Die Schwarze Frau (Teil 22)…

Nachdem die Hofärzte sein Herz und seine Eingeweide entnommen und mit feierlichen Prozessionen nach Altötting und Ingolstadt geschickt hatten, fand der große Leichenzug statt, der vom Kaiserhof der Residenz durch die Schwabinger Straße, über den Schrannenplatz und die Neuhauser Straße bis zur St. Michaels Kirche führte, jenem Gotteshaus, dessen Turm bereits Jahre vor der Einweihung in sich zusammen gefallen war. Die Hartschiere, die Leibgarde des Regenten, marschierten vorneweg, der dumpfe, in monotonem Rhythmus geschlagene Klang ihrer Trommeln zerfetzte die Stille, welche über den ungezählten Trauernden lag, die die Straßen säumten, nach ihnen kamen die höchst mysteriösen Guglmänner* (siehe Anmerkung unten), fünfundzwanzig an der Zahl, die bei keiner Beisetzung eines Wittelsbachers fehlen durften, in bodenlange schwarze Gewänder und spitz zulaufende, die Gesichter verbergende Kapuzen gewandet. Der mit schwarzen Tüchern verhüllte Katafalk ruhte auf einer Lafette, die von zehn Rappen gezogen wurde. Zu Fuß folgten die Kurfürstin Maria Anna und die beiden Söhne Ferdinand Maria und Max Philip, danach die Mitglieder des Hofrats, die Männer des Geheimen Rates, geführt vom Obersthofmeister und nunmehr Mitregenden Maximilan Graf Kurtz zu Senftenau, sowie einige auserwählte, hochrangige Mitglieder des Hofstaats. Ich hatte mich in den mit ausrangierten Möbeln vollgepfropften Speicher an der Westseite des Stadtschlosses geschlichen, über der großen Stube, in welcher die Hartschiere, sich aufzuhalten pflegten, um von der schmalen Dachluke aus einen Blick auf die Prozession werfen zu können. Mir schien, als würde trotz der in den Ohren dröhnenden Stille ein lang anhaltendes Seufzen und Stöhnen den Zug begleiten, als läge dieses Seufzen und Stöhnen über der ganzen Stadt.
Auf’s Neue begannen meine Tränen zu fließen. Ich fühlte mich, als wäre das Ende der Welt gekommen…

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Ich schreckte hoch, als eine Kollegin den Aufenthaltsraum betrat, und sah auf das Handy. Mein traumerfüllter Tiefschlaf hatte lediglich eine knappe Viertelstunde gedauert, doch wie beim letzten Mal hatte ich den Eindruck, jene Zeit in der Vergangenheit Tag für Tag, Stunde um Stunde real erlebt zu haben. Ich packte meine Brotzeit-Box und die Wasserflasche in den am Garderobenständer hängenden Rucksack und machte mich in Gedanken verloren auf den Weg zurück zu meinem Abschnitt. Mich plagten zunächst in etwa die gleichen Beschwerden wie nach meiner ersten „Reise in die Vergangenheit“ – Schwindelgefühl, Kopfschmerzen und Orientierungslosigkeit – die ersten Schritte die Treppe hinab ins erste Obergeschoss erforderten viel Kraft und Überwindung…
Ich kam an der sogenannten Reichen Kapelle vorbei, der ehemaligen Privatkapelle Maximilians I. Rechts neben dem Eingang hängt ein großes Gemälde. Es zeigt die Eltern des großen Kurfürsten, Herzog Wilhelm V. und seine Frau Renata von Lothringen, deren Antlitz mich seit meinem ersten Tag in der Residenz immer wieder aufs Neue fasziniert, wie sie als Heilige Familie den Sprößling Maximilian als Jesuskind im Tempel von Jerusalem präsentieren. Der kleine Bub, vielleicht ein halbes Jahr alt, streckt voller Lebenskraft seine Ärmchen nach dem Hohepriester aus, die Augen sprühen vor Energie, es scheint, als habe der Künstler damals schon geahnt, dass dieses Kind eines Tages einer der größten Herrscher Mitteleuropas werden würde.
Im Schwarzen Saal, so wird der Perspektiven-Saal mittlerweile wegen seiner wuchtigen Portale aus ebenholzfarbenem Stuckmarmor genannt, dominieren die Porträts des bayerischen Regenten, sie zeigen ihn als Jüngling und Student der Universität von Ingolstadt, als jungen Mann, im mittleren sowie im sehr hohen Alter. Kaum eine Persönlichkeit hat der Münchner Residenz so sehr seinen Stempel aufgedrückt, ist auch noch etwa dreihunderfünfzig Jahre nach seinem Ableben vor allem in den in seinem Auftrag entstandenen Raumfolgen der Trier- und Steinzimmer, des Kaiser-, Hartschier- und Schwarzen Saals sowie der Reichen Kapelle und der Hofkapelle so ungemein fühlbar, so präsent.
Seitdem ich begonnen hatte, als Museums-Aufsicht zu arbeiten, hatte ich mich viel mit Maximilian I. beschäftigt, ohne ihn als Mensch, als Person richtig erfassen zu können, zu groß, zu widersprüchlich, zu facettenreich erschien er mir. Sein Vater Wilhelm V. hatte ihm Bayern einst als bankrottes Herzogtum hinterlassen. Mit viel Geschick, Intelligenz und Weitblick hatte sein Sohn das Land aus der Krise geführt, nicht ohne jedoch die damals eben aufkeimenden Bürgerrechte wieder sehr empfindlich zu beschneiden und die Landesstände zu entmachten. Er hatte die schaffenden Künste gefördert – außer der Musik – und die Gründung einiger Kunsthandwerksbetriebe von großem Ruhm, so zum Beispiel die Weberei und Wirkerei des Holländers Hans van der Biest. Dessen auch nach vierhundert Jahren immer noch atemberaubend schöne Wandteppiche sowie die Werke des Hofmaler Peter Candid und des Marmormeister Wilhelm Fistulator (Pfeifer) zählen zu den wertvollsten Schätzen des Münchner Stadtschlosses. Gegen Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lebten in München ungefähr 20.000 Menschen – gut ein Viertel davon ist mehr oder weniger direkt für den Hof des Kurfürsten tätig gewesen. Er reformierte und straffte das Polizei- und Gerichtswesen und führte die sogenannte Tiroler Malefiz-Ordnung ein, das heißt, dass kein Angeklagter ohne Geständnis verurteilt werden durfte. Um ein Geständnis zu erreichen, durfte allerdings auch zu den Mitteln der Folter gegriffen werden. Zudem vertrat er anfangs bezüglich der Hexenverfolgung eine recht harte Linie, welche sich im Laufe seiner Regentschaft allerding milderte. Er hatte nicht nur dem Lande einen harten Sparkurs verordnet, sondern auch seiner Familie und dem Hofstaat. Durch geschicktes politisches Taktieren fügte er Bayern die Oberpfalz, sowie die rechtsrheinische Kurpfalz hinzu, und damit die zunächst nur auf seine Person beschränkte, dann als vererblich bestätigte Ernennung zum Kurfürsten. Er führte während des Dreißigjährigen Kriegs die Katholische Liga, welche zusammen mit den kaiserlichen Truppen und der spanischen Armee letztendlich siegreich hervorging, und „re-katholisierte“, mit Unterstützung der Jesuiten, welchen er seit seinen jungen Tagen eng verbunden war, die großenteils protestantische Oberpfalz… Mehr als vierzig Jahre lang blieb ihm der ersehnte Thronfolger versagt – der Druck, der diesbezüglich auf Maximilian I. gelastet haben muss, ist sicherlich gewaltig gewesen. Nicht lange nach dem Ableben der ersten Ehefrau, Elisabeth von Lothringen, heiratete er seine Nichte Maria Anna von Habsburg, mit Genehmigung des Papstes – ich vermutete, dass diese ein hübsches Sümmchen gekostet haben mag. Die Ehe soll trotz des hastigen Arrangements sehr glücklich gewesen sein, und bescherte dem über vierzig Jahre älteren Kurfürsten zwei Söhne, Ferdinand Maria und Max Philip…

* Die sogenannten Guglmänner werden ca. 1150 zum ersten Mal erwähnt, damals untersagte ein päpstliches Gebot die öffentliche Buße, so hüllten sich sehr reuige Sünder in lange schwarze Gewänder und spitz zulaufende, die Gesichter verbergende Kapuzen, welche lediglich einen schmalen Sehschlitz frei ließen. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts war es in Bayern Brauch, fünfundzwanzig Guglmänner dem Sarg eines verstorbenen Fürsten bzw. Kurfürsten oder Königs voran schreiten zu lassen. Die einen Quellen berichten, dass sich mittlerweile aus den ehemaligen Büßern ein Geheimbund gegründet haben soll, die anderen, dass man auf diese Weise ausgewählten Mitgliedern des Hofpersonals, die dem/der Verstorbenen besonders nahe gestanden hatten, die Gelegenheit geben wollte, unerkannt dem Trauerzug beiwohnen zu können.

