Starlight Sue (5)…

Ben startete mit versteinertem Gesicht die Jacht und steuerte sie zurück. Von der Gartenpforte her näherten sich langsam die Nachbarn, ein Partyservice hatte inzwischen auf dem Rasen einige Klapptische aufgebaut und darauf ein Bufett aus Sandwiches, Cupcakes, Donuts, Salaten und Burgern arrangiert, aus einem riesigen, versilberten Kühler ragten anmutig die schlanken Hälse einer Batterie Weinflaschen, ein halbes Dutzend Thermoskannen mit dampfend heißem Kaffee drängelte sich an Karaffen mit Säften und Softdrinks.

Während Beth abseits stand, beobachtete sie ihren Bruder, der einem Schmetterling gleich von Grüppchen zu Grüppchen flatterte, und sich dabei prächtig zu unterhalten schien. Wie leicht es ihm doch fiel, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. Wie gut er auf Andere eingehen konnte, ohne sich anzubiedern. Er schien sie alle noch zu kennen, die Bewohnerinnen von Marathon Key. Sie hatte sich ihnen schon seit langem völlig entfremdet und verspürte nicht den geringsten Drang, erneute Bande zu knüpfen. Und dennoch war da dieser leise Hauch von Einsamkeit, unüberbrückbarer Fremdheit, des ausgeschlossen sein.

Vom Nacken her fühlte Beth eine unangenehme Verspannung aufsteigen, dazu ein eigenartiges Brennen in den Augen, und einen dumpfen Druck im Schädel. Sie wusste, was diese Warnzeichen zu bedeuten hatten. Sie stellte ihr Glas ab, wandte sich entschuldigend an ihre Mutter, und stieg hoch ins Refugium des „alten Eisenfressers“. Nach kurzem Suchen fand sie in ihrer Handtasche das Sumatriptan-Nasenspray und inhalierte es. Eine ungeheure Mattigkeit ergriff sie, mühevoll schlüpfte sie aus der schwarzen, weit geschnittenen Tunika und ihrer Hose, das Beziehen der Bettcouch mit der bereit gelegten Wäsche kostete sie das letzte Quäntchen Kraft, aufseufzend ließ sie sich auf das kühle Lager fallen, und war nach kurzem tief und fest eingeschlafen.

Als sie wieder erwachte, war es bereits dunkel. Durch die immer noch weit geöffneten Fenster drangen sanft das Rauschen der Brandung jenseits der Insel, die Melange aus Rosen- und Meeresduft in das Zimmer. Beth setzte sich langsam auf. Sie fühlte sich benommen und immer noch schwach, doch die Migräne war weg. Sie knipste das Leselicht über dem Kopfende an. Wuchtig kauerte vor den Fenstern der Schreibtisch ihres Großvaters, die Wände links und rechts waren mit bis zur Decke ragenden, gut gefüllten Bücherregalen versehen, über der Bettcouch hing in protzigem, vergoldeten Rahmen ein Ölgemälde, das Fort Zachary Taylor darstellte, die einstige Militärbasis auf Key West. Dort hatte Erzählungen des „alten Eisenfressers“ zufolge der Urgroßvater sein Leben als Navy-Offizier gefristet und nicht nur die „Kittridge-Dynastie“ gegründet. Boshaften Gerüchten zufolge hatte mindestens die Hälfte der Key-West-InsulanerInnen den alten Commander Hal unter seinen Vorfahren.

Im Haus war es still, vermutlich war ihre Verwandtschaft bereits zu Bett gegangen. Beth verspürte ein leichtes Hungergefühl, sie schlang ihren Morgenmantel um sich und wandte sich zur Tür, um in der Küche nachzusehen, ob es noch Überreste des Bufetts gab. Doch dann hielt sie inne und fuhr sich mit der Rechten ans Ohr. Sie musste sich im Schlaf das Ohrgehänge abgestreift haben, den kostbaren, in Silber gefassten Türkis, echten Navajo-Schmuck, den Hike ihr neulich von einem Auftrag in Nevada mitgebracht hatte.

Sie durchwühlte mit tastend suchenden Händen die Bettcouch, ohne Erfolg, dann kniete sie nieder und spähte unter das Möbel. Ganz weit hinten, an der Wand, sah sie einen silbrigen Schimmer, doch ihre Arme waren zu kurz. Sie stand auf, packte das Kopfteil und zerrte mit einem Ruck die Couch in die Mitte des Zimmers. Aufatmend griff sie nach dem Geschmeide und stutzte. Über der Fußbodenleiste war eine kleine Schublade in die Wand eingelassen. Sieh mal einer an, der „alte Eisenfresser“ hatte ein Geheimversteck!… Dann wollen wir doch mal nachsehen, was sich darin verbirgt. Beth zog an der Klappe und ihr Blick fiel auf einen Stapel in dunkles Leder gebundene Notizbücher. Grandpa’s Memoiren? Sie nahm die Bücher an sich, schob das Lager zurück an die Wand, kuschelte sich in die Bettdecke und begann zu blättern, ihren Hunger hatte sie völlig vergessen.

Die spinnwebenartige Schrift des Generals war mühelos zu lesen, der Inhalt belanglos und öde, unpersönliche Aufzeichnungen des Militäralltags, seinen Reisen und Einsätzen als Militärischer Berater des Weißen Hauses, lange Zahlenkolonnen, der „alte Eisenfresser“ war ein Geizkragen per excellence gewesen, und hatte über jeden ausgegebenen Cent penibel Buch geführt. Beth überflog die Notizen rasch, nach kurzem schon wuchsen Desinteresse und Enttäuschung. Keinerlei intime Anmerkungen über Privatleben und Familie hatte der Großvater zu Papier gebracht, keine schlüpfrigen Details, weder Skandale noch Andeutungen irgendwelcher Affären, nicht die geringsten menschlichen Regungen. Gähnend schlug sie den letzten der insgesamt fünf Bände auf. Hastig rasten ihre Augen über die Zeilen. Und dann stieß sie auf eine Eintragung, die ihren Atem stocken und ihr Herz aus dem Tritt geraten ließ…

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Starlight Sue (4)…

Sie passierte den kleinen Flughafen von Marathon Key. Linkerhand lockte das Reklameschild des Siesta Motels mit der Anzeige „Zimmer frei“ – gut zu wissen, falls es zu Reibereien kommen sollte. Zwischen dem schlichten Kubus der „Allied Florida Insurance“ und Herbie’s Fischrestaurant führte rechts eine kleine, schmale Straße Richtung Westen, Richtung Elternhaus. Beth bremste ab, setzte den Blinker und bog ein.

Das stattliche, zweistöckige Anwesen des „alten Eisenfressers“ überragte die beiderseits des Wegs locker hingestreuten, weiß getünchten, niederen Bungalows. Es mutete fremd an, passte so gar nicht zu dem hier üblichen subtropischen, locker-leichten Karibik-Flair, ähnelte mit seiner rötlich-braunen Steinfassade und dem steilen Dach einem jener stattlichen Herrenhäuser, wie sie in Neuengland häufig zu finden sind. Als General Kittridge seine Baupläne vorgelegt hatte, hatte der Bauleiter den Kopf geschüttelt und geknurrt: „Was für ein Wahnsinn! Der erste Hurrican wird Ihnen diesen Klotz zum Einsturz bringen und Sie und Ihre Familie zu Brei zermalmen.“

Er hatte sich geirrt. Gut sechzig Jahre nach seiner Errichtung trotzte das große Haus immer noch wacker allen Stürmen. Zum Schutz vor Fluten lag es auf einer kleinen, künstlichen Anhöhe, sanft fiel der gepflegte Rasen zu jener stillen Lagune hin ab, die von der kleinen, der Küste vorgelagerten Insel Whale Key gebildet wurde. Eingerahmt wurde der stattliche Bau von einer dichten Hecke tiefroter Rosen, die bis in den späten Herbst in voller Blüte stand.en Als sie geparkt hatte und ausgestiegen war, verharrte Beth eine Weile neben dem Wagen, die Augen geschlossen, das unvergleichliche Duftgemisch von Rosenblüten und Meeresbrise tief einatmend. Dieser eigentümliche, aromatische Wohlgeruch war das Einzige, was sie an diesem Familiensitz lieb gewonnen hatte und in der Ferne stets vermisste. Sie holte ihren kleinen Rollkoffer aus dem Leihauto, passierte die weiß lackierte Pforte und stieg zum Eingang hoch.

Ihre Mutter stand wartend in der Tür, hoch gewachsen, zierlich, in ein perfekt sitzendes schwarzes Kostüm gekleidet, mit einem zierlichen Spitzentaschentüchlein die kleine Stupsnase betupfend – eine Spur zu theatralisch, wie es Beth schien.

