“Starlight Sue” (Teil 8)…

„Und mit einem einzigen Schlag den Krieg in Europa beenden.“, fügte Henry L. Stimson, der Kriegsminister, hinzu.
Roosevelt schluckte den letzten Happen seines Sandwiches hinunter, betupfte sich mit einer Serviette den Mund und murmelte: „Ich nehme an, Sie denken da an die deutsche Reichshauptstadt, Berlin, als Ziel?“
General Kittridge schüttelte den Kopf. „Nein – München.“
„München?“, echote Henry A. Wallace, der Vizepräsident. „Warum?“
Die Augen des „alten Eisenfressers“ verengten sich. Er und Wallace kamen nicht gut miteinander zurecht, dem General waren vor kurzem erst Gerüchte zugetragen worden, dass der Stellvertreter Roosevelts’ insgeheim mit den Kommunisten sympathisieren solle.
„Ich weiß, dass der britische Luftmarschall Harris sich fest in seine Absicht verbissen hat, Berlin dem Erdboden gleich zu machen, weil er der Meinung ist, auf diese Weise den Nazis den größten Schaden zuzufügen. Doch lassen wir das einmal außer Acht. – In und um München befinden sich nicht nur einige für die Versorgung des deutschen Heeres mit Waffen, Flugzeugen, Munition und dergleichen eminent wichtige Industrieanlagen, sowie ein großer Hauptbahnhof als Verkehrsknotenpunkt und Warenumschlagplatz, es gilt außerdem als Hauptstadt der sogenannten Bewegung. Dort hatte der Nationalsozialismus seine wichtigste Keimzelle, von dort aus gelang Hitler die Verbreitung seines furchtbaren Gedankenguts in ganz Deutschland. Im Herzen des sogenannten Führers – wenn man bei einer solchen Kreatur überhaupt von einem Herzen sprechen kann – nimmt diese Stadt immer noch einen ganz besonderen Platz ein. Wenn wir München zerstören, auslöschen würden, wenn es dank Feuer- und Hitzesturm und Druckwelle regelrecht vom Erdboden verschwinden würde, dann würden wir die Nazis moralisch enorm schwächen. Den ‘Krauts’ gehen ohnehin schon die dienstfähigen Soldaten aus, unsere Spione haben neulich erst berichtet, dass die sogenannten Flakhelfer mittlerweile fast ausschließlich aus Schülern bestehen, jungen Männern, fast noch Kindern, im Alter zwischen sechzehn und neunzehn Jahren.“
„Wenn wir eine Atombombe der Art und Größe, wie Sie Ihnen offensichtlich vorschwebt, meine Herren, wie vorgesehen auf München abwerfen würden, dann ist doch sicherlich mit ungezählten Toten und Verwundeten zu rechnen?“
„Natürlich, Mr. President.“, erwiderte Stimson. „Mit etlichen Zehntausenden, wenn nicht sogar mehr. – Aber bedenken Sie, auf der anderen Seite stehen die Chancen ausgesprochen gut, dass wir mit einem einzigen Einsatz einer Nuklearwaffe wie gesagt den Krieg mit Deutschland beenden und mit dieser Aktion in der Zukunft sehr viele Menschen vor dem sicheren Tod bewahren würden.“
„Und wir könnten unsere militärischen Kräfte zukünftig mehr auf unseren Konflikt mit den Japanern lenken.“, knurrte General Kittridge.
Roosevelt setzte seinen randlosen Kneifer auf, senkte das Haupt und überflog in Gedanken verloren die Notizen, die er sich während des Gesprächs gemacht hatte. Ein Bediensteter des Weißen Hauses klopfte, wurde herein gebeten, sah kurz und höchst diskret nach dem Rechten und zog sich dann lautlos wieder zurück. Endlich nickte der Präsident, tief durchatmend. Er wandte sich an Manley: „Wie lange wird es dauern, bis die von Ihnen angedachte Bombe konstruiert sein wird?“
Der Physiker rieb sich kurz das Kinn. „Einige Wochen, einen Monat, länger nicht. Wir sind bereit, Mr. President.“
„Dann machen wir es so. Es versteht sich von selbst, dass dieses Projekt der äußersten Geheimhaltung unterliegt. Zu niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen – ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“
„Yessir, zu niemandem, auch nicht zu unseren Bündnispartnern. ‘Die Endlösung’ kann nur dann gelingen, wenn der ‘Überraschungseffekt’ wirklich gegeben ist.“
„’Die Endlösung’ – wenn das der Codename für unser Vorhaben sein soll, dann ist er ausgesprochen zynisch, meinen Sie nicht auch, General?“ Kittridge zuckte gelassen mit den Schultern und antwortete unterkühlt: „Ich finde es in diesem Zusammenhang durchaus angebracht, eine Anleihe beim Nazi-Vokabular zu machen. – Mein Plan sieht vor, die Nuklearwaffe während eines großen Luftangriffs der 8. USAAF von der RAF-Basis Mildenhall aus ins Zielgebiet zu bringen, an Bord einer kleineren Maschine, einer DeHavilland Mosquito. Vorneweg ein Verband schneller Kampfbomber, um die Flugabwehr der Deutschen abzulenken, danach die B-17 und B-24-Staffeln. Die werden München schon mal ordentlich zum Leuchten bringen – und danach werden wir den ‘Krauts’ das präsentieren, was wir unter einer Endlösung verstehen.“ Der „alte Eisenfresser“ wandte sich an Manley: „Sie erwähnten bei unserer Vorbesprechung, dass man die Bombe so konstruieren kann, dass sie von einer modifizierten Mosquito transportiert werden kann?“ Der Physiker bejahte eifrig.
„Wie sieht es mit dem Zündmechanismus aus?“
„Wir werden einen Mehrstufenzünder verwenden: Eine Zeitschaltuhr, sowie barometrische Höhenmesser, die dann in etwa fünfhundert Metern Höhe über dem Zielgebiet die Kordittreibsätze auslösen werden, um die beiden kritischen Massen zueinander zu führen.“
„Die Zündung darf auf gar keinem Fall kompliziert konzipiert sein, an Bord der Mosquito werden sich lediglich zwei Mann befinden, unbedarfte Piloten, denen wir aufgrund der höchsten Geheimhaltungsstufe lediglich die allernötigsten Informationen geben werden.“
„Das könnte für die Beiden ein Himmelfahrtskommando werden.“, murmelte Roosevelt. Er nahm den Zwicker ab und nickte den Männern zu. „Dann gebe Gott, dass Sie recht behalten werden, Gentlemen, und der Krieg in Europa bereits in wenigen Wochen der Vergangenheit angehören wird.“…

20. Mai 1945

… „Am 24 April 1944 wurde die Endlösung ins Zielgebiet gebracht. Eine Detonation erfolgte nicht. Von dem betreffenden Gegenstand, dem Flugzeug und der Besatzung fehlt bis dato jede Spur.“…

