„Starlight Sue“ – Teil 28…

Die stählerne Tür klemmte, und erst als die beiden Männer mit den Brechstangen das spröde gewordene Schloss aufgestemmt hatten und sich mit voller Kraft dagegen warfen, gab sie mit knarzenden Angeln nach. Die schmalen Lichtkegel der Stirnlampen tanzten im Dunkel und im aufgewirbelten Staub. Ein dumpfer, muffiger Luftschwall trieb Winnegard und Helmholzer entgegen. Paul hustete rau und wandte sich kurz ab.
Endlich hatte sich der Staub wieder halbwegs gelegt. Daniel griff nach einem der Standscheinwerfer und pflanzte ihn nahe der Türe auf. Die Szenerie, die in der Helle des Strahlers nun deutlich zu erkennen war, ließ den Freunden das Blut schier in den Adern gefrieren. An den Längswänden waren ungefähr ein Dutzend spartanische Etagenbetten aufgestellt. In der Mitte des Raumes befand sich ein schlichter Biertisch samt zweier langer hölzerner Bänke ohne Lehnen. An der Schmalseite war etwa in Brusthöhe ein leerer Kasten mit verschiedenen Halterungen angebracht. Dort mochte man früher einmal jene Beile und Spitzhacken aufbewahrt haben, die nun nahe der Türe verstreut lagen, deren Innenseite verbeult war und an mehreren Stellen sogar aufklaffte.
Pauls Blick glitt zu dem linkerhand sich befindenden Etagenbett und vor Schreck fuhr er sich mit der Hand an die Kehle. Auf einer brüchigen, schlichten Decke, die vor schwarzem, getrocknetem Blut starrte, lagen vier mumifizierte Leichen in SA-Uniformen, ein fünfter Toter war vor der Bettstatt hingestreckt, mit der krallenartigen, vertrockneten Rechten hielt er einen Revolver umklammert. Ringsum die schauerliche Szenerie waren die vergilbten Blätter eines Kartenspiels verstreut.
„Mein Gott!“, presste Paul zwischen den bleichen, starren Lippen hervor. Daniels Augen waren unnatürlich geweitet und sein Atem ging tief und stoßweise.
„Was glaubst du, was passiert ist?“
Helmholzer hockte sich nieder und studierte lange Zeit schweigend die Mumien. Schließlich versuchte er zu sprechen, jedoch versagte ihm die Stimme, er brachte lediglich ein heiseres Flüstern zustande: „Ich vermute, diese Soldaten hatten sich irgendwann während eines Bombenangriffs hierher geflüchtet. Es muss sich durch die stundenlangen Erschütterungen der explodierenden Bomben die Türe verzogen haben, jedenfalls mussten sie nach einer Weile wohl erkannt haben, dass sie in der Falle saßen. Mit Sicherheit ist der Zugang zum Bunker verschüttet worden. Niemand hat anscheinend nach ihnen gesucht. Man hat sie im Chaos und in all der furchtbaren Zerstörung ringsum einfach vergessen. Es sieht ganz danach aus, als hätte man diese Räume hier erst kurz zuvor fertig gestellt, und noch nicht komplett eingerichtet, ich kann nirgendwo irgendwelche Vorräte entdecken. Vielleicht haben die Jungs noch lange Zeit gehofft, dass man sie ausfindig machen würde. Irgendwann, als sie bereits sehr demoralisiert und geschwächt waren, wird ihnen wohl klar geworden sein, dass da niemand kommen würde, um sie zu befreien. Sie befanden sich in einer tödlichen und ausweglosen Falle…“
„… Und so haben sie irgendwann beschlossen, ihren Leben ein Ende zu setzen. Und mit dem Kartenspiel bestimmten sie ihren Henker… Oh, mein Gott, wie ist das grausam!“
Paul umschlang sich mit seinen Armen und versuchte, den aufkommenden starken Brechreiz zu unterdrücken. Daniel trat näher an die Leichen heran und fixierte die kleinen runden Einschusslöcher in den Schädeln der Männer.
Ein harter Knall ertönte vom Vorraum her, so, als würde ein Stück Metall auf eine Oberfläche aus Stein prallen. Unmittelbar darauf konnte man den Polier lästerlich fluchen hören: „Verdammter Scheiß! Mein neues Handy! Letzte Woche erst gekauft! Hat mich vierhundert Euro gekostet, das Teil!“
Das Geräusch schien bei Daniel etwas Furchtbares auszulösen. Sein Blick wurde ausdruckslos, als würde er sich tief in sich selbst zurück ziehen. Sein Teint verlor jegliche gesunde Farbe, schimmerte im Licht des Standscheinwerfers aschfahl, ja, totenbleich, und begann, vor ungesundem Schweiß zu glänzen. Ein starkes Zittern setzte ein, sein muskulöser Brustkorb hob und senkte sich in sehr raschen, geradezu fieberhaften Atemzügen. Paul packte ihn am Arm und schüttelte ihn leicht.
„Danny! Was ist mit dir?“
Sein Freund zeigte keinerlei Reaktion.
„Traumatischer Schock – stimmt’s… Verflucht noch eins, wie soll ich dich nur schnell hier heraus bekommen!“
Sanft führte der junge Amerikaner Helmholzer zu einer der Bierbänke und brachte ihn dazu, sich nieder zu setzen. Er starrte auf Daniel nieder, der immer stärker hyperventilierte, dessen Mundpartie mittlerweile völlig verkrampft war. Irgendwann, irgendwo hatte er etwas darüber gelesen… Paul blickte suchend umher, sich mit aller Gewalt zur Ruhe zwingend. Auf dem Boden zwischen den linkerhand stehenden Etagenbetten sah er einen zerknitterten leinernen Beutel liegen, der früher einmal die Habseligkeiten eines jener toten Soldaten enthalten haben mochte. Er schlug kurz den Staub davon ab und zog ihn über Mund und Nase seines Freundes.
„Hier, Danny. Und jetzt versuche, tief und langsam zu atmen – tief und langsam – tief und langsam – so ist’s gut.“

 

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„Starlight Sue“ – Teil 27…

Im Anschluss an das kleine, achteckige, von einigen steinernen Köpfen und Statuen gezierte Gelass befand sich ein etwa vierzig Quadratmeter großer, rechteckiger Raum. Das nördliche Ende wurde von dem halbrunden, schmiedeeisernen, verglasten Portal zum lang gezogenen Brunnenhof gebildet. An der südlichen Seite hatte man ein bis zur Decke reichendes und mit dicker, dunkelgrauer Plastikfolie verkleidetes Gerüst aufgestellt. Eine schmale Tür führte in die Baustelle.
Die marmornen Bodenfliesen waren im Bereich der einstmaligen alten Toiletten entfernt, und dadurch eine quadratische, etwa einen Meter pro Seitenlänge messende Bodenplatte mit einem eisernen Ring frei gelegt worden. Die Bauarbeiter hatten diese geöffnet, Paul beugte sich vor und blickte in eine schwarzdunkle Tiefe, einem gähnenden Schlund gleich.
„Wir haben hinein geleuchtet, der Raum darunter scheint unserer Schätzung nach etwa fünf Meter tief zu sein.“, erläuterte der Polier. Daniel wandte sich an den Kastellan: „Habt ihr eine Leiter, die lang genug ist?“
Der Angesprochene nickte. „Natürlich, wir müssen ja die ausgebrannten Glühlampen an den Kronleuchtern im Kaisersaal und den anderen hohen Räumen wechseln können. Ich ruf‘ den Elektriker, damit er sie gleich vorbei bringt.“
Nur wenig später erschien ein rundgesichtiger, gutmütig wirkender Mann in blauem Arbeitsanzug, zusammen mit einem Kollegen das Ungetüm der Klappleiter und eine längliche Holzkiste schleppend.
„Nach dem letzten Neujahrsempfang hat die Beleuchterfirma ein paar mit Akku betriebene Standscheinwerfer vergessen, ich dachte, ich bring‘ sie mal mit, vielleicht könnt ihr da unten so was brauchen.“
„Hervorragend mitgedacht! Danke!“, rief Daniel. Er zog aus seinem Rucksack ein Messgerät und ein längeres Stück Schnur. „Ich werde jetzt vorsichtshalber da unten den Sauerstoffgehalt messen und nachprüfen, ob sich eventuell Giftgase in der Luft befinden, was ich aber nicht glaube.“
Helmholzer ließ das Messgerät in den Schacht und drückte Paul das lose Ende der Schnur in die Hand, anschließend streifte er sich die Schutzweste über und setzte den Helm auf. Dann setzte er den Rucksack neben Winnegard ab. „Hier, nimm dir die zweite Ausrüstung. Du kommst doch mit, oder?“
„Was für eine Frage!“
Paul gab seinem Freund die Schnur und zog sich an. Daniel studierte die digitale Anzeige des kleinen, elektronischen Geräts. „Gut. Die Luft scheint so weit in Ordnung zu sein, keinerlei Giftgasspuren. – Los geht’s.“
Mit Hilfe des Poliers und des Hauselektrikers bugsierten sie langsam die Leiter in den Schacht, dann stellte sich Daniel vorsichtig auf die oberste Sprosse und begann, hinunter zu klettern. Paul folgte ihm mit klopfendem Herzen. Er hatte eine leichte Phobie, was enge, finstere, abgeschlossene Räume anbelangte, doch der Kick, die Neugierde darauf, was sie da unten erwarten mochte, wischte seine Ängste beiseite.
Sie hatten den überraschend glatten Boden des finsteren Gelasses erreicht und blickten sich mit eingeschalteten Helmlampen forschend um. Der Raum, in dem sie sich befanden, maß ungefähr vier mal sechs Meter, und die gewölbte Decke war grade so hoch, dass Daniel aufrecht stehen konnte, ohne sich den Schädel anzustoßen. An der gegenüber liegenden Schmalseite gab es eine schmale, niedere, verschlossene Tür. Die Einrichtung bestand aus einem Tisch und einem halben Dutzend umgekippter Stühle, die einen sehr ramponierten Eindruck machten. Rechts unter der Deckenluke lehnte eine Leiter mit eisernen, arg verrosteten Sprossen an der grob gemauerten Wand. Daneben standen zwei unförmige Kisten. Daniel fuhr mit dem Metalldetektor darüber und registrierte nickend den starken Ausschlag.
„Dann wollen wir doch mal nachschauen, was sich da Interessantes versteckt.“
Er winkte nach oben.
„Lasst doch bitte jetzt die Scheinwerfer und so etwas Ähnliches wie Brechstangen herab!“
Der Kastellan und der Hauselektriker brachten die gewünschten Utensilien. Bevor sich die Männer wieder zurück zogen, blickte sich der Schlossverwalter intensiv um, sein vom silberweißen, dichten Schopf umrahmtes, scharf geschnittenes Gesicht spiegelte fassungsloses Staunen wider.
„Es gibt so einige geheimnisvolle Türen und auch Gänge hier in der Residenz. Aber dass sich unter unseren Füßen vermutlich siebzig Jahre lang ein Luftschutzkeller verborgen hat – das ist schon überwältigend… Ich frage mich, warum diese Anlage beim Wiederaufbau ab 1948 nicht entdeckt worden ist.“
Daniel wischte sich mit der Hand über die staubige Stirn.
„Vielleicht wollte man diesen Bunker ja nicht wiederfinden. Vielleicht hat man ihn voller Bedacht ‚vergessen‘, wie so manches, was in den ersten Jahren nach der Nazi-Zeit an diese gemahnt hat. Mit der sogenannten ‚Aufarbeitung‘ hatte man’s nicht so.“
Die mit fingerdickem Staub bedeckten Truhen ließen sich überraschend mühelos öffnen. Sie waren bis zum Rand mit nagelneuen Sturmgewehren 44 gefüllt, deren Läufe im matten Licht täuschend sanft schimmerten. Daniel pfiff leise durch die Zähne und nahm eine der Waffen heraus.
„Was für ein Schatz… Hier liegt ein Vermögen, Happy. Was glaubst du wohl, was Nazi-Devotionalien- und Waffenhändler sowie Rechtsextreme für den Inhalt dieser beiden Kisten berappen würden. Ich könnte mir jetzt – dein Stillschweigen vorausgesetzt – eine goldene Nase verdienen, und danach, was Reichtum anbelangt, sogar deinen Vater ganz locker in die Tasche stecken.“
Paul ging auf den feixenden Ton ein: „Nur zu! Ich werd‘ mich mal da drüben in die Ecke stecken und ein Nickerchen mit ganz fest geschlossenen Augen machen.“
„Nein, ganz im Ernst. Wir müssen acht geben, dass diese Waffen nicht in die falschen Hände geraten. Sobald wir hier fertig sind, werde ich das Innenministerium benachrichtigen, und den Kastellan darum bitten, bis auf Weiteres eine Dauerwache des Sicherheitsdienstes hier abzustellen.“
„Auch wenn wir ‚Starlight Sue‘ wieder einmal nicht gefunden haben, höchst spannend und aufregend ist das hier in jedem Fall. – Was wir wohl hinter dieser Tür finden werden…“, murmelte Paul und schritt auf den verschlossenen Durchgang zu.

