Die Schwarze Frau (Teil 33)…

In einem der kleineren Kabinetts vernahm ich höchst sonderbare Geräusche. Es nahm sich wie ein mehrstimmiges Keuchen und Stöhnen aus, beinahe im Gleichklang mit dem Quietschen eines anscheinend rhythmisch gestoßenen Möbelstücks. Ich machte den Hals lang und entdeckte ein ineinander verschlungenes Wirrwarr von nackten Armen und Beinen, inmitten einer wüst zerzausten, pechschwarzen Mähne das gerötete Antlitz der Hofkämmerers-Gattin Lisa von Heydern, und darüber den scharf modellierten Kopf eines der Sänften-Träger der Kurprinzessin. Ganz, ganz leise zog ich mich zurück, die Beiden ihrem innigen Tete-a-tete überlassend. Ich wusste natürlich, was da vor sich ging, wenn man an einem großen Hofe lebt, wird man sehr bald schon mit den sogenannten Tatsachen des Lebens konfrontiert, auch wenn die gestrenge Kurfürstin-Witwe und der Obersthofmeister noch so sehr darauf achteten, dass Sitte und Anstand gewahrt wurden, und es zu keinem sündhaften Gebaren kam. Mir war auch klar, dass ich mich auch eines nicht mehr allzu fernen Tages in den Armen eines Mannes wieder finden würde. Vor fast zwei Jahren noch hatte mich diese Vorstellung zu Tode erschreckt, doch ich hatte das grausige Erlebnis mit dem Maler Herboltz zum Glück gut verwunden. Ich wünschte mir nun bereits sehnlich, eines nicht mehr allzu fernen Tages einem guten, gottesfürchtigen und braven Mann zugeführt zu werden, und mit ihm eine Schar Kinder in die Welt zu setzen.
Ich spazierte lautlos auf Zehenspitzen retour und hastete die im Dunkeln liegende Treppe am Ende des ehemaligen Gehörnganges hinab. Als ich in den Flur Richtung Hofküche einbog, packte mich unvermittelt jemand hart am Arm und riss mich grob in eine finstere Nische. Ein etwas schmerbäuchiger Mann, dessen Atem ungut nach viel Bier roch, umarmte mich roh und versuchte ungeschickt, mit seiner Zunge meinen Mund zu öffnen. Ich zappelte und wand mich, und versuchte, mich zu wehren, doch er hielt mich so umklammert, dass ich nicht schlagen konnte.
„Mein Weib, das Flittchen, gebärdet sich wieder einmal wie eine läufige Katze, nun will ich’s der Schlampe endlich mal so richtig heimzahlen!“, zischte er keuchend, und mir wurde klar, mit wem ich es gerade zu tun hatte.
„Herr von Heydern! Lasst mich bitte los!“
„Den Teufel werd’ ich tun!“
Er rückte ein wenig von mir ab, es fühlte sich so an, als wolle er sich den Hosenstall aufknöpfen. Ich holte mit dem rechten Bein aus und rammte mit voller Wucht das Knie in denselben. Der Hofkämmerer ließ augenblicklich laut aufheulend von mir ab, sich mit den Händen in den Schoß greifend sank er zu Boden. Ich rannte so schnell ich konnte davon, und hielt erst im Vorraum der Hofküche wieder inne. Ein noch recht junger Hartschier, den ich vorher noch nie gesehen hatte, stand auf und kam lächelnd auf mich zu.
„Ihr müsst die Adelheid von Gründing sein, Euer Bruder Jakob hat Euch sehr genau beschrieben.“
Ich starrte den Kerl fragend an.
„Ich bin der Vitus, Vitus Eichenstein, und der Jakob hat mich gebeten, hier auf Euch zu warten, und Euch das hier zu überreichen. Er lässt Euch grüßen, und ausrichten, dass Ihr’s Euch schmecken lassen sollt. Er hat leider nicht auf Euch warten können, sondern den Kurprinzen wieder ins Schloss Neudeck begleiten müssen.“
Er bedeutete mir, ich solle ihm folgen, trat auf eine Anrichte zu, und enthüllte aus einem Packen groben Spültuchs einen Zinnteller, auf dem eine liebevoll angerichtete Auswahl der feinsten Leckereien des Schauessens gehäuft war. Beim Anblick der Speisen meldete sich mit einem geradezu schmerzhaften Knurren mein Magen wieder. Und vor Rührung, Aufregung, Erschöpfung, was auch immer, zog sich mein Herz zusammen, die Tränen schossen mir in die Augen, ich musste laut aufschluchzen.