Damit endeten die Aufzeichnungen General Benjamin Kittridges’…

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“Starlight Sue” (Teil 7)…

2. Weißes Haus, Washington D. C. – 22. März 1944

Präsident Franklin Delano Roosevelt begrüßte die vier Männer, die ihn um einen wichtigen Gesprächstermin ersucht hatten, im Kartenraum des Weißen Hauses, in einem Ledersessel mit hoher Lehne hinter seinem Schreibtisch thronend, auf welchem sich außer einem Notizblock, mehreren Bleistiften und einem Füllfederhalter eine versilberte Etagere mit kleinen Sandwiches und Gebäck, eine große Thermoskanne und Kaffeegeschirr befanden. Die Wände des einstmaligen Billiard-Zimmers, unmittelbar neben dem ovalen Empfangsraum für Diplomaten gelegen, waren über und über mit Landkarten bepflastert, auf welchen die aktuellen Truppenbewegungen der Alliierten Streitkräfte, des deutschen Heeres, Militärbasen, Städte, Industrieanlagen etc. markiert waren.
Seinen überwältigenden Charme spielen lassend entschuldigte Roosevelt sich dafür, dass er seine Gäste im Sitzen empfange, und forderte sie auf, gleichfalls Platz zu nehmen. Jedermann wusste, dass der Präsident sich kaum mehr auf den Beinen halten geschweige denn gehen konnte, seitdem er im Jahr 1921 an Kinderlähmung erkrankt gewesen war. Erwähnen durfte man dies in seiner Gegenwart jedoch auf gar keinen Fall.
General Benjamin Kittridge, Militärberater Roosevelts’, Henry A. Wallace, der Vizepräsident, Henry Lewis Stimson, Kriegsminister und John H. Manley, einer der Gruppenleiter des höchst geheimen Manhattan Projekts, ließen sich auf die nahe des Schreibtisches gruppierten Fauteuils nieder.
Roosevelts forschende, kluge Augen, die bisweilen jenen einer Katze gleichen konnten, wanderten mit geradem, offenem Blick von einem zum anderen. Er nickte Kittridge zu. „Nun, General, Sie haben um diese Konferenz gebeten. Was ist der Anlass dafür?“
Der „alte Eisenfresser“ stellte die Kaffeetasse beiseite, in der er kurz gerührt hatte. „Wie Ihnen Mr. Manley gleich erklären wird, ist dem Manhattan Projekt in Los Alamos vor kurzem der entscheidende Durchbruch gelungen.“
Der Präsident hob interessiert die kräftigen, buschigen Brauen. Der jungenhaft wirkende Kernphysiker John H. Manley fuhr sich durch die blonde, ungebärdige Haartolle und beugte sich vor. „Am 15. Dezember vergangenen Jahres zündeten wir in der Wüste von White Sands, ungefähr einhundertfünfzig Meilen südöstlich von Los Alamos, die erste nukleare Versuchsbombe. Ich will Sie nicht mit hochkomplizierten Einzelheiten langweilen, Mr. President, die Details habe ich hier in einer Mappe für Sie zusammen gefasst.“ Er hob einen recht voluminösen Aktenordner hoch. „Nur so viel – es ist uns gelungen, zwei an sich unkritische Massen von Uran-235 zusammen zu führen, und somit eine explosive Reaktion zu erzielen. Obwohl wir unseren Versuch eigentlich mit einem – nun, ja – ‘Bömbchen’ durchgeführt hatten, waren die Auswirkungen enorm, sie entsprachen vergleichsweise etlicher hundert Tonnen TNT: Es entstand ein Krater mit einem Durchmesser von ca. dreihundertfünfzig Yards und vier Yards Tiefe. Der Lichtblitz unmittelbar nach der Zündung war greller als die Sonne. Die bei der Detonation entstandene Hitze hat den Sand innerhalb des Kraters zu grünem Glas schmelzen lassen, die Ausläufer der Druckwelle waren noch in Los Alamos zu spüren.“
„Konnten Sie das Experiment geheim halten?“
Manley zuckte mit den Schultern. „Aber ja, Mr. President. White Sands ist eine menschenleere Wüstenei, und vorsichtshalber haben wir das Gerücht in die Welt gesetzt, dass dort ein Tanklastzug in die Luft geflogen sei. – Das Entscheidende ist, dass wir mit unseren jahrelangen Forschungen Erfolg hatten, Mr. President. Wir sind so weit, die Atombombe ist bereit für ihren ersten Einsatz. Nach dem erfolgreichen Versuch zitierte Mr. Oppenheimer, unser wissenschaftlicher Leiter, aus der Bhagavad Gita: ‘Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten’. – Mit einer Waffe, die, sagen wir mal, doppelt so groß wäre wie unsere Versuchs-Konstruktion, könnten wir die Wirksamkeit von Tausenden Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs erzielen, und damit ganze Städte, See- und Flughäfen, Industrieanlagen, ja, sogar Landstriche zerstören.“

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“Starlight Sue” (Teil 6)…

Nachdem sich die Geschwister wieder zu den Verwandten gesellt hatten, nahm ihre Mutter mit großer Geste die kupferfarbene, schlichte Urne hoch, die auf dem Kaminsims gethront hatte, sie hoch vor sich her tragend, als handelte es sich um den Kultgegenstand einer heidnischen Messe, schritt sie den Anderen voraus Richtung Boot.
Ben steuerte die Motorjacht ein paar hundert Meter hinaus auf den türkis schillernden Golf von Mexico, dann stoppte er und warf einen Treibanker aus. Die Witwe entfernte den Deckel der Urne und kippte die graue, feine Asche mit feierlicher Geste ins Meer. Während sie die erste Handvoll verstreute, kam ein plötzlicher, kurzer Windstoß auf und fegte die Überreste des Major Generals zurück an Bord. Beth schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut los zu prusten. Dann allerdings wurde ihr das Herz sehr schwer, und die Augen heiß vor Tränen. Sie trauerte um den Vater, den sie und Ben nie gehabt hatten, um die festen, tröstenden Arme, die sie nie umschlungen, die ausgelassenen Spiele, die sie nie miteinander gespielt, die märchenhaften Geschichten, die Streiche und lustigen Episoden seiner Kindheit, die er nie erzählt hatte, das Vorbild, das er ihnen nie gewesen war, nie hatte sein können.

