Damensauna…

… „Oh, oh! Lass‘ uns bitte wieder umdrehen und ins Nordbad fahren.“, murmelte das Wilde Weib (eines meiner schier ungezählten inneren Stimmchen), als es des Schildes „Heute Damensauna“ am Eingang meines Lieblings-Badetempels gewahr wurde. „Ach, nein – den ganzen weiten Weg wieder zurück – mach‘ bloß keinen Stress!“, zeterte Frau Nörgel-Zick (ein weiteres meiner schier ungezählten inneren Stimmchen). „Wir hassen Damensauna.“, antwortete das Wilde Weib. „Hassen ist stark übertrieben, aber ich finde schon, dass die Stimmung in einer gemischten Sauna viel lockerer und entspannter ist.“, warf ich ein, und fuhr fort: „Aber jetzt sind wir nun mal hier, und ich habe ehrlich gesagt auch keinen Bock drauf, noch einmal durch die ganze Innenstadt zu fahren. – Mädels, reisst euch am Riemen, wird schon nicht so schlimm werden.“…

… Nach einer halben Stunde Wassergymnastik und freudvollen Schwimmens entledigte ich mich meines Badeanzugs, nahm mein großes Badetuch aus der Tasche und begab mich Richtung Heissräume. Nach einigen Minuten im 45°-Raum ging die schwere, eiserne Schwingtür auf und zwei Damen mittleren Alters traten ein. Die eine hatte eine nachtdunkle Prinz-Eisenherz-Frisur, der ziemlich breite Mund war grell kirschrot geschminkt, die Augen dick mit schwarzem Kajal umrandet. Die Haarpracht der zweiten war höchst kunstvoll aufgetürmt, und machte auf mich den Eindruck, als wäre sie mit mindestens einer Dose Spray oder Lack förmlich aufs Haupt zementiert worden. „Fängt man mit Ganz-Heiss an, oder macht man das umgekehrt?“, fragte die Turmfrisur in die Runde. Von den drei Frauen, die sich in meiner Gesellschaft befunden hatten, antwortete niemand, so lächelte ich freundlich und gab Auskunft: „Man fängt hier an, und arbeitet sich dann temperaturmäßig langsam nach oben.“…

… Ich begab mich Richtung 60°-Raum. Der ist an sich so geräumig, dass eine halbe Kompanie darin Platz finden könnte, doch vier „Grazien“ hatten sich dermaßen raffiniert und lässig auf den hölzernen Bänken lang hingestreckt, dass nicht einmal mehr ein Hungerhaken zwischen ihnen hätte kauern können. Ich nickte kühl einer der „Damen“ zu: „Sie gestatten.“, worauf diese mit einem genervt klingenden Seufzer ihre Beine ein wenig anzog – aber nur ein ganz klein wenig. Zum Glück bin ich ja mittlerweile wieder ziemlich schmal gebaut, so dass ich in der engen Lücke wider Erwarten gut sitzen konnte. Beim Blick in die Runde – um mich abzuregen, denn mein manchmal recht explosives Temperament begann unheilvoll zu brodeln – fiel mir auf, dass meine Nachbarin ursprünglich ziemlich großzügig himmelblauen Lidschatten auf ihren Augendeckeln verteilt hatte. Die Tünche hatte sich allerdings nun mit munter perlendem Schweiß vermengt und in unübersehbaren Spuren den Weg Richtung Wangenknochen angetreten. Das heiterte mich insgeheim sehr auf…

… Der 85°-Raum war zunächst menschenleer. Nach einem kleinen Weilchen stießen Kirschmund und Turmfrisur zu mir. Fasziniert beobachtete ich, wie die hochdrapierte Haarpracht allmählich in sich zusammen sank und Kirschmunds pechschwarzer Kajal in den feinen Kanälen ziemlich vieler Falten zu mäandern begann. „Sieht gruselig aus, gell. Das müssen wir uns unbedingt merken, falls wir in unserem nächsten Leben Maskenbildnerin werden sollten.“, stichelte das Wilde Weib. Ich beschloß, mich abzukühlen…

… Nach einem erfrischenden Bad bis zur Oberkante Unterkiefer im eisigkalten Tauchbecken steuerte ich die kleine Sauna an, denn es war an der Zeit für den stündlichen Aufguß. Als der Bademeister mit Handtuch über der Schulter und dem Holzkübel mit dem aromatisierten Wasser in der Rechten eintrat, blaffte das weibliche Wesen zu meiner Rechten, wobei es streng auf die Uhr sah: „Sie sind zweieinhalb Minuten zu spät!“ Der Bademeister zuckte gelassen mit den Schultern, und erklärte freundlich: „Meine Damen, ich werde Ihnen jetzt einen Bergkräuter-Limetten-Aufguß zubereiten.“ – „Sind die Öle, die Sie verwenden, von Bayer?“, keifte es über meine linke Schulter hinweg. „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.“ – „Wenn Sie sich noch nie die Mühe gemacht haben, sich nach der Herkunft Ihrer Öle zu erkundigen, dann bleibe ich keine Sekunde länger!“ – „Ich arbeite seit sieben Jahren hier, habe inzwischen bestimmt zigtausende Aufgüße gemacht, und lebe immer noch, und das bei blendender Gesundheit.“, konterte der Bademeister unerschütterlich gut gelaunt. Die Keiferin rauschte indigniert von dannen…

… Die restliche Zeit meines Besuchs im Badetempel verlief ohne weitere, hervorzuhebende Vorkommnisse – nur eines sei noch erwähnt: Gegen Ende meines zweiten Schwitzbad-Durchgangs liefen mir Kirschmund und Turmfrisur noch einmal über den Weg, mittlerweile völlig ungeschminkt und untoupiert – und da bin ich schon ein wenig erschrocken. – Als ich wohlig entspannt und duftend in der Trambahn saß, murmelte das Wilde Weib: „Wir sollten uns das ganz groß irgendwo notieren, damit wir es ja nicht mehr vergessen: ‚ACHTUNG! DIENSTAG IST DAMENSAUNA!’“…

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Benny und Der Brumm…

… In jenem großen Haus, dort, wo er nie enden wollende und qualvolle Wochen verbringen musste, hatte der kleine Benny herausgefunden, daß sein hellbrauner, flauschig weicher, großer Teddy mit den honigfarbenen Kulleraugen, Der Brumm genannt, sprechen konnte. Allerdings schien der zehnjährige Knabe der einzige Mensch zu sein, der diese außerordentlichen Gabe des Plüschtiers wahrnehmen konnte…

… Nun war er wieder zuhause angelangt, in seinem kleinen, hellen, freundlichen Zimmer mit der großen gläsernen Tür hinaus auf die Terrasse. Jenseits der niederen Umfriedung und der ebenmäßigen Fläche des Rasens lockten die winterkahlen, scheinbar kompliziert ineinander verschlungenen Äste und Zweige eines Waldstücks mit leise gewisperten Versprechungen des nahenden Frühjahrs…

… An der frisch geweißelten Decke hingen an beinahe unsichtbaren Fäden die sorgsam abgestaubten Modelle vom Raumschiff Enterprise, des kantigen Ungetüms eines Sternenkreuzers aus „Star Wars“, eines Space-Shuttles und einer Saturn-V-Rakete, denn Benny war seit seinen frühesten Kindertagen dem Weltall und der Raumfahrt verfallen. Auf dem aus einer schlichten, aufgebockten Holzplatte bestehenden Schreibtisch gegenüber des Betts hockte einem Untier aus einer anderen Welt gleich ein nagelneues Spiegelteleskop. Der Vater hatte es mit einem Kopfkissenbezug verhüllt gehabt, den er mit einem schwungvollen Ruck lüftete, als sein kleiner Sohn sichtlich erschöpft von der ungewohnten Anstrengung und der langen Fahrt Platz genommen hatte, und strahlend lächelnd gemeint: „Damit können wir die Milchstraße beobachten, Benny, wenn’s abends wieder wärmer ist, und all die fernen Sterne und Planeten.“ Der Junge stieß ein freudig überraschtes Keuchen aus und Der Brumm meinte mit glühenden Augen gutmütig polternd: „Jau, feine Sache das! – Du nimmst mich dann aber mit, gell!“ Benny drückte den großen Teddy sanft und legte sein mageres Kinn auf den wohlig warmen, ebenmäßig gerundeten Scheitel…

