Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (4)…

Das missmutige, zerfurchte Gesicht des Kleinen wurde noch vergrämter, so beschloss ich klugerweise, einzulenken und mich zu entschuldigen.

Es tut mir leid. Ich verspreche Ihnen, dass ich mich in Zukunft beherrschen und respektvoller verhalten werde. – Übrigens, ich heiße Valerie – und Sie?“

Tiefdunkle Blicke schienen sich bis in das Innerste meiner Seele zu bohren. Eine kleine Ewigkeit schlich dahin, bevor das Männchen sich einen Ruck gab und mir brummelnd antwortete: „Caspisian.“

Ein schöner Name.“, lobte ich, und freute mich darüber, dass meine Worte dem Zwerg sichtlich wohl taten. Wer weiß, wann er das letzte Mal ein Kompliment zu hören bekommen hatte… Er packte mich am Arm und zog mich mit sich, auf das Ende des gläsernen Trichters in der Mitte der Kuppel zu.

Komm, jetzt zeig‘ ich dir ein paar literarische Zeitspannen, die sich über Nacht angesammelt haben.“

Neben der Trichtermündung erhob sich ein hölzernes Podest mit mehreren Stufen. Behende sprang Caspisian hoch und deutete eifrig auf einige seltsame Gebilde, die am Boden der gläsernen Röhre zu erkennen waren. Neugierig presste ich meine Nase gegen die Trichterwand.

Ich hatte mir in meiner Phantasie alles Mögliche vorgestellt, aber dass Zeit so aussehen könnte, wäre mir nie im Leben in den Sinn gekommen. Die einzelnen Segmente glichen irgendwie Seifenblasen, durchscheinend, mit einer sanft in allen Regenbogenfarben schillernden Haut. Sie schienen lebendig zu sein, bewegten sich träge, wuchsen mal in die Länge, ballten sich dann wieder zu Kugeln verschiedener Größen zusammen. Es sah aus, als würde sich eine leicht pulsierende, gallertartige Masse in ihrem Inneren befinden.

Der Gnom entnahm einer Innentasche seines Fracks eine unförmige Brille mit sehr dicken Gläsern und setzte sie auf. Konzentriert betrachtete er die eigenartigen Gebilde vor sich.

Hmmm, ja… Die meisten kleinen Zeiteinheiten, die in der Nacht eingetroffen sind, stammen von so einer schrulligen amerikanischen Kitsch-Autorin – sie überspringt in ihren unerträglich schwülstigen Romanen immer nur wenige Stunden.“ Er deutete auf eine größere „Seifenblase“. „Deutscher Heimatschriftsteller, seine bayerischen Krimis verkaufen sich sehr gut. Hat wohl in seinem neuesten Werk eine ganze Woche quasi unter den Tisch fallen lassen.“

Sie sehen das alles durch Ihre Brille?“

So ist es. Ist eine Spezialanfertigung, es heißt, sie sei vom Großen Gnuff persönlich gemacht worden.“

Und diese Zeiteinheiten müssen Sie jetzt aus dem Trichter nehmen und verstauen?“

Die große schon, ja. Die kleinen esse ich.“

Ich fühlte, wie mir sämtliche Gesichtszüge entgleisten. Das wird ja immer schräger, verflixt noch eins! Jetzt behauptete der Kerl doch glatt, dass man Zeit essen kann! Schief lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Ach, kommen Sie, Caspisian, jetzt veralbern Sie mich aber schon ganz ordentlich!“

Anstatt mir zu antworten, beugte der Zwerg sich vor, öffnete den Auslass des Trichters, nahm eine der kleinen, durchscheinenden, schillernden Kugeln in die Hand, führte sie zum Mund und kaute genussvoll. Er schluckte, und wies mit der Rechten auf die Zeitblasen.

Du kannst ruhig mal eine probieren. – Du hast dich vorhin ja darüber gewundert, warum ich trotz meiner zweihundert Jahre noch relativ jugendlich aussehe – das ist das Geheimnis: Die Zeiteinheiten wirken verjüngend.“

Zögernd griff ich nach einem der seifenblasenähnlichen Gebilde, das so klein wie eine Murmel war. Es fühlte sich nicht unangenehm an, samtig, beinahe wie die Haut einer Aprikose, und warm. Mir war ein wenig ekelig zumute, hatte ich doch kurz zuvor noch beobachtet, dass dieses Ding sich wie ein Lebewesen sachte bewegt hatte. Doch ich überwand meine Abscheu und biss hinein – und schmeckte eigentlich gar nichts – und dennoch schien dieses Ding seltsam süß zu sein, und gleichzeitig würzig, und wohltuend, entspannend auch, wie ein guter Schluck Wein oder Whisky – und die geleeartige, lebendig wirkende Masse im Inneren bekam nun in etwa die Konsistenz von Marshmallows. Ich schluckte und fühlte ein beinahe unwiderstehliches Verlangen nach einem weiteren Zeitkügelchen.

Caspisian nickte, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Ja, diese Dinger haben anfangs schon ein gewisses Suchtpotenzial. Aber man muss streng darauf achten, nicht zu viel davon zu essen. Zeiteinheiten im Übermaß genossen haben höchst unangenehme Nebenwirkungen.“

Fortsetzung folgt

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Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (3)…

Was ist ein Gnuff?“

Das Männlein machte sich mit einer Vielzahl von Schlüsseln, manche waren riesig, andere wiederum winzig klein, am Schlüsselloch zu schaffen, das auf wundersame Weise unablässig seine Größe veränderte. Er hielt kurz inne und seine übergroßen, tiefschwarzen Augen funkelten vor Missbilligung und Entrüstung.

Verdammt, das ist nicht EIN Gnuff! Das ist DER GROSSE Gnuff! Der absolute Herrscher der Salmeyiiden, so nennt sich das Zwergenvolk, dem ich entstamme.“

Und dieser Große Gnuff hat dich hierher gebracht?“

Nicht er selbst – aber nein! Ein hohes Mitglied seines Hofstaats hat mir diesen Posten zugewiesen – das mag vor – lass mich kurz nachdenken – etwa zweihundert Jahren gewesen sein.“

Ich zog die Brauen hoch.

So alt sind Sie schon?… Ich meine, man würde Sie nicht mehr für einen Teenager halten, aber zweihundert Jahre sieht man Ihnen gewiss nicht an. Wie machen Sie das?“

Das verrate ich dir später.“

Endlich sprang die Türe auf. Das Männlein sprang behende hindurch und winkte mir. Mit klopfendem Herzen, zögernd und doch von einer unstillbaren Neugier getrieben folgte ich ihm.