„Na, na, na. Nicht weinen, schöne Maid.“
Er stellte den Teller beiseite, und nahm mich äußerst behutsam in seine langen Arme, mit einem sehr sauberen und sorgsam geplätteten Tüchlein, welches er aus dem Wams seiner Uniform zog, die Zähren weg tupfend, die mir über die Wangen kullerten. Irgendwie fühlte sich das so tröstlich an, dass nach ein paar trockenen Schluchzern der Tränenstrom versiegte. Ich griff nach dem Teller, und dem in einer Kugel Reisbrei steckenden Löffel, ließ mich auf die Türschwelle nieder, und begann, voller Heißhunger zu essen. Vitus nahm neben mir Platz, verschränkte die Arme und sah mir gutmütig schmunzelnd zu. Ich musterte ihn von unten herauf. Er mochte vielleicht fünf, sechs Jahre älter sein als ich, hatte feine, goldblonde Locken, die ihm ungebärdig in die hohe Stirn fielen, und große, etwas schmale, tiefgraue Augen, die unablässig ein klein wenig blitzten und funkelten, als ob sich darin ein winziger Funken Sonnenlicht verbergen würde. Wenn die Nase nicht einen Deut zu lang, und das Kinn nicht ein bisschen zu groß geraten gewesen wären, dann hätte man diesen Leibgardisten als einen ausnehmend schönen Mann bezeichnen können.
Nach einer Weile schien mein Magen schier zu bersten, und mich ergriff eine solch bleierne Müdigkeit, dass ich Mühe hatte, das Geschirr auf dem Schoß zu balancieren und den Löffel zu halten. Vitus nahm mir beides ab, trug es in die Spülküche und half mir auf die Beine.
„Ihr habt bestimmt einen schweren und langen Tag hinter Euch. Ich bringe Euch jetzt zu Eurem Quartier, wenn Ihr erlaubt.“
Ich war ungemein froh für seine starken, stützenden Arme, als er mich langsam durch den nachtdunklen Hof bis zur Türe des Frauenschlafsaaals in der Neuveste führte und bedankte mich artig. In der Finsternis fühlte ich noch für einen Moment sein längliches Gesicht über mir schweben, dann wandte er sich um und schritt gemessen die hölzerne Wendeltreppe hinab.
„Gute Nacht, schöne Jungfer, schlaft gut.“

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Die Schwarze Frau (Teil 32)…

Kurtz von Senftenau nahm wieder Platz. Im Grottenhof begann ein kleines Orchester höchst melodische Tafelmusik zu intonieren, sanft perlten die Töne durch die geöffnete Tür in den Saal. Nun begann das Defilee der Kammerdiener und Pagen, sie setzten Platte um Platte, Schüssel um Schüssel mit den feinsten Delikatessen vor den Dinierenden ab: prall gewölbte Laiber Weißbrot, Karaffen vorzüglichsten Weines, junge, dicke Bohnen, in Milch gekocht, gesottene Fische, darunter ein ganzer Karpfen, den man portioniert und dann wieder sorgfältig zusammengesetzt hatte, und rosig gegarte Krebse, Aal- und Fleischpasteten mit knuspriger, glänzender Teigkruste, Schaffleisch mit geschmorten Zwiebeln, ein ganzes Spanferkel, deren Schwarte honigbraun schimmerte, ein Fasan, mit hauchzartem, gedünsteten Rettich und Dörrpflaumen umlegt, an dessen Bürzel man zur Zierde die Schwanzfedern wieder angebracht hatte, Spieße mit dunkelgoldenen Kapaunen, Stockfische mit Öl und Rosinen, eine gebratene Gans mit roten Rüben, Hirsegemüse, gesottene Gurken, Wannen randvoll mit unter Verwendung von Mandelmilch zubereitetem Reisbrei, Salat mit Eiern, Gallerte und Mandeln, Bleiglas-Saucieren voll der aromatischen, dunklen, eingedickten Bratensäfte, Etageren mit Kuchen, Früchten und Torten.
Das östliche Portal wurde geöffnet, und in langsamen, gemessenen Schritten nahten sich die zweitausend Geladenen, von den Gardisten dirigiert. Wie magisch wurden ihre Blicke zunächst vom Ebenmaß des halbrunden Tonnengewölbes weit über ihren Köpfen angezogen. Es wirkte wuchtig, und doch gleichsam leicht, schwebend. In der Deckenmitte prangten die farbenprächtigen Versinnbildlichungen der menschlichen Tugenden, eingebettet in verspielte Groteskenmalerei, umrankt von den Darstellungen von gut hundertzwanzig bayerischen Städten und Ortschaften. Auf den Gesimsen, welche den Saal umfingen, und in den lang gezogenen Fensterlaibungen stand eine Auswahl jener antiken Statuen, die Albrecht V. Dereinst gesammelt hatte.