… Das erste Mal sahen sie dieses seltsame Wesen, als sie aneinander gekuschelt unter der warmen Daunendecke lagen, und beobachteten, wie sich sanft die Dämmerung herab senkte und in der Nachbarschaft die Lichter angingen. Es hatte einen faßförmigen Körper, spindeldürre, lange Arme und Beine, und einen übergroßen kahlen Kopf mit riesigen, tiefschwarzen Augen, und so was wie ein Insektengesicht. Und es war durchscheinend. Es schwebte zwischen der Fensterfront und dem Fußende des Bettes. Benny machte sich ganz klein, kuschelte sich an Der Brumm und flüsterte mit versagender Stimme: „Ein Alien, ein Außerirdischer – ich fürcht‘ mich so!“ – „Ich glaube nicht, daß du Angst haben musst.“, grummelte es beruhigend aus der keilförmigen Teddyschnauze. Das seltsame Wesen schien mit einer hohen Falsettstimme zu summen, eine eigenartige und doch so schöne Weise, der Knabe vergrub sein Gesicht ins Kissen und schlief ein…

… Benny verbrachte viel Zeit im Bett, dösend, tagträumend, lesend. Mit der Zeit gewöhnte er sich daran, daß die blasse, schimmernde Gestalt beinahe ständig in seinem Zimmer war. Sie wusste nicht nur herrliche Schlaflieder, sondern brachte ihn auch zum Lachen, ließ sich mancherlei Schabernack einfallen, um ihn abzulenken und aufzuheitern. Eines Mittags grinste sie ihn aus dem Gemüseteller an, den seine Mutter liebevoll zubereitet hatte, und der Bub ließ vor Lachen das Besteck auf den Fliesenboden der Küche poltern. Die Eltern machten sich große Sorgen, als Benny nach Atem rang, maßen seine Temperatur, packten ihn wieder auf seine Liegestatt, schickten nach dem Arzt. Doch ihr Sprößling winkte unwirsch ab. „Es geht mir gut, ehrlich, ich musste beim Essen nur an etwas Komisches denken.“…

… Die Tage wurden länger, der Lauf der Sonne änderte sich, nun ging sie jeden Morgen hinter der nahen, wilden Silhouette des Waldstücks auf, manchmal in einem Meer aus Rot und Gold und Violett badend, bevor sie sich in den eisig blauen Himmel schwang. In einer dieser herrlichen frühen Stunden kam das seltsame Wesen an Benny’s Bett. Mit seinen überlangen Spinnenfingern griff es nach des Knaben kalte, kleine Hände und wisperte: „Es ist Zeit, daß du mich an Bord unseres Raumschiffs begleitest.“ – „Wo gehen wir hin?“, fragte das Kind, und mit einem Male war ihm ganz bange zumute. Der Brumm lächelte und nickte ihm zu: „Du wirst eine Reise machen, Benny, eine weite Reise, hinaus ins Universum. Du wirst Sterne voller Glanz und Herrlichkeit sehen, und sprühende Sonnen, und tanzende Kometen, und kreisende, wirbelnde Galaxien.“ Benny’s Angst schwand. „Dann nimm mich mit.“…

… Die Eltern knieten an seiner Seite und hielten ihn, bis der letzte Lebenshauch von ihm gewichen war. Ganz, ganz zart streichelten sie seine mageren, noch warmen Wangen, und den kahlen, knochigen Schädel – während der letzten Chemotherapie waren ihm alle Haare ausgefallen. „Grüß‘ mir die Sterne, mein lieber, lieber Sohn.“, murmelte der Vater, und die heissen Tränen der Mutter tropften auf Der Brumm’s linkes, flauschiges Ohr…

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„Zerstörte Liebe“…

… Diese Kurzgeschichte ist während meiner Zeit als Museumsaufsicht in der Pinakothek der Moderne entstanden. Bei so manchem Ausstellungsstück, das ich mir während der Acht-Stunden-Schichten in den verschiedenen Abschnitten angesehen hatte, kamen mir bisweilen die krausesten Theorien über dessen Entstehung in den Sinn. Dies ist eine davon:…

Zerstörte Liebe

… Bereits während Erich Breitsam die Wohnungstür aufschloß, fühlte er, daß eine unheilvolle Überraschung seiner harrte. Er irrte sich nicht, an den übermannshohen Garderobenspiegel war ein mit tiefschwarzem Edding-Stift beschriebenes DIN-A-4-Blatt geheftet: „Ich habe die Eintönigkeit mit Dir endgültig satt! Ich werde mit Timo einen Neuanfang starten! Leb wohl!!!“…

… Es dauerte lange, bis der mittelgroße, schlanke Dreiundvierzigjährige die Tatsache endgültig realisiert hatte, daß Emma, seit fast zwanzig Jahren seine Angetraute, ihn verlassen hatte. Er fuhr sich durch das graumelierte, dichte, leicht gewellte Haar und setzte sich wie betäubt auf einen Küchenstuhl. Seine schmalen, verwaschen blaue Augen blickten ins Leere…

… Emma und er hatten sich auf der Universität kennen und lieben gelernt, beide studierten sie Kunst. Nach einem halben Jahr leidenschaftlicher Affäre heirateten sie. Erich befand sich in einer Sinnkrise, tief enttäuscht hängte er das Studium an den Nagel, nahm eine Stelle als Versicherungvertreter an. Emma, klein und zierlich, mit raspelkurzem, silberblondem Bubikopf und großen, strahlenden, grünen Augen, machte ihren Abschluß und verdingte sich als Assistentin einer Kuratorin in einem der größten Museen der Stadt…

… Erich hasste es bald zutiefst, seinen Mitmenschen Versicherungen anzudrehen, dementsprechend schleppend liefen seine Geschäfte. Seine Frau machte indessen Karriere, nach wenigen Jahren schon übernahm sie die Position ihrer Chefin. Sie bekam einen Assistenten zugeteilt, Timo Brandstadt, fast zehn Jahre jünger als sie, von männlich-herber Schönheit, mit gestylter Pferdeschwänzchenfrisur und Modelfigur – Erich hatte ihn auf Anhieb widerlich gefunden…

… Er stand auf, holte aus dem Küchenschrank eine Flasche altehrwürdigen Scotch, die seit Jahren unbeobachtet vor sich hin gedämmert hatte, und ein hohes Wasserglas, und schleppte sich ins Arbeitszimmer am Ende des langen Flurs. Dort pflegte er nicht nur seine Kundenakten sowie den Computer aufzubewahren. In heimlichen nächtlichen Stunden, wenn alles schlief, modellierte er aus fleischfarbener Knetmasse seltsame kleine Figuren, männlich-weibliche Zwitterwesen mit grotesk übergroßen Köpfen, die er stets mit blutrot gefärbten Zahnstochern zu durchbohren pflegte, bevor er sie mit Kunstharz konservierte…

… Das erste Glas des dunkelgoldenen Getränks erfüllte ihn mit wohliger Wärme, Ruhe und Abgeklärtheit. Er seufzte tief auf und streckte sich auf seinem Bürostuhl lang. Der zweite Drink jedoch weckte einen tiefen, tiefen Schmerz in seinem Herzen. Erich kramte unter dem Schreibtisch nach der abgegriffenen Schuhschachtel, in welcher er die Liebesbriefe Emma’s aus Studientagen und die kleinen, lustigen Notizzettel aufbewahrte, die sie in den ersten Jahren ihrer Ehe stets morgens an die Kühlschranktür geheftet hatte. Er zerriss und zerknüllte bitterlich weinend Blatt für Blatt und warf es in den nahe stehenden Papierkorb aus durchsichtigem Kunststoff…

… Das dritte Glas Whisky ließ ihn vor Ekel und Abscheu erschaudern. Er griff nach dem vollen Aschenbecher auf dem Schreibtisch, und kippte den Inhalt laut fluchend über die arg misshandelten Papiere, danach öffnete er den Hosenstall und urinierte schrill und hämisch lachend darauf…

… Der vierte große Schluck bescherte Erich unendliche Wut. Er traktierte den Papierkorb mit Fußtritten, dann, als wäre er vom Wahnsinn gepackt worden, pflanzte er den Behälter auf einen alten, halb verrosteten Gartenstuhl, der im Dunkel unter der Werkbank in der Ecke hinter dem Aktenschrank verborgen stand, griff sich mehrere Dosen flüssiges Acryl und verteilte schauerlich lachend den Inhalt großzügig über Eimer und Sitzgelegenheit. Danach packte er seine in einer Schublade verborgene Sammlung kleiner, absonderlicher Figürchen, und drapierte diese auf die klebrigen, allmählich hart werdenden Oberflächen…

