit ihrem Bankberater, plünderte die Lebensmittelabteilung des nahen Eurospars, und kehrte danach müde aber zufrieden nach Hause zurück.

Linus und Charlie trafen erst kurz vor dem Abendessen ein. Sie beteiligten sich an einem Umweltprojekt der Schule, und sammelten zweimal im Monat mit Feuereifer an den Uferpromenaden und Stränden den achtlos entsorgten Müll ein. Tiziana war so sehr in ihre Gedanken vertieft, dass sie ausnahmsweise nicht registrierte, dass ihre Söhne ihr anscheinend etwas mitteilen wollten.

Nachdem Linus sie mehrmals behutsam angesprochen und keine Reaktion erhalten hatte, zuckte er mit den Schultern und flüsterte Charlie zu: „Probieren wir’s morgen noch einmal.“

-.-

Die Braut hatte Schlagseite. Was auch immer Zizzy versuchte, die Braut wollte nicht gerade stehen. „Du treibst mich in den Wahnsinn!“, knurrte sie die winzige Figur an. Der Paketbote hatte vorhin das lang ersehnte Päckchen mit der Hochzeitsgesellschaft für Modelleisenbahnen der Spur H-0 gebracht. Die vielköpfige Gruppe sollte sich für den Fotografen vor dem endlich vollendeten Sonnenblumenfeld postieren. Aber dieses dumme blondgelockte Weib in seinem weiten, blütenweißen Kleid und dem im Wind wehenden halblangen Schleier trieb Zizzy mit seinem Herumgezicke in den Wahnsinn.

Es klopfte an der Kellertür. Tiziana rief barsch „Herein!“

Es war Linus, der sich vorsichtig näherte und dabei andächtig glänzende Augen bekam.

„Oh, ist das cool, Mummi! Und wie groß deine Eisenbahn geworden ist! – Wann dürfen Charlie und ich mal damit spielen?“

„Wenn ihr alt und grau und weise geworden seid. – Was ist los?“

„Commissario Rosso hat grade angerufen. Es ist sehr dringend.“

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Familiengeheimnisse (Teil 22)…

„Was wird wohl nun aus ihm?“, murmelte Don. „Der arme Tropf ist ganz sicher kein Krimineller. Hätte er sich wirklich an seinem Onkel rächen wollen, dann hätte er ihm den Laden abgefackelt oder eines über den Schädel gezogen.“

„Er tut mir so leid – hochverschuldet, kein Job, die Frau im Wachkoma und in schlechter Behandlung, bald kein eigenes Zuhause mehr, verhaftet wegen Einbruchs und Sachbeschädigung… Aber ich bin ziemlich sicher, dass Signore Fabioso die Anzeige zurück ziehen und seinem Neffen irgendwie helfen wird.“

„Ob Fabioso das kann. Der ist doch selber ziemlich hart von der Corona-Krise getroffen worden.“

Zizzy seufzte. Don wurde von einem der Carabinieri gerufen und ließ seine Vorgesetzte allein. Diese stach in Gedanken versunken mit einem Briefmesser auf einen Aktendeckel ein. Dann klingelte das Telefon und riss sie aus ihren Überlegungen.

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Am Freitag kamen per Mail die Untersuchungsergebnisse des Inhalts des kleinen Zuckerbriefchens vom Labor in Riva del Garda. Tiziana rief den Sottotenente zu sich.

„Das ging aber fix. Hast du den Mädels dort schöne Augen gemacht?“

Don grinste. „Was denkst du nur von mir! So was würde ich nie tun! – Das war gar nicht nötig. Im Labor ist man auf den Leiter der Polizeistation in Riva gar nicht gut zu sprechen, deshalb haben sie die Bearbeitung unserer kleinen Probe ‚versehentlich‘ vorgezogen.“

Zizzy öffnete die Mail.

„Du hattest recht, Don. Das Zeug ist Rauschgift. Heroin, sehr hochwertig, fast unverschnitten. – Ich werde sofort Commissario Rosso anrufen.“

Der ging gleich beim ersten Klingeln an sein Handy.