Zäh wälzten sich die Menschenmassen vorüber, die Hälse reckten sich voller Neugier, um ja jedes kleinste Detail in sich aufzunehmen, obwohl es lediglich den Hochgewachsenen möglich war, über die steinerne Brüstung zu lugen. Ich sah, wie sich viertausend Ohren angestrengt spitzten, um ja hören zu können, was die erlauchten Hochwohlgeborenen während des Mahls denn so sprachen. Dabei gab es meinem Empfinden nach nichts Langweiligeres, Oberflächlicheres und auch Unehrlicheres als diese Konversation. Eigentlich machte man sich die ganze Zeit über immerfort artig Komplimente. Auch Henriette Adelaide, die voll des Lobs über das Essen war, obwohl sie die kleinen Häppchen, welche sie sich von den bedienenden Pagen (darunter mein Bruder Jakob, der beständig albern grinste wie ein Honigkuchenpferd) auf ihren Teller hatte laden lassen, mehr hin und her schob denn wirklich zum Munde führte. Da waren mir die derben Mahlzeiten im Gesindesaal weitaus lieber, auch wenn die Gerichte vergleichsweise karg waren, da ging es wenigstens ehrlich zur Sache, es wurde geschimpft, gespottet und über die edlen Herr- und Damenschaften gelästert, was das Zeug hielt, es wurden Gerüchte verbreitet – und manchmal auch über dem unwuchtigen, billigen Napf aus Zinn erst erfunden – da wurde ab und an auch gestritten, und so manch ein scharf geschliffener Hirschfänger hatte vom Küchenmeister schon in Verwahrung genommen werden müssen.
Zäh zog sich die Zeit, und mir begannen nicht nur die Füße zu schmerzen, auch mein Magen, der seit einer Schale Gerstenbrei und einem Becher Wasser am frühen Morgen arg darben musste, begann sich zu regen. Jedes Mal, wenn meine Blicke die immer noch gut gefüllten Platten und Schüsseln streiften, lief mir das Wasser schmerzlich im Munde zusammen, und mein Gekröse begann, sich rumpelnd zu verkrampfen. Das Mitleid mit den geladenen Münchnern, und vor allem mit jenen plumpen, biederen Gören, die Dorothee und mich voller Neid musterten – sie waren wohl der Meinung, solch ein Amt am kurfürstlichen Hofe sei das reinste Zuckerschlecken – hatte sich lange schon in Missgunst verwandelt. Die hatten’s gut! Die konnten schnurstracks nach Hause gehen, und dort nach Herzenslust essen, während ich nicht die geringste Ahnung hatte, wann man mich meiner heutigen Pflicht entbinden würde.
Endlich, nach schier endlosen Stunden, hob die Kurfürstin-Witwe die Tafel auf. Bevor ich mich bückte, um nach der Schleppe der Savoyerin zu greifen, suchte ich im entstandenen Gemenge mit den Augen nach Jakob. „Ein Stückchen Aalpastete, liebes Bruderherz!“, versuchte ich, ihn stumm zu beschwören. „Und eine Scheibe Spanferkel! Und von den Bohnen! Und Reisbrei! Und ein Honigküchlein! – Ach, am liebsten einen voll gehäuften Teller von allem!“ Mein lieber, lieber Bruder schien tatsächlich meine Gedanken lesen zu können, denn er zwinkerte mir leise lächelnd zu, bevor er sich mit den anderen Pagen und den Köchen anschickte, die Speisen abzuräumen.
