Wilde Weiber (4)…

… Genau an der Kreuzung vor der „Waldwirtschaft“ grenzten die „Reviere“ zweier Postboten – Franz und Ossi – aneinander. Jeden Mittag verbrachten sie in schönster Eintracht ihre Pause bei uns, und da wurden aus einem Bier schon auch mal mehrere. Die Beiden hatten es uns angetan, nicht nur, weil sie eine Gemütsruhe und sonnige Wesen sondergleichen besaßen und überaus lustige Gesellen waren, sondern auch, weil es so schön einfach war, ihnen Streiche zu spielen. Wir hatten uns als Objekte unserer Taten häufig ihre schönen gelben Postautos auserkoren. Diese bockten wir hin und wieder mit Charlies Hilfe mit leeren Bierträgern auf, die waren für so etwas ideal. Gut hinter den Rädern versteckt hoben sie das Gefährt nur um wenige Zentimeter an – beim ersten Hinsehen unmöglich zu erkennen. Gelegentlich fischten wir aus den Mülltonnen eine ordentliche Sammlung leerer Konservendosen, die wir dann mit Schnürln versehen an den hinteren Stoßstangen befestigten, das lustige Geschepper war jedesmal weithin zu hören. Oder wir pinselten mit schwarzer Wasserfarbe auf die Kühlerhauben: „Weißbiertransport der Deutschen Bundespost“, „Vorsicht! Gelbe Geisterfahrer!“. Eines Tages kamen wir auf die höchst verrückte Idee, die Karossen mit Tischlerleim und den Daunen mehrerer ausrangierter Kopfkissen zu präparieren. Das kam uns allerdings teuer zu stehen, da wir die Reinigung der Dienstwägen bezahlten mussten, und uns der Wirt sehr aufgebracht eine Standpauke hielt, die mir heute noch ab und zu in den Ohren dröhnt. So mussten wir gezwungener- und klugermaßen eine Zeitlang Ruhe geben, und ordentlich Gras über unsere Untaten wachsen lassen…
… Im darauf folgenden Frühjahr konnten wir uns allerdings nicht mehr beherrschen: Bei der Müllabfuhr arbeitete ein teigiger, feister, junger Kerl namens Roland, mit dem wir unsere liebe Not hatten. Er war eine Klatschbase ersten Ranges und ließ keine Gelegenheit aus, seine Stammtischgenossen und uns Bedienungen hinterrücks anzuschwärzen, oder gegeneinander aufzuhetzen. Zudem hatte er das Zechprellen zur hohen Kunst entwickelt. Wir markierten die servierten Getränke am Stammtisch immer entweder mit Strichen, Kreuzen oder Abkürzungen auf den jeweiligen Bierdeckeln, und er machte sich zu fortgeschrittener Stunde regelmäßig daran, mit dem Fingernagel die Zeichen weg zu kratzen. Beim Kassieren behauptete er dann mit einer Unschuldsmiene: „Was? Sieben Bier soll i ghabt ham? Ja, seids es denn blind oder deppert? Oder wollt’s mi bscheissn? Drei Bier stehn da angschriebn, und mehr zahl i auch net!“
Wir beteten inbrünstig um eine Gelegenheit, ihm all seine Gemeinheiten einmal so richtig heimzahlen zu können. Es dauerte eine geraume Weile – doch endlich, endlich wurde unser Flehen erhört.
Da der Roland immer dann am ausgiebigsten zu zechen pflegte, wenn es ihn nichts kostete, hatte er sich bei der Kindsfeier eines Mitglieds der überaus lustigen Stammtischclique „Die Milde Dreizehn“ am großzügig spendierten Freibier dermaßen übernommen, dass er laut schnarchend auf der runden, dicken, hölzernen Platte des Stammtisches zusammengesackt war. Die Sperrstunde war bereits weit überschritten. Iris und ich starrten stirnrunzelnd und ungehalten auf den röhrenden Fleischkloß nieder. Meine Spießgesellin rutschte neben ihn auf die Bank. Sie bohrte ihren waffenscheinpflichtigen rotlackierten Zeigefingernagel in den massigen linken Oberarm. Keine Reaktion. Sie packte verhalten zu und rüttelte. Keine Reaktion. Sie versetzte Rolands Schulter mit der geballten Faust einige Hiebe. Immer noch keine Reaktion.
„So ein miserabliger Falott! So ein Mistviech, ein versoffenes!“
Ich griff von der anderen Seite aus an und zog kräftig am wulstigen Ohr. Doch der Roland schnarchte unerschütterlich. Iris ließ von ihm ab und rauschte Richtung Küche.
„Na, warte! Dem zeigen wir’s jetzt!“
Ich galoppierte ihr nach. „Was hast du denn vor?“
Meine Kumpanin wandte sich zu mir um. Hinter ihren Brillengläsern funkelten und blitzten ihre Augen vor Zorn und Schalk.
„Wir verschönern ihm ein wenig die Frisur. Findest du net auch, dass der Roland dringend einen neuen Haarschnitt braucht?“
Vor ihrer Zeit als Kellnerin war Iris Friseuse gewesen, und manchmal verbrachte sie ihre freien Stunden am Nachmittag damit, Kollegen/innen oder auch der Chefin ein neues Outfit zu kreieren. Vor dem Dienst hatte sie sich der wild wuchernden Mähne unseres Beikochs angenommen, und die Tasche mit ihrem Werkzeug war noch im Büro deponiert.
An sich wollten wir dem Roland nur eine Tonsur verpassen, doch ehe wir’s uns versahen, hatte uns der Eifer übermannt, und wir schnippelten ihm einen milimeterkurzen Bürstenkopf. Da ich noch nie in meinem Leben jemandem die Haare geschnitten hatte, gerieten einige Stellen dermaßen kahl, dass nur mehr die blanke Haut verblieb. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, die wahre Erfinderin der sogenannten „Haargravuren“ gewesen zu sein, lange, bevor diese überhaupt in Mode kamen.
Wir traten zurück und betrachteten zufrieden unser Werk.
„Wir sollten das eigentlich fotografieren, was meinst du?“
„Gute Idee.“, meinte Iris, „Aber wenn er durch’s Blitzlicht aufwacht?“
Als eingefleischte Hobby-Fotografin hatte ich natürlich immer nebst Kamera auch einen sehr lichtempfindlichen Film bei mir, mit dem man auch ohne Blitz gute Aufnahmen machen konnte. Iris posierte mit gespreizter Schere und triumphierendem Lächeln neben dem besinnungslosen Zecher, und ich knipste drauf los. Dann überließen wir die Rauschkugel ihrem Schicksal, sollte sich darum kümmern, wer wollte. Der Schankkellner Fritz, der jeden Morgen um Sieben seinen Dienst antrat, würde unseren Schnarcher dann schon an die frische Luft bugsieren.
Zwei Tage später zierten wir den Eingang zur Wirtsstube mit einem neuen Plakat, illustriert mit meinen Fotos, und diesmal beschloss Hansi, der Wirt, sich mit uns solidarisch zu zeigen und unser Werk nicht zu entfernen:

Willkommen im Frisiersalon „Waldwirtschaft“!
Während Sie bei uns gepflegt
Ihren Rausch ausschlafen,
wird Ihnen von geschulten Fachkräften
ein modischer Haarschnitt verpasst.

Wir hatten die Lacher allesamt auf unserer Seite, und von diesem Tag an erwies sich der Roland als Mustergast, der lieber ein Bier zu viel als zu wenig zahlte.
Bald darauf wurde Iris schwanger, blühte auf und konzentrierte all ihre Energien auf das Wunder des in ihr wachsenden neuen Lebens. Und ich verliebte mich Hals über Kopf in einen düster-melancholischen, höchst faszinierenden und rätselhaften Mann, und folgte ihm nach kurzem schon in die große Stadt. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