„Endlich bist du da – konntest du nicht einen früheren Flug buchen?“

„Hallo, Mum – gut siehst du aus, ich mag dich auch.“, konterte Beth, hauchte einen Kuss auf die faltige Wange, genoss boshaft die verdatterte Sprachlosigkeit der alten Frau, und trat in den die gesamte Frontseite des Hauses einnehmenden Wohnraum. Ben war zum Glück schon da, und sie fiel ihrem Bruder mit einem leisen Jubelschrei in die Arme, er drückte ihr breit grinsend einen kräftigen Schmatz auf die Stirn und reichte sie dann weiter an ihre Tanten mütterlicherseits, Lalie und Kate, die Schwestern ihres Vaters Chris und Cora, und deren Männer. Erste Neuigkeiten wurden im hastigen Telegrammstil ausgetauscht, jemand reichte Beth ein Glas Weißwein. Sie nippte vorsichtig an dem beschlagenen Glas. „Donnerwetter, es ist ja noch nicht einmal Mittag!“

„Ach, wir haben schon kurz nach dem Frühstück mit dem Trinken angefangen, du musst dich ran halten, um uns einzuholen, wir haben dir einige Gläser voraus.“, scherzte Ben. Ihre Mutter gesellte sich zu ihnen. „Da die Gästezimmer alle belegt sind, Beth, wirst du die Nacht im Arbeitszimmer deines Großvaters verbringen müssen.“

Die Angesprochene verzog missbilligend das Gesicht. Sie hasste diesen Raum. Auch nach so vielen Jahrzehnten hing immer noch der Gestank ungezählter kubanischer Zigarren darin, und es gab kein richtiges Bett, sondern lediglich eine abgenutzte und durchgesessene Schlafcouch.

„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich in Washington geblieben. Das sieht der Alten ähnlich, mich ins letzte Loch einzuquartieren. Ich zieh ins Sierra Motel!“, maulte Beth. Ihr Bruder griff nach ihrem Koffer und lächelte schief. „Mach keine Zicken, bitte… Ist doch eine große Ehre, die Nacht in der Denkstube des ‚Eisenfressers‘ verbringen zu dürfen – oder etwa nicht?“

Das Zimmer lag unter dem Dach, die Fenster, welche Beth sofort nach dem Eintreten sperrangelweit aufriss, wiesen nach Westen. Friedlich lagen die Bucht und Whale Key zu ihren Füßen, am Bootsanleger dümpelte Bens‘ alte Motorjacht träge vor sich hin, sie war mit schwarzen Tüllschleiern verhängt, im Heck hatte man ein niederes, gleichfalls schwarz verkleidetes Podest errichtet.

„Aha, das ‚Seemannsbegräbnis‘.“, murmelte Beth sarkastisch. „Richtig.“, entgegnete Ben ruhig. „Spiel mit, Schwesterherz. Unser Vater hat in seinem Leben so viel Unglück und Unfrieden erleiden müssen, er soll wenigstens eine friedliche Bestattung haben.“

Nachdem sich die Geschwister wieder zu den Verwandten gesellt hatten, nahm ihre Mutter mit großer Geste die kupferfarbene, schlichte Urne hoch, die auf dem Kaminsims gethront hatte, sie gemessenenen Schrittes vor sich her tragend, als handelte es sich um den Kultgegenstand einer heidnischen Messe, und sie die Hohepriesterin, marschierte sie den Anderen voraus Richtung Boot.

Ben steuerte die Jacht ein paar hundert Meter hinaus auf den türkis schillernden Golf von Mexico, dann stoppte er und warf einen Treibanker aus. Die Witwe entfernte den Deckel der Urne und kippte voll tragischer Grandezza die graue, feine Asche ins Meer. Da kam ein plötzlicher, kurzer Windstoß auf und fegte die pulverisierten Überreste des Major Generals zurück. Ein Staubschwall hüllte das fein modulierte Gesicht der Witwe ein. Mit einem heiseren Schrei stieß die alte Frau die Urne beiseite, fuhr sich mit den Händen über die Augen und begann krampfhaft zu husten. Das einer Vase ähnelnde, bronzene Behältnis kippte über die Reling und versank leise gurgelnd.

Beth schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut los zu prusten. Sie fing einen düsteren Blick ihres Bruders auf, und erlangte mit Mühe ihre Beherrschung zurück. Ben hatte Recht. Auch wenn Josua Kittridge in ihren Erinnerungen nur als ein düsterer, nicht greifbarer Schemen existierte und vom Ideal eines fürsorglichen und nahbaren Vaters denkbar weit entfernt gewesen war, so etwas hatte er nicht verdient.

… Fortsetzung folgt…

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Starlight Sue (3)…

Ihre Mutter versuchte krampfhaft, mit großenteils völlig frei erfundenen Geschichten der Außenwelt ein heiles und harmonisches Familienbild vorzugaukeln. Sie vergötterte Ben und ließ an Beth von deren früher Kindheit an kein gutes Haar. Eine traumatisierende Gemengelage, hätte es die innige und bedingungslose Liebe der Geschwister füreinander nicht gegeben.

Sobald als möglich dieser verstörenden Situation zu entfliehen, wurde schon bald der größte Wunsch von Beth und ihrem Bruder. Dem Mädchen war das Glück hold, es ergatterte eines der heiß begehrten Harvard-Stipendien. Ben, der eine gute Portion des musikalischen Talents seines Erzeugers geerbt hatte, stahl sich kurz nach Beths‘ Auszug bei Nacht und Nebel aus dem Haus, lediglich einen hastig gepackten Rucksack und seine Gitarre mit sich führend.

Beth studierte Geschichte im Hauptfach. Während der ersten Semesterferien zog sie als Rucksacktouristin durch Deutschland, und begeisterte sich dabei so sehr für dieses Land, dass sie sich danach auf dessen Geschichte spezialisierte. Ihre Magisterarbeit, die mit Summa Cum Laude bewertet wurde, hatte die Kurfürsten und ihren Einfluss auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zum Thema. Ihre Professoren sagten ihr eine beispiellose Karriere voraus. Woher ihre Affinität ausgerechnet für jenes mitteleuropäische Land stammte, konnte sie sich nicht erklären. Unter ihren Vorfahren hatte sich ihres Wissens nicht ein einziger Deutscher befunden. „Vielleicht bist du ja in einem früheren Leben mal ein ‚Kraut‘ gewesen.“, pflegte ihre Harvard-Zimmergenossin Carmen gerne zu witzeln.

Ben hatte recht schnell als Jazz-Gitarrist mit eigener Formation in der Fachwelt Beachtung gefunden. Als er anlässlich eines großen Musik-Festivals in New York gastierte, traf sie ihn, lernte dabei den faszinierenden und verführerischen Schlagzeuger einer Metallica-Band kennen und verliebte sich von jetzt auf gleich bis über beide Ohren – ausgerechnet sie, die stets Kühle und Kopfgesteuerte. Nach einer endlosen, heillos verrückten Liebesnacht erwachte sie in einem kühl und unpersönlich ausgestatteten Hotelzimmer, und ihr erster Blick fiel auf das heraus gerissene Blatt eines abgegriffenen Terminkalenders: „War schön mit dir. Bist ne heiße Braut. Bin auf dem Weg zurück nach Kalifornien, steh‘ nicht so auf Beziehungskram. Leb wohl.“

Ein paar Monate später musste sie feststellen, dass dieses leidenschaftliche Intermezzo nicht ohne Folgen geblieben war. Sie brachte Zwillinge zur Welt – Maud und Benedict – in ihrer Familie schien das dafür verantwortliche Gen besonders aktiv zu sein, und in dem Augenblick, als deren erste, erstaunlich kraftvolle Schreie an ihre von den Schmerzen einer harten und lang sich hinziehenden Geburt noch halb tauben Ohren gedrungen waren, hatte sie ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Pfeif‘ auf eine Karriere, was gibt es Wichtigeres und Schöneres als diese beiden kleinen, unglaublich wundervollen Wesen.

Die Sprößlinge waren nun Fünfundzwanzig – unfassbar, wie schnell die Jahre dahin gegangen waren! – und verheiratet, sie hatten sich am gleichen Tag in der gleichen Kirche trauen lassen, und die ersten beiden Enkel – oder vielleicht auch vier – waren unterwegs. „Vielleicht klappt es ja, und du wirst an deinem fünfzigsten Geburtstag Oma.“, hatte Benedict sie während ihres letzten Telefongesprächs vor ein paar Tagen geneckt. „Ach, du! Hör bloß auf!“, gab sie ihm verdrossen zur Antwort. Sie hasste es, alt zu werden, und „Großmutter“ war in ihren Augen das Synonym für „alte Schachtel“.

Beth warf einen zornigen Blick in den Rückspiegel, ein sehr dicht auffahrender Pickup hatte ihren Unmut erregt. Nachdem der Verfolger in Richtung eines großen Supermarktes abgebogen war, blieben ihre Augen kurz an ihrem Spiegelbild hängen. Ihr ursprünglich weizenblondes Haar, das sie sehr kurz geschnitten trug, war fast schon weiß, es bildete einen köstlichen Kontrast zu ihrem immer noch ziemlich jugendlich wirkenden Gesicht, in dem alles ein wenig zu groß geraten schien – der Mund, die leicht gebogene Nase, vor allem die intensiv blauen Augen. An Volumen zugelegt hatte seit Beginn der Wechseljahre auch ihre einstmals zwar kräftige, aber immer sportlich-schlanke Gestalt. Mittlerweile schleppte sie gut zwanzig Kilo Übergewicht mit sich herum, zum Glück recht gleichmäßig verteilt, jeder Versuch, sich der überflüssigen Pfunde wieder zu entledigen, war bislang kläglich gescheitert.