Nach wenigen Minuten war alles vorbei, Ben startete die Jacht und steuerte sie zurück. Von der Gartenpforte her näherten sich gemessenen Schrittes die Nachbarn, ein Partyservice hatte inzwischen auf dem Rasen einige Klapptische aufgebaut und darauf ein Bufett aus Sandwiches, Cupcakes, Donuts, Salaten und Burger arrangiert, aus einem riesigen, versilberten Kühler ragten die Köpfe einer Batterie Weinflaschen, ein halbes Dutzend Thermoskannen mit dampfend heißem Kaffee drängelte sich an Karaffen mit Säften und Softdrinks.
Während Beth abseits stand, beobachtete sie ihren Bruder, der einem Schmetterling gleich von Grüppchen zu Grüppchen flatterte, und sich dabei prächtig zu amüsieren schien. Wie leicht es ihm doch fiel, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. Wie gut er auf Andere zugehen konnte, ohne sich anzubiedern. Er schien sie alle noch zu kennen, die Frauen, Männer und Kinder von Marathon Key. Sie hatte sich diesen Leuten schon seit langem völlig entfremdet und verspürte nicht den geringsten Drang danach, erneute Bande zu knüpfen. Und dennoch war da dieser leise Hauch von Einsamkeit, Verlorenheit.
Vom Nacken her fühlte Beth ein Gefühl des Unbehagens aufsteigen, dazu ein eigenartiges Brennen in den Augen, und einen dumpfen Druck im Schädel. Sie wusste, was diese Warnzeichen zu bedeuten hatten. Sie stellte ihr Glas ab, wandte sich entschuldigend an ihre Mutter, und stieg hoch ins Refugium des „alten Eisenfressers“. Nach kurzem Suchen fand sie in ihrer Handtasche das Triptan-Nasenspray und inhalierte es. Eine ungeheure Mattigkeit ergriff sie, mühevoll schlüpfte sie aus der schwarzen, weit geschnittenen Tunika und ihrer Hose, das Beziehen der Bettcouch mit der bereit gelegten Wäsche kostete sie das letzte Quäntchen Kraft, aufseufzend ließ sie sich auf das kühle Lager fallen, und war nach kurzem bereits tief und fest eingeschlafen.
Als sie wieder erwachte, war es bereits dunkel. Durch die immer noch weit geöffneten Fenster drangen sanft das Rauschen der Brandung jenseits der Insel, das Zirpen der Zikaden im Garten, die Melange aus Rosen- und Meeresduft in das Zimmer. Beth setzte sich langsam auf. Sie fühlte sich benommen und immer noch schwach, doch die Migräne war weg. Sie knipste das Leselicht über dem Kopfende an. Wuchtig wie ein Untier kauerte vor den Fenstern der Schreibtisch ihres Großvaters, die Wände links und rechts waren mit bis zur Decke hoch ragenden, gut gefüllten Bücherregalen versehen, über der Bettcouch hing in protzigem, vergoldeten Rahmen ein Ölgemälde, das Fort Zachary Taylor darstellte, die einstige Militärbasis auf Key West. Dort hatte Erzählungen des „alten Eisenfressers“ zufolge der Urgroßvater sein Leben als Offizier gefristet.
Im Haus war es still, vermutlich war ihre Verwandtschaft bereits zu Bett gegangen. Beth verspürte ein leichtes Hungergefühl, sie schlang ihren Morgenmantel um sich und wandte sich zur Tür, um in der Küche nachzusehen, ob es noch Überreste des Bufetts gab. Doch dann hielt sie inne und fuhr sich mit der Rechten ans Ohr. Sie musste sich im Schlaf das Ohrgehänge abgestreift haben, den kostbaren, in Silber gefassten Türkis, echten Navajo-Schmuck, den Hike ihr von einer Exkursion ins Monument Valley mitgebracht hatte.
Suchend durchwühlte sie mit den Händen die Bettcouch, ohne Erfolg, dann kniete sie nieder und spähte unter das Möbel. Ganz weit hinten, an der Wand, sah sie einen silbrigen Schimmer, doch ihre Arme waren zu kurz. Sie stand auf, packte das Kopfteil und zerrte mit einem Ruck die Couch in die Mitte des Zimmers. Aufatmend griff sie nach dem Ohrring und stutzte. Über der Fußbodenleiste war so etwas wie ein Fach, eine Schublade in die Wand eingelassen. Sieh mal einer an, der „alte Eisenfresser“ hatte hier ein Geheimversteck installiert! Hätte mich eigentlich auch gewundert, wenn dem nicht so gewesen wäre. Dann wollen wir doch mal sehen, was für schmutzige Intimitäten darin verborgen sind. Beth zog an der Klappe, die sich erstaunlich leicht öffnen ließ. Ihr Blick fiel auf eine Handvoll in dunkles Leder gebundene Notizbücher. Grandpa’s Memoiren etwa? Sie nahm die Bücher an sich, schob das Lager zurück an die Wand, kuschelte sich in die Bettdecke und begann zu blättern, ihren Hunger hatte sie mittlerweile völlig vergessen.
Die spinnwebenartige Schrift des Generals war mühelos zu lesen, der Inhalt mutete belanglos und öde an, unpersönliche Aufzeichnungen des Militäralltags, seinen Reisen und Einsätzen als Militärischer Berater des Weißen Hauses, lange Zahlenkolonnen, der „alte Eisenfresser“ war ein Geizkragen per excellence gewesen, und hatte über jeden ausgegebenen Cent penibel Buch geführt. Beth überflog die Notizen rasch und nach kurzem schon desinteressiert, und auch etwas enttäuscht. Keine schlüpfrigen Details, keine Skandale, keine Affären waren hier zu Papier gebracht worden. Gähnend schlug sie den letzten der insgesamt fünf Bände auf. Hastig rasten ihre Augen über die Zeilen, denn der Hunger hatte sich inzwischen wieder gemeldet. Und dann stieß sie auf eine Eintragung, die ihren Atem stocken und ihr Herz aus dem Takt geraten ließ. Etwas Unfassbares, Unglaubliches…

