Familiengeheimnisse (Teil 11)…

Zuhause angelangt rief Zizzy ihre Söhne ins Schlafzimmer und gab ihnen die Handys zurück.

„Denkt ja nicht, dass ich schwach geworden bin, Jungs. Doch heute habe ich einen Hinweis erhalten, dass sich ein international gesuchter und sehr gefährlicher Drogenhändler hier in der Gegend herumtreiben soll. Ich fühle mich wohler, wenn ich weiß, dass ihr jederzeit in der Stazione oder mich anrufen könnt.“

Ihre Söhne nickten mit ernsten Gesichtern.

„Verstanden, Mummi…“

„… Und mach dir bitte keine Sorgen um uns…“

„… Wir passen auf uns auf…“

„… Wir sind schließlich die Nachkommen der besten Carabiniera der Welt.“

„Ihr Schmeichler! – Aber der Hausarrest und kein W-Lan mehr ab zwanzig Uhr bleiben nach wie vor bestehen!“

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Der Samstag Vormittag verlief ruhig. So konnte Tiziana in aller Ruhe in ihrem Büro die Bewertungen ihrer Mitarbeiter abarbeiten. Es gab nur einen Zwischenfall auf dem Wochenmarkt nahe der Kirche Santo Stefano: Ein sehr ungeschickter Taschendieb hatte versucht, einer gehbehinderten alten Frau, die sich auf ihren Rollator stützend einen Stand mit Geschirr- und Handtüchern besah, die Handtasche zu entwenden. Womit niemand gerechnet hatte war, dass die Frau wie der Blitz herumwirbelte, den Kerl an der Jacke zu fassen bekam, und ihn mit einem überraschend kraftvollen rechten Haken ins Reich der Träume sandte.

Zizzy beschloss gegen dreizehn Uhr, Feierabend zu machen, verriegelte den Aktenschrank, zog die Uniformjacke an und hatte bereits die Bürotür erreicht, als das Telefon klingelte.

Commissario Rosso war am Apparat.

„Noch jemand, der am Samstag Dienst hat.“, begrüßte er sie, und wie schon bei ihrer ersten Begegnung war sie fasziniert von seiner warmen, volltönenden Stimme.

„In meinem Fall ist das die gerechte Strafe für Prokrastination – der Stapel an unbearbeiteten Akten hat mir schon fast bis ans Kinn gereicht.“

„An so einem herrlichen Tag zu arbeiten, ist eigentlich eine Todsünde. – Ich schicke Ihnen eine Mail mit sämtlichen Unterlagen und Hinweisen meiner Abteilung über den gesuchten Drogenbaron. Sein Name ist Martin Quimendez, geboren am 16. Januar 1963, aufgewachsen in San Pedro Sula, Honduras. Schon sein Vater war ganz groß im Drogengeschäft. Seit etwa drei Jahren ist Quimendez untergetaucht. Zuerst hat es geheißen, er wäre bei einem Anschlag von Rivalen ums Leben gekommen, mittlerweile gilt es allerdings als gesichert, dass das lediglich ein geschickt inszeniertes Täuschungsmanöver war, dass er sein Heimatland verlassen und sich nach Europa abgesetzt hat. Man vermutet, dass er durch mehrere plastisch-chirurgische Eingriffe sein Aussehen verändert hat. Er beherrscht sieben Sprachen fließend und akzentfrei, darunter natürlich auch Italienisch. Die Hinweise, dass er sich in der Gardasee-Gegend aufhalten würde, sind ehrlich gesagt nur bedingt zuverlässig. Doch Quimendez ist brandgefährlich, sie zu ignorieren wäre unverantwortlich. – Das ist die Kurzfassung.“

Rosso beendete das Gespräch kurz danach.

Zizzy fuhr den Dienst-PC wieder hoch, öffnete die Mail und besah sich das beigefügte Foto. Es war aus einigen Metern Höhe aufgenommen worden und allem Anschein nach bereits etliche Jahre alt. Man hatte es sehr vergrößert, deshalb war es ziemlich verpixelt und unscharf. Es zeigte einen etwa einen Meter achtzig großen Mann um die Mitte Vierzig mit schwarzer Stoppelfrisur, vermutlich absichtlich nicht entspiegelter Brille, so dass die Augenpartie nicht gut zu erkennen war, und einem dicht gewachsenen Schnauzbart, der die Lippen verbarg. Volle Wangen, ein leichtes Doppelkinn. Schätzungweise fünfzehn Kilo Übergewicht. Nach dem konzentrierten Lesen der Mail gab sie im Stillen Rosso sehr recht, die Informationen waren in der Tat dürftig. Ein als unzuverlässig bekannter Informant gab an, ihm in Riva ein paar Dutzend Briefchen Crystal Meth abgekauft zu haben. Ein pensionierter Kriminalkommissar aus München wollte ihn in Verona gesehen haben (Ein selbstverliebter Dummschwätzer, der mir andauernd erklären wollte, wie ich meinen Job zu machen hätte!, hatte Rosso an den Rand der eingescannten Notiz geschrieben), ein Hotelpage in Sirmione behauptete, er habe Quimendez im Juni die Koffer auf seine Suite im Luxushotel Cortine Palace gebracht. Der Rest bestand aus Vermutungen, aus Hätte und Könnte.Ob sich der gute Commissario da nicht etwa in etwas verrannt hatte? Aber sie kannte ihn zum einen als Mensch so gut wie gar nicht, und konnte sich deshalb kein Urteil erlauben, und zum anderen hatten bereits mehr als genügend Polizei-Einsätze mit einem Fiasko geendet, weil man die Lage leichtfertig falsch eingeschätzt hatte und Hinweisen nicht nachgegangen war.

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Familiengeheimnisse (Teil 10)…