„Du gefällst mir so, wie du bist.“, bekräftigte Hike, ihr Lebensgefährte, ein etwas exzentrischer Portraitmaler, mit dem sie seit ein paar Jahren ein hübsches Häuschen mit Atelier im vornehmen Washingtoner Viertel Georgetown bewohnte. Beth empfand die Beziehung zu ihm als amüsant und angenehm, denn er ließ ihr sehr viel Freiraum, was auf Gegenseitigkeit beruhte, auch wenn sie stark vermutete, dass er nebenbei schon einige Affären gepflegt hatte. Sie war viel zu kopfgesteuert, um Eifersucht zu empfinden. Er war keineswegs das, was sie als ihre große Liebe bezeichnen würde, aber es war schön und beruhigend, nicht allein zu sein. Zudem konnte er weitaus besser kochen und backen als sie.

Um sich und ihre beiden Kinder ordentlich durchzubringen, hatte sie lange Jahre als Dozentin einer kleinen und namenlosen Universität im Mittelwesten gearbeitet. Seit der Wiederwahl des Präsidenten hatte sie einen Posten als Beraterin des Außenministers inne, eine Empfehlung ihres früheren Lieblingsprofessors, einige hoch dotierte Preise für Veröffentlichungen in der Fachpresse, und der immer noch wohlbekannte Name Kittridge hatten ihr den Weg in die Bundeshauptstadt geebnet.

… Fortsetzung folgt…

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Starlight Sue (2)…

  1. Die Büchse der Pandora

Bei Florida City mündete der Florida Turnpike, jene vielspurige Schnellstraße, die den Sunshine State von Norden bis in den tiefen Süden durchzieht, in die A 1 A, auch Oversea’s Highway genannt. Inzwischen hatte Beth sich mit dem blau metallic schimmernden Leihwagen vertraut gemacht, den sie am Flughafen angemietet hatte. Sie war froh, Miami’s Berufsverkehr nunmehr entkommen zu sein, dieser die Nerven arg strapazierenden, endlosen Blechlawine, welche sich in den schwülwarmen Morgenstunden über die ganze Breite der insgesamt sieben Fahrspuren in jede Richtung zäh dahin gewälzt hatte. Aufatmend lockerte sie ihren Griff um das Lenkrad, langsam gen Süden gleitend startete sie den Sendersuchlauf des Autoradios. Ihr stand der Sinn nach besänftigenden, klassischen Tönen. Sie hatte es nicht eilig, denn der Anlass dieser Reise zu ihrem Elternhaus, das sie lange Jahre nicht mehr aufgesucht hatte, war kein erfreulicher.

Vor zehn Tagen hatte spätabends ihr Zwillingsbruder, Ben, angerufen: „Paps ist tot. Gehirnschlag. In der Klinik konnte man nichts mehr für ihn tun. Mutter will ein Seemannsbegräbnis veranstalten, auf dem Meer, ein wenig westlich von Whale Key. Sie sagt, das gehöre sich so für einen Soldaten.“

Beth verzog höhnisch die Lippen. Ein Seemannsbegräbnis für ein alt gedientes Mitglied der US Air Force. Wie lächerlich!

Sie empfand im Grunde genommen weitaus mehr Erleichterung über den Tod ihres Vaters als Trauer.

Er war der einzige Sohn General Benjamin Kittridge’s gewesen, eines überaus ehrgeizigen und strengen Karrieresoldaten, der es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs sogar zum militärischen Berater des damaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt gebracht hatte.

Dass Josua in die Fußstapfen seines Erzeugers treten musste, stand völlig außer Frage. So wurde der Knabe bereits von frühester Kindheit an gedrillt und geschliffen. Im Hause der Kittridges gab es kaum ein liebevolles Wort, geschweige denn menschliche Wärme, oder gar Zärtlichkeit, nur von morgens früh bis abends spät eisigen, harten, lauten Kasernenhof-Drill, hatte eine der Schwestern Josua’s ihrer Nichte Beth während einer Familienfeier verraten, nachdem ihr ein gehöriges Quantum süßen kalifornischen Weißweins die Zunge gelockert hatte. Von Laura, Benjamins Frau, die sich strikt dagegen verwahrte, von Beth und Ben Grandma genannt zu werden, konnte Josua keine Hilfe erwarten. Die Nachfahrin eines in den Südstaaten immer noch glühend verehrten Bürgerkriegshelden glich im Wesen dem General aufs Haar.

Josua beugte sich dem gestrengen Vater, obwohl sein Herzenswunsch gewesen war, Musik zu studieren, es gab kaum ein Instrument, das er nicht bereits nach kurzem Üben auf geradezu geniale Weise beherrschte. Nachdem Kittridge Junior sein Studium an der renommierten Militärakademie West Point aufgenommen hatte, packte sein Highschool-Musiklehrer voller Verzweiflung, Gram und Hass auf den General, von jedem hinter vorgehaltenen Händen „Der alte Eisenfresser“ genannt, die Koffer und verließ den Süden Floridas mit unbekanntem Ziel. „Müsste ich diesem alten Dreckschwein, das seinem Sohn durch Dummheit, Arroganz, Dünkel und Sturheit eine einzigartige musikalische Karriere verbaut hat, weiterhin über den Weg laufen, könnte ich für nichts garantieren. Ich könnte mich selbst vergessen, und diesem widerlichen Subjekt eines Tages den Schädel einschlagen.“, so ließ der allseits beliebte Pädagoge in seinem letzten Gespräch mit der Schulleitung einst verlauten.

Trotz West Point und des „alten Eisenfressers“ unermüdlichem Drill blieb Josua der große militärische Erfolg verwehrt, er fristete sein Dasein als „Bürohengst von Rang“ auf der US Air Force Base Pensacola.

Beth überlief immer noch ein Schaudern, wenn sie an ihren Großvater dachte, obwohl sie diesem nur einige wenige Male anlässlich großer Familienfeste begegnet war. Er war von einer strengen, asketischen Schönheit gewesen, schlank, hochgewachsen, körperlich ausgesprochen ansehnlich, doch er hatte eine schier den Atem beraubende Gefühlskälte ausgestrahlt. Er starb, als sie und Ben zwölf Jahre alt gewesen waren. Sie empfand so etwas wie ein Gefühl der Freude, und schämte sich gleichzeitig dafür, als der üppig mit Blumen geschmückte, schwarzhölzerne Sarg in die Gruft gesenkt wurde.

Nur wenige Jahre danach wurde aufgrund neuer technologischer Entwicklungen Major General Josua Kittridges‘ Posten bei der Flugüberwachung aufgelöst und man schickte ihn in Frühpension. Zusammen mit seiner Frau Emilia, und den beiden halbwüchsigen Kindern siedelte er nach Marathon Key um, in das Altersdomizil, welches der „Eisenfresser“ sich in den fünfziger Jahren hatte erbauen lassen.

Bald wurde offenkundig, dass Beths‘ Vater unter schweren Depressionen litt. Er zog sich in ein großes, ebenerdiges Zimmer zurück, von dessen westlicher Fensterfront man auf den stillen, menschenleeren, bewaldeten Rücken der kleinen, lang gezogenen Insel Whale Key blickte. Doch beinahe ständig waren die Rollos herunter gelassen, um jegliches Licht auszusperren. Ununterbrochen, bei Tag und Nacht, flimmerte stumm der Fernseher. Fast immer, nur dreimal täglich durch aufgezwungene Mahlzeiten unterbrochen, lag Josua Kittridge auf der Bettcouch, umgeben von seiner Sammlung Musikinstrumente, von denen er einmal das eine, dann wieder ein anderes in die Arme nahm und hingebungsvoll streichelte, als wäre es ein innig geliebtes Wesen. Doch nie erklang Musik.

Fortsetzung folgt…

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Starlight Sue (1)…

Prolog: 24. April 1944

Zarte Dunstschleier senkten sich in der anbrechenden Dämmerung über die sanft gewellten Felder und Haine rund um Mildenhall, Suffolk, etwa zehn Kilometer Luftlinie von der berühmten Abtei von Ely, sowie ca. fünfzig Kilometer von der Nordseeküste Englands entfernt. Eine rotglühende, im Abendwind leise wabernde Sonne sank dem westlichen Ende der lang gestreckten Start- und Landebahn von Mildenhall Airfield entgegen, nahe des Horizonts wurden die fächerförmigen Strahlenbündel, welche sie im letzten Aufflammen gen Himmel schleuderte, vom Dunkel eines rasch nahenden Tiefdruckgebiets ausgelöscht.