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Wilde Weiber (3)…

… Wir kamen zu dem Schluss, dass wir dringend etwas für unsere sportliche Ertüchtigung tun mussten. So gründeten wir eine Damen-Fußballmannschaft. Die Spielerinnen setzten sich aus Kolleginnen und den besseren Hälften unserer großmäuligen Stammtischkicker zusammen, die seit Urzeiten keinen Sieg mehr errungen hatten. Nach etlichen heimlichen, sehr schweißtreibenden und verbissenen Trainingsstunden forderten wir die Ball- und Maulhelden zu einem Duell heraus. Sie hielten das zunächst für einen Scherz, doch wir meinten es durchaus ernst.
Die Organisation des Wettkampfes, der in der „Waldwirtschaft“ bald nach Bekanntgabe für einiges Aufsehen sorgte, überließ man mir. Ich holte die Erlaubnis des Sportvereins ein, den alten Bolzplatz der Fußballer benutzen zu dürfen, und ließ zudem einen schönen Holzteller mit der Inschrift gravieren:
„Waldwirtschaft-Fußball-Sonderspiel
Damen gegen Herren
15. Oktober 1984“
Den wollten wir vor dem Anpfiff überreichen, genau wie bei einem großen Spiel der Nationalmannschaft. Der Teller hängt übrigens heute noch an einem Ehrenplatz in der Wirtsstube.
Die ganze Woche über war es wolkenverhangen und regnerisch gewesen, doch als der große Tag anbrach, spannte sich ein makellos tiefblauer Himmel über der farbenprächtigen, herbstlichen Bergkulisse. Wegen des ungewöhnlichen sportlichen Ereignisses blieb unser Gasthaus den Nachmittag über geschlossen.
Wir versammelten uns in den baufälligen Umkleideräumen am Spielfeldrand, leise waberten handtuchgroße Spinnweben im sanften Luftzug, und getrocknete Mäuseköttel knirschten unter unseren Schritten. Entschlossen zwängten wir uns in die geliehenen Trikots und schminkten uns sorgfältig. Wenn wir schon untergingen, dann mit fliegenden Fahnen! Allmählich trudelten die gegnerische Mannschaft, überraschend viele Zuschauer und unsere Betreuer ein: Fritz, der Schankkellner, war der Masseur, er schleppte einen riesengroßen Erste-Hilfe-Koffer mit sich, die elegante Wirtin Hanna, welche den in einer Kühlbox mitgebrachten Sekt großzügig an uns ausschenkte, fungierte als Sponsorin und Seelentrösterin, und ihr Gatte Hansi war mit seiner Videokamera als Reporter tätig. Wir trabten auf den vom Dauerherbstregen durchweichten Rasen, begleitet vom Dackel Batzi, der übermütig zwischen unseren Beinen herum tollte, und uns aufmunternd in die Wadeln zwickte.
Charlie, der Schiedsrichter, ermahnte: „Kratzen, Beißen und an den Haaren ziehen ist nicht erlaubt!“ Und schon ging’s nach dem Gellen der Trillerpfeife zur Sache!
Es wurde eine wahre Schlammschlacht! Schon nach wenigen Minuten konnte man vor lauter Schmutz die Farben unserer Trikots nicht mehr erkennen. Der Ball versank zum Verzweifeln oft in riesengroßen Pfützen, unsere Pässe landeten überall, nur nicht da, wo sie hin sollten, unsere sorgsam ausgeklügelten Angriffe wurden stets weit vor der Mittellinie abgeblockt, außerdem ist so ein Spielfeld in der Realität viel, viel größer, als es am heimischen Bildschirm den Anschein hat, und wir litten schon bald unter dem Gefühl, der rasende Herzschlag und krampfhaft keuchende Atem würde uns die Brustkörbe sprengen.
Nach dem Ende der ersten Halbzeit – die Partie würde zweimal zwanzig Minuten dauern, und das reichte auch vollends! – lagen die Mannsbilder mit Acht zu Null haushoch in Führung.
Die Hanna hob unsere Stimmung mittels weiterer üppiger Dosierungen von Sekt, der Fritz massierte unsere verkrampften Haxen, wobei es ihm sichtlich schwer fiel, sich in seinem Feuereifer nicht in höhere Regionen zu verirren. Mehr schlecht als recht schleppten wir uns erneut in die Arena.
Den ersten Gegentreffer erzielte ich völlig überraschend, fassungslos die Luft anhaltend beobachtete ich, wie sich wie in Zeitlupe das runde, verdreckte Leder zwischen den gegrätschten Beinen des Torwarts hindurch ins Netz stahl. Mein Triumphgebrüll gellte fremd in meinen Ohren.
Vom heiß ersehnten Erfolgserlebnis beflügelt schossen wir noch weitere vier Tore, ehe der Schlusspfiff ertönte. Arm in Arm mit unseren Kontrahenten verließen wir ausgemergelt, aber sehr mit uns zufrieden den Bolzplatz. Wir wussten, dass wir uns wacker geschlagen hatten.
In Windeseile schnitt Hansi das gedrehte Video, nachdem die Stammtischler den großen Fernseher samt Recorder im Nebenstüberl aufgebaut und angeschlossen hatten, präsentierte er uns seine Aufnahmen unseres Fußballspiels. Wir lachten Tränen. Das Bier und der Sekt flossen an jenem Abend in Strömen, und die ausgelassene und schöne Stimmung habe ich bis zum heutigen Tage im Schatzkästlein meiner Erinnerungen fest verschlossen…

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Wilde Weiber (2)…

… In einer lauen Sommernacht mauerten wir heimlich, und erstaunlicherweise trotz unserer mangelnden Erfahrung im „Baugewerbe“ auch recht leise, dem Jungbauern Gottfried das Schlafzimmerfenster von außen zu, die Ziegel und den Mörtel hatten wir ziemlich skrupellos von den Fundamenten der neuen, großen Garage hinter der „Waldwirtschaft“ abgezweigt. Gottfried hatte etliche Male im angetrunkenen Zustand versucht, Iris und mir unter den Rock zu fassen, und so etwas durfte keinesfalls ungeahndet hingenommen werden.
Als um fünf Uhr morgens der Wecker schrillte – so wurde uns das später am Stammtisch erzählt – öffnete der Bursche nur kurz ein Auge, um über den Kissenzipfel hinweg zu schielen, murmelte benommen: „So a Schmarrn, s’is’ do no ganz finster!“, dann drehte er sich auf die andere Seite, und versank sofort wieder im Tiefschlaf. Als das laut klagende Muhen seiner Kühe, die seit Stunden sehnsüchtig darauf warteten, gemolken und auf die Weide getrieben zu werden, ihn aus seinen Träumen riss, stand die Sonne bereits hoch am Himmelszelt.
Unser zweites Opfer hatte bei weitem nicht so viel Verständnis für Schelmereien wie der Wastl und so genossen Iris und ich im Stillen unsere Rache. Das Begrapschen ließ der Gottfried allerdings erst dann tunlichst sein, nachdem er von uns Beiden vor voll versammeltem Sonntagmorgenstammtisch ein paar laut schallende Ohrfeigen verpasst bekommen hatte.
Als in jenem Jahr die Hauptsaison begann, kam die junge, puppenhaft blonde und bildhübsche Wally aus einem Dörflein am Fuße des Dachsteins zu uns, und kaum war die heiße Jahreszeit in einen prachtvoll bunten und milden Altweibersommer übergegangen, da läuteten für sie und dem Hubert, einem der hartnäckigsten Junggesellen unseres Stammtisches, die Hochzeitsglocken. Somit war Wally innerhalb einer relativ kurzen Zeit die vierte Kellnerin, die in der „Waldwirtschaft“ unter die Haube gekommen war. Und das inspirierte uns natürlich. Am Morgen nach der ausgelassenen Vermählungsfeier prangte an der Eingangstür ein mit Brautkutsche, Röschen, weißen Täubchen und roten Herzelein schön verziertes Schild:

Willkommen im
Heiratsinstitut „Waldwirtschaft“!
Hier finden Sie auf eine kurzweilige
und höchst ungewöhnliche
Art und Weise Ihre/n Partner/in!
Arbeiten Sie als Kellner/in bei uns,
und wir garantieren Ihnen, dass
Sie dabei der
Liebe Ihres Lebens begegnen werden!