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„Starlight Sue“ – Teil 26…

München/Washington D. C., 7. September 2015

… In den späten Nachtstunden, als sich bereits die allerersten Schemen der Dämmerung durch die dicken, gebauschten Vorhänge der Suite zu stehlen begannen, hatte Paul einen merkwürdigen Traum: Kate hatte sich lautlos aus dem Bett erhoben, sich über ihn gebeugt und ihn lange Zeit regungslos angestarrt, ehe sie auf ihre unnachahmlich anmutige Weise aus dem Zimmer geglitten war, hinaus auf die noch menschenleeren Straßen. Er hatte gleichzeitig sie und sich selbst beobachten können, wollte aufstehen, ihr folgen, doch eine furchtbare Schwere lähmte und fesselte ihn. Weit, weit draußen, jenseits des von grellen Lichtern erhellten Häusermeers, warf die junge Frau sich in die Arme eines großen, schattenhaften Mannes. Irgend etwas an dieser dunklen Gestalt kam Winnegard überaus bekannt vor, doch im gleichen Augenblick, da die Erkenntnis einem Blitz gleich durchfuhr, erwachte er, und der Traum entschwand…

… Kate hatte Doro zum Frühstücken ins Hotelrestaurant eingeladen, bevor sie sich zu ihren weiteren Einsätzen als Helferinnen zum Bahnhof begaben. Paul schmunzelte insgeheim über den kindhaft anmutenden Eifer der beiden jungen Frauen, die am liebsten das opulente Bufett abgeräumt und für „ihre Flüchtlinge“ eingepackt hätten. Nachdem er sich von seiner Freundin und Daniels Schwester nahe der Einsatzleitung verabschiedet hatte, machte er sich langsam schlendernd und die überraschend warm strahlende, frühherbstliche Sonne genießend auf den Weg zum Innenministerium.
Als er im Büro eintraf, waren Kamhuber, Meixner und Daniel schon fieberhaft zugange.
„Unser System ist abgestürzt. Wir müssen zusehen, dass wir die Rechner wieder flott bekommen, bevor die Daten des heutigen Überflugs eintreffen. Der Pilot ist bereits auf dem Weg nach Oberschleißheim. Wir wollen heute die sogenannte Schwanthaler Höhe und das Westend scannen, das könnte recht spannend werden, dort hat sich zu Kriegszeiten bis in die Sechziger die Reifenfabrik Metzeler befunden. Während der Bombenangriffe auf München ist sie häufig von den Alliierten aufs Korn genommen und zu zwei Dritteln zerstört worden.“
Das Rebooten war noch in vollem Gange, als das Telefon läutete. Daniel nahm das kurze Gespräch entgegen, noch während er sprach, winkte er Paul zu sich und angelte nach seiner über einer Stuhllehne hängenden Strickjacke.
„Ja. Räumen Sie, und schließen Sie bitte. Wir machen uns unverzüglich auf den Weg zu Ihnen.“
Er holte aus einem der Wandschränke zwei Schutzwesten, Schutzhelme, einige Messgeräte und Helmleuchten, packte die Ausrüstung in einen Rucksack und schulterte diesen.
Die beiden Männer hasteten über den Odeonsplatz, passierten die Feldherrnhalle, schritten die Residenzstraße entlang, und bogen schließlich in den sogenannten Königsbauhof des Münchner Stadtschlosses ein.
„Bei Bauarbeiten in der Nähe des sogenannten Oktogon im Erdgeschoss der Residenz hat man anscheinend den Zugang zu einem bislang unentdeckten Luftschutzkeller gefunden. Als man vorsichtshalber die Baustelle mit Metalldetektoren absuchte, haben diese zwei große Strukturen angezeigt.“
„Könnte eine davon ‚Starlight Sue‘ sein?“
„Das wäre durchaus möglich.“
Im Foyer wurden sie bereits neben einem improvisierten Schild mit der in mehreren Sprachen abgefassten Inschrift „Aufgrund technischer Probleme ist die Residenz bis auf weiteres für den Publikumsverkehr geschlossen“ von dem zierlichen, leicht rotgesichtigen Kastellan erwartet. Er fuhr sich mit der Linken durch den dichten, silbernen Schopf, der ihm in die Stirn fiel und nickte den Männern zu.
„Ich habe grade das sogenannte Schlusswort ins Obergeschoss durchgegeben. In spätestens einer halben Stunde werden alle Besucher das Museum verlassen haben. – Sie sind nur zu zweit? Ich hatte eigentlich mit einem riesiges Einsatzkommando samt einem Feuerlöschzug, mindestens zwei Krankenwägen und etlichen Polizeistreifen gerechnet.“
„Wir sind sozusagen die Vorhut, die Männer für’s Grobe.“, witzelte Daniel.
Paul zog sich auf die höchste der fünf Stufen zurück, die den Kassenraum vom Foyer mit dem großen Modell des Stadtschlosses und dem Stand für die Audioguides trennte, und beobachtete die ineinander strudelnden Menschengruppen, die einen kehrten sichtbar enttäuscht von einem unerwartet kurzen Rundgang durch die gut hundert Räume im Obergeschoss zurück, Passanten, welche eingetreten waren, und das Schild sahen, suchten sich schimpfend, achselzuckend, murrend den Rückweg nach draußen. Daniel unterhielt sich mit dem Kastellan und einem hoch gewachsenen Museums-Angestellten, der durch seine von kleinen Narben übersäte unförmige Knollennase auffiel.
Endlich bog eine weibliche Aufsicht mit dunklem, kurzem Pagenkopf und kindlich-klugem Gesicht um die Ecke, sehr diskret und geduldig ein gutes Dutzend wild um sich knipsender Asiaten einer Schafherde gleich vor sich her treibend.
„Das sind jetzt die letzten Besucher.“
„Brav gemacht, Frau Liesch. – Melden Sie sich bitte wie üblich bei der Wache ab, genießen Sie den unverhofften freien Tag, und drücken Sie bitte ganz fest die Daumen, dass uns unser schönes Schloss nicht im Laufe der nächsten Stunden um die Ohren fliegen wird.“
Die Männer warteten, bis der Vorraum sich geleert hatte, und die weiß lackierten Flügel der Eingangstür verschlossen worden waren. Dann marschierten sie zügig durch den düsteren Grottenhof und den riesigen Saal des Antiquariums mit seiner beeindruckenden, gewölbten, mit wundervollen Grotesken bemalten Decke sowie den weit über hundert römischen Marmorbüsten, welche in den Nischen und auf den Brüstungen links und rechts in den Wänden zur Schau gestellt wurden, Richtung Oktogon.