Der Asphalt des Flugfeldes vibrierte unter dem Dröhnen der Propeller. Die Phalanx der 8. Division der US American Air Force setzte sich in Bewegung, ihr Ziel war München. Die Vorhut bildeten etwa ein Dutzend zweimotorige, leicht gebaute, schnelle und ausgesprochen wendige DeHavilland Mosquitos. Sie würden einen Scheinangriff auf Karlsruhe fliegen, um die Nachtabwehr abzulenken. Ein weiterer Pulk Mosquitos würde die in ihren Bombenschächten lagernden Tonnen Stanniolstreifen über der bayerischen Landeshauptstadt abwerfen, um die Funkmessgeräte und somit die Flaks lahm zu legen, sowie mit roter Leuchtmunition die wichtigsten Angriffsziele markieren. Ihnen folgten die wuchtigen, viermotorigen B-17- und B-24-Bomber, die „Fliegenden Festungen“. Insgesamt hoben sich an diesem Frühlingsabend dreihunderfünfzig Kampfflugzeuge in den allmählich sich verdunkelnden Himmel.

Abseits des Airfields, in einem kleinen, unscheinbar grauen Hangar, arbeitete eine Handvoll Airmen konzentriert daran, einen bauchigen, etwa drei Meter langen, metallen schimmernden, zylinderförmigen Gegenstand in den aufgeklappten Bombenschacht einer Mosquito zu hieven, und in den dort angebrachten Halterungen zu befestigen. Quer über den Rumpf des Gebildes zog sich ein etwas ungelenk aufgepinselter Namenszug: „Starlight Sue“.

Yag Alone und Hart Yob, die beiden jungen Piloten, beobachteten Kaugummi kauend und mit lässig verschränkten Armen gegen den silbern glänzenden Flugzeugrumpf gelehnt, die Bodencrew. Sie waren seit langem schon gerüstet für den bevor stehenden Einsatz – olivgrüne Overalls, darüber die hellen Schwimmwesten, unter den linken Achseln schlängelten sich die Schläuche der Sauerstoffversorgung, auf den Rücken waren die Fallschirme geschnallt, die eng anliegenden Schutzkappen mit den hoch geschobenen Schutzbrillen und den seitlich davon baumelnden Atemmasken verbargen ihre kurz geschorenen Haare.

Endlich war die Montage abgeschlossen, die Mechaniker schlossen die Klappen des Bombenschachtes und sicherten ihn. Durch eine schmale Seitentür des Hangars schritt Major General Leivenston auf die stramm stehenden und salutierenden Piloten zu.

„Rühren. – Kurz eine letzte Zusammenfassung, auch wenn ihr das in den letzten Tagen bereits hunderte Male zu hören bekommen habt: Ihr haltet euch hinter und über der Achten. Captain Yob, Sie werden die Zünder der Bombe erst kurz vor Erreichen des Zielgebietes installieren. Da euer Riesenbaby schwerer und größer ist als die normalen Sprengkörper, habt ihr aus Gründen der Gewichtsersparnis nur genügend Sprit für den Hinflug in den Tanks. – Sämtliche Einzelheiten eures Einsatzes befinden sich in dieser Mappe.“ Er überreichte Yag Alone einen dünnen Aktenordner. „Präsident Roosevelt lässt Sie grüßen, er wünscht Ihnen Glück und lässt Ihnen ausrichten: ‚Bringen Sie München zum Leuchten.‘ – Meine Herren – viel Glück und Erfolg. Es war eine Ehre, mit Ihnen gedient zu haben.“ Leivenston verabschiedete sich salutierend.

Nur wenig später startete die Mosquito und glitt mit dröhnenden Motoren ostwärts, der Nordsee entgegen. Das Wetter hatte sich inzwischen verschlechtert, Wolkenfetzen rasten über den dunklen Himmel, sich zusammen ballend, wieder zerfasernd, auseinander driftend, über dem unruhigen Meer bedrohliche Türme formend. Heftige Böen und Turbulenzen rüttelten an der zum großen Teil aus Sperrholz, Fichten-, Birken- und Balsaholz bestehenden Maschine, die so manches Ächzen und Stöhnen von sich gab. „The Wooden Wonder“ wurde der leichte und extrem flinke Jagdbomber auch gerne genannt.

Nach langem Kampf gegen die instabile Wetterlage war endlich die Flughöhe von gut neuntausend Metern erreicht, nun strebte das Flugzeug ruhig seinem Ziel entgegen. Die beiden jungen Männer entspannten sich.

„’Starlight Sue‘, Yag, is‘ wohl der Spitzname deiner Herzallerliebsten, was?“, neckte Hart. Sein Flugkamerad schmunzelte unter der Atemmaske. „Yepp. Kann man so sagen.“

„Große Liebe?“

„Aber Hallo! Und wie!“

„Hochzeit schon geplant?“

Alone lachte laut auf. „Kein Kommentar!“ Sein Blick glitt über die beiden Tankanzeiger, schlagartig wurde er wieder ernst. Er klopfte kopfschüttelnd gegen die kleinen runden Scheiben „Das gefällt mir gar nicht.“

Yob murmelte: „Entweder haben sich diese Trottel bei der Treibstoffberechnung vertan, oder wir haben beim Flug über die Nordsee zu viel Sprit verbraucht. Oder beides.“

Nur wenig später, sie hatten soeben die Donau überquert, stotterten die beiden Rolls-Royce-Merlin-Motoren noch einmal kurz auf, dann verstummten sie.

„Wir schaffen das, Hart. Der Vogel hier hat einen ziemlich guten Gleitwinkel, und wir sind mit über sechshundert Sachen unterwegs. Geh nach hinten und mach‘ das Baby scharf.“

Als sie München erreichten, hatten sie bereits gut viertausend Meter an Höhe eingebüßt. Die 8. Division der US Army Air Force hatte inzwischen ganze Arbeit geleistet, unter ihnen glommen feurigen Blüten gleich ungezählte Brandherde, und der silbrige Rumpf des Mosquito bohrte sich in die empor quellenden Rauchschwaden. Rechts unter sich erkannte Gay die hochragenden Reste zweier neugotischen Türme eines zerbombten Gotteshauses.

„Wir sind im Zielbereich… Eigentlich wollte ich uns nach dem Abwurf in die Schweiz bringen, Kumpel. Die Grenze ist nur etwa zweihundert Kilometer von hier entfernt, wir hätten in einem kleinen Tal in den Alpen notlanden können und wären in Sicherheit gewesen.“

„Dumm gelaufen, Yag. – Aber ehrlich gesagt, uns beiden ist doch von Anfang an klar gewesen, dass wir uns da auf ein Himmelfahrtskommando einlassen.“

Alone betätigte einen Hebel und öffnete den Bombenschacht. Ein metallisches „Klank!“ war zu vernehmen, als die Halterungen die tödliche Fracht frei gaben.

Wie ein Sternschnuppenschauer rasten an Steuerbord von unten funkelnde Geschosse auf das Flugzeug zu. Nur Sekunden später erfolgten die Einschläge, sie zerrissen krachend und splitternd die rechte Tragfläche, einen Teil des vorderen unteren Rumpfes und die Frontscheibe.

„Scheiße! Flak-Beschuss! Los, sofort aus hier, Hart!“

Während die Maschine in den Sturzflug kippte, entledigten sich die beiden Piloten mit fliegenden Fingern ihrer Gurte, entriegelten die Cockpithaube, stießen sich ab und zogen die Reißleinen ihrer Fallschirme.

Mit einem Ruck wurde Yag nach oben gerissen, weg von der ins tödliche Flachtrudeln geratenen Mosquito. Hilflos musste er voller Entsetzen mitansehen, dass sich der Fallschirm seines Co-Piloten am Leitwerk des Flugzeugs verfangen hatte. Hart schlug wild um sich, und Alone konnte starr vor Grauen seine Blicke nicht abwenden, bis eine Säule stinkenden Qualms ihn einhüllte und ihn zwang, die Augen zu schließen.

Die Bombe hätte schon längst explodieren müssen, mit einem glühenden Lichtblitz, heller als die Sonne, und einer alles Leben im Umkreis von vielen Kilometern vernichtenden Druckwelle. Doch nichts dergleichen war geschehen.