Wir waren sehr stolz auf uns, und auf die vielen, spaßigen Kommentare zu unserer Aktion, doch als Hansi, der Wirt, unser Kunstwerk ausgesprochen unsensibel entfernte, warf er uns von der Seite her einen tadelnden Blick zu und grummelte: „Ihr werdet für’s Arbeiten bezahlt, und net für’s Blödsinn machen!“ Wir zuckten nonchalant mit den Schultern, der Ärmste litt vielleicht noch an einem Kater…
… Der „Frosch“ war der Chef vom größten Fachbetrieb für Boden- und Fliesenlegerei im Landkreis. Manchmal wunderten wir uns schon sehr, wie er so erfolgreich sein konnte, denn er verbrachte ziemlich viel Zeit bei uns. Wenn das Bier ihm dann die Zunge gelöst hatte, begann er, unmäßig zu prahlen und sich über die Maßen wichtig zu machen – niemand war schöner und besser, klüger, weltgewandter und fleißiger als er. Wir fanden, dass es an der Zeit war, ihm eine kleine Lektion zu erteilen.
Eines Freitagnachmittags thronte er wieder einmal im Stammtischeck, nach und nach trudelte eine illustre Runde von Bauern und Handwerkern ein, und der Lärmpegel stieg munter an. So schlichen wir hinaus auf den Parkplatz, wo der „Frosch“ seinen leichtsinnigerweise unverschlossenen Wagen stehen hatte, und kramten aus der Werkzeugkiste auf dem Rücksitz einen Deko-Tacker. Mit diesem nützlichen Utensil bewaffnet kehrten wir zurück, ich tat so, als würde ich voller Andacht der recht übertriebenen Angebergeschichte des Mannes lauschen, und warf scheinbar ehrfürchtig einige Zwischenfragen ein, während Iris seinen Arbeitsmantel so leise als möglich an der Stuhlkante festtackerte. Natürlich blieb ein solches Tun nicht unbemerkt, es gab viel Augenzwinkern und verstohlenes Gekichere ringsum, doch der Sprecher, der völlig in seiner Selbstbeweihräucherung aufging, registrierte von alledem nichts.
Erst als er sich erheben musste, um einem dringenden Bedürfnis nachzukommen. Dann allerdings war die Überraschung groß! Ein angetrunkener Mann, der nicht weiß, wie ihm geschieht, weil er mit einem Male seinen Stuhl nicht mehr vom Hintern bekommt, ist schon ein Anblick, der einem die Lachtränen in die Augen treiben kann.
Dass er nach dem ersten Schrecken selber in schallendes Gelächter ausbrach, hatten wir nicht erwartet. Nachdem wir ihm geholfen hatten, sich von seiner Sitzgelegenheit zu befreien, erwies er sich als höchst spendabel und hängte uns einen Schwips an, der uns am Morgen danach ziemliches Kopfzerbrechen bereitete…

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Wilde Weiber…

Als ich vor sehr, sehr vielen Jahren in der „Waldwirtschaft“, einem von Einheimischen und Fremden gleichermaßen eifrig frequentierten, urbayerischen Gasthaus in meinem Heimatort, als ungelernte Bedienung zu arbeiten begann, war der Tiroler Ober Charlie das einzige Mitglied der Belegschaft, welches ich flüchtig kannte. Wir waren uns einige Male in einer Berchtesgadener Disco über den Weg gelaufen, hatten ein paar Drinks gekippt, etwas getanzt und versucht, uns zu unterhalten, so weit das bei der immensen Lautstärke möglich war. Irgendwie musste ich seitdem einen Stein im Brett bei ihm gehabt haben, die ersten Monate über tat ich mir in dem ungewohnten und sehr harten Metier ungemein schwer, und er war außer dem sehr liebenswerten und gutmütigen Wirt der Einzige, der zu mir gehalten hatte.
Zu denjenigen, die mir außer dem Schankkellner – ein niederbayerischer und intriganter Bauernbüffel und Sturschädel ersten Ranges – sowie den Stammgästen das Leben vergällten, zählte auch meine Kollegin Iris. Sie strotzte vor Energie, war sportlich schlank, trug die dichten, drahtigen, pechschwarzen Haare streichholzkurz, ihre schmalen, langgestreckten, leicht angeschrägten Augen wurden von einer dunkel umrandeten, getönten Brille verborgen. Da Iris schon seit Jahren in der „Waldwirtschaft“ arbeitete, hielt sie sich für unentbehrlich, und auch dazu autorisiert, die zweite Chefin zu spielen. Für besserwisserische Nörgler/innen, die ihre Mitmenschen oft wegen geringfügiger Kleinigkeiten schurigeln, nur um sich wichtig machen zu können und ihre angebliche Macht zu zeigen, hatte ich auch damals schon nichts übrig. Sie ging mir enorm auf die Nerven, und nachdem ich in meinem neuen Beruf ein wenig Sicherheit und Selbstvertrauen gewonnen hatte, gerieten wir einige Male ganz furchtbar aneinander. Iris verabscheute mich ebenso wie ich sie, und Charlie, für die Service-Einteilung zuständig, hatte seine liebe Not mit uns, da wir uns beharrlich weigerten, zusammen zu arbeiten.
Dann, nach vielen Monaten, hatten wir uns jedoch auf wundersame Weise zusammen gerauft, und es begann eine Freundschaft, die gerade deshalb so tief und harmonisch wurde, weil sie so hart erkämpft worden war. Es dauerte nicht lange, und wir bekamen von Iris’ Mann und dem Rest der Stammtischler den Spitznamen „Radaubesen“ verpasst, denn immer, wenn bei uns ein Streich ausgeheckt worden war, dann steckten wir Zwei mit Sicherheit dahinter…
… Zu den Samstagabend-Stammgästen gehörte ein recht gut aussehender Maler, der Wastl, etwa Anfang Vierzig. Da er mit seinem gewellten, ebenholzfarbenen Haar und den schönen kornblumenblauen Augen unserem Pfarrer, dem Schwarm aller Kirchgängerinnen, ein wenig ähnlich sah, und auch gerne zu moralisieren und zu philosophieren pflegte, wenn er zu tief ins Bierglas geschaut hatte, wurde er oftmals neckend „Kaplan“ genannt. Die Iris und ich mochten ihn gut leiden, weil er recht schlitzohrig sein konnte, mit einem unschuldigen Engelsgesicht gelang es ihm, die schrulligsten und zweideutigsten Geschichten zum Besten zu geben, so dass wir uns manchmal bogen vor Lachen. Er war ein Charmeur und Luftikus, und liebte es, zu schäkern und zu flirten – natürlich nur dann, wenn er fern von seiner besseren Hälfte war, die wegen ihrer Haare auf den Zähnen im Ortsteil recht berüchtigt war. Er konnte ganz aus dem Häuschen geraten, wenn er im hiesigen Kreiskrankenhaus Malerarbeiten zu verrichten hatte, er war dort der erklärte Liebling der Schwestern und wurde von ihnen nach Strich und Faden verwöhnt, vor lauter Kaffee und Likörchen trinken, Kuchen essen, Pralinen schnabulieren und strammen Wadeln unter weißen Kittelchen nachschwärmen tat er sich jedesmal höchst schwer, dem erteilten Auftrag in der gesetzten Frist nachzukommen.
Ihm hängten wir eines Abends ein Schild aus Pappendeckel an die Heckklappe des Firmenkombis, mit dem er unterwegs zu sein pflegte:

Achtung! Kaplan im Einsatz!
Fahrender Seelsorger erledigt nicht nur
im Handumdrehen diffizilste Malerarbeiten,
er spendet auch Alleinstehenden und
Waisen (bevorzugt weiblich und sehr hübsch!)
geistlichen Beistand.
Wegen großer Nachfrage bitten wir
um telefonische Vorbestellung eines
Hausbesuches bei
Firma Murner, Schönau am Königssee

Der Wastl ist damit das ganze Wochenende lang kreuz und quer durch den Landkreis gefahren. Die junge Gattin des Malermeisters Murner hatte sich nicht schlecht gewundert, weil etliche Anrufe zwecks der baldigsten Reservierung eines Termins des malernden Kaplans bei ihr eingegangen waren.
Das Opfer unseres ersten Schelmenstreichs hatte gottlob Humor und freute sich so sehr über unsere Posse, dass er Iris und mir eine Flasche Sekt spendierte. Und während wir genüsslich die prickelnde Labsal schlürften, bastelten wir am nächsten Schabernack…

… Wird fortgesetzt…

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Morgendliche Begegnung…

Sie stieg die schmalen Stufen hinab und verschloß die Türe ihres Wohnwagens, welcher als letzter in einer Reihe ähnlicher Gefährte auf dem weitläufigem Parkplatz stand, der durch eine übermannshohe Hecke vor neugierigen Blicken von der Hauptstrasse geschützt war. In früheren Jahren mochte das ungepflegt wuchernde Gestrüpp von der Stadtgärtnerei angelegt worden sein, um dem tristen Grau des Äußeren Ringes einen Hauch von Natur zu verleihen, mittlerweile diente es als willkommene Abschirmung des “Nuttendorfes”, wie der Ort abschätzig genannt wurde.