Wir standen am Rande des gewaltigen Kuppelinneren. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, als ich zu der runden Öffnung hoch oben starrte, die sich in der Mitte des Doms befand. Eine Art gläserner Trichter umschloss diese und reichte, sich zusehends verjüngend, bis etwa eineinhalb Meter über den schimmernden, dunklen Marmorfußboden. Der Raum mutete mich wie der Bienenstock eines Riesen an, oder wie ein Theater, mit ungezählten Rängen, die sich nach oben hin verjüngten. Auf den einzelnen Etagen schien es eine schier unfassbare Menge an Schränken und Schubladen zu geben, von winzig klein bis zu der Größe eines Zimmers.

Potztausend!“, entfuhr es mir – das war seit einer Weile eines meiner Lieblingswörter. Der Zwerg machte eine elegante, weit ausholende Armbewegung.

Bitte sehr – hier siehst du die Literarische Zeiterfassungs- und Aufbewahrungsstelle. – Potztausend – den Ausdruck habe ich übrigens seit einer Ewigkeit schon nicht mehr gehört.“

Ich zuckte mit den Schultern.

Ach, ich habe ein Faible für alte Wörter.“

Ich drehte mich langsam um meine Achse und schaute und staunte.

Und in all diesen Behältnissen befindet sich jene Zeit, die von Schriftstellern beim Schreiben ihrer Werke übersprungen worden ist?“

Nun ja, nicht in allen. Es gibt schon noch eine Menge Platz. Und leider lösen sich im Laufe der Zeit diese übersprungenen Zeiteinheiten auch wieder auf. Aber das dauert zum Glück lange.“

Was wird denn dieser Gnuff denn eines Tages mit all dieser Zeit machen?“

Mein kleiner Freund stampfte ungehalten mit dem Fuß auf. „Nein, nein, nein! Das heisst nicht DIESER Gnuff! Das ist DER GROSSE Gnuff! – Ich verbitte mir diese Respektlosigkeit! – Mit Autoritäten scheinst du wohl ein Problem zu haben!“

Ich nickte und grinste schief. „Yepp. Immer schon – egal, ob es sich um Götter, Päpste, Regierungschefs, Vorgesetzte, Eltern etc. handelt.“

Der Zwerg sah mir tief schnaufend in die Augen.

Da solltest du mal ein wenig an dir arbeiten, sonst wirst du noch ein schlimmes Ende nehmen.“

Ich lachte. „Was glauben Sie wohl, wie oft ich diesen Spruch schon zu hören bekommen hab‘!“

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Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (2)…

Nachdem er sich den Schlaf aus den Augenwinkeln gerieben hatte, musterte er mich neugierig und missmutig von meinem unordentlich zerwühlten Schopf bis zu den nicht grade sauberen Laufschuhen.

Wer bist du und was willst du hier?“

Verlegen trat ich von einem Fuß auf den anderen und zuckte mit den Schultern.

Ich habe einen Morgenspaziergang gemacht, bin auf diese Allee und diesen Prachtbau hier gestoßen – beides habe ich noch nie zuvor gesehen. Und da bin ich neugierig geworden, und wollte mich ganz einfach mal umsehen…“ Ich verstummte, verlegen geworden. Der Zwerg besah sich angelegentlich seinen alten Frack, zupfte hier und da ein Staubkörnchen weg, und murmelte: „Scheint so, als wärst du aus der Nebenwelt hierher gelangt.“

Nebenwelt?“, echote ich dümmlich. Irgendwie schien ich ganz gehörig auf der Leitung zu stehen.

Mein Gegenüber zuckte blasiert die Schultern, stand auf, dehnte und streckte sich, nach einem herzhaften Gähnen wandte er sich wieder mir zu.

Die Sinne von euch Menschen sind im Grunde genommen ausgesprochen schlecht. Ihr nehmt seit jeher nur einen Bruchteil dessen wahr, was in Wirklichkeit rings um euch existiert. So entgeht euch, dass neben jener Welt, die ihr so gut zu kennen glaubt, noch etliche andere vorhanden sind. Und manchmal gerät halt der eine oder andere von euch in eine der Nebenwelten.“

Mir wurden die Knie weich, ich musste mich an der Schreibtischkante abstützen.

Wie komm ich denn wieder in meine Welt zurück?“, lallte ich – der Schock hatte meine Zunge gelähmt.

Wieder ein Schulterzucken. „Früher oder später wird das schon irgendwie geschehen, mach dir da jetzt keine zu großen Gedanken. Bis jetzt ist jeder, der sich hierher verirrt hat, irgendwann wieder in seine Welt zurück gelangt.“

Ich fühlte große Erleichterung. Mein Gesprächspartner nahm kurz den Zylinder ab und kratzte sich den Schädel, der mit dichtem, gewelltem, feuerrotem Haar bedeckt war. „Nun – da du jetzt hier bist, und deine Wissbegierde dich den ganzen weiten Weg hat laufen lassen: Was willst du wissen?“

Ich holte tief Luft und machte mit der Rechten eine ausladende Gebärde. „Dieses riesige Gebäude – was ist das? Eine Kirche?“

Der Zwerg lachte schallend. „Eine Kirche! Ach, du liebes Universum, nein, nein, dies hier ist ganz sicher keine Kirche! So was haben wir hier in der Nebenwelt nicht nötig, das kann ich dir versichern!“

Eine Bibliothek? Ein Bahnhof? Ein Kaufhaus?“

Falsch, falsch, falsch. – Nein – dies hier ist die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle.“

Davon habe ich noch nie etwas gehört, gesehen oder gelesen. Können Sie mir das bitte näher erklären?“

Das Männlein zog einen gewaltigen Schlüsselbund aus der Hosentasche, und während er sprach, wandte er sich der vor uns liegenden, schweren und hohen Tür zu. „Du kennst doch Bücher?“

Na, klar! Ich liebe Lesen, ich wohne praktisch in einer eigenen kleinen Bücherei!“

Dann weißt du ja auch, dass viele Autoren in ihren Romanen, Gedichten, Erzählungen häufig Zeitspannen überspringen, manchmal nur einige Stunden oder Tage, manchmal Wochen, Monate oder Jahre.“

Ich nickte eifrig. „Oh, ja!“

Hast du dich schon mal gefragt, was mit all diesen Zeiten geschieht, die von den schreibenden Menschen übersprungen werden?“

Heiliger Strohsack, in welch verrückten Dummfug bin ich da jetzt nur wieder hinein geraten!, dachte ich mir, während ich den Kopf wiegend nachdachte.