„So ein Scheißtag!“, stieß der junge Kampfpilot zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Er fühlte einen starken, pochenden Schmerz in seiner rechten Schulter, und warmes Blut seinen Overall durchnässen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Fortsetzung folgt…

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Urlaubserinnerungen – Kreta – Busfahren und die Samaria-Schlucht (2)…

… Die fünf Schwaben und ich waren mit Ausnahme der flippigen Reiseleiterin die einzigen Deutschen an Bord, der Rest der ungefähr fünfzigköpfigen Truppe bestand aus Holländern, also reinsten „Flachlandtirolern“. Als sich die goldrote Kugel der Sonne aus dem bleifarbenen Meer schob, bogen wir bei Chania ab und schraubten uns nach einer kurzen Fahrt durch Obst- und Walnussplantagen auf einer engen Straße mit vielen haarsträubenden Spitzkehren hoch in die Levka Ori, die Weißen Berge. Es dauerte nicht lange, und von den hinteren Sitzreihen ertönten die ersten Würgegeräusche. Die Schwaben und ich hatten allerdings viel Spaß an der rasanten Bergfahrt und quittierten jede der Haarnadelkurven, wenn es für Augenblicke den Anschein hatte, als würden die vordersten Plätze über dem Abgrund schweben, mit ausgelassenem Jodeln…

… Wir erreichten Omalos, den Ausgangspunkt der Wanderung. Der riesige Parkplatz war bereits gut gefüllt und Heerscharen von Urlaubern trotteten auf den Eingang der Samaria-Schlucht zu. – Nach einer zünftigen Brotzeit in einer großen Taverne gab uns die Reiseleiterin, eine sehr erfolgreiche Bergläuferin, etliche Ermahnungen mit auf den Weg, wie eine solche Exkursion in der Hitze des Mittelmeersommers am vernünftigsten anzugehen sei. Die meisten Holländer schlugen die gutgemeinten Ratschläge in den Wind und trabten dem stufenreichen, an die tausend Meter Höhenunterschied überwindenden Abstieg zur Talsohle entgegen. Die Schwaben und ich machten zunächst einmal etwas Aufwärmgymnastik, um die Muskeln zu lockern…

… Dann nahmen wir die Serpentinen und unzähligen Schwellen der Xylóskalo, der hölzernen Treppe, in Angriff. Die hoch aufragenden, schroffen Felswände waren beeindruckend und malerisch, ein Gebirgsbach strömte nach einem atemberaubenden Wasserfall gischtend und brodelnd talwärts, ein intensiv blauer Himmel überwölbte an diesem bildschönen Sommermorgen die grandiose Szenerie, und herzerwärmendes Vogelgezwischter ertönte – so selten auf Kreta. Wir legten immer wieder Pausen ein, um dieses Panorama in uns aufzunehmen. Kindisch, wie wir waren, machte es uns viel Spaß, dass es gar nicht lange dauerte, und wir fast alle Holländer aus unserer Gruppe überholt hatten. „Yassu!“, grüßten wir jedesmal mit einem breiten Grinsen, wenn wir steten Schrittes an einem der krampfhaft sich abwärts tastenden Mitmenschen vorbei trabten…

… Ich habe während einer Bergtour noch nie so viele Variationen von unpassendem Schuhwerk vor Augen bekommen, obwohl in jedem Reiseführer und auch beim Buchen der Tour deutlich darauf hingewiesen wurde, sich adäquat auszurüsten. Ich sah Pumps mit sieben Zentimeter hohen Absätzen, und die Fußknöchel darüber waren nach einem Bruchteil des Weges grotesk angeschwollen, ich sah goldfarbene Riemchensandaletten, ohne die geringste Andeutung eines Fußbetts, und FlipFlops, deren Besitzer sich über den Pfad schleifte, als ginge er auf rohen Eiern, ich sah Ballerinas, die sich buchstäblich auflösten, die Stofffransen standen nach allen Himmelsrichtungen ab und die Sohlen hatten Löcher, durch die man einen Daumen hätte stecken können, ich sah auch einen sehr asketischen Typen mit Irokesenfrisur, der die Strecke barfuß in Angriff genommen hatte, aber der musste mit einem Fakir verwandt gewesen sein, denn während seine staubbedeckten Füße sich durch Sand, über groben Kies und scharfkantiges Geröll mühten, hatte sein Gesicht einen völlig entrückten Ausdruck inne und seine Augen waren so leer wie Glaskugeln…

… Damals, vor dreißig Jahren, als sich auf Kreta zum ersten Mal zaghaft so etwas wie Umweltbewusstsein regte, hatte man die Samaria-Schlucht zum Nationalpark erklärt, alle Daumenlang passierten wir einen der uniformierten Aufseher, etliche hielten Maultiere am Zügel, auf deren Rücken sich jene Wanderer, die sich den Strapazen nicht mehr gewachsen fühlen, für sehr viel Geld entweder nach Omalos oder Agia Roumeli im Süden bringen lassen konnten…

… Dieser Tag war mit 42° im Schatten der bislang heisseste des Sommers gewesen, doch davon bekamen wir zum Glück nicht allzu viel mit. Im übrigen waren wir nach den ersten herrlichen Ausblicken auf der Xylóskalo etwas enttäuscht, denn die Landschaft ähnelte während der guten ersten Hälfte eher einem idyllischen Gebirgstal. Dichter Baumbewuchs schirmte uns wohltuend von der sengenden Sonne ab und der Weg führte fast immer am Ufer des Baches entlang…

… Nach etwa zwei Stunden erreichten wir über den malerischen Bogen einer Steinbrücke das verlassene alte Dorf Samaria, vor Jahrhunderten war das kleine Plateau, auf dem die teilweise restaurierten Gebäude sich scharten, von einem Ausläufer des nahen Libyschen Meeres umspült gewesen, an der Südseite konnte man mit Phantasie noch die Überreste alter Kaimauern entdecken…

… Die hochragenden Bergwände schoben sich nun allmählich näher und bildeten eine atemberaubende Klamm. Das Gestein schimmerte in den vielfältigsten Grau-, Grün-, Blau- und Braunschattierungen, der kühlende Luftzug des nahen Mittelmeers verstärkte sich und trocknete auch die hartnäckigsten Schweißbäche…

… Endlich war sie erreicht, die weltberühmte Sideoportas, die Eiserne Pforte, die schmalste Stelle der Schlucht, ein abenteuerlicher Durchschlupf, halb durchs rauschende Flüsschen, halb über glitschige, ausgetretene Steine hinweg, eine einschüchternde Enge, die höchstens vier Armbreit maß, zu beiden Seiten türmten sich die nackten Felsen schier siebenhundert Meter hoch. Wir verharrten eine Weile, dem befremdenden Gefühl nachspürend, vom Gestein förmlich in einen riesigen Schraubstock gepresst worden zu sein, bevor uns der Pulk der Mitwanderer weiterschob…

… Nach der Eisernen Pforte wich das Gebirgsmassiv zurück, die Landschaft wurde karg, und nun knallte uns die Sonne mit aller Macht auf die Häupter und zehrte an unseren Kräften. Aus dem frohgemuten Marschieren wurde ein lustloses Sich-dahin-Schleppen. Vreni, das Ulmer Mädchen, warf aus zusammengekniffenen Augen einen frustrierten Blick gen Himmel. „I tät mei Hemd gebe für a Radlermaß!“ – „Da wirst aber Pech habe, Schätzle, wir sin uff Kreta und ned in München im Augustiner Biergarten.“ – „Ah, wa, falls mer no lebend a Taverne erreichen sollten, b’stelln mer uns einfach sechs Fläschle Bier, sechs Seven-Ups und leere Gläsle dazu.“…

… Natürlich erreichten wir lebend die erste Taverne in der kleinen Ortschaft Agia Roumeli an der Küste am Ende der berühmt-berüchtigten Samaria-Schlucht. Nur war die erste Wirtschaft in jenem Dörflein, in welchem sich nach Sonnenuntergang Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, kein Auto existierte, und die einzige Verbindung zur Außenwelt die Fähre nach Chora Sfakion war, von Wanderern, die viel früher als wir aufgebrochen sein mussten, bis auf den letzten Platz besetzt. Ebenso die zweite. Und die dritte…

… In der vierten Taverne ergatterten wir endlich einen Tisch, der grade mal groß genug war, dass wir es uns leidlich gemütlich machen konnten. Nachdem wir eine geraume Weile ohne Erfolg versucht hatten, winkend und rufend eine Bedienung auf uns aufmerksam zu machen, kam endlich ein gelangweilt wirkender schnauzbärtiger Kellner mit pechschwarzer Mähne herbei geschlendert, die obersten Knöpfe seines weißen Hemdes waren geöffnet, Goldkettchen glitzerten auf seiner gebräunten, behaarten Brust – so ein echter griechischer Bilderbuch-Dandy also. Die Vreni orderte in fließendem Englisch: „Wir hätten bitte gerne sechs Flaschen Bier, sechs Seven Ups und sechs leere Gläser dazu.“ Der dienstbare Geist musterte uns eingehend mit einem undefinierbaren Blick aus kaffeebraunen Augen und entgegnete dann in tadellosem und akzentfreien Bayerisch: „Ja, sagt’s des halt glei, dass‘ sechs Radlermaß wollts!“… 😀

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Urlaubserinnerungen – Kreta – Busfahren und die Samaria-Schlucht (1)…

… Als neulich angenehmer Besuch aus Berlin für ein paar Tage hier in meiner Bude weilte, tauschten wir auch Reisegeschichten aus. Und da sind mir ein paar Episoden meines ersten Aufenthalts auf der wunderschönen und spannenden griechischen Insel Kreta wieder einmal in den Sinn gekommen…

