Der Geiger vom Königssee…

 

… Eine steil in den Königssee abfallende Felswand gegenüber der Bedarfsanlegestelle Kessel wird seit jeher „Geigerwand“ genannt. Auf ihr soll es in hellen Vollmondnächten nicht ganz geheuer zugehen. Dann sei dort ein seltsamer und riesengroßer Mann zu sehen sein, der eine Geige bei sich trägt. Er würde sich an den Rand des schier lotrechten Abgrundes stellen und eigenartige, sehr traurige Weisen spielen. Weithin über das Gebirge sind diese Melodien zu hören, bisweilen sogar in das über zwanzig Kilometer entfernte Salzburg…

… Während seines Spiels soll der geheimnisvolle Musiker mühelos, mit geradezu tänzerischer Leichtigkeit, von Felsspitze zu Felsspitze springen, ohne den Bogen abzusetzen und zu unterbrechen. Sobald er seine melancholische Serenade beendet habe, würde er auf ebenso ungeklärte Weise verschwinden, wie er gekommen sei – und niemand weiß, in welche Sphären er sich dann begeben würde…

 

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Die Teufelsmühle am Funtensee…

Vor vielen, vielen Jahren stand am Ufer des dunklen, in hoch aufragende Felsgipfel gebetteten Funtensees nahe des Steinernen Meeres eine Hütte. Sie war die Behausung eines armen Jägersburschen, den allerdings das karge Dasein keineswegs schmerzte. Fröhlich übte er sein Waidwerk aus, und wenn er lange Fastenzeiten bei kargem Mahl zu überstehen hatte, war er doch einer der lustigsten an den großen Festtagen in den Wirtshäusern drunten im fernen Tal…

… Eines Tages, er befand sich an den Bergschroffen nahe des Sees auf der Jagd nach Mankeis (Murmeltieren), erspähte er im Felsgeröll eine Handvoll blitzender Taler. Der so plötzlich entdeckte Schatz kam ihm zunächst unheimlich vor, doch nach einigem Sinnieren füllte er sich die Taschen mit dem Wundergold. Er begann, ein Leben in Saus und Braus zu führen, das Jägern interessierte ihn nicht mehr. Aber die zusammen gerafften Taler bereiteten ihm nicht lange Freude, schon bald war er ärmer als zuvor…

… So stieg er hoch zur Wand, an deren Fuße er die Goldtaler gefunden hatte. Doch weit und breit war nichts zu sehen. Schon wollte er missmutig umkehren, da stand ein Mann vor ihm mit riesigem Kopf und Hörnlein auf der Stirn. „Willst du’s mit mir halten oder net?“, fragte der Fremde, der Böse. Leichtfertig verschrieb der Jäger sich dem Teufel. Augenblicklich kugelten Steine von der schroffen Wand, die sich vor dem Burschen in Taler verwandelten…

… Er führte sein neues Freudenleben jedoch nur kurz. Holzknechte fanden seinen zerschmetterten Leichnam unter einem Haufen Felsgestein…

… Seitdem hört man am Funtensee ein Geräusch ähnlich dem Klappern einer Mühle. Der Teufel mahlt dort Steine zu Goldtalern, um Seelen zu fangen. Grade in der heutigen Zeit scheint ihm das recht gut zu gelingen…

 

 

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Die Stimme des Universums…

… Im Feenreich Baverarium war man höchst unzufrieden mit Minifray. Nicht einmal die leichtesten Aufgaben wie das Kochen und Backen von Blütenpollen-Broten, um den Bienen die harte Arbeit etwas zu erleichtern, oder das Beaufsichtigen der Kleinsten konnte man ihr übertragen. Stets wirkte sie verträumt, abwesend, als weile ihr Geist an einem fernen, fremden Ort. Bei den magischen Verrichtungen pflegte sie wichtige Zutaten zu vergessen und die Zaubersprüche durcheinander zu bringen, das Hüten des Nachwuchses endete immer in einem heillosen Chaos. Zudem sah sie ganz anders aus, als das bei diesen ätherischen, wunderschönen, strahlenden und filigranen Zauberwesen so üblich war, sie war dicklich und plump, hatte eine schiefe Knubbelnase, einen schmalen Mund und kleine, eng beieinander stehende Augen. Daher entschloss sich der Oberste Rat der Feen dazu, ihr nur mehr die Pflichten einer Magd anzuvertrauen, denn beim Fegen, Putzen, Scheuern und Wienern kann man schließlich nicht allzu viel verkehrt machen…