„Da ist Ihnen aber der Zufall, Genosse Schicksal, oder wie man das auch nennen mag, sehr hold gewesen. – In der Questura hat man mich allmählich schon für durchgeknallt gehalten – das ist der Beweis, dass ich mich nicht geirrt habe!“, triumphierte er, nachdem Tenente Bardani geendet hatte. „Hören Sie, ich werde jetzt ganz sicher nicht mit der großen Entourage aufkreuzen, sondern weiter im Stillen ermitteln. Und zwar mit Ihnen und Sottotenente Rambolate. Mein Assistent, ein Wunderknabe in Sachen IT, hat eine Software zur Gesichtserkennung so modifiziert, dass sie auf besondere körperliche Merkmale reagiert, Muttermale zum Beispiel, Narben oder Warzen. Navigarda hat uns freundlicherweise die gesamten Aufzeichnungen ihrer Überwachungskameras aller Anlegestellen am Gardasee des vergangenen halben Jahres zur Verfügung gestellt. Damit wird sich mein Ispettore Dominik nun beschäftigen, erfolgreich, wie ich hoffe. – Wir treffen uns in zwei Stunden bei Signore Fabioso. Ich werde einen Kriminaltechniker mitbringen, der diese Grube genau unter die Lupe nehmen wird – im wahrsten Sinne des Wortes. – Und kommen Sie in Zivil! Keine Uniform!“

Signore Fabioso hielt grade ein kleines Päuschen auf einer der halbrunden Bänke an der Piazza Don Quirico im milden Glanz der Herbstsonne, als Tiziana, Don und Rosso mit dem Kriminaltechniker im Schlepptau eintrafen. Mit einem freudigen Lächeln auf dem Gesicht eilte er ihnen entgegen, und begrüßte die beiden Carabinieri mit höchster Ehrerbietung, Zizzy küsste er sogar galant die Hand.

„Da haben Sie ja einen glühenden Verehrer.“, schmunzelte Commissario Rosso.

„Er ist so froh und dankbar, dass wir den Einbruch bei ihm aufklären konnten.“

Der Kaufmann fiel aus allen Wolken, als er von dem Drogenversteck in seiner Gartenhütte erfuhr.

„Ich hoffe, Sie denken jetzt nicht…“ Es versagte ihm die Stimme. Don lächelte ihm begütigend zu.

„Wir haben Sie keine einzige Sekunde lang in Verdacht gehabt, Signore.“

„Was soll ich jetzt tun? Wie soll ich mich verhalten? Muss ich tagsüber das Portal absperren? Aber dann müsste ich außen an der Hauswand ein Klingelschild und Briefkästen anbringen lassen. Und bis das gemacht ist, jedem, der ins Haus will, einen Schlüssel geben. Und Umberto, der Botengänge für Signora Trettoni macht, ist zwar ein lieber Bursche, aber nicht grade die hellste Kerze auf der Torte, wie man heutzutage zu sagen pflegt, der würde seinen Schlüssel im Handumdrehen verlegen oder verlieren…“

Der Commissario sprach in seinem wohlklingenden Bariton: „Signore Fabioso, tun Sie nichts. Vergessen Sie möglichst, was Sie grade gehört und gesehen haben. Verhalten Sie sich bitte so wie immer. Lassen Sie das Portal weiterhin offen. Und haben Sie keine Angst. Wir werden Ihr Haus ab heute rund um die Uhr im Auge behalten.“

Es dauerte eine Weile, bis der Kriminaltechniker seine Untersuchungen abgeschlossen hatte. Als sie sich zum Gehen wandten, huschte Fabioso auf Tiziana zu und drückte ihr sanft die Rechte.

„Ich habe die Anzeige gegen Gustavo zurück gezogen. Ich hoffe, dass wir bald einmal in Ruhe miteinander reden werden.“, flüsterte er ihr zu.

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Familiengeheimnisse (Teil 21)…

Die Zwillinge waren noch wach, als sie nachhause kam.

„Raoul war da, Mummi. Wir hatten viel Spaß mit ihm. Er hat uns spannende Geschichten aus seiner Zeit als Globetrotter erzählt, lecker für uns gekocht, und versucht, den Mädels das Harfe spielen beizubringen. “, verkündete Linus gut gelaunt. ‚Er hat normale Sterbliche an die Saiten seiner Principessa gelassen?‘, dachte Zizzy, ‚wie außergewöhnlich!‘ Charlie hingegen machte einen bedrückten Eindruck.