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“Starlight Sue” (Teil 5)…

Sie passierte den kleinen Flughafen von Marathon Key. Linkerhand driftete das Reklameschild des Siesta Motels vorbei – „Zimmer frei“ – gut zu wissen, falls es zu Reibereien kommen sollte. Zwischen dem schlichten Kubus der „Allied Florida Insurance“ und Herbie’s Fischrestaurant führte rechts eine kleine, sehr schmale Straße Richtung Westen, Richtung Elternhaus. Beth bremste ab, setzte den Blinker und bog ein. Das stattliche, zweistöckige Anwesen des „alten Eisenfressers“ überragte die beiderseits des Wegs locker hingestreuten, weiß getünchten, niederen Bungalows. Es mutete fremd an, passte nicht so recht in die Gegend mit ihrem subtropischen, locker-leichten Karibik-Flair, ähnelte mit seiner rötlich-braunen Steinfassade und dem steilen Dach einer jener stattlichen Herrenhäuser, wie sie in Neuengland häufig zu finden sind. Als General Kittridge dem ansässigen Architekten seine Baupläne vorgelegt hatte, hatte dieser den Kopf geschüttelt und geknurrt: „Was für ein Wahnsinn! Der erste Hurricane wird Ihnen diesen Klotz über den Köpfen weg reißen und Sie und Ihre Familie zu Brei zermalmen.“ Er hatte sich geirrt. Gut sechzig Jahre nach seiner Erbauung trotzte das große Haus immer noch wacker allen Stürmen. Zum Schutz vor Fluten lag es auf einer kleinen, künstlich errichteten Anhöhe, sanft fiel der gepflegte Rasen zu jener stillen Lagune hin ab, die von der kleinen, der Küste vorgelagerten Insel Whale Key gebildet wurde. Eingerahmt wurde der stattliche Bau von einer dichten, tiefroten Rosenhecke, die auch jetzt noch, zu Herbstbeginn, in voller Blüte stand. Als sie geparkt hatte und ausgestiegen war, verharrte Beth eine Weile neben dem Wagen, die Augen geschlossen, das unvergleichliche Duftgemisch von Rosenblüten und Meeresbrise tief einatmend. Dieser balsamgleiche Wohlgeruch war das Einzige, was sie je vermisst hatte, das Einzige, was sie an dieser Heimat lieb gewonnen hatte. Sie holte ihren kleinen Rollkoffer aus dem Leihauto, passierte die Pforte und stieg zum Eingang hoch. Ihre Mutter stand wartend in der weiß lackierten Tür, hoch gewachsen, zierlich, in ein perfekt sitzendes schwarzes Kostüm gekleidet, mit einem filigranen Spitzentaschentüchlein die kleine Stupsnase betupfend – ein wenig zu theatralisch, wie es Beth schien. „Endlich bist du da – konntest du nicht einen früheren Flug buchen?“ „Hallo, Mum – gut siehst du aus, ich mag dich auch.“, konterte Beth, hauchte einen Kuss auf die faltige Wange, genoss boshaft die verdatterte Sprachlosigkeit der alten Frau, und trat in den großen Wohnraum. Ben war da, und sie fiel ihrem Bruder mit einem leisen Jubelschrei in die Arme, er drückte ihr breit grinsend einen kräftigen Schmatz auf die Stirn und reichte sie dann weiter an ihre Tanten mütterlicherseits, Lalie und Kate, und die Schwestern ihres Vaters, Chris und Cora, und deren Männer. Erste Neuigkeiten wurden im hastigen Telegrammstil ausgetauscht, jemand reichte Beth ein Glas Weißwein. Sie nippte an dem beschlagenen Glas. „Donnerwetter, es ist ja noch nicht einmal Mittag!“ „Ach, wir haben schon kurz nach dem Frühstück mit dem Trinken angefangen, du musst dich ran halten, um uns einzuholen, wir haben dir einige Gläser voraus.“, scherzte Ben. Ihre Mutter gesellte sich zu ihnen. „Da die Gästezimmer alle belegt sind, Beth, wirst du die Nacht im Arbeitszimmer deines Großvaters verbringen müssen.“ Die Angesprochene verzog missbilligend das Gesicht. Sie hasste diesen Raum. Auch nach so vielen Jahrzehnten hing immer noch der Gestank ungezählter gequalmter kubanischer Zigarren darin, und es gab kein richtiges Bett, sondern lediglich eine abgenutzte und durchgesessene Schlafcouch. „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich in Washington geblieben.“, maulte Beth. Ihr Bruder griff nach ihrem Koffer und lächelte tröstend. „Aber die Sonnenuntergänge sind dort oben grandios.“ Das Zimmer lag unter dem Dach, die Fenster, welche Beth sofort nach dem Eintreten sperrangelweit aufriss, wiesen nach Westen. Friedlich lagen die Bucht und Whale Key zu ihren Füßen, am Bootsanleger dümpelte Bens’ alte Motorjacht behaglich vor sich hin, sie war mit schwarzen Tüllschleiern verhängt, am Heck hatte man eine Art niederen Altar aufgebaut, ebenfalls schwarz verkleidet. „Aha, das ‘Seemannsbegräbnis’.“, murmelte Beth sarkastisch. „Richtig.“, entgegnete Ben ruhig. „Spiel einfach mit, Schwesterherz. Unser Vater hat in seinem Leben so viel Unglück und Unfrieden erleiden müssen, da sind wir es ihm verdammt noch mal schuldig, ihm wenigstens einen schönen, respektvollen und friedvollen Abschied von dieser Welt zu bereiten.“

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“Starlight Sue” (Teil 4)…

Sobald als möglich dieser Hölle zu entfliehen wurde das oberste Ziel von Beth und ihrem Bruder. Dem Mädchen war das Glück hold, es ergatterte eines der heiß begehrten Stipendien der höchst angesehenen Universität Harvard. Ben, der eine gute Portion des musikalischen Talents seines Erzeugers geerbt hatte, stahl sich kurz nach Beths’ Auszug bei Nacht und Nebel aus dem Haus, lediglich einen hastig gepackten Rucksack und seine Gitarre mit sich führend.
Beth studierte Geschichte im Hauptfach. Während der ersten Semesterferien zog sie als Backpackerin durch Deutschland, und begeisterte sich dabei so sehr für dieses Land, dass sie sich danach darauf spezialisierte. Ihre Magisterarbeit, die mit Summa Cum Laude bewertet worden war, hatte die Kurfürsten und ihren Einfluss auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zum Thema. Ihre Professoren sagten ihr eine beispiellose Karriere voraus. Woher ihre Affinität ausgerechnet für jenes mitteleuropäische Land stammte, konnte sie sich nicht erklären. Unter ihren Vorfahren hatte sich ihres Wissens nicht ein einziger Deutscher befunden. „Vielleicht bist du ja in einem früheren Leben mal ein ‘Kraut’ gewesen.“, pflegte ihre beste Freundin Carmen oft zu witzeln.
Ben hatte sich recht schnell als Jazz-Gitarrist mit eigener Formation einen guten Namen gemacht. Als er anlässlich eines großen Musik-Festivals in New York gastierte, besuchte sie ihn, lernte dabei den faszinierenden und verführerischen Schlagzeuger einer Metallica-Band kennen und verliebte sich von jetzt auf gleich bis über beide Ohren – ausgerechnet sie, die stets Kühle und Kopfgesteuerte. Nach einer endlosen, tollen, heillos verrückten Liebesnacht erwachte sie in einem kühl und unpersönlich ausgestatteten Hotelzimmer, und ihr erster Blick fiel auf das heraus gerissene Blatt eines abgegriffenen Terminkalenders: „War schön mit dir. Bist ne heiße Braut. Bin auf dem Weg nach Kalifornien, steh’ nicht so auf den ganzen Beziehungskram. Leb wohl.“
Ein paar Monate später durfte sie feststellen, dass ihr dieses leidenschaftliche Intermezzo eine Schwangerschaft beschert hatte. Schwierig, unter diesen Umständen die prophezeite beispiellose Karriere als Historikerin zu machen. Sie gebar Zwillinge – Maud und Benedict – in ihrer Familie schien das Zwillingsgen besonders aktiv zu sein, und in dem Augenblick, als deren erste, erstaunlich kraftvolle Schreie an ihre von den Schmerzen einer harten und lang sich hinziehenden Geburt noch halb tauben Ohren gedrungen waren, hatte sie ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Pfeif’ auf die Karriere, was gibt es Wichtigeres und Schöneres als diese beiden kleinen, seidig weichen, unglaublich wundervoll duftenden, blütenzarten Wesen.
Die Beiden waren nun Fünfundzwanzig – unfassbar, wie schnell die Jahre dahin gegangen waren! – und verheiratet, sie hatten sich am gleichen Tag in der gleichen Kirche trauen lassen, und die ersten beiden Enkel – oder vielleicht auch vier – waren bereits unterwegs. „Vielleicht klappt es ja, und du wirst an deinem runden, dem fünfzigsten Geburtstag Oma.“, hatte Benedict sie während ihres letzten Telefongesprächs vor ein paar Tagen geneckt. „Ach, du! Hör bloß auf!“, gab sie ihm verdrossen zur Antwort. Sie hasste beides, alt zu werden, und Großmutter noch dazu.
Beth warf einen zornigen Blick in den Rückspiegel, ein sehr dicht auffahrender Pickup hatte ihren Unmut erregt und sie aus ihren sanft treibenden Gedanken und Erinnerungen gerissen. Nachdem der Verfolger in Richtung eines großen Supermarktes abgebogen war, blieben ihre Augen noch kurz an ihrem Spiegelbild hängen. Ihr ursprünglich weizenblondes Haar, das sie sehr kurz geschnitten trug, war fast schon weiß, es bildete einen köstlichen Kontrast zu ihrem immer noch ziemlich jugendlich wirkenden Gesicht, in dem alles ein wenig zu groß geraten schien – der Mund, die leicht gebogene Nase, vor allem die intensiv blauen Augen. An Volumen zugelegt hatte seit Beginn der Wechseljahre auch ihre einstmals zwar kräftige, aber immer sportlich-schlanke Gestalt. Mittlerweile schleppte sie gut zwanzig Kilo Übergewicht mit sich herum, zum Glück recht gleichmäßig verteilt, jeder Versuch, sich der überflüssigen Pfunde wieder zu entledigen, war kläglich gescheitert.
„Du gefällst mir so, wie du bist.“, bekräftigte Hike, ihr Lebensgefährte, ein etwas exzentrischer Kunstmaler, mit dem sie seit etlichen Jahren ein hübsches Häuschen mit Atelier im vornehmen Washingtoner Vorort Georgetown bewohnte. Beth empfand die Beziehung zu ihm als amüsant und kurzweilig, auch angenehm, denn er ließ ihr voller Großmut sehr viel Freiraum, was auf Gegenseitigkeit beruhte, auch wenn sie sich des Verdachts nicht erwehren konnte, dass er nebenbei schon so manche Affäre gepflegt hatte. Sie war viel zu kühl und zu kopfgesteuert, um Eifersucht zu empfinden. Sie liebte ihn nicht, aber es war meistens schön und beruhigend, nicht allein zu sein.
Um sich und ihre beiden Kinder halbwegs ordentlich durchzubringen, hatte sie lange Zeit als Dozentin einer kleinen und namenlosen Universität im Mittelwesten gearbeitet, seit der Wiederwahl des Präsidenten hatte sie einen Posten als Beraterin des Außenministeriums der Vereinigten Staaten inne, eine Empfehlung ihres früheren Lieblingsprofessors und der immer noch wohlbekannte Name Kittridge hatten ihr den Weg in die Bundeshauptstadt geebnet. Zudem war sie Mitherausgeberin einer kleinen Online-Zeitung für deutschstämmige Einwanderer, die einmal im Monat erschien, und die Leserschaft mit allerhand bunt zusammen gewürfelten Neuigkeiten aus der alten Heimat versorgte.