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„Starlight Sue“ – Teil 25…

… Das Überfliegen und Scannen per Helikopter sowie Auswerten der Aufzeichnungen der Forschungssonde des nächsten Planquadrats an den Rechnern im Innenministerium dauerte bis in den späten Nachmittag. Wie bereits die Tage zuvor kauerten Helmholzer, Winnegard, Kamhuber und Meixner gebannt vor dem Bildschirm, als sich die seltsam anmutende 3-D-Animation allmählich aufbaute.
„Wenn ich mich nicht irre, liegt da ein ziemlich dickes Ei unter dem Innenhof des Finanzamts.“, murmelte Daniel, „Sehr tief – sonst hätte man das beim Ausschachten seinerzeit wohl kaum übersehen können.“
„Hah! Da sollten wir morgen vielleicht ganz freundlich darauf hinweisen, dass wir dieses Bömbchen nur dann bergen und entschärfen werden, wenn man uns hoch und heilig verspricht, bei allen zukünftigen Steuererklärungen sämtliche Augen zuzudrücken.“, witzelte Kamhuber.
„Unter dem angrenzenden Hostel kann ich auch zwei Objekte erkennen.“
„Yepp. Die sind allerdings weitaus übler. Die sind direkt unter dem Hauptgebäude. Viel zu klein, um unsere ‚Starlight Sue‘ zu sein – und dennoch alles andere als harmlos… Ich werde die Absteige sofort räumen lassen – die Betreiber werden mich lynchen, ich weiß, denn schließlich mache ich ihnen das ganze schöne Oktoberfest-Geschäft kaputt – und dann werden wir eine versierte Hoch-und-Tiefbau-Firma einschalten müssen. Deren Arbeiter werden sich im Kellergeschoss zu den Dingern durchgraben müssen, ganz, ganz vorsichtig, und ohne die Statik zu gefährden. Ob wir sie dann vor Ort entschärfen werden können, oder abtransportieren müssen – wir werden sehen. Die eine Option wäre genau so ungut wie die andere…“ Helmholzer seufzte und fuhr sich über die Augen. „Okay, Buam, machen wir Schluss für heute.“
„Was bin ich nur für ein Dummkopf gewesen, dass ich diese Angelegenheit so lange Tage nicht ernst nehmen konnte, oder wollte…“, murmelte Paul. Daniel zuckte die Schultern. „Wir machen alle Fehler, Happy.“
Winnegard stutzte. Es war dies das erste Mal, dass sein Jugendfreund ihn bei seinem alten Spitznamen nannte, den er ihm verpasst hatte, als er noch ein Kleinkind gewesen war, weil seine Gesichtszüge permanent einen scheinbar glücklichen Ausdruck gezeigt hatten, auch wenn er sich innerlich geärgert hatte oder Trauer oder Frust an ihm gezehrt hatten.
Sie hatten das Innenministerium verlassen und standen unter dem stattlichen Bronzedenkmal König Ludwigs I. Die Sonne schien, doch ein unzeitig kühler Wind fegte über den Platz. Daniel schauderte und Paul klappte den Kragen seines Kurzmantels hoch.
„Manchmal habe ich die Hosen dermaßen gestrichen voll, dass ich am liebsten davon laufen würde.“
„Davon laufen, ja, das wär’s…“, murmelte Helmholzer und starrte in den Frühabendhimmel.
„Ich habe den Eindruck, dass dich außer der Bombe noch etwas anderes bedrückt, Danny. Kann ich dir irgendwie helfen?“
Der Blick des Angesprochenen glitt mit einem nicht zu enträtselnden Ausdruck über den jungen Amerikaner. Sein Adamsapfel bewegte sich, als würde ihn etwas in der Kehle würgen.
„Nein. Leider nicht, Paul, leider nicht… – Wir sehen uns morgen.“
Daniel puffte seinem Freund sanft in die Rippen und ging schnell davon, beinahe fluchtartig, wie Winnegard schien. Er zog die Schultern hoch und wandte sich gen Bahnhof, um Kate abzuholen, sie hatte ihm vor einer Weile schon eine Nachricht geschickt, dass sie zwar glücklich sei, doch furchtbar müde, und sich nur mehr nach einer warmen Mahlzeit, einer Dusche und einem weichen Bett sehnen würde.
Doch Kate war nicht da. Trotz ihres derzeitigen Lebenswechsels schien sich ihr sprunghaftes Verhalten nicht geändert zu haben. Als Paul das Smartphone hervor holen wollte, um nach ihr zu forschen, entdeckte ihn Doro inmitten der tosenden und strudelnden Massen der Flüchtlinge, die den beinahe stündliche eintreffenden Sonderzügen entstiegen, und kam auf ihn zu.
„Falls du deine Liebste suchst – ein ziemlich aufdringlicher Klatschreporter aus Amiland hat sie vor etwa einer halben Stunde entdeckt und ist ihr auf die Pelle gerückt – wollte sie fotografieren und ein Interview mit ihr machen. Danach hat sie alles stehen und liegen lassen und gemeint, sie müsse abhauen und dringend frische Luft schnappen. Ich habe ihr geraten, in den Englischen Garten zu fahren, und sich morgen wieder bei uns zu melden – sofern sie dann noch Bock darauf hat, uns weiter zu helfen.“
Es war bereits dunkel, als Kate im Hotel eintraf. Sie trat auf ihn zu, mit einem Gesicht, das von tiefen Seelenqualen sprach und um Jahre gealtert zu sein schien, legte die Arme um seine Taille und barg ihren Kopf an seiner Brust.
„So ein scheiß grausames Leben.“, murmelte sie.
„Was ist mit dir, Baby? Wie kann ich dir helfen?“
Er fühlte die Feuchte ihrer Tränen durch seinen dünnen Kaschmirpullover und wiegte sie sanft hin und her. Sie seufzte auf, es war ihm, als ringe sie wie eine Erstickende um Luft.
„Gar nicht, Paul. Leider, leider gar nicht. Aber hab‘ keine Angst – alles wird gut werden. – Ich werde jetzt ganz lang duschen, um all den Dreck los zu werden, und dann lass‘ uns bitte essen gehen, und völlig belangloses Zeugs miteinander reden.“
Nur kurze Zeit später hörte er sie durch die Badezimmertür fluchen wie ein Fuhrknecht, weil ihr wohl die Seife durch die Finger geglitscht war, und er schmunzelte. Ganz und gar eindeutig, und ziemlich beruhigend – das war Kate, so wie er sie kannte und mittlerweile liebte. Und doch – er wurde das unterschwellige Gefühl nicht los, in einen bedrohlichen, dunkel gähnenden Abgrund zu blicken. „Starlight Sue“, die Bombe, sie wirft ihren furchtbaren Schatten immerdar und überall, resümierte er mit düsterem Fatalismus…

… „Der Bombenangriff am 25. April 1944 auf München begann um ziemlich genau ein Uhr morgens. Es war der achtzehnte Angriff auf die Stadt, und er wurde von der Air Force angeführt. Eingeleitet wurde er durch einen Scheinangriff auf Karlsruhe, um die deutschen Nachtjäger abzulenken. Da diese bald landen mussten, weil ihre Tanks leer waren, konnte der Luftschlag gegen München wie ein routiniertes Lehrbuch-Manöver statt finden. Die umliegende Flak-Abwehr hatte 350 bis 400 feindliche Maschinen gemeldet. Als erstes wurden elf Mosquito-Bomber gesichtet, die Stanniol-Streifen abwarfen, um die deutschen Funkmessgeräte unbrauchbar zu machen. Mehrere Mosquitos markierten im Sturzflug mit roten Leuchtbomben das Hauptangriffsziel, den Hauptbahnhof. Es folgte ein dichter Teppich von Brandbomben, die ersten sogenannten „Wohnblock-Knacker“ detonieren, das sind Bomben mit enormer Sprengkraft gewesen. Die meisten Bomber konnten ungehindert bis in die Stadtmitte vordringen. Dreizehn Maschinen wurden von der Flak im Raum München abgeschossen, drei schlugen im Stadtgebiet auf. Laut Behörden wurden allein in dieser Nacht an Sprengmitteln abgeworfen: sieben Sprengbomben mit je 2000 Kilogramm, 24 Sprengbomben zu 500 Kilogramm, 54 zu 250 Kilogramm, 844 Flüssigkeitsbrandbomben, rund 550.000 Stabbrandbomben, 14.160 Phosphorbrandbomben zu 14 Kilogramm, 10.245 Flammstrahlbomben zu 13 Kilogramm, 459 Blitzlichtbomben, 36 Zielmarkierungsbomben und rund 2500 Flugblätter…
136 Personen sind diesem Angriff zum Opfer gefallen. Fast 4.000 Menschen wurden verletzt, davon 500 schwer, cirka 1.900 leicht, cirka 1.800 erlitten Augenverletzungen… Das Gesicht der Stadt hat sich in jener Nacht dramatisch verändert. Wertvolle geschichtliche Bauten und Baudenkmäler wurden zerstört, darunter die Residenz, das Odeon, das Rokoko-Palais, die Bürgersaalkirche, die Heiliggeistkirche, die Damenstift- und die Herzogspitalkirche. Viele Wohnungen gingen verloren. 70000 Menschen wurden obdachlos. Um 2.53 Uhr meldete ein einminütiger hoher Dauerton das Ende der Luftgefahr…“, fasste Beth ihre Nachforschungen zusammen. „Wir sollten uns ausgiebig mit diesem Luftangriff beschäftigen, Cleb. Die genaue Anzahl der daran beteiligten Kampfflugzeuge, die Piloten, die Besatzungen, die Liste der vermissten und toten britischen und amerikanischen Air-Force-Angehörigen… Wir benötigen ganz dringend Zugang zu den Aufzeichnungen der Flugbasis Mildenhall, von wo aus die Aktion gestartet ist.“