Sie ließ den Schlüsselbund in die Tasche ihres braunen Mantels mit schwarzem Kunstpelzkragen gleiten und suchte sich, mühsam auf hohen Stilettos balancierend, einen Weg durch das Labyrinth der Schlaglöcher und Pfützen, Ölreste schillerten darin gleich vom Himmel gefallener Regenbogen. Es war keine gute Nacht gewesen, nur wenige unfreundliche Freier, und ihr war das Herz schwer wie stets an jenen Nachwintermorgen, wenn es den Anschein hatte, als habe der Tag Angst davor, zum Leben zu erwachen. Die Tatsache, daß das Alter mit unbarmherzigen Schlägen anpochte, daß ihr Gesicht, ihr Leib, ihr Sein verblühte und sich nach einem schier sinnlosen Lebensweg in Einsamkeit ins Nichts auflösen würde, schnürte ihr die Kehle ab und ließ sie nach Atem ringen.

Sie wandte sich stadteinwärts. Dort, hinter den hohen Türmen einer hastig hingeklotzten Neubausiedlung, wußte sie ein kleines, freundliches Cafe und die Sehnsucht nach einer dampfend heissen Tasse Kaffee und dem einzigen Zeitvertreib, der die dunklen Schatten auf ihrer Seele bannen konnte, ließ ihre Schritte zügiger werden.

Endlich zogen sich die düsteren Fänge der Nacht zurück, der klebrige Morgennebel löste sich in umher trudelnde Fetzen auf, im Osten glomm ein zaghafter silberner Schimmer und versprach die lang erwartete Wetterbesserung.

Sobald sie begann, voller Bitterkeit mit dem Schicksal zu hadern, konnte sie sich lediglich voller Abscheu daran erinnern, was der Auslöser ihrer freudlosen Existenz in diesem schäbigen Wohnwagen des Straßenstriches gewesen war… Mehrere gescheiterte Beziehungen, die vergebliche Suche nach wahrer Liebe, die sie blind gegenüber Plattheiten und leeren Versprechungen hatte werden lassen, eine nahezu unersättliche Gier danach, die Leere in ihrem Inneren durch den wahllosen Ankauf von Luxusartikeln zu füllen, die sogenannte “Schuldenfalle”, keine Erfüllung im halbherzig ergriffenen Beruf…

Sie stieß die dunkel gebeizte Schwingtür des kleinen Etablissements auf und trat langsam ein, vorsichtig und mit gesenktem Kopf unter ihren Wimpern hindurch das Terrain sondierend. Sie hoffte, niemandem von ihrer “Kundschaft” zu begegnen und hatte Glück. Die Lastwagenfahrer und Rangierer des unweit gelegenen Güterbahnhofs hatten diese anheimelnde Oase inmitten der desillusionierenden Sozialbauwüste zu ihrem Treff auserkoren, viele der kleinen, mit Intarsien verzierten Holztische waren bereits besetzt und drei junge, erstaunlich frisch wirkende Bedienungen schleppten Berge von Eiergerichten, Süßspeisen und belegten Broten vorbei. Sie tastete sich durch das Getümmel auf eine im Halbdunkel gelegene Nische zu, die sich in unmittelbarer Nähe der Toiletten befand und daher meist verschmäht wurde. Sogleich kam eines der Mädchen zu ihr und erkundigte sich nach ihrer Bestellung. Sie nahm den Duft eines frühlingshaften Parfüms wahr und die Ausstrahlung von Jugend und Lebensmut traf sie so hart, daß ihr die Tränen in die Augen sprangen. Sie schüttelte mit einer ungehaltenen Kopfbewegung das Haar aus der Stirn, orderte schroffer als gewollt einen großen Milchkaffee und ein Croissant und ergriff aufseufzend die lang ersehnte Zuflucht zu dem kleinen Zeichenblock und dem Kohlestift in ihrer Handtasche. Als ihr Frühstück serviert wurde, hatte sie bereits mit kühnen Strichen die Bedienung skizziert und gab sich nun Mühe, den Ausdruck von Sanftmut und Unschuld in deren Gesichtchen auszuarbeiten.

Neben ihr entstand Bewegung, ein Räuspern und eine nicht unangenehme Männerstimme fragte leis: “Entschuldigen Sie, ist bei Ihnen noch ein Platz frei?” Unwillig blickte sie auf in ein Paar große, türkisfarbene Augen, die in eine Landschaft liebenswerter Lachfältchen gebettet waren. Der Fremde zuckte lässig mit den Schultern. “Es tut mir leid, Sie stören zu müssen, aber sehen Sie, hier ist der einzige noch unbesetzte Platz und ich habe beinahe die ganze Nacht durchgearbeitet und bin schier am Verhungern.” Sie nickte frostig und wies neben sich. Der Mann ließ sich aufseufzend nieder und sie fuhr fort in ihrem Tun und ihrer kalten Zurückgezogenheit und nahm ihn nur am Rande wahr. Wie ihr schien, war er nicht sehr groß, sehr hager, er trug ein grünblau kariertes Holzfällerhemd, das ihm über die ausgebleichte Jeans hing. Sein blondes Haar war recht lang und gewellt, es fiel ihm über den Kragen und im diffusen Schimmer der Nische glommen vereinzelt silberne Strähnen darin auf. Sein Mund wurde teilweise von einem kühn geschwungenen Schnauzer verborgen. Er hatte sich ein sogenanntes Trucker-Frühstück bestellt, eine Riesenportion Spiegeleier mit krossem Speck und Bratkartoffeln und der jungenhafte Eifer, mit welchem er schnell aber ohne Gier das Essen in sich hinein schaufelte und der Ausdruck des Genusses auf seinen lebensvollen Zügen milderte ihre Abwehr ein wenig.

Er wischte sich mit der Serviette sorgsam Mund und Schnauzer ab und lehnte sich, den Stuhl auf die Hinterbeine kippend, zurück an die mit unzähligen Schrammen und Kratzern vernarbte, dunkel holzverkleidete Wand. Er nahm das frühmorgendliche Treiben ringsum in sich auf, als sei das Cafe eine Bühne und er das im Schatten geborgene Publikum im fernen Zuschauerraum. Sie vollendete mit ein paar verwischten Schraffierungen ihr Werk. Er beugte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihr hin. “Sie zeichnen? Ich will mich gewiss nicht aufdrängen, aber darf ich mal einen Blick darauf werfen?”

Sie sah ihn zum erstenmal voll an und gewahrte sein Äusseres – und mehr noch, eine starke Ausstrahlung von Gelassenheit, innerem Frieden und Aufgeräumtheit, die Aura eines Menschen, der in sich ruht und mit seinem Dasein voll und ganz im Reinen ist. Spontan reichte sie ihm den Block. Er nahm sich viel Zeit, betrachtete jede einzelne der vielen kleinen Skizzen, blätterte völlig versunken vor und zurück. Sie schlug die Beine übereinander und kreuzte die Arme vor der Brust, senkte die Wimpern,  um ihre Augen zu verbergen und setzte einen blasierten Gesichtsausdruck auf, sich wappnend gegen einen abfälligen Kommentar.

“Haben Sie beruflich mit Kunst zu tun?” Sie verneinte und nannte ihren früheren Broterwerb. “Sie haben ein beachtliches Talent und sollten unbedingt mehr daraus machen. Traurig, daß jemand mit Ihren Fähigkeiten in einem Büro versauern soll für den Rest des Lebens. Sie könnten weiß Gott einen anderen Weg einschlagen, glauben Sie mir.” – “Woher…” – “Ich bin Maler. Eine Galerie hier in der Nähe zeigt in Kürze eine Auswahl meiner Bilder und ich war mit dem Besitzer die ganze Nacht auf den Beinen, um das Aufhängen und Ausleuchten zu arrangieren.” Er zog sein Portemonnaie aus der Hemdtasche, blätterte suchend darin herum und fand schließlich auflächelnd eine elfenbeinfarbene, mit schwungvollen Buchstaben bedruckte Visitenkarte, die er vor ihr auf den kleinen Tisch legte. “Die Adresse eines meiner besten Freunde. Er leitet eine Kunstakademie und ist berüchtigt für seine unkonventionelle Suche nach Talenten. Wenn Sie sich dort vorstellen und Ihren Block vorzeigen und sagen, daß Sie auf meine Empfehlung kommen, bin ich sicher, daß er etwas für Sie tun kann.”

Sie bohrte ihren Blick in das kleine papierene Viereck und es schien ihr wie das Tor zu einer anderen Welt. Das Cafe leerte sich, zwischen den kantigen Gipfeln der Hochhäuser war tatsächlich die Sonne aufgegangen und die Finger ihrer Strahlen tasteten sich durch das mit einer träge wirbelnden Rauch- und Staubwolke angefüllte Lokal. Er angelte nach ihrem Kohlestift und schrieb mit Elan seinen Namen auf die Rückseite des Kärtchens. Seine Tischnachbarin schüttelte den Kopf. “Ich habe noch nie von Ihnen gehört, tut mir leid.” Er lachte auf und seine stillvergnügte Wärme hüllte sie beide ein. “Das nehme ich Ihnen wirklich nicht übel, ich bin hierzulande noch sehr unbekannt, ich bin als Student in die USA ausgewandert und erst vor kurzem wieder nach Deutschland zurück gekehrt.”