… Minifray fügte sich nur widerwillig, da sie mit einem beachtlichen Sturschädel gesegnet war und sich zudem zu Höherem berufen fühlte. Doch letztendlich, als man ihr sogar mit dem Verweis aus dem Feenreich drohte, ergab sie sich in ihr Schicksal. So führte sie tagein, tagaus dem guten Dutzend „weiser“ und ergrauter Feenhäuptlingen des Obersten Rats den Haushalt. Und sang dabei, heimlich, wenn ihre Herrschaften in Baverarium unterwegs waren, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte eine unbeschreiblich reine und klare Stimme, mit einem Klang und einem Volumen, wie sie hienieden noch nie zu vernehmen gewesen war…

… Eines Tages kündigte der Große und Unermessliche Weltengeist seinen Besuch an, und das Feenreich stand Kopf. Was wurde da geputzt, gewaschen, geschniegelt und gestriegelt, um ja einen gefälligen Eindruck zu hinterlassen! Aufgeregt tippelten die Mitglieder des Obersten Rates hin und her, als ein überirdisches Strahlen und Vibrieren den allmächtigen Gast ankündigte. Tief, sehr tief waren die Bücklinge, die da gemacht wurden! „Oh, Erhabener! Womit können wir Euch dienen?“ – „Ich bin auf der Suche nach meiner neuen Stimme des Universums, und sicher, sie hier zu finden.“ Sodann begann der Reigen der Feen, ein schier ewigliches Wogen der zarten Gestalten, ein gar wundersames Singen und Jubilieren. Doch der Große und Unermessliche Weltengeist schüttelte unentwegt den Kopf. „Das ist sie nicht – das auch nicht – nein, nein, und die hier ist es keineswegs! – Sie muss hier sein! Sie muss! Ich irre mich nie!“…

… Tolpatschig, wie sie nun einmal war, stolperte Minifray, die ein kleines Vestibül neben dem großen Ratssaal zu putzen hatte, über ihren Schrubber und schlug der Länge nach hin. Der allmächtige Besucher beugte sich vor. „Wer ist das?“ Die Obersten Räte zuckten mit den Schultern. „Ach, das ist nur Minifray, sie besorgt hier für uns die grobe Hausarbeit, weil sie zu nichts anderem nutze ist.“ – „Bringt sie zu mir!“ So führte man die Außenseiterin im Feenreich vor den lichtumwobenen Thron. Angesichts all des Glanzes und der Herrlichkeit verzagte sogar ihr widerspenstiges und aufmüpfiges Herz, demütig und verschämt barg sie ihre vom Putzwasser aufgequollenen und geröteten Hände in der unförmigen Schürze. Der allmächtige Besucher beugte sich vor. „Sing!“ Minifray wurden die Knie weich. „Du hast nicht den geringsten Grund, dich vor mir zu fürchten. – Sing!“ So schluckte sie den Kloß im Halse tapfer hinunter, der ihr die Kehle zuzuschnüren drohte und hub an. Eine tiefe Ruhe erfüllte das weite Land, es schien, als würde die Schöpfung den Atem anhalten, um den Klängen Minifray’s zu lauschen. „Das ist sie!“, rief der Herrscher aller Welten, „Das ist sie!“…

… Wenn des Nachts in unfassbarer Vielzahl die Sterne und Planeten blitzend, funkelnd, strahlend ihre Bahnen durch das samtschwarze Firmament ziehen, wenn der so oft schier ratlose und lärmende Atem der Erde inne hält, wenn ihr dann still seid und lauscht, könnt ihr ihren betörenden Lobgesang vernehmen – Minifray, die Stimme des Universums…

 

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Der Watzmanngeist…

… In früheren Zeiten ging einmal ein gar schreckliches Gespenst am Watzmann um. Und dieses soll einem jungen Burschen, der auf der Schapbachalm (am Fuße des Watzmannmassivs zwischen Grünstein und Kühroint) den Sommer über arbeitete, sehr übel mitgespielt haben. Den Hirten hat recht oft der Hafer gestochen, so dachte er sich allerlei Schabernack aus, um die beiden Sennerinnen zu dratzen. Eines Tages verfiel er auf einen besonders bösen Streich: Durch eine List gelang es ihm, die Arme und Beine der Frauen zusammen zu schnüren, und sie so den Hügel vor der Hütte hinab zu rollen. Er schüttete sich dabei schier aus vor Lachen, die Sennerinnen hatten genug von dem Bürscherl, sie weigerten sich erbost, künftig mit ihm noch zusammen zu arbeiten, und zogen in die nahe gelegene Kühroint-Alm…