„Also, dann… Ja, es ist höchste Zeit, dass ich dir mein Familiengeheimnis erzähle. – Jeder kennt mich unter dem Namen Tiziana Bardani. Geboren wurde ich allerdings als Tochter von L’illustrissimo Signor Conte de Monteleone.“ Zizzys Stimme triefte vor Zynismus, als sie den Titel ihres Vaters aussprach. „Tiziana Gräfin de Monteleone – mein Gott, seit so vielen Jahren habe ich nur mehr ab und zu und sehr oberflächlich daran gedacht, gestern für einen kurzen Moment, als Nico, der Miniaturenmaler, mich am Hafen spaßeshalber mit Contessa gegrüßt hatte – und dann kommt heute früh dieser Commissario, spricht mich mit meinem Titel an, und das hat mich so schrecklich getriggert, am liebsten wäre ich aufgesprungen und davon gelaufen… – Wie er es herausgefunden hat, keine Ahnung. Es gibt schon lange keine Hinweise mehr auf meine Herkunft. Mit Geld kann man viel bewirken, auch das Löschen und Umschreiben gewisser Daten und Dokumente… – Das Geschlecht der Monteleones existiert schon seit Urzeiten, der Stammsitz befindet sich in der Nähe von Bergamo, ein schönes, stattliches Schloss, mit riesigen Ländereien. Die Familie besitzt ein unfassbar großen Vermögen. Der Conte de Monteleone hat seit seiner Jugend seine Finger überall drin, wo Geld gemacht wird. Eine Zeitlang war er sogar ein ziemlich hohes Tier im Finanzministerium, hat sich dann aber zurückgezogen, als ruchbar wurde, er könnte in einen handfesten Korruptionsskandal verwickelt sein. – Mein älterer Bruder ist quasi der ‚Thronfolger‘, und wird seit seiner Kindheit auch so behandelt. Er wurde von Geburt an verhätschelt und verzogen, und ist mittlerweile wahrscheinlich ein moralisch genauso verkommenes Subjekt wie sein Erzeuger. – Meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war. Sie hatte sich zu Tode gesoffen. Ich war dazu auserkoren, zu gegebener Zeit ‚gewinnbringend‘ zwangsverheiratet zu werden. Als ich Dreizehn wurde, kam die Person, die sich als mein Vater bezeichnete, regelmäßig in mein Zimmer, um mich sexuell zu missbrauchen. Das ging einige Jahre so. Ich wundere mich noch heute, wie ich das einigermaßen heil an Geist und Seele überstehen konnte. – Als ich das Abitur in der Tasche hatte und volljährig war, bewarb ich mich beim Militär. Damals herrschte bei den Carabinieri ein absoluter Mangel an qualifizierten Leuten, so ließ ich mich dazu überreden, dort anzuheuern. Ich wollte mich so schnell als möglich für einen Auslandseinsatz melden – weit weg von Italien. Doch zuvor ging ich zu meinem Vater, und erpresste ihn skrupellos und knallhart: Wenn er mir eine Million Euro zahlen würde, würde ich still meiner Wege gehen, und ihn nie wieder behelligen, wenn nicht, dann würde ich in die Öffentlichkeit gehen und alles auspacken – die seelischen Grausamkeiten, den sexuellen Missbrauch, sämtliche Details seiner finsteren Machenschaften, die ich – kluges Köpfchen, das ich bin – mitbekommen hatte. Völlig überraschend knickte er nach kurzem schon ein, und akzeptierte ohne viel Zögern meine Forderung. Ich deponierte den größten Teil des Geldes auf ein Schweizer Konto. Falls in ein paar Jahren meine Jungs ein halbwegs gutes Abitur ablegen, und auf die Uni gehen werden, dann werde ich ihnen dieses Familiengeheimnis endlich erzählen, und die Moneten zwischen uns aufteilen – zwei Drittel für sie, damit es ihnen zumindest finanziell im Leben an nichts mangeln wird, und der Rest für mich, als komfortable Altersvorsorge. – Ich absolvierte auf Anraten eines lieben alten Mentors die Ausbildung zum Höheren Dienst – drei Jahre Militärakademie, anschließend Jurastudium bis zum Bachelor-Grad – du kennst das ja auch. Ich nannte mich damals Tiziana Galdoni – hab meinen Nachnamen ändern lassen. Kurz nach Abschluss der Ausbildung lernte ich Guido Bardani kennen, meinen Mann. Über ihn habe ich dir ja bereits genug erzählt.“

Don schwieg lange Zeit. Dann legte er seine Rechte auf Tizianas Schulter und schüttelte sie sanft.

„Du bist schon ein verdammt starker Charakter.“

„Du aber auch. Wahrscheinlich haben wir Zwei uns gesucht und gefunden. – Pass auf, wie wär’s, wenn wir morgen auf Gabriellas Geburtstagsparty meine Plagen mal so richtig hochnehmen und unsere Verlobung verkünden würden?“

Dons Lachen perlte durch den inzwischen fast leeren Gastraum. Der Barkeeper machte sich daran, diskret aufzustuhlen.

„Oh, ja! Das wird ein Spaß!“

Sie tranken aus, zahlten und begaben sich auf den Heimweg.

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Familiengeheimnisse (Teil 9)…

Nach Feierabend beschlossen sie, den Absacker vom Vorabend nachzuholen, und schlenderten zur Oasis Bar an der Uferpromenade etwas außerhalb des Städtchens.

Zizzy nahm einen kräftigen Zug ihres Campari Spritz.

„Sag, woher hast du dieses Gerücht über Commissario Rosso?“

Don hob ausweichend die Schultern.

„Glaub mir, das willst du nicht wissen. – Und es ist wirklich nur ein Gerücht, an dem höchstwahrscheinlich nichts dran ist.“

„Der Commissario ist mir schon irgendwie merkwürdig vorgekommen. Ist dir auch dieser leise Hauch von tiefer Traurigkeit an ihm aufgefallen?“

„Jetzt, wo du’s sagst, ja. – Ich werde mal meine Fühler ganz weit ausstrecken, vielleicht bekomme ich ja noch mehr Gerüchte über ihn zugetragen.“

„Ich habe noch nie jemanden gekannt, der Informationen, Klatsch, Tratsch, Gerüchte, Hinweise, Andeutungen geradezu magnetisch anzieht. Und der Menschen dermaßen subtil zum Reden bringen kann, egal, ob Zeugen, Angeklagte, oder ‚ganz normale Leute‘. Wie machst du das?“

Rambolate zwinkerte seiner Freundin und Vorgesetzten schelmisch zu.

„Das liegt an meiner überwältigenden, magischen Persönlichkeit. – Familiengeheimnis. – Nein, im Ernst, ich kann es dir nicht erklären. Ist wohl so etwas wie eine besondere Gabe.“

„Aber ich wette, dass du bis jetzt noch nicht gewusst hast, dass meine Jungs uns verkuppeln wollen.“

Don lachte schallend.

„Sie meinen, du würdest nicht nur toll aussehen, sondern hättest auch ordentlich was in der Denkbirne. Und du wärst schon gute Dreißig, und solltest dich endlich einmal darum kümmern, eine Familie zu gründen.“

„Sie wissen nicht, dass ich…?“

„Niemand weiß das. Und das wird auch so bleiben. Allein schon deshalb, weil sich sämtliche Mütter von heiratsfähigen Töchtern im See ertränken würden, wenn sie die Wahrheit über dich erfahren würden. Stell dir nur vor, was das für Stress für uns bedeuten würde! Unzählige Rettungseinsätze. Die vielen Leichen. Die Berge an Akten. Wir würden an Überarbeitung zugrunde gehen.“

Eine Weile tranken sie schweigend. Dann verkündete Zizzy: „Ich habe mich von Raoul getrennt.“

„Ah! Überraschung! – Mal wieder!“

„Diesmal will ich das aber wirklich knallhart durchziehen.“

Und sie erzählte ihrem Freund und Stellvertreter, was sich am Nachmittag des Vortags im Palazzo de Capitani zugetragen hatte.

„Ich hoffe, du bist jetzt endlich konsequent, Zizzy. Aber so ganz kann ich nicht daran glauben…“

‚Ich auch nicht!‘, raunte Tizianas innere Stimme.

Sie genehmigten sich noch einen zweiten Drink. Nachdenklich drehte Tiziana das beschlagene, hohe Glas zwischen den Händen und sah auf den See hinaus, auf die glitzernden Lichter des gegenüber liegenden Limone sul Garda. Don nickte ihr zu.

„Dich bedrückt doch etwas. Und zwar seit dem Besuch des Commissario heute morgen. Du weißt, dass du mir alles anvertrauen kannst.“

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Familiengeheimnisse (Teil 8)…

Fabioso klopfte schüchtern an die Tür, bevor er, einen abgegriffenen, graukarierten Hut in den Händen haltend, zögerlich eintrat. Mehr denn je wirkte er mit dem vorgestreckten faltigen, kahlen Kopf, der schmalen Brille und dem gebeugten Rücken wie eine Schildkröte.

Tiziana breitete die Arme aus und hieß ihn mit einem breiten, warmen Lächeln willkommen.

„Biongiorno, Signore Fabioso. Was kann ich für Sie tun?“

Ängstlich um sich blickend nahm der Angesprochene Platz. Die Leiterin der Carabinieri Comando Stazione ließ sich ihm gegenüber nieder, Don lehnte sich mit verschränkten Armen lässig an den Aktenschrank. Fabioso trank in hastigen, kleinen Schlucken den heißen Kaffee, es schien, als hätte ihn nun angesichts der Polizisten doch der Mut verlassen, der ihn hierher geführt hatte. Schließlich konnte er sich dazu durchringen, sein Anliegen vorzutragen.