Er bat die Kellnerin um einen weiteren Becher Kaffee und begann zu erzählen, von seiner Kindheit in einer unsteten, aber anscheinend ausgesprochen liebevollen und liebenswerten Großfamilie, Künstler, Akrobaten, oder zumindest künstlerisch angehaucht allesamt und etwas verschroben und voll der Wanderslust, von seinem Studium, den Demos und Diskussionen, seiner “Flucht” in die Staaten, weil man ihn verdächtigte, während der bedrohlichen Aera der RAF-Terroristen zu sehr mit diesen sympathisiert zu haben, seinen von Neugierde und Rastlosigkeit geprägten Reisen durch ein schier unermesslich weites Land… Und sie lauschte, gebannt von der Kraft und dem stillen Feuer seiner beinahe grünen Augen und ihr war, als würde die Zeit angetan in all ihrem Elend um diese Nische in diesem kleinen Vorstadt-Cafe einen Bogen schlagen, sein Wesen, sein direkter Blick, die Art zu sprechen, die Bilder, die er herauf beschwor, wie er mit den kräftigen, langfingrigen Händen gestikulierte, der leichte Geruch nach durchwachter Nacht und Männerschweiß, hüllte sie ein, löschte all ihre Selbstzweifel aus und die Furcht vor dem nahen Alter oder einem Tod in Einsamkeit und der Ekel über das unwürdige Dasein, welches sie führte. Er schien ihre Gesellschaft zu genießen, schien froh zu sein, eine gute Zuhörerin gefunden zu haben und die leise Seligkeit, die sie aufkeimen fühlte, weil da endlich ein Mann war, der sie als Mensch schätzte und nicht als Ding, welches man nach Gebrauch achtlos und beschmutzt zurück ließ, wandelte sich in ein derart tiefes Empfinden, wie sie es seit unendlichen Jahren nicht mehr verspürt hatte. Ihr Herz pochte bis in die Fingerspitzen, ein süßes sanftes Ziehen rührte sie und trotz der unübersehbaren Runen in ihrem Gesicht kam sie sich vor wie ein Backfisch.Während sie gefesselt lauschte und nur ab und an eine kurze Zwischenfrage einwarf, träumte ein Teil ihrer Seele davon, den Rest ihrer Tage mit diesem Manne zu verbringen, der ihr nach Kurzem bereits so vertraut war, an seiner Seite glücklich zu werden, glücklich und stark, eine große, unzerstörbare Liebe zu leben…

Eine Pause entstand, in welcher Beide mit den Augen dem ebenmässigen Verlauf der Einlegarbeit des Tischchens folgten. Er griff nach ihrer Hand und drückte sie leicht. “Sie sind ein Geschenk des Himmels. Ich kann nicht sagen, wann ich mich das letzte Mal derart gut unterhalten und wohl gefühlt hab. Danke. Sie sind der wunderschöne Kontrapunkt einer nervenzerfetzenden Nacht.” Jedes seiner Worte ist wie ein kostbares Geschenk, dachte sie und der Atem stockte ihr, weil die Wärme seiner Berührung ihr durch Mark und Bein fuhr… In seiner Brusttasche klingelte ein Handy, er griff danach und meldete sich. “Meine Frau.”, warf er ihr erläuternd zu und die Liebe ließ sein von den Runen der Müdigkeit gezeichnetes Profil weich werden. Er erhob sich und tat ein paar Schritte beiseite. Sie vernahm einen Kosenamen und eine anrührende Vertrautheit und Innigkeit in seiner Stimme. Der Traum ihrer Seele zerbarst und die abrupte Rückkehr in die Realität traf sie wie ein entwurzelnder Hieb. Trostlosigkeit, Kälte, Ablehnung, Angst, Verliebtheit, Hoffnung, Enttäuschung – so viele Gefühle in solch kurzer Zeit waren unmöglich zu ertragen. Sie mußte fort! Sie zahlte, stand unbemerkt auf und floh dem Eingang zu, Wehmut und Herzeleid griffen mit schweren Klauen nach ihr. Und dennoch verspürte sie Dankbarkeit in sich aufkeimen, als sie sich an der Tür noch einmal nach ihm umwandte, der lachend, mit leuchtenden Augen einen imaginären Punkt fixierend völlig in das Telefongespräch vertieft war. Er hatte ihr die Pforte zum Leben aufgetan, die Jahre vor ihr schienen nun wie ein neu zu entdeckendes Land – und sie würde bei Gott das Beste daraus machen!

Sie ließ sich am nahen Taxistand in den Fond des einzigen wartenden Wagens fallen, nannte dem gelangweilt Kaugummi kauenden Fahrer die Adresse ihrer kleinen Wohnung und zog aus ihrer Handtasche traurig lächelnd das kleine, elfenbeinfarbene Viereck einer Visitenkarte…