… Der Hirte verblieb also alleine in der Schapbach-Alm, was ihn aber weiters nicht störte, vergnügt legte er sich Abends zur Ruhe. Um Mitternacht, als er tief und fest schlief, erhob sich unvermittelt ein solch starkes Brausen, dass er erschrocken aufwachte. Ihm wurde von unsichtbarer Hand die Zudecke weg gerissen. Gleichzeitig begann seine Liegestatt, wild taumelnd herum zu wirbeln. Entsetzt wollte der junge Mann aus der Hütte fliehen. Als er die Türe aufriss, blieb ihm vor Schrecken fast das Herz stehen…

… Ein riesiges Gespenst stand vor ihm und starrte ihn mit Augen an, die glühenden Kohlen glichen, das Gesicht war zu einer Furcht erregenden Grimasse verzerrt. Der Bursche war wie gelähmt vor Grauen, hilflos sah er zu, wie das unheimliche Wesen ständig sein Aussehen änderte, und sich in immer noch abscheulicheren Gestalten zeigte. Zuletzt verwandelte es sich in ein klappriges Gerippe und zerfiel zu Staub. Endlich fand der Hirte die Kraft zur Flucht! Mit zitternden Knien stolperte er den Abhang hinunter. Doch als er vermeinte, dem Geist entkommen zu sein, stand dieser grinsend wieder vor ihm!…

… „Oh, Gott! Hilf mir!“, stammelte der Gepeinigte, „hilf mir in meiner Not!“…

… Das Gebet stärkte ihn, er lief weiter, die Gegenwart des Unheimlichen stets hinter sich fühlend. Mit pfeifenden Lungen hetzte er bis hinab nach Berchtesgaden, ohne die kleinste Rast. Dort flüchtete er sich ins Franziskanerkloster und erzählte abgezehrt und totenbleich, was ihm widerfahren war.“Bitte! Helft mir!“, flehte er die frommen Männer an, „Helft mir, das Gespenst zu verjagen, sonst wage ich mich nimmer zurück auf die Alm!“ Da gab ihm einer der Mönche eine Rute und sagte: „Wenn du die hier in der Hand hältst, kann dir das Gespenst nichts anhaben. Treibe es damit den Berg hoch, bis dorthin, wo nur noch Steine, Felsen und Schnee sind. Dann kann es nicht mehr zurück kehren. Aber du darfst dich auf gar keinem Fall umschauen!“…

… Der Bursche befolgte den Rat getreulich, obwohl er sich arg fürchtete, dem Geist erneut zu begegnen. Es gelang ihm, das unheimliche, unirdische Wesen hoch hinauf in die Eisregionen des Watzmannes zu bannen. Das schreckliche Ereignis aber konnte er nie vergessen. Niemand habe ihn jemals wieder lachen gesehen, so heißt es, still und in sich gekehrt habe er seine Tage verbracht und ist seiner Lebtag lang ein sonderbarer Eigenbrötler gewesen…

 

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Für immer…

… An sich hatte sie überhaupt kein Faible für Parfums und fand die Schwärmereien vieler Frauen für teuere Duftwässerchen mit klingendem Namen lächerlich. Sie benutzte zur täglichen Pflege eine aromatisch-frische Körperlotion und das dazu passende Deo, nur zu besonderen Gelegenheiten tupfte sie sich sehr sparsam einige Tröpfchen „Herba Fresca“ von Guerlain hinter die Ohren…

… Eine ihrer Kolleginnen hatte von einer besonders liebenswürdigen Kundin einen kleinen Flakon Parfum geschenkt bekommen. Überwältigt vor Freude jubelte die nicht mehr ganz junge Dame: „Also, das musst du unbedingt auch aufsprühen! ‚Für immer‘ nennt sich das! Und es ist einfach überwältigend!“ So gab sie nach und benetzte eher halbherzig und ohne große Begeisterung ihre Ohrläppchen und den Ansatz ihres Dekollete. Der Duft, welcher sich ihr in die geblähten Nüstern stahl, war überwältigend, von feinherb-fruchtig bis verführerisch-samtig. Er fesselte ihre Sinne, ihren Geist, erschwerte ihr das Konzentrieren auf den Ablauf der täglichen Routine…

… Nach bleischwerer Nacht schlug sie am nächsten Morgen die Augen auf. Nur wenig später wurde sie von der innigen, nach wie vor intensiven Geruchswolke umhüllt – „Für immer“. Hatte sie sich nicht vor dem Zubettgehen gestern sehr gründlich geduscht und auch die Haare und die Ohren gewaschen? Ungewöhnlich intensiv, dieses Parfum!…