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„Starlight Sue“ – Teil 24…

Cleb und Beth hatten sich am Morgen unverzüglich die Aussage Hubert Brandons angesehen, die ihnen noch während der Nacht von Paul übermittelt worden ist. Beth wiegte nachdenklich den Kopf.
„Hiermit wäre also eindeutig bewiesen, dass die Bombe keine verrückte Ausgeburt meines Großvaters gewesen ist, sondern wirklich existiert hat.“
„Das nimmt Ihnen viele Zweifel, nicht wahr.“
„So ist es, Cleb. Dennoch – verwertbare und detaillierte Anhaltspunkte liefert Brandons Bericht leider nicht. Wo genau ist die Nuklearwaffe abgeworfen worden? Das Wichtigste wären doch wenigstens halbwegs genaue Koordinaten, um dem Münchner Team die Suche erleichtern zu können… Wir sind zwar anscheinend einen großen Schritt weiter gekommen – in Wirklichkeit allerdings stehen wir immer noch genau da, wo wir unsere Nachforschungen begonnen haben.“
Sie seufzte und loggte sich in ihren Rechner ein.
„Lasst uns noch einmal ganz, ganz gründlich Schlagwort für Schlagwort durchgehen. Vielleicht ist uns etwas entgangen. Wir sollten mit jenen Files beginnen, die wir uns gestern Abend als letzte vorgenommen haben, vielleicht waren wir da schon sehr unkonzentriert und haben etwas übersehen.“
Doch die über viele Stunden sich hinziehende Suche erbrachte nichts Neues…
… Hike war wieder da, und während er im Obergeschoss auspackte, Fotos und Skizzen in seinem Atelier verstaute und eine Dusche nahm, hatte es sich Beth an der Küchentheke gemütlich gemacht. Ihr Partner bestand darauf, das Abendessen zu kochen, obwohl er mit Sicherheit mindestens genau so erschöpft war wie sie. Um die Zeit totzuschlagen, surfte sie ein wenig im Internet herum, obwohl ihr der Kopf brummte und trotz Lesebrille die Buchstaben auf dem Bildschirm vor ihren Augen verschwammen. Einer spontanen Eingebung folgend gab sie in das Suchfenster des Browsers „Starlight Sue“ ein. Es gab lediglich eine Eintragung. Diese verwies auf eine Fernsehserie eines kleinen Privatsenders im Mittelwesten, mit dem Titel „Hits, die niemals welche wurden“ die recht kurzlebig gewesen war, bereits nach einem halben Jahr war sie wieder eingestellt worden. Ein entnervend durch die Nase sprechender Moderator namens Hughey Lugdiddle, der aufrecht und steif auf einer kleinen, schlecht ausgeleuchteten Bühne stand, präsentierte der unruhig auf und ab ruckelnden Kamera die sichtlich nervösen Mitglieder einer Highschool-Band.
„Hätte der größte Traum des jungen Air-Force-Piloten Jakob Alone sich erfüllt, hätte er sein größtes Idol, den weltberühmten Bandleader und Posaunisten Glenn Miller je getroffen, und ihm seine Arrangements zeigen und vortragen dürfen – wer weiß, vielleicht wäre dann aus diesem Instrumentalstück auch ein großer Hit geworden, und das Leben Mr. Alones, der während des Zweiten Weltkriegs über Deutschland von den Nazis abgeschossen worden war, wäre anders verlaufen. ‚Starlight Sue‘, gespielt von der Beaver Creek Highschool Band aus Minnesota!“
Sie lauschte ein paar Takte lang dem gemächlich vor sich hin swingenden Stück, das eine entfernte Ähnlichkeit mit Millers berühmter „Moonlight Serenade“ hatte, und klickte dann weg. Sie hatte Hikes Schritte auf der Treppe gehört, klappte den Laptop zusammen, und umarmte den Mann lange und ungewohnt inniglich.
„Was ist passiert, mein Schatz?“
Beth trat zurück und zupfte die weite, fast knielange Tunika zurecht, die sie über schwarzen, bequemen Leggins trug.
„Nichts, ich habe dich nur vermisst. Und ich habe dir sehr viel zu erzählen. – Wie ist dein Aufenthalt auf Martha’s Vineyard bei den Reichen und Schönen gewesen?“
„Der Hit! Fabelhaft! Die Heyvels haben mir den Auftrag für ein geradezu monumentales Familienportrait erteilt: Patrick Heyvel IV.und seine Frau Gilla inmitten der Schar ihrer sieben Kinder. Es wird die gesamte Stirnseite ihres Salons in ihrem Wohnsitz einnehmen – und uns ein halbes Jahr lang die Miete für unser hübsches Häuschen hier zahlen. – Wir sollten den Champagner köpfen, den du vor einem halben Jahr von Mrs. Kerry geschenkt bekommen hast.“
„Das ist eine schlicht und ergreifend prachtvolle Idee, mein Lieber!“
Während Hike voller Übermut und Eifer in den Keller sprintete, ging Beth der flüchtige Gedanke durch den Kopf, warum ein unbekannter Pilot ausgerechnet den Titel eines ebenso unbekannten Musikstücks auf seine todbringende Fracht, die erste Atombombe, gepinselt hatte. Doch dann prickelte der fruchtig-trockene, erlesene Schaumwein auf ihrem Gaumen, und während ihr Lebensgefährte ein delikates Mahl zubereitete, und sie sich über die jüngsten Ereignisse austauschten, verschwanden ihre Frage, und der doch recht seltsame und skurrile Umstand, der dazu geführt hatte, aus ihrem Bewusstsein, so wie ein Schriftzug an einem Strand von den träge züngelnden Meereswellen gelöscht wird…

München/Washington D. C., 6. September 2015

Paul begleitete Kate zum Münchner Hauptbahnhof. Trotz der noch recht frühen Morgenstunde herrschte rund um den ausgedehnten Komplex überaus reges Treiben. Vor der Spendenannahme am Elisenhof standen bereits mehrere hundert Menschen jeden Alters, die Lebensmittel, Kleidungsstücke, Decken und Spielzeug abgeben wollten. Die Bundeskanzlerin hatte Tags zuvor in einer Ansprache den mantra-ähnlichen Satz: „Wir schaffen das!“ geäußert, und schien damit die ohnehin überwältigende Hilfsbereitschaft der Münchner noch mehr angespornt zu haben. In einer Nebenstraße war der Einsatzwagen der ehrenamtlichen Helfer geparkt, an einem Biertisch davor hatte man mehrere Laptops aufgestellt, ein erschöpft wirkendes aber sehr umsichtig, routiniert und freundlich agierendes sechsköpfiges Team koordinierte die Scharen der Helfer. Einen Jubelschrei ausstoßend stellte eine etwas abseits stehende Frau mit rundlichem, gutmütigem Gesicht und zu Berge stehenden kurzen Haaren ihren dampfenden Kaffeebecher ab, stürzte auf Winnegard zu und fiel ihm in die Arme.
„Oh, seitdem Daniel mir davon erzählt hat, dass du zur Zeit in München zu tun hast, und sogar mit ihm zusammen arbeitest, freue ich mich, dich endlich einmal wieder zu sehen!“
Paul stutzte zunächst, doch dann erwiderte er inniglich die Umarmung.
„Doro… Ich freue mich auch – sehr sogar.“
Helmholzers Schwester hatte äußerlich nicht viel mit diesem gemein, sie war klein und mollig. Doch die dunklen Augen hatten den gleichen aufrechten und offenen Blick. Freundlich lächelnd wandte sie sich Kate zu und fasst diese sanft am Arm. „Ihr seid miteinander verbandelt? – Cool! – Und ganz toll, dass du uns heute wieder helfen möchtest. Wir sind beide wieder an der Wasserausgabe eingeteilt, so wie gestern, zunächst für eine Vier-Stunden-Schicht. Wenn du dann noch fit bist und Lust und Laune hast, kannst du sehr gerne länger bleiben.“
Doro griff nach ihrem Kaffee und trank ihn in schnellen Zügen. Sie gab Paul einen Kuss auf die Wange. „Wenn es deine kostbare Zeit erlaubt, dann würde ich dich ganz gerne die Tage mal mit Kate zu mir zum Essen einladen. – Sweetheart, wir müssen, unsere Schicht fängt gleich an.“
Kate strich Winnegard sanft über das Gesicht, flüsterte: „Wir sehen uns heute Abend, Baby.“, dann wandte sie sich ab und folgte Doro. Jenseits der Arnulfstraße war vor dem sogenannten Holzkirchner Flügelbahnhof eine regelrechte Zeltstadt aufgebaut worden. Wie in den Tagen zuvor wurde von Bundespolizisten und Freiwilligen die unablässig strömende Lawine der Flüchtlinge in Schach gehalten und zu den Erstversorgungs-, Rot-Kreuz- und Registrierungspunkten geleitet.
Trotz der angespannten Lage hatten die Behörden sowie das Heer der Hilfskräfte die Situation ganz ohne Zweifel in der Hand, sie agierten ruhig, besonnen, sachlich und freundlich. Paul hatte seit jeher viel Bewunderung für jene Wesenszüge gehegt, die man mit dem Schlagwort „Deutsche Gründlichkeit“ zu umschreiben pflegt, hier kamen diese auf beispielhafter Weise zum Ausdruck.
„Es ist nicht auszuschließen, dass unter den Füßen dieser Menschen eine Atombombe tickt… Wir müssen sie finden, schnell finden… Wir müssen sie finden.“
Er wandte sich um und eilte Richtung Innenstadt…