… Eine Woche später suchte ihn Adrian Silberhorn, einer seiner wenigen Stammkunden, zu einem klärenden Gespräch auf. Während Erich mit gefurchter Stirn und vorgeschobener Unterlippe konzentriert in seinen Unterlagen blätterte, fielen die Blicke des Besuchers zufällig auf das seltsame Konstrukt aus Gartenstuhl, Miniaturen und Plastikpapierkorb, welches, von einer glänzenden Acrylschicht überzogen, mittlerweile auf der Werkbank thronte. Wie elektrisiert sprang der schmerbäuchige, glatzköpfige Mann auf. „Potztausend!“ Erich sah irritiert hoch. Sein Kunde fuchtelte mit dem dicklichen Zeigefinger. „Haben Sie das geschaffen?“ Der Gefragte nickte peinlich berührt – er hätte dieses Gerümpel längst entsorgen müssen,  dieses Zeugnis seines großen Herzwehs, seines persönlichen Scheiterns. „Ich habe immer schon geahnt, daß Sie eine künstlerische Ader haben müssen!“, bellte Silberhorn und schoß hinüber in die Zimmerecke, wo er sich schwerfällig verrenkte, um das Objekt möglichst von allen Seiten in Augenschein nehmen zu können. „Das ist eine schlichtweg geniale Installation! So etwas Ausdruckstarkes und vielschichtig Deutbares habe ich selten zu Gesicht bekommen – und ich weiß, von was ich rede, ich bin Kunstkenner und -sammler.“ Er wandte sich zu Erich um, der ihn völlig entgeistert anstarrte. „Ich MUSS dieses Werk haben! Ich suche seit langem schon nach einem Kernstück für meine Sammlung, die demnächst als Leihgabe ein halbes Jahr lang im Museum der Moderne gezeig werden soll. – Nennen Sie mir Ihren Preis!“ Der Versicherungsvertreter holte tief Luft und nannte ein hübsches Sümmchen mit fünf Nullen vor dem Komma. Ohne Zaudern packte der Schmerbäuchige seine Rechte und schüttelte sie enthusiastisch. „Prächtig! Prächtig! Ich überweise Ihnen das Geld noch heute auf Ihr Konto! – Sie haben doch bestimmt Ihrer Schöpfung einen Namen gegeben?“ – „Nennen Sie’s ‚Zerstörte Liebe‘.“, murmelte Erich…

… Zwei Tage später rief Erich am Computer seinen Kontostand auf. Eine Weile starrte er reglos auf den Saldo. Dann buchte er einen Flug auf seine heimliche Trauminsel in der Karibik, und begann, langsam und methodisch einen Koffer zu packen…

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Der Kommentar…

… Er ist quasi mit dabei gewesen, als das Bloggen „erfunden“ wurde. Seit vielen Jahren bereits nannte er solch ein „Online-Tagebuch“ sein Eigen. Er war sehr stolz darauf, dass die Anzahl der Klicks sich in flottem Tempo der Zweimillionen-Marke näherte, und seine humorigen Erzählungen und Fotomontagen sich regelmäßig in den obersten Rängen der Top-Einhundert finden ließen. Das Bloggen bestimmte mittlerweile seine Freizeit, die sogenannte Blogroll war ausgesprochen ansehnlich, die Zahl der Abonnements kaum mehr überschaubar. Abend für Abend, wenn er nach Stunden des Lesens, Kommentierens, Schreibens und der Bearbeitung von Fotos und Artikeln den PC herunter fuhr, schmerzten seine Augen, fühlte er sich ausgelaugt. Doch die Sucht nach den sogenannten Klicks, der oftmals triumphierende Blick auf die erfreulich hohe Statistik trieben ihn weiter, immer weiter…

… Vor kurzem war ihm ein Neuling aufgefallen, der mit spitz und sarkastisch formulierten Artikeln zum aktuellen Tagesgeschehen brillierte. Gönnerhaft abonnierte er den Blog dieses Burschen. Noch ein Leser mehr, denn es gilt ja die Regel „Besuch‘ ich dich, dann besuchst du auch mich“…

… Es war bereits später Abend, längst hätte er den Computer abschalten und ins Bett gehen müssen, um noch ein paar Stunden Ruhe vor dem nächsten Arbeitstag zu finden. Doch in seinem Mail-Postfach stapelten sich immer noch die neuen Beiträge, die „abgearbeitet“ werden mussten. Er las diese gar nicht mehr, widmete ihnen nur mehr kurze Blicke, um danach einen Kommentar oder zumindest kurzen Gruß zu hinterlassen – denn auch das bringt „Klicks“…

… Er seufzte auf, als er entdeckte, dass sein favorisierter Neuling diesmal entgegen dessen Gepflogenheiten keinen kurzen Abriss sondern einen überaus wortreichen, langen Post verfasst hatte. Ungeduldig scrollte er zum Ende, würdigte die bereits abgegebenen Kommentare ebenfalls kaum eines Blickes, und setzte eine knappe Bemerkung darunter…

… Nur einen Tag später fand er eine E-Mail eines sehr betroffenen Mitbloggers vor, mit dem er seit längerem schon eine gute, virtuelle Freundschaft pflegte: „Ich kann nicht fassen, was du bei … neulich geschrieben hast! Ich habe dich während vieler Jahre für einen integeren, aufrichtigen und auch liberalen Freund gehalten!“ Er stutzte kurz und verschob die Nachricht, ohne sich groß darüber Gedanken zu machen. „Der kriegt sich schon wieder ein, dem ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen.“…

… Während der nächsten Tage häuften sich die kritischen, auch unverhohlen stichelnden und anklagenden Kommentare und Mails – und er büßte zunehmend Klicks ein. Nun wurde er endlich aufmerksam und versuchte, dem auf den Grund zu gehen. Sein Internet-Freund kam ihm wieder in den Sinn. Er kramte dessen Schreiben hervor und antwortete: „Ich verstehe nicht, was du damit meinst, kannst du mir bitte erklären, warum du und so viele meiner Stammleser derart aufgebracht seid?“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten…

… Er rief den Blog des „Neulings“ auf und suchte den betreffenden Post, welchen er vor Kurzem so gut wie völlig ignoriert hatte, und las diesmal gründlich. Dabei gefror ihm schier das Blut in den Adern. Es handelte sich um ein Machwerk mit eindeutig rechtsradikalen Zügen, sogar das Befürworten der Todesstrafe, die Euthanasie Behinderter und ein neuer Holocaust wurden darin angesprochen. Erschüttert wandte er sich den Kommentaren zu. Er fand seine eigenen Worte. Da stand zu lesen:

… „Ich weiß zwar nicht, worum es hier eigentlich genau geht, aber ich bin voll und ganz deiner Meinung.“…

… Dies ist eine frei erfundene Geschichte. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Vorkommnissen und real existierenden Personen wäre rein zufällig und ist von der Autorin keineswegs beabsichtigt…

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Das Pferd des Heiligen…

… St. Georg wird stets als der furchtlose und tapfere Held dargestellt, der einen schrecklichen Drachen besiegt hat, welcher die jungfräuliche Königstochter von Kappadokien in seiner Höhle gefangen hielt. Das Untier hatte das bildschöne und blutjunge Mädchen als Opfer gefordert, würde man es ihm nicht überlassen, würde er das ganze Reich verwüsten. Ohne sein Pferd hätte der heilige Mann diese Heldentat jedoch nie zuwege gebracht…

… Auf nahezu allen Abbildungen St. Georgs wird dieses Roß als kraftvoller Hengst mit breiter Brust und gewölbtem Hals, an dem armdick die Muskeln hervor treten, dargestellt. Doch das stimmt so nicht…

… Georg wusste, dass er ohne ein nervenstarkes und todesmutiges Reittier dem finsteren Drachen niemals würde beikommen können. Der König von Kappadokien, seine Edelmänner und Rosshändler präsentierten ihm voller Stolz und Hoffnung ungezählte Zelter, einer schöner, stärker und stolzer als der andere. Doch kein Pferd fand das Wohlgefallen des Helden, entweder stoben sie beim Anblick und Geruch lodernder Feuer oder bei der Entfaltung großen Lärms und Geschreis kopflos und angsterfüllt davon…