… Nachdem ich mich vor ziemlich genau dreißig Jahren vom turbulenten Ende einer Beziehung mit einem Manne erholt hatte, der dem Genuss alkoholischer Getränke ungemein zugeneigt gewesen war – etwas sachte umschrieben -, drängte es mich mit aller Macht für ein Weilchen in die Ferne. Ich verbrachte zwei sowohl erholsame als auch spannende Wochen in einer kleinen Pension in Amoudara nahe der kretischen Hauptstadt Heraklion namens „Taverna Sorbas“ – dank des weltberühmten einheimischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis gibt es ungezählte gastronomische Betriebe dieses Namens auf Griechenlands größter Insel. Es dauerte nur wenige Tage, und ich hatte die schrille, laute Enklave von Hotels, Pensionen und Vergnügungspalästen insgeheim in „Klein Las Vegas“ umbenannt. Damals war ich noch jung und recht nervenstark, und von meinen tagtäglichen Streifzügen sowie ausgedehnten Abenden auf der Terrasse der Taverne stets so müde, dass mich der beinahe vierundzwanzig Stunden täglich währende Lärmpegel kaum störte…

… Als Kind der Berge und begeisterte Bergwanderin fasste ich bereits bei der Planung meines Urlaubs unter anderem eine Tour durch die weltberühmte Samaria-Schlucht ins Auge, mit stolzen siebzehn Kilometern eine der längsten Europas. Natürlich hatte ich nebst der Strand-Utensilien auch meine Bergausrüstung mitgenommen!…

… Als mich der Bus eines ansäßigen Reiseveranstalters von den taufeuchten Stufen der „Taverna Sorbas“ auflas, zeigte sich im Osten der erste Hauch eines Morgenrots. Mit schweren Augenlidern, die sich quasi noch auf Halbmast befanden – warum musste kretischer Wein auch gar so gut schmecken, und die Wirtsleute, die Gebrüder Psantadopolous, am Vorabend auch gerade zu singen und zu tanzen beginnen, wenn ich schlafen gehen wollte! -, behindert durch den schweren Rucksack und die klobigen Bergstiefel quälte ich mich nahe des Einstiegs so zügig als möglich auf einen Sitzplatz, bevor die Fahrt weiterging. Es hatte nur wenige Tage auf Kreta benötigt, um mich mit den Eigenheiten der dortigen Buslenker vertraut zu machen – sie brausten einher wie die Henker, und eine ganz besondere Spezialität schien das ruckartige, gefährlich schnelle Anfahren zu sein…

… Nur Sekunden, nachdem ich an Bord gekommen war, zeigte die Tachonadel bereits mehr als sechzig Stundenkilometer – und das in einer geschlossenen Ortschaft! Nachdem ich mich halbwegs orientiert hatte, drangen schwäbelnde Wortfetzen an mein Ohr. Ich sah mich neugierig um und meine Blicke trafen sich mit fünf zwar auch noch verschlafenen aber freundlichen Augenpaaren. Ich befand mich im fast noch leeren Bus in der Gesellschaft von vier Jungen und einem Mädel aus Ulm, die allesamt in München studierten und sich ebenfalls sehr auf die Samaria-Schlucht freuten. Das Quintett war mir auf Anhieb sympathisch…

… Nach einer guten Stunde oftmaligen abrupten Anhaltens und raketengleicher Starts hatte sich das Gefährt mit Ausflüglern gefüllt, und wir bogen in die Autobahn ein, die von Iraklion im Osten nach Rethymnon und Chania im Westen führt. Zusätzlich zu den beiden Bahnen in jede Richtung gab es auch noch eine Standspur, die von Kretern, welche sich schnellere fahrbare Untersätze leisten konnten, grundsätzlich dazu benutzt wurde, rechts zu überholen, was unser wackerer Pilot jedesmal mit einem überaus dramatischen Fanfarenklang seiner Fünftonhupe quittierte…

… Das Cockpit eines Reise- oder Linienbusses war auf der größten griechischen Insel bei weitem nicht so spartanisch und funktionell ausgestattet wie hierzulande. Da baumelten Rosenkränze und mit glitzernden falschen Steinen besetzte orthodoxe Kruzifixe an den Innenspiegeln, Heiligenbilder und die Konterfeis der Familienmitglieder zierten die Ablage, gekrönt wurde dieses Sammelsurium meist durch eine grellbunte oder verblichene Dekoration von Kränzen, Girlanden und Sträußen aus kitschigen Plastikblumen…

… Beinahe an jeder Kurve befand sich ein kleiner Altar oder Schrein oder zumindest ein Ewiges Licht in Angedenken an wohl auf den Straßen Verstorbene, und jedes dieser Mahnmale wurde mit einem Hupkonzert gewürdigt, oft musterte ich auf meinen vielen Fahrten mit den Öffentlichen beim Aussteigen den Chauffeur voller Ehrfurcht und Staunen, unglaublich, dass ein menschliches Wesen mit nur zwei Händen so gut wie zeitgleich lenken, schalten, winken, die Zigarette halten, und dazu noch beinahe ununterbrochen hupen kann! Ich habe während meiner Touren kreuz und quer über das Eiland nie einen Bus-Piloten erlebt, der nicht Kettenraucher gewesen wäre, ständig baumelte eine glimmende Zigarette zwischen den Lippen und die qualmenden Nikotinwolken wurden entweder von Anrufungen sämtlicher Heiliger, mehr oder weniger melodischem Singsang oder ausgesprochen saftigen Flüchen begleitet. Untermalt wurde dies durch dröhnende Musik aus dem Radio, je nach Alter des rasanten Fahrers war es entweder griechische Folklore oder blechernes Pop-Gedudel…

… Wird demnächst fortgesetzt… 😉

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Die Königssee-Piraten…

Am ersten Mai wird, von Blaskapelle, Trachtenverein, Freiwilliger Feuerwehr, Bürgermeister samt Gemeinderat, Pfarrer im Schlepptau einer Schar scheinbar lammfrommer Ministranten, und zahlreichen Schaulustigen geleitet, der festlich geschmückte Maibaum auf den großen Platz vor der „Bergwirtschaft“ gebracht, gezogen von vier stämmigen Haflingern, und mit viel Eifer, Geschrei, und Einsatz männlicher Muskelkraft aufgestellt. Anschließend beginnt die Festlichkeit mit allerlei ausgelassener Kurzweil wie Eierlaufen, Würstlschnappen und Sackhüpfen für die Kinder, Maibaumklettern, Scheibenschießen, Ringlstechen, Schuhplattln und Tanzen für die Erwachsenen, und das dunkel bersteinfarbene, sehr süffige Bockbier fließt in Strömen.

Zumeist. Manchmal allerdings geschieht es, dass unternehmungslustige Burschen aus einem Nachbarsprengel trotz nächtlicher Bewachung den Baum stehlen. Dieser muss dann unter zähen und langwierigen Verhandlungen und mittels großzügig bemessener Spenden an flüssiger und fester Nahrung ausgelöst werden. Natürlich ist so etwas eine Blamage für das geschädigte Dorf!

Anlässlich der Gebietsreform in den Sechzigern hatte man die beiden Ortschaften Schönau und Königssee, im weiten Berchtesgadener Tal gelegen, vereint. Zwischen den Gemeinden bestanden seit jeher gewisse Spannungen, viele Alteingesessene betrachten auch heute noch diesen seinerzeit unfreiwilligen Zusammenschluss als einen Akt bürokratischer Vergewaltigung.

Die lustigste Stammtischclique in der urigen „Bergwirtschaft“ war die „Milde Dreizehn“. Sie traf sich jeden Freitagabend und sorgten für gehörig Leben und Frohsinn. Die jungen, quirligen und ausgesprochen einfallsreichen Männer waren bei uns sehr angesehen, gute, stets fröhliche Gesellen, überaus trink- und auch spendierfreudig. Fast alle waren im Ortsteil Königssee ansässig.

Anfang der Achtziger stiftete die Forstverwaltung den Schönauern einen Maibaum, gefällt auf der Halbinsel von St. Bartholomä, welche sich wie eine grüne Zunge in den tiefdunklen, geheimnisumrankten Königssee schiebt. Einzige Bedingung: Das Geschenk musste selbst abgeholt werden. Auf dem fjordähnlichen Gewässer dürfen seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nur wenige Motorboote fahren: das vom Förster, eines gehört dem Fischer, und das dritte, ein seltsames Gefährt, eine sogenannte Plätte, dem Saletbauern, der damit seine Rinder zum und vom Obersee transportiert…

Frühmorgens um Vier tuckerte das Motorboot des Forstamtes beladen mit einem halben Dutzend Schönauern über den nachtstillen, tiefschwarzen Königssee. Ihr Ziel war St. Bartholomä. Was sie nicht wissen konnten war, dass unsere umtriebige Wirtshausclique sich durch verwandtschaftliche Beziehungen um viele Ecken den Kahn des Fischers erschlichen hatte, und bereits eine Stunde vor ihnen zur Halbinsel gefahren war.