„Tenente Bardani, mir hat das Malheur mit den kaputten Regenschirmen keine Ruhe mehr gelassen. Und so bin ich am Abend noch einmal hinunter in den Laden, oder vielmehr in das kleine Lager, das ich vor vielen Jahren in unserem Hinterhof daran angebaut habe. – Ich habe sämtliche Regenschirme aus dem Sortiment überprüft, aus dem die zwei waren, die ich gestern dem unfreundlichen Touristen gegeben hatte. Ich hatte sie zu Beginn der Saison bei einer Firma in Genua bestellt, und prompt geliefert bekommen, und noch nie in all der langen Zeit, in der ich mein Geschäft nun schon führe, hat es mit diesem Unternehmen die geringsten Anlässe zu Beschwerden gegeben. Wie Sie wissen, hatten wir heuer einen recht regenarmen Sommer, und so hatte ich bislang nicht allzu viele Schirme verkaufen können. Und so kam es, dass ich erst gestern welche von dieser letzten Lieferung aus dem Karton genommen habe, der übrigens noch fest verschlossen gewesen ist. – Nun, wie gesagt, ich war so aufgewühlt, dass ich diese Schirme genau untersucht habe. – Tenente Bardani, sie sind alle defekt! Alle!“

Er hob tief Luft holend die Hände.

„Inwiefern defekt, Signore Fabioso?“

„Sie sind aus den Hüllen genommen worden, und dann wurden die Streben so beschädigt, dass sie unweigerlich brechen, wenn man die Schirme aufspannt. Und dann wurden sie wieder in die Plastikhüllen gesteckt. Und derjenige, der das getan hat, hat dann auch den Karton wieder verschlossen.“

„Und es kann wirklich nicht sein, dass es sich um Fehler bei der Fertigung handelt?“

Fabioso schüttelte den Kopf.

„Nein, Tenente. Ich wollte zuerst Rücksprache mit der Firma in Genua halten, bevor ich mich an Sie wende. Denn – wie gesagt – ich bin mit der Ware bis jetzt immer sehr zufrieden gewesen. Und meine Kundschaft natürlich auch. Ich habe mich per Telefon bis zum Geschäftsführer durchstellen lassen, und man hat mir hoch und heilig, und mittlerweile sogar schriftlich, versichert, dass ihrerseits kein Fehler vorliegen würde, weder bei der Produktion noch bei der Lieferung.“

Der Kaufmann leerte in einem Zug den Rest seiner Tasse.

„Und es gibt meiner Meinung nach deutliche Anzeichen dafür, dass in mein Lager eingebrochen worden ist. Am Türschloss sind Kratzspuren, jemand scheint sich daran zu schaffen gemacht zu haben.“

Er legte noch einmal eine lange Pause mit vielen tiefen Atemzügen ein, bevor er sich nur mit Mühe zu seinem nächsten Satz durchringen konnte: „Tenente Bardani, ich möchte Anzeige erstatten. Gegen unbekannt. Wegen Einbruch und Sachbeschädigung.“

Tiziana nickte, und ihre Stimme klang voll Verständnis und Wärme. „In Ordnung, Signore Fabioso. Der Sottotenente und ich werden Ihre Anzeige gleich entgegen nehmen. Und am Montag werde ich bei Ihnen vorbei kommen, und mir das Lager und die beschädigte Ware genauer ansehen.“

Der alte Mann schluckte, als wäre er den Tränen nahe.

„Die letzten eineinhalb Jahre waren auch für mich so unfassbar hart. So gut wie keine Kundschaft – wer von den Einheimischen kauft denn schon Souvenirs! Meine Cordula und ich waren sparsam, und wir haben zum Glück etwas beiseite gelegt, obwohl wir’s uns immer haben gut gehen lassen. So konnte ich den Laden halten, trotz Corona. Mein Vater hätte sich doch im Grabe umgedreht vor Gram, wenn ich den Laden verloren hätte! – Aber ich habe das Geschäft durch diese schlimme Zeit gebracht. Wenn auch nur mit Müh und Not. Ich musste Carina entlassen, meine Angestellte – so eine brave und zuverlässige Frau. Da hat mir das Herz geblutet, das dürfen Sie mir glauben. Und als Annunziata, die Frau meines Neffen Gustavo, im Frühjahr so dringend einen Job gebraucht hatte, da konnte ich ihr nicht helfen, obwohl ich das so gerne getan hätte! Und dann hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen! Es tut mir so unfassbar leid!“

Signore Fabioso verzog das Gesicht, und dicke Tränen quollen aus seinen Augen. Tiziana glitt um den Schreibtisch herum, und legte dem Kaufmann den Arm um die Schultern.

„Sch, sch… Bitte, beruhigen Sie sich, Signore. Wir werden den Unhold finden, der Ihnen diesen Schaden zugefügt hat.“

Der Kaufmann angelte in seinem Regenmantel nach einem Taschentuch und schnäuzte sich lange geräuschvoll.

Nachdem die Formalitäten der Anzeige erledigt waren und Fabioso sich auf den Weg zurück in sein Geschäft gemacht hatte, informierte Zizzy ihren Stellvertreter über das Gespräch mit Commissario Rosso. Über den offiziellen Teil.

„Ein Drogenbaron in unserer Gegend. Was für ein Scheiss!“

„Du sagst es. – So ein Mist, ich muss jetzt wegen der zusätzlichen Nachtpatrouille sämtliche Dienstpläne umschreiben.“

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Familiengeheimnisse (Teil 7)…

Schon sehr früh am Morgen hatte sich Tiziana auf ihre E-Vespa geschwungen, war in die Via Dosso in der Altstadt gefahren und hatte die Tüten mit Raouls Klamotten und Schuhe ziemlich unsanft vor die Türe des schmalen, uralten Hauses geschleudert, in welchem der Straßenmusiker ein kleines Apartement gemietet hatte.

Als sie danach mit den Zwillingen beim Frühstück saß, griffen die Beiden das Thema Lover wieder auf.

„Don ist der Hammer! Der sieht nicht nur verdammt gut aus,…“

„… Der hat auch echt was in der Denkbirne…“

„… Ist auch schon gute Dreißig. Wird Zeit, dass er ne Familie gründet.“, konstatierte Charlie trocken.

„Weißt du, wer auch gut zu dir passen würde?“ Linus angelte nach der Müslipackung. Seine Mutter machte übertrieben große Augen.

„Nein, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“

„Capitano Franco von der ‚Siora Veronica‘…“

„… Genau. Aber der ist schon arg jung. Keine Mitte Zwanzig…“

„… Viele ältere Frauen stehen heutzutage auf jüngere Männer…“

Zizzy verschluckte sich an ihrem Kaffee.

„Wenn ihr mich noch einmal als ältere Frau bezeichnet, dann gebe ich euch in ein Internat! In ein ganz schreckliches, finsteres, erzkatholisches! – Los jetzt, ab in die Schule!“

Als sie in der Carabinieri Comando Stazione eintraf, wurde sie am brusthohen Tresen des Dienstraums von Don Rambolate empfangen.

„Du hast Besuch.“

„Wer?“

„Commissario Rosso aus Verona.“

„Der wollte doch heute noch einmal anrufen. Muss wohl wichtig sein, wenn er sich persönlich hierher bequemt. Und er scheint wohl ein Fan des Sprichworts ‚Der frühe Vogel fängt den Wurm‘ zu sein. Der muss ja schon im Morgengrauen in Verona losgefahren sein.“

Sie betrat ihr Büro und schloss die Türe hinter sich. Rosso saß auf dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch, die Beine lässig ausgestreckt. Als sie ihn ansprach, erhob er sich rasch.