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Die Schwarze Frau (Teil 21)…

Ich durfte auch nach meiner Genesung in meinem behaglichen und ruhigen Zimmerchen im kleinen Kloster der Schwestern des Annunziaten-Ordens wohnen bleiben. Ich wurde nicht müde, die Heilige Dreifaltigkeit und der Heiligen Jungfrau Maria auf Knien für diese Gnade zu danken. Hier fühlte ich mich weitaus wohler als in der im Sommer entsetzlich stickigen und im Winter eisig kalten und zugigen Dachstube.
Nach der Abreise des Hofstaates waren die Arbeiten in der Näherei beinahe zum Erliegen gekommen. So gab mich Mutter Udalrica unter die Fittiche von Schwester Adelgunde, welcher der kleine, aber ausgesprochen fruchtbare und wohl sortierte Garten unterstand. Und ihr oblag auch die Pflege kranker und gebrechlicher Menschen, die Tag für Tag an die Klosterpforte kamen, und Hilfe erbaten.
Eines Tages pochte es an die wuchtige, mit groben Eisenstreben verstärkte Holztür. Im sommerlichen Frühmorgenglanz stand ein junger Mann, seinen Kameraden umfangend und stützend, der sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Seine Haut hatte eine ungesunde, wächserne Blässe und die Augen lagen tief in den dunklen Höhlen. Er zitterte so sehr, dass seine Zähne aufeinander klapperten – ein unheimliches Geräusch.
„Wir sind Fuhrleute aus Augsburg. Gerade wollten wir wieder unseren Rückweg antreten, da ist der Albert mit einem Male todkrank geworden. Könnt Ihr Euch vielleicht seiner annehmen?“
Schwester Adelgunde hieß den Fuhrknecht, seinen Freund ins Krankenzimmer zu bringen. Als wir ihn behutsam entkleideten, entdeckten wir große, Ekel erregende, dunkle Beulen unter seinen Achseln und in der Leistengegend. Der Nonne wich alle Farbe aus dem Gesicht. „Er hat die Pest!“, flüsterte sie. „Zu niemandem ein Wort, Adelheid, versprich mir das! Ich möchte unter gar keinen Umständen, dass die sogenannten Pestilenz-Ärzte hier ihr Unwesen treiben, am allerwenigsten der Gruber, dieser selbstherrliche Baderchirurg von der Hundskugel! Und du wirst das Kloster für die nächsten vierzehn Tage auf gar keinem Fall verlassen!“
„Was werdet Ihr tun?“
„Da gibt’s momentan leider nicht allzu viel. Versuchen, das Fieber zu senken. Und die Geschwulste immer wieder ganz sanft mit einem Kräuterabsud waschen, damit ich sie in ein paar Tagen mit einer Lanzette aufstechen und die giftigen Flüssigkeiten, die sich darin ansammeln, entfernen kann. Wenn er bis dahin überlebt.“
Wir wachten voll stillem Bangen und unablässig betend an Albert’s Lager. Zwei Tage vergingen, dann griff Schwester Adelgunde nach einem scharfen, zuvor mit reinem Alkohol gesäuberten Messer. Vorsichtig, damit sie sich nicht unter Druck nach innen öffneten, ritzte sie die Beulen an. Eiter, Wasser, schwarzes, geronnenes Blut quollen heraus.
„Nimm ein sauberes Tuch, Adelheid, tränke es im Alkohol, und dann wäschst du damit ganz behutsam die Geschwüre aus.“
In der darauf folgenden Nacht fiel das verzehrende Fieber des Mannes. Er versank in todesähnlichen Schlaf. Als er nach vielen Stunden die Augen aufschlug, war sein Blick klar und wach. Adelgunde tätschelte ihm die Wange und reichte ihm einen dampfenden, tönernen Napf. „Dankt Eurem Schöpfer, dass Ihr noch am Leben seid, Meister Albert. Und nun setzt euch auf und trinkt diese starke Brühe hier.“
Mir waren die Lider schwer vor Müdigkeit und Erschöpfung. Und doch durchströmte mich eine ganz wunderbare Zufriedenheit. Ich hatte geholfen, einem Menschen das Leben zu retten. Die Klosterfrau und ich hatten mithilfe der Heiligen Dreifaltigkeit und aller Heiligen und der Jungfrau Maria über den Tod gesiegt. Ich war mir sicher, dass es auf Erden kein schöneres Gefühl geben würde.

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Da im Laufe des Spätsommers immer mehr Mitglieder des Hofstaates in die Residenz zurück kehrten, nur der engste und vertrauteste Kreis war bei der Familie des Kurfürsten verblieben, nahmen wir die Arbeiten in der Nähstube wieder auf. Es gingen Gerüchte um, dass Maximilian I. sehr schwer erkrankt sei.
Am 28. September des Jahres 1651 brachte ein Depeschenreiter die Nachricht, die sich natürlich sofort wie ein Lauffeuer verbreitete, dass der bayerische Herrscher in den Armen seiner Familie verstorben war. Mir schien, als würde die ganze Welt vor Schmerz und Trauer erstarren. Unser Landesvater, der vierundfünfzig Jahre lang die Geschicke Bayerns gelenkt hatte, war heim gerufen worden.
Ich schlich mich aus der Näherei und durch eine kleine, schmale, leichtsinnigerweise meist unverschlossene Pforte in der östlichen Mauer der Neuveste. Unweit des hoch aufragenden Bollwerks und der schmalen Brücke, die über den tiefen Schlossgraben führte, setzte ich mich im ungefügen Schatten eines der Zeughäuser auf einen großen, blanken Findling und blickte hinab auf den Lehel genannten und von Bächen durchzogenen Auenwald, Zufluchtsstätte jener Armen und Verstoßenen, die in der Stadt nicht geduldet wurden. Ich barg das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Mir war, als hätte ich zum zweiten Mal meinen Vater verloren.
Jakob gesellte sich zu mir. Ich wunderte mich schon lange nicht mehr darüber, dass er mich wohl an jedem Ort aufstöbern konnte. Es schien, als sei er durch ein unsichtbares Band an mich gekoppelt, als habe er einen sechsten Sinn, was mich betraf.
„Ja, ja!“, seufzte er schwer, „Jetzt werden harte Zeiten auf Bayern zukommen. Denn der Prinz ist noch zu jung, um die Macht zu übernehmen, und seine Mutter ist eine Habsburgerin.“ Er sprach den Namen dieses Adelsgeschlechts so verächtlich aus, als handelte es sich um etwas sehr Verwerfliches. „Wirst sehen, die wird Bayern über kurz oder lang an die Österreicher verscherbeln. Und das erste Hindernis, das sie aus dem Weg räumen wird, wird diese Prinzessin von Savoyen sein.“
Ich schrak hoch. „Wieso?“
„Na, weil die Ehe halt bislang nur in prokura geschlossen worden ist, und noch nicht vollzogen wurde. – Aber das ist Politik, davon verstehst du nichts, wie alle anderen dummen Frauenzimmer.“, schloss er von oben herab. Wenn ich nicht so tieftraurig gewesen wäre, dann hätte ich ihm ein schallende Ohrfeige verpasst. So murmelte ich nur müde: „Halt gefälligst den Mund, du hörst dich wieder einmal an wie ein eingebildeter Hofschranze.“
Man bahrte den Kurfürsten im sogenannten Perspektivsaal auf, der seinen Namen von einem erstaunlichen Deckengemälde hat, welches den flachen, und recht niederen Plafond so erscheinen ließ, als wäre er eine hohe, gewölbte Kuppel. Wir durften allesamt an dem Verstorbenen vorbei defilieren, und der in Schwarz gewandeten, trauernden Familie die Referenz erweisen. Ich warf einen Blick auf das eingefallene, abgezehrte, aber gelöst und friedlich wirkende Gesicht Maximilian’s I., und musste gleich wieder jämmerlich weinen. Schwester Udalrica legte sanft ihren Arm um meine Schultern und ich barg aufschluchzend das Gesicht in den üppigen Falten ihres nachtdunklen Gewandes. Es war mir so weh ums Herz. Ich hoffte so inständig, das all das viele Fasten, sein sich quälen und peinigen, die ungezählten inbrünstigen Gebete bei den Himmlischen Mächten den gebührenden Eindruck hinterlassen hatten, und er nun ganz nahe bei der Heiligen Dreifaltigkeit seinen Platz im Paradies gefunden hatte.

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Die Schwarze Frau (Teil 20)…