Die Schönauer legten am Steg an, schulterten ihre stählernen Baumhaken und marschierten Richtung Wald. Kaum hatte das Dunkel sie verschluckt, prischten sich zwei von den Königsseern lautlos an das dummerweise unbewachte kleine Schiff heran. Sie hatten einen meterlangen Schlauch und einen großen Kanister bei sich, saugten aus dem Tank bis auf einen winzigen Rest den Sprit ab und verschwanden wieder hinter dem Bootshaus, wo sie bislang auf der Lauer gelegen hatten.

Eine gute Weile später, inzwischen hatte sich der Himmel zu einem grünstichigen Schiefergrau erhellt, und einige Vögel begannen zaghaft zu singen, kamen die Schönauer zurück, mit vereinten Kräften den Maibaum schleifend. Unter vielfachem „Hauruck!“ ließen sie ihn zu Wasser und vertäuten die noch mit Tannengrün bestandene Krone am Heck ihres Kahns. Dann starteten sie frohgemut den Motor und brummten los. Sie kamen nicht sehr weit, nur bis ungefähr zur Mitte des immerhin etliche hundert Meter breiten Sees. Ein letztes Blubbern, die Schiffschraube drehte sich noch einige Male kraftlos und blieb dann stehen. Ratloses Schweigen, und viele hektische, vergebliche Versuche folgten, den Außenborder erneut anzuwerfen.

Dies war der heiß ersehnte Augenblick für die ungeduldig hinter dem geduckten Bootshaus Wartenden! Sie brausten Vollgas gebend auf die Schönauer zu, die hilflos auf dem Wasser treibend vor Überraschung und Schreck wie versteinert da saßen. Eines brannte sich ihnen unauslöschlich ins Gedächtnis ein: Das überlegen schadenfrohe Grinsen der wohlweislich mit Russ unkenntlich gemachten Räuber, als diese schwungvoll beidrehten, mit einer Axt das Schlepptau kappten, die hölzerne Fracht mit den Spitzhaken längsseits holten, wendeten und Richtung Ortsufer fuhren.

Mit sehr bleichen Gesichtern, abgezehrt und hohlwangig, völlig übermüdet und schweißgebadet, denn an Bord hatte man nur zwei kleine Notpaddel gefunden, trafen die Schönauer lange nach Sonnenaufgang an der Seelände ein. Aufregung und Empörung schlugen hohe Wellen, die Angelegenheit war ungemein blamabel. Piraterie auf dem Königssee, niemand hatte einen derartigen Handstreich je für möglich gehalten! Kurze Zeit später wurde die erste „Lösegeldforderung“ überbracht.

Es war bereits Mittag, als sich endlich der Festzug mit dem freigekauften Maibaum Richtung „Bergwirtschaft“ schob. Die Mienen der Teilnehmer waren alles andere als fröhlich, auch die Blaskapelle spielte lustlos und mit vielen falschen Zwischentönen. In Folge des gemeinen Handstreichs wollte sich die Stimmung in der „Bergwirtschaft“ trotz aller kunstfertigen und kurzweiligen Bemühungen kaum über den frostigen Nullpunkt heben, und die Wirtsleute grämten sich über den schlechtesten Tagesumsatz seit Menschengedenken.

Da ging es auf der Königsseer Seite, beim „Sulzberger“, schon anders zu, wo sich die tapferen und kühnen „Piraten“ und ihr bewundernder Anhang bis weit in die Nacht feiernd und feixend schon sehr anzustrengen hatten, um ihre beachtliche Beute zu vertilgen…

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Ein ganz besonderer Einkehrschwung…

Am kegelförmigen, ungefähr zweitausend Meter hohen Jenner im Berchtesgadener Land befinden sich interessante Buckelpisten, die enorm viel Spaß bereiten, vorausgesetzt, man verfügt über einiges Können und gute Kondition. Die vergnügliche, abwechslungsreiche Abfahrt wies in früheren Jahren zudem eine spezielle Eigenheit auf: Von der Bergstation kommend musste man nach kurzer Strecke entlang des Jennergrats einen steilen Hang hinunter und danach links in eine Querpassage einschwenken, die zum Nadelöhr eines ehemaligen Holzziehwegs und somit zu den Jennerwiesen führte. Jener Linksschwung hatte es in sich. Aber keineswegs der schwierigen Technik wegen. Ein kleines Stückchen geradeaus lag in einer weichen Mulde die Mitterkaseralm, bewirtschaftet von einem wahren Original, einer Legende unter den Hüttenwirten der Nordalpen, dem Klaus-Maxei. Bei ihm gab es einen herrlich feurigen Roten, kräftige Brotzeiten, stets jede Menge handfeste Gaudi – drei gute Gründe, die Brettln der Schwerkraft zu überlassen und sich den Rest der langen Talfahrt für später aufzuheben.

Ein wunderschöner Spätwintertag mit tiefblauem Himmel und glitzerndem, blendend weißen Firn lockte mich zum Jenner – das ist jetzt bald vierzig Jahre her. Das Skifahren war der reinste Traum, überschäumende Freude brannte in jeder meiner Fasern, sang in meinem Herzen. Etliche Spezln traf ich unterwegs. Und den Willi Michl, bayerischer Bluesbarde, damals am ersten Höhepunkt seines Ruhms, sein Album „Ois is a Blues“ zählte zu den Rennern sämtlicher Musikalienhandlungen. Er hatte seine lange Mähne in einen Pferdeschwanz gebändigt, gekrönt von einer Mütze aus imitiertem Biberschwanz, trug eine handgestrickte, dicke Joppe und Bundhosen, und auf dem Rücken seine Gitarre.

Mit der Zeit fiel es mir zunehmend schwerer, die berüchtigte Linkskurve einzuschlagen, all meine Kumpels waren bereits den Verlockungen des Mitterkasers erlegen, Mittag war schon längst vorbei, und Skifahren macht sehr, sehr durstig. So gab ich gleichfalls meinem Verlangen nach, ließ die Skier geradeaus laufen und stoppte nur Augenblicke später mit einem besonders eleganten „Einkehrschwung“ vor der Hütte. Es gab ein fröhliches „Griaß di!“ und Frotzeleien von den Kameraden und ich war noch nicht einmal richtig aus den Bindungen gestiegen, da stand am in den platt getretenen Schnee gerammten groben Holztisch bereits ein gut eingeschenktes Viertel Rotwein parat. Kurze Weile später gesellte sich auch der Willi Michl zu uns.

Wir lehnten faul und selig an der mit ausgebleichten Schindeln verkleideten Kaserwand, schmausten Speck und würzigen Almkäs‘ und ließen uns genüsslich die Wintersonne auf den Pelz brennen. Mit der Zeit wuchsen die Schatten, und ein unangenehm eisiger Wind hauchte durch die Mulde. Der Klaus-Maxei wies mit der Hand auf die sperrangelweit geöffnete Eingangstür und ein gutmütiges Grinsen machte sich auf seinem ständig geröteten, verwitterten Gesicht breit. „Kommt‘s doch nei, drinnen ist‘s jetzt vui griabiger.“

Wir schlugen uns alle warnenden Erinnerungen an frühere Mitterkaser-“Abstürze“ aus dem Sinn und folgten fröhlich seiner Einladung. Die klobigen Skischuhe polterten über die vernarbten Bodendielen, Tische rückten, Stühle scharrten, Gläser klirrten. Der Willi Michl hatte seine Klampfe im Schoß und hub leise an zu präludieren. Wir forderten ihn begeistert auf, eines seiner bayerischen Blueslieder vorzutragen, er schmunzelte verschmitzt in seinen üppig wuchernden Vollbart und ließ sich nicht lange bitten.

Zwei Skiwachtler traten ein, sie hatten in ihrer Bergrettungs-Ausrüstung auch eine Blockflöte und mehrere Okarinas dabei. Der Klaus-Maxei lösste seine alte, silberne Trompete von der Hüttenwand und spielte sich ein – und mir nichts dir nichts war der herrlichste Hoagascht (Stubenmusi) im Gange mit ungekünstelter Volksmusik, Gesang und G‘stanzln. Der Wirt schlurfte zu den beschlagenen kleinen Fenstern und zog unbemerkt die bunt karierten Vorhänge zu. Die Damen lud er auf einen Pikkolo und ein Glaserl Likör ein, den Männern stellte er eine Armvoll Rotweinflaschen auf den Tisch, ohne sich zu fragen, wer wohl die Zeche bezahlen möge. Die Freude am Leben und am geselligen Beisammensein wiegt doch so viel mehr als alles Geld der Welt.

Wir hatten jegliches Zeitgefühl verloren – bei so viel Gaudi! Bis jemand auf die Idee kam, die Fenster zu öffnen, da die dicht wabernden Tabakschwaden der Raucher uns allmählich den Atem benahmen. Draußen herrschte stockfinstere Nacht, lediglich der halbvolle Mond und das schemenhafte Band der Milchstraße hingen am Firmament und tauchten die Umgegend in einen silbernen Schimmer. Und jetzt im angeheiterten Zustand auf den Skiern ins weit entfernte Tal fahren! Schon das Anlegen der Brettln erwies sich als problematisch. Manch einer steckte dabei unfreiwillig den Kopf in den Schnee – ein gerüttelt Maß an Alkohol und glasklare, eisige Winterluft ergeben einen Schwindel erregenden Cocktail!