Man entließ Dorothee und mich in den frühen Abendstunden. Inzwischen hatte mein Heißhunger sozusagen den Scheitelpunkt überschritten, mittlerweile war mir egal, ob ich an jenem Tag noch etwas zu essen bekommen würde oder nicht. Doch Jakob würde es mir übel nehmen, wenn er mir tatsächlich etwas von den Speisen beiseite getan hatte, und ich diese nun verschmähen würde. So machte ich mich auf den Weg in den Küchentrakt im Erdgeschoss der Neuveste, allerdings mit einem kleinen Umweg über die Gastzimmer an der Ostflanke des Brunnenhofs. Voller ungeziemender Neugierde wollte ich heraus finden, wie man die Hofdamen Henriette Adelaide’s vorübergehend untergebracht hatte. So öffnete ich vom Dienstbotengang auf der rückwärtigen Seite der Enfilade lautlos mal diese mal jene Tür, und spähte vorsichtig in die Zimmer. Sehr unordentlich sah es dort im matt rosigen Abendlicht aus, das durch die locker gebauschten Vorhänge glitt, Kleidertruhen standen kreuz und quer, die üppigen Inhalte auf den Hockern, Sesseln, Kommoden und Betten achtlos verstreut. Die gestrenge Gräfin „Spitznase“ hatte allem Anschein nach schon seit längerem keinen Fuß mehr in diese Gemächer gesetzt. Ich musste daran denken, was ich neulich erst von einem Kammerdiener aufgeschnappt hatte: „Der Senftenau rauft sich seit Ankunft der Henriette Adelaide schon fast beständig den kümmerlichen Schopf, weil ihm die vielköpfige Welschen-Schar, die unsere Verehrteste mitgebracht hat, nicht nur die Haar’ vom Kopfe fressen, sondern auch sonst jede Menge Scherereien bereiten. Er soll geschworen haben, jeden dieser Bagage, egal ob Mann oder Frauenzimmer, der sich auch nur das Geringste zu schulden kommen lässt, auf der Stell’ wieder zurück in die Heimat zu schicken.“

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Die Schwarze Frau (Teil 31)…

Mit rauschenden Röcken, die ohnehin schon schmalen Lippen fest zusammen gepresst, Tränen des Zorns und der Demütigung in den fahlen Augen fegte Gräfin Wolkenstein an uns vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Geraume Weile später betrat die Hofmeisterin erneut die Kaiser-Zimmer. Sie hatte solch eine dicke Puderschicht aufgetragen, dass es unmöglich war, in ihrem Gesicht zu lesen, doch die hin und her huschenden Augen verrieten, dass es in ihr immer noch ordentlich gärte und brodelte. Dorothee und ich waren inzwischen fertig angekleidet. Gerelinde hatte das Mieder meines Kleides mit einigen zerknüllten Tüchlein ausgestopft, um zu vertuschen, dass ich im Gegensatz zu Dorothee obenherum flach wie ein Brett war. Nun ja, dafür hatte ich weitaus mehr im Kopf als diese. Begleitet von ihren drei munter um sie herum zwitschernden Hofdamen, die sie nebst sehr vielen anderen Begleitpersonen aus Turin mitgebracht hatte, kam Henriette Adelaide auf uns zu, wir nahmen die an ihren Schultern mit goldenen Spangen befestigte und durch eine Doppelreihe schimmernder Perlen gehaltene samtene Schleppe auf und trippelten hinterdrein. Wir durchmaßen den Herkules-Saal, tunlichst darauf bedacht, der Kurprinzessin nicht in die Hacken zu treten, da die Schleppe nicht sehr lang war, schritten die Breite Treppe hinab, und querten den schmalen Kapellenhof, um zum Grottenhof-Tor und somit dem Antiquarium zu gelangen. Mit langen Helebarden und blitzblanken Schwertern bewaffnete Leibgardisten bahnten uns den Weg durch die seit den frühen Morgenstunden bereits geduldig Wartenden, die man zu diesem Schauessen geladen hatte. Es waren an die zweitausend Münchner Bürger und Bürgerinnen, in ihr bestes und sauberstes Tuch gewandet. „Hoch!“- und Segensrufe brandeten die grauen Mauern der Residenz empor, viele der Anwesenden sanken in die Knie, schlugen sich gegen die Brust und bekreuzigten sich, als sei es die Heilige Jungfrau Maria persönlich, die da vorüber zog, huldvoll lächelnd nach links und rechts nickend. Die dunkel glänzenden, den ebenmäßig gerundeten Wangen schmeichelnden Korkenzieherlocken der Prinzessin wippten vor meinen Augen bei jedem ihrer schwebenden Schritte ein wenig tanzend auf und ab, und ihrer Robe entströmte der Hauch jenes Duftwassers, welches sich nur die ganz Reichen leisten konnten, da es aus dem Öl italienischer Zitrusfrüchte und Gewürzen gewonnen wurde, die aus sagenhaften, fernen Ländern stammten. Im Grottenhof war es dank der sanft plätschernden Brunnen angenehm kühl, im Gegensatz zu der drückenden Wärme, die bereits jetzt in den Höfen der Residenz herrschte. Mitleidig gedachte ich all jener, die noch eine geraume Weile auszuharren hatten, ehe man das hintere Tor öffnen würde, um