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„Starlight Sue“ – Teil 23…

Eine lange Weile war es in dem holzgetäfelten Arbeitszimmer des Gutsbesitzers vollkommen still. Endlich brach Daniel das Schweigen: „Ich hoffe, Sie erlauben uns, dieses Video zu kopieren, Herr Brandon. Das wäre für unsere Nachforschungen ungemein wichtig.“
Der Angesprochene wandte sich langsam zu den beiden jungen Männern um, als würde er aus einem fernen Traum erwachen.
„Ja, natürlich… Selbstverständlich…“
Daniel entnahm einen USB-Stick aus der Umhängetasche, die er bei sich getragen hatte. Brandon stand auf und versuchte ein schiefes Lächeln.
„Entschuldigen Sie mich, ich bin ein ganz schlechter Gastgeber, hab ganz auf meine guten Manieren vergessen. Ich darf Sie doch bestimmt zum Kaffee einladen, nach der Fahrt von München werden Sie hungrig sein. Meine Frau backt den besten Apfelkuchen diesseits des Bodensees… Und ich würde Ihnen gerne eine Kiste unserer Äpfel mitgeben. Wir haben jetzt zum zweiten Mal eine regelrechte Apfelschwemme, wissen gar nicht mehr, wohin damit…“
Nachdem Daniel und Paul sich herzlich von Brandon verabschiedet hatten, dieser in Richtung seiner zierlichen, sich unter der Last der Früchte biegenden Obstbäume jenseits der schmalen Zufahrtsstraße davon gestapft war, und eine große Holzkiste randvoll mit prallen, rotbackigen Früchten beladen ihren Platz im Kofferraum von Helmholzers Wagen gefunden hatte, standen die Zwei lange unweit des Hauses auf dem Kamm des Hügelrückens und sahen schweigend auf den See hinaus. Ein frischer Westwind hatte die Schlechtwetterfront auseinander getrieben, hier und da zeigte sich ein Stückchen tiefblauen Himmels. Nun war deutlich das hügelige Schweizer Ufer auszumachen, und darüber schälte sich der schroffe Klotz des hoch aufragenden Säntis mit dem abstrakt sich ausnehmenden Betonmasten auf seinem Gipfel aus dem tief hängenden Gewölk.
Paul fröstelte und zog die Schultern hoch.
„So hat es sie also wirklich gegeben, und gibt es sie höchstwahrscheinlich immer noch, die Münchner Atombombe. Wer hätte das gedacht… Um Gottes Willen!… Wie konnte ich nur so dumm und so borniert sein, das nicht ernst zu nehmen… Was mache ich nur mit Kate! – Ich muss sie unbedingt dazu überreden, zurück in die Staaten zu fliegen…“
Daniel schwieg und wich seinem Blick aus.
Während der Rückfahrt sprach er mit Meixner und Kamhuber. Die Sonde hatte den ersten Quadranten mit dem Stiglmaierplatz als südlichen Bezugspunkt abgetastet, und die beiden Kollegen Helmholzers waren nun mit der Auswertung beschäftigt.
„Es sieht ganz danach aus, als würde sich am Westrand des Maßmannparks in ungefähr fünf Metern Tiefe ein Blindgänger befinden, allerdings wieder eine ‚völlig normale‘ Fliegerbombe, und nicht das gesuchte Objekt. Dobmeier und ein Sprengmeister sind bereits auf dem Weg dorthin. Wir halten euch in jedem Fall auf dem Laufenden.“, dröhnte Kambhubers volle Stimme aus dem Lautsprecher der Freisprechanlage.
„Wieder einer weniger.“, murmelte Paul. Daniel nickte geistesabwesend. Der junge Amerikaner fühlte sich zusehends unwohler in seiner Haut, je näher sie München kamen. Es gab nun auch für ihn keinen Zweifel mehr, dass seit über siebzig Jahren eine Kernwaffe unter den Fundamenten der Stadt lauerte, und die Bedrohung von Tag zu Tag wuchs. Man sprach von einer Art rosa Nebel, in welchen man bei einer Detonation in unmittelbarer Nähe zerstieben würde. Aber bei der Explosion einer Atombombe würde man wohl eher in Sekundenbruchteilen verdampfen. Was mochte man wohl in diesen letzten Momenten seines Lebens fühlen? Konnte man dann überhaupt noch fühlen? Hatte man in so einem Fall auch den Eindruck, dass mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit das ganze Leben vor dem inneren Auge vorüber ziehen würde, wie das von so vielen Menschen, die sich in akuter Lebensgefahr befunden hatten, berichtet wird? Er wandte den Kopf und musterte nachdenklich das ebenmäßige, attraktive Profil seines Freundes mit der schmalen, leicht gebogenen Adlernase und der hohen Stirn. Er hatte einen Bombenanschlag aus nächster Nähe miterleben müssen. Was für ein Mut und eiserner Wille in diesem Kerl steckte! Trotz dem, was er durchgemacht hatte, trotz seiner Ängste, seiner Alpträume, seiner Seelenqualen stand er so tapfer und konsequent seinen Mann.
Seit der Videobotschaft des alten Brandon begann sich zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben tiefes Mitgefühl für andere Menschen in Paul zu regen – er empfand dies als höchst befremdlich, verstörend, unbequem…

… Da Kate zugesagt hatte, am Abend im Hotel zu sein, hatte er einen Tisch in dem vornehmen Restaurant reserviert. Sie erwartete ihn bereits im eleganten Wohnzimmer der Suite, ungewöhnlich still und gesetzt, wie stets ein wenig düster und zerzaust, und doch irgendwie völlig verändert. Als er ihr gegenüber in einem der Fauteuils Platz nahm und sie eingehend musterte, war Paul, als säße er einer Fremden gegenüber.
„Kate, ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen.“
Sie hob die Brauen und ein schattenhaftes Lächeln glitt über ihr merkwürdig schönes Gesicht.
„Huh! Das klingt aber schon verdammt dramatisch. Schieß los.“
„Es war ein großer Fehler von mir, dich auf diese Reise mitzunehmen, Kate.“
Sie zuckte zusammen und sah blass werdend zu Boden, als hätte er sie bei etwas Unschicklichem ertappt. Paul rückte näher und griff nach ihrer Rechten.
„Es war nicht richtig von mir. Ich darf dir nichts über meinen Auftrag sagen, Kate, aber es könnte hier gefährlich werden. Richtig gefährlich. Ich würde mich wohler fühlen, wenn du dich in den nächsten Flieger zurück nach Washington oder New York setzen würdest.“
Sie schluckte und holte tief Luft, und ihm schien, als würde ihr eine schwere Last von der Seele fallen. Sie schüttelte den Kopf.
„Keine Chance, Paul, ich bleibe. Es rührt mich, dass du dir Sorgen um mich machst, Baby, aber wie gesagt, keine Chance. Ich habe heute etwas getan, und Dinge gesehen, die mich von Grund auf verändert haben – zumindest hoffe ich das.“
Die Intensität ihres Blicks aus den angeschrägten blauen Augen ging ihm ans Herz. Sie umschloss seine Finger mit ihren beiden Händen und knetete und drückte sie leicht.
„Ich hatte mich heute mit Dorothea, Daniels Schwester, verabredet.“
„Sieh an! Woher kennst du sie denn?“
„Daniel hat mir neulich, als wir zusammen essen waren, ihre Nummer gegeben, ich solle sie anrufen, wenn ich mich langweilen würde. Wir waren ein wenig bummeln, und haben uns die Alte Pinakothek angesehen, und dann sind wir irgendwie am Bahnhof gelandet. Du weißt, doch, dass Doro sich dort für die Flüchtlinge engagiert. Bevor ich mich’s versah, stand ich auch da, und verteilte Obst und Wasser und Lunchpakete an die vielen, vielen Menschen, die ankamen. – Paul, die meisten hatten nur mehr das, was sie am Leib trugen, und das waren oft zerfetzte Klamotten und ausgelatschte, kaputte Schuhe. Frauen und Männer trugen mit letzter Kraft die Koffer, in die sie ihre Habseligkeiten gepackt hatten. Und die Kinder – die Augen der Kinder – die Augen dieser Menschen – welches Leid, und wie viel Entsetzen und Schrecken so oft darin geschrieben stand. Und wie unglaublich dankbar sie für das waren, was wir ihnen geben konnten… Ich hielt zwei Stunden lang durch, und dann musste ich weg, eine Pause machen. Ich schloss mich auf der Toilette eines Fastfood-Restaurants am Bahnhof ein, und heulte, mir war, als würde ich nie mehr mit dem Heulen aufhören können. Doch dann ging ich zurück, und reihte mich wieder unter die vielen, vielen Helfer ein… Uns geht’s so gut, Paul. Und ich bin bis jetzt so ein verfickt undankbares und boshaftes, auch bösartiges, dummes Luder gewesen… Und jetzt… Ich möchte mich ändern, Paul. Ich weiß, dass ich das bereits so viele Male gesagt habe. Doch diesmal ist es mir bis ins tiefste Mark hinein ernst damit. Ich möchte morgen wieder dort hin gehen und helfen. Ich habe mich bereits in die Listen für die nächsten Tage eingetragen. Es ist so wenig, was ich tun kann – aber ich möchte – ich muss! – es weiterhin tun dürfen… Ich glaube, ich habe meine Bestimmung, meine Aufgabe gefunden, Paul. Und deshalb werde ich nicht gehen. Keine Chance.“
Er wusste nicht, was er sagen sollte, er ließ sich stumm neben ihr auf dem Sessel nieder und nahm sie in die Arme. An seine Schulter lehnend murmelte sie: „Baby, ich habe nach diesem Tag keinen Bock auf dieses supernoble Hotelrestaurant. Lass uns irgendwo anders hingehen, wo es normal zugeht, einfach und menschlich…“
Sie fanden einen türkischen Imbiss nahe des Sendlinger Tors und aßen eine Auswahl südländischer Spezialitäten, beinahe schweigend, doch einander so nah wie noch nie zuvor. Nur wenig später gingen sie miteinander ins Bett, und dieses unglaublich zärtliche, rücksichtsvolle, harmonische, hauchzarte Liebesspiel berührte Paul zutiefst. Er begann zu ahnen, nein, zu fühlen, was Liebe sein konnte…