N-nein – ehrlich gesagt noch nie.“

Siehst du – und das ist der Sinn und Zweck dieses Bauwerks – der Literarischen Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle. Ich sammle all diese nicht genutzten literarischen Zeitspannen und archiviere sie.“

Aha. Für wen oder was?“

Na, für den Großen Gnuff.“

… Fortsetzung folgt…

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Die Literarische Zeiterfassungs- und aufbewahrungsstelle (1)…

 

Der Tag war lang und anstrengend gewesen, neun Stunden Stehen und Gehen im heißesten Abschnitt des großen Museums, und Tausende „Materialprüfer“ unterwegs, so nennt eine Kollegin jene Touris, die von vierhundert Jahre alten Wandteppichen bis zu vergoldeten Schnitzereien alles begrapschen müssen. Zuhause angelangt ließ ich mir eine Pizza kommen, zum Kochen hatte ich nach diesem Dienst absolut keine Lust mehr.

Nach einer kurzen Stunde Auslüften und Entspannen auf meinem kleinen Balkon verzog ich mich ins Schlafzimmer, mit geschlossenen Augen warf ich mich aufs Bett, und schlief ein, kurz nachdem ich meinen Kopf auf dem Kissen zurecht gerückt hatte.

Der erste Schimmer des sommerlichen Morgengrauens zeigte sich am Horizont, als ich wach wurde. Ich beschloss, die noch kühle Luft und die ungewohnte Stille in der Stadt zu genießen und einen Spaziergang zu machen. So stand ich auf, schlüpfte in Shorts, Sneakers und ein altes T-Shirt und verließ das Haus. Ziellos wanderte ich durch die menschenleeren Gassen, bis ich an eine breite Allee kam, die ich noch nie zuvor gesehen hatte – und ich wohne nun seit über dreißig Jahren hier.

Neugierig geworden folgte ich dem geraden Verlauf der Straße, die von akkurat gepflanzten, riesigen Zypressen gesäumt war. Auch hier war außer mir niemand unterwegs, kein Geräusch durchbrach die vollkommene Ruhe – ausgesprochen ungewöhnlich für einen Werktagmorgen in der großen Stadt.

Hinter den Bäumen duckten sich bunt bemalte, kastenförmige Häuser, ich kam mir vor, als wäre ich auf eine griechische Insel versetzt worden. Am Horizont zeichnete sich die kühn geschwungene Kuppel eines riesigen Gebäudes ab. Ich beschleunigte meinen Schritt und hielt darauf zu.

Wie ich so dahin marschierte, fiel mir auf, dass von den gestrigen Anstrengungen nichts mehr zu spüren war, meine Glieder fühlten sich leicht an, meine Füße brannten nicht mehr, und ich bewegte mich ohne jeglichen Krafteinsatz, beinahe als würde ich schweben.

Endlich stand ich vor dem wuchtigen Bauwerk mit einem straßenseitigen Wald an hoch aufragenden Säulen, der von einem ausladenden Giebel gekrönt war. Vom architektonischen Stil her erinnerte es mich an das Pantheon in Rom, nur um ein Mehrfaches größer und höher. Um die Kuppel genau in Augenschein nehmen zu können, musste ich den Kopf in den Nacken legen.

Ich erklomm etwa ein Dutzend heller, marmorner Stufen und näherte mich einer gut doppelt mannshohen, eisernen Tür, die über und über mit allerlei Zierrat und unbekannten Zeichen versehen war, und einen Spalt offen stand.

Ich trat ein und befand mich in einer kleine, kühlen Vorhalle. Linkerhand entdeckte ich einen schlichten Schreibtisch. Dahinter lag in einem voluminösen, mit Samt bezogenen Sessel ein zwergenhaft kleiner Mann, angetan mit einem schwarzen, speckig glänzenden Frack, weißer Hemdbrust mit Fliege und Bauchbinde, und einem alten Zylinder, der mit Sicherheit schon bessere Zeiten gesehen hatte. Das tiefbraune Gesicht des Gnoms war von ungezählten Falten durchfurcht, als hätte jemand eine engmaschige Drahtmaske über seine Züge gelegt und erst vor kurzem wieder entfernt. Im Schlaf zuckte das Menschlein ab und an ein wenig, und die mit seltsam langen und dichten, dunklen Wimpern versehenen Lider flatterten. Was der Kleine wohl träumen mochte?

Langsam und leise trat ich näher – da schreckte der Zwerg hoch und riss die schwarzen, riesigen Augen auf.

… Wird fortgesetzt…

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Der Altglas-Container (5)…

Unmittelbar nach Frau Perls Abgang brachen auch die Damen und Herren des Seniorentreffs auf, schweigsam, betroffen, die Köpfe gesenkt, die Blicke der anderen meidend. Jegliche vorweihnachtliche, fröhliche Stimmung war verpufft. Nur Frau Stegert hängte sich betont fürsorglich beim schwer gehbehinderten, neunzigjährigen Herrn Kramer ein und gellte: „Ich bring‘ Sie nach Hause. Nicht dass Ihnen noch etwas passiert, es ist schon dunkel, und vielleicht ist die Straße glatt.“

Der alte Mann wandte sich ihr zu: „Was hat denn die Frau Perl gesagt? Ich hab das alles nicht so richtig mitbekommen.“

Ja, mei, sie hat sich von uns verabschiedet, weil sie zu ihrem Sohn zieht, und uns ein frohes Fest und alles Gute gewünscht.“

In ihrem behaglichen und blitzsauberen Häuschen angekommen hängte sie sorgfältig den Mantel auf und entledigte sich ihrer Schuhe. Dann wandte sie sich dem Portraits ihres Mannes über dem Garderobenschränkchen zu – eines von vielen, die im ganzen Anwesen verteilt waren: „Die Perl ist immer schon eine gspinnerte blöde Kuh gewesen, aber heut hat sie sich wie eine Verrückte aufgeführt.“

Sie ging ins Wohnzimmer und einem spontanen Impuls folgend nahm sie das Telefon und wählte die Nummer ihrer ältesten Tochter.