„Was ist mit dir, Carlo?“

„Und mit dir, Mummi? Carlo nennst du mich sonst nur im allerschlimmsten Notfall.“

Linus erklärte: „Er leidet. Er hat Liebeskummer. Er bildet sich ein, dass seine geliebte Emma ihn heute sehr abweisend behandelt hat.“

Emma war Gabriellas ältere, sechzehnjährige Tochter. Mit ihren langen, goldbraunen Haaren und den großen Rehaugen glich sie einer Madonna. Sie war sehr brav und klug und der ganze Stolz ihrer Eltern. Charlie, der sensiblere von Zizzys Söhnen, hatte vor Jahren schon sein Herz an das verträumte, grazile Mädchen verloren.

„Charlie, du hast dich ganz sicher getäuscht. Du weißt doch, dass Emma dich auch sehr gerne hat. Vielleicht hat sie ihre Tage bekommen, und sich deshalb heute nicht wohl gefühlt.“

Linus knuffte seinen Bruder in die Rippen.

„Siehste! Du hast von Mädels keine Ahnung.“

„Du etwa schon?“, hakte Zizzy nach. Ihr Sohn warf sich in die Brust. „Aber sicher! Ich bin schließlich der Ältere!“

Sie lachte. „Ja, um ziemlich genau fünfundzwanzig Minuten!“

„Das kann unter bestimmten Umständen eine kleine Ewigkeit sein. – Mummi hat Recht, kleiner Bruder. – Und mir ist nicht aufgefallen, dass Emma dich anders behandelt hat als sonst.“

Charlie holte tief Luft und sein düsteres Gesicht hellte sich auf.

Verschwommene Bilder einer Szene, die sich vor gar nicht langer Zeit abgespielt hatte, drangen kurz in Tizianas Bewusstsein. Doch bevor sie die Eindrücke fassen konnte, waren sie schon wieder entschwunden. Aber sie hatten ein unbehagliches Gefühl zurück gelassen.

„Wann ist Raoul gegangen?“

„Vor ner halben Stunde erst.“

„Und Emma und Laura?“

„Gabriella hat sie um Neun abgeholt.“

Linus trat zu Zizzy und schnippte mehrmals mit den Fingern dicht vor ihrem Gesicht.

„Linus an Tenente Mummi! Du bist nicht mehr im Dienst, und brauchst uns nicht zu verhören. Es ist alles in Ordnung.“

„Natürlich. Du hast ja Recht. Es ist alles in Ordnung.“

Sie schlüpfte in einen bequemen Hausanzug, schnappte sich eine halbe Flasche Wein samt Glas und suchte Zuflucht, Ablenkung und Entspannung bei ihrer Modell-Eisenbahn. Das Sonnenblumenfeld gedieh, obwohl sie in letzter Zeit nur selten die Geduld aufgebracht hatte, die winzig kleinen Kunststoff-Pflanzen mit Lupe und Pinzette zurecht zu pfriemeln.

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Das Verhör von Gustavo Percolo fand am Donnerstag Morgen in Tizianas Büro statt. Sie hatte Kaffee für Don, Fabiosos Neffen und sich gekocht, und einen Teller mit frischen Cornetti vor den Inhaftierten geschoben.

„Greifen Sie zu. Nach der Nacht in unserer Zelle tut Ihnen das bestimmt gut. Und mit etwas Süßem und einem ordentlichen Kaffee im Magen redet es sich leichter.“

Gustavo, ein schlaksiger Mann mittlerer Größe mit leicht gekrümmtem Rücken – das scheint ein Familienerbe zu sein, dachte Zizzy -, schwarzen, kurz geschorenen Haaren und dunklen schmalen Augen schaufelte das Gebäck in sich hinein, als hätte er tagelang nichts zu essen bekommen.

„Wieso haben Sie bei Ihrem Onkel eingebrochen, und an die fünfzig Schirme beschädigt?“

Gustavo schnaufte heftig. Seine heisere Stimme klang wie Donnergrollen: „Weil er für das büßen soll, was er mir und meiner Annunziata angetan hat!“

„Signore Fabioso ist ein friedvoller, anständiger und ehrbarer Mensch. Ich glaube nicht, dass er irgend einem Anderen absichtlich ein Leid zufügen würde. Schon gar nicht jemandem aus der eigenen Verwandtschaft.“

„Ein scheinheiliger Falott ist er! Ein widerliches, verlogenes, falsches Dreckschwein!“

Hochrot im Gesicht hieb Percolo mit der Faust auf den Schreibtisch. Don und Tiziana warteten schweigend, bis er sich wieder beruhigt hatte. Er fuhr sich über den verzerrten Mund.