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„Starlight Sue“ – Teil 22…

„Mein lieber Bub,“ Hubert Brandon stöhnte auf und barg sein Gesicht in einem Taschentuch, als der Alte mit spröder Stimme und einem hauchfeinen amerikanischen Akzent in seinem dezenten Schwäbisch zu erzählen anhub, „auf unserem langen gemeinsamen Weg durchs Leben habe ich dir nie ein Geheimnis vorenthalten – bis auf eines, von dem ich dir jetzt erzählen werde: Ich weiß, dass du wegen dem, was ich dir in all den Jahren und Jahrzehnten erzählt habe, glaubst, ich sei ein einfacher amerikanischer Soldat gewesen, der zufällig in diese wunderschöne Gegend geraten und dann hängen geblieben ist, und eine neue Heimat gefunden hat. Doch das ist nur die halbe Wahrheit… Schon bevor die Vereinigten Staaten, meine eigentliche Heimat, sich am Zweiten Weltkrieg beteiligt haben, bin ich in die Armee eingetreten. Unmittelbar nach der Highschool, um genau zu sein, ich hatte auf der Rekrutierungsstelle mein Alter falsch angegeben, in jenen fernen Zeiten ist so etwas weitaus einfacher gewesen als heutzutage. Die berufliche Laufbahn, die meine Eltern für mich geplant hatten, hatte mir so ganz und gar nicht gefallen, sie wollten, dass ich ein Jurist werde, und ich wäre von Herzen gerne ein Farmer geworden. Bei der Army wurde ich meiner sehr guten Kondition wegen zum Fallschirmjäger ausgebildet, und als die USA dann in den Krieg eintraten, hatte man mich nach Europa verfrachtet. Man war insgeheim dabei, einen fünfzig Mann starken Spezialtrupp für besonders heikle, getarnte Einsätze hinter den feindlichen Linien zusammen zu stellen, und ich, ein tollkühner und furchtloser Hitzkopf, hatte mich voller Begeisterung gemeldet. Zunächst hingen wir auf Mildenhall herum, einer großen Luftwaffenbasis im Südwesten Englands. Unser Alltag bestand aus härtestem Drill und frustrierender Langeweile. Doch dann, am 1. Mai 1944, erhielten wir den lang ersehnten Marschbefehl. Man hatte uns mit Wehrmachtsuniformen und deutschen Waffen ausstaffiert. Etappenweise drangen wir bis an die deutsch-französische Grenze vor. Dort wurden wir an Bord eines großen Truppentransporters verfrachtet. In stockdunkler Nacht drangen wir in den deutschen Luftraum ein, in so großer Höhe, um möglichst unentdeckt zu bleiben, dass wir Sauerstoffmasken zu tragen hatten. Über einem unbesiedelten Sumpfgebiet im Norden Münchens sprangen wir ab, ziemlich riskant, wegen der großen Höhe, in der wir uns befanden. Doch wir landeten alle sicher und wohlbehalten. Wir wurden bereits von zwei deutschen Widerstandskämpfern erwartet, die sich als unsere Führungsoffiziere ausgaben. In der verlassenen Scheune eines Torfbauern verbrachten wir eine fast schlaflose Nacht – wir mussten lernen, möglichst akzentfrei deutsche Soldatenlieder zu singen, und uns die Aufnahme des Objektes, nach dem wir in München zu suchen hatten, einzuprägen. Es muss sich um eine Bombe gehandelt haben – ein riesiges Gerät, schätzungsweise an die drei Meter lang, sehr bauchig, silbern schimmernd, mit einem ziemlich krakeligen, schwarz lackierten Schriftzug an der Seite: ‚Starlight Sue‘. Dann durften wir noch ein Weilchen ruhen, bevor wir uns am frühen Morgen auf den Weg in die Stadt machten… Nach dem schweren Bombenangriff vom 24. April bot München ein Bild des Grauens. Uns schien, als würde dort kein Stein mehr auf dem anderen liegen. Wie sollten wir da nur suchen! Wie nur fündig werden! Tag um Tag durchforschten wir die Ruinen und die gewaltigen Schuttberge. Tag um Tag bargen wir Tote – Frauen, kleine Kinder, Greise – auch Verwundete, versorgten sie, holten die Sanitätsdienste herbei, auch wenn uns die Angst im Nacken saß, enttarnt zu werden und aufzufliegen. Tag um Tag gruben wir uns durch die jämmerlichen Reste einer in friedlichen Zeiten so wunderschönen Stadt, immer und immer und immer wieder auf der Suche nach diesem drei Meter langen, bauchigen, silbern schimmernden, geheimnisvollen Sprengkörper mit der Aufschrift ‚Starlight Sue‘. Gerüchte machten unter uns die Runde, lauter dummes Zeug, wie es halt immer so ist, wenn es keine zuverlässigen und genauen Informationen gibt: Es würde sich ganz bestimmt um eine biologische Waffe handeln, mit einem todbringenden Virus – die Pest, Milzbrand, Tuberkulose, Cholera, die Pocken – und wenn die äußere Hülle einen Defekt erlitten hätte, und die Viren inzwischen ausgetreten wären, würde es uns höchstwahrscheinlich als erstes erwischen… Tag um Tag wankten wir todmüde und völlig erschöpft und niedergeschlagen in unsere erbärmlichen Quartiere. Die Furcht vor dem, was uns erwarten würde, wenn wir den Nazis in die Hände fallen würden, wuchs mehr und mehr. Schließlich, nach zehn Tagen, beschloss man, unseren Einsatz abzubrechen. Wir bekamen den Befehl, uns zu trennen, jeder sollte sich auf eigene Faust zur französischen Grenze durchschlagen. Ich machte mich zusammen mit einem guten Freund auf den Weg durch’s Feindesland. Völlig zerlumpt, verdreckt, verlaust und schwer krank, wir hatten uns einen schlimmen Keuchhusten eingefangen, kamen wir nach einer wahren Odyssee hier an, in Wasserburg am Bodensee. Mein Kamerad verstarb, er war zu schwach gewesen. Wir haben ihn verbrannt und seine Asche im Weinberg verstreut. Ich war robuster gewesen, wurde nach langer, langer Weile wieder gesund, und durfte als Knecht hier auf diesem Anwesen bleiben. Ich arbeitete so eisern wie noch nie zuvor in meinem Leben, ich wollte aus tiefstem Herzen jenen Menschen, die mir das Leben gerettet hatten, ihre Güte und Großmut vergelten. Den Rest, mein lieber Bub, kennst du ja bereits zur Genüge – wie ich deine wundervolle Mutter kennen und lieben gelernt hatte, und dann eines Tages zum Herrn und Besitzer dieses schönen Hofes wurde… Ich hatte vor siebzig Jahren schwören müssen, über diesen Einsatz für immer zu schweigen. Doch ich hätte drüben, in der Anderwelt, keinen Frieden, wenn ich dieses Geheimnis mitnehmen würde, ohne es mit dir zu teilen… Ich hoffe so sehr, dass du jetzt nicht allzu schlecht über mich denkst. Behalt dein Herz weiterhin auf dem rechten Fleck, mein lieber Bub. Ich werde immer bei dir sein.“
Der alte Mann auf dem Bildschirm beugte sich vor, um die Kamera auszuschalten.

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„Starlight Sue“ – Teil 21…

Beiderseits des nach einem plötzlichen, kurzen und heftigen Regenschauer schwarz glänzenden Asphalts waren in den weit über das leicht gewellte Land sich erstreckenden Apfel- und Pflaumenplantagen die Bauern emsig bei der Ernte. Den Angaben der sanften Stimme des Navigationsgeräts folgend bog Daniel nach einer Weile ab, kurz darauf hielt er vor einem recht stattlichen Anwesen, welches inmitten der akkurat gezogenen Linien einer Weinpflanzung auf einer lang gezogenen Anhöhe über der großen, im flüchtigen Schimmer raren Sonnenlichts zwischen den zerfasernden Fetzen der tief hängenden Wolkendecke silbern schimmernden Fläche des Bodensees thronte. Eine kunstvoll geschreinerte, dunkelgrün lackierte hölzerne Konstruktion trug die einladende Veranda an der Nordwestseite, und den darüber liegenden Balkon. Das steile und hohe Walmdach war an den Längsseiten von runden Fenstergauben unterbrochen. Bemerkenswert war eine Art quadratischer Dachgarten oder Ausguck, der sich an der Ostseite über die steile Schräge des Daches erhob und von einem zierlichen, schmiedeeisernen Gitter eingefasst war.
Die beiden jungen Männer stiegen aus und näherten sich bedächtig. Ein großer, schwarzbefellter Hofhund, der in der Nähe eines schön geschwungenen Tores vor seiner Hütte lag, bellte heiser, machte sich aber nicht die Mühe, sich zu erheben. Paul und Daniel stiegen die flachen Stufen zur wuchtigen, hölzernen Eingangstüre hoch und klingelten. Man ließ sie eine Weile warten, dann öffnete ein etwa sechzigjähriger, rotgesichtiger, korpulenter Mann mit spärlichem Haarwuchs. Daniel zeigte seinen Ausweis des Bayerischen Innenministeriums vor.
„Herr Hubert Brandon, nehme ich an?“ Und fügte hinzu, nachdem der Angesprochene sich mit einer Papierserviette den Mund abtupfte: „Falls wir Sie beim Essen gestört haben, tut uns das sehr leid.“
„Bin grad fertig geworden. Muss wieder raus zur Apfelernte. – Was kann ich für Sie tun?“
Paul musterte den Sprecher irritiert lächelnd. „Verzeihen Sie, Herr Brandon. Wir haben Sie uns eigentlich eine ziemliche Ecke älter vorgestellt, um ehrlich zu sein.“
„Dann meinen Sie höchstwahrscheinlich meinen Vater. Ich bin sozusagen Hubert Brandon junior. – Tut mir sehr leid, er ist in der letzten Augustwoche verstorben, hat ein gesegnetes Alter erreicht, ist fast Hundert geworden. Gestern ist die Beerdigung gewesen. – Aber vielleicht kann ich Ihnen weiter helfen – treten Sie doch bitte ein!“
Nachdem sie in einem altmodisch möblierten Wohnzimmer Platz genommen hatten, dessen weite und hohe Fensterfront zwischen gebauschten, strahlend weißen Gardinen hindurch einen ungehinderten und bei schönem Wetter sicherlich atemberaubenden Blick auf den nahen See bot, hub Daniel an: „Wir stellen bezüglich einer im Frühjahr 1944 durchgeführten geheimen Operation namens ‚Endlösung München‘ der amerikanischen Streitkräfte Ermittlungen an, und wurden von einer unserer Mitarbeiterinnen im Pentagon darüber informiert, dass Ihr Vater daran beteiligt gewesen sein soll.“
„Das ist aber sehr erstaunlich, dass sich jetzt auf einmal gut siebzig Jahre danach jemand aus dem Innenministerium dafür interessiert! Aber Sie werden sicherlich einen triftigen Grund haben. Und ich nehme auch an, dass Sie mir diesen nicht nennen dürfen.“ Hubert Brandon seufzte. „So lange er lebte, hat er nie darüber gesprochen, auch dann nicht, wenn er mal ein paar Viertele zu viel intus hatte, und gern ins Schwadronieren und Phantasieren geraten ist. Aber er muss sich bis zuletzt in Gedanken viel damit beschäftigt haben. Er ist bis zum Tod geistig sehr rege und vielseitig interessiert gewesen, aufgeschlossen gegenüber fast allem Neuen. Und er muss gefühlt haben, dass sein Ende nahe gewesen ist.“ Er schluckte, und fuhr sich über die feucht gewordenen Augen. „Er ist der beste Vater der Welt gewesen, und mein allerbester Freund… Kurz vor seinem Tod hat er sich von meiner jüngsten Tochter zeigen lassen, wie man die digitale Videokamera bedient. Und sich dann damit in sein Zimmer eingeschlossen. Als ich seine Papiere durchsah, fand ich in einer Schreibtischschublade zuoberst eine CD-Rom mit der Video-Aufzeichnung. – Kommen Sie doch bitte in mein Büro, meine Herren.“
Das Gesicht des völlig kahlköpfigen Greises, der die drei Männer, die vor dem klobigen, schon recht betagten Monitor saßen, wehmütig anlächelte, wirkte trotz ungezählter Falten und Furchen in der lederartigen, tief gebräunten Haut erstaunlich jugendlich.