Herboltz ließ sich an dem großen, in der Mitte des Gemachs stehenden Tisch nieder und winkte mich zu sich. „Komm, setz’ dich, ich werde dich nun für deine Mühen entlohnen.“
Ich wollte auf einem Schemel Platz nehmen, doch er klopfte einladend auf seine Schenkel. „Hierher. Du bist doch noch ein kleines Mädchen, nicht wahr, und hast es gern, von deinem Großvater lieb gehabt zu werden, stimmt’s.“
Mir schwante nichts Gutes, dennoch ließ ich mich zögernd wie geheißen nieder. Herboltz begann, mich zu küssen, auf den Mund, so heftig, wie mich noch nie jemand geküsst hatte, dann schob er seine dicke, schleimige Zunge zwischen meine Lippen. Er fuhr mit der Rechten unter meinen Rock und zwischen meine Beine und fingerte an meiner Scham herum. Sein Atem ging rasch und stoßweise, und wurde bald zum tierhaften Keuchen. Ich war vor Entsetzen wie gelähmt, völlig kraftlos. Mein Herz raste, das Blut brauste betäubend laut in meinen Ohren. Endlich fand ich den Mut und die Kraft, aufzuspringen. Ich raste zur Tür, angelte nach meinem dicken Lodenüberwurf, der dort an einem Haken hing, kleidete mich hastig an und entschwand nach draußen. Inzwischen hatten sich wie ein dunkles Tuch die Dämmerung und dicke, tief hängende Wolken über das Land gelegt, und ein heftiges Schneegestöber eingesetzt. Mir schien der groteske, übermütige Wirbel der eisigen Flocken wie Hohn, und im bitterkalten Sturmwind, der an mir zerrte, vermeinte ich erneut die tastenden Finger des Alten zu fühlen. Die Böen stießen mich hin und her, als wäre ich ihr kraftloses Spielzeug, riss mir den Atem von den verzerrten Lippen, warf mich zu Boden. Keuchend rappelte ich mich wieder auf, kämpfte mich voller Furcht den wuchtigen Leibungen des Sendlinger Tors entgegen. Als ich über die eisig glatte Brücke schlidderte, die den Stadtgraben überspannte, ging die Wachtmannschaft bereits daran, das in seinen Angeln knarzende, hoch aufragende Tor zu schließen.
In der Residenz angelangt verbarg ich mich in unserem Geheimversteck, an allen Gliedern zitternd, und dennoch von Kopf bis zu den Füßen in Schweiß gebadet. Mein Mantel wollte mich nicht recht wärmen, so eisig war mir körperlich und auch innerlich zumute. Ich kauerte mich ganz klein zusammen, und wünschte mir, auf der Stelle sterben zu können. Ich war so verwirrt, unheimliche, sehr böse und verbotene Gedanken wirbelten in meinem Kopf durcheinander. Nie, nie, nie wieder würde ich irgend einem Manne mein Vertrauen schenken! Nie, nie, nie wieder sollte mich irgend ein Mann noch einmal auf diese entehrende Weise berühren! Jakob kam, als es dunkel geworden war, ein Talglicht tragend, unter seinem seidenen Wams hatte er ein weiteres Buch verborgen, das er den Prinzen und ihrem gestrengen Erzieher hatte stiebitzen können. Nach einer halben Stunde gab er jedoch seine Bemühungen entnervt auf. „Es hat keinen Sinn, dich unterrichten zu wollen, wenn du dich nicht konzentrieren kannst, und so wenig bei der Sache bist! Was ist denn los mit dir?“ Ich wandte das Gesicht ab und zuckte die Schultern. „Ich bin nur sehr müde.“, murmelte ich. Die Wahrheit durfte ich ihm niemals erzählen, denn ich wusste, Jakob würde nicht eine Sekunde zögern, um dem alten Maler den Garaus zu machen.
Bleich und abgehärmt, mit lähmenden Glieder- und Kopfschmerzen, abwechselnd von Fieberschauern und Schüttelfrost gebeutelt, und so matt, dass ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte, erschien ich am nächsten Morgen in der Nähstube. Mutter Udalrica musterte mich forschend, einen tröstlichen Augenblick lang ließ sie ihre gütige Hand auf meinem Scheitel ruhen und legte sie dann auf meine Stirn. „Geh, und leg’ dich nieder, mein Kind. Es ist nicht gut, zu arbeiten, wenn du krank bist. Du hast Fieber, wie mir scheint. – Ich werde gleich nach dir sehen, und dir einen feinen Kräutertee und eine warme Decke bringen.“
Trotz der Fürsorge meiner Lehrmeisterin erkrankte ich binnen kurzem sehr schwer. Ich verbrachte Wochen im Delirium. An diese Zeit fehlt mir so gut wie jede Erinnerung. Mutter Udalrica hatte mich zu sich in ihr kleines Kloster schaffen lassen, dort hatte ich eine winzige, aber saubere und stille Kammer ganz für mich alleine. Die anderen Nonnen hatten mich bald lieb gewonnen, und verwöhnten mich auf höchst angenehme Weise. Doch es war bereits das Frühjahr angebrochen, bis ich das Krankenlager endlich auf wackeligen Beinen verlassen durfte.
Als ich meinen Platz in der Näherei wieder einnehmen konnte, zuckte ich jedes Mal vor Schreck zusammen, wenn die Türe zum angrenzenden Apothekerhof geöffnet wurde. Mutter Udalrica gesellte sich zu mir und legte mir wie ein Flügelschlag so leicht die Hand auf die Schulter. „Du hast sehr oft laut gesprochen und geschrien, und um dich geschlagen, als du gefiebert hast. Ich weiß, was dir widerfahren ist. Du brauchst dich nicht zu sorgen, mein Kind. Meister Herboltz ist bei Hofe in Ungnade gefallen, es ging um eine erkleckliche Anzahl gefälschter und überhöhter Rechnungen, deren Zahlung er vom Kurfürsten verlangt hatte. Er musste das Land verlassen. Eine sehr feine und gerechte Fügung, nicht wahr?“
Ich nickte und senkte den Kopf über meine Näherei. Die Tränen brannten hinter meinen Augen. Für das, was dieser Mensch mir angetan hat, gibt es keine gerechte Fügung, wollte ich rufen. Doch ich blieb stumm.
In einem kleinen Dörfchen namens Mammendorf, etwa fünfeinhalb bayerische Meilen von München entfernt, war die Pest ausgebrochen. Kaum war der Frühling mit viel Wärme und Sonnenschein ins Land gezogen, forderte der Schwarze Tod das Leben von mehr als zwei Dritteln der Bewohner. Die ganze Stadt war halb verrückt vor Angst und Sorge, dass die grauenvolle Seuche wieder einmal innerhalb ihrer ansonsten so festen und schützenden Mauern wüten würde. Der greise Kurfürst, seine Gemahlin, die beiden Prinzen und der Hofstaat machten sich auf die Reise nach Ingolstadt, offiziell um Ferdinand Maria und seinen jüngeren Bruder Maximilian Philip mit der dortigen Universität vertraut zu machen.

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Die Schwarze Frau (Teil 19)…

Mir wurden die Knie weich, ich musste mich gegen die weiß gekalkte Wand lehnen. Was für ein Tag! Haben mir die Dreifaltigkeit, die Jungfrau Maria und alle Himmlischen Mächte doch die Gnade erwiesen, zuerst die Kurfürstin Witwe und dann den Prinzen Ferdinand Maria höchstpersönlich kennen zu lernen und gar wunderbar mit ihnen parlieren zu dürfen. Das musste ich unbedingt Jakob erzählen! Ich nestelte das feine Kettchen mit Mutter’s Medaillon des Heiligen St. Christophorus vom Hals, das ich stetig trug, seitdem ich das elterliche Haus in Wasserburg verlassen hatte, und fügte zärtlich und ehrfurchtsvoll den zierlichen Stern Ferdinand’s hinzu.
Jakob machte allerdings, als wir uns des Abends in unserem neuen Geheimversteck im Dachboden der Neuveste trafen, einen ausgesprochen trübseligen Eindruck. Außerdem war seine Wange wieder angeschwollen. Er kommentierte nur gelegentlich mit einem unwirschen Brummen und Knurren, und wirkte überaus abwesend, was mich sehr erboste. „Du hörst mir überhaupt nicht zu!“
„Tut mir leid, Adelheid, ich hab’ schon wieder so entsetzliches Zahnweh!“
„Mach den Mund auf.“
Ich hob das kleine Talglicht auf, welches am Boden stand, und starrte mit zusammen gekniffenen Augen, um besser sehen zu können, in Jakob’s Rachen. Und schlug mir entsetzt mit der Hand auf die Wange. „Oh, nein! Oh, nein!“
„Was ist? Was siehst du?“
„Da ist etwas in deinem Zahn, das sieht aus wie ein kleiner, weißer Wurm! *(Siehe Anmerkung unten) – Soll ich versuchen, ihn ‘rauszuholen?“ Mir ekelte ganz fürchterlich, aber um meinem Bruder zu helfen, würde ich mich schon überwinden. Doch Jakob schlug mein tapferes Angebot aus, obwohl auch ihm Abscheu und Furcht deutlich ins Gesicht geschrieben standen. „Untersteh’ dich! Ich geh’ noch einmal zum Bader.“
Mir schlug das Herz bis zum Halse, als wir zum zweiten Mal die Behandlungsstube betraten, doch diesmal schien der schöne, doch recht unheimliche Hüne durch mich hindurch zu sehen, als wäre ich aus Glas. Mir war das ganz recht so. Er betrachtete den faulen Zahn. „Tja, Ihr habt Euch da einen Zahnwurm eingefangen, werter Herr. Und das heisst, der faule Beißer muss ‘raus, und zwar so schnell als möglich, bevor sich der Wurm fortpflanzt, und Euer ganzes Gebiss befällt, und vielleicht sogar in Eure Blutbahn und die inneren Organe gerät.“
Jakob stierte zu ihm hoch und nickte. Er hatte zwar jegliche Gesichtsfärbung verloren und wirkte so bleich wie die Wand hinter ihm, und mit den Händen umklammerte er die Armlehnen des Behandlungsstuhls so fest, dass die Fingerknöchel weißlich hervor traten, doch er wirkte sehr gefasst. Der Bader griff nach einer langen Zange, setzte sie an, ruckte und zog und zerrte, dann knirschte es deutlich hörbar, und er beförderte ein ein blutigen, schwärzlichen Backenzahn zutage. „Da ist er ja, der Übeltäter.“, knurrte der Mann, mit seinen hoffentlich sauberen Fingern drückte und presste er den wunden Gaumen. „Keine Splitter – sehr gut!“ Aus einer bauchigen, schmutziggrünen Flasche schenkte er ein kleines Gläschen einer dunkelroten Flüssigkeit ein und reichte es meinem Bruder. „Trinkt das – es ist ein feuriger Roter mit etwas Bilsenkraut versetzt, das wird Euch heute die schlimmsten Schmerzen nehmen.“
Als wir die Hundskugel verließen, schwand endlich meine bange Anspannung. Ich besah meine Handflächen, aus lauter Mitgefühl und Mitleiden hatte ich die Fingernägel so sehr ins Fleisch gegraben, dass kleine, blutige Halbmonde zu sehen waren.