Irene, ich bin‘s, die Mama. Sag mal, habt ihr allesamt nicht Lust, Weihnachten bei mir zu verbringen? Platz ist genug, die Kinder können ja unten im Keller im Bastelraum vom Papa schlafen.“

Tut mir leid. Wir verbringen die Feiertage bei den Eltern vom Ferdl in Südtirol. Die Bärbel hat ja am Fünfundzwanzigsten einen großen runden Geburtstag, und uns alle eingeladen.“

Alle außer mich, der Gedanke stach Frau Stegert ins Herz. Nach ein paar nichtssagenden Floskeln und einem kurzen, schwer lastenden Schweigen war das Gespräch beendet.

Sie und ihr Mann hatten die angeheiratete Verwandtschaft, die in einem kleinen Bergdorf nahe Brixen ein kleines Obst- und Weingut bewirtschaftete, vor vielen Jahren mal ein paar Tage lang besucht, das war kurz nach der Geburt des ersten Enkels gewesen. Frau Stegert konnte mit den Beiden nicht recht warm werden, trotz – oder vielleicht gerade wegen – deren lebensvoller, offener und freundlicher Art. Anders verhielt es sich mit ihrem Mann, er war von Irenes Schwiegereltern auf Anhieb begeistert, und nach einem spannenden Tag, den er zusammen mit Ferdl Senior in der riesigen Franzensfeste verbracht hatte, bahnte sich eine Freundschaft zwischen den Zweien an.

Doch Frau Stegert hatte in ihrer Ehe das Motto „Du sollst keine anderen Götter – und Freunde! – neben mir haben!“ zum obersten Credo erhoben, und so stichelte und hetzte sie so lange gegen die Südtiroler, bis das Verhältnis abkühlte und bald ganz erlosch.

Sie fühlte sich einsam, klein und unbedeutend, und es fröstelte sie, so kauerte sie sich in ihren voluminösen Lieblingssessel mit Blick auf die Müllcontainer, und wickelte sich in eine flauschige, sandfarbene Decke.

Bis ein Auto sich der Senke näherte, genauer gesagt der Geländewagen vom Bauern Lenz vom Alpbichl. Frau Stegert setzte sich ruckartig auf und griff nach dem Opernglas. Der Lenz hatte die Scheinwerfer seines Wagens brennen lassen, und sich außerdem noch eine Stirnlampe über die dicke Wollmütze geschoben, mit der er seine sehr hohe Stirn vor dem kalten Winterwind zu schützen pflegte, so konnte seine Beobachterin sehr genau erkennen, dass er wieder einmal ein dickes Bündel Textilien in den Behälter für die Altkleider gab.

Kaum hatte der Bauer seinen Heimweg angetreten, pirschte sich Frau Stegert an die Container heran, um genauer nachzusehen. Sie hatte ihr kleines Küchenschemelchen dabei, erklomm dieses, stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte hinein. Sie griff nach dem großen Bündel und zog es zu sich heran. Es waren ausschließlich Frauenkleider. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Wieder zurück in ihrem gemütlichen Sessel kam ihr die Erleuchtung: Die Lenzens hatten Eheprobleme! Vermutlich lebten die Beiden schon in Scheidung, die Frau – die ist aber in letzter Zeit auch immer magerer geworden! – war deswegen ausgezogen, und der Kerl hatte nun entsorgt, was sie nicht hatte mitnehmen können! Ja, genau! So musste es sein! Sie dachte lange darüber nach, und je detaillierter sich in ihrem Kopfe jene Geschichte zu formen begann, die sie gleich morgen im Supermärktchen ihren Bekannten erzählen würde, desto wärmer wurde ihr, und desto wohler begann sie sich zu fühlen.

Spät abends brühte sie sich eine Tasse Schlaftee auf, die sie mit einem ordentlichen Schuss Melissengeist würzte. Unvermittelt kam ihr die Erinnerung an den Auftritt der ehemaligen Bibliothekarin während der Weihnachtsfeier in den Sinn, und wie tief gekränkt der letzte Teil von Frau Perls Ansprache sie doch hatte! Und dass man sie bei der großen Familienfeier in Südtirol ganz offensichtlich nicht dabei haben wollte. In der kleinen Küche prostete sie mit tränenschwerer Stimme dem dort über der bunt bezogenen Eckbank hängenden Portrait ihres Mannes zu: „Gerald, sei froh, dass du nimmer lebst. Die Menschen werden immer boshafter und gehässiger zueinander. Und das wird von Tag zu Tag schlimmer.“…

Ende

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Der Altglas-Container (4)…

Nach dem Absingen von Weihnachtsliedern durch eine Schar als Engel verkleideten Grundschulkinder, einer kleinen Geschenketombola, und dem Sturm aufs Kuchen- und Plätzchen-Bufett, kehrte unter den etwa zwanzig teilweise hoch betagten Gästen im Pfarrhaus Ruhe ein. Gar manchem wurden dank des zur Begrüßung verteilten Gläschens Prosecco und dem Genuss des nach der Haushälterin‘ Geheimrezept gebrauten Punsches die Augen schwer.

Die Tür zum Vorraum ging auf, und herein trat in Begleitung des jungenhaften Pfarrers, dessen Vollmondgesicht irgendwie nicht so recht zu seiner mageren Statur passen wollte, die ehemalige Leiterin der Dorfbücherei, Frau Perl. Flink wie ein Wiesel sprang Frau Kern auf, und bot ihren Platz an: „Was für eine schöne Überraschung! Wir freuen uns alle sehr, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch, ich hole mir einen Stuhl aus dem Büro. Bedienen Sie sich, es ist noch genügend Kuchen und Weihnachtsgebäck und Punsch da!“

Frau Perl schüttelte den grauhaarigen Kopf. „Nein, danke. Ich bin nicht zum Feiern gekommen.“ Sie stockte. Der Pfarrer reichte ihr ein Glas Wasser und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. Frau Perl trank in großen Schlucken, sie trat einige Schritte nach vorne an die Stirnseite der mit Tannengrün, bunten Sternchen und Kerzen geschmückten Tafel. Ihre Schultern strafften sich, und all ihre Nervosität und Unsicherheit fielen von ihr ab.

Ich bin gekommen, um einige Dinge richtig zu stellen. Und um mich zu verabschieden.“

Mit einem Schlag war die traute Seniorenrunde hellwach.