Der Commissario war von mittlerer Größe, vollschlank, mit einem leichten Bauchansatz und nussbraunem Haar, das sich an den Schläfen leicht zu lichten begann. Sein Alter war schwer zu schätzen – Mitte Dreißig, oder doch schon hoch in den Vierzigern? Er reichte Tiziana die Hand.

„Tenente Bardani! Es freut mich, Sie endlich einmal persönlich zu treffen. Ich habe viel Gutes über Sie gehört.“

Diese Stimme war faszinierend! Ein voller, warmer Bariton, und obwohl Rosso sehr leise gesprochen hatte, schien es, als würde das Timbre den Raum zum Schwingen bringen. Dieses Timbre gleicht einer weichen Decke, die einen ganz behutsam umfängt, dachte Zizzy. Sie wies auf den Stuhl.

„Aber bitte, behalten Sie doch Platz, Commissario. Danke für das Lob – ich habe allerdings noch nichts über Sie vernommen.“

Rosso lächelte leis.

„Kein Wunder, ich bin auch erst vor etwa einem halben Jahr von Florenz nach Verona versetzt worden.“

Sie kredenzte sich und ihrem Gast einen starken, aromatischen Kaffee aus ihrer eigenen, sündhaft teuren Maschine im Büro, dann plauderten sie eine Weile angeregt über die Schönheiten des Gardasees, den wechselhaften Herbst, und die neuen Corona-Maßnahmen der Regierung, die zwar vom Parlament ohne großen Widerstand verabschiedet worden waren, mittlerweile aber bei der Bevölkerung zunehmend auf Widerstand und Unwillen stießen. Schließlich nickte Zizzy dem Commissario auffordernd zu.

„Der Grund Ihres Besuches ist aber sicher nicht der, dass Sie eine Weile Smalltalk mit mir machen wollen, nehme ich an.“

„Nein, leider nicht. – Ich erhalte seit einer Weile schon ernst zu nehmende Informationen, dass sich ein international gesuchter ‚Drogenbaron‘ in der Gardasee-Gegend aufhalten soll, und möchte Sie davon in Kenntnis setzen, und mich Ihrer Unterstützung versichern.“

Zizzy lief es eiskalt über den Rücken. Meine Jungs! Ich muss auf meine Jungs achtgeben! Sechzehn ist ein so gefährliches Alter…

„Ich bin jetzt seit etwa zehn Jahren hier in Malcesine, mit so etwas hatten wir bis dato noch nie zu tun, von ein paar kleineren Drogendelikten einmal abgesehen. – Aber ja, warum sollte sich ein professioneller Drogendealer nicht diese Gegend aussuchen, zumindest in den warmen Jahreszeiten – ungezählte Touristen – wenn nicht grade eine Pandemie wütet -, darunter viele junge Leute, die gerne abfeiern, und auch mal einen neuen ‚Kick‘ ausprobieren möchten. War ja eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Drogenmafia ihre Fühler bis zu uns ausstrecken würde… Wir werden unsere Wachsamkeit verschärfen, Commissario. Vielleicht würde es Sinn machen, wenn ich ab jetzt wieder eine Nachtwache durch den Ort patrouillieren lassen würde, zur Abschreckung.“

„Gute Idee.“ Rosso griff in die Innentasche seines Jacketts und zog eine Visitenkarte hervor. „Hier, unter dieser Nummer können Sie mich jederzeit erreichen, Tag und Nacht – Contessa de Monteleone.“

Sie fuhr wie vom Blitz getroffen zurück.

„Woher wissen Sie das? Niemand weiß davon! Meine Mitarbeiter nicht, nicht einmal meine engsten Freunde! Ich habe das vor vielen Jahren schon aus meiner Personalakte löschen lassen!“

„Sagen wir mal, ich bin ein verdammt guter Ermittler. Und ich weiß sehr gerne, mit wem ich es zu tun habe. Bis ins letzte Detail. Antrainierte Übervorsicht, und ein gerüttelt Maß an Misstrauen, und sehr viel schlechte Erfahrungen.“

Der Blick seiner klaren, grauen Augen wurde weich, als ihm gewahr wurde, dass Tiziana zutiefst erschüttert war.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich verspreche Ihnen, dass Ihr Geheimnis bei mir sehr gut aufgehoben sein wird.“

Sie gab einen keuchenden Laut von sich.

„Bitte! Entschuldigung – es tut mir so leid. Sie haben von mir nichts zu befürchten, Tenente Bardani. Ehrlich! Soll ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“

Stumm schüttelte sie den Kopf.

„Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr Familiengeheimnis Sie so sehr mitnimmt, hätte ich es nie und nimmer angesprochen. – Ich hoffe, Sie tragen es mir nicht nach. – Auf Wiedersehen!“

Tiziana hatte sich grade eben wieder gefasst, als Sottotenente Rambolate eintrat.

„Ich habe den Commissario zu seinem Wagen begleitet. Schickes Cabrio. Ein Dienstfahrzeug ist das ganz sicher nicht. – Man munkelt übrigens in gewissen Kreisen unter vorgehaltener Hand, dass die Ehefrau des Commissario vor einigen Jahren auf die dunkle Seite der Macht geraten sein soll.“

„Danke, Padawan. Du bist auch ein verdammt guter Ermittler.“

„Sehr gütig, meine Jedi-Meisterin. Um Euch zu dienen, habe ich stets meine Augen und Ohren überall. – Übrigens, Signore Fabioso wartet draußen. Und er besteht darauf, mit dir persönlich zu sprechen, und nur mit dir.“

„Ich mach’ uns drei Caffé. Und dann schick ihn bitte zu mir ins Büro.“

Nach der Begegnung mit dem Commissario würde das Gespräch mit dem liebenswerten alten Kaufmann die reinste Erholung sein.

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Familiengeheimnisse (Teil 6)…

Im Flur umfing sie eine merkwürdige Stille. Seltsam. Sie schälte sich aus ihrer Uniformjacke und betrat die Küche. Der große, runde Holztisch war blank poliert und für drei Personen gedeckt, es roch höchst verführerisch! Zizzy spähte in den Backofen und entdeckte eine vor sich hinschmurgelnde Lasagne. Was für ein delikates Friedensangebot – aber es würde den Zwillingen nichts nutzen.

Sie klopfte zuerst an die Tür von Linus’ Zimmer, bevor sie eintrat. Keiner da. Gegenüber stand die Tür von Charlies’ Zimmer einen Spalt weit offen. Sie trat ein. Ihre Söhne saßen in trauter Zweisamkeit am Schreibtisch und starrten sie an, als wären sie arme, unschuldige Kaninchen und ihre Mutter eine böse, giftige Schlange. Tiziana winkte befehlend mit der Linken.

„Eure Handys. Eure Laptops. Her damit. Sofort!“

„Mummi! Bitte, nicht…!“

„… Die Laptops brauchen wir für die Schule. Dringend!…“

„Nun, gut. – Aber ab acht Uhr abends schalte ich den Router aus.“

„Nein!“

„Doch! – Und das werde ich zwei Wochen lang durchziehen. Ganz knallhart. Damit ihr vielleicht endlich einmal lernt, euch zu benehmen, und meine Anweisungen zu befolgen.“

„Wir sind doch keine von deinen Carabinieri.“, maulte Linus, der wortgewandtere und frechere der Beiden.

Sie ignorierte mit undurchdringlicher Miene den Protest, nahm die Smartphones, die ihr unter viel Schmollen und Jammern ausgehändigt wurden, und deponierte sie in dem kleinen Tresor im Schlafzimmer, in welchem sie ihre Schusswaffe aufbewahrte. Anschließend griff sie sich zwei große Plastiktüten und machte sich rasch und konzentriert daran, Raouls’ Habseligkeiten einzusammeln, die überall in der Wohnung verstreut lagen.