„Vor gut zwei Jahren haben wir einen hohen Kredit aufgenommen, um nach dem Auszug unserer Kinder vier leer stehende Zimmer zu renovieren und in Ferien-Appartements zu verwandeln. Ich gab meine Arbeit bei einem Schlüsseldienst in Riva auf, damit ich mich ordentlich um unsere Gäste kümmern konnte. Ich richtete das Frühstücksbufett, machte die Zimmer sauber, reparierte, erledigte kleine Besorgungen. – Die Saison 2019 lief recht gut, und wir konnten wenigstens die Zinsen bezahlen. Und dann kam dieses Scheiß-Corona. Und damit die finanzielle Katastrophe. Annunziata hatte ja seit langem schon einen Job als Kassiererin im Eurospar. Das, was sie dort verdient hat, und die zahlen nicht eben üppig!, von dem mussten wir über ein Jahr lang leben. Wir konnten uns oft genug nur eine einzige Mahlzeit am Tag leisten! Als wären wir irgendwelche stinkende, schwarze, dreckige Hungerleider in einem Dritte-Welt-Land! Aber denen steckt man das Geld hinten und vorne zu, um die Armen im eigenen Land schert sich niemand! – Wir sind immer mehr und immer mehr in die Miesen geraten – nächsten Monat wird unser Haus versteigert! Und da hat bei meiner Annunziata eines Tages der Verstand ausgesetzt. Sie hat beim Eurospar in die Kasse gegriffen. Natürlich ist das aufgeflogen, und man hat sie von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt. Hat nicht länger gedauert als ein Fingerschnippen – und das nach über zehn Jahren, in denen sie sich für diesen Laden den Arsch aufgerissen hat! Ist noch mit vierzig Grad Fieber in die Arbeit gegangen, mit einem verstauchten Knöchel, hat nie einen Tag krank gefeiert, sogar nach dem Tod ihres Vaters hat sie sich nur einen einzigen Tag für die Beerdigung frei genommen. Zählt alles nichts, machst du einen Fehler, bist du weg. Entsorgt. Stehen schon mindestens zehn andere vor der Tür Schlange, die auf deinen Job scharf sind. Loyalität funktioniert inzwischen nur noch mehr von unten nach oben. Umgekehrt nicht mehr. Sie konnte sich nicht einmal arbeitslos melden, sie hatte ja gestohlen! Sie hat sich persönlich und telefonisch entschuldigt, gefleht und gebettelt, Briefe geschrieben, bis zum obersten Management von Eurospar, man solle ihr doch verzeihen und eine zweite Chance gegeben. Hat nichts genutzt. Ich habe natürlich auch versucht, Arbeit zu finden. Und bin überall abgewiesen worden. Immer dasselbe – Corona, Corona, Corona… Und dann ist sie auf die Idee gekommen, Onkel Ernesto zu bitten, ihr einen Job zu geben. Wenigstens als Aushilfe. Und der alte Drecksack hat Nein gesagt! Obwohl er gewusst haben muss, wie schlecht es uns ging! – Am nächsten Morgen war meine Annunziata verschwunden. Sie hatte mir einen Zettel hinterlassen, dass es ihr so leid tun würde, was sie mir angetan hatte, und dass sie aus meinem Leben verschwinden würde, damit ich es in Zukunft wieder etwas leichter haben würde. Und dann hat man sie ein paar Stunden später im See gefunden.“

Tiziana nickte, sie konnte sich noch gut an den Bergungs-Einsatz im Frühjahr erinnern.