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An einem gleißend sonnigen, doch bitterlich kalten Wintertag nicht lange nach der Entfernung von Jakobs wurmbefallenen Zahn wurde ich von Mutter Udalrica angewiesen, mich ins Anwesen des Malers und Bildhauers Ludwig Herboltz zu begeben. Die Kurfürstin hätte es arrangiert und angeordnet, dass ich dem Künstler Modell für eine Madonna, das Bildnis einer Heiligen oder eines Engels stehen solle. In der Nähstube war man sichtlich beeindruckt davon, und auch mein ansonsten mit meinem Werdegang so kritische Bruder kam nicht umhin, zumindest ein klein wenig Bewunderung und Zufriedenheit zu zeigen.
Meister Herboltz wohnte etwas außerhalb der Stadt, nahe des Isarufers. Auf dem Weg dorthin durchschritt ich das Sendlinger Tor, nicht ohne mit Gruseln der Geschichte vom Fingertürmchen zu gedenken: In München hatte es vor einigen Jahrhundten einen sehr gierigen und verschlagenen Stadtrat gegeben, der mit einem Raubritter paktierte – er wolle ihm des Nachts das westliche Tor öffnen, damit er mit seinen mordlüsternen und marodierenden Mannen in die Stadt einfallen und diese plündern könne. Natürlich hatte sich der Stadtrat für seine Schandtat einen kräftigen Anteil an der zu erwartenden Beute zusichern lassen. Dumm war nur, dass man ihm beizeiten auf die Schliche gekommen war. Als Strafe wurde er bei lebendigem Leibe in das winzig kleine Fingertürmchen eingemauert. Als man vor einigen Jahren diese bei der Errichtung der neuen, starken Befestigung einriss, die uns vor den Schweden schützen sollte, fand man die mumifizierte, zusammengekrümmte Leiche des elendiglichen Verräters. Sein Gesicht soll vor Qualen und Leid furchtbar entstellt und verzerrt gewesen sein. Man erzählte sich auch, dass dieser Stadtrat heute noch als Gespenst umgehen soll. Schnell griff ich in meiner Rocktasche nach dem kleinen Fläschchen Graberde, nahm eine Prise und zerrieb sie geschwind ein Vaterunser betend zwischen meinen Fingern…
Meister Herboltz war ein kleiner, schon recht alter Mann mit gekrümmtem Rücken, einem glänzenden, haarlosen Schädel und leicht vorstehenden, durchdringend blickenden, hellgrauen Augen. Er befahl mir schroff und wortkarg, auf einem Schemel, der auf einer kleinen Bühne stand, Platz zu nehmen, und mich einmal nach links, einmal nach rechts zu wenden, den Kopf zu heben oder zu senken, die Hände im Schoß ruhen zu lassen, anschließend wieder wie zum Gebet gefaltet in Brusthöhe zu halten. Dann musste ich die Haube abnehmen und mein Haar öffnen. Ich liebte es, wenn die hellbraune, dichte, leicht gewellte Flut sich schwer über meinen Rücken ergoss. Ein wenig eitel war ich nämlich schon auch. Der Künstler zeichnete inzwischen Skizze um Skizze. In dem großen, hohen und hellen Raum waren keine anderen Geräusche zu vernehmen als das Knacken, Knistern und Prasseln der Buchenholzscheite in dem wuchtigen Kamin, das sanfte, leise Kratzen der Kohlestifte und das Rascheln von Papier. Als das Tageslicht schwand, und es in dem großen, kühlen Raum zu dunkel wurde, um noch weiter zu arbeiten, war der Boden mit einer Unzahl großer – und teurer! – Blätter bedeckt.

*Das Bilsenkraut, welches der Bader Adelheid’s Bruder in den Zahn gestopft hatte, hatte zu keimen begonnen. Dergleichen hatte sich damals häufig ereignet. Einen faulen Zahn mit Bilsenkrautsamen zu füllen ist bei Badern durchaus gebräuchlich gewesen, konnte man dadurch beim Patienten dank zweier Besuche doppelt kassieren.

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Die Schwarze Frau (Teil 18)…

Ich rappelte mich hoch und tastete mich ehrfurchtsvoll Schrittchen für Schrittchen in das Schlafgemach. Maria Anna, hochgewachsen, mit stolzer Kopfhaltung, dunklen Haaren und einem aparten, wenn auch streng geschnittenem Gesicht, saß im langen, fein gewobenen Hemd auf der Kante ihres Bettes, das in einem mit kostbaren, vergoldeten Schnitzereien verzierten Alkoven stand. Vor ihr war ein kleiner, feingliedriger Waschtisch aufgestellt, meine liebe Dame Anna verharrte mit gebeugten Rücken daneben und tupfte behutsam mit einem feuchten Tuch über das markante Antlitz der Kurfürstin.
„Wehe, wenn Ihr das Tuch zu nass macht! Die Körperpflege mit Wasser ist höchst ungesund, es führt zu viele Verunreinigungen mit sich, die dann durch die Haut eindringen und die Organe vergiften und schwächen. – Was muss dieses Weibsbild von Kammerzofe sich auch so arg den Magen verderben, dass ich heute auf ihre Dienste verzichten muss! Und warum hat sie vergessen, rechtzeitig Weingeist zu besorgen, so dass Ihr nun Wasser verwenden müsst. – Zum Glück habt Ihr Euch voller Herzensgüte darein gefunden, diese niederen Arbeiten zu verrichten, liebste Frau von Wrede.“
Wieder sank ich in einen ehrerbietigen Hofknicks. Die dunklen Augen von Maximilian’s I. Gemahlin musterten mich aufmerksam und neugierig.
„Wer bist du?“
„Adelheid von Gründing, Eure Hoheit, ich arbeite in der Nähstube von Mutter Udalrica.“
„Steh auf, mein Kind.“
Meine Freundin Anna nahm mir den Stapel feinsten Leinens ab, um ihn sorgfältig in eine mit edlen Perlmutt-Intarsien verzierten Kommode zu schlichten. Die Kurfürstin winkte mir zu. „Komm ein Stückchen näher.“
Zaghaft, und stets die Augen sittsam niedergeschlagen trat ich ein klein wenig auf das Bett zu. „Sieh mich an.“ Ich hob den Kopf, mein Blick begegnete dem klugen, forschenden Maria Anna’s. „Du hast ein sehr hübsches Gesicht, und diese großen, schimmernden, bernsteinfarbenen Augen dazu. – Die Kleine würde ein wundervolles Modell für eine Madonnenfigur abgeben, findet Ihr nicht auch, Dame Anna?“
Meine Freundin nickte hold lächelnd. Die Fürstin beugte sich über das kleine Tischchen mit hell marmorierter Platte, welches neben dem Kopfteil des Bettes stand, und auf dem all jene bunten, rätselhaften, edlen Dinge verstreut lagen, die eine Edeldame untertags in den Taschen ihrer Röcke mit sich führt. Sie griff nach einem Gulden und drückte ihn mir in die Hand. „Hier, mein Kind. Und nun geh’ und bleibe weiterhin so brav und wohlgeraten.“
Übermütig hüpfte und tanzte ich den engen, düsteren Korridor entlang, der mich vom Gemach der Kurfürstin an den Räumen ihres Gemahls und dem St. Georgs-Saal entlang zur Nähstube im Erdgeschoss der Neuveste führen würde. Ein Gulden! Ein ganzer, niegelnagelneuer Gulden! Mehr als die Entlohnung eines Monats! Heute war wohl mein Glückstag! Ich überlegte fieberhaft, was ich mir von diesem unerwarteten Geldsegen alles kaufen würde.
Mit einem Male schien mir jedoch das Blut in den Adern zu gefrieren, ich vernahm im Halbdunkel ein schnelles, rhythmisches Keuchen und Geräusche, die von sehr hastigen, heftigen Sprüngen herrühren mochten, von krallenbewehrten Tatzen, welche die Marmorfliesen des Flurs peitschten. Da bog es auch schon um die nächste Ecke, ein wahres Höllenvieh, der Satan höchstpersönlich! Ich schrie entsetzt auf, bevor dieses Wesen mit voller Wucht gegen mich prallte, und mich zu Boden riss. Ein riesiger, pechschwarzer, langhaariger Jagdhund saß auf meiner Brust, mit weit geöffnetem Maul hechelnd, ich sah die weißen Hauer in seinem Rachen blitzen, und sein stinkender Brodem benahm mir fast die Luft zum Atmen.
„Fang! Bei allen Heiligen! Was hast du denn jetzt wieder angerichtet!“
Ein Jüngling kam den Gang entlang geeilt, er scheuchte den Hund zur Seite, versetzte ihm mit der ledernen Leine, die er bei sich trug, ein paar Hiebe, dann beugte er sich herab, um mir beim Aufstehen behilflich zu sein.
„Ich bitte um Entschuldigung, Fang ist noch ziemlich jung und ungezogen, wie entsetzlich, dass Ihr Euch so erschreckt habt.“
Ich ordnete meine Röcke, strich die Schürze glatt und holte tief Luft. Wohl war ich beim Sturz mit dem Hinterkopf auf den Steinboden geprallt, aber außer einer Beule, die mit schmerzhaftem Pochen unter meinem Häubchen rasch anschwoll, hatte ich mir keine Verletzungen zugezogen. Der sehr fein gewandete Junge, er mochte so um die dreizehn, vierzehn Lenze zählen, musterte mich besorgt. Dann atmete er erleichtert auf. „Was bin ich froh, dass Ihr wohlauf seid! Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ausgerechnet an diesem Tag ein Unglück geschehen wäre! Wie heißt Ihr?“
„Adelheid von Gründing.“
Er lachte strahlend auf und rief: „Adelheid! Wie meine Braut in der Ferne! Was für ein Zufall! Denn morgen, am Sonntag, den vierten Dezember, werde ich mit der wunderschönen Prinzessin von Savoyen, Henriette Adelaide, vermählt. Der getreue Obersthofmeister Graf Kurz zu Senftenau wird mich bei der Zeremonie vertreten. In Prokura heiraten, nennt man so etwas.“
Er nestelte aus einem kleinen Seitentäschchen seines vorzüglich geschnittenen und genähten Rocks eine in Gold gefasste Miniatur, und zeigte sie mir voller Stolz. „Das ist meine Gemahlin! Ist sie nicht bezaubernd?“
Ich hielt das Medaillon dicht vor mein Gesicht und erkannte ein ebenmäßig geschnittenes Antlitz von blütengleicher, reiner Schönheit, mit großen, dunklen, leicht angeschrägten Augen, und sorgfältig ondulierten, braunen, dichten Locken. Ich lächelte dem Unbekannten zu. „Das ist eine wunderschöne Dame, Herr.“
„Ja, nicht wahr!“ Mit einem strahlenden Lächeln schob er das Bildnis wieder zurück, und zog daraufhin einen kleinen, filigran geformten, gelblich-weißen Stern hervor.
„Das ist mein jüngstes Werk. Ich lerne nämlich das Bearbeiten und Schnitzen von Elfenbein.“ Er nahm meine Rechte und legte das Schmuckstück hinein. „Hier – für Euch – als kleine Entschuldigung dafür, dass mein Fang Euch gar so erschreckt und zu Fall gebracht hat.“
Gedämpft erscholl der Ruf einer hellen Knabenstimme: „Ferdinand! Wo bleibst du denn! Es ist Zeit für den Lateinunterricht, du weißt doch, wie ungnädig Freiherr zu Wolff-Metternich wird, wenn wir zu spät kommen!“                                              „Mein jüngerer Bruder Maximilian – und er hat völlig recht mit dem, was er sagt. – Gründing, habt Ihr gesagt?“                    Ich nickte.                                                                                                                                                                                  „Euer Bruder übt sein Amt als Page sehr gewissenhaft aus, ich bin sicher, er wird hier am Hofe noch von sich reden machen. Und Ihr auch.“ Der Jüngling verbeugte sich formvollendet, nahm seinen Hund, der sich inzwischen damit vergnügt hatte, seiner eigenen Schwanzspitze nachzujagen, am Halsband, und entschwand in Richtung der Prinzenzimmer.