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„Starlight Sue“ – Teil 20…

… Seit vielen Stunden waren Beth und Cleb mit der Stichwortsuche an einem der Rechner im Archiv des Pentagon beschäftigt. Im Laufe des Tages waren hin und wieder andere Militärangehörige eingetreten, um sich vor einem der insgesamt sechs Keyboards nieder zu lassen, ihren eigenen Forschungen nachgehend, von dem ungleichen, völlig in ihre Aufgaben vertieften Duo kaum wahr genommen. Es schien der Historikerin, als befänden sie sich auf einem sehr wilden, aufregenden, und ermüdenden Ritt durch die ungemein vielschichtigen Ereignisse und Schicksale der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Europa. Gar oft hätte sie nur zu gerne inne gehalten und sich mit Details befasst, sich ins Lesen, Forschen, Stöbern vertieft, doch dafür hatten sie keine Zeit. Und Abspeichern, geschweige denn Abschreiben oder gar Ausdrucken und Mitnehmen waren strengstens verboten. Das Anhängen von Dateien an verschlüsselte Mails musste von Cleb autorisiert werden, und da sie vom ersten Augenblick an hervorragend miteinander auskamen, und die Ältere nebst großer Sympathien einen Heidensrespekt vor seiner natürlichen Autorität und seinen Fähigkeiten hatte, wollte sie diese harmonische, einer Mutter-Sohn-Beziehung zusehends ähnlicher werdende Freundschaft auf gar keinem Fall missbrauchen. So musste sie sich auf ihr gutes fotografisches Gedächtnis verlassen, um sich Artikel, Berichte und Aufstellungen einzuprägen, doch auch dieses war mittlerweile – am späten Nachmittag – an seine Grenzen gelangt.
„Endlösung München 1944“ war das letzte Stichwort, das sie an diesem langen Tag intensivster Recherchen eingab. Eine geraume Weile tat sich nichts, der Rechner suchte. Endlich erschien auf dem Bildschirm: „File 1881/II/1944“ und darunter: „Berechtigung Alpha – Bitte, geben Sie hier Ihren Code ein.“ Beth stockte der Atem. Sie winkte Cleb zu sich. Langsam und sehr sorgfältig, um sich ja nicht zu vertippen, gab sie aus dem Gedächtnis – sie hatte das zwölfstellige, wirre Mischmasch aus Satzzeichen, Ziffern und Buchstaben auswendig lernen müssen – den Code der höchsten Berechtigungsstufe ein. Wieder und wieder lasen Beth und ihr junger Assistent den in knappen Worten formulierten Einsatzbefehl sowie den dazu gehörigen Abschlussbericht.
„Das ist wie ein Wunder! Die erste heiße Spur!“, jubelte Beth.
„Genial! – Hoffen wir, dass es noch jemanden gibt, der bis heute überlebt hat und bei halbwegs klarem Verstand ist.“
„Machen wir uns auf die Suche.“
Eine Stunde später nahm die Historikerin das abhörsichere Telefon und wählte…

… „Hab ein paar coole Typen kennen gelernt, die auf der Filmhochschule studieren. Kann spät werden. Warte nicht auf mich.“, so lautete die SMS, die Winnegard von Kate während seiner kurzen U-Bahnfahrt Richtung Hotel empfangen hatte. Er zuckte mit den Schultern. „Kann spät werden“ – das hieß „übersetzt“, dass mit ihrer Rückkehr in ein paar Stunden, im Morgengrauen, oder aber erst in ein paar Tagen zu rechnen war. Bislang hatte ihn das nicht gestört, er war stets der festen Überzeugung gewesen, dass ihre Beziehung eine offene und höchst tolerante sei. Nun jedoch hatte er in seinem Innersten das unterschwellige Gefühl, als würde er in einem Sumpf auf schwankendem, unsicheren Untergrund stehen, umgeben von einem die klare Sicht benehmenden Nebel. Dies behagte ihm ganz und gar nicht, verwirrte ihn.
Er zog sich um, fuhr mit den Öffentlichen in den Olympiapark, und lief in der recht herbstlich kühlen Abendluft ein paar Runden um den stillen See, Windstöße kräuselten die Oberfläche und verwischten die Konturen des sich spiegelnden kühnen Zeltdaches des Stadions, und des hoch aufragenden Turms, während die untergehende Sonne die sich bauschenden Ränder einer kompakten Wolkenfront aufglühen ließ.
Zurück im Hotel ließ Paul sich ein leichtes Abendessen auf die Suite servieren, lustlos aß er und zappte dabei durch die schier unendliche Anzahl der angebotenen TV-Sender, bis er bei einem amerikanischen Sportkanal und einem Bericht über die Baseball-Major-League hängen blieb.
Laut gellte ein Trompetensignal der Kavallerie der US-Nordstaaten, sein Handy-Klingelton, und riss ihn aus tiefem, traumlosem Schlaf. Es war Beth. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass Mitternacht bereits weit vorüber war. Kate war ganz offensichtlich immer noch mit ihren neuen Bekanntschaften auf Tour.
„Hi, Paul. Ich habe Ihnen grade eine Mail mit Anhang über den verschlüsselten Kanal geschickt, eine erste heiße Spur sozusagen.“
Er setzte sich an den Schreibtisch, fuhr den Laptop hoch, schaltete ihn frei, und begann zu lesen…

Schachen am Bodensee/ Washington D. C., 5. September 2015

… Kate war im Morgengrauen von ihrer Tour durch das nächtliche München zurück gekehrt, betrunken, bekifft, was auch immer, taumelte sie durch die Suite, eine Spur der Verwüstung hinterlassend, von ihrer natürlichen, schwebenden, verführerischen Anmut war nicht viel zu sehen. Sie weckte ihn auf, um ihn wortreich zu verfluchen und zu beschimpfen, dann war sie auf der Bettkante niedergesunken, in Tränen ausbrechend und mit beiden Händen das Gesicht bedeckend hatte sie sich wie ein kleines Kind vor und zurück gewiegt. Er hatte unbeholfen versucht, sie zu trösten, mit ihr zu sprechen, den Grund für ihren depressiven Ausbruch zu erfahren, doch sie hatte ihn von sich gestoßen, um sich danach ins Badezimmer einzuschließen, wo sie den Rest der Nacht sich abwechselnd erbrechend und voller Leidenschaft schluchzend zugebracht hatte. Irgendwann, die erste hauchzarte Morgendämmerung war bereits durch die seitlichen, filigranen Ritzen der Fenster-Verdunkelungen gedrungen, war er in einen kurzen, bleischweren Schlummer gefallen. Als Paul wach wurde, lag seine Freundin neben ihm, so weit von ihm entfernt, wie es das große Bett nur zuließ, mit wirrem Haar und verschmiertem Make-Up, so zerbrechlich, und doch dermaßen hinreißend kindhaft, dass ihm ganz plötzlich und unerwartet das Herz zu schmerzen begann. Er hatte sich über sie gebeugt, um sie zu küssen, sich dann aber wieder abgewandt. Sie hatte sich die Zähne nicht geputzt, und der Gestank von Erbrochenem zusammen mit dem faden Oudoir einer erklecklichen Anzahl hochprozentiger Drinks war mehr, als seine verfeinerte Nase zu einer so frühen Stunde hatte ertragen können. Sie hatte tief und fest geschlafen, in einer Welt weilend, die unsagbar fern von der seinen war, oder zumindest so getan, als ob, als er die Suite verlassen hatte.
Auch Daniel, der treue, unerschütterliche, weise, gutherzige Freund seiner Kinder- und Jugendtage, schien Universen weit von ihm entfernt zu sein. Die große Freude, die er bei ihrem völlig überraschenden Wiedersehen nach fast neun Jahren am Flughafen gezeigt hatte, war einer unerklärlichen Distanziertheit gewichen. Nur manchmal stellte sich zwischen den Beiden die frühere, lässige, heitere Vertrautheit wieder ein.
Der Kampfmittelexperte hatte den protzigen, großen SUV seines Vaters inzwischen gegen den eigenen, mit Erdgas betriebenen Kleinwagen eingetauscht. Nun fuhren sie in den regnerischen Morgen hinein, zunächst auf der Autobahn Richtung Lindau am Bodensee.
„Dein Elefantenrollschuh fährt mit Erdgas?“, witzelte Paul. „Ist ja dann wohl eine ziemlich lahme Krücke.“
Daniel grinste, lenkte auf die linke Fahrbahn und drückte das Gaspedal durch. „Überhaupt nicht.“
Mit beachtlicher Kraft beschleunigte das kleine Gefährt, die Tachonadel zeigte beinahe hundertachtzig Stundenkilometer an, ehe eine Geschwindigkeitsbeschränkung dem Sprint ein Ende setzte.
„Solltest du dir in Amiland auch zulegen.“, frotzelte Daniel. „Auch bei euch ist Grün im Kommen, so weit man das von hier jenseits des Großen Teichs aus beobachten kann. Glaub mir, in nicht allzu ferner Zukunft wirst du mit einem solchen ‚Elefantenrollschuh‘ viele wichtige Wählerstimmen gewinnen können. – Fast Hundertachtzig – nicht schlecht, was? – Wobei meiner Meinung nach nicht nur die Wahl des Kraftstoffs wichtig, gut und richtig für den Umweltschutz wäre, sondern ein bundesweites Tempolimit. Da hinken wir weltweit hinten nach, bei uns darf immer noch jeder Raser nach Gusto die Luft verpesten und nicht nur seines, sondern auch andere Leben in Gefahr bringen. – Du bist übrigens auch mal ganz schön grün gewesen, Paul, wenn ich dich daran erinnern darf, du hast mich damals auf ziemlich viele Demos begleitet. – Warum hast du deine Gesinnung gewechselt? The American Way of Life? Oder die Aussicht auf die Gunst der nicht grade umweltfreundlichen Republikaner?“
Winnegard ging nicht darauf ein.
„Kletterst du immer noch?“
„Aber ja! – Wenn das hier vorüber ist, dann werde ich mich mindestens eine Woche lang auf die Berghütte eines Freundes am Wilden Kaiser zurück ziehen. – Zweifelst du immer noch daran, dass es die Münchner Atombombe gegeben hat, beziehungsweise gibt?“
„Offen gesagt ja. Ich halte es für schier unmöglich, dass siebzig Jahre lang die Geschichte der USA dermaßen geklittert worden ist.“
„Aaaaah, Geschichtsklitterung ist seit jeher gang und gäbe! Sieh dir beispielsweise nur mal Nero an! Fast zweitausend Jahre lang wurde von Geschichtsbuch zu Geschichtsbuch überliefert, er sei völlig übergeschnappt gewesen und hätte Rom in Schutt und Asche gelegt, um die Christen dort auszurotten. Dabei ist er in Wahrheit wohl ein sehr sensibler und auch kluger Mensch gewesen, der sich allerdings zu seinem Leidwesen oft genug mit dem Senat angelegt hat. In der Nacht des Brandes ist er fünfzig Kilometer weit entfernt auf seinem Landgut gewesen, und hat im Nachhinein viele Maßnahmen ergriffen, um der betroffenen Stadtbevölkerung zu helfen. Oder Armin der Cherusker – neun nach Christus, die Varus-Schlacht im Teutoburger Walde. Seitdem wird er als Sieger über die römischen Streitkräfte gefeiert, obwohl die Rolle, die er bei der Schlacht wirklich gespielt haben mag, inzwischen ziemlich umstritten ist und ernsthaft hinterfragt wird. Es ist überliefert, dass er vor dem Kampf zu seinen Truppen sprach – ob er sie dann aber wirklich führte? – Oder Christoph Kolumbus – Heerscharen von Schulkindern sind in dem Glauben aufgewachsen, weil es ihnen so indoktriniert worden ist, dass er Amerika entdeckt habe. Obwohl es in Wahrheit vor einigen tausend Jahren die sogenannten Indianer gewesen sind, und vor etwa achthundert Jahren die Wikinger – und vielleicht sogar die Chinesen. Oder nimm die Mär vom finsteren Mittelalter, ebenfalls ungeheuer weit verbreitet. Erst nach und nach kommt aufgrund von gewissenhaften und sorgsamen Forschungen zutage, dass diese etwa vierhundert Jahre andauernde Zeitspanne überhaupt nicht finster gewesen ist, ganz im Gegenteil.“
„Du solltest dich mal mit Beth austauschen, meiner Mitarbeiterin im Pentagon.“, murmelte Paul. Sie hatten inzwischen die Autobahn verlassen und folgten der breiten, hervorragend ausgebauten Bundesstraße in westliche Richtung.