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“Starlight Sue” (Teil 3)…

1. Die Büchse der Pandora

Bei Florida City mündete der Florida Turnpike, jene vielspurige Schnellstraße, die den Sunshine State von Norden bis in den tiefen Süden durchzieht, in die A 1 A, auch Oversea’s Highway genannt. Inzwischen hatte Beth sich mit dem blau metallic schimmernden Leihwagen vertraut gemacht, den sie am Flughafen angemietet hatte. Sie war froh, Miami’s Berufsverkehr nunmehr entkommen zu sein, einer die Nerven arg strapazierenden, endlosen Blechlawine, welche sich in den schwülwarmen Morgenstunden über die ganze Breite der insgesamt sieben Fahrspuren in jede Richtung zäh dahin gewälzt hatte. Aufatmend lockerte sie ihren Griff um das Lenkrad, langsam gen Süden gleitend startete sie den Sendersuchlauf des Autoradios. Ihr stand der Sinn nach besänftigenden, klassischen Tönen. Sie hatte es nicht eilig, denn der Anlass dieser Reise zu ihrem Elternhaus, das sie lange Jahre nicht mehr aufgesucht hatte, war kein erfreulicher.

Vor drei Tagen hatte spätabends ihr Zwillingsbruder, Ben, angerufen: „Paps ist tot. Gehirnschlag. In der Klinik konnte man nichts mehr für ihn tun. Mutter will ein Seemannsbegräbnis veranstalten, auf dem Meer, ein wenig westlich von Whale Key. Sie sagt, das gehöre sich so für einen Soldaten.“ Beth verzog höhnisch die Lippen. Ein Seemannsbegräbnis für ein alt gedientes Mitglied der US Air Force. Schon peinlich, wenn man als langjährige Offiziersgattin den Unterschied zwischen einem Angehörigen der Seestreitkräfte nicht von einem der Luftwaffe unterscheiden konnte – oder wollte.

Sie empfand so gut wie gar keine Trauer über das Dahinscheiden ihres Vaters, sondern eher Erleichterung. Er war der einzige Sohn General Benjamin Kittridge’s gewesen, eines überaus ehrgeizigen und strengen Karrieresoldaten, der es in den frühen Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts sogar zum militärischen Berater des damaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt gebracht hatte. Dass Josua in die Fußstapfen seines Erzeugers treten solle, war ein Muss. So wurde der Knabe bereits von frühester Kindheit an gedrillt und geschliffen. Im Hause der Kittridges gab es kein liebevolles Wort, keine menschliche Wärme, oder so etwas wie Zärtlichkeit, nur von morgens früh bis abends spät eisigen, harten, lauten Kasernenhof-Drill, hatte eine der Schwestern Josua’s ihrer Nichte Beth anlässlich einer Familienfeier verraten, nachdem ihr ein gehöriges Quantum süßen kalifornischen Weißweins die Zunge gelockert hatte. Josua musste sich dem gestrengen Vater fügen, obwohl sein Herzenswunsch gewesen wäre, Musik zu studieren, es gab kaum ein Instrument, das er nicht bereits nach kurzem Üben auf erstaunliche Weise beherrscht hatte. Nachdem Kittridge Junior sein Studium an der renommierten Militärakademie West Point aufgenommen hatte, hatte sein College-Lehrer voller Verzweiflung, Gram und Hass auf dessen Vater, von jedem hinter vorgehaltenen Händen „Der alte Eisenfresser“ genannt, die Koffer gepackt und den Ort mit unbekanntem Ziel verlassen. „Müsste ich diesem alten Dreckschwein, das seinem Sohn durch seine Dummheit und Sturheit eine einzigartige musikalische Karriere verbaut hat, weiterhin über den Weg laufen, könnte ich für nichts garantieren, ich könnte mich selbst vergessen, und diesem Individuum eines Tages das nicht vorhandene Gehirn aus dem Schädel blasen.“

Trotz West Point und des „alten Eisenfressers“ unermüdlichem Drill blieb Josua der große militärische Erfolg verwehrt, er fristete sein Dasein als „Bürohengst von Rang“ auf der US Air Force Base Pensacola. Beth überlief immer noch ein Schaudern, wenn sie an ihren Großvater dachte, obwohl sie diesem nur einige wenige Male anlässlich großer Familienfeste begegnet war. Er war von einer strengen, ja, asketischen Schönheit gewesen, sehr schlank, hochgewachsen, körperlich sehr ansehnlich, doch er hatte eine schier den Atem beraubende Gefühlskälte ausgestrahlt. Er starb, als sie und Ben zwölf Jahre alt gewesen waren. Sie empfand so etwas wie ein Gefühl der Freude, als der üppig mit Blumen geschmückte, schwarzhölzerne Sarg in die Gruft gesenkt wurde.