… Eines Tages machte Georg eine lange Wanderung, in sich gekehrt betend und um Mut und Tatkraft ringend. Ein schweres Unwetter zog auf, der Heilige betrat auf der Suche nach Schutz einen dichten Hain. Auf einer Waldlichtung sah er eine zierliche, grauweiße Stute. Sie hatte ihr neugeborenes Fohlen neben sich im hohen Frühlingsgras liegen und kämpfte wie eine Furie gegen ein Rudel Wölfe, die sie unermüdlich mit hochgezogenen Lefzen, immer wieder vorstoßend und zuschnappend umkreisten. Selbst als ein Blitz mit ohrenbetäubendem Krachen in eine nahe, abgestorbene Linde fuhr und diese lichterloh und Funken sprühend in Flammen aufging, zeigte das Pferd keinerlei Furcht. Wolf um Wolf fiel den Hieben ihrer messerscharfen Hufe, den Bissen ihrer Zähne zum Opfer…

… Endlich war der Kampf vorbei. Mit schwer sich hebenden und senkenden Flanken, keuchend, schaumbedeckt und völlig erschöpft wandte sich das Ross seinem Jungen zu, beschnupperte und säuberte es sanft wiehernd und schnobernd. Georg trat leise und vorsichtig näher. Mit großen, klaren, tiefdunklen Augen musterte ihn die junge Stute, und ließ es geschehen, dass er ihr schmale Gesicht streichelte, seine Rechte in der langen, zerzausten Mähne vergrub, und sie samt Fohlen mit sich führte. So hatte er seine beherzte Weggefährtin für den Kampf gegen den Drachen gefunden…

… Die kleine, schlanke Stute – fast schien es, als würde sie unter dem Gewicht des Reiters und seiner schweren Waffen zusammen brechen – zitterte und wieherte ängstlich angesichts des grauenvollen, Feuer, Rauch und übel riechenden Schleim speienden Untiers. Doch sie hielt stand und verhalf so dem kühnen St. Georg zum Sieg. Noch lange Jahre danach war sie seine bevorzugte vierbeinige Gefährtin, er behandelte sie stets mit Achtung und großer Zuneigung…

.. Im Laufe der Zeit veränderte sich jener einst so reine Glauben, dem der Held von Kappadokien sein Leben geweiht hatte, und Weibliches wurde als schwach, feige und unrein verschrien. So kam es, dass die Bilder und Statuen des Georgs jenen auf einem kraftstrotzenden Hengst sitzend zeigen, und nicht auf einer kleinen, zierlichen Stute, so, wie es sich doch eigentlich zugetragen hatte…

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„Starlight Sue“ – Teil 28…

Die stählerne Tür klemmte, und erst als die beiden Männer mit den Brechstangen das spröde gewordene Schloss aufgestemmt hatten und sich mit voller Kraft dagegen warfen, gab sie mit knarzenden Angeln nach. Die schmalen Lichtkegel der Stirnlampen tanzten im Dunkel und im aufgewirbelten Staub. Ein dumpfer, muffiger Luftschwall trieb Winnegard und Helmholzer entgegen. Paul hustete rau und wandte sich kurz ab.
Endlich hatte sich der Staub wieder halbwegs gelegt. Daniel griff nach einem der Standscheinwerfer und pflanzte ihn nahe der Türe auf. Die Szenerie, die in der Helle des Strahlers nun deutlich zu erkennen war, ließ den Freunden das Blut schier in den Adern gefrieren. An den Längswänden waren ungefähr ein Dutzend spartanische Etagenbetten aufgestellt. In der Mitte des Raumes befand sich ein schlichter Biertisch samt zweier langer hölzerner Bänke ohne Lehnen. An der Schmalseite war etwa in Brusthöhe ein leerer Kasten mit verschiedenen Halterungen angebracht. Dort mochte man früher einmal jene Beile und Spitzhacken aufbewahrt haben, die nun nahe der Türe verstreut lagen, deren Innenseite verbeult war und an mehreren Stellen sogar aufklaffte.
Pauls Blick glitt zu dem linkerhand sich befindenden Etagenbett und vor Schreck fuhr er sich mit der Hand an die Kehle. Auf einer brüchigen, schlichten Decke, die vor schwarzem, getrocknetem Blut starrte, lagen vier mumifizierte Leichen in SA-Uniformen, ein fünfter Toter war vor der Bettstatt hingestreckt, mit der krallenartigen, vertrockneten Rechten hielt er einen Revolver umklammert. Ringsum die schauerliche Szenerie waren die vergilbten Blätter eines Kartenspiels verstreut.
„Mein Gott!“, presste Paul zwischen den bleichen, starren Lippen hervor. Daniels Augen waren unnatürlich geweitet und sein Atem ging tief und stoßweise.
„Was glaubst du, was passiert ist?“
Helmholzer hockte sich nieder und studierte lange Zeit schweigend die Mumien. Schließlich versuchte er zu sprechen, jedoch versagte ihm die Stimme, er brachte lediglich ein heiseres Flüstern zustande: „Ich vermute, diese Soldaten hatten sich irgendwann während eines Bombenangriffs hierher geflüchtet. Es muss sich durch die stundenlangen Erschütterungen der explodierenden Bomben die Türe verzogen haben, jedenfalls mussten sie nach einer Weile wohl erkannt haben, dass sie in der Falle saßen. Mit Sicherheit ist der Zugang zum Bunker verschüttet worden. Niemand hat anscheinend nach ihnen gesucht. Man hat sie im Chaos und in all der furchtbaren Zerstörung ringsum einfach vergessen. Es sieht ganz danach aus, als hätte man diese Räume hier erst kurz zuvor fertig gestellt, und noch nicht komplett eingerichtet, ich kann nirgendwo irgendwelche Vorräte entdecken. Vielleicht haben die Jungs noch lange Zeit gehofft, dass man sie ausfindig machen würde. Irgendwann, als sie bereits sehr demoralisiert und geschwächt waren, wird ihnen wohl klar geworden sein, dass da niemand kommen würde, um sie zu befreien. Sie befanden sich in einer tödlichen und ausweglosen Falle…“
„… Und so haben sie irgendwann beschlossen, ihren Leben ein Ende zu setzen. Und mit dem Kartenspiel bestimmten sie ihren Henker… Oh, mein Gott, wie ist das grausam!“
Paul umschlang sich mit seinen Armen und versuchte, den aufkommenden starken Brechreiz zu unterdrücken. Daniel trat näher an die Leichen heran und fixierte die kleinen runden Einschusslöcher in den Schädeln der Männer.
Ein harter Knall ertönte vom Vorraum her, so, als würde ein Stück Metall auf eine Oberfläche aus Stein prallen. Unmittelbar darauf konnte man den Polier lästerlich fluchen hören: „Verdammter Scheiß! Mein neues Handy! Letzte Woche erst gekauft! Hat mich vierhundert Euro gekostet, das Teil!“
Das Geräusch schien bei Daniel etwas Furchtbares auszulösen. Sein Blick wurde ausdruckslos, als würde er sich tief in sich selbst zurück ziehen. Sein Teint verlor jegliche gesunde Farbe, schimmerte im Licht des Standscheinwerfers aschfahl, ja, totenbleich, und begann, vor ungesundem Schweiß zu glänzen. Ein starkes Zittern setzte ein, sein muskulöser Brustkorb hob und senkte sich in sehr raschen, geradezu fieberhaften Atemzügen. Paul packte ihn am Arm und schüttelte ihn leicht.
„Danny! Was ist mit dir?“
Sein Freund zeigte keinerlei Reaktion.
„Traumatischer Schock – stimmt’s… Verflucht noch eins, wie soll ich dich nur schnell hier heraus bekommen!“
Sanft führte der junge Amerikaner Helmholzer zu einer der Bierbänke und brachte ihn dazu, sich nieder zu setzen. Er starrte auf Daniel nieder, der immer stärker hyperventilierte, dessen Mundpartie mittlerweile völlig verkrampft war. Irgendwann, irgendwo hatte er etwas darüber gelesen… Paul blickte suchend umher, sich mit aller Gewalt zur Ruhe zwingend. Auf dem Boden zwischen den linkerhand stehenden Etagenbetten sah er einen zerknitterten leinernen Beutel liegen, der früher einmal die Habseligkeiten eines jener toten Soldaten enthalten haben mochte. Er schlug kurz den Staub davon ab und zog ihn über Mund und Nase seines Freundes.
„Hier, Danny. Und jetzt versuche, tief und langsam zu atmen – tief und langsam – tief und langsam – so ist’s gut.“