„Sie hat noch gelebt. Aber der Sauerstoffmangel hat bei ihr Gehirnschäden verursacht. Sie ist in Riva, in einem Hospiz, liegt im Wachkoma. Die Betreuung ist schlecht, niemand kümmert sich um sie. Ich würde sie so gerne da rausholen und in ein privates Heim bei Saló geben – aber die Pflege dort ist verflucht teuer. Ich lebe von dem bisschen, was ich von meinem Bruder erbetteln konnte, ein paar tausend Euro waren das, mehr nicht. Und in ein paar Wochen nimmt man mir das Haus weg, und dann habe ich nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf…“

Er verstummte und barg das Gesicht in den Händen.

„Wenn Onkel Ernesto ein Herz in der Brust hätte, und meiner Annunziata einen Job gegeben hätte, dann würde sie noch gesund sein, und bei mir…“

Sein tiefer Atemzug glich einem Schluchzen.

„Und so haben Sie sich Zutritt zu seinem Lager verschafft, und die Schirme kaputt gemacht.“

„Ja! Ich wollte es ihm heimzahlen! Ich wollte ihn dafür büßen lassen! Ich wollte seinen Ruf ruinieren, und ihn zum Gespött von Malcesine machen! Und da kam mir die Idee mit den Schirmen. War sehr effizient, wie ich gehört habe.“

„Ihr Onkel war am Freitag hier, um Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Als er davon erzählt hat, dass er nicht dazu in der Lage gewesen ist, Annunziata einzustellen, sind ihm die Tränen gekommen, Signore Percolo. Er ist selber in der Pandemie grade so über die Runden gekommen, und hat seine Ersparnisse opfern müssen, um den Laden halten zu können. Es hat ihm in der Seele weh getan, dass er Ihnen und Ihrer Frau nicht hat helfen können!“

Percolo schnaubte verächtlich. Tiziana fuhr fort: „Als wir am Montag das Lager nach Spuren durchsucht haben, muss er Sie bereits in Verdacht gehabt haben. Doch er hat uns gegenüber geschwiegen, und versucht, Sie dadurch zu schützen. Darüber sollten Sie vielleicht mal nachdenken, Signore.“

Don fügte hinzu: „Wir haben Signore Fabioso bereits informiert, dass wir Sie auf frischer Tat ertappt und festgenommen haben. Es liegt an ihm, ob er die Anzeige zurückziehen will oder aufrecht erhalten. Wenn das der Fall sein sollte, dann sind Sie bis zum Verfahren gegen Sie auf freiem Fuß. Wir werden Sie allerdings genau im Auge behalten. Da Sie bis jetzt nicht straffällig geworden sind, können Sie mit einer Haftstrafe von einem bis maximal drei Jahren rechnen. Und da unsere Justiz noch langsamer arbeitet als Gottes Mühlen mahlen, wird es sich sehr lange hinziehen, bis Sie vor den Kadi müssen. Den Anklagepunkt des bewaffneten Angriffs auf einen Beamten haben wir übrigens gestrichen. Sie haben im Schock reagiert und nicht vorsätzlich. – Sie dürfen jetzt gehen, Signore Percolo.“

Gustavo erhob sich. Er nickte den beiden Carabinieri zu, hauchte ein kaum hörbares „Danke!“ und verließ langsam und mit schleppenden Schritten die Comando Stazione. Ein gebrochener Mann.

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Familiengeheimnisse (Teil 20)…

Rambolate scharrte mit den Füßen. Dann blickte nach unten. Irgend etwas schien ihn zu irritieren.

„Was hast du?“

„Da wackelt eine Bodenplatte.“

„Ja, und?“

Er gab keine Antwort, zog die Taschenlampe aus dem Gürtel und leuchtete zwischen seine Beine.

„Kein Wunder, dass die locker ist. Da ist der Fugenmörtel entfernt worden.“

Er bückte sich und fingerte an der etwa vierzig Zentimeter im Quadrat messenden Terrakotta-Fliese herum. Dann hob er sie langsam und vorsichtig an.

„Gott, was bist du neugierig!“

„Ich bin nicht neugierig. Ich bin ein Mann, ich bin wissbegierig. Männer sind nie neugierig.“, konterte er trocken.

Er legte die Platte beiseite. Sie hatte eine etwa einen halben Meter tiefe, quadratische Mulde verdeckt, die mit einer dunklen Plastikplane verkleidet war. Zizzy spähte ihm über die Schulter und hielt den Atem an. In einigen Falten der Plane auf dem Boden der Mulde waren leichte Spuren eines weißlichen Pulvers zu erkennen.