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“Starlight Sue” (Teil 12)…

Beth umfasste das hochstielige Weinglas mit beiden Händen und musterte ihren Lebensgefährten durchdringend. Er seufzte und zuckte eine komische Grimasse schneidend die Schultern, dann nahm er einen hohen Topf aus einem rückwärtigen Schrankfach, stellte ihn auf das Kochfeld und gab etwas Öl hinein. Während er darauf wartete, dass dieses heiß wurde, löste er den schlichten Haargummi, der seinen dichten, silberweißen, schulterlangen Schopf zusammenhielt, bändigte und glättete einige Strähnen, die sich gelöst hatten, und schlang im Nacken einen kleinen Knoten.
Seit mehr als fünf Jahren lebten sie nun schon zusammen, ein Paar voller Gegensätze. Beth war so oft – zumindest nach außen hin – sachlich, nüchtern bis zur Kaltschnäuzigkeit, pragmatisch, und eine Realistin durch und durch. Hike nannte eine großzügige und verträumte Seele sein eigen, und er konnte so verdammt gefühlsduselig sein, wie oft schon hatten sie seine Tränenausbrüche irritiert, wenn er vom Ansturm der Empfindungen schier überwältigt wurde. Sie wusste, dass er bereits etliche Affären gehabt hatte, und hatte seine Untreue stets gelassen hingenommen. Sie konnte verzeihen, ohne nachtragend zu sein.
Er war untreu, ein bisweilen irrlichternder Gefühlsmensch – und doch vertraute sie ihm zutiefst, so sehr, wie sie noch nie zuvor einem Menschen ihr Vertrauen geschenkt hatte, ihren Zwillingsbruder Ben einmal ausgenommen. Und so räusperte sie sich, nachdem sie einen weiteren herzhaften Schluck Wein genommen hatte, und erzählte Hike von ihrem Fund im Arbeitszimmer des Großvaters, von der allerersten Atombombe, vom langwierigen Gespräch im Oval Office des Weißen Hauses, und was dabei beschlossen worden war.
Hike hatte inzwischen vier Hähnchenschenkel kurz angebraten, wieder aus dem Topf genommen, die gewürfelten Tomaten und Lauchzwiebeln sowie den gehackten Knoblauch in das heiße Öl gegeben, nach kurzem Anschwitzen mit einem halben Liter Gemüsebrühe abgelöscht, und das Geflügelfleisch darauf gelegt. Nun stülpte er den gläsernen Topfdeckel über und drehte die Hitze zurück. Er stützte sich mit beiden Händen auf die Arbeitsfläche aus hellem Bambusholz, näherte sein Gesicht Beths’, seine großen braunen Augen glitzerten.
„Mädchen, wenn der Geheimdienst hier auch nur eine einzige Wanze versteckt hat, dann wirst du innerhalb weniger Minuten mit Riesengetöse als Hochverräterin verhaftet werden, das ist dir doch klar, oder?“
„Deinen trockenen und abstrakten Humor habe ich schon immer geliebt.“
Er lachte kurz auf. „Ich hatte das jetzt eigentlich nicht wirklich als Witz gedacht, Beth. Ich hoffe, sie lassen uns noch in Ruhe essen, bevor sie dich hopps nehmen, wo ich mir solche Mühe mit deinem Leibgericht gebe.“
Hike wandte sich um, nahm aus dem hohen Kühlschrank eine Flasche Bier, öffnete sie und trank hingebungsvoll mit geschlossenen Augen.
„Wenn ich deine Schilderung richtig interpretiere, dann bist du zwar sehr erschüttert, dass unter den Fundamenten einer Großstadt deines geliebten Good Old Germanys höchstwahrscheinlich seit über siebzig Jahren eine Atombombe schlummert, deren Hochgehen nebst zahlloser Todesopfer und Verletzter ungeahnte Konsequenzen haben könnte, aber mindestens genau so darüber, dass Kerry und Obama beschlossen haben, diesen Jüngling Winnegard statt deiner über den Großen Teich zu schicken, um nach dem Höllending zu fahnden.“
Beth zog ungehalten die Brauen zusammen und starrte eine Weile brütend auf die Theke.
„Du hast recht. Mir war, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen, als Paul mit dieser Mission beauftragt wurde.“
„Kommt mir ein bisschen so vor wie in dem Film ‘Contact’…“
„Ah, ja, sehr frei nach dem Buch von Carl Sagan.“, lästerte Beth. Hike fuhr fort: „Die Astrophysikerin Elli empfängt nach langem Forschen die Botschaft der Außerirdischen, dann wird sie von den Herrschaften im Weißen Haus völlig links liegen gelassen, und ein anderer heimst den ganzen Ruhm ein. Allein schon diese Szene hätte ausgereicht, mich zum Feministen zu machen, wenn ich es nicht schon lange wäre. – Warum geht Winnegard nach Deutschland und nicht du?“
„Weil er in München aufgewachsen ist und die Landessprache perfekt beherrscht, sogar den dortigen Dialekt.“
„Na ja, ganz ehrlich – du liebst zwar Good Old Germany seit deinen Studientagen aus tiefstem Herzen – aber es ist doch eher so etwas wie eine platonische Liebe, du hast dich nie recht auf die Menschen dort eingelassen, geschweige denn mit der Sprache beschäftigt. Du kannst mich ruhig korrigieren, wenn ich mich irre.“
„Dieser Kerl hat sich während der Telefonkonferenz mit der deutschen Bundeskanzlerin förmlich in den Mittelpunkt gedrängt und gedolmetscht, wenn es den Anschein hatte, als würde Mrs. Merkel Schwierigkeiten haben, der Unterhaltung zu folgen!“, fauchte Beth. Hike lachte laut auf. „Ich fasse es nicht! Mrs. Coolness Kittridge ist eifersüchtig! Und neidisch! Auf einen jungen Emporkömmling! Aber so was von! – Dass ich das erleben darf – das ist eine Sternstunde meines Lebens, echt jetzt!“
Beth schnappte verärgert nach Luft. Hike sah auf die Zeitschaltuhr am Herd, griff sich einen zweiten Topf, füllte zwei Tassen Reis sowie vier Tassen Wasser hinein, fügte eine Prise Salz hinzu, deckte ab und setzte ihn auf das zweite Ceran-Feld. Er nahm seiner Lebensgefährtin die neue, frisch entkorkte Weinflasche aus der Hand, als sie nachschenken wollte.
„Du weißt noch, was ich dir angedroht habe, falls du dich betrinken solltest? – Was ist nun eigentlich deine Aufgabe bei dieser schrecklichen Mission? Hat man dir überhaupt eine aufgetragen, oder dich ganz ausgebootet?“
„Der Präsident meinte, es sei durchaus sinnvoll, hier in Amerika nach Spuren, Aufzeichnungen und Unterlagen über die Bombe sowie die zwei Piloten zu forschen. – Ganz ausgebootet trifft da den Nagel völlig auf den Kopf, der Job ist so sinnlos wie ein Kropf. – Gleich morgen früh soll ich damit beginnen. Man hat mir unbegrenzten Zugang zu sämtlichen Archiven des Pentagon bescheinigt.“
Hike machte große Augen. „Wow! Auch zu den Geheimarchiven?“
„Yepp.“
„Man, wie ich dich beneide! Was gäbe ich darum, dort einmal gründlich herumstöbern zu können!“
Beth grinste schief. Sie rutschte vom Hocker.
„Ich mach’ mich kurz ein wenig frisch. Du bist ja bald fertig, nicht wahr? – Ich habe einen Bärenhunger.“
Als sie gegessen hatten, zwinkerte Hike seiner Tischpartnerin liebevoll zu. „Ich bin ungemein froh, dass du nicht nach München fliegst. Dich dort drüben zu wissen, und um die Gefahr, in der du dich mit so Vielen befinden würdest – ich würde kein Auge mehr zu tun können.“
Völlig überraschend wurde Beth von einer tiefen Rührung ergriffen. Sie wandte sich rasch ab, um zu verbergen, dass ihr ob der tiefen, reinen Zuneigung, die aus seinen schlichten Worten sprach, Tränen in die Augen schossen…

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“Starlight Sue” (Teil 11)…

4. Georgetown, Washington, am Abend des 1. September

Beth wand sich ungeschickt vor Müdigkeit aus dem Fond der schwarz lackierten Limousine, dankte dem Chauffeur und überquerte langsam die schmale, stille Straße, in ihrer Handtasche nach dem Haustürschlüssel suchend. Der Präsident hatte darauf bestanden, dass ein Fahrer sie in einem der Dienstwägen in das nicht weit entfernte, vornehme Wohnviertel Georgetown brachte, ein Sicherheitsbeamter würde mit ihrem Kleinwagen folgen. „Wahrscheinlich nachdem der Geheimdienst darin herum geschnüffelt hat.“, fuhr es ihr sarkastisch durch den Sinn. Sie stieß ein hartes Lachen aus. „Viel Vergnügen! Außer ein paar leeren Wasserflaschen und einer Menge Kekskrümel werdet ihr nichts finden, meine Damen und Herren!“
Sie schloss die weiß lackierte Eingangstür des schmucken, kleinen, mit rötlichem Backstein verkleideten Häuschens auf, welches ein wenig zurück gesetzt in der Q-Street stand, nahe der Kreuzung zur 31. Street NW, und gegenüber des idyllischen, still-romantischen Tudor Place Historic House and Garden.
Nachdem sie im Vorraum ihre Kostümjacke ausgezogen und aufgehängt hatte, stieß sie die Tür zur großen, ebenerdigen Wohnküche auf, und war sehr erstaunt, diese hell erleuchtet zu finden. Der wuchtige Esstisch in der Mitte des Zimmers war sorgfältig gedeckt, schlanke Kerzen funkelten in einem antiken, silbernen Leuchter. Hinter der lang gezogenen Theke des Küchenbereichs ragte die hohe, hagere Gestalt ihres Lebensgefährten auf. Das schmale, zerfurchte Gesicht mit der dünnen, weit vorspringenden Adlernase zeigte ein herzliches Lächeln.
„Willkommen daheim, meine Teuerste!“
Beth antwortete nicht, sie schritt auf den großen Kühlschrank zu, Hike im Vorbeigehen einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückend, griff nach einer schlanken Flasche Weißwein, entkorkte diese, füllte ein hohes, bauchiges Glas beinahe bis zum Rand, setzte an und trank mit einem Zug beinahe den ganzen Inhalt aus.
„Oh!“, murmelte Hike, „Ist das Begräbnis deines Vaters so schlimm gewesen?“
„Nein. Ja. Nicht wirklich, nein.“
Beth kippte den Rest der Flasche in das Glas und nahm auf einem der Hocker an der Theke Platz. In Gedanken verloren sah sie zu, wie ihr Partner einige gehäutete Tomaten und ein paar Stängel Lauchzwiebeln klein schnitt, sowie zwei Knoblauchzehen hackte. Kochen war neben dem Malen sehr ausdrucksvoller Portraits die zweite Hochbegabung Hike’s. Sie war sicher, dass er sozusagen zur Feier des Tages eines ihrer Lieblingsgerichte zubereitete, in Tomatensoße geschmortes Huhn. Sie wünschte sich sehr, Freude darüber empfinden zu können, doch sie war zu erschöpft, zu aufgewühlt, zu enttäuscht.
„Es sieht nicht so aus, als wärst du glücklich darüber, wieder zuhause, wieder bei mir zu sein.“
Beth schüttelte den Kopf und der Schatten eines Lächelns verzog kurz ihre vollen Lippen. Sie wühlte aufseufzend in ihrem kurzen, silbergrauen Schopf.
„Da irrst du dich, mein Lieber. Ich freue mich, freue mich sehr – nur…“
Sie verstummte und trank erneut in großen, hastigen Zügen. Hike runzelte die Stirn.
„Sieht so aus, als wolltest du dich betrinken. Tu dir keinen Zwang an, doch dann wirst du hier unten auf der Couch schlafen müssen, denn ich werde ganz bestimmt nicht deinen zwei Zentner schweren Luxuskörper die Treppe hoch ins Schlafgemach schleppen. Außerdem schnarchst du entsetzlich, wenn du dir einen zu viel hinter die Binde gekippt hast.“
„Es – es ist etwas geschehen, Hike. Oder besser gesagt, ich habe im Büro meines Großvaters, des alten Eisenfressers, etwas Furchtbares entdeckt. Ich bin schon heute morgen wieder hier in Washington angekommen, hab’ den ganzen Tag im Weißen Haus verbracht, zusammen mit dem Präsidenten, dem Außenminister, General Schlesinger und einem Neuling in Kerry’s Stab.“ Das Wort „Neuling“ spie sie förmlich hervor.
„Das muss wirklich furchtbar sein, was dir unten in Florida in die Finger geraten ist, Beth. Ich kenne dich überhaupt nicht wieder. – Ich würde die Last, die dir aufgebürdet worden ist, von Herzen gerne mit dir schultern, aber ich vermute, deine Geschichte fällt unter ’streng geheim’.“