Man hat mir zugetragen, was hinter meinem Rücken seit einer Weile über mich geredet wird. Es heißt, ich sei eine schwere Alkoholikerin, seit dem Tod meines Mannes sei ich dem Suff ergeben, und würde pro Tag mindestens zwei Flaschen Wein und eine Flasche Schnaps in mich hinein schütten. Das entspricht nicht den Tatsachen. Ich habe noch nie Alkohol getrunken – ich werde seit jeher von einem Schluck Bier, Wein, Sekt oder gar Schnaps sterbenskrank… Es heißt auch, dass mir das heimliche Saufen zuhause nicht ausreichen würde, und dass ich mich im Café Bootshaus bei den Asozialen herum treiben würde. – Nach dem Tod meines Mannes und meiner Pensionierung habe ich mich nach einer sinnvollen Aufgabe gesehnt. So habe ich die Bekanntschaft der Wirtsleut‘ vom Bootshaus gemacht. Die Beiden haben vor einer Weile im Wirtsgarten zweimal pro Woche eine Art Tafel eingerichtet, damit die Bedürftigen und oft genug ohne eigene Schuld arbeitslos gewordenen Dörfler, die sogenannten sozial Schwachen, die Flüchtlinge, die häufig völlig traumatisiert nur mit dem nackten Leben davon gekommen sind, nicht immer mit dem Bus in die Kreisstadt fahren müssen. Sie haben bestimmt schon zur Kenntnis genommen, dass Benni und Ossi, die Zwillinge vom Boothaus, körperlich schwer behindert und nicht mehr die Jüngsten sind. Die Arbeit mit dem Organisieren der Tafel, dem Betreuen der Asylsuchenden und dem Führen des Cafés, in dem es übrigens hervorragenden, selbst gebackenen Kuchen gibt, ist ihnen immer mehr über den Kopf gewachsen. So habe ich mich bei ihnen eingebracht, und einige Pflichten abgenommen. Dazu gehört auch das Entsorgen der leeren Flaschen einmal in der Woche…“

Sie machte eine kurze Pause. Im Pfarrsaal war es mittlerweile geradezu furchtbar still geworden. Man spielte angelegentlich mit Keksbröseln und Tannennadeln auf den einstmals blütenweißen, nun von Wachs- und Punschflecken verunzierten Tischdecken, um Frau Perls Blicken auszuweichen.

Ich bin hier geboren worden und aufgewachsen. Hier habe ich geheiratet, eine gute Ehe geführt, habe meinen Sohn aufgezogen und mich all die Jahre glücklich und zufrieden gefühlt. Doch ich möchte auf gar keinem Fall länger in Heubach bleiben. Ich könnte es nicht ertragen, Tag für Tag all jenen zu begegnen, die diese entsetzlichen Gerüchte über mich in die Welt gesetzt und fleißig verbreitet haben. Ich habe mein Haus verkauft, und werde noch vor Weihnachten zu meinem Sohn ziehen.“

Frau Perls folgende Worte waren anscheinend an sämtliche Anwesenden gerichtet, doch während sie sprach, fixierte sie Frau Stegert, auf deren fahle Wangen sich zwei tiefrote Flecken gebildet hatten, und deren glasige Blicke unstet hin und her huschten.

Mein Sohn hat mir geraten, Anzeige wegen Verleumdung und Rufschädigung zu erstatten. Nach langem Überlegen habe ich mich allerdings dazu durchgerungen, auf dergleichen zu verzichten. – Wissen Sie, ich hasse Sie nicht, ich kann Sie nicht hassen. Ich fühle große Abscheu – aber eigentlich tun Sie mir aus tiefster Seele leid. Was müssen Sie für ein erbärmliches Leben führen, wie dunkel und zerrissen muss es in Ihren Herzen und Ihren Seelen aussehen, dass Sie es nötig haben, solche Lügen über Menschen, die Ihnen noch nie ein Leid zugefügt haben, zu erfinden, und ohne jegliches Hinterfragen diese böswilligen Unterstellungen durch‘s ganze Dorf zu tragen. – Nun möchte ich Ihnen eine schöne Weihnachtszeit wünschen – und mir wünsche ich, dass ich keinen von Ihnen jemals in meinem Leben wiedersehen muss.“

Frau Perl wandte sich um, nickte dem Pfarrer kurz zu, und verließ festen und schnellen Schrittes den kleinen Saal…

Fortsetzung folgt

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Der Altglas-Container (3)…

Eine Woche später war die kleine Weihnachtsfeier des Seniorentreffs anberaumt worden, und Frau Stegert warf sich etwa eine Stunde vor Beginn der Festivität in ihre beste perlmuttfarbene Seidenbluse, die sie mit einer fein ziselierten Brosche in Form einer Silberdistel zierte.

Während der vergangenen Tage hatte sie stets vormittags erwartungsvoll an der Tür gelauert, wenn der drahtige, wettergegerbte Postbote auf seinem voll bepackten, leuchtend gelben Fahrrad sich dem Haus genähert hatte. Vielleicht gab es ja diesmal eine Einladung einer ihrer Töchter, die Feiertage bei deren Familie zu verbringen. Doch ihre Hoffnungen wurden ein ums andere Mal enttäuscht, wie während all der Jahre seit dem Tod ihres Mannes.

Frau Stegert hatte nie einen liebevollen und fürsorglichen Umgang mit ihren drei Töchtern gepflegt, im Gegenteil, sie hatte seit deren frühen Kindertagen nichts unversucht gelassen, die Mädchen mittels Lügen, moralischer Erpressungen und seelischer Grausamkeiten gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen. Inmitten eines guten halben Dutzends Geschwister war ausgerechnet sie die mittlere gewesen, klein, unscheinbar, oft von ihren Brüdern und Schwestern und ihrer Mutter unbeachtet. Sie hatte sich durch keinerlei besondere Talente oder gar Schönheit hervor getan. Allerdings hatte sie bereits in ziemlich jungen Jahren herausgefunden, dass sie sich mittels Unwahrheiten, Gerüchten, Tratschereien und Hetzereien sehr gekonnt in Szene setzen und alle Aufmerksamkeit zumindest für ein Weilchen auf sich ziehen konnte. Wenn alles um sie herum in Hader und Unfrieden versank und Tränen flossen, dann verspürte sie zumeist ein seltsames Wohlgefühl, dann fühlte sie sich als Heldin, dazu berufen, nunmehr zu schlichten und zu befrieden, sich moralisch allen anderen haushoch überlegen.