„Denkst du grade das, was ich auch denke?“

Sie nickte.

„Das sieht schon sehr nach einem Drogenversteck aus.“

„Ich glaube, wir haben zu viele Krimis gesehen.“, witzelte Tiziana.

„Ach, du!“

Rambolate beugte sich nach unten, um mit der rechten Zeigefingerspitze etwas von der Substanz aufzunehmen.

„Du wirst jetzt bitte nicht den blödsinnigen Fingertest machen! – Wenn das kein Rauschgift ist, sondern Unkrautvernichter, oder ein Mittel gegen Schädlinge, oder Rattengift!“

Don verdrehte die Augen gen Himmel. „Warum soll ein völlig harmloser älterer Mann Utensilien zur Gartenpflege in einem Loch im Boden verstecken, wenn da ein Schrank ist, und daneben ein halbleeres Regal? Das ist doch unlogisch hoch Zehn! Was hast du dir eingeworfen, Zizzy?“

„Wenn du brav bist, gebe ich dir etwas davon ab. – Gut, dann nimm eine Probe, wir schicken das ins Labor und lassen es untersuchen. – Hast du eine Beweismitteltüte dabei?“

Don verneinte, nahm eines der geleerten Zuckerbriefchen vom Tisch und bugsierte vorsichtig mit einem Kaffeelöffel etwas von dem weißen Staub hinein, faltete er es sorgfältig und steckte es in die Innentasche seiner Uniformjacke.

„Wir sollten Commissario Rosso informieren.“

„Erst, wenn wir das Laborergebnis haben. – Ernsthaft, wie viel Erfahrung im Umgang mit Drogen haben wir denn, Don? Wir sind Kleinstadt-Carabinieri! Und mehr als ein paar harmlose Kiffer mit ein bisschen Gras sind uns in all den Jahren nicht ins Netz gegangen. Was, wenn wir jetzt einen Mords-Bohei machen, und es sich dann herausstellt, dass wir uns doch geirrt haben, und das Pulver völlig harmlos ist? Der Drogenbaron – falls es ihn überhaupt gibt – läuft dann immer noch frei herum, und wir haben uns bis auf die Knochen blamiert.“

„Du bist der Boss, Zizzy.“ Er starrte eine Weile in Gedanken versunken vor sich hin, und teilte ihr dann seine Überlegungen mit: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier jemand Drogenhandel betreibt. Die Ursulinerinnen mit Sicherheit nicht. Und die Senioren, die sie bei sich aufgenommen haben, sind fast alle dement. Das Haus links“, er machte eine weit ausholende Handbewegung, „steht seit Jahren schon leer, der Immobilienhai, der es gekauft hat, verzögert wahrscheinlich den Umbau bis zum St.-Nimmerleins-Tag. Und Signore Fabioso – ich habe viel Phantasie, aber das halte ich für völlig ausgeschlossen. Seine Cordula bräuchte für ihr Mundwerk eigentlich einen Waffenschein – aber im Grunde ist sie mindestens genauso gutmütig wie er. Über den Fabiosos lebt noch die alte Witwe Trettoni, die hat seit einer Ewigkeit ihre Wohnung nicht mehr verlassen, weil sie kaum mehr gehen kann. Umberto, der junge Mann, der für sie Botendienste macht, ist ein recht einfältiger Bursche, ein goldiger und lustiger Kerl, der aber kaum seinen Namen buchstabieren kann.“ Don schüttelte den Kopf. „Aber diese Grube hier ist geradezu genial für ein Drogenversteck. Wer würde schon auf die Idee kommen, ausgerechnet in diesem biederen, beschaulichen Umfeld nach so etwas zu suchen. Und man kann jederzeit ein- und ausgehen, denn das Portal steht den ganzen Tag über offen.“

„Sch!“, machte Tiziana. Ein Schlüssel wurde in das Portal gesteckt und leise gedreht. Die beiden Carabinieri hörten mit angehaltenem Atem, wie das Tor geöffnet und fast lautlos wieder geschlossen wurde. Leise Schritte näherten sich, eine dunkle Gestalt querte den Hinterhof und machte sich dann an der hinteren Tür zum Lager zu schaffen, und schwang sie dann auf. Der Einbrecher knipste eine kleine Taschenlampe an und verschwand im Lager. Von ihrem Versteck aus konnten Don und Zizzy beobachten, wie er sich suchend umblickte, und ein leises Knurren ausstieß, als er den großen, verschlossenen Karton auf dem Boden entdeckte. Er zückte ein Teppichmesser, riss den Deckel auf und griff nach dem zuoberst liegenden Schirm. Er streifte die Hülle ab, betätigte den Aufspanner und machte sich an den zierlichen Streben zu schaffen.