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“Starlight Sue” (Teil 10)…

Kerry hatte sich in Bewegung gesetzt und war unruhig auf dem großen, cremefarbenen, ovalen Teppich, der einen Gutteil des hell-dunkel gemusterten, glänzenden Parketts bedeckte, hin und her marschiert, mit der Rechten fahrig über sein ausgeprägtes Kinn streichend. Unmittelbar neben Beth hielt er nun inne.
„Nicht auszudenken, was geschehen würde, würde diese Atomwaffe in nächster Zukunft detonieren! Davon einmal abgesehen, dass ein großer Teil Süddeutschlands über Jahrzehnte hinweg atomar verseucht und zerstört wäre, und der Fallout höchstwahrscheinlich auch angrenzende Staaten in Mitleidenschaft ziehen würde, dass Hunderttausende Menschen den Tod finden oder lange Zeit elendiglich an den Folgen zugrunde gehen würden, dass noch dazu eine gefährliche Beeinträchtigung des Klimas in Mitteleuropa initiiert werden könnte – was für einen enormen Schaden würde diese Katastrophe im Gefüge der Weltpolitik anrichten! Nicht auszudenken!“ Er wandte sich dem Präsidenten zu. „Wir müssen diesen – hm! – Blindgänger finden. Um jeden Preis. So schnell als möglich.“
Obama wies mit einer einladenden Handbewegung auf die beige gepolsterten Dreisitzer, die beiderseits eines flachen, niederen Tisches aus Mahagoni standen. „Bitte, nehmen Sie Platz, meine Herren, Mrs. Kittridge.“ Er trat an den Schreibtisch, nahm den Hörer des Telefons ab und wählte die Nummer des Vorzimmers. „Verbinden Sie mich bitte sofort mit der deutschen Kanzlerin. Und sagen Sie bitte alle meine weiteren Termine für heute ab – danke.“ Er wandte sich seinen Gesprächspartnern zu. „Ich halte es für dringend erforderlich, Mrs. Merkel nicht nur sofort über diese Angelegenheit zu informieren, ich möchte sie auch – falls möglich – in unsere Diskussion mit einbeziehen.“
General Schlesinger zog die Brauen hoch. „Sir, halten Sie das bereits zu diesem frühen Zeitpunkt für notwendig?“
Der Präsident nickte. „Aber ja! Wir dürfen uns in dieser Angelegenheit nicht den kleinsten Fehler erlauben, General.“
„Meiner Meinung nach wäre höchste Geheimhaltung am angebrachtesten.“
„Das wird auch so gehandhabt werden.“ Obama’s Stimme hatte einen scharfen Tonfall angenommen. Er betätigte eine über einer der reich verzierten Schreibtischschubladen installierte Taste. „Ich nehme an, wir werden noch einen langen und anstrengenden Tag vor uns haben. Es ist trotz allem Zeit für einen kleinen Lunch. Danach wird uns das Denken leichter fallen.“ Ein Bediensteter im maßgeschneiderten Smoking betrat durch eine Seitentür den Raum. Der Staatschef wandte sich an ihn: „Hickson, wir benötigen Kaffee, viel Kaffee, dazu Eiswasser, frisch gepressten Orangensaft, und einen Berg Sandwiches, Muffins und Donuts.“
Das Telefon summte. Obama, der, während er gesprochen hatte, auf den Butler zugegangen war, glitt erneut hinter den Resolute-Desk und hob ab. „Mrs. Merkel, ich grüße Sie, wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Sie können ein wenig Zeit erübrigen…“
Beth raunte Paul Winnegard zu: „Ich hoffe, die Leitung ist abhörsicher.“
Der junge Mann schnaubte ironisch. „Guter Witz, Beth, wirklich. – Normalerweise ja – aber…“
Der Präsident hatte inzwischen den Lautsprecher eingeschaltet. „Es handelt sich um etwas sehr Dringliches, Besorgnis erregendes, ja. Nicht nur für unsere beiden Staaten.“ Er winkte Beth zu sich. „Meine Mitarbeiterin, Dr. Elizabeth Kittridge, wird Ihnen diesen höchst brisanten Notfall nun erklären.“
„Oh, mein Gott!“, hörte Beth die Frau am anderen Ende der Leitung keuchen, nachdem sie in einfachen doch sehr eindringlichen Worten von den Tagebuch-Einträgen ihres Großvaters erzählt hatte. „Warten Sie, geben Sie mir bitte ein paar Minuten, ich werde sofort den für heute Abend geplanten Theaterbesuch stornieren lassen, damit wir uns voll auf dieses furchtbare Problem und eine mögliche Lösung konzentrieren können.“
Es klopfte an der Seitentür. Nachdem der Präsident „Ja, bitte!“ gerufen hatte, trat der Butler ein, behutsam einen mehrstöckigen Servierwagen vor sich her schiebend, beladen mit den georderten Speisen und Getränken…

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“Starlight Sue” (Teil 9)…

3. Weißes Haus, Washington D. C. – 1. September 2015

Nachdem Beth ihren Vortrag, bestehend aus Zitaten der brisanten Notizen ihres Großvaters, beendet hatte, und das in dunkles Leder eingebundene Tagebuch sinken ließ, breitete sich im Oval Office ein solch entsetztes Schweigen aus, dass man ohne Weiteres die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Der Präsident hatte während der Erläuterungen Beths’ eher gelassen hinter dem legendären Resolute-Desk gesessen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts zählte der Kapitänsschreibtisch des Polarforschungsschiff HMS Resolute, das 1855 von amerikanischen Walfängern geborgen worden war – Queen Victoria hatte fünfundzwanzig Jahre später dem damaligen US-Präsidenten dieses Möbel zum Geschenk gemacht – zur Einrichtung des Präsidentenbüros im westlichen Flügel des Weißen Hauses. Nun erhob sich Barack Obama und schritt auf die Sprecherin zu.
„Sagen Sie mir bitte, dass das ein Hoax ist.“
Beth hielt dem strengen Blick der dunklen Augen stand.
„Sir, diese Notizen wurden von General Benjamin Kittridge gemacht, dem ehemaligen Militärberater President Franklin Delano Roosevelts, einem stahlharten Karrieregeneral, der mit Sicherheit einer der penibelsten, strengsten und auch humorlosesten Menschen auf dieser unserer Erde gewesen ist. Ich versichere Ihnen hoch und heilig, dass es sich dabei in keinster Weise um einen bösen Scherz handelt.“
John Kerry, der Außenminister, stieß laut den Atem aus.
„Hat Ihr Großvater je erwähnt, oder an anderer Stelle niedergeschrieben, was aus dieser – hm! – Endlösung geworden ist? – Detoniert ist sie ja nicht, wie wir alle wissen. Wurde sie gefunden? Beseitigt?“
Beth schüttelte den ergrauten Kopf. „Nein. Dies hier ist der letzte Band seiner Tagebücher. Ich habe während der vergangenen drei Tage all seine Unterlagen in unserem Haus auf Marathon Key gründlichst durchforscht, und keine weitere Erwähnung dieser allerersten Nuklearwaffe gefunden.“
Paul Winnegard, jungenhaft, mit modisch wirr gestylter, blonder Kurzhaarfrisur, der laut Insider-Kreisen in Washington aufsteigende neue Stern am politischen Himmel, wie Beth im Beraterstab des Außenministers tätig, warf ein: „Somit gibt es folgende Möglichkeiten: Der atomare Sprengkörper befindet sich nach wie vor in München, oder er wurde von den Nazis entdeckt und beiseite geschafft, oder aber von den US-Räumkommandos, nachdem sie die Stadt besetzt hatten.“
„Letzteres halte ich für völlig ausgeschlossen. Die zweite Option eigentlich auch. Denn wenn die Nazis in den Besitz einer voll funktionsfähigen Atombombe gelangt wären, dann hätten sie diese mit hundertprozentiger Sicherheit ohne zu zögern eingesetzt. Allein schon deshalb, weil ihre eigenen Forschungen und Entwicklungen auf dem Gebiet Nuklearwaffen zum Glück nicht gut voran kamen.“, knurrte General Schlesinger, militärischer Ratgeber des amerikanischen Präsidenten.
„Das bedeutet also, dass sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein nuklearer Sprengkörper, entwickelt vom amerikanischen Manhattan Project, abgeworfen auf Befehl des amerikanischen Präsidenten von amerikanischen Militärpiloten, unentdeckt in München befindet, im Zentrum einer deutschen Großstadt.“, murmelte der Präsident. Sein milchkaffeefarbener Teint war um eine Nuance blasser geworden.
„Siebzig Jahre – der Zahn der Zeit hat mit Sicherheit inzwischen an den Zündmechanismen genagt.“, ließ sich Schlesinger vernehmen, und Winnegard fügte hinzu: „Heißt, das Ding könnte jeden Moment hoch gehen. Grade jetzt, da in Münchens’ Innenstadt so eifrig gebaut wird wie seit den Nachkriegsjahren nicht mehr… Und in knapp drei Wochen beginnt das Oktoberfest, Millionen Touristen werden die Stadt überfüllen…“