 

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„Starlight Sue“ – Teil 27…

Im Anschluss an das kleine, achteckige, von einigen steinernen Köpfen und Statuen gezierte Gelass befand sich ein etwa vierzig Quadratmeter großer, rechteckiger Raum. Das nördliche Ende wurde von dem halbrunden, schmiedeeisernen, verglasten Portal zum lang gezogenen Brunnenhof gebildet. An der südlichen Seite hatte man ein bis zur Decke reichendes und mit dicker, dunkelgrauer Plastikfolie verkleidetes Gerüst aufgestellt. Eine schmale Tür führte in die Baustelle.
Die marmornen Bodenfliesen waren im Bereich der einstmaligen alten Toiletten entfernt, und dadurch eine quadratische, etwa einen Meter pro Seitenlänge messende Bodenplatte mit einem eisernen Ring frei gelegt worden. Die Bauarbeiter hatten diese geöffnet, Paul beugte sich vor und blickte in eine schwarzdunkle Tiefe, einem gähnenden Schlund gleich.
„Wir haben hinein geleuchtet, der Raum darunter scheint unserer Schätzung nach etwa fünf Meter tief zu sein.“, erläuterte der Polier. Daniel wandte sich an den Kastellan: „Habt ihr eine Leiter, die lang genug ist?“
Der Angesprochene nickte. „Natürlich, wir müssen ja die ausgebrannten Glühlampen an den Kronleuchtern im Kaisersaal und den anderen hohen Räumen wechseln können. Ich ruf‘ den Elektriker, damit er sie gleich vorbei bringt.“
Nur wenig später erschien ein rundgesichtiger, gutmütig wirkender Mann in blauem Arbeitsanzug, zusammen mit einem Kollegen das Ungetüm der Klappleiter und eine längliche Holzkiste schleppend.
„Nach dem letzten Neujahrsempfang hat die Beleuchterfirma ein paar mit Akku betriebene Standscheinwerfer vergessen, ich dachte, ich bring‘ sie mal mit, vielleicht könnt ihr da unten so was brauchen.“
„Hervorragend mitgedacht! Danke!“, rief Daniel. Er zog aus seinem Rucksack ein Messgerät und ein längeres Stück Schnur. „Ich werde jetzt vorsichtshalber da unten den Sauerstoffgehalt messen und nachprüfen, ob sich eventuell Giftgase in der Luft befinden, was ich aber nicht glaube.“
Helmholzer ließ das Messgerät in den Schacht und drückte Paul das lose Ende der Schnur in die Hand, anschließend streifte er sich die Schutzweste über und setzte den Helm auf. Dann setzte er den Rucksack neben Winnegard ab. „Hier, nimm dir die zweite Ausrüstung. Du kommst doch mit, oder?“
„Was für eine Frage!“
Paul gab seinem Freund die Schnur und zog sich an. Daniel studierte die digitale Anzeige des kleinen, elektronischen Geräts. „Gut. Die Luft scheint so weit in Ordnung zu sein, keinerlei Giftgasspuren. – Los geht’s.“
Mit Hilfe des Poliers und des Hauselektrikers bugsierten sie langsam die Leiter in den Schacht, dann stellte sich Daniel vorsichtig auf die oberste Sprosse und begann, hinunter zu klettern. Paul folgte ihm mit klopfendem Herzen. Er hatte eine leichte Phobie, was enge, finstere, abgeschlossene Räume anbelangte, doch der Kick, die Neugierde darauf, was sie da unten erwarten mochte, wischte seine Ängste beiseite.
Sie hatten den überraschend glatten Boden des finsteren Gelasses erreicht und blickten sich mit eingeschalteten Helmlampen forschend um. Der Raum, in dem sie sich befanden, maß ungefähr vier mal sechs Meter, und die gewölbte Decke war grade so hoch, dass Daniel aufrecht stehen konnte, ohne sich den Schädel anzustoßen. An der gegenüber liegenden Schmalseite gab es eine schmale, niedere, verschlossene Tür. Die Einrichtung bestand aus einem Tisch und einem halben Dutzend umgekippter Stühle, die einen sehr ramponierten Eindruck machten. Rechts unter der Deckenluke lehnte eine Leiter mit eisernen, arg verrosteten Sprossen an der grob gemauerten Wand. Daneben standen zwei unförmige Kisten. Daniel fuhr mit dem Metalldetektor darüber und registrierte nickend den starken Ausschlag.
„Dann wollen wir doch mal nachschauen, was sich da Interessantes versteckt.“
Er winkte nach oben.
„Lasst doch bitte jetzt die Scheinwerfer und so etwas Ähnliches wie Brechstangen herab!“
Der Kastellan und der Hauselektriker brachten die gewünschten Utensilien. Bevor sich die Männer wieder zurück zogen, blickte sich der Schlossverwalter intensiv um, sein vom silberweißen, dichten Schopf umrahmtes, scharf geschnittenes Gesicht spiegelte fassungsloses Staunen wider.
„Es gibt so einige geheimnisvolle Türen und auch Gänge hier in der Residenz. Aber dass sich unter unseren Füßen vermutlich siebzig Jahre lang ein Luftschutzkeller verborgen hat – das ist schon überwältigend… Ich frage mich, warum diese Anlage beim Wiederaufbau ab 1948 nicht entdeckt worden ist.“
Daniel wischte sich mit der Hand über die staubige Stirn.
„Vielleicht wollte man diesen Bunker ja nicht wiederfinden. Vielleicht hat man ihn voller Bedacht ‚vergessen‘, wie so manches, was in den ersten Jahren nach der Nazi-Zeit an diese gemahnt hat. Mit der sogenannten ‚Aufarbeitung‘ hatte man’s nicht so.“
Die mit fingerdickem Staub bedeckten Truhen ließen sich überraschend mühelos öffnen. Sie waren bis zum Rand mit nagelneuen Sturmgewehren 44 gefüllt, deren Läufe im matten Licht täuschend sanft schimmerten. Daniel pfiff leise durch die Zähne und nahm eine der Waffen heraus.
„Was für ein Schatz… Hier liegt ein Vermögen, Happy. Was glaubst du wohl, was Nazi-Devotionalien- und Waffenhändler sowie Rechtsextreme für den Inhalt dieser beiden Kisten berappen würden. Ich könnte mir jetzt – dein Stillschweigen vorausgesetzt – eine goldene Nase verdienen, und danach, was Reichtum anbelangt, sogar deinen Vater ganz locker in die Tasche stecken.“
Paul ging auf den feixenden Ton ein: „Nur zu! Ich werd‘ mich mal da drüben in die Ecke stecken und ein Nickerchen mit ganz fest geschlossenen Augen machen.“
„Nein, ganz im Ernst. Wir müssen acht geben, dass diese Waffen nicht in die falschen Hände geraten. Sobald wir hier fertig sind, werde ich das Innenministerium benachrichtigen, und den Kastellan darum bitten, bis auf Weiteres eine Dauerwache des Sicherheitsdienstes hier abzustellen.“
„Auch wenn wir ‚Starlight Sue‘ wieder einmal nicht gefunden haben, höchst spannend und aufregend ist das hier in jedem Fall. – Was wir wohl hinter dieser Tür finden werden…“, murmelte Paul und schritt auf den verschlossenen Durchgang zu.