Nur wenige Jahre danach wurde aufgrund neuer technischer Entwicklungen Major General Josua Kittridges’ Posten bei der Flugüberwachung aufgelöst und er in Frühpension geschickt. Zusammen mit seiner Frau Emilia, und den beiden halbwüchsigen Kindern siedelte er nach Marathon Key um, in das Altersdomizil, welches der „Eisenfresser“ sich in den fünfziger Jahren hatte erbauen lassen. Bald wurde offenkundig, dass Beths’ Vater unter schweren Depressionen litt. Er zog sich in ein großes, ebenerdiges Zimmer zurück, von dessen westliche Fensterfront man auf den stillen, menschenleeren, bewaldeten Rücken der kleinen und lang gezogenen Insel Whale Key blickte. Doch beinahe ständig waren die Rollos herunter gelassen, um jegliches Licht abzuwehren. Ununterbrochen, bei Tag und Nacht, flimmerte stumm der Fernseher. Fast immer, nur dreimal täglich durch aufgezwungene Mahlzeiten unterbrochen, lag Josua Kittridge auf der bunt bezogenen Bettcouch, umgeben von seiner Sammlung Musikinstrumente, von denen er einmal das eine, dann wieder ein anderes in die Arme nahm und hingebungsvoll streichelte, als wäre es ein innig geliebtes Wesen. Doch nie erklang ein Ton Musik.

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“Starlight Sue” (Teil 2)…

Nur wenig später startete die Mosquito und glitt mit dröhnenden Motoren ostwärts, der Nordsee entgegen. Das Wetter hatte sich inzwischen verschlechtert, Wolkenfetzen taumelten über den dunklen Himmel, sich zusammen ballend, wieder zerfasernd, auseinander driftend, an anderen Stellen erneut bedrohliche Türme formend. Stoßweise Böen und Turbulenzen rüttelten an der Maschine, die so manches Ächzen und Stöhnen von sich gab. Yob und Alone kam in den Sinn, dass ihr Kampfbomber zu einem großen Teil aus Sperrholz, Fichten-, Birken- und Balsaholz bestand – „The Wooden Wonder“. Nach langem Ringen war endlich die Flughöhe von gut neuntausend Metern erreicht, nun strebte das Flugzeug ruhig seinem Ziel entgegen. Die beiden jungen Männer entspannten sich ein wenig.
„’Starlight Sue’, Yag, is’ wohl der Spitzname deiner Herzallerliebsten, was?“, neckte Hart. Sein Flugkamerad schmunzelte unter der Atemmaske. „Yepp. Kann man so sagen.“
„Große Liebe?“
„Aber Hallo! Und wie!“
„Hochzeit schon geplant?“
Alone lachte laut auf. „Kein Kommentar!“ Sein Blick glitt über die beiden Tankanzeiger, schlagartig wurde er wieder ernst. Er klopfte gegen die kleinen runden Scheiben, schüttelte den Kopf. „Das gefällt mir gar nicht.“
Yob murmelte: „Entweder haben sich diese Trottel bei der Treibstoffberechnung vertan, oder wir haben beim Flug über die Nordsee zu viel Sprit verbraucht. Oder beides.“
Nur wenig später, sie hatten soeben die Donau überquert, stotterten die beiden Rolls-Royce-Merlin-Motoren noch einmal kurz auf, dann verstummten sie.
„Wir schaffen das, Hart. Der Vogel hier hat einen recht guten Gleitwinkel, und wir sind mit über sechshundert Sachen unterwegs. Geh nach hinten und mach’ das Baby scharf.“
Als sie München erreichten, hatten sie bereits viertausend Meter an Höhe eingebüßt. Die 8. Division der US Army Air Force hatte ganze Arbeit geleistet, unter ihnen glommen feurigen Blüten gleich ungezählte Brandherde, und der silbrige Rumpf des Mosquito bohrte sich in die empor quellenden Rauchschwaden. Rechts unter sich erkannte Yag die aufstrebenden neugotischen Türme einer Kirche.
„St. Paul – wir sind im Zielbereich… Eigentlich wollte ich uns nach dem Abwurf in die Schweiz bringen, Kumpel. Die Grenze wäre nur etwa zweihundert Kilometer von hier entfernt gewesen, wir hätten in einem kleinen Tal in den Alpen notlanden können und wären in Sicherheit gewesen.“
„Dumm gelaufen, Yag. – Aber ehrlich gesagt, uns beiden ist doch von Anfang an klar gewesen, dass wir uns da auf ein Himmelfahrtskommando eingelassen haben.“
Alone betätigte einen Hebel und öffnete den Bombenschacht. Ein leises, metallisches „Klank!“ war zu vernehmen, als die Halterungen die tödliche Fracht frei gaben.
Wie ein Schauer Unheil bringender Sternschnuppen rasten an Steuerbord von unten Geschosse auf das Flugzeug zu. Nur Sekunden später erfolgten die Einschläge, sie zerrissen krachend und splitternd die rechte Tragfläche, einen Teil des vorderen unteren Rumpfes und die Frontscheibe.
„Scheiße! Flak-Beschuss! Los, raus hier, Hart, wir müssen abspringen!“
Während die Maschine in den Sturzflug kippte, entledigten sich die beiden Piloten mit fliegenden Fingern ihrer Gurte, entriegelten die Cockpithaube, stießen sich ab und zogen die Reißleinen ihrer Fallschirme.
Mit einem Ruck wurde Yag nach oben gerissen, weg von der lotrecht dem Boden entgegen trudelnden Mosquito. Grauen erfasste ihn, als er sah, dass sich der Fallschirm seines Co-Piloten am Leitwerk des Flugzeugs verfangen hatte. Hart schlug hilflos wild um sich, und Alone konnte starr vor Entsetzen seine Blicke nicht abwenden, bis eine Säule stinkenden Qualms ihn einhüllte und ihn zwang, die Augen zu schließen.
Die Bombe hätte schon längst explodieren müssen, mit einem glühenden Lichtblitz, heller als die Sonne, und einer alles Leben im Umkreis von vielen Kilometern vernichtenden Druckwelle. Doch nichts dergleichen hatte sich getan.
„So ein Scheißtag!“, stieß der junge Kampfpilot zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Er fühlte einen starken, pochenden Schmerz in seiner rechten Schulter, und warmes Blut seinen Overall durchnässen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

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Die Schwarze Frau (Teil 38)…