Die Zwillinge sahen ihr von der Küche aus dabei zu.

„Ist wieder mal Schluss mit Raoul?“, fragte Linus vorsichtig.

„Yepp. Diesmal aber endgültig!“

„Mummi, das sagst du jedesmal…“

„… Und dann fällst du doch immer wieder aufs Neue auf diesen Typen herein…“

„… Der ist zwar an sich okay, kann gut Geschichten erzählen und so…“

„… Aber für dich ist er nicht der Richtige…“

„… Du brauchst dringend einen neuen Lover…“

„… Genau! So einen wie Don!…“

Tiziana hatte Mühe, sich das Lachen zu verbeißen. Das musste sie ihrem Stellvertreter unbedingt erzählen! Sie warf die Plastiktüten in den Vorgarten, sie würde sich morgen darum kümmern. Bis dahin war es ihr egal, was damit geschehen mochte.

Die Lasagne war fertig, und die Drei setzten sich zu Tisch, zu einer recht schweigsamen Mahlzeit. Lammfromm und überaus artig wuschen ihre Söhne danach das Geschirr, räumten auf, und fragten sogar, ob sie Fernsehen dürften. ‚Wenn das länger anhält, dann könnte mir das unheimlich werden.‘, dachte Zizzy.

Sie nahm ihren Schlüsselbund und ein Glas, klemmte sich eine Flasche Rotwein unter den Arm, verließ die Wohnung und lief die kurze Stiege hinab in den Keller. Hinter einer Metalltür befand sich ihr Refugium, ihr kleines, verborgenes Reich, in dem sie sich entspannen und regenerieren konnte: eine liebevoll, detailgetreu und phantasievoll gestaltete Modelleisenbahn, die den Großteil des ungefähr zwanzig Quadratmeter messenden Raumes einnahm. Es gab eine hoch aufragende, mit Schnee bestäubte Gebirgskette, Almwiesen, auf denen gescheckte Kühe weideten, einen türkis glänzenden See, und an dessen Ufer ein kleines Bauerndorf, einen Bach, an dem Angler hockten, einen Bahnhof mit einem Dutzend Geleise, einen tiefdunklen Wald, und ein halbfertiges Sonnenblumenfeld. Mit einem wohligen Seufzen nahm Tiziana in einem alten Polstersessel Platz und goss das Glas, das sie auf einem kleinen Beistelltischchen deponiert hatte, voll mit Wein. Nach einem kräftigen Schluck fuhr sie den Laptop hoch, der neben ihr auf der Armlehne balancierte. Zuerst wollte sie ihren Neuerwerb, den futuristisch gestalteten Hochgeschwindigkeitszug Frecciarosso, Spurbreite H0, ein Weilchen fahren lassen. Und sich dann um das weitere „Bepflanzen“ des Sonnenblumenfeld kümmern, eine arge Pfriemelei, bei der viel Geduld und Fingerspitzengefühl vonnöten waren.

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Familiengeheimnisse (Teil 5)…

Als sie die kleine Piazza Vittorio Emanuele II.passiert hatte, schmeichelten sich die klaren Töne von Raouls Harfe in ihre Ohren. Es war seine Variation von „Jessie“, einem keltischen Liebeslied. Zizzy beschleunigte ihre Schritte. Kurz bevor sie den Palazzo de Capitani erreicht hatte, verstummten die silberhellen Klänge.

Sie ließ leichtfüßig die hohe Schwelle des Eingangs zum großen Saal hinter sich – und hielt abrupt inne.

Vor Raoul, der auf seinem Schemel saß, und soeben die Harfe beiseite geschoben hatte, kniete ein blutjunges Mädchen mit langen, offenen, blonden Haaren und himmelte ihn hingerissen an. Der Musiker beugte sich zu seiner Verehrerin hinab, nahm ihr Gesicht zärtlich in beide Hände und dann küssten sich beide. Inniglich. Lang. Sehr, sehr lang.

Zizzy flog förmlich die steinerne Treppe hinab. Am liebsten hätte sie ihren Zorn, ihre maßlose Enttäuschung, ihre Entrüstung laut hinaus geschrien, doch es befanden sich etliche Besucher im Saal, und sie wollte möglichst kein Aufsehen erregen. Sie wusste, dass sie spätestens am nächsten Tag Mittelpunkt des Stadtgesprächs sein würde, wenn sie sich nun gehen ließ. So durchmaß sie mit raschen Schritten den großen Raum, das Klacken ihrer Absätze auf dem glänzenden, rötlichen Steinboden dröhnte in ihren Ohren.

Raoul hatte inzwischen das Mädchen nicht grade sanft von sich gestoßen und starrte sie entgeistert an. Zizzy ignorierte ihn vorerst, und wandte sich der jungen Frau zu. Ihre Stimme war sehr leise, aber von eisiger Kälte.

„Tenente Bardani, Leiterin der Carabinieri Comando Stazione Malcesine. Darf ich Ihren Ausweis sehen, bitte? Oder Ihren Führerschein, Ihre State ID, wenn Sie aus den Vereinigten Staaten sind?“

Sichtlich geschockt kramte die Angesprochene mit zitternden Fingern in ihrer Umhängetasche, und reichte der Carabiniera das verlangte Dokument.

Zizzy warf einen prüfenden Blick darauf und sah Raoul dann in die Augen.

„Du hast Glück, dass die Lady schon über Achtzehn ist, du alter Drecksack. Sonst hätte ich dich jetzt auf der Stelle wegen Unzucht mit einer Minderjährigen festgenommen. – Dass du dich nicht schämst, das Mädel könnte locker deine Enkeltochter sein!“

Raoul sackte der Unterkiefer herab. „Aber meine Liebste, warum so böse, es ist ganz sicher nicht das, wonach es ausgesehen hat!“

Zizzy schnaubte verächtlich, und fuhr fort, immer noch so leise, dass keiner der Umstehenden verstehen konnte, was sie sagte: „Steck dir dein ‚Meine Liebste‘ dorthin, wo niemals ein Licht hinfällt. – Ich möchte, dass du aus meinem Leben verschwindest. Endgültig. Für immer. Wage es ja nicht, mich noch einmal anzusprechen. Scher dich zum Teufel, du Mistkerl.“

Sie wandte sich um und verließ steten Schrittes und in sehr aufrechter Haltung den Saal, obwohl sie am ganzen Leibe zitterte wie Espenlaub.

Zurück in der Stazione verkündete ihr Sottotenente Don Rambolate mit unüberhörbarem Stolz, dass man endlich den falschen Klempner festgenommen hatte, der monatelang von Navene etwas nördlich von Malcesine bis ins ungefähr zwanzig Kilometer weiter südlich liegende Torri del Benaco etliche alleinstehende alte Damen um ihre Ersparnisse gebracht hatte.

„Bravo! Gute Arbeit!“

Doch sie konnte sich über den Erfolg ihrer Carabinieri nicht so recht freuen. Vor ihrem inneren Auge stieg immer wieder die Szene im Saal des Palazzo de Capitani auf. In sich gekehrt zog sie sich in ihr kleines Büro zurück.

Automatisch öffnete sie die erstbeste Akte, die auf dem Schreibtisch lag. Die alljährliche Beurteilung ihrer Mitarbeiter – darauf hatte sie jetzt eigentlich so gar keine Lust, auch wenn der Abgabetermin bereits bedrohlich nahe gerückt war. Sie hatte den Hefter vor einer Weile absichtlich ganz tief unter dem Stapel Unterlagen vergraben, es musste wohl Don gewesen sein, der ihn wieder hervorgeholt hatte.