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„Starlight Sue“ – Teil 26…

München/Washington D. C., 7. September 2015

… In den späten Nachtstunden, als sich bereits die allerersten Schemen der Dämmerung durch die dicken, gebauschten Vorhänge der Suite zu stehlen begannen, hatte Paul einen merkwürdigen Traum: Kate hatte sich lautlos aus dem Bett erhoben, sich über ihn gebeugt und ihn lange Zeit regungslos angestarrt, ehe sie auf ihre unnachahmlich anmutige Weise aus dem Zimmer geglitten war, hinaus auf die noch menschenleeren Straßen. Er hatte gleichzeitig sie und sich selbst beobachten können, wollte aufstehen, ihr folgen, doch eine furchtbare Schwere lähmte und fesselte ihn. Weit, weit draußen, jenseits des von grellen Lichtern erhellten Häusermeers, warf die junge Frau sich in die Arme eines großen, schattenhaften Mannes. Irgend etwas an dieser dunklen Gestalt kam Winnegard überaus bekannt vor, doch im gleichen Augenblick, da die Erkenntnis einem Blitz gleich durchfuhr, erwachte er, und der Traum entschwand…

… Kate hatte Doro zum Frühstücken ins Hotelrestaurant eingeladen, bevor sie sich zu ihren weiteren Einsätzen als Helferinnen zum Bahnhof begaben. Paul schmunzelte insgeheim über den kindhaft anmutenden Eifer der beiden jungen Frauen, die am liebsten das opulente Bufett abgeräumt und für „ihre Flüchtlinge“ eingepackt hätten. Nachdem er sich von seiner Freundin und Daniels Schwester nahe der Einsatzleitung verabschiedet hatte, machte er sich langsam schlendernd und die überraschend warm strahlende, frühherbstliche Sonne genießend auf den Weg zum Innenministerium.
Als er im Büro eintraf, waren Kamhuber, Meixner und Daniel schon fieberhaft zugange.
„Unser System ist abgestürzt. Wir müssen zusehen, dass wir die Rechner wieder flott bekommen, bevor die Daten des heutigen Überflugs eintreffen. Der Pilot ist bereits auf dem Weg nach Oberschleißheim. Wir wollen heute die sogenannte Schwanthaler Höhe und das Westend scannen, das könnte recht spannend werden, dort hat sich zu Kriegszeiten bis in die Sechziger die Reifenfabrik Metzeler befunden. Während der Bombenangriffe auf München ist sie häufig von den Alliierten aufs Korn genommen und zu zwei Dritteln zerstört worden.“
Das Rebooten war noch in vollem Gange, als das Telefon läutete. Daniel nahm das kurze Gespräch entgegen, noch während er sprach, winkte er Paul zu sich und angelte nach seiner über einer Stuhllehne hängenden Strickjacke.
„Ja. Räumen Sie, und schließen Sie bitte. Wir machen uns unverzüglich auf den Weg zu Ihnen.“
Er holte aus einem der Wandschränke zwei Schutzwesten, Schutzhelme, einige Messgeräte und Helmleuchten, packte die Ausrüstung in einen Rucksack und schulterte diesen.
Die beiden Männer hasteten über den Odeonsplatz, passierten die Feldherrnhalle, schritten die Residenzstraße entlang, und bogen schließlich in den sogenannten Königsbauhof des Münchner Stadtschlosses ein.
„Bei Bauarbeiten in der Nähe des sogenannten Oktogon im Erdgeschoss der Residenz hat man anscheinend den Zugang zu einem bislang unentdeckten Luftschutzkeller gefunden. Als man vorsichtshalber die Baustelle mit Metalldetektoren absuchte, haben diese zwei große Strukturen angezeigt.“
„Könnte eine davon ‚Starlight Sue‘ sein?“
„Das wäre durchaus möglich.“
Im Foyer wurden sie bereits neben einem improvisierten Schild mit der in mehreren Sprachen abgefassten Inschrift „Aufgrund technischer Probleme ist die Residenz bis auf weiteres für den Publikumsverkehr geschlossen“ von dem zierlichen, leicht rotgesichtigen Kastellan erwartet. Er fuhr sich mit der Linken durch den dichten, silbernen Schopf, der ihm in die Stirn fiel und nickte den Männern zu.
„Ich habe grade das sogenannte Schlusswort ins Obergeschoss durchgegeben. In spätestens einer halben Stunde werden alle Besucher das Museum verlassen haben. – Sie sind nur zu zweit? Ich hatte eigentlich mit einem riesiges Einsatzkommando samt einem Feuerlöschzug, mindestens zwei Krankenwägen und etlichen Polizeistreifen gerechnet.“
„Wir sind sozusagen die Vorhut, die Männer für’s Grobe.“, witzelte Daniel.
Paul zog sich auf die höchste der fünf Stufen zurück, die den Kassenraum vom Foyer mit dem großen Modell des Stadtschlosses und dem Stand für die Audioguides trennte, und beobachtete die ineinander strudelnden Menschengruppen, die einen kehrten sichtbar enttäuscht von einem unerwartet kurzen Rundgang durch die gut hundert Räume im Obergeschoss zurück, Passanten, welche eingetreten waren, und das Schild sahen, suchten sich schimpfend, achselzuckend, murrend den Rückweg nach draußen. Daniel unterhielt sich mit dem Kastellan und einem hoch gewachsenen Museums-Angestellten, der durch seine von kleinen Narben übersäte unförmige Knollennase auffiel.
Endlich bog eine weibliche Aufsicht mit dunklem, kurzem Pagenkopf und kindlich-klugem Gesicht um die Ecke, sehr diskret und geduldig ein gutes Dutzend wild um sich knipsender Asiaten einer Schafherde gleich vor sich her treibend.
„Das sind jetzt die letzten Besucher.“
„Brav gemacht, Frau Liesch. – Melden Sie sich bitte wie üblich bei der Wache ab, genießen Sie den unverhofften freien Tag, und drücken Sie bitte ganz fest die Daumen, dass uns unser schönes Schloss nicht im Laufe der nächsten Stunden um die Ohren fliegen wird.“
Die Männer warteten, bis der Vorraum sich geleert hatte, und die weiß lackierten Flügel der Eingangstür verschlossen worden waren. Dann marschierten sie zügig durch den düsteren Grottenhof und den riesigen Saal des Antiquariums mit seiner beeindruckenden, gewölbten, mit wundervollen Grotesken bemalten Decke sowie den weit über hundert römischen Marmorbüsten, welche in den Nischen und auf den Brüstungen links und rechts in den Wänden zur Schau gestellt wurden, Richtung Oktogon.