sie einzulassen. Hartschiere würden jede einzelne Person sorgfältig nach Waffen untersuchen, anschließend zwei Leibärzte der Kurfürstin-Witwe die Geladenen in Augenschein nehmen, ob sie sich auch sauber präsentierten und keine Krankheiten hatten. Erst dann würden sie den siebzig Meter langen Festsaal betreten dürfen, den einst Albrecht V., der Großvater unseres Maximilian I. Selig hatte erbauen lassen. Sie würden weder Speis noch Trank angeboten bekommen. Die große Ehre der Teilnahme an einem Schauessen lag einzig darin, all die Hochwohlgeborenen einmal aus aller Nähe beim Schmausen an einer Festtafel bestaunen zu dürfen. Ferdinand Maria kam samt seinem Gefolge und dem zwei Jahre jüngeren Bruder Maximilian Philip durch das Portal zum südlich gelegenen Residenzgarten, er zog seinen breitkrempigen Hut, verbeugte sich gar artig vor seiner Mutter, welche eine Falte des Unmuts zwischen den dichten, dunklen Brauen zeigte, und begrüßte seine Braut mit einer sanften Umarmung und zwei Wangenküssen. In genau festgelegter Reihenfolge wandelten wir nun durch die kunstvoll mit Muscheln aller Farben und Größen verzierte Tür ins Antiquarium. Am westlichen Ende, auf der von einer massiven Brüstung aus rotem Marmor umspannten Empore hatte man eine breite Tafel aufgebaut. In der Mitte kam das junge Paar zu sitzen, rechterhand die Kurfürstin-Witwe, linkerhand der Obersthofmeister sowie Landeshofmeister Graf Maximilian Kurtz zu Senftenau, der seit dem Tode des Kurfürsten vor fast genau zwei Jahren zusammen mit Maria-Anna die Vormundschaft über den Kurprinzen inne hatte. Er stand dem Hofrat sowie dem Geheimen Rat vor, leitete somit nicht nur die Geschicke unserer Residenz, sondern auch die des Landes Bayern, bis zur Volljährigkeit des Kurprinzen. Maximilian Philip und Herzog Albrecht zu Leuchtenberg-Bayern samt Frau rundeten die Tischgesellschaft ab. Die Mitglieder des Hofstaats und ein gutes Dutzend Hartschiere hatten im Hintergrund der Empore Aufstellung genommen. Dorothee und ich mussten zu beiden Seiten hinter dem hochlehnigen Stuhl Henriette Adelaide’s verharren und uns keinesfalls vom Fleck rühren, das hatte die „Spitzmaus“ Gräfin Wolkenstein uns zuvor eindringlichst eingeschärft. Die Tafel, welche wie üblich aus breiten Brettern bestand, die man aufgebockt hatte, war mit Tüchern aus feinstem Linnen bedeckt, die über und über mit Blütenreigen und Sagengestalten aus Goldfäden bestickt waren. Schwere Kerzenleuchter aus Silber und ebensolche Tischaufbauten, die Schiffe mit vom Wind geblähten Segeln darstellten, sowie versilberte Platzteller, zierten sie. Als Besteck hatte man zusätzlich zu den üblichen Messern und Löffeln sogar Gabeln eingedeckt, obwohl allgemein bekannt war, dass die Kurfürstin-Witwe dieses aus Italien stammende Hilfsgerät ungehalten als neumodischen Schnickschnack abtat. Der Obersthofmeister hielt in salbungsvollem Tonfall eine kurze Ansprache, von der ich nicht ein einziges Wort mitbekam, ich war allzu fasziniert von den kleinen kreisenden Schlenkerern, die sein höchst ungefüges, mit den winzigen Kratern erweiterter Poren übersätes Riechorgan beim Sprechen machte. Ich fühlte, wie ich verschämt ob meiner respektlosen und unziemlichen Gedanken errötete, und wandte schnell meinen Blick ab. Die Liste der Sünden, die ich demnächst würde beichten müssen, wurde zusehends länger.

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Die Schwarze Frau (Teil 30)…

Das erste Ziel der farbenprächtigen Prozession war der Dom Unserer Lieben Frau. Dort erwartete links und rechts aufgereiht vom Hauptportal bis zum Altar sämtliche Würdenträger des bayerischen Klerus das jugendliche Brautpaar. Dieses kniete im Portal auf zwei gülden bestickten Kissen nieder, um den Segen des Dompropstes zu empfangen. Danach führte Ferdinand Maria sein „Gespons“ durch das Kirchenschiff bis unter einen gleichfalls goldverbrämten Himmel. Träge ziehende Weihrauchwolken erfüllten das große, zum Bersten mit dem Hofstaat und geladenen, adligen Gästen gefüllte Gotteshaus mit ihrem wohltuenden süßlichen Duft. Ich war ganz hinten, am Kirchenportal, zum Stehen gekommen. Zum Glück befand sich der Lange Johannes in meiner Nähe, der mittlerweile beinahe doppelt so groß war wie ich, und daher mit Leichtigkeit über die Häupter hinweg sehen und mir zuraunen konnte, was sich vorne am Altar abspielte. Mit brausendem Orgelklang, begleitet von Trompeten, Posaunen und Heerpauken, wogte und wirbelte das Tedeum durch den Dom. Von Rührung und Andacht ergriffen schossen mir die Tränen in die Augen und der Hals wurde mir eng.