„Jetzt!“, hauchte Zizzy.

Don erhob sich und war mit wenigen großen, geschmeidigen Sätzen bei dem Eindringling. Der zuckte zu Tode erschrocken zusammen, wirbelte herum und stieß mit dem Teppichmesser nach dem Carabinieri, der blitzschnell zur Seite wich. Mit einem scharfen Schlag auf das Handgelenk entwaffnete Rambolate den Angreifer, verdrehte ihm die Arme auf den Rücken und legte die Handschellen an.

„Ich nehme Sie fest wegen Einbruchs, Sachbeschädigung und bewaffneten Angriffs auf einen Carabiniere.“

Tiziana leuchtete dem Einbrecher ins Gesicht.

„Sie sind Gustavo Percolo, ein Neffe von Signore Fabioso, nicht wahr. Wir bringen Sie jetzt zur Carabinieri Stazione, und werden Sie morgen vernehmen.“

Percolo hatte den Kopf gesenkt. Widerstandslos ließ er sich abführen.

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Familiengeheimnisse (Teil 19)…

Kurz vor ihrem Dienstantritt war die Meldung eingegangen, dass ein Bergwanderer aus München vermisst wurde. Er war im Gebiet des Monte Baldo unterwegs gewesen, und am Abend nicht in die kleine Pension in Campagnola zurück gekehrt. Zusammen mit dem hiesigen Leiter der CNSAS (Corpo Nationale Soccorso Alpino e Speleologico), der italienischen Bergwacht, koordinierte sie den Einsatz. Jeder verfügbare Carabiniere aus Limone, Riva, Maderno und Saló beteiligte sich an der Suche im Gebiet der elf Kilometer langen Route, die von Malcesine zur Bergstation der Seilbahn führt, und die der Wanderer als Tour seiner Frau angegeben hatte. Die Herausforderung, den Mann möglichst unversehrt aufzufinden, lenkte sie wohltuend ab.

Es war später Nachmittag, als der Vermisste endlich geborgen wurde. Er hatte sich spontan umentschieden, war mit der Seilbahn hoch gefahren, und hatte einen der alten Militärtrails erkundet, die entlang des dreißig Kilometer langen Bergrückens verliefen, sich dabei das linke Knie verdreht, und die Nacht sowie den Großteil des Tages unter einem Felsvorsprung verbracht. Aufgrund starken Nebels hatte er vernünftigerweise in dem ihm völlig unbekannten Gelände nicht versucht, den Weg zur Bergstation zu suchen. Er war unterkühlt, aber bis auf die Distorsion des Kniegelenks wohlauf.

Endlich kehrte auf der Stazione wieder Ruhe ein. Zizzy rieb sich erschöpft die Augen.

„Du siehst gar nicht gut aus.“, konstatierte Don, der grade vom Monte Baldo zurück gekehrt war.

„Du bist ein Meister darin, einer Frau schöne Komplimente zu machen.“, konterte sie giftig. „Kann sein, dass ich mir eine Erkältung eingefangen habe. Ich gehe gleich nach Hause und leg mich ins Bett.“

„Tu das. Du weißt, wir haben morgen vielleicht eine lange Nacht vor uns.“

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Als sie am späten Mittwoch Nachmittag ihre Vespa aus dem Verschlag im Garten holte und auf die Via Scuisse bugsierte, strebte Raoul mit raschen Schritten der Vorgartenpforte zu, die keltische Harfe auf den Rücken geschnallt. Sie hatten sich seit der Nacht in seinem Appartement nicht mehr gesehen, und ihr war ein wenig bange davor, dass er mit ihr über seinen Heiratsantrag sprechen wollte. Er grüßte sie mit einem strahlenden, liebevollen Lächeln, das jedoch erstarb, als er sah, dass sie sich anschickte, weg zu fahren.