Obwohl ihr Mann den Kindern sehr zugeneigt gewesen war, war er nie eingeschritten, hatte alles stumm geschehen lassen, nie aufgrund der zweifelhaften Erziehungsmethoden seiner Gemahlin ein Machtwort gesprochen, hatte sich nie auf die Seite seiner Sprösslinge gestellt. Seine Frau war seine große Jugendliebe gewesen, die er etliche Jahre lang schüchtern aus der Ferne bewundert hatte, ehe er sich, ermutigt durch einige Studienfreunde, ein Herz gefasst hatte, ihr einen Antrag zu machen. Beinahe ein halbes Jahrhundert lang hatte er bis zu seiner letzten Stunde vor Liebe zu ihr Augen und Ohren vor ihren Schattenseiten verschlossen gehabt.

Die Töchter, Irene, Bettina und Heidelinde, pflegten für gewöhnlich am Vormittag des Heiligabends lediglich für ein knappes Stündchen zusammen mit ihrer fast schon erwachsenen Kinderschar bei Frau Stegert vorbei zu schauen – sie überreichten kleine Geschenke, zwangen sich zu ein wenig neutral-freundlichem Small Talk, und machten sich dann rasch wieder auf den Rückweg in die Kreisstadt.

Dass sie die Verantwortung für das unterkühlte Verhalten ihrer Töchter und Enkelkinder trug, war Frau Stegert noch nie in den Sinn gekommen. Sie sah sich als Opfer angeblich rücksichtsloser und kaltherziger junger Menschen. „Keine Dankbarkeit, wissen Sie!“, pflegte sie ihren Dorfbekanntschaften bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorzujammern. „Man gibt ihnen so viel Liebe, so viel Fürsorge, schlägt sich voller Angst die Nächte um die Ohren, wenn die Kleinen krank sind – und wenn sie dann aus dem Haus sind, kennen sie einen nicht mehr. Ich habe den Dreien so viel gegeben, so viel Herzblut und Aufopferung – und so viel Undank und Ignoranz und Gleichgültigkeit bekomme ich nun zurück…“

Sie sah sich selbst als die beste Mutter aller Zeiten, und pflegte ausgesprochen gerne Erziehungstipps zu geben, wenn sie auf Einkaufstour in der Kreisstadt war. Neulich erst war sie, eine ruhige Seitenstraße überquerend, auf eine junge Frau zu gestürmt, deren Baby im Kinderwagen zu greinen begonnen hatte.

Sie müssen das Kleine an Ihre Brust legen, dann hört es Ihren Herzschlag und hört auf zu schreien. Liebe – was diese kleinen Wesen immerzu am allernötigsten brauchen, ist LIEBE! Glauben Sie mir, was das anbelangt, bin ich eine Expertin!“, deklamierte sie mit beseelt leuchtenden Augen, und ihr erhobener Zeigefinger verwirbelte im Takt ihrer Worte die schwer lastende, winterlich feuchte Großstadtluft. Und dann folgte einer ihrer Lieblingssätze, den sie bei solchen Gelegenheiten stets zu zitieren pflegte: „Wissen Sie – einmal Mama, immer Mama.“…

Ein paar letzte Bürstenstriche durch die proper sitzende, rötlichbraun gefärbte Prinz-Eisenherz-Frisur, ein paar dezente Spritzer Eau de Toilette auf den wuchtigen Pelzkragen ihres Wintermantels, dann griff Frau Stegert nach den Hausschlüsseln und einer kleinen Tüte mit den Plätzchen für die weihnachtliche Gebäck- und Kuchentafel, die sie schon Wochen zuvor im Discounter erstanden hatte, und wandte sich zum Gehen Richtung Pfarrhaus…

Fortsetzung folgt

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Der Altglas-Container (2)…

Ihren Auftritt im Supermärktchen in der Ortsmitte hatte sie sehr sorgfältig geplant, sie wusste genau, wann ihre Bekannten sich zum spätmorgendlichen Einkauf samt ausgiebigem Ratschen zu treffen pflegten. Um sich einen genauen Überblick über die von Frau Perl konsumierten Mengen Alkohol zu verschaffen, war sie mit Alibi-Mülltütchen und Taschenlampe versehen noch zu den Containern gestiefelt, sobald die frühe winterblasse Dämmerung der klammen Finsternis gewichen war.

Also, die Frau Perl sauft mindestens eine, meistens sogar zwei Flaschen Wein oder Sekt am Tag. Und dazu noch eine Flasche Schnaps – meistens Williamsbirne.“

Frau Kneitz, Frau Blatt und Frau Riederer machten ungläubig große Augen.

Des gibt‘s ja net! Des kann i mir bei da Frau Perl eigentlich überhaupt net vorstellen.“, wandte die Pfarrhaushälterin ein. „Wia ham Sie des denn heraus gefunden?“

Frau Stegert zuckte mit den von einem voluminösen Pelzkragen verdeckten mageren Schultern. „Mei, ich hab‘ sie halt ein paar Mal beim Entsorgen von ihrem Altglas getroffen, wenn ich vom Spazierengehen nach Hause gegangen bin. – Also, drei nicht grade kleine Kisten voll mit leeren Wein-, Sekt- und Schnapsflaschen wirft die Frau Perl schon pro Woche weg. Meistens am Donnerstag.“

Frau Hein, die Leiterin und Kassiererin des kleinen Supermarktes mischte sich ein: „Sie ist heut‘ ganz früh schon da gewesn, hat aber keine alkoholischen Getränke eingekauft, sondern nur etwas Schinken, einen Laib Brot, a Butter und a bisserl Gmias.“

Frau Stegert musterte sie missbilligend mit ihren kleinen, verwaschen grauen Augen und schnappte: „Ja, die wird sich ihren Sprit natürlich heimlich im Discounter in der Kreisstadt besorgen!“

Und a Fahne hab ich bei ihr auch noch nie gerochen.“

Da gibt‘s an ganz neuartigen Kaugummi, der sogar ganz starken Mundgeruch vertreiben soll, hab ich vor kurzem erst in einer medizinischen Zeitschrift bei der Frau Dr. Quindt gelesen.“

Das war zwar gelogen, aber Frau Stegert sonnte sich grad so schön im Rampenlicht der Umstehenden, dass sie es auf gar keinem Fall zulassen durfte, dass jemand ihre herrlich skandalöse Geschichte, die sie sich die halbe Nacht lang zurecht gelegt hatte, durch einen Widerspruch entkräften würde.