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„Starlight Sue“ – Teil 19…

Die beiden jungen Männer gingen nur wenige hundert Meter weit, bis zu einem Restaurant an der Westseite des weiten Max-Josephs-Platz. Kate erwartete sie bereits an der Eingangstür. Leider war es immer noch so kühl und regnerisch, dass es nicht ratsam war, sich auf der Terrasse nieder zu lassen, so schritten sie in den ersten Stock hoch, wo sie dank Helmholzners Charme einen Tisch an der hohen Fensterfront mit einem wundervollen Ausblick über das Denkmal des ersten bayerischen Königs hinweg auf den stattlichen Säulenportikus der Staatsoper und der südlichen Fassade der Residenz zugewiesen bekamen. Es wurde ein heiterer und sehr harmonischer Abend, an dem Daniel und Paul Kindheits- und Jugenderinnerungen auffrischten, und die Bande ihrer Freundschaft sich zu erneuern schienen. Als Winnegard nach dem Aufsuchen der Toilette sich seinen Weg zurück an den Tisch bahnte, fiel ihm auf, dass Helmholzer und Kate sich offenbar keines Blickes würdigten, sondern konzentriert und wortlos auf die Displays ihrer Smartphones starrten.
Zu später Stunde traten Paul und seine Freundin eng umschlungen durch die Fußgängerzone den Heimweg an, nachdem sie Daniel, der wohlweislich beschlossen hatte, den SUV seines Vaters am Innenministerium stehen zu lassen und im Gästezimmer einer Tante zu übernachten, die im Stadtteil Haidhausen wohnte, zur nahen Trambahnstation begleitet hatten. Der junge Diplomat war in Hochstimmung. Im Hotel angelangt forderten einige genossene Halblitergläser Bier, die kühle Abendluft und das Jetlag allerdings ihren Tribut, kaum dazu in der Lage, sich seiner Kleidung zu entledigen wankte er ins Bett und war schon im Tiefschlaf, noch ehe sein Kopf die Kissen berührte. Kate schälte sich aus ihrer Decke, auf leisen Sohlen schlich sie in den Wohnraum, schob einen der bequemen, rötlichgrau gepolsterten Fauteuils an das große Fenster und starrte sich zusammenkauernd und ihr Mobiltelefon umklammernd lange Zeit hinaus auf die runde Fontäne des großen, hell erleuchteten Brunnen am Stachus, das Karlstor und die hoch aufragende, malerische Silhouette der Münchner Altstadt mit den so charakterischen, rundbehaubten Zwillingstürmen der Frauenkirche dahinter. Schließlich entsperrte sie das Smartphone und wählte eine eingespeicherte Nummer. Nach einem kurzen, im Flüsterton gehaltenen Gespräch glitt sie zurück ins Schlafzimmer, zog sich, immer wieder vorsichtige Blicke auf den schlafend hingestreckten Paul werfend, so gut wie lautlos an, und verließ dann auf leisen Sohlen die Suite…

München/Washington D. C., 4. September 2015

Als Winnegard gegen neun Uhr morgens das vornehme Hotelrestaurant aufsuchte, um zu frühstücken, lag Kate immer noch mit ineinander verschlungenen Gliedern wie zu einem großen Ball zusammen gerollt unter der Bettdecke. Auf einen Versuch, sie zu wecken, hatte sie ausgesprochen unwirsch reagiert, und „Verpiss dich, du Arschloch!“ knurrend seine sanft ihre Schulter rüttelnde Hand weg gestoßen. Die einstudierte Firniss der vornehmen und zurückhaltenden Diplomaten-Partnerin hatte ohne Zweifel erste, tiefe Risse bekommen.
Daniel wartete bereits am Steuer des väterlichen SUV vor dem Hotel auf seinen Freund. Er wirkte unausgeschlafen, tiefe, dunkle Schatten lagen unter seinen ausdrucksvollen, müde und gequält blickenden Augen.
„Schlecht Nacht gehabt?“, erkundigte sich Paul mitfühlend. Helmholzer nickte. „Die gewohnten Alpträume. Selber schuld. Ich hätte nach der zweiten Halbe mit dem Trinken aufhören müssen.“
Noch herrschte wenig Verkehr auf den Straßen der Innenstadt, so dass die beiden nur eine halbe Stunde später auf den Parkplatz vor den Hangars des alten Oberschleißheimer Flugplatzes nahe der zum Deutschen Museum gehörenden Ausstellungshallen der Flugwerft einbog.
In einem der Hangars war ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung beauftragter Ingenieur zusammen mit dem Piloten des gecharterten, leuchtend roten Hubschraubers, eines nagelneuen EC175, zugange, letzte Hand an der Forschungssonde, welche zwischen die beiden Landekufen des Fluggeräts montiert worden war, sowie die Aufzeichnungsgeräte im hinteren Teil der geräumigen Kabine anzulegen. Das wertvolle und revolutionäre Messinstrument glich einem etwa zwei Meter langen und dreißig Zentimeter starken, an den Enden leicht zugespitzem, metallen schimmerndem Rohr.
Kurz vor Mittag startete der Pilot die Rotoren, die Maschine hob sich mit Helmholzer, Winnegard und dem Ingenieur an Bord in den frühherbstlichen Himmel, über den unruhig Wolkenfetzen jagten. Über der Allianz Arena, dem von der Vogelperspektive aus einem riesigen Schwimmreifen gleichenden Münchner Fußballstadion, hielt der Hubschrauber kurz inne, um dann systematisch und trotz der etwas turbulenten Wetterlage so exakt als möglich ein gedachtes Quadrat von etwa fünfhundert Metern Seitenlänge abzufliegen, immer hin und her, hin und her…

… Etwa drei Stunden später hatten sich die beiden Freunde, sowie Kamhuber und Meixner in ihrem Büro unter dem Dach des Innenministeriums eingefunden. Gespannt beobachteten sie den großflächigen Bildschirm auf Helmholzners Schreibtisch, während die Rechner auf Hochtouren laufend die Informationen der Sonde verarbeiteten. Daniel trommelte mit den Fingern seiner Rechten ungeduldig auf die Rückenlehne des Bürosessels, auf welche er sich stützte.
„Geht das nicht schneller?“
„Nein, Chef, wir haben die leistungsstärksten Rechner organisiert, die zu haben waren, und die arbeiten die ganze Zeit schon auf Anschlag.“
„Scheiße! Das dauert verdammt lange! Das wird Wochen dauern, bis wir alle Aufzeichnungen der Münchner Innenstadt ausgewertet haben werden.“
Während Helmholzer vor sich hin schimpfte, baute sich auf dem Monitor allmählich ein Bild auf, das einem abstrakten Gemälde überaus ähnlich sah.
„E voila, Chef. Das ist der 3-D-Scan der Münchner Allianz Arena.“
Die Männer hielten gebannt den Atem an, während Meixner per Maus das Gebilde drehte und wendete, nah heran zoomte, wieder verkleinerte.
„Wow!“, rief Paul fasziniert aus. Die Umrisse des Fußballstadions waren schemenhaft zu erkennen. Darin, daneben und darunter zeichneten sich als klare, oftmals ineinander verschlungene, verknotete Linien sämtliche Halte- und Stützstreben, die metallenen Halterungen der Sitze, die Geländer, die gesamten Leitungssysteme, sowie alle sich in der riesigen Tiefgarage befindlichen Fahrzeuge ab.
„Der Hammer! Geh mal ein bisserl nach Westen, Meixner. Noch ein Stückerl, und noch eins. Und jetzt zoom richtig dicht ‚ran.“
Inmitten des kleinen Wäldchens linksseitig der U-Bahn-Geleise war ein torpedoförmiger, etwa ein Meter langer Umriss auszumachen. Paul schnappte nach Luft.
„Ist sie das?“
Daniel schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist eine ’stinknormale‘ Fliegerbombe. Unser Baby ist wahrscheinlich weitaus größer, ein richtiger Kawenzmann, ich schätze mal, so um die drei Meter lang.“ Er angelte das Handy aus seiner Hosentasche. „Ich werd‘ den Dobmeier anrufen und ihm Bescheid sagen, dass es Arbeit für ihn und seine Sprengmeister gibt. – Wieder eine weniger…“
Die Männer feixten und klatschten sich gegenseitig ab.
„Was für eine gelungene Generalprobe! Ich kümmere mich gleich um die notwendigen Überfluggenehmigungen, dann können wir morgen früh mit dem Scannen des Innenstadtbereichs anfangen.“
„Das müssen wir feiern, Daniel, meinst du nicht auch? Ich rufe Kate an, mittlerweile dürfte sie wieder unter uns Lebenden weilen, und dann gehen wir auf einen Drink.“
Helmholzer wandte den Blick ab.
„Tut mir leid, ohne mich. Ich bin hundemüde und möchte ehrlich gesagt nur nach Hause und mich ausschlafen. Wir treffen uns morgen zur gleichen Zeit wie heute vor dem Hotel.“…

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