Anschließend fuhr die Kurfürstin-Witwe mit der Gemahlin ihres älteren Sohnes und dem engsten Hofstaat von einer Hundertschaft Hartschieren und feurig sich bäumenden Handpferden geleitet durch die Höfe der Residenz. Sie hielten am weit geöffneten Eingang zum Viersäulen-Saal, dann wurde Henriette Adelaide von der Regentin die breite Kaisertreppe hinauf in die edel ausgestatteten Kaiserzimmer geführt. Bis zum Vollzug der Ehe, dessen Zeitpunkt angeblich noch nicht festgesetzt worden war, würden diese das Quartier der schönen Savoyerin sein. Erzählt hatte mir dies mein Bruder in aller Hast und Eile, denn Ferdinand Maria musste samt seinem engsten Gefolge auf Geheiß seiner Mutter bis auf Weiteres bei seinem Vormund, dem gutherzigen Herzog Albrecht von Leuchtenberg-Bayern im Schloss Neudeck unterkommen. Nach einem frühen Abendmahl im Vier-Schimmel-Saal und nachdem er sich mit einem artigen Wangenkuss von seiner Angetrauten für diesen Tag verabschieden durfte, hatte seine Abordnung sich auf den Weg zu machen. Das passte mir so gar nicht, bedeutete dies doch, dass mir der liebe Jakob, meine wichtigste und zuverlässigste Nachrichtenquelle bei Hofe, die nächste Zeit über keine spannenden Details über „seinen“ Prinzen mehr würde zutragen können…

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Drei Tage später fand ein sogenanntes festliches Schauessen im Antiquarium statt, dem größten, und wie ich fand, auch schönsten Saal der Münchner Residenz. Eine glückliche Fügung – wahrscheinlich eine Intervention der lieben Dame Anna – hatte ergeben, dass ich zusammen mit der zwar recht unansehnlichen aber freundlichen und sanften Tochter einer Hofdame die Schleppe der Kurprinzessin würde halten dürfen. Man hatte uns dafür gar feine Gewänder aus dunkelbraunem Samt anfertigen lassen. Bereits Stunden vor Beginn der Feierlichkeit hatten wir uns im Empfangszimmer der Kaiser-Enfilade zum Ankleiden und für letzte Änderungen einfinden müssen. Während die kleine Dorothee duldsam wie ein Lamm und ohne sich zu bewegen da stand, und all das Zupfen und Zerren, Stechen und Nähen stumm über sich ergehen ließ, pochte mir das Herz vor Aufregung bis in den Hals hinein, und all meine Muskeln und Fasern vibrierten. Durch den Spalt der leicht geöffneten Tür zum Schlafgemach konnte ich sehen, wie die wunderschöne, fremde Prinzessin aus den fernen Landen angekleidet, frisiert und geschmückt wurde.
„Sie hat während der ganzen zwei Jahre als Prokura-Gemahlin unseres Kurprinzen nicht ein einziges Wort Deutsch gelernt.“, murmelte Gerelinde vorwurfsvoll, alte Vertraute aus meinen Jahren in der Nähstube, den Mund voller Stecknadeln. Ich zuckte mit den Schultern. „Sie hat dazu vielleicht keine Zeit gehabt.“
„Adelheid! Das meinst du jetzt aber nicht ernst, oder? – Wenn man mir einen so feinen, herzensguten und gescheiten Gemahl präsentieren würde, dann würde ich alles daran setzen, um ihn glücklich zu machen und zufrieden zu stellen, selbst wenn es das Erlernen einer fremden Sprache wäre!“
Ich setzte zu einer scharfen Antwort an, schloss meinen Mund aber wieder schnell, denn im Zimmer nebenan schien sich so etwas wie ein Streit anzubahnen. Gerelinde wandte sich wieder meinem Kleid zu, da die Unterhaltung auf Italienisch geführt wurde. Ich jedoch spitzte aufmerksam meine Ohren, und atmete ganz flach durch die Nase, um ja gut hören zu können.
„Warum legen Eure Hoheit nicht die Ohrringe an, die Seine Hoheit Euch zur Begrüßung geschenkt hat? Gefallen sie Euch nicht?“
„Werte Gräfin Wolkenstein, ich bitte Euch! Beim ersten Hinsehen wirkt dieser Schmuck zwar ganz präsentabel, doch wenn man diese Perlenohrringe genau betrachtet, dann kann man schnell feststellen, dass sie nicht eben sehr sorgfältig gefasst worden sind. So etwas verehrt man in meiner Heimat allenfalls einer Adeligen von niederem Rang, nicht jedoch einer Prinzessin von edelstem Geblüt, einer zukünftigen Kurfürstin!“
Eine kurze Pause entstand. Ich konnte mir deutlich ausmalen, wie die betuliche, schwergewichtige und auch oftmals wichtigtuerische Hofmeisterin, ihrer spitz zulaufenden Nase wegen hinter vorgehaltenen Händen „Spitzmaus“ genannt, soeben empört nach Luft schnappte.