… Nach einer Woche fielen ihrer Arbeitskollegin die geröteten, stark geschwollenen Ohrläppchen und eine wund gescheuerte Stelle am Brustbein auf. „Für immer“. Immer noch so lästig hartnäckig und nicht zu vertreiben! Alles Scheuern, Rubbeln, Waschen half nichts! Sie konnte ihrer täglichen Arbeit kaum mehr nachkommen, ein innerer Zwang drang sie dazu, alle halbe Stunde aufzuspringen und in den Waschraum zu eilen. Doch so sehr sie sich auch darum bemühte, sich zu befreien, nur Sekunden später vergewaltigte das überwältigende, penetrante, störende, peinigende, quälende Aroma erneut ihre Sinne…

… Nach etwa einem Monat wurde sie durch Zufall von einer Nachbarin im Badezimmer gefunden, blutüberströmt, dem Tode nahe. Sie hatte verzweifelt versucht, sich mit einem scharfen Küchenmesser die Ohrläppchen und ein etwa handtellergroßes Stück Fleisch zwischen dem Ansatz ihrer Brüste abzuschneiden. Doch so sehr sie sich auch darum bemühte, sich zu befreien, nur Augenblicke später vergewaltigte das überwältigende, penetrante, störende, peinigende, quälende Aroma erneut ihre Sinne…

… Die Operation hatte eine Weile in Anspruch genommen. Die Stationsschwester kam in den Aufwachraum, sah, dass die Patientin das Bewusstsein wieder erlangt hatte, nahm ihr die Sauerstoffmaske vom Gesicht. Nur Augenblicke danach vergewaltigte das überwältigende, penetrante, störende, peinigende, quälende Aroma erneut ihre Sinne. Da fing die Frau an zu schreien und an den frischen Verbänden zu zerren: „Weg! Weg! Nimm es endlich weg von mir! Nimm es endlich weg von mir! Verfluchtes ‚Für immer‘!“…

… Wochen, nachdem sie sich selbst verstümmelt hatte, bekam sie Besuch von ihrer Arbeitskollegin. Sie war mit Fesseln an ihr Bett fixiert worden, ihre Augen stierten blicklos an das schmutzig-weiße Plafond. Aus einem Mundwinkel rann ihr ein dünner Faden Speichel. Für Sekunden kam sie zu sich und es war ein leises Lallen zu vernehmen: „Weg – weg – nimm es endlich weg, verfluchtes ‚Für immer‘.“…

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Die Buchstabenabstauber…

… Zwischen den Deckeln vieler kostbarer, guter und lesenswerter Bücher lebt unbehelligt und unentdeckt ein kleines, merkwürdiges Völkchen: die N’gniggig’naggs. Sie sind dermaßen winzig, dass sie zwischen zwei Buchseiten stabhochspringen könnten, man bräuchte schon ein äußerst starkes Mikroskop, um ihrer ansichtig zu werden. Die N’gniggig’naggs sind von gar drolliger Gestalt, sehr hager, kurzbeinig, mit gekrümmten Rücken und fässchenförmigen Bäuchlein. Auf dem Kopfe mit raubvogelähnlichem Profil tragen sie keine Haarpracht, sondern ein Federkrönchen, wie ein Wiedehopf, aus dem rundlichen Steiß entspringt ein imposant geschwungener Federschweif, dem eines Pfauen gleichend. Ihre Augen sind über die Maßen groß und tiefdunkel, sanft schimmernd, von betörender Schönheit, die Ärmchen, Patschhändchen und -füßchen wirken schwächlich, verfügen aber über enorme Kräfte…

… N’gniggig’naggs sind von morgens früh bis abends spät damit beschäftigt, mit Hilfe ihrer Federschweife die aufgedruckten Buchstaben abzustauben, um belesenen und wissbegierigen Menschen ihre geliebten Bücher zu erhalten. Durchblättert man versehentlich ein Werk, welches sie grade zu säubern in Begriff sind, lassen sie sich blitzschnell in die Spalte zwischen den einzelnen Seiten rutschen, um sich dort geschickt zu verbergen. Wenn sie mit der Reinigung eines Buches fertig sind, was nicht sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, denn sie sind ausgesprochen zahlreich, sehr fleißig, umsichtig und gewissenhaft, versammeln sie sich auf einem der Staubkörner an der Oberseite des Einbandes. Dann bringen sie ihre prachtvollen Federn zum Rotieren und das Staubkorn zum Schweben. Und reisen so zum nächsten Werk…

… N’gniggig’naggs leben ausschließlich in Gesellschaft von Menschen, die ihre gesammelten, bedruckten Güter hegen und pflegen und zu schätzen wissen. Es hält sie nicht sehr lange bei Schmutzfinken, Gesellen, die ihre Bücher mit Speis und Trank bekleckern, Fettflecken und Krümel zwischen den Seiten hinterlassen, die Blätter zu Eselsohren knicken oder gar einreißen. Dann verschwinden sie auf die gerade geschilderte Art und Weise. Für weite Reisen nehmen sie auch gerne ein kleines Plätzchen im Gefieder eines braven, kleinen Singvogels in Anspruch, sie verbergen sich im Fell treuer Hunde und blitzgescheiter Katzen…