„Wo willst du hin?“

„Ich bin mit Don zum Essen verabredet.“, log sie.

„Ich dachte eigentlich, wir könnten uns einen schönen Abend machen. Sag ihm ab.“

„Nein, tut mir leid. Das werde ich nicht. Wir haben das vor einer Weile schon vereinbart. Aber du kannst dir gerne einen schönen Abend mit meinen Söhnen und den beiden Töchtern von Gabriella machen. Und acht geben, dass Linus und Charlie ihren Hausarrest“ einhalten.

„Hast du ein Verhältnis mit Don?“, fragte er schroff.

Er kam ihr sehr nahe, etwas Bedrohliches ging von ihm aus, seine Fröhlichkeit, Sanftheit, seine verführerische Ausstrahlung, der verliebte Glanz in seinen Augen waren von jetzt auf gleich verschwunden, als hätte er in seinem Wesen einen Schalter umgelegt. Zizzy konnte sich eines leisen Anflugs von Angst nicht erwehren.

„Nein, das habe ich nicht. Und das weißt du auch. Er ist mein bester Freund und wie ein Bruder für mich.“

„Du gehörst zu mir! Zu mir, sonst niemandem!“, stieß Raoul hervor. Er griff nach ihrem Arm, doch Zizzy wich aus, stieg auf die Vespa und startete den Motor.

„Ich gehöre ausschließlich mir selbst. Und meinen Söhnen. Sonst niemandem!“, gab sie giftig zur Antwort und brauste davon.

In der Stazione tauschte sie, sich zur Ruhe zwingend, den Hosenanzug und die leichte Steppjacke gegen die dunkelblaue Uniform samt Thermojacke und legte den Gürtel mit der im Holster steckenden Beretta 9mm, den Handschellen, dem Diensthandy und der Taschenlampe um.

Es begann zu dämmern, als sie zeitgleich mit Sottotenente Rambolate vor Signore Fabiosis Laden eintraf. Der Kaufmann war grade dabei, das Geschäft abzuschließen. Er geleitete sie in den lauschigen Hinterhof, zu der kleinen Hütte, die an der rückwärtigen Mauer lehnte. Zwei Campingstühle waren im Inneren aufgestellt, und ein kleines Beistelltischchen, auf dem sich eine Thermoskanne Kaffee, etlichen Zuckerbriefchen und einer kleinen Kanne Milch, zwei Trinkbecher und eine in ein sauberes, mit einer akkuraten Bügelfalte versehenes Geschirrtuch eingeschlagene Kuchenplatte befanden. Das sei der beste Apfelkuchen der Welt, gebacken von seiner lieben Cordula, nach einem Rezept ihrer Großmutter, nicht so ein mit Zusatzstoffen aller Art verseuchtes Billigzeug vom Supermarkt, das nach nichts schmecken würde. Zizzy, die häufig auf das geschmacklose und verseuchte Billigzeug im Eurospar Malcesine zurückgriff, weil sie zu faul zum Backen war, verspürte einen leisen Hauch schlechten Gewissens.

Fabioso verschwand kurz im Lager, und kehrte mit einem kleinen Heizlüfter zurück.

„Falls Ihnen kalt werden sollte. Die Steckdose ist rechts neben dem Geräteschrank.“

Die beiden Carabinieri bedankten sich gerührt.

„So sind wir während einer Observierung noch nie verwöhnt worden.“

Fabioso huschte in den Durchgang und verschloss das Portal zum Hof. Er winkte ihnen noch einmal fahrig zu, dann hörten sie, wie er die Treppe in den ersten Stock hoch tapperte. Sie setzten sich, ließen sich den traumhaft feinen Kuchen und den starken, aromatischen Kaffee schmecken, über dieses und jenes plaudernd. Tiziana kämpfte mit dem Wunsch, ihrem Freund von Raouls Heiratsantrag zu erzählen, von Dienstag Nacht und der kurzen Begegnung vorhin. Doch sie widerstand. Das wollte und musste sie alleine ausfechten.

Nach einer Weile verstummten sie. Inzwischen war es finster geworden, in Fabiosos Haus vor ihnen und der kleinen privaten Seniorenresidenz der Ursulinerinnen rechts davon gingen die Lichter an.

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