„Das wird der Kurfürstin-Witwe gar nicht gefallen.“
„Damit wird die Kurfürstin-Witwe leben müssen.“
„Ich muss doch sehr bitten! Ihr seid ein wenig impertinent, Eure Hoheit!“
„Nein!“ Durch den Türspalt konnte ich erkennen, wie die junge Frau sich leicht nach vorne beugte, während die Kammerfrau sich anschickte, das doch recht großzügige Dekolletee des zimtfarbenen, reich mit Gold bestickten Mieders mit einem dünnen Tuch aus filigraner, eierschalenfarbener Spitze zu verkleiden. Über das ebenmäßig ovale Gesicht mit den zarten, sanft rosa schimmernden Lippen, der fein modellierten, etwas länglichen Nase, den sehr großen, dunklen, leicht mandelförmigen Augen unter den ausgedünnten, kühn geschwungenen Brauen flammte die Zornesröte eines leicht reizbaren Temperaments. Henriette Adelaide hob den rechten Zeigefinger und stieß ihn wie einen Degen gegen die Hofmeisterin. „Ihr seid es, die sich impertinent verhält, Gräfin Wolkenstein! Während Eures Aufenthalts in meiner innigst geliebten Heimat, während der gesamten Reise habt ihr Euch so liebevoll an mir gerieben wie eine rollige Katze, mich mit Freundlichkeiten und Schmeicheleien umgarnt, mir Honig um’s Maul geschmiert ohne Ende! Nun, wieder unter dem Schutz Eurer Kurfürstin-Witwe stehend, offenbart Ihr Euer wahres Gesicht, ein doppelzüngiges und Masken tragendes Janus-Gesicht, ein sehr gouvernantenhaftes und ungnädiges noch dazu! Wisst Ihr, was man mir zugetragen hat? Ihr hättet einen Schlüssel zu meinen Gemächern, um jederzeit unangemeldet ein- und ausgehen zu können! Was glaubt ihr allesamt wohl, wen ihr hier vor Euch habt? Ich bin doch kein ungezogenes und ungebildetes Gör, das man nach Gusto Tag und Nacht observieren kann!“
„Bei allem Respekt, Prinzessin, Ihr vergesst Euch!“
„Nein, Ihr vergesst Euch, Gräfin Wolkenstein! Ich werde meiner aus tiefstem Herzen geliebten Mutter und meinem Bruder Bericht über Euer Benehmen erstatten, und darüber, dass ich hier gehalten werde wie ein tumbes und unmündiges Käfigtier! Und nun geht! Sofort!“

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Die Schwarze Frau (Teil 29)…

Als die Männer ihre Last sanft unweit des Zweispänners Maria Anna’s abgesetzt hatten, löste Ferdinand Maria sich aus dem Pulk seiner Getreuen. Etwas gestelzt und linkisch schritt er auf die Sänfte zu. Die Türe öffnete sich, eine sehr zierliche, feingliedrige, dunkel behandschuhte Rechte tastete sich aus dem Inneren. Der Kurprinz knickte in eine tiefe Verbeugung, dann griff er behutsam zu und half seiner Gemahlin auf die Wiese. Nachdem sie sich aufgerichtet und ihr kostbares Gewand aus rehbraunem Brokat glatt gestrichen hatte, ging ein Raunen durch die Umstehenden. Mir stockte das Herz, und binnen eines Lidschlags erging es mir wie meinem Bruder: Ich verfiel der Prinzessin aus Savoyen mit Haut und Haaren. Ich war vollkommen überzeugt davon, dass es auf unserer Erde keinen Menschen gab, der mehr Schönheit, Anmut und Liebreiz ausstrahlte als diese junge Frau. Das Sonnenlicht brach sich auf ihrem akkurat gescheiteltem, dunklem Schopf, als sich ihre mittelgroße, gertenschlanke, anmutige Gestalt mit wiegendem, beinahe schwebendem Schritt auf ihre Schwiegermutter zu bewegte, die inzwischen, sich auf den Arm einer ihrer Hofdamen stützend, ausgestiegen war, um vor ihr in eine tiefe Referenz mit angedeutetem Handkuss zu sinken. Maria Anna schlug ihren schwarzen Witwenschleier zurück, bedeutete der Prinzessin sanft, sich zu erheben, und schloss sie zärtlich in die Arme. Über das breite, etwas grobknochige Gesicht mit der ausgeprägten Unterlippe und den scharfen, überaus intelligenten Augen flog ein bei ihr äußerst seltener Ausdruck von Liebe und Milde…