… Meine Mieze Smokey hat mir übrigens erst unlängst von den N’gniggig’nags erzählt. Tiere können diese zwar auch nicht sehen, aber wahrnehmen. Sehr empfindsame, phantasiebegabte Menschen sind ebenfalls dazu in der Lage. Legt mal ein Ohr an eines eurer Lieblingsbücher. Und wenn ihr dann ein ganz, ganz, ganz leises „Wsch, Wsch!“ erahnt, dann wisst ihr, dass auch bei euch die Buchstaben all eurer geliebten und gehegten Lese-Schätze gewissenhaft abgestaubt werden…

 

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Knalleffekt…

… Mein bester Freund und Blutsbruder Basti und ich hatten in unserer Spielesammlung nebst einem riesigen Berg an Legosteinen, vom unermüdlichen Gebrauch schon recht ausgeleiert, auch eine Miniatur-Armee bestehend aus kleinen Kunststoffsoldaten samt Fahrzeugen, Panzern und Kanonen. Diese ließen sich mit winzigen Sprengpatronen, an denen sich dünne, kurze Zündschnüre befanden, auch richtig abfeuern…

… Eines Nachmittags erzählte mir der Basti, wie er so einen Knallkörper in eine der stinkenden, fürchterlich qualmenden Zigarren hinein gefieselt hätte, die sein schon sehr betagter Großvater zu rauchen pflegte. Und diese sei dann auch tatsächlich nach einem Weilchen explodiert. „Die hat’s in tausend Fetzen zerrissen, sag‘ i dir! Der Opa hat vielleicht a blödes Gesicht g’macht, ich hab‘ mich schier gekugelt vor Lachen!“…

… Eines Nachmittags, als meine Eltern zum Einkaufen in die Kreisstadt gefahren waren, entdeckte ich Papa’s noch gut gefüllte Zigarettenschachtel auf der Anrichte in der Küche. Und da packte mich der Übermut! Mit einer aufgebogenen Büroklammer dröselte ich vorsichtig etwa die Hälfte des Tabaks aus einem der Glimmstengel, ganz, ganz sachte, um ja nicht die Hülle zu verletzen. Dann führte ich die winzig kleine Sprengladung ein und gab mir die allergrößte Mühe, die braunen Krümel wieder ordentlich zurück zu stopfen…

… Sehr gespannt wartete ich, während der Papa, der Lehrer an der nahen Volksschule meines Heimatortes war, spätnachmittags beim Korrigieren der Schulaufgaben fleißig qualmte. Nichts geschah. Auch nicht mit der Zigarette nach dem Abendessen. Oder dem halben Dutzend beim Fernsehen. Na ja, dumm gelaufen, dachte ich mir, hast halt was verkehrt gemacht…

… Am nächsten Tag stand ich zusammen mit dem Basti und einem Kumpel namens Franz in der großen Schulpause auf der Bolzwiese. Etwa zehn Meter entfernt hielt sich die lockere Runde der Lehrkräfte auf, unter ihnen natürlich auch mein Vater. Wir bewunderten grade die „Bronco-Hos’n“ vom Franz, eine Wildlederhose mit Fransen an den Seitennähten, als es drüben bei den Lehrern einmal kurz und kräftig „Puff!“ machte. Ich bekam noch mit, wie sich ein paar der Umstehenden irritiert Tabakskrümel aus dem Gesicht wischten und mein Vater nach einem Fetzen Zigarettenpapier auf der Unterlippe fischte. Dann zog ich es vor, schleunigst das Schulklo aufzusuchen…

… „Ich hab‘ dich beim Englisch-Unterricht angemeldet!“, verkündete Papa mit seidenweicher Stimme, als er Mittags nach Hause kam. Dies glich in jenen mittlerweile sehr, sehr fernen Tagen einer Höchststrafe! Denn die Englisch-Stunden waren keine Pflicht und nach der normalen Schulzeit angesetzt. Noch dazu fanden sie in einem ungemütlichen, düsteren Souterrain-Zimmer statt. Von meiner zerknautschten, mit Eselsohren behafteten Zwangslektüre „Billy Ball and Peter Pimm“ wanderten meine finstere Blicke in jenem mit wunderbaren, warmen Tagen schier übervollem Sommer immer wieder neiderfüllt auf die unbeschwert im Sonnenschein tollenden und spielenden Kinder draußen auf dem Sportgelände. Und schwor mir innerlich, mich nie, nie, nie wieder zu solch einem dummen Streich hinreißen zu lassen…