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Die Schwarze Frau (Teil 17)…

Sehr zögerlich betraten wir die Stube des Baders, nachdem wir eine geraume Weile in einer Art Vorzimmer hatten warten müssen. In dem recht großen Raum standen mehrere Waschzuber, ein wuchtiger Stuhl mit sehr hoher Lehne, sowie ein kleiner Hocker davor. Die Wände waren mit beinahe deckenhohen Regalen verkleidet, auf welchensich ungezählte lange und kleine, schmale und bauchige Phiolen, ein unübersichtliches Sammelsurium von Flaschen und viele Behältnisse aus dickem Porzellan befanden. Neben dem Stuhl sah ich so etwas wie eine Werkbank, auf der allerlei Zangen, Sägen, Beile, Scheren, Pinzetten, Lanzetten und kleinste Messer angeordnet waren. Unsicher, beklommen und bang um uns blickend verharrten wir in der Mitte des Zimmers.
Endlich tat sich eine rückwärtige Tür auf, und der Bader trat mit lautlosen Schritten ein, seine großen, aber wohlgeformten Hände an einer nicht eben sauberen Lederschürze abwischend. Ich war recht erstaunt, denn diesen Menschen hatte ich mir völlig anders vorgestellt, klein, untersetzt, glatzköpfig, mit rotem Gesicht und blutunterlaufenen Augen. Doch die Person, die sich uns schnell näherte, war der schönste Mann, den ich bislang zu Gesicht bekommen hatte, von feinstem Ebenmaß waren die Züge seines Antlitzes, der dichte, hellbraune Schopf fiel in feinen Locken fast bis auf den Kragen seines weitärmligen Hemdes. Er bewegte sich mit der Anmut und Geschmeidigkeit eines Tänzers. Ich fühlte mich an die bronzene, ausgewogene Gestalt des Perseus erinnert, jener Brunnen-Statue, welche sich im Zentrum des abgeschiedenen, lauschigen Grottenhofs der Residenz befindet. Die Stimme des Baders jedoch wollte so gar nicht zu seinem wohlfeilen Aussehen passen. „Wo fehlt’s!“, bellte er rau und fasste mich stirnrunzelnd ins Auge. Mein Bruder schob mich etwas unsanft zur Seite und deutete auf seine geschwollene Wange. „Ich habe Zahnweh, seit einigen Tagen schon…“
„Setzen!“, polterte der Meister schroff und wies auf den Behandlungsstuhl. Dann nahm er einen winzigen Spiegel zur Hand, der am Ende eines schmalen, etwa fingerlangen Griffs befestigt war. „Mach”s Maul auf!“ Jakob tat, wie ihm geheißen. Der Bader fuhrwerkte ein Weilchen in dem weit geöffneten Mund herum, dann stand er auf, griff nach einem winzigen Schälchen, trat an ein Regal, und entnahm einer der Dosen ein paar dunkle Krümel, die er mit bloßen Fingern zu einem sehr kleinen Kügelchen formte. Anschließend stopfte er diese mithilfe eines leicht gekrümmten, zierlichen Haken sehr unsanft in den fauligen Zahn.
„Bilsenkrautsamen, das wird dir die Schmerzen nehmen und den Zahn heilen.“ Als es ans Bezahlen ging, fiel sein Blick auf mich. Mit einer unwirschen Kopfbewegung schnauzte er mich an: „Was glotzt’n so!“ Ich bewegte die Lippen, wollte etwas Freundliches von mir geben, brachte vor lauter Schreck aber keinen Ton heraus.
„Hexen haben solche Augen wie du! Pass nur ja auf, dass du dich immer ruhig und unauffällig und gottesfürchtig verhältst! Nicht dass du eines Tages als Hex’ gefoltert wirst und auf dem Scheiterhaufen landest!“ Er riss mir das weiße Häubchen vom Kopf und ließ die Linke durch mein gelöstes Haar gleiten. „Seidig weich und dicht, das würde beim Perückenmacher ein feines Geld bringen.“ Er näherte sein Gesicht, bis seine bohrenden Augen meine Wangen schier ins Glühen brachten. „Ich muss die Weiber nämlich säubern und scheren, bevor sie zur Hinrichtung gebracht werden!“
Ich schluchzte leise vor mich hin, als wir den Heimweg zurück zur Residenz antraten. Jakob legte seinen Arm um meine Schultern. „Nicht, nicht, Adelheid! Lass dir von dem Kerl doch keine Angst machen! Sch, sch, komm schon, hör auf zu weinen. Wir werden dem ehrenwerten Herr Bader mit Sicherheit keinen Besuch mehr abstatten müssen… Wenn du jetzt mit dem Heulen aufhörst, dann kauf’ ich dir auf dem Schrannenplatz eine Zuckerstange, und heute Nachmittag werde ich mit dir noch ein Stünderl lernen. Ich hab’ dem Prinzen ein Büchlein stibitzt, wenn du willst, dann lesen wir beide darin.“ Mir fiel auf, dass mein Bruder immer fröhlicher wurde, seine Schritte waren beschwingt, als wolle er tanzen, und in seinen Augen lag ein Glanz, als hätte er zu tief in den Bierkrug geschaut, und wäre nun völlig berauscht. „Was macht dein Zahn?“, fragte ich scheu. Jakob strahlte mich voller Zufriedenheit und Wohlbehagen an. „Die Schmerzen sind weg! – Ach, ist das schön! Ich fühle mich so wundervoll!“

-.-

Einige Tage später schickte mich Mutter Udalrica mit einem Stapel feinster, hohlgesäumter Leinentücher in die Gemächer der Kurfürstin. Ich pochte an die massive, zweiflügelige Eingangstür und wartete ein Weilchen. Nachdem mir niemand öffnete, trat ich keck ein. Die Zimmer von Maximilian’s I. Gemahlin waren streng und schlicht eingerichtet, ohne jeglichen Prunk und verspieltem Zierrat. Maria Anna von Österreich war die zweite Gemahlin des Herrschers. Seine erste Frau, Elisabeth von Lothringen, war nach über vierzig Jahren Ehe verstorben, die Beschließerin, Frau von Elsenstein, die sehr spitz- und scharfzüngig sein konnte, und der lothringischen Prinzessin zutiefst ergeben gewesen war, behauptete sehr gerne hinter vorgehaltener Hand, dass die vielen Kuren, das häufige, lang anhaltende Fasten und die ungezählten Exorzismen, welche die Dame wegen ihrer Kinderlosigkeit zu erdulden hatte müssen, sie letztendlich ins Grab gebracht hatten. Die jetzige Kurfürstin, Maria Anna, war siebenunddreißig Jahre jünger als der bayerische Herrscher.
Ich schritt weiter, durch die zwei Vorzimmer und das geräumige Audienzzimmer. Noch immer war niemand zu sehen. Ich wunderte mich, normalerweise hätten einige der Hofdamen bereits anwesend sein müssen, obwohl es noch früh am Morgen war. Die Tür zum Schlafzimmer der Herrscherin stand weit offen, und ich konnte zwei weibliche Stimmen vernehmen, die eine klar und gebieterisch, die andere sanft und behutsam die Worte formulierend, und mir wohlbekannt.
„Wer ist da?“, ließ sich laut und gebieterisch die Kurfürstin vernehmen. Ich versank in eine tiefe Referenz, obwohl sich nach wie vor kein Mensch blicken ließ. „Ich bin’s, Eure Hoheit, ich bringe Euch neue Leintücher.“
„Wer ist ‘ich bin’s’? Komm näher!”

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Die Schwarze Frau (Teil 16)…