Sie griff nach dem detaillierten Bericht über eine Rauferei zweier Kite-Surfer, die vor einigen Tagen am Bau Beach nördlich der Stadt aneinander geraten waren. Angeblich hätte der eine dem anderen die Brieftasche gestohlen, die allerdings nach kurzem Suchen unangetastet am Strand gefunden worden war. Die zwei Kampfhähne hätten sich unter Tränen und tausend Umarmungen versöhnt, und natürlich auf eine Anzeige verzichtet. Gut so. Die Welt braucht eindeutig mehr Happy Endings. Ich bräuchte bitte ganz dringend auch eines…

Nur sehr unwillig vertiefte sie sich in weitere Berichte, die leider nicht alle mit einem glücklichen Ende schlossen. So verging die Zeit…

Don klopfte kurz an und trat dann in ihr Büro.

„Endlich Schichtende, Zizzy. Gehen wir noch auf einen Absacker in die Oasis Bar?“

„Heute leider nicht. Ich muss noch etwas erledigen. Und ein paar Takte mit meinen Jungs plaudern.“

„Haben die Zwei schon wieder was ausgefressen?“

Sie nickte, die Mundwinkel nach unten ziehend.

„Sie hätten ums Haar ihren Chemielehrer in die Luft gejagt.“

„Uh! Das ist heftig! – Ich wünsch dir trotzdem einen schönen Abend!“

„Danke! Dito!“

Mit schweren Schritten ging sie die abschüssige, schmale Via Scuisse hoch. Hier hatte sie unweit der Carabinieri Comando Statione im Erdgeschoss eines terrakottafarben gestrichenen Zweifamilienhauses gegenüber eines großen, hässlichen Parkdecks, das man mit viel Baulärm vor ein paar Jahren hingeklotzt und dafür einen Wohnblock mit Sozialwohnungen geopfert hatte, eine geräumige und komfortabel eingerichtete, große Wohnung. Genug Raum für sich und die Zwillinge – und bis heute Nachmittag für einen Liebhaber. Was der für ein Gesicht gemacht hatte, als sie plötzlich vor ihm gestanden war! Ein grimmiges Lachen stieg in ihr auf, als sie den Schlüsselbund zur Hand nahm und die Wohnungstür aufsperrte.

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Familiengeheimnisse (Teil 4)

Die schmiedeeisernen Katzen-Shilouetten waren atemberaubend teuer. Tiziana konnte sich nicht dazu durchringen, eines der Kunstwerke zu erstehen. Graziella lag ihr sehr am Herzen, war ihr so oft schon Seelentrösterin gewesen, hatte sie im Laufe der letzten Tage in dem kleinen Häuschen mit Garten nahe der Talstation der Seilbahn auf den Monte Baldo fürstlich bekocht, das sie mit ihrem gutmütigen Ehemann, Wachtmeister Patrione, bewohnte, war zu jeder Tag- und Nachtzeit für sie da. Aber die Preise, die der junge Kunstschmied verlangte, waren unverschämt hoch.

Seufzend betrachtete Zizzy lange Zeit die dunkle Shilouette einer grazilen Katze, die in weitem Sprung einer Maus nachsetzte.

„Ich habe leider zu wenig Geld dabei, und meine Kreditkarte zuhause liegen lassen. Ich komme am Samstag noch einmal vorbei.“

„Sicher.“, entgegnete der Künstler achselzuckend.

Was für ein arroganter Bursche, kommentierte sie im Stillen, als sie den Laden verließ, und war fest dazu entschlossen, sich anderweitig nach einem passenden Geschenk für Graziella umzusehen.

Der kürzeste Weg zurück zur Carabinieri Comando Stazione wäre hinunter zur Hauptstraße, der berühmt-berüchtigten Gardesana, und diese entlang bis zur Via Scuisse. Die Wolkenbänke hatten sich mittlerweile fast völlig verzogen, und die bereits tief stehende Herbstsonne tauchte die historische Altstadt Malcesines und die hoch über ihr aufragende wuchtige Scaliger-Burg in ein warmes, goldenes Licht, die vom Nieselregen noch feuchten Dächer glänzten, als wären sie mit geschmolzenem Metall überzogen. Die uralten Häuser und schmalen, verwinkelten Gassen wirkten, als wären sie einer anderen Welt, einer längst vergangenen Zeit entsprungen. Auch nach so langen Jahren war Tiziana immer noch von diesem Städtchen fasziniert. So schlenderte sie zurück Richtung Hafen.

Merkwürdig, dass sie Raoul noch nicht begegnet war. Nach zwei Jahren kannte sie seinen „Spielplan“ sehr gut. Normalerweise würde er seit den frühen Nachmittagsstunden im großen Saal des Palazzo de Capitani nahe des Hafens seine Künste zum Besten geben, und die Klänge seiner Harfe weithin hörbar sein. Aber als sie vorhin die Via Capitanato entlang geschritten war, und durch die offene Tür hinein gespäht hatte, war der Raum bis auf ein paar Besucher leer gewesen.

Als sie sich der kleinen Piazza Don Quirico Turazza näherte, wo Raoul ab den Vormittagsstunden vor den rund um einen kunstvoll gestalteten Wasserspender aufgestellten hölzernen Sitzbänken normalerweise sein erstes Konzert veranstaltete, entbrannte am alteingesessenen Souvenirladen Ernesto Fabiosos ein heftiger Streit. Ein hoch gewachsener, grauhaariger Herr, ohne Zweifel ein deutscher Tourist, fuchtelte mit einem sichtlich ramponierten Regenschirm wütend knapp vor der Nase des Ladenbesitzers herum.

„Sie haben mir heute früh diesen Schrott hier angedreht! Das Teil ist schon beim Aufspannen fast auseinander gefallen! Sie sind ein Betrüger!“

Fabioso, der mit seinem vorgestreckten Hals, dem schmalen, kahlen Kopf mit vorstehenden, blassen Augen und gekrümmtem Rücken Tiziana stets an eine Schildkröte erinnerte, machte eingeschüchtert flatternde, beschwichtigende Handbewegungen in Richtung des Mannes.

„Ich schwöre Ihnen, der Schirm war die ganze Zeit in der Plastikhülle, bis Sie ihn gekauft haben!“

„Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen! – Nehmen Sie gefälligst das Gelumpe wieder, und geben Sie mir mein Geld zurück!“

Tiziana fing einen hilfesuchenden Blick der Ehefrau des Touristen auf, und kam näher.

„Tun Sie das, Signore Fabioso.“

„Natürlich, Tenente Bardani.“

Die Carabiniera wandte sich an den immer noch zornigen Kunden. Wie die meisten Einheimischen sprach sie recht gut Deutsch: „Wir bitten Sie, diese Panne zu entschuldigen. Es kann nur ein unglücklicher Zufall sein, dass ausgerechnet Ihr nagelneuer Schirm defekt ist. Ich kenne Signore Fabioso seit langem, und er ist ganz sicher kein Betrüger.“

„Entschuldigung, Signora, Signore Fabioso. Mein Mann ist leider manchmal sehr leicht reizbar. – Wie wär’s, wenn wir statt dessen einen anderen Schirm nehmen, Günter? Wir sind noch eine Woche hier, und es heißt, dass das Wetter unbeständig mit Regenschauern bleiben soll.“

Der Angesprochene warf seiner Gattin einen tadelnden Blick zu, worauf diese eingeschüchtert in sich zusammensackte.