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Tod – Leben…

… Der sie seit Jahren gewissenhaft behandelnde Internist hatte ihr eindringlich erklärt, daß es unumgänglich sei, sich einen Herzschrittmacher einsetzen zu lassen. Von Angst und Misstrauen erfüllt hatte sie diesen Eingriff so lange als nur irgend möglich vor sich her geschoben. Nun allerdings gab es kein Zurück mehr, der Termin stand fest. Brav und bieder, etwas übergewichtig, und von eher unauffälliger Erscheinung fand sie sich in der Klinik ein. Kaum hatte sie ihr helles, freundliches Krankenzimmer bezogen, suchte der Chirurg sie auf. „Sie brauchen sich nicht die geringsten Sorgen zu machen, Frau H. Wir sind auf diese Eingriffe seit langem schon spezialisiert, Herzschrittmacher werden in unserem Hause hunderte Mal pro Monat eingepflanzt, es ist ein Routineeingriff, da kann nichts schief gehen.“ Und väterlich beruhigend tätschelte er ihre fleischige Schulter…

… Bei der Operation hatte man allerdings unbemerkt eine kleinere Arterie angeritzt. Über Stunden lag die Frau im Aufwachraum, wurde zusehends bleicher, entkräfteter, fiel immer mehr in die Bewußtlosigkeit, anstatt wieder zu sich zu kommen. Als sich endlich ein Assistenzarzt ihrer annahm, aufgeschreckt und verstört durch ihre kalkweiße, beinahe grünlich schimmernde Blässe, befanden sich in ihrem Brustraum bereits gut eineinhalb Liter Blut. In Windeseile wurde eine Not-OP in die Wege geleitet…

… Ihr Herz setzte aus. Stumm und verbissen ging der Operateur samt seinem Team daran, die Frau wieder ins Leben zurück zu holen…

… Ganz allmählich löste sie sich aus ihrem schlaff liegenden Körper. Von einer höheren Warte aus – schwebte sie? – beobachtete sie mit einer Art völlig unpersönlicher Neugierde die behenden Handgriffe der stumm konzentrierten Ärzte. Ich bin tot, sagte sie sich. Es war eine Feststellung, klar, objektiv, gelassen, ohne den geringsten Hauch von Angst und Schrecken. Ich bin tot. Ihr Blickwinkel änderte sich, sie nahm so etwas wie einen langen, dunklen Tunnel wahr, einen Sog, dem sie sich nicht entziehen konnte. Ging es hinauf, hinab, wurde sie gezogen, gestossen, glitt sie, bewegte sie sich schnell, langsam, rasend? Sie wußte es nicht. Sämtliche irdischen Begriffe, Wortschöpfungen konnten dieser „Reise“ nicht gerecht werden…

… Zeit war kein Maßstab mehr. Am Ende des Tunnels umfasste sie ein unbeschreiblich schönes, helles, warmes, vor Liebe strahlendes Licht. Ihr Sein zerfloss, ging auf in einer nie gekannten Wonne, nie erlebtem Frieden, nie verspürtem innigem Glück…

… „Ich lebe!“, jubilierte sie, „ich lebe! Endlich! Ich lebe!“…

… Der Chirurg sah auf die Wanduhr, wischte sich über die Augen und murmelte: „Zeitpunkt des Todes: Sechzehn Uhr fünfunddreißig.“…

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Fotograf der Tränen…

Früh am Morgen tauchte die Meldung im Internet auf: In der schwer zugänglichen Bergregion eines südamerikanischen Staates war eine Linienmaschine abgestürzt. Suchtrupps des dortigen Militärs hatten die Unfallstelle bereits ausfindig gemacht. Man ging davon aus, daß niemand den Crash überlebt hatte. Da vermutet wurde, daß sich an Bord auch mehrere Deutsche befunden hatten, wurden eine Hotline und eine spezielle E-Mail-Adresse eingerichtet. Ich gab mich als sorgenvoller, bestürzter Angehöriger aus und bekam nach wenigen Minuten bereits die Passagierliste zugeschickt. Volltreffer! Harti und Robbi W. aus B., Brüder, zwei Extrembergsteiger, vermisst, höchstwahrscheinlich tot. Mittels Suchmaschine machte ich das Häuschen der verwitweten Mutter am Rande eines verträumt in den Voralpen liegenden Städtchens ausfindig.