„Nicht zu fassen, nicht wahr, aber es ist so. Ich, die Prinzessin von Savoyen, Abkömmling eines der angesehensten und ältesten Adelsgeschlechter Europas, habe nicht einen einzigen Sous zu meiner freien Verfügung! Meine Schwiegermutter, und dieser Obersthofmeister, diese impertinente Knollennase Kurtz von Senftenau, haben strikte Anweisungen erteilt, mir kein Geld auszuhändigen. Nicht einmal mein eigener Ehemann will mir eine Barschaft geben! Angeblich sei ich zu spendabel, zu großzügig, im Umgang mit Geld zu leichtsinnig! – Gibt es denn gar nichts, mit dem ich dich für die Ungerechtigkeit, die ich dir zugefügt habe, entschädigen kann?“
„Doch, Hoheit. Wenn ich so unverschämt sein darf – vielleicht könntet Ihr eine Messe für meine liebe Mutter in Wasserburg lesen lassen. Sie ist todkrank gewesen, und könnte die Gnade der Heiligen Dreifaltigkeit und der Gottesmutter Maria ganz bestimmt gut gebrauchen.“
Ich muss unbedingt den Jakob fragen, ob das stimmt, dass die Habsburgerin und der Obersthofmeister der Kurprinzessin den Geldhahn zugedreht haben, schoss mir durch den Kopf, als ich zusammen mit Signora Vernoni an die Erfüllung unserer Pflichten ging.
Am gleichen Tag noch bekam ich mein neues zukünftiges Quartier zugewiesen, eine kleine und spärlich möblierte Kammer im Dachgeschoss über den Kurprinzlichen Zimmern. Ich hatte diese mit Cecilia Vernoni zu teilen, was mich nicht im Geringsten störte, ich mochte ihr mütterliches und trotz Lebhaftigkeit duldsames Wesen. Eine der Hofdamen klärte mich zwar hinter vorgehaltener Hand darüber auf, dass die Piemonteserin zu schnarchen und während der Nacht ganze Urwälder abzusägen pflegte, doch ich hatte mich während der gut sechs Jahre, die ich großenteils in Gemeinschaftsunterkünften geweilt hatte, an derlei Geräusche gewöhnt. Das Besondere an dieser Unterkunft war eine kleine Glocke neben der schmalen Tür, sie war in ihrer Halterung an einem straff gespannten Drahtseil befestigt, das direkt ins Schlafgemach der Kurfürstin führte, so informierte mich voller Eifer meine Mitbewohnerin. Wenn die Principessa spät nachts, nachdem der Gemahl das Lager mit ihr geteilt hatte, noch einen Wunsch verspüren sollte, dann müsse sie lediglich den Klingelzug betätigen, und wir würden dann auf schnellstem Wege die nahe, sehr steile und schmale Treppe hinunter laufen und ihr zu Diensten sein können. Die Vernoni, ich durfte sie nun Mama Cecilia nennen, strahlte. Ich war eingedenk meiner Erfahrungen, die ich bislang mit der neuen Herrin gemacht hatte, gar nicht entzückt und malte mir im Geiste eine Unzahl turbulenter und schlafloser Nächte aus. Auch hatte ich so meine Zweifel, dass das Geläut des Glöckchens das Schnarchen der italienischen Kammerfrau übertönen würde. Zudem würde diese Behausung an warmen Sommertagen heißer als ein Backofen sein, und im Winter vor Eiseskälte uns das Wasser in der Waschschüssel einfrieren. Ich hoffte darauf, dass man in den Gemächern unter uns dann kräftig einheizen, und etwas Wärme durch die groben Bodendielen hinauf steigen würde. Dann schalt ich mich eine Närrin, ich hatte mich wohl von der bereits jetzt, im heißesten August!, immer und immer wieder laut geäußerten Angst der Savoyerin vor den kalten Jahreszeiten hier in unseren „nördlichen Breiten“ anstecken lassen. Bis zum Winter würde noch sehr viel Wasser die Isar hinab fließen, wer weiß, was bis dahin alles geschehen mochte.

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“Starlight Sue” (Teil 1)…

Von den historischen Persönlichkeiten und den vielfach dokumentierten Ereignissen, die im Laufe dieser Erzählung Erwähnung finden, einmal abgesehen, sind alle Geschehnisse und Personen frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlich Lebenden oder bereits Verstorbenen und Vorkommnissen ist rein zufällig und keineswegs beabsichtigt.

Prolog: 24. April 1944

Sanft senkten sich in der anbrechenden Dämmerung Dunstschleier über die sanft gewellten Felder und Haine rund um Mildenhall, Suffolk, etwa zehn Kilometer Luftlinie von der berühmten Abtei von Ely, sowie ca. fünfzig Kilometer von der Nordseeküste Englands entfernt. Eine rotglühende, im Abendwind leise wabernde Sonne sank dem westlichen Ende der lang gestreckten Start- und Landebahn von Mildenhall Airfield entgegen. Der Asphalt des Flugfeldes vibrierte unter dem Dröhnen der Propeller. Die Phalanx der 8. Division der US American Air Force setzte sich in Bewegung, Ziel München. Die Vorhut bildeten etwa ein Dutzend zweimotorige, leicht gebaute, schnelle und ausgesprochen wendige DeHavilland Mosquitos. Sie würden zunächst einen Scheinangriff auf Karlsruhe fliegen, um die Nachtabwehr abzulenken. EIn weiterer Pulk Mosquitos würde die in ihren Bombenschächten lagernden Tonnen Stanniolstreifen über der bayerischen Landeshauptstadt abwerfen, um die Funkmessgeräte und somit die Flaks lahm zu legen, sowie mit roter Leuchtmunition die wichtigsten Angriffsziele markieren. Ihnen folgten die wuchtigen, viermotorigen B-17- und B-24-Bomber, die „Fliegenden Festungen“. Insgesamt hoben sich an diesem Frühlingsabend dreihunderfünfzig Kampfflugzeuge in den langsam sich verdunkelnden Himmel. Abseits des Airfields, in einem kleinen, unscheinbar grauen Hangar, arbeitete eine Handvoll Airmen konzentriert daran, einen bauchigen, etwa drei Meter langen, metallen schimmernden Sprengkörper in den aufgeklappten Bombenschacht einer Mosquito zu hieven, und in den dort angebrachten Halterungen sicher zu befestigen. Quer über den Rumpf des Gebildes zog sich eine etwas ungelenk aufgepinselter Namenszug: „Starlight Sue“. Yag Alone und Hart Yob, die beiden jungen Piloten, beobachteten, Kaugummi kauend und mit lässig verschränkten Armen gegen eine der beiden sanft gerundeten Triebwerkskanzeln gelehnt, die Bodencrew. Sie waren seit langem schon bereit für den bevor stehenden Einsatz – olivgrüne Overalls, darüber die hellen Schwimmwesten, träge schlängelten sich unter den linken Achseln die Schläuche der Sauerstoffversorgung hindurch, auf den Rücken waren die Fallschirme geschnallt, die eng anliegenden Schutzkappen mit den darüber geschobenen Schutzbrillen und den seitlich davon baumelnden Atemmasken verbargen ihre kurz geschorenen Haare. Endlich war die Montage beendet, die Airmen schlossen die Klappen des Bombenschachtes und verriegelten ihn. Durch eine schmale Seitentür des Hangars trat Major General Leivenston. Er schritt auf die stramm stehenden und salutierenden Piloten zu. „Rührt euch. – Kurz eine letzte Zusammenfassung, auch wenn ihr das in den letzten Tagen bereits hunderte Male zu hören bekommen habt: Ihr haltet euch hinter und über der Achten. Captain Yob, Sie werden die Zünder der Bombe erst kurz vor Erreichen des Zielgebietes installieren. Da euer Riesenbaby schwerer und größer ist als die normalen Sprengkörper, habt ihr aus Gründen der Gewichtsersparnis nur genügend Sprit für den Hinflug in den Tanks. – Sämtliche Einzelheiten eures Einsatzes befinden sich in dieser Mappe.“ Er überreichte Yag Alone einen dünnen Aktenordner. „Präsident Roosevelt lässt Sie grüßen, er wünscht Ihnen Glück und lässt Ihnen ausrichten: ‘Bringen Sie München ordentlich zum Leuchten.’ – Meine Herren – viel Erfolg. Es war eine Ehre, mit Ihnen gedient zu haben.“ Leivenston verabschiedete sich salutierend.