„Du darfst niemandem davon erzählen, dass ich dich unterrichte! Schließlich bist du eine Frau von geringem Stande, solche Weibsbilder haben in der Regel nur wenig Verstand, da ist eigentlich ein jeglicher Versuch, so jemanden etwas Bildung beibringen zu wollen, ohnehin zum Scheitern verurteilt. Ich weiß auch nicht, warum ich diese Plackerei überhaupt auf mich nehme.“
Was Jakob da dermaßen gestelzt über die Frauen sagte, wurmte mich insgeheim sehr, doch ich hielt den Mund und dachte mir meinen Teil, war ich doch zu begierig darauf, die Geheimnisse jener siebenundzwanzig Buchstaben begreifen zu dürfen.
Eines Tages, während ich voller Konzentration und mit zwischen die Zähne geklemmter Zunge dabei war, mit einem fingernagelkleinen Stückchen Kreide eine möglichst makellose Reihe „d“ auf eine von Sprüngen durchzogene Schiefertafel zu malen, hörten wir von unten ein sehr fremdartiges, regelmäßiges Geräusch durch die kunstvoll verglaste Laterne des vor Prunk überbordenden Andachtsraumes dringen, es glich dem Klatschen einer Peitsche. Ganz, ganz vorsichtig und leise schoben wir uns nach vorne und spähten durch die schmalen Buntglasfenster hinab, und erblickten den greisen Herrscher, wie er sich mit strähnigem Haar, zerzaustem Knebelbart den entblößten Rücken geißelte. Der Schweiß rann ihm in Strömen über den faltigen, abgezehrten Oberkörper. Leise stöhnend und murmelnd betete er eine für uns unverständliche Litanei, immer und immer wieder, es klang wie ein zunehmend inbrünstiger werdendes Flehen. Sein leicht nach oben, dem schwarzen Kruzifix mit dem silbernen Heiland auf dem ebenhölzernen Altar zugewandtes Gesicht trug einen völlig geistesabwesenden Ausdruck, so, als wäre der Kurfürst schon nicht mehr in dieser Welt. Jakob und ich hatten das unangenehme Gefühl, sehr törichte Zeugen einer intimen, geheimnisvollen Handlung geworden zu sein, voll der Scham zogen wir uns zurück und schlichen vorsichtig und auf Zehenspitzen die dunkle, enge Wendeltreppe hinunter, bis wir in einen stillen Nebenraum der Hofkapellen-Sakristei gelangt waren. Dort öffneten wir die schmale Pforte, welche auf den Kapellenhof führte und sahen uns still in die Augen. „Zu niemandem jemals ein Wort!“, beschworen wir uns gleichzeitig, bevor unsere Wege sich trennten, mein Bruder hastete zurück in die Gemächer des Prinzen, und ich tastete mich verstohlen in das schützende Halbdunkel des Schlafsaals. Ich hatte nun einen viel besseren Liegeplatz als bei meiner Ankunft vor etwa vier Jahren, so etwas wie eine kleine, traute Nische in einer der vier Ecken des Dachgeschoss, ein wuchtiger Stützbalken schirmte mein Lager ein wenig ab. Außerdem wusste ich inzwischen, wie man sich mit ein wenig Schmeicheln und Bestechen frisches und sauberes Stroh ergattern konnte, die Zahl der krabbelnden und zwickenden Mitbewohner meiner Schlafstatt hielt sich nun in erträglichen Grenzen. Ich warf mich auf die Knie, griff nach meinem Rosenkranz und betete inniglich für das Seelenheil unseres Kurfürsten, und dass ihn die Himmlischen Heerscharen von seiner großen Qual und Pein erlösen mögen, bis mir die Lider schwer wurden.
Einige Tage später stellte sich Jakob mit dick geschwollener linker Backe bei mir ein. Er litt unter entsetzlichen Zahnschmerzen, hatte vom Prinzen Dispens bekommen, und bat mich darum, ihn zum Bader in der sogenannten Hundskugel in der Hotterstraße, dem Münchner Bäderhaus, zu begleiten. Wir traten durch das Portal am westlichen Ende des Kapellenhofs hinaus auf die Schwabinger Gasse. Rechts, nicht weit von uns entfernt, ragte das Schwabinger Tor auf, der nördliche Einlass in die Stadt. Die aus wuchtigen, eisenbeschlagenen Torflügel standen sperrangelweit auf, doch der Strom der Händler, Bauern und Besucher tröpfelte eher spärlich dahin. München und das bayerische Land litten nach wie vor unter den Folgen des grausamen Krieges, an der Belagerung und den Verwüstungen und Plünderungen des vermaledeiten Schwedenpacks. – Ich musterte die hoch aufragende Befestigungsanlage versonnen. Durch dieses Tor war ich vor vier Jahren gekommen. Vermisste ich Wasserburg? Ich konnte es nicht sagen. Jene Zeiten, da ich mich heimwehkrank in den Schlaf geweint hatte, waren lange schon vorbei. Nun war hier, in der Residenz, mein Zuhause, und ich konnte es mir kaum vorstellen, jemals wieder in die Heimat zurück zu kehren. Mutter hatte wieder geheiratet, was nicht anders zu erwarten gewesen war, einen langjährigen Geschäftspartner meines Vaters, ein stiller, umgänglicher Mann, wie sie Jakob hatte schreiben lassen, ein kluger und umsichtiger Kopf, der nun zusammen mit unserem ältesten Bruder den Tuchhandel führte. Trotz der lobenden Worte und liebevollen Beschreibung verspürte ich nicht den geringsten Wunsch, meinen Stiefvater kennen zu lernen.
Es war Anfang Dezember, und in der Nacht war ein wenig Schnee gefallen, der als schmutziger, von den Rädern ungezählter Fuhrwerke zerwühlter Matsch in den Gassen lag. So kamen wir nur schwer voran, und es dauerte eine geraume Weile, ehe wir die Hundskugel erreicht hatten, das renommierteste Münchner Baderhaus. Es lag nahe jener Kreuzung, deren vier davon abgehende Straßen vier verschiedene Namen trugen, um die Dämonen, Geister, die Wilde Jagd und Wiedergänger so zu verwirren, dass sie nicht in die Stadt eindringen konnten. Denn nur wenig entfernt lag die Allerheiligenkirche zum Kreuz, umgeben von jenem Gottesacker, in welchem die Pestkranken begraben worden waren. Schauerliche Dinge erzählte man sich darüber, dass bei manchen Leichen, die man nach einigen Tagen wieder ausgraben musste, um Platz für neue Opfer der furchtbaren Plage zu schaffen, sich an den Mündern die Leichentücher aufgelöst hatten oder blutige Flecken trugen, und dass den Toten die Haare und die Fingernägel gewachsen waren. Einige von ihnen sollen immer noch als Vampire und Wiedergänger – Untote – rund um den Friedhof ihr Unwesen treiben. Schützen konnte man sich vor solch unheiligen Wesen, indem man eine Prise Erde, die man von einem frisch aufgeschütteten Grab genommen hatte, langsam zwischen den Fingern verrieb, oder, falls man längere Zeit auf einem Fleck verharren musste, indem man einen Kreis aus kostbarem Salz um sich herum ausstreute, dessen Ränder eineinhalb Armlängen von einem entfernt zu sein hatten…

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Die Schwarze Frau (Teil 15)…

Als ich so vor mich hin sinnierte, entdeckte ich einen dunklen Schatten, nicht größer als der eines Kindes an der Stuckmarmor-Umrahmung jenes Portals zum Weißen Saal, einem kleineren und schlicht gehaltenen Zwischenraum, welcher die Trierzimmer vom Kaisersaal trennt. Weit und breit war keine Menschenseele zu erspähen. „Hallo, Adelheid.“, murmelte ich, und fühlte mein Herz vor erwartungsvoller Spannung ein wenig schneller schlagen. Doch der Schatten schwand und nichts tat sich.
Meine Mittagspause war diesmal sehr spät, und die Zeit bis dahin zog sich zäh und schier endlos in die Länge. Endlich im Aufenthaltsraum angelangt verspeiste ich mein Schinkenbrot mit einem wahren Heißhunger, und das schien mir nicht so recht zu bekommen, denn kurz nach dem Essen überfiel mich eine unerträgliche Müdigkeit. Im kleinen Umkleidezimmer nebenan befand sich eine grün gepolsterte Liege, ich stellte meinen Handy-Wecker, schleppte mich die paar Schritte hinüber und streckte mich lang. Kaum hatte mein Haupt den Kopfteil berührt, war ich auch schon tief und fest eingeschlafen…

-.-

Ich zählte nun etwa zehn Jahre, war zart und feingliedrig gewachsen, und ziemlich in die Höhe geschossen, viel zu groß, um noch als Bürstenläuferin von Nutzen zu sein, da mein Gewicht die Bürsten unter meinen Schuhen flach drückte. Ich hatte es damals als eingeschüchterte und höchst beeindruckte Sechsjährige ernst mit meinem Versprechen gemeint, mir den gottesfürchtigen und gläubigen Kurfürsten zum Vorbild zu nehmen. Seit einer Weile betete ich viel, und mit Inbrunst, und war voller Fügsamkeit, sogar die schroffe und oft höchst ungnädige Hausdame Gräfin von Elsenstein war – hin und wieder – sehr angetan von mir. Meine Wandlung zur braven Adelheid hatte sich allerdings nicht ganz ohne Ungemach vollzogen.
Es hatte nicht sehr lange gedauert, und ich hatte unter den vielen Kindern, die gleich mir in der Residenz arbeiteten, außer der weisen Dame Anna, die jedoch nun zur Hofdame von Maria Anna, der zweiten Frau des Kurfürsten, ernannt worden war, und nur mehr selten meine Wege kreuzte, Freunde gefunden – die schwarzhaarige, verschmitzte Lisa, die quirlige Marianne, den heiteren Thomas, und den langen Hannes, der ein rechter Teufel sein konnte, weil ihm häufig der schlimmste Schabernack in den Sinn zu kommen pflegte. Wir hatten uns so manches Mal seinetwegen die Ohren langziehen und den Hintern versohlen lassen müssen, weil wir uns ohne nachzudenken an seinen durchaus derben Streichen beteiligt hatten.
Eines lauen Frühsommermorgens hatten wir mit viel Geschrei und Eifer und lautem Gelächter eine mit Rosshaar ausgestopfte Saublase, die der Hannes von seinem Vater, einem Metzger, geschenkt bekommen hatte, durch den langgezogenen, schmalen Kapellenhof getrieben, und dabei überhaupt nicht bedacht, dass in der Hofkapelle grade ein sehr feierliches Hochamt in Beisein des Kurfürsten und seiner Familie statt fand.
Diesmal kamen wir nicht mit ein paar Schlägen davon. Man versah uns mit Putzzeug, Schaufeln und Eimern und wies uns an, einen der Aborte zu reinigen, eines jener kleinen Zimmer, welche in Nähe der großen Festsäle lagen, und in denen die geladenen Gäste und der Hofstaat ihre Notdurft zu verrichten pflegten. Auf den blanken Boden. Am Abend zuvor hatte man für Anverwandte der Kurfürstin einen Empfang gegeben, an die zweihundert Gäste waren zugegen gewesen.
Als der lange Hannes zögernd und mit einem verkniffenen Gesicht die schmale, schmucklose Türe öffnete, schlug uns ein furchtbarer, stinkender Brodem entgegen. Die zahllosen Kotballen, Urin und Erbrochenes waren zu einer ungemein Ekel erregenden Jauche vermengt, Wolken schillernder Schmeißfliegen tanzten und krabbelten darauf, sirrten und brummten darüber hinweg. Mir wurde schwindlig und ich begann zu würgen, und in hohem Bogen sprudelte mein Mageninhalt aus mir heraus. Ich sah, dass es meinen Freunden nicht anders erging. Die grauenvolle, bräunliche Masse sog sich an den Sohlen meiner neuen Schuhe fest – Mutter hatte mir vor wenigen Wochen erst das Geld schicken lassen, damit ich sie mir hatte anmessen und schustern lassen können. Ich barg das Gesicht in den Händen und begann, jämmerlich zu schluchzen. Und dem Himmelvater ganz hoch und heilig zu versprechen, von nun an wirklich brav und gehorsam und still zu sein, wenn er mich dies überleben ließ.
Dies war der schrecklichste Tag meines Lebens gewesen, irgendwie noch viel schlimmer als jener, an dem mein Vater gestorben war, jede Einzelheit hatte sich in mein kleines Herz auf ewig hinein gebrannt. So wurde ich zur frommen und bescheidenen und sehr folgsamen Adelheid. Frau von Elsenstein schickte mich in die Nähstube des Hofes, als ich acht Jahre alt wurde. Ich hatte zwar die letzte Zeit über nicht mehr unter ihrer Arroganz und ihren Anfeindungen leiden müssen, war aber dennoch froh, ihrem gestrengen Kommando entkommen zu können.
Von da an gestaltete sich mein Leben einfacher, denn die Nähstube wurde von einer herzensguten, klugen und liebevollen Nonne geleitet. Mir schien, als wäre ich im Paradies gelandet. Ich lernte unter Schwester Udalrica’s sanfter und kundiger Anleitung, wie man mit kleinsten und hauchfeinen Stiche die schönsten Hohl- und Lochsäume zustande bringt, auch wie man Seide und schweren Brokat zuschneidet und verarbeitet, wie man flickt und stickt. Nachdem ich mich als recht gelehrig und eifrig erwiesen hatte, durfte ich sogar ab und an bei der Fertigung der riesigen Wirkteppiche in der hiesigen Manufaktur mithelfen, die kleinen Lücken zwischen den einzelnen Fäden schließen, und die Motive mit vergoldetem Garn verzieren.
Mein Bruder war inzwischen zu einem der Pagen des dreizehnjährigen Prinzen Ferdinand Maria avanciert, und dies muss ihm wohl ordentlich zu Kopfe gestiegen sein, denn er gerierte sich bisweilen so affektiert und arrogant wie ein dummer Hofschranze. Doch ich verzieh ihm, denn durch ihn erfuhr ich immer die neuesten Klatsch- und Tratschgeschichten und Neuigkeiten am Hofe. Zudem versuchte er voller Begeisterung, mir das Lesen und Schreiben beizubringen, er beherrschte beides seit etlichen Jahren schon, da er bei den Lektionen, die dem zukünftigen Kurfürsten erteilt wurden, oft dabei sein durfte. Wir trafen uns regelmäßig in einem gar feinen Versteck, jenem kleinen, abgeschiedenen Raum über der gewölbten Decke der kleinen Privatkapelle des Kurfürsten. Man sprach davon, dass für das Ausmalen dieser Kuppel an die acht Pfund zerstoßener Lapislazuli verwendet worden war, allein ein Fingerhut davon würde mehr wert sein als man als schlichte Dienstbotin in Laufe eines harten Arbeitslebens jemals verdienen würde. Ich wusste nicht, was Lapislazuli überhaupt war, aber dass es so enorm teuer war, flößte mir große Ehrfurcht ein.