Mein Kamerakoffer war sehr schnell gepackt. Ich nahm meinen Assistenten mit, nicht gerade der Hellsten einer, und daher für meine Zwecke ausgesprochen nützlich. Schmier‘ ihm etwas Honig ums Maul, lob‘ sein fotografisches Talent, obwohl er einen Belichtungsmesser nicht von einem Navi unterscheiden kann – und er frisst dir aus der Hand. So instruierte ich ihm auf der etwa einstündigen Hinfahrt, wie er sich zu verhalten, was er zu sagen hatte.

Das Glück war mir aber so was von hold! Unauffällig am Straßenrand parkend konnte ich mühelos durch eine Lücke im Zaun, welcher den handtuchschmalen Vorgarten abgrenzte, mit dem starken Teleobjektiv die Haustüre anvisieren. Mein Helfer stelzte unbeholfen seine überlangen Streichholzbeine voreinander setzend über den terrakottafarbenen Plattenweg, stapfte die drei blitzblank gefegten Stufen hoch, klingelte. Nach kurzem Warten wurde die Türe geöffnet. Eine Frau mittleren Alters trat aus dem Häuschen, hager, mit gebeugten Schultern, fahlgrauen, eingefallenen Wangen, dunkel umränderten, trüben Augen, welche tief in ihren Höhlen lagen. Gut. Aber noch nicht gut genug.

Ich strengte mich an, die Kamera so unauffällig wie möglich im Schoß haltend, zumindest Wortfetzen der sorgfältig einstudierten Rede des Assistenten mit zu bekommen: „Guten Tag, ich hoff‘, ich stör‘ Sie nicht allzu sehr. Mein Name ist Ulf Berger, ich bin ein ehemaliger Schulkamerad vom Robbi, und wollt‘ mich grad mal kurz erkundigen, ob er wohlauf ist.“ Das Weib brach zusammen, sie stieß einen tierhaften Wehlaut aus, schlug aufschluchzend die Hände vors Gesicht. Ich hatte die digitale Spiegelreflex bereits im Anschlag gehabt, setzte sie lautlos fluchend wieder ab. Mein Hiwi sagte leise etwas zu der Weinenden, sie ließ die Hände sinken und sah zu ihm auf. Das war’s! Jawohl! Was für ein Ausdruck! Welch ein Schmerz, welche Gram, ohnmächtige Trauer in diesen zerfurchten, vorzeitig gealterten Zügen! Klick, machte die Kamera, Klick, Klick, und immer wieder Klick. Ein Manifest des Leidens war dieses Frauengesicht! Ich konnte gar nicht genug davon bekommen…

… Nur wenig später zierte es die Titelseite einer viel gelesenen Tageszeitung. Der ursprünglich vorgesehene Leitartikel über die Schlupflöcher im Mindestlohngesetz war auf eine der hinteren Seiten verbannt worden. Sich als anonyme Gaffer an der hilflosen Qual von Schicksalsschlägen unvermittelt Getroffener weiden zu können, zieht allemal mehr, ist weitaus weniger anstrengender, weniger anspruchsvoll, als sich gegen die zunehmend auftretenden sozialen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu engagieren.

Ich war ein gemachter Mann, ich hatte für die Fotos der Witwe, die nunmehr auch ihre beiden Söhne verloren hatte, eine gar ansehnliche Summe einstreichen können. Doch in ein paar Tagen nur wird ihr Bild bereits verblasst, vergessen sein. Und ich werde als Leidens-Schacherer wieder am Puls der Nachrichtenticker lauern. Auf die nächste Katastrophe, das nächste Unglück. So was wie Winnenden. Oder Eschede. Oder der Todesflug der Germanwings-Machine…

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Weit mehr als eine Kinderbuchautorin…

 

… Als Teenager hatte ich ein absolutes Lieblingsbuch: “Mein Freund Flicka”, geschrieben von der Amerikanerin Mary O’Hara. Die Geschichte an sich ist schnell erzählt: Ein verträumter Knabe namens Ken pflegt auf der Ranch seiner Eltern inmitten der scheinbar endlosen Weiten Wyomings das schwerverletzte, halbwilde Stutfohlen Flicka gesund, zähmt es und gewinnt nicht nur dessen Liebe, sondern auch den Zugang zu seinen Mitmenschen und zum wahren Leben. Damals schon fesselten mich an diesem Werk die ungeheuer eindringlichen, mitreißenden Schilderungen der Landschaften des Mittelwestens Amerikas und die wahrhaft lebendig und anschaulich ausgearbeiteten Charaktere der zwei- und vierbeinigen Hauptdarsteller. Ich konnte mich so sehr darin versenken, mit dem Knaben Ken fühlen, mit der kleinen Flicka leiden, am glücklichen Ende Ströme von Tränen vergießen und allen Kummer und Ungemach einer pubertierenden Zwölfjährigen vergessen…