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“Starlight Sue” (Teil 8)…

„Und mit einem einzigen Schlag den Krieg in Europa beenden.“, fügte Henry L. Stimson, der Kriegsminister, hinzu.
Roosevelt schluckte den letzten Happen seines Sandwiches hinunter, betupfte sich mit einer Serviette den Mund und murmelte: „Ich nehme an, Sie denken da an die deutsche Reichshauptstadt, Berlin, als Ziel?“
General Kittridge schüttelte den Kopf. „Nein – München.“
„München?“, echote Henry A. Wallace, der Vizepräsident. „Warum?“
Die Augen des „alten Eisenfressers“ verengten sich. Er und Wallace kamen nicht gut miteinander zurecht, dem General waren vor kurzem erst Gerüchte zugetragen worden, dass der Stellvertreter Roosevelts’ insgeheim mit den Kommunisten sympathisieren solle.
„Ich weiß, dass der britische Luftmarschall Harris sich fest in seine Absicht verbissen hat, Berlin dem Erdboden gleich zu machen, weil er der Meinung ist, auf diese Weise den Nazis den größten Schaden zuzufügen. Doch lassen wir das einmal außer Acht. – In und um München befinden sich nicht nur einige für die Versorgung des deutschen Heeres mit Waffen, Flugzeugen, Munition und dergleichen eminent wichtige Industrieanlagen, sowie ein großer Hauptbahnhof als Verkehrsknotenpunkt und Warenumschlagplatz, es gilt außerdem als Hauptstadt der sogenannten Bewegung. Dort hatte der Nationalsozialismus seine wichtigste Keimzelle, von dort aus gelang Hitler die Verbreitung seines furchtbaren Gedankenguts in ganz Deutschland. Im Herzen des sogenannten Führers – wenn man bei einer solchen Kreatur überhaupt von einem Herzen sprechen kann – nimmt diese Stadt immer noch einen ganz besonderen Platz ein. Wenn wir München zerstören, auslöschen würden, wenn es dank Feuer- und Hitzesturm und Druckwelle regelrecht vom Erdboden verschwinden würde, dann würden wir die Nazis moralisch enorm schwächen. Den ‘Krauts’ gehen ohnehin schon die dienstfähigen Soldaten aus, unsere Spione haben neulich erst berichtet, dass die sogenannten Flakhelfer mittlerweile fast ausschließlich aus Schülern bestehen, jungen Männern, fast noch Kindern, im Alter zwischen sechzehn und neunzehn Jahren.“
„Wenn wir eine Atombombe der Art und Größe, wie Sie Ihnen offensichtlich vorschwebt, meine Herren, wie vorgesehen auf München abwerfen würden, dann ist doch sicherlich mit ungezählten Toten und Verwundeten zu rechnen?“
„Natürlich, Mr. President.“, erwiderte Stimson. „Mit etlichen Zehntausenden, wenn nicht sogar mehr. – Aber bedenken Sie, auf der anderen Seite stehen die Chancen ausgesprochen gut, dass wir mit einem einzigen Einsatz einer Nuklearwaffe wie gesagt den Krieg mit Deutschland beenden und mit dieser Aktion in der Zukunft sehr viele Menschen vor dem sicheren Tod bewahren würden.“
„Und wir könnten unsere militärischen Kräfte zukünftig mehr auf unseren Konflikt mit den Japanern lenken.“, knurrte General Kittridge.
Roosevelt setzte seinen randlosen Kneifer auf, senkte das Haupt und überflog in Gedanken verloren die Notizen, die er sich während des Gesprächs gemacht hatte. Ein Bediensteter des Weißen Hauses klopfte, wurde herein gebeten, sah kurz und höchst diskret nach dem Rechten und zog sich dann lautlos wieder zurück. Endlich nickte der Präsident, tief durchatmend. Er wandte sich an Manley: „Wie lange wird es dauern, bis die von Ihnen angedachte Bombe konstruiert sein wird?“
Der Physiker rieb sich kurz das Kinn. „Einige Wochen, einen Monat, länger nicht. Wir sind bereit, Mr. President.“
„Dann machen wir es so. Es versteht sich von selbst, dass dieses Projekt der äußersten Geheimhaltung unterliegt. Zu niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen – ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“
„Yessir, zu niemandem, auch nicht zu unseren Bündnispartnern. ‘Die Endlösung’ kann nur dann gelingen, wenn der ‘Überraschungseffekt’ wirklich gegeben ist.“
„’Die Endlösung’ – wenn das der Codename für unser Vorhaben sein soll, dann ist er ausgesprochen zynisch, meinen Sie nicht auch, General?“ Kittridge zuckte gelassen mit den Schultern und antwortete unterkühlt: „Ich finde es in diesem Zusammenhang durchaus angebracht, eine Anleihe beim Nazi-Vokabular zu machen. – Mein Plan sieht vor, die Nuklearwaffe während eines großen Luftangriffs der 8. USAAF von der RAF-Basis Mildenhall aus ins Zielgebiet zu bringen, an Bord einer kleineren Maschine, einer DeHavilland Mosquito. Vorneweg ein Verband schneller Kampfbomber, um die Flugabwehr der Deutschen abzulenken, danach die B-17 und B-24-Staffeln. Die werden München schon mal ordentlich zum Leuchten bringen – und danach werden wir den ‘Krauts’ das präsentieren, was wir unter einer Endlösung verstehen.“ Der „alte Eisenfresser“ wandte sich an Manley: „Sie erwähnten bei unserer Vorbesprechung, dass man die Bombe so konstruieren kann, dass sie von einer modifizierten Mosquito transportiert werden kann?“ Der Physiker bejahte eifrig.
„Wie sieht es mit dem Zündmechanismus aus?“
„Wir werden einen Mehrstufenzünder verwenden: Eine Zeitschaltuhr, sowie barometrische Höhenmesser, die dann in etwa fünfhundert Metern Höhe über dem Zielgebiet die Kordittreibsätze auslösen werden, um die beiden kritischen Massen zueinander zu führen.“
„Die Zündung darf auf gar keinem Fall kompliziert konzipiert sein, an Bord der Mosquito werden sich lediglich zwei Mann befinden, unbedarfte Piloten, denen wir aufgrund der höchsten Geheimhaltungsstufe lediglich die allernötigsten Informationen geben werden.“
„Das könnte für die Beiden ein Himmelfahrtskommando werden.“, murmelte Roosevelt. Er nahm den Zwicker ab und nickte den Männern zu. „Dann gebe Gott, dass Sie recht behalten werden, Gentlemen, und der Krieg in Europa bereits in wenigen Wochen der Vergangenheit angehören wird.“…

20. Mai 1945

… „Am 24 April 1944 wurde die Endlösung ins Zielgebiet gebracht. Eine Detonation erfolgte nicht. Von dem betreffenden Gegenstand, dem Flugzeug und der Besatzung fehlt bis dato jede Spur.“…

Damit endeten die Aufzeichnungen General Benjamin Kittridges’…

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