„Also gut. Geben Sie uns einen anderen Schirm.“

Beflissen eilte Signor Fabioso in den mit buntem Krimskrams aller Art vollgepropften Laden und kehrte bald darauf mit einem nagelneuen Regenschutz gleichen Modells zurück, der von einer anscheinend völlig unversehrten Plastikhülle umgeben war. Der Tourist entfernte diese und betätigte den Spanner – mit einem leisen metallischen Knacken brachen fast alle Streben, und der bunte Schirm sackte in sich zusammen. Fabioso klappte entsetzt den schmallippigen Mund auf und zu. Günter wurde hochrot im Gesicht, sein spärlicher, silberner Haarkranz sträubte sich vor Wut, er schleuderte dem Ladenbesitzer das defekte Teil vor die Füße und hob drohend die zur Faust geballte Rechte.

„Lügner! Betrüger! Ihr Kanakengesindel seid doch überall gleich, immer nur darauf aus, anständige Leute abzuzocken und übers Ohr zu hauen!“

Tiziana hob warnend die Hand.

„Vorsicht, Signore. Lassen Sie gefälligst die Beleidigungen! – Signore Fabioso, geben Sie dem Mann sein Geld zurück, bitte. – Signore, ich empfehle Ihnen, sich zu beruhigen und zu gehen. Sonst könnte das für Sie mit einer Anzeige enden.“

Immer noch höchst aufgebracht maß der Tourist Zizzy mit einem lodernden Blick, warf den Kopf in den Nacken und stelzte davon, seine Gattin im Schlepptau, die nun zur Zielscheibe seiner Empörung wurde: „Was für eine dämliche Idee von dir, zu unserer Silberhochzeit ausgerechnet nach Italien zu fahren! Wir hätten wie immer unseren Urlaub im Bayerischen Wald verbringen sollen, bei den Hochstettners auf dem Bauernhof! Da sind wir in all den Jahren noch nie verarscht und betrogen worden!“

Fabioso zitterte wie Espenlaub.

„Tenente Bardani, ich kann mir das nicht erklären! Zwei kaputte, nagelneue Schirme! Das ist mir noch nie passiert! Ich habe sie heute früh erst aus einem verschlossenen Karton hinten im Lager geholt! – Ich bin ein ehrlicher und gewissenhafter Mensch, und habe mir noch nie etwas zu Schulden kommen lassen! Noch nie! Niemals würde ich einen Kunden betrügen und belügen! Mein Vater, von dem ich vor über dreißig Jahren das Geschäft hier geerbt habe, würde sich im Grab umdrehen, wenn ich so etwas tun würde!“ Er begann, nach Luft zu ringen, und sein lang gezogenes Gesicht wurde aschfahl. Zizzy führte ihn zu einer der hölzernen Sitzbänke, erbat sich von der Pizzeria nebenan einen Pappbecher, den sie mit Wasser aus dem Trinkbrunnen füllte, und dem Kaufmann in die zitternde Hand drückte.

„Ich weiß, Signore Fabioso, ich weiß. – Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen. Viele Menschen verlieren nach dieser langen Pandemie mit all den Ängsten und Schrecken und auch den Einschränkungen leider allzu leicht die Nerven.“

Der arme Mann trank in großen Schlucken das kühle Wasser. Dann stand er schwerfällig auf und nickte ihr zu.

„Danke, Tenente Bardani. Sie sind ein feiner Mensch. – Ich werde für heute den Laden schließen und mich ausruhen.“

„Tun Sie das. Sagen Sie Ihrer Frau bitte liebe Grüße von mir. Sie soll gut auf Sie achtgeben.“

Die Polizistin half dem Kaufmann noch dabei, die Ständer mit den Ansichtskarten, billigen Strohtaschen und Sonnenhüten, aus China stammenden „venezianischen“ Masken und den grellbunten Kühlschrank-Magneten in den Laden zu räumen, und machte sich dann wieder auf den Weg.

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Familiengeheimnisse (Teil 3)…

An sich hatte sie vorgehabt, zurück zur Carabinieri Comando Statione zu kehren. Doch dann fiel ihr ein, dass ihre Freundin Gabriella in wenigen Tagen einen runden Geburtstag feierte, und sie immer noch kein passendes Geschenk hatte. So gab sie kurz per Handy Sottotenente Rambolate bescheid.

„Okay, Zizzy. – Ein Commissario Rosso aus der Questura in Verona hat angerufen, um dich zu sprechen. Er will sich morgen wieder melden.“

„Rosso? Noch nie gehört. Muss ein Neuer sein. – Danke, Don. Ciao!“

Sie wandte sich der historischen Altstadt zu. Ganz oben, in der Via Posterna, direkt unter den kühn und wuchtig aufragenden Mauern der alten Scaliger-Festung gab es das Atelier eines jungen Kunstschmieds, dessen handgearbeitete Katzenshilouetten aus Metall ihr schon des Öfteren aufgefallen waren. Genau das Richtige für Gabriella, die passionierte Katzenliebhaberin.

Es hatte aufgehört zu nieseln, ein leichter, aber stetiger, kühler Wind wehte von Norden her, die tief hängende Wolkendecke hob sich, vereinzelt wurden kleine Lücken tiefblauen Himmels sichtbar.

Ein feiner Strahl Sonnenlichts fiel auf Nico, den Miniaturenmaler, der vor seiner Staffelei nahe des kleinen Hafens unter einem großen Schirm saß, und geschickt mit haarfeinen Pinseln eine winzig kleine Leinwand bearbeitete. Hinter ihm verharrte wie immer eine stattliche Schar bewundernder Zuschauer.

Nico der Bayer, der vor langer Zeit nur einen kurzen Urlaub am Gardasee verbringen wollte, und in Malcesine hängen geblieben war, lächelte strahlend und winkte ihr mit einem mit ungezählten bunten Farbkleksen übersäten Tuch zu.

„Ciao, Contessa! Ich wünsche Ihnen einen ganz wundervollen Tag!“

„Danke, mein Bester. Dito!“

Für einen ganz kurzen Augenblick glitt der dunkle Schatten der Erinnerung über ihren Geist. Sie war in der Tat eine Contessa, eine Gräfin. Doch niemand hier in Malcesine wusste davon, nicht einmal ihre engsten Freunde, nicht einmal Don Rambolate, der wie ein jüngerer Bruder für sie war. Seit langem schon hielt sie diesen Teil ihrer Biographie eisern unter Verschluss.

Sie beschleunigte ihren Schritt, um dann jedoch abrupt inne zu halten. Aus den Augenwinkeln hatte sie wahrgenommen, dass an Bord der stattlichen, frisch renovierten Zweimastbark Siora Veronica, einem fast hundert Jahre alten ehemaligen Lastenschiff, das am südlichen Ende des Hafens vertäut lag, zwei dunkle Lockenköpfe verzweifelt versuchten, in die unter Deck liegende elegante Dinette abzutauchen.

Mit wenigen Sprüngen war sie am Bootssteg.

„Linus! Charlie!“

Zögerlich schoben sich die entgeisterten Gesichter ihrer sechzehnjährigen Zwillinge, die eigentlich auf die Namen Ludovico und Carlo getauft worden waren, über den Rand der Luke.

„Was zum Henker habt ihr an der Anordnung ‚Hausarrest‘ heute vormittag nicht verstanden?“

„Franco hat uns um Hilfe gebeten, Mummy…“

„… Für die letzte Rundfahrt heute nachmittag haben ihm beide Gehilfen abgesagt…“

„… und der Franco ist einer unserer besten Freunde…“

„… und gute Freunde soll man nie im Stich lassen, sagst du doch immer, weil sie so selten sind,…“

„… und noch viel wertvoller als Gold.“

Die Eigenart ihrer Söhne, dass Linus einen Satz begann, und Charlie ihn dann fortführte, ging Zizzy zunehmend auf die Nerven. Wahrscheinlich wussten die Zwillinge das, und pflegten diese Art der Konversation mit Absicht, um sie in den Wahnsinn zu treiben, konstatierte sie.