Da fällt mir ein, dass ich die Frau Perl schon einige Male unten am See im Café Bootshaus gesehen hab‘, da, wo sich des ganze Gschwerl immer so gern trifft, ihr wisst‘s scho, die Sozialschmarotzer, die Flüchtlinge, die in der Pension Bergblick hausen, und des arbeitsscheue Hartz-Vier-Gesindel…“, flüsterte Frau Blatt und schüttelte über die Maßen betroffen den großen, dezent violett dauergewellten Kopf und in das teigige Gesicht ihrer besten Freundin, der Frau Riederer gruben sich tiefe Falten des Abscheus und Entsetzens.

Da langt ihr die heimliche Sauferei dahoam wahrscheinlich net, dass sie sie a no mit dene Falotten vom Bootshaus abgebn muass. – Wia kann a so a sympathischer Mensch innerhalb von so kurzer Zeit dermaßen tiaf sinken…“

Frau Kern steuerte resolut mit ihrem Einkaufswagen die Kasse an und während sie ihre Waren auf das Laufband legte, murmelte sie: „Ich glaub, ich muss heut Mittag mal den Herrn Pfarrer auf die Frau Perl aufmerksam machen, dass der vielleicht amal mit ihr redt‘.“

Frau Stegert und die anderen Damen waren noch immer so rege damit beschäftigt, über die frühere Bibliothekarin herzuziehen, dass sie den Abgang der Pfarrhaushälterin überhaupt nicht mitbekamen…

Fortsetzung folgt

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Der Altglas-Container (Teil 1)…

Frau Stegert lebte recht komfortabel, doch sehr allein in einem kleinen, aber schmucken Häuschen am südlichen Dorfrand von Heubach, einem Tausend-Seelen-Nest in den oberbayerischen Bergen. Ihr Mann, der bis zu seiner Pensionierung der Leiter der hiesigen Sparkassen-Filiale gewesen war, hatte vor gut fünf Jahren nach einem heftigen Schlaganfall das Zeitliche gesegnet. Zu ihren drei Töchtern und deren Familien, die in der nahen Kreisstadt wohnten, hatte sie dank ihres sehr ambivalenten Verhältnisses zur Wahrheit und der unguten Neigung, mittels böser, zumeist selbst erfundener Gerüchte Unfrieden zu stiften, kaum noch Kontakte.

Außer dem Lesen von Magazinen der sogenannten Regenbogenpresse, dem Verfolgen von Klatschsendungen im TV sowie dem eifrigen Kolportieren von gehässigen Tratschereien im Supermärktchen des Ortes, die sehr oft ihren Ursprung im wöchentlichen Seniorentreff im spätbarocken Pfarrhaus der katholischen Kirche hatten, pflegte Frau Stegert keinerlei Hobbies. Zum Handarbeiten fehlte ihr die Konzentration, und mit der Lektüre von Büchern war sie ihr Lebtag lang, im Gegensatz zu ihren Töchtern, auf Kriegsfuß gestanden.

Gar manchmal wäre ihr also die Zeit in ihrem kleinen, schmucken Häuschen schon arg lang geworden – wenn es da nicht ihren liebsten Zeitvertreib gegeben hätte: Etwa hundert Meter entfernt befanden sich in einer kleinen und von ihrem Anwesen aus leicht einsehbaren Senke die Glas-, Altpapier-, Kunststoff- und Altkleider-Container Heubachs. Mit einem antiken, goldgefassten, elfenbeinernen Opernglas bewaffnet, einem Erbstück ihrer Schwiegermutter, verbrachte Frau Stegert viele erbauliche Stunden an ihrem großen Wohnzimmerfenster, bis ins letzte Detail Tag um Tag registrierend, wer von ihren Nachbarn was und wann zu entsorgen pflegte, und sich selbstredend geflissentlich Gedanken darüber zu machen. Manchmal begab sie sich ungesehen sogar höchstselbst nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Alibi-Müllbeutelchen und einer Taschenlampe versehen zu den Containern, um sich zum Beispiel zu vergewissern, ob der Bauer Lenz vom Alpbichl tatsächlich einen ganzen Schwung an Billigjeans, die seine Frau doch erst vor wenigen Wochen im Discounter in der Kreisstadt erstanden hatte, dem Altkleiderbehälter einverleibt hatte. Und ob der Obst- und Gemüsehändler Heinrich wieder einmal eine ganze Kiste Äpfel in den Biomüll entsorgt hatte, nur weil eine Handvoll davon einige Druckstellen aufgewiesen hatte.

Seit einer geraumen Weile machte sie sich sehr oft Gedanken über das Verhalten von Frau Perl, der ehemaligen Leiterin der Dorfbücherei. Deren Mann war vor knapp einem halben Jahr nach langer und schwerer Krankheit entschlafen, eine Gnade sei das für die arme Frau gewesen, darin waren sich alle „Damen“ der gemütlichen wöchentlichen Runde des Seniorentreffs bei Kaffee und selbstgebackener Linzer Torte einig gewesen.

Jetzt kann‘s endlich wieder anfangen zu leben, die arme Frau Perl.“, hatte Frau Kneitz, die Pfarrhaushälterin, mitfühlend geseufzt, und die Anwesenden hatten ihr eifrig zugestimmt. Selbstredend hatte man Frau Perl nach dem Verstreichen einer mehrwöchigen „Trauerfrist“ mehrmals zu den Veranstaltungen des Seniorentreffs eingeladen, doch nie eine Antwort erhalten, was Frau Kneitz, Frau Stegert und die anderen Teilnehmerinnen durchaus ein wenig verärgerte.

Daran musste Frau Stegert denken, als sie wieder einmal in ihrem höchst bequemen Wohnzimmersessel thronend das edle Opernglas ansetzte und nach draußen Richtung Müllcontainer spähte. Eben war Frau Perl mit ihrem großen dunkelblauen Kombi heran gefahren, sie öffnete den Laderaum und hievte mehrere Holzkisten heraus, die randvoll mit Wein-, Sekt- und Spirituosenflaschen gefüllt waren.