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Die Schwarze Frau (Teil 14)…

Am Heilig Abend, den ich, wie die Jahre zuvor schon, still und allein verbrachte, rief mich Ellen an, und als ich ihre wohlklingende Stimme vernahm, schwor ich mir wohl zum hundertsten Male, mich öfter bei ihr zu melden, und nicht nur dann, wenn ich dringend Rat und Hilfe benötigte. Wir plauderten eine kleine Weile eher oberflächlich miteinander und tauschten Neuigkeiten aus. Als eine kleine Schweigepause entstand, fasste ich mir ein Herz und erzählte ihr von der zweiten Begegnung mit dem ominösen Schlossgeist und meinem eigenartigen Traum kurz darauf. „Schon seltsam, welche Streiche das Gehirn und die Psyche uns manchmal spielen können, nicht wahr.“, schloss ich meine Ausführung
Ellen schnappte hörbar nach Luft. „Das ist ja ungeheuer beeindruckend! Göttin! Ich wollte, ich wäre an deiner Stelle! Du bist eine Gesegnete! Eine Auserwählte!“
„Danke schön,“, erwiderte ich voll beißendem Sarkasmus, „hast du nicht richtig zugehört? Diese G’schicht hätte mich ums Haar meinen Job gekostet! Und mein Kopf liegt sozusagen immer noch auf dem Richtblock.“
„Da brauchst du nun wirklich keine Angst haben, dass man dich entlassen wird. Nach allem, was du mir erzählt hast, liebst du deine Aufgabe wirklich sehr, und deshalb wirst du auch die Kastellane in kürzester Zeit wieder davon überzeugt haben, dass du ein aufrechter, kluger und gewissenhafter Mensch bist.“
Mir wurde etwas mulmig zumute, wie immer, wenn ich gelobt werde. Ellen fuhr fort: „Diese Schwarze Frau hat dich sozusagen auserkoren, Zeugin ihrer Geschichte zu werden. Phantastisch! Umwerfend! Sensationell! Du musst diesen Traum, dieses Erlebnis nieder schreiben, Wort für Wort, und ja nichts auslassen! – Oh, ich kenne einen der Redakteure von ‘Tattva Viveka’ ein wenig, vielleicht lässt sich eine Artikelserie daraus machen.“
„Was ist ‘Tattva Viveka’?“
„DIE Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und Spirituelle Kultur.“
Prost Mahlzeit, dachte ich im Stillen, das hat mir gerade noch gefehlt…
„Du kennst dich doch mit diesen übersinnlichen Dingen recht gut aus, Ellen. Kannst du mir einen Tipp geben, wie ich ‘meinen’ Geist dazu bewegen kann, seine Lebensbeichte so abzulegen, dass ich in Zukunft nicht mehr am Arbeitsplatz in einen höchst unwillkommenen Dornröschen-Schlaf versinke?“
„Ich bin sicher, dass die Schwarze Frau um deine Bedenken weiß. Pass auf, schon kurz nachdem du wieder in die Residenz zurück gekehrt bist, wird sie sich auf’s Neue bei dir melden.“
Ich wusste nicht, was ich mir wünschen sollte – dass der Geist mich ein für alle Mal in Ruhe ließ, oder ich weiter auf eine höchst ungewöhnliche Weise an seinem längst vergangenen Schicksal teilhaben durfte.
Während meines recht bunten Lebens hatte ich schon oft feststellen dürfen, dass es eine erkleckliche Anzahl Mitmenschen gibt, die zu horrenden Übertreibungen neigen. Aufgrund etlicher Vorwarnungen rechnete ich mit dem Schlimmsten, als ich am ersten Weihnachtsfeiertag zum sogenannten Appell in der hohen, lichterfüllten Rotunde erschien, doch zu meiner großen Erleichterung entpuppte sich das Arbeitsklima im Museum für Moderne Kunst als bei weitem nicht so furchtbar, wie ich es mir ausgemalt hatte. Es gab eine kleine Schar an Zeitgenossen, wie überall üblich, denen man wohl besser aus dem Weg gehen sollte, und die sich erfolgreich bei der Verteilung der Intelligenz gedrückt hatten, ansonsten wurde ich sehr freundlich behandelt. Ein Kollege allerdings fiel mir sehr negativ auf, ein kleinwüchsiger Glatzkopf mit dicker Hornbrille und italienischem Akzent, schon bald begann ich, seinen arroganten Zynismus zu verabscheuen. Als Kollegen im benachbarten Abschnitt hatte man mir einen jungen, sehr geschwätzigen Burschen zugeteilt, von ihm erfuhr ich, dass jener Herr namens Giovanni „in einem früheren Leben“ Missionar gewesen sein soll, und die muslimischen Kollegen viel Spott und Hohn für ihn übrig hätten, da er auf eine sehr unangenehme und hartnäckige Weise bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchen würde, sie zum Christentum zu bekehren.
Der fünfundzwanzigste Dezember fiel auf einen Mittwoch. Dieser Wochentag ist seit einer geraumen Weile schon der Sponsoren-Tag eines sehr großen Versicherungskonzerns, der großzügig von morgens früh bis abends spät sämtliche Eintrittspreise übernimmt. Erster Weihnachtsfeiertag, und dann auch noch gratis ins Museum – das war für die Münchner/innen ein solcher Anreiz, dass nach Dienstschluss ein neuer Besucherrekord verzeichnet werden konnte.
Unter den fast siebentausend „Kulturbegeisterten“ befand sich auch eine erkleckliche Anzahl jener Mitmenschen, die wahrscheinlich noch nie ein Museum von innen gesehen hatten. Für mich und meine Kollegen/innen war es enorm schwer, trotz der wild durcheinander strudelnden, sich drängenden und stoßenden Massen den Überblick zu behalten und konzentriert darauf zu achten, dass sich kein Malheur ereignete.
Leider, leider kam es im Laufe des Nachmittags doch zu einem sehr unangenehmen Zwischenfall. Unweit des Aufzugs stand im ersten Obergeschoss das wuchtige Ungetüm einer aus Bronze gefertigten Badewanne, ein „Kunstobjekt“ von Joseph Beuys. Eine junge Frau, ihren nur wenige Monate alten Säugling im Arm haltend, ließ sich auf den etwa zehn Zentimeter breiten, grob gewellten Rand nieder, ihr sonnigstes Lächeln aufsetzend, denn ihr Gemahl sollte sie fotografieren. Dummerweise bewegte sie sich recht ungestüm und riss dabei das gute Stück aus der Verankerung. Just in diesem Moment bog der Dienstleiter um die Ecke und wurde Zeuge des Vorfalls. Das junge Pärchen wurde unverzüglich vom Sicherheitsdienst abgeführt, man erteilte den Beiden lebenslanges Hausverbot, der für diesen Abschnitt zuständige Kollege wurde ebenfalls des Hauses verwiesen, weil er seine Aufsichtspflicht grob vernachlässigt hatte.
Meinen ersten Dienst in der Residenz hatte ich nach der Weihnachtszeit in jener Raumflucht im Ostflügel am sogenannten Kaiserhof, die man heute als Trierzimmer bezeichnet, da im achtzehnten Jahrhundert ein guter Freund des damaligen Kurfürsten, der Bischof von Trier, mehrmals darin logiert hatte. Ich schritt die Luftbefeuchter ab und kontrollierte den Wasserstand, und den korrekten Sitz der Lichtblenden an den hohen Fenstern, dann nahm ich auf einem Schemel Platz. Es würde wohl noch ein Weilchen dauern, bis sich die ersten Besucher/innen blicken lassen würden, jede Minute, die man im Sitzen verbringen konnte, war Goldes wert. Ich blickte mich wohlig aufseufzend um. Seitdem ich dieses – hm! – übernatürliche Traum-Erlebnis gehabt hatte, nahm ich die Residenz völlig anders war als zuvor. Ich hatte ja mit Adelheid’s Augen erfassen dürfen, wie das Münchner Stadtschloss im siebzehnten Jahrhundert ausgesehen hatte. Manchmal, so wie eben jetzt auch, schoben sich diese Bilder und Eindrücke über das, was ich wahr nahm. Und dann wurde mir das Herz schwer, denn trotz des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg – eine schier übermenschliche Anstrengung – und sorgfältigster Restaurierungen – jene Pracht, jener Glanz, die zu Maximilans I. Zeiten hier geherrscht hatten, waren auf ewig dahin. Zudem fiel es mir manchmal ziemlich schwer, mich nicht einzumischen, wenn Führer/innen vom kurfürstlichen Hof Mitte des siebzehnten Jahrhunderts erzählten, und die historischen Tatsachen nicht korrekt wiedergaben. Einmal schilderte ich in den sogenannten Steinzimmern einem Gast eines der während der verheerenden Bombenangriffe im Frühjahr 1944 zerstörten Decken-Mittelbilder – „Der Mensch als Beherrscher der Welt“ – des einstmaligen holländischen Hofmalers Peter Candid so leidenschaftlich und detailgetreu, dass der gute Mann mich mit großen Augen anstarrte und meinte: „Himmel, Sie haben aber eine ausgesprochen blühende Phantasie, Sie sollten sich mal als Schriftstellerin versuchen.”…