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„Starlight Sue“ – Teil 25…

… Das Überfliegen und Scannen per Helikopter sowie Auswerten der Aufzeichnungen der Forschungssonde des nächsten Planquadrats an den Rechnern im Innenministerium dauerte bis in den späten Nachmittag. Wie bereits die Tage zuvor kauerten Helmholzer, Winnegard, Kamhuber und Meixner gebannt vor dem Bildschirm, als sich die seltsam anmutende 3-D-Animation allmählich aufbaute.
„Wenn ich mich nicht irre, liegt da ein ziemlich dickes Ei unter dem Innenhof des Finanzamts.“, murmelte Daniel, „Sehr tief – sonst hätte man das beim Ausschachten seinerzeit wohl kaum übersehen können.“
„Hah! Da sollten wir morgen vielleicht ganz freundlich darauf hinweisen, dass wir dieses Bömbchen nur dann bergen und entschärfen werden, wenn man uns hoch und heilig verspricht, bei allen zukünftigen Steuererklärungen sämtliche Augen zuzudrücken.“, witzelte Kamhuber.
„Unter dem angrenzenden Hostel kann ich auch zwei Objekte erkennen.“
„Yepp. Die sind allerdings weitaus übler. Die sind direkt unter dem Hauptgebäude. Viel zu klein, um unsere ‚Starlight Sue‘ zu sein – und dennoch alles andere als harmlos… Ich werde die Absteige sofort räumen lassen – die Betreiber werden mich lynchen, ich weiß, denn schließlich mache ich ihnen das ganze schöne Oktoberfest-Geschäft kaputt – und dann werden wir eine versierte Hoch-und-Tiefbau-Firma einschalten müssen. Deren Arbeiter werden sich im Kellergeschoss zu den Dingern durchgraben müssen, ganz, ganz vorsichtig, und ohne die Statik zu gefährden. Ob wir sie dann vor Ort entschärfen werden können, oder abtransportieren müssen – wir werden sehen. Die eine Option wäre genau so ungut wie die andere…“ Helmholzer seufzte und fuhr sich über die Augen. „Okay, Buam, machen wir Schluss für heute.“
„Was bin ich nur für ein Dummkopf gewesen, dass ich diese Angelegenheit so lange Tage nicht ernst nehmen konnte, oder wollte…“, murmelte Paul. Daniel zuckte die Schultern. „Wir machen alle Fehler, Happy.“
Winnegard stutzte. Es war dies das erste Mal, dass sein Jugendfreund ihn bei seinem alten Spitznamen nannte, den er ihm verpasst hatte, als er noch ein Kleinkind gewesen war, weil seine Gesichtszüge permanent einen scheinbar glücklichen Ausdruck gezeigt hatten, auch wenn er sich innerlich geärgert hatte oder Trauer oder Frust an ihm gezehrt hatten.
Sie hatten das Innenministerium verlassen und standen unter dem stattlichen Bronzedenkmal König Ludwigs I. Die Sonne schien, doch ein unzeitig kühler Wind fegte über den Platz. Daniel schauderte und Paul klappte den Kragen seines Kurzmantels hoch.
„Manchmal habe ich die Hosen dermaßen gestrichen voll, dass ich am liebsten davon laufen würde.“
„Davon laufen, ja, das wär’s…“, murmelte Helmholzer und starrte in den Frühabendhimmel.
„Ich habe den Eindruck, dass dich außer der Bombe noch etwas anderes bedrückt, Danny. Kann ich dir irgendwie helfen?“
Der Blick des Angesprochenen glitt mit einem nicht zu enträtselnden Ausdruck über den jungen Amerikaner. Sein Adamsapfel bewegte sich, als würde ihn etwas in der Kehle würgen.
„Nein. Leider nicht, Paul, leider nicht… – Wir sehen uns morgen.“
Daniel puffte seinem Freund sanft in die Rippen und ging schnell davon, beinahe fluchtartig, wie Winnegard schien. Er zog die Schultern hoch und wandte sich gen Bahnhof, um Kate abzuholen, sie hatte ihm vor einer Weile schon eine Nachricht geschickt, dass sie zwar glücklich sei, doch furchtbar müde, und sich nur mehr nach einer warmen Mahlzeit, einer Dusche und einem weichen Bett sehnen würde.
Doch Kate war nicht da. Trotz ihres derzeitigen Lebenswechsels schien sich ihr sprunghaftes Verhalten nicht geändert zu haben. Als Paul das Smartphone hervor holen wollte, um nach ihr zu forschen, entdeckte ihn Doro inmitten der tosenden und strudelnden Massen der Flüchtlinge, die den beinahe stündliche eintreffenden Sonderzügen entstiegen, und kam auf ihn zu.
„Falls du deine Liebste suchst – ein ziemlich aufdringlicher Klatschreporter aus Amiland hat sie vor etwa einer halben Stunde entdeckt und ist ihr auf die Pelle gerückt – wollte sie fotografieren und ein Interview mit ihr machen. Danach hat sie alles stehen und liegen lassen und gemeint, sie müsse abhauen und dringend frische Luft schnappen. Ich habe ihr geraten, in den Englischen Garten zu fahren, und sich morgen wieder bei uns zu melden – sofern sie dann noch Bock darauf hat, uns weiter zu helfen.“
Es war bereits dunkel, als Kate im Hotel eintraf. Sie trat auf ihn zu, mit einem Gesicht, das von tiefen Seelenqualen sprach und um Jahre gealtert zu sein schien, legte die Arme um seine Taille und barg ihren Kopf an seiner Brust.
„So ein scheiß grausames Leben.“, murmelte sie.
„Was ist mit dir, Baby? Wie kann ich dir helfen?“
Er fühlte die Feuchte ihrer Tränen durch seinen dünnen Kaschmirpullover und wiegte sie sanft hin und her. Sie seufzte auf, es war ihm, als ringe sie wie eine Erstickende um Luft.
„Gar nicht, Paul. Leider, leider gar nicht. Aber hab‘ keine Angst – alles wird gut werden. – Ich werde jetzt ganz lang duschen, um all den Dreck los zu werden, und dann lass‘ uns bitte essen gehen, und völlig belangloses Zeugs miteinander reden.“
Nur kurze Zeit später hörte er sie durch die Badezimmertür fluchen wie ein Fuhrknecht, weil ihr wohl die Seife durch die Finger geglitscht war, und er schmunzelte. Ganz und gar eindeutig, und ziemlich beruhigend – das war Kate, so wie er sie kannte und mittlerweile liebte. Und doch – er wurde das unterschwellige Gefühl nicht los, in einen bedrohlichen, dunkel gähnenden Abgrund zu blicken. „Starlight Sue“, die Bombe, sie wirft ihren furchtbaren Schatten immerdar und überall, resümierte er mit düsterem Fatalismus…

… „Der Bombenangriff am 25. April 1944 auf München begann um ziemlich genau ein Uhr morgens. Es war der achtzehnte Angriff auf die Stadt, und er wurde von der Air Force angeführt. Eingeleitet wurde er durch einen Scheinangriff auf Karlsruhe, um die deutschen Nachtjäger abzulenken. Da diese bald landen mussten, weil ihre Tanks leer waren, konnte der Luftschlag gegen München wie ein routiniertes Lehrbuch-Manöver statt finden. Die umliegende Flak-Abwehr hatte 350 bis 400 feindliche Maschinen gemeldet. Als erstes wurden elf Mosquito-Bomber gesichtet, die Stanniol-Streifen abwarfen, um die deutschen Funkmessgeräte unbrauchbar zu machen. Mehrere Mosquitos markierten im Sturzflug mit roten Leuchtbomben das Hauptangriffsziel, den Hauptbahnhof. Es folgte ein dichter Teppich von Brandbomben, die ersten sogenannten „Wohnblock-Knacker“ detonieren, das sind Bomben mit enormer Sprengkraft gewesen. Die meisten Bomber konnten ungehindert bis in die Stadtmitte vordringen. Dreizehn Maschinen wurden von der Flak im Raum München abgeschossen, drei schlugen im Stadtgebiet auf. Laut Behörden wurden allein in dieser Nacht an Sprengmitteln abgeworfen: sieben Sprengbomben mit je 2000 Kilogramm, 24 Sprengbomben zu 500 Kilogramm, 54 zu 250 Kilogramm, 844 Flüssigkeitsbrandbomben, rund 550.000 Stabbrandbomben, 14.160 Phosphorbrandbomben zu 14 Kilogramm, 10.245 Flammstrahlbomben zu 13 Kilogramm, 459 Blitzlichtbomben, 36 Zielmarkierungsbomben und rund 2500 Flugblätter…
136 Personen sind diesem Angriff zum Opfer gefallen. Fast 4.000 Menschen wurden verletzt, davon 500 schwer, cirka 1.900 leicht, cirka 1.800 erlitten Augenverletzungen… Das Gesicht der Stadt hat sich in jener Nacht dramatisch verändert. Wertvolle geschichtliche Bauten und Baudenkmäler wurden zerstört, darunter die Residenz, das Odeon, das Rokoko-Palais, die Bürgersaalkirche, die Heiliggeistkirche, die Damenstift- und die Herzogspitalkirche. Viele Wohnungen gingen verloren. 70000 Menschen wurden obdachlos. Um 2.53 Uhr meldete ein einminütiger hoher Dauerton das Ende der Luftgefahr…“, fasste Beth ihre Nachforschungen zusammen. „Wir sollten uns ausgiebig mit diesem Luftangriff beschäftigen, Cleb. Die genaue Anzahl der daran beteiligten Kampfflugzeuge, die Piloten, die Besatzungen, die Liste der vermissten und toten britischen und amerikanischen Air-Force-Angehörigen… Wir benötigen ganz dringend Zugang zu den Aufzeichnungen der Flugbasis Mildenhall, von wo aus die Aktion gestartet ist.“