Hinter dem großen Ruder erhob sich Franco aus seiner hockenden Haltung, ein junger Kapitän, der als Stellvertreter Robert Benamatis, Besitzer der Siora Veronica und Italiens Segelchampion, fungierte und vor einigen Jahren den beiden Jungen das Segeln beigebracht hatte. Er schüttelte seinen mit unzähligen dunkelblonden Rasta-Zöpfchen umwunden Kopf.

„Tut mir so leid, Tenente Bardani. Haben die Jungs mal wieder was ausgefressen?“

„Sie können nichts dafür, Franco. – Yepp. Die Kerle haben mit einem schlimmen Dummejungenstreich ihren Chemielehrer zu Tode erschreckt, sie hätten ums Haar einen Verweis einkassiert.“

Tiziana nickte Linus und Charlie zu.

„Schon gut, ihr dürft Franco helfen. – Franco, wenn Sie auf der Fahrt eine einsame Insel weitab vom Ufer entdecken, dann dürfen Sie die Plagen gerne dort aussetzen. – Aber heute Abend werde ich eure Handys und Laptops einkassieren, meine Lieben. Für zwei Wochen. Und der Hausarrest wird um eine Woche auf drei verlängert. Vielleicht bringt euch das endlich einmal zu Vernunft und Einsicht und etwas mehr Verantwortungsbewusstsein. Basta!“

Sie machte auf den Absätzen kehrt und marschierte im Stechschritt davon. Sie konnte fühlen, wie sich die Blicke ihrer vor Schrecken förmlich versteinerten Söhne in ihren Rücken bohrten, und das bereitete ihr eine gewisse Genugtuung.

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Familiengeheimnisse (Teil 2)…

Zizzy verließ das schlicht ockergelb gestrichene, zweistöckige Gebäude der Carabinieri Comando Stazione in der Via Scuisse, überquerte die Hauptstraße und durchmaß mit schnellen Schritten den kleinen Park Richtung Hafen. Seit den frühen Morgenstunden hingen die Wolken tief über dem Gardasee, es hatte unangenehm zu nieseln begonnen. Sie überlegte, ob sie noch einmal umkehren und einen Schirm mitnehmen sollte, entschied sich aber dagegen. Das bisschen Regen – sie war schließlich nicht aus Zucker.

Warum sie sich auf eine Beziehung mit Raoul, dem Unsteten, Undurchschaubaren eingelassen hatte? Wahrscheinlich, weil viele Frauen immer wieder unbewusst auf den gleichen Männertyp hereinfallen, konstatierte sie trocken. Nach einer kurzen und turbulenten Ehe, während der sie von ihrem Gatten öfter betrogen worden war, als sie zählen konnte, hatte sie, von gelegentlichen kurzen Affären einmal abgesehen, lange Jahre allein gelebt und sich völlig auf die Erziehung ihrer beiden Söhne und den Beruf konzentriert. Und dann ließ sich eines Tages dieser bieder wirkende Harfenspieler gesetzten Alters im Ort nieder, hatte sie, Einwohner und Touristen binnen kurzem mit seiner Musik verzaubert, und sie, Tenente Tiziana Bardani, die doch eigentlich aufgrund ihrer Erfahrungen über ein ganz besonderes Gespür für ihre Mitmenschen verfügen sollte, mit seinem magischen Charme um den kleinen Finger gewickelt. Sie wähnte sich im Paradies – ein guter Liebhaber und dazu noch ein väterlicher, zärtlicher Freund – genau das, was sie sich seit langem schon ersehnt hatte.

Es dauerte geraume Weile, bis sie aus ihrem romantischen Tagtraum erwacht war. Raoul konnte, was Untreue anbelangte, ihrem Ex-Gemahl leider durchaus das Wasser reichen. Er stellte bevorzugt alleinstehenden jungen Touristinnen nach. Die Klänge der Harfe, sein schmelzender Blick, die sanfte Stimme, eine starke erotische Ausstrahlung, die er je nach Bedarf ein- und ausschalten konnte wie eine Lampe – und schon war die Beute wehrlos umgarnt.

Und Zizzy verging jedes Mal, wenn sie davon Wind bekam – und das war oft der Fall, denn wie in allen anderen Kleinstädten gediehen auch in Malcesine Klatsch und Tratsch – vor ohnmächtiger Wut, Gram und Frust, denn sie war besitzergreifend und zur Eifersucht neigend. Dann packte sie all seine Habseligkeiten, die er großzügig in ihrer Vierzimmerwohnung deponiert hatte, denn obwohl er in der Via Grosso in der historischen Altstadt ein Appartement gemietet hatte, hatte er sich schon nach kurzem bei ihr eingenistet, in diverse alte Einkaufstüten und warf sie ihm vor die Tür. Und schwor sich, diesmal hart zu bleiben, und nicht mehr nachzugeben, wenn er nach mehr oder weniger langer Funkstille mit einer Flasche Wein und einem wagenradgroßen Blumenstrauß stundenlang ihre Wohnung belagerte, um Gnade und Verzeihung bettelte, und ihr wieder einmal mit tränenumflorter Stimme ewige Liebe und Treue schwor…

Tja…

In der gemütlich eingerichteten Lobby des Hotels Malcesine nahe des kleinen Hafens setzte sie ihre Mund-Nasen-Maske auf und benutzte den Desinfektionsmittel-Spender. Nur Augenblicke später kam ihr der distinguiert wirkende Manager entgegen und machte große Augen.

„Na, das ging aber fix! Keine fünf Minuten nach meinem Anruf ist die Polizei schon hier! Und noch dazu Signora Tenente Bardani persönlich! Ich hätte nie gedacht, dass Sie sich selbst um meine Anzeige kümmern würden.“

„Ich wollte eigentlich nur die Beschwerde gegen Signore Raoul Castron aus der Welt schaffen, und deshalb gerne mit dem jungen Pärchen sprechen, das sich heute Vormittag so über seine Harfenmusik aufgeregt hat.“

„Und eben um diese Leute geht es bei meiner Anzeige. Signora Talbot und Signore Singer haben unser gastliches Haus verlassen, ohne die Rechnung für ihren zehntägigen Aufenthalt zu bezahlen.“

Tiziana wollte die Befragung des Managers beginnen, als die Eingangstür aufschwang und zwei ihrer Wachtmeister eintraten. Sie nickte dem vornehmen Hotelier zu.

„Da sich der Grund für meinen Besuch erledigt hat, überlasse ich Sie nun meinen Kollegen. Sie werden Ihre Anzeige aufnehmen, und eine Fahndung in die Wege leiten. Meine Carabinieri sind tüchtig, es dürfte es kein Problem sein, die Zechpreller dingfest zu machen.“

„Fällt es unter Beamtenbestechung, wenn ich Sie auf unsere schöne Terrasse zu einem Caffé und einem frisch gebackenen Cornetto einlade?“

Zizzy grinste breit und zwinkerte verschmitzt.

„Ich fühle mich recht schwach, das liegt bestimmt an einer Unterzuckerung. Da würden Sie mit Ihrer Einladung viel Gutes für meine Gesundheit tun.“

Als sie unter einem weit ausladenden Sonnenschirm an einem der kleinen Tischchen nahe des Seeufers saß, und ihr der Duft des Backwerks in die Nase stieg, wurde ihr bewusst, dass sie seit dem Frühstück vor gut sieben Stunden nichts mehr zu sich genommen hatte. Sie verschlang in wenigen großen Bissen das knusprige Hörnchen. Dies und der heiße, starke Kaffee stärkten ihre Lebensgeister, sie legte ein Trinkgeld für den Kellner auf den Tisch, und wandte sich zum Gehen.

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