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Die Schwarze Frau (Teil 37)…

Das ist ja ein schöner Einstand, dachte ich, und fühlte den Kloß in meiner Kehle größer und größer werden. Ach, was war mir elend zumute! Ich konnte der Tränenflut keinen Einhalt gebieten, kauerte mich neben der Tür auf den blanken Holzboden, mich so gut es ging in die Decke wickelnd und leise vor mich hinschluchzend. Ich konnte die Füll gut verstehen, dass sie das Weite gesucht hatte, am liebsten hätte ich es ihr auf der Stelle gleich getan.
Als ich mich ausgeheult hatte, lehnte ich mich gegen die gekalkte Wand, versuchte, es mir so bequem als möglich zu machen, und wenigstens etwas Schlaf zu finden.
Ich schreckte hoch, als ich den gleichmäßigen Klang fester Schritte hörte. Ein Paar blankgewichste Stiefel kam näher, der diffuse Schimmer eines Talglichts erhellte den finsteren Flur.
„Na, wen haben wir denn da! Die schöne Jungfer Adelheid! Was macht Ihr denn an einem so ungastlichen Ort zu solch nachtschlafender Zeit?“, ließ sich eine sanfte Männerstimme vernehmen. Ich starrte hoch und erkannte Vitus, den liebenswürdigen jungen Hartschier.
„Ich übernachte hier.“, gab ich ihm mit so viel Würde als möglich zu verstehen. Eine Weile musterte er mich, nachdenklich auf seiner Unterlippe kauend. Dann half er mir auf die Beine, legte die Rechte um meine Schultern und zog mich mit sich. Ich stemmte wie ein bockiges Pferd die Füße in den Boden. „Nein! Ich kann nicht weg! Wenn nun die Kurprinzessin nach mir ruft! Ich bin nämlich die neue Kammerfrau.“
„Glückwunsch!“, meinte Vitus trocken. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf. „Die Principessa wird heute Nacht ganz sicher nicht nach Euch rufen, glaubt mir. Ihr kommt jetzt mit, denn ich weiß einen sehr gemütlichen Schlafplatz für Euch, gar nicht weit von hier.“
Misstrauisch beäugte ich ihn von der Seite her. Er bugsierte mich in den nahen Rittersaal, dort pflegte sich die Leibwache des Kurprinzen-Paares aufzuhalten. Nahe des hohen Kamins, in dem ein anheimelndes Feuerchen vor sich hin bullerte, saß rund um einen grob gezimmerten Tisch gedrängt eine Handvoll Hartschiere vor großen zinnernen Humpen, die sie recht fleißig aus einem hinter ihnen aufgebockten Bierfass nachfüllten. Sie würdigten uns keines Blickes und waren zu meinem Entsetzen völlig ins Würfelspiel vertieft, was bei Hofe strikt verboten war, da es als Zeitvertreib des Satans, der Schwerverbrecher, Halsabschneider und Henker galt. Vitus drückte mich auf einen niederen, schmucklosen Hocker, er machte sich an einer hohen Truhe zu schaffen, die an der Stirnseite des karg möblierten Raumes stand, zog einen hohen Stapel Decken hervor, den er dann sorgfältig vor der Feuerstelle zu einem recht bequem aussehenden Lager arrangierte.
„So. Ihr werdet jetzt brav einen Becher gewürzten, heissen Weins trinken, und Euch dann hier schlafen legen. Und ich werde Wache halten und Euch vor diesen groben Kerlen hier, sowie tobenden Prinzessinnen und allem anderen Ungemach dieser Welt beschützen, und Euch morgen früh beizeiten wecken. Das verspreche ich.“
Nachdem wir getrunken und ein wenig geplaudert hatten, schlüpfte ich in mein ziemlich gemütliches Nest vor dem glosenden Kamin. Vitus zog seinen hochlehnigen Sessel näher an die Feuerstelle, sich entspannend streckte er seine langen, schlanken Beine aus. Ich fühlte mich so geborgen in der Nähe dieses jungen Mannes, noch nie war mir ein Mensch begegnet, außer Mutter Udalrica und Anna von Sautern vielleicht, der eine solch innere Ruhe, Kraft und Reinheit ausstrahlte. Ich fühlte, wie Zorn, Enttäuschung und Gram über die Weise, wie die Savoyerin mich behandelt hatte, tiefem Frieden und einer wohltuenden Müdigkeit wichen. Ich kuschelte mich zusammen, und dann fielen mir die schweren Lider zu…
… Sanft wurde ich an der Schulter gepackt.
„Hochverehrte Kammerfrau, es ist an der Zeit, aufzustehen.“, flüsterte Vitus mir ins Ohr. Er hatte über dem neu entfachten Kaminfeuer bereits einen Kessel Wasser aufgewärmt, damit ich mich schnell ein wenig säubern konnte. Nachdem ich mein Gewand geglättet, mit den Fingern das Haar geordnet und unter der Haube verstaut hatte, wandte ich mich zu ihm um.
„Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll, Vitus.“
Er fuhr mit den Fingerspitzen leicht über meine Wange.
„Schenkt mir ein Lächeln, Jungfer Adelheid. Das ist mir Belohnung und Dank genug.“
Ich strahlte ihn selig an, dann schlüpfte ich durch die Tür in den Dienstbotengang, schlich auf Zehenspitzen vor das Schlafgemach der Kurprinzessin, ließ mich samt der dünnen Decke nieder, und tat so, als hätte ich die ganze Nacht auf den staubigen Dielen des Flurs verbracht.
Es dauerte nicht lange, und Signora Vernoni lugte vorsichtig durch einen Türspalt. Sie fiel neben mir auf die Knie, nahm mich in die Arme und wiegte mich wehklagend hin und her.
„Ach, du liebes, unschuldiges Mädchen! Oh, du süße, arme Kleine! Es tut mir so sehr leid, es tut unserer Herrin, der Principessa, von Herzen leid, wie sie gestern Abend mit dir umgesprungen ist! Sie will dich sofort sehen, sobald sie aufgewacht ist.“
Henriette Adelaide zerfloss förmlich vor Reue und Zerknirschung. Sie hinderte mich daran, vor ihr Referenz zu machen, umarmte mich sogar, nannte mich ihre beste Freundin, und forderte mich dazu auf, aus ihrem prall gefüllten Schmuckkoffer als Entschädigung etwas auszusuchen. Eingedenk des Skandals, welchen die piemontesische Kammerfrau durch das Tragen der Ohrringe, des Hochzeitsgeschenks Ferdinand Maria’s hervor gerufen hatte, lehnte ich dankend ab. Die Prinzessin knetete nervös ihre langfingrigen Hände.
„Aber irgendein Geschenk muss ich dir doch machen! – Ich kann dir kein Geld geben, denn ich habe keins!“
Das ungläubige Erstaunen muss mir ganz deutlich ins Gesicht geschrieben gewesen sein, denn meine Herrin lachte trocken auf.

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