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„Starlight Sue“ – Teil 24…

Cleb und Beth hatten sich am Morgen unverzüglich die Aussage Hubert Brandons angesehen, die ihnen noch während der Nacht von Paul übermittelt worden ist. Beth wiegte nachdenklich den Kopf.
„Hiermit wäre also eindeutig bewiesen, dass die Bombe keine verrückte Ausgeburt meines Großvaters gewesen ist, sondern wirklich existiert hat.“
„Das nimmt Ihnen viele Zweifel, nicht wahr.“
„So ist es, Cleb. Dennoch – verwertbare und detaillierte Anhaltspunkte liefert Brandons Bericht leider nicht. Wo genau ist die Nuklearwaffe abgeworfen worden? Das Wichtigste wären doch wenigstens halbwegs genaue Koordinaten, um dem Münchner Team die Suche erleichtern zu können… Wir sind zwar anscheinend einen großen Schritt weiter gekommen – in Wirklichkeit allerdings stehen wir immer noch genau da, wo wir unsere Nachforschungen begonnen haben.“
Sie seufzte und loggte sich in ihren Rechner ein.
„Lasst uns noch einmal ganz, ganz gründlich Schlagwort für Schlagwort durchgehen. Vielleicht ist uns etwas entgangen. Wir sollten mit jenen Files beginnen, die wir uns gestern Abend als letzte vorgenommen haben, vielleicht waren wir da schon sehr unkonzentriert und haben etwas übersehen.“
Doch die über viele Stunden sich hinziehende Suche erbrachte nichts Neues…
… Hike war wieder da, und während er im Obergeschoss auspackte, Fotos und Skizzen in seinem Atelier verstaute und eine Dusche nahm, hatte es sich Beth an der Küchentheke gemütlich gemacht. Ihr Partner bestand darauf, das Abendessen zu kochen, obwohl er mit Sicherheit mindestens genau so erschöpft war wie sie. Um die Zeit totzuschlagen, surfte sie ein wenig im Internet herum, obwohl ihr der Kopf brummte und trotz Lesebrille die Buchstaben auf dem Bildschirm vor ihren Augen verschwammen. Einer spontanen Eingebung folgend gab sie in das Suchfenster des Browsers „Starlight Sue“ ein. Es gab lediglich eine Eintragung. Diese verwies auf eine Fernsehserie eines kleinen Privatsenders im Mittelwesten, mit dem Titel „Hits, die niemals welche wurden“ die recht kurzlebig gewesen war, bereits nach einem halben Jahr war sie wieder eingestellt worden. Ein entnervend durch die Nase sprechender Moderator namens Hughey Lugdiddle, der aufrecht und steif auf einer kleinen, schlecht ausgeleuchteten Bühne stand, präsentierte der unruhig auf und ab ruckelnden Kamera die sichtlich nervösen Mitglieder einer Highschool-Band.
„Hätte der größte Traum des jungen Air-Force-Piloten Jakob Alone sich erfüllt, hätte er sein größtes Idol, den weltberühmten Bandleader und Posaunisten Glenn Miller je getroffen, und ihm seine Arrangements zeigen und vortragen dürfen – wer weiß, vielleicht wäre dann aus diesem Instrumentalstück auch ein großer Hit geworden, und das Leben Mr. Alones, der während des Zweiten Weltkriegs über Deutschland von den Nazis abgeschossen worden war, wäre anders verlaufen. ‚Starlight Sue‘, gespielt von der Beaver Creek Highschool Band aus Minnesota!“
Sie lauschte ein paar Takte lang dem gemächlich vor sich hin swingenden Stück, das eine entfernte Ähnlichkeit mit Millers berühmter „Moonlight Serenade“ hatte, und klickte dann weg. Sie hatte Hikes Schritte auf der Treppe gehört, klappte den Laptop zusammen, und umarmte den Mann lange und ungewohnt inniglich.
„Was ist passiert, mein Schatz?“
Beth trat zurück und zupfte die weite, fast knielange Tunika zurecht, die sie über schwarzen, bequemen Leggins trug.
„Nichts, ich habe dich nur vermisst. Und ich habe dir sehr viel zu erzählen. – Wie ist dein Aufenthalt auf Martha’s Vineyard bei den Reichen und Schönen gewesen?“
„Der Hit! Fabelhaft! Die Heyvels haben mir den Auftrag für ein geradezu monumentales Familienportrait erteilt: Patrick Heyvel IV.und seine Frau Gilla inmitten der Schar ihrer sieben Kinder. Es wird die gesamte Stirnseite ihres Salons in ihrem Wohnsitz einnehmen – und uns ein halbes Jahr lang die Miete für unser hübsches Häuschen hier zahlen. – Wir sollten den Champagner köpfen, den du vor einem halben Jahr von Mrs. Kerry geschenkt bekommen hast.“
„Das ist eine schlicht und ergreifend prachtvolle Idee, mein Lieber!“
Während Hike voller Übermut und Eifer in den Keller sprintete, ging Beth der flüchtige Gedanke durch den Kopf, warum ein unbekannter Pilot ausgerechnet den Titel eines ebenso unbekannten Musikstücks auf seine todbringende Fracht, die erste Atombombe, gepinselt hatte. Doch dann prickelte der fruchtig-trockene, erlesene Schaumwein auf ihrem Gaumen, und während ihr Lebensgefährte ein delikates Mahl zubereitete, und sie sich über die jüngsten Ereignisse austauschten, verschwanden ihre Frage, und der doch recht seltsame und skurrile Umstand, der dazu geführt hatte, aus ihrem Bewusstsein, so wie ein Schriftzug an einem Strand von den träge züngelnden Meereswellen gelöscht wird…

München/Washington D. C., 6. September 2015

Paul begleitete Kate zum Münchner Hauptbahnhof. Trotz der noch recht frühen Morgenstunde herrschte rund um den ausgedehnten Komplex überaus reges Treiben. Vor der Spendenannahme am Elisenhof standen bereits mehrere hundert Menschen jeden Alters, die Lebensmittel, Kleidungsstücke, Decken und Spielzeug abgeben wollten. Die Bundeskanzlerin hatte Tags zuvor in einer Ansprache den mantra-ähnlichen Satz: „Wir schaffen das!“ geäußert, und schien damit die ohnehin überwältigende Hilfsbereitschaft der Münchner noch mehr angespornt zu haben. In einer Nebenstraße war der Einsatzwagen der ehrenamtlichen Helfer geparkt, an einem Biertisch davor hatte man mehrere Laptops aufgestellt, ein erschöpft wirkendes aber sehr umsichtig, routiniert und freundlich agierendes sechsköpfiges Team koordinierte die Scharen der Helfer. Einen Jubelschrei ausstoßend stellte eine etwas abseits stehende Frau mit rundlichem, gutmütigem Gesicht und zu Berge stehenden kurzen Haaren ihren dampfenden Kaffeebecher ab, stürzte auf Winnegard zu und fiel ihm in die Arme.
„Oh, seitdem Daniel mir davon erzählt hat, dass du zur Zeit in München zu tun hast, und sogar mit ihm zusammen arbeitest, freue ich mich, dich endlich einmal wieder zu sehen!“
Paul stutzte zunächst, doch dann erwiderte er inniglich die Umarmung.
„Doro… Ich freue mich auch – sehr sogar.“
Helmholzers Schwester hatte äußerlich nicht viel mit diesem gemein, sie war klein und mollig. Doch die dunklen Augen hatten den gleichen aufrechten und offenen Blick. Freundlich lächelnd wandte sie sich Kate zu und fasst diese sanft am Arm. „Ihr seid miteinander verbandelt? – Cool! – Und ganz toll, dass du uns heute wieder helfen möchtest. Wir sind beide wieder an der Wasserausgabe eingeteilt, so wie gestern, zunächst für eine Vier-Stunden-Schicht. Wenn du dann noch fit bist und Lust und Laune hast, kannst du sehr gerne länger bleiben.“
Doro griff nach ihrem Kaffee und trank ihn in schnellen Zügen. Sie gab Paul einen Kuss auf die Wange. „Wenn es deine kostbare Zeit erlaubt, dann würde ich dich ganz gerne die Tage mal mit Kate zu mir zum Essen einladen. – Sweetheart, wir müssen, unsere Schicht fängt gleich an.“
Kate strich Winnegard sanft über das Gesicht, flüsterte: „Wir sehen uns heute Abend, Baby.“, dann wandte sie sich ab und folgte Doro. Jenseits der Arnulfstraße war vor dem sogenannten Holzkirchner Flügelbahnhof eine regelrechte Zeltstadt aufgebaut worden. Wie in den Tagen zuvor wurde von Bundespolizisten und Freiwilligen die unablässig strömende Lawine der Flüchtlinge in Schach gehalten und zu den Erstversorgungs-, Rot-Kreuz- und Registrierungspunkten geleitet.
Trotz der angespannten Lage hatten die Behörden sowie das Heer der Hilfskräfte die Situation ganz ohne Zweifel in der Hand, sie agierten ruhig, besonnen, sachlich und freundlich. Paul hatte seit jeher viel Bewunderung für jene Wesenszüge gehegt, die man mit dem Schlagwort „Deutsche Gründlichkeit“ zu umschreiben pflegt, hier kamen diese auf beispielhafter Weise zum Ausdruck.
„Es ist nicht auszuschließen, dass unter den Füßen dieser Menschen eine Atombombe tickt… Wir müssen sie finden, schnell finden… Wir müssen sie finden.“
Er wandte sich um und eilte Richtung Innenstadt…

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