… Ziemlich genau vierzig Jahre später nahm ich, einer spontanen Eingebung folgend, das “Flicka”-Büchlein mal wieder zur Hand und verfiel zu meiner völligen Überraschung aufs Neue dem Zauber, welcher diesem Werke inne wohnt. Ich wurde wieder zum Kinde, meine Falten, meine grauen Haare, die Last der Jahrzehnte schwand magischerweise, aufs Neue fühlte ich mit dem Knaben Ken, litt mit dem Fohlen Flicka und vergoß am glücklichen Ende Ströme von Tränen – intensiver noch als vor so langer Zeit…

… Intenet ist ja eine herrliche Erfindung und sehr, sehr neugierig geworden begann ich zu stöbern nach dieser Mary O’Hara, welche für mich bislang nur eine unbekannte Autorin eines wunderschönen und zeitlosen Machwerks gewesen war. Ich wurde fündig und grub eine atemberaubende Lebensgeschichte aus, faszinierender noch als ihr Roman…

… Mary O’Hara wurde fünfundneunzig Jahre alt und verfaßte in ihrem Neunzigsten ihre Autobiographie “Flicka’s Friend…”, welche leider auf Deutsch nicht erhältlich ist. Sie wurde 1885 in Brooklyn, New York City, als Tochter eines Pastors geboren, hatte noch zwei Schwestern und einen Bruder. Ihre Großmutter mütterlicherseits entstammte einer der damals wohlhabensten Familien Amerikas. Die Mutter verstarb sehr früh, Mary und ihre Geschwister verbrachten etliche Jahre in der Obhut der reichen Oma und einer mehr als exzentrischen, launenhaften, überaus dominanten, zu Wutausbrüchen neigenden Tante. Sie bereisten Zigeunern gleich schier die ganze Welt, ehe Pastor Alsop erneut heiratete und die überaus warmherzige und liebenswerte Stiefmutter die vier Kinder unter ihre Fittiche nahm. Mary O’Hara durchlebte und durchlitt zwei stürmische Ehen, gebar zwei Kinder, verlor bereits in frühen Jahren ihre geliebte, wunderschöne Tochter an Krebs. Sie arbeitete während der Stummfilm-Ära als Drehbuchautorin und galt in einer Zeit, da Emanzipation noch ein Fremdwort war, als ausgesprochen unbequem und selbstbewußt, eine knallharte Geschäftsfrau, mit der man sich besser nicht anlegte. Sie schrieb Zeitungsartikel und Kurzgeschichten und mehr als ein halbes Dutzend Romane, spielte hervorragend Piano, komponierte und verfaßte Schlager, Filmmusiken, klassische Stücke und ein Musical. Zusammen mit ihrem zweiten Mann, Helge Sture-Vasa, einem nach Amerika immigrierten Schweden, ehemaliger Berufssoldat und Schauspieler, zog sie nach Wyoming. Auf der “Remount-Ranch” (die bis zum heutigen Tage existiert) züchteten die Beiden Rinder, Schafe und Pferde und leiteten ein Sommercamp für Jugendliche. Nach ihrer zweiten Scheidung kehrte sie zurück an die Ostküste, nach Massachusetts, wo sie bis zu ihrem Tode 1980 lebte…

… Ich bestellte mir bei Amazon ihre Autobiographie. Und obwohl Englisch nicht meine Muttersprache ist, habe ich dieses Buch atemlos verschlungen. Was für ein farbenprächtiges, facettenreiches, in so vielerlei Hinsicht begabtes und begnadetes Schicksal entfächerte sich hier! Distanziert, aber eindringlich, hinreißend, mitreißend geschildert. Welch eine starke Frau sprach mich da an und zog mich in ihren Bann! Und wieder löste sich die Zeit auf in Nichts, Mary O’Hara war mir beim Lesen so nah, so vertraut, als säße sie mir gegenüber auf der Couch und erzählte von ihrem Leben, als wären keine achtundzwanzig Jahre seit ihrem Tode vergangen, als wären wir die besten Freundinnen…

… Ich habe sie in meine ganz persönliche Galerie “Schutzgeister” aufgenommen. Und wenn ich mich in einer schwierigen, bedrückenden Situation befinde, dann denke ich: “Molly (so ihr Spitzname) hätte sich von so was niemals unterkriegen oder beeindrucken lassen! Die hat den Kopf hoch gehalten, die Zähne zusammen gebissen und ihre Schwierigkeiten gemeistert! – Das tust du jetzt auch!”. Und es hilft…

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