Koa Wunda, dass die sich net bei uns im Seniorentreff blicken lässt! Des is a heimliche Säuferin! Und was für oane, die muaß ja mindestens zwoa Flaschn Wein und a Flaschn Schnaps am Tag saufn!“, grummelte Frau Stegert. Voller Vorfreude und Eifer konnte sie kaum noch mehr den nächsten Vormittag erwarten, da würde sie all ihren Bekannten im kleinen Supermärktchen ihre Erkenntnis mitteilen. Und genießen, dass sie endlich wieder einmal im Mittelpunkt des dörflichen Interesses stand. Denn es mangelte ihrer Meinung nach schon sehr seit dem Tode ihres Mannes an der gebührenden respektvollen und bewundernden, beständigen Aufmerksamkeit ihr gegenüber…

Fortsetzung folgt

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Damensauna…

… „Oh, oh! Lass‘ uns bitte wieder umdrehen und ins Nordbad fahren.“, murmelte das Wilde Weib (eines meiner schier ungezählten inneren Stimmchen), als es des Schildes „Heute Damensauna“ am Eingang meines Lieblings-Badetempels gewahr wurde. „Ach, nein – den ganzen weiten Weg wieder zurück – mach‘ bloß keinen Stress!“, zeterte Frau Nörgel-Zick (ein weiteres meiner schier ungezählten inneren Stimmchen). „Wir hassen Damensauna.“, antwortete das Wilde Weib. „Hassen ist stark übertrieben, aber ich finde schon, dass die Stimmung in einer gemischten Sauna viel lockerer und entspannter ist.“, warf ich ein, und fuhr fort: „Aber jetzt sind wir nun mal hier, und ich habe ehrlich gesagt auch keinen Bock drauf, noch einmal durch die ganze Innenstadt zu fahren. – Mädels, reisst euch am Riemen, wird schon nicht so schlimm werden.“…

… Nach einer halben Stunde Wassergymnastik und freudvollen Schwimmens entledigte ich mich meines Badeanzugs, nahm mein großes Badetuch aus der Tasche und begab mich Richtung Heissräume. Nach einigen Minuten im 45°-Raum ging die schwere, eiserne Schwingtür auf und zwei Damen mittleren Alters traten ein. Die eine hatte eine nachtdunkle Prinz-Eisenherz-Frisur, der ziemlich breite Mund war grell kirschrot geschminkt, die Augen dick mit schwarzem Kajal umrandet. Die Haarpracht der zweiten war höchst kunstvoll aufgetürmt, und machte auf mich den Eindruck, als wäre sie mit mindestens einer Dose Spray oder Lack förmlich aufs Haupt zementiert worden. „Fängt man mit Ganz-Heiss an, oder macht man das umgekehrt?“, fragte die Turmfrisur in die Runde. Von den drei Frauen, die sich in meiner Gesellschaft befunden hatten, antwortete niemand, so lächelte ich freundlich und gab Auskunft: „Man fängt hier an, und arbeitet sich dann temperaturmäßig langsam nach oben.“…

… Ich begab mich Richtung 60°-Raum. Der ist an sich so geräumig, dass eine halbe Kompanie darin Platz finden könnte, doch vier „Grazien“ hatten sich dermaßen raffiniert und lässig auf den hölzernen Bänken lang hingestreckt, dass nicht einmal mehr ein Hungerhaken zwischen ihnen hätte kauern können. Ich nickte kühl einer der „Damen“ zu: „Sie gestatten.“, worauf diese mit einem genervt klingenden Seufzer ihre Beine ein wenig anzog – aber nur ein ganz klein wenig. Zum Glück bin ich ja mittlerweile wieder ziemlich schmal gebaut, so dass ich in der engen Lücke wider Erwarten gut sitzen konnte. Beim Blick in die Runde – um mich abzuregen, denn mein manchmal recht explosives Temperament begann unheilvoll zu brodeln – fiel mir auf, dass meine Nachbarin ursprünglich ziemlich großzügig himmelblauen Lidschatten auf ihren Augendeckeln verteilt hatte. Die Tünche hatte sich allerdings nun mit munter perlendem Schweiß vermengt und in unübersehbaren Spuren den Weg Richtung Wangenknochen angetreten. Das heiterte mich insgeheim sehr auf…

… Der 85°-Raum war zunächst menschenleer. Nach einem kleinen Weilchen stießen Kirschmund und Turmfrisur zu mir. Fasziniert beobachtete ich, wie die hochdrapierte Haarpracht allmählich in sich zusammen sank und Kirschmunds pechschwarzer Kajal in den feinen Kanälen ziemlich vieler Falten zu mäandern begann. „Sieht gruselig aus, gell. Das müssen wir uns unbedingt merken, falls wir in unserem nächsten Leben Maskenbildnerin werden sollten.“, stichelte das Wilde Weib. Ich beschloß, mich abzukühlen…

… Nach einem erfrischenden Bad bis zur Oberkante Unterkiefer im eisigkalten Tauchbecken steuerte ich die kleine Sauna an, denn es war an der Zeit für den stündlichen Aufguß. Als der Bademeister mit Handtuch über der Schulter und dem Holzkübel mit dem aromatisierten Wasser in der Rechten eintrat, blaffte das weibliche Wesen zu meiner Rechten, wobei es streng auf die Uhr sah: „Sie sind zweieinhalb Minuten zu spät!“ Der Bademeister zuckte gelassen mit den Schultern, und erklärte freundlich: „Meine Damen, ich werde Ihnen jetzt einen Bergkräuter-Limetten-Aufguß zubereiten.“ – „Sind die Öle, die Sie verwenden, von Bayer?“, keifte es über meine linke Schulter hinweg. „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.“ – „Wenn Sie sich noch nie die Mühe gemacht haben, sich nach der Herkunft Ihrer Öle zu erkundigen, dann bleibe ich keine Sekunde länger!“ – „Ich arbeite seit sieben Jahren hier, habe inzwischen bestimmt zigtausende Aufgüße gemacht, und lebe immer noch, und das bei blendender Gesundheit.“, konterte der Bademeister unerschütterlich gut gelaunt. Die Keiferin rauschte indigniert von dannen…

… Die restliche Zeit meines Besuchs im Badetempel verlief ohne weitere, hervorzuhebende Vorkommnisse – nur eines sei noch erwähnt: Gegen Ende meines zweiten Schwitzbad-Durchgangs liefen mir Kirschmund und Turmfrisur noch einmal über den Weg, mittlerweile völlig ungeschminkt und untoupiert – und da bin ich schon ein wenig erschrocken. – Als ich wohlig entspannt und duftend in der Trambahn saß, murmelte das Wilde Weib: „Wir sollten uns das ganz groß irgendwo notieren, damit wir es ja nicht mehr vergessen: ‚ACHTUNG! DIENSTAG IST DAMENSAUNA!’“…

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