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Die Schwarze Frau (Teil 13)…

Ich steuerte den nächsten Schemel an und ließ mich mit weichen Knien nieder. Ach, was war ich doch für ein selten dummer Mensch! Da hatte mir das Universum, der Unermessliche Weltengeist, oder was auch immer, eine so wundervolle Chance gegeben, mein Leben in eine neue Bahn zu lenken, ich war auf dem besten Wege, so zufrieden, ausgeglichen und auch glücklich zu sein wie selten zuvor – und dann beging ich eine solch ausgemachte Eselei. Verdammt, verdammt, verdammt! Ich fühlte ein seltsames Brennen hinter meinen Augen, und eine schwere Last, die mir den Brustkorb zusammen presste, und da kamen sie auch schon, die dicken Tränen des Kummers, der Enttäuschung und des hemmungslosen Selbstmitleids. Vor lauter Ach und Weh entging mir, dass eine Handvoll Besucher meinen abgeschiedenen Bereich betreten hatten. Ein Glück, dass Frau Herdeus nicht mehr anwesend war, sonst hätte ich vielleicht schon an diesem Tage den Rausschmiss entgegen nehmen müssen!
Als ich ein paar Stunden später, die Päpstlichen Zimmer durchmaß, um dem Theatinergang und der Treppe Richtung Umkleideraum zuzustreben, schien mir, als würden mir die herrlichen, seelenvollen, klugen Augen der Prinzessin aus Savoyen voller Mitgefühl folgen. Ich wagte kaum, zu ihrem Portrait aufzublicken, sondern hastete wie ein geprügelter Hund weiter.
Kaum nach Hause gekommen ging ich ins Internet, um die Mail mit dem Dienstplan der kommenden Weihnachtswoche aufzurufen. Mir stockte schier das Herz, als ich las, dass man mich fünfmal in das Museum für Moderne Kunst eingeteilt hatte. Oh, nein! Bestimmt hatte sich die Kastellanin doch anders besonnen, und in der Firmenzentrale angerufen, um sich über mich zu beschweren! Ich sah auf die Uhr, noch war der Chef-Disponent im Büro zu erreichen, dann griff ich nach dem Telefon.
„Ach, Herr Kruse, ich bin untröstlich! Darf ich denn nicht mehr in der Residenz arbeiten?“
„Nein! Auf keinem Fall! – Nicht nervös werden, Frau Ihles, das ist nur ein kleiner Scherz gewesen, ich bin manchmal ein sehr boshafter Mensch. – Natürlich dürfen Sie wieder in die Residenz, doch nächste Woche brauchen wir dringend Verstärkung im MMK, dort gibt es über die Feiertage einen argen Personal-Engpass. Im neuen Jahr sind Sie wieder in Ihrem geliebten Schloss – versprochen!“
Ich war beruhigt, und dennoch blieb ein unguter Nachgeschmack. Das Museum für Moderne Kunst war unter den meisten Kollegen/innen des überaus schlechten Betriebsklimas wegen sehr verrufen. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was mich dort erwarten würde.
Es gab zum Glück während der folgenden Tage wenig Gelegenheit für trübe Gedanken, Grübeleien und Selbstzerfleischungen. Vormittag für Vormittag wurden zahlreiche und endlos scheinende Schülergruppen durch die Residenz getrieben – bisweilen blanker Horror für jede Museums-Aufsicht, die ihre Pflichten auch nur halbwegs ernst nimmt. Ich hatte schnell heraus gefunden, dass sich geführte Schulklassen in der Regel in drei Segmente aufteilen lassen: Im ersten befinden sich die Lehrkräfte, sowie die jungen Menschen, die ein ernsthaftes Interesse haben oder sich mit den Autoritäten gut stellen wollen, im zweiten trotten all jene mit, die zwar nicht sonderlich wissbegierig sind, aber keinesfalls unangenehm auffallen wollen, im dritten sind die Rebellen, die Widerspenstigen, Vorlauten, Frechen, Aufmüpfigen, Angeber und Klassenclowns zu finden – und dieses Segment muss man mit Argusaugen observieren! Denn das sind die unliebsamen Zeitgenossen, welche versuchen, ausgelutschte Kaugummis unter die Sitzflächen graziler Rokoko-Sesselchen zu kleben, mit den Fingernägeln die Vergoldungen der üppigen Schnitzereien an den Portalen und Türstöcken abzukratzen, Silberfäden aus den Wandbespannungen aus purpurrotem Genoveser Samt zu ziehen, Popel in den Falten der satt gefütterten dunkelblauen Portieren zu deponieren, die das Fenster des Musikzimmers der Prinzessin Charlotte zieren und an den mit scharf geschaltenen Alarm-Sensoren gesicherten geöffneten Türen zu zerren und zu rütteln. Gleiches gilt übrigens auch für “unfreiwillige” Erwachsenen-Führungen, anlässlich von Betriebsausflügen zum Beispiel. Und wenn diese Leutchen auf dem Hinweg bereits eifrig mit alkoholischen Getränken “vorgeglüht” haben, dann toppen sie, was Disziplinlosigkeit anbelangt, jede auch noch so ungezogene Bande Halbwüchsiger.
Nach solchen Tagen weiß man, was man getan hat, und dass der Job als Museums-Aufsicht mitunter nicht im Geringsten langweilig ist. Eigentlich hatte ich am Sonntag vor Weihnachten geplant, so schnell als möglich nach Hause zu fahren, zu essen und dann mit einem guten Buch ins Bett zu verschwinden, doch meine sympathische russische Kollegin Vera, Frau Cordes, sprach mich an, als ich mich soeben in meinen Anorak mühte: „Martha, die Heidrun, der Abdul und ich machen noch einen kleinen Abstecher auf den Weihnachtsmarkt im Kaiserhof, einen Eierpunsch trinken, und wir würden uns sehr freuen, wenn du mitkommen würdest.“
Ich zögerte unentschlossen. Meine innere Stimme schimpfte ganz ordentlich mit mir: Erst bedrückt und stört es dich, dass niemand mit dir spricht, und alle dich zu ignorieren scheinen, und wenn sich die Gelegenheit zum freundschaftlichen Kontakt bietet, dann ist dir das auch wieder nicht recht, du bist auf dem besten Wege, ein ständig mäkelndes, launenhaftes, altes Weib zu werden! Das traf den Nagel so sehr auf den Kopf, dass ich auf der Stelle einwilligte, mit zu gehen.
Es wurde ein recht lustiger Abend, denn natürlich blieb es nicht bei einem einzigen Eierpunsch. Im Gegenteil, wir waren die letzten am Stand. Auf dem Weg zur U-Bahn hielt Vera unvermittelt an, kramte ein wenig in ihrer voluminösen Handtasche herum, und brachte dann ein kleines, in eine Plastiktüte eingewickeltes Päckchen zum Vorschein, welches sie mir mit Verschwörermiene reichte. „Das hat mir der manchmal etwas seltsame Kollege von der Schlösserverwaltung, der Lennox, zum Lesen gegeben. Ich weiß, dass du dieses Buch auch sehr gerne studieren würdest, so habe ich’s dir heute mitgebracht, ich bin sicher, dass der Lennox nichts dagegen haben wird.“
Zuhause angelangt wickelte ich das Buch aus und sog vor Entzücken scharf die Luft ein. Es war Roswitha von Bary’s Biografie „Henriette Adelaide von Savoyen“. Endlich! Ich hatte eine geraume Weile versucht, mir dieses Werk in der nahen Stadtbücherei auszuleihen, es schien permanent vergriffen zu sein, und es war zu teuer, um es in meiner derzeitigen finanziellen Lage käuflich erstehen zu können. Seit meinen ersten Tagen in der Residenz hatte ich mich nebst ungezählten Artikeln im Internet durch Benno Hubensteiner’s „Bayerische Geschichte“, Martha Schad’s „Bayerische Königinnen“, Franz Herre’s „Ludwig II. – Wahrheit und Legende“, sowie „Die Residenz zu München – Entstehung, Zerstörung, Wiederaufbau“ geschmökert, und mich dürstete unablässig nach mehr. Manchmal kam ich mir vor wie der kleine, durch einen Blitzschlag fehlprogrammierte Roboter Nummer Fünf aus der entzückenden amerikanischen Filmkomödie „Nummer Fünf lebt!“: „Input! Mehr Input!”…

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