Langsam und in Treppenschritten mühten wir uns hoch zur Querfahrt, um dann vorsichtig in den engen Holzziehweg einzuschwingen. Wir waren noch nicht weit gekommen, da tasteten sich grelle Lichtfinger heran und das Brummen starker Motoren dröhnte durch die Stille. Die Pistenraupe – und kein Platz zum Ausweichen! Wohin jetzt? Nach rechts? Nicht gut, denn da landete man in den vorsorglich aufgespannten Fangnetzen wie die Fliege im Leim und darunter gähnte ein tiefer Abgrund. Also Anlauf nehmen, linkerhand die Steilwand hoch schießen, nach einer Latsche greifen und die Beine anziehen! Gleich einer Horde Affen in den Büschen baumelnd haben wir dem Fahrer des ratternd näher kommenden Ungetüms sicherlich einen sehr erheiternden Anblick geboten. Blinkend und grollend schob sich das unförmige Fahrzeug knapp unter uns vorbei. Wir rutschten auf die frisch geebnete Spur zurück und setzten unseren Weg fort.

Eine Biegung noch – und dann verhielten wir oberhalb der Jennerwiesen und staunten. Ein silbriges, erstarrtes Meer tat sich unter uns auf, Woge an Woge, Buckel an Buckel, fahl im Schein des schlanken Mondes schimmernd. Unten im so fernen Tal funkelten unzählige kleine Lichter, Straßenlaternen, wie Geschmeide auf unsichtbare Schnüre gezogen. Über uns, im Dunst des Königssees gleichsam schwebend, glichen die eisigen Gipfel der heimatlichen Berge Urgestalten. Wir fühlten uns so winzig, demütig, und doch auch erhaben in dieser verzaubernden Winternacht, wir stießen uns mit urtümlichen, fast tierhaften Schreien ab und rauschten los.

Es war wie Fliegen, wie schwereloses Tanzen! Was für ein Glücksgefühl! Swingen in einer noch nie erlebten Pracht. Jeder Schwung vollkommen. Die Stahlkanten scharrten und kratzten, die Skispitzen zischten leis beim Eintauchen in die weiße Dünung, bei jeder Drehung stoben gischtend die Schneefahnen hoch, flirrend und blitzend im Sternenlicht, fortgetragen vom frostigen Nachtwind. Wir sausten, kurvten, sprangen durch eine scheinbar überirdische Märchenlandschaft, berauscht, aber längst nicht mehr vom Wein. Wir huschten durch das Halbdunkel wie Kobolde, sangen, jauchzten, jodelten wild, der Sturm der Fahrt riss uns die Laute von den Lippen und trug sie gipfelan, biss in unsere Wangen, machte sie glühen.

Unten bei der Talstation angelangt zögerten wir den letzten Schwung so lang als möglich hinaus. Wir blickten mit großen, ehrfürchtigen, staunenden, freudigen Kinderaugen zurück bergwärts. Unsere Bretter schulternd marschierten wir dann einträchtig zum Parkplatz, gedankenverloren, wie benommen. Der Willi Michl befestigte seine Skier am Dach seiner Nobelkarrosse und blinzelte mir lächelnd zu: „Ja, es is ned ois bloß a Blues.“

Recht hatte er.

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Parkbank-Gespräche (2)…

Es war frostig kalt an jenem Nachmittag, daher überlegte ich lange, bevor ich mich ein Weilchen auf meine Lieblingsbank im Alten Friedhof niederließ. Ich wäre auch nach wenigen Minuten wieder aufgestanden, doch dann brach die Sonne hinter mir durch eine düstere Wolkenbank, und ihre goldenen, sanften Strahlen umschmeichelten wohltuend Nacken und Schultern.

Eine Frau, die ungefähr meines Alters sein mochte, joggte schwer atmend an mir vorbei, kehrte aber nach wenigen Metern um und schritt auf mich zu.

Genug geschuftet für heute!“, keuchte sie und ließ sich an meiner Seite nieder. In einhelligem Schweigen genossen wir die Sonnenwärme. Ein schon recht betagtes Pärchen spazierte langsamen Schrittes an uns vorüber, sich innig an den Händen haltend.

Schön, gell, diese Zweisamkeit.“, sprach meine Banknachbarin versonnen. „So etwas hätte ich auch sehr gerne gehabt. Aber leider ist mir die große Liebe niemals wohlgesinnt gewesen.“

Das ist aber mittlerweile auch alles andere als einfach, den richtigen Partner für ein gemeinsames Leben zu finden.“

Wem sagen Sie das! Ich hatte immer ein ganz besonders großes Talent, mir die falschen Kerle auszusuchen. Meine Wahl fiel immer und immer wieder auf jene Typen, die mir mit Sicherheit Scherereien machen und mich verletzen würden. Die Mannsbilder haben sich von meiner kraftvollen und selbstbewussten Fassade blenden lassen, in mir jemanden gesehen, an den sie sich halten und stützen wollten. Wenn ihnen dann klar wurde, dass ich im Grunde genommen das genaue Gegenteil war, ein völlig lebensfremdes, realitätsfernes, verträumtes Wesen mit einem sehr verkümmerten Selbstbewusstsein, wenn sie ihre Gelüste gestillt hatten, denn ich war eine recht willige Gespielin, dann haben sie mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. – Einer hat vollmundig eine Woche nach unserem Kennenlernen behauptet, mich zu lieben – und kurze Zeit später hat er mich mit seiner Exfrau betrogen und ist mit ihr in Skiurlaub gefahren, und ich dummes Weib habe ihm verziehen und bin so lange bei ihm geblieben, bis er mich finanziell ganz übel übers Ohr gehauen und mich danach gegen seine neue ‚Verlobte‘‘eintauschte‘, eine Bankangestellte, die er nur zwei Wochen zuvor kennen gelernt hatte. – Einer hatte ganz schnell versprochen, das vom Vater geerbte Geschäft stehen und liegen zu lassen, mit mir in eine andere Stadt zu ziehen und dort neu anzufangen, und einige Monate später ist er wie ein Hund auf allen Vieren zu seiner Frau zurück gekrochen. Und ich hatte mich in mein kleines, hübsches Auto gesetzt und den Entschluss gefasst, mich umzubringen. Zum Glück bin ich grade noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen. – Einer war ein großer Trinker vor dem Herrn, immer, wenn er besoffen war – eigentlich ein Dauerzustand bei ihm – dann bekam er das heulende Elend und benahm sich entsetzlich primitiv. Als er mich dann eines Abends in volltrunkenem Zustand schlug, packte ich heimlich meine Sachen und verließ ihn. – Der letzte Kerl war der Schlimmste. Ein sehr fesches Mannsbild, oh ja. Ein Arbeitskollege, ich war damals in einem kleinen Bücherladen am Luitpoldpark beschäftigt. Und bereits über Mitte Vierzig, als es bei mir so richtig funkte. Er lebte von seiner Frau getrennt, die anscheinend so schwere psychische Probleme hatte, dass ein Zusammenleben für ihn nicht mehr möglich war. Es begann eine Leidenszeit für mich, die über drei Jahre dauerte. Im Nachhinein erscheint mir diese Beziehung, oder was das gewesen sein mochte, immer wie eine grausame Achterbahnfahrt. Er konnte so charmant sein und mich mit seinen tiefen Blicken und sanften Berührungen umgarnen und um den Verstand bringen – wenn er einen Gefallen von mir haben wollte. Und dann stieß er mich wieder von sich. Ich sei nur eine gute Freundin für ihn, und mehr nicht. Und der einzige Mensch, den er wirklich lieben würde, sei seine Frau. Und dann ging das Spielchen wieder von vorne los. Eine gute Freundin, eine Psychotherapeutin, hat mir dann endlich die Augen geöffnet. Die Zeit danach war verdammt bitter und so voller Seelenschmerz. – Liebeskummer hat seinen ganz eigenen Schmerz, den man nicht so richtig in Worte fassen kann, finden Sie nicht auch?“

Ich nickte langsam und verbannte energisch eine sehr düstere Erinnerung, die sich wie durch ein Hintertürchen in mein Herz und meine Seele schleichen wollte.

Meine Banknachbarin fuhr fort: „Das ist nun schon etliche Jahre her, und seitdem bin ich Single, und inzwischen fast in den Sechzigern. Aber, ich sag‘ Ihnen was, obwohl Männer mich so sehr leiden ließen, bin nicht verbittert! Ich trage keinem dieser Männer etwas nach! Und ich trage an all meinem Unheil ja auch ein ordentliches Quäntchen Mitschuld. Ich glaube immer noch an die Liebe. Und vielleicht wird mir ja auch noch eines Tages der eine Mann begegnen, der mir ein lieber und treuer Lebensgefährte sein wird. – Und wenn nicht in diesem Leben, dann ganz bestimmt im nächsten!“

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