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Seit zwei Tagen wand sich der Zug des savoyischen Brauttrosses mit dem Hofstaat der Kurfürstin-Witwe vorneweg einem riesigen Lindwurm gleich der bayerischen Hauptstadt entgegen. Henriette Adelaide hatte mit ihrer künftigen Hofmeisterin, Gräfin Wolkenstein, in der Kutsche Maria Anna’s Platz genommen. Die Atmosphäre schien gelöst und heiter zu sein, die in Alter und Herkunft so unterschiedlichen Frauen erweckten offensichtlich den Eindruck, als seien sie einander sehr zugetan. Nebst leichten Scherzen kursierten Gerüchte unter den Begleiterinnen der Habsburgerin, dass diese die Prinzessin aus dem fernen Süden bereits als ihre Tochter bezeichnen, und sie mit Lob und Komplimenten überhäufen würde. Ich blieb diesem Geschwätz gegenüber skeptisch, wusste ich doch von meiner Freundin Anna und meinem Bruder bereits genug über die alternde Regentin, um zu wissen, dass es nicht im geringsten ihre Art war, mit Schmeicheleien und Komplimenten großzügig umzugehen.
Während das von zwei stämmigen Kaltblütern gezogene Gefährt, in dem ich zusammen mit Anna von Sautern und vier anderen Damen recht zusammengepfercht die Reise von Wasserburg nach München zurück gelegt hatte, die Anhöhe hinauf rumpelte, schritt ich nebenher, und warf, kurz bevor wir den Rücken des Isarbergs erreichten, einen langen Blick zurück. Meine Gedanken weilten bei dem innigen Abschied von meiner Mutter und dem Stiefvater, den ich in mein Herz geschlossen hatte, obwohl ich ihn nur einige Male kurz zu sehen bekommen hatte. Schier endlos wand sich das Band der Kutschen und Wägen, überlagert vom wabernden Baldachin aufgewirbelten Staubes. Die Spur, die unsere Karawane quer durch das Land gezogen hatte, glich der eines verheerenden Feldzuges.
„Ich weiß nicht, was ich schlimmer finden sollt’, den Raubzug der Schweden in den dreißiger Jahren oder den kurfürstliche Brautzug.“, hatte der Bürgermeister jener kleinen Ortschaft, an dessen Rande wir tags zuvor kampiert hatten, im Wirtshaus nach dem fünften Humpen Bier mit leichtem Zungenschlag und voller Sarkasmus zu meinem Bruder gesagt.
Wir hatten den Scheitelpunkt des Hügels passiert, man gab das Signal zum Anhalten. Die Röcke raffend pirschte ich mich vorsichtig nach vorne, und kam gerade noch rechtzeitig, um zwischen die voluminösen Gewänder und Gala-Uniformen der Hofschranzen hindurch spähend mitanzusehen, wie Maria Anna und ihre Schwiegertochter, gefolgt von Gräfin Wolkenstein, ins Freie traten. Die Witwe Maximilian I. Legte ihren linken Arm um die zierlichen Schultern des neben ihr stehenden Mädchens und wies mit der Rechten stolz auf die beinahe greifbar nahe scheinende Silhouette Münchens.
„Deine neue Heimat, mein Kind.“
Die Angesprochene klatschte voller Begeisterung in die Hände und stieß einen rasch und temperamentvoll zwitschernden Wortschwall aus. Ich stand nicht nahe genug, um verstehen zu können, was sie sprach, doch mir schien es der Ausdruck von Freude und Anerkennung zu sein.
„Hm! Ob sie das ernst meint… Mir wurde zugetragen, sie würde sich seit einer Weile schon Nacht für Nacht in den Schlaf heulen vor lauter Heimweh und Furcht.“, murmelte jemand neben mir.
Hinter den hoch aufragenden Türmen des Doms mit seinen welschen Hauben ballten sich finstere Gewitterwolken zusammen. Mir schien das kein recht guter Empfang zu sein.
Aus dem Schwabinger Tor flutete eine Masse an fein gekleideter Damen und Herren, beritten und in offenen Kaleschen fahrend. Es waren die Adeligen und Notabeln der Stadt, welche „Vivat!“ und „Hoch!“ rufend und weiße Tüchlein schwenkend die Gemahlin des Kurprinzen willkommen hießen, an ihrer Spitze die kurfürstliche Kavallerie sowie Obersthofmeister Maximilian Kurz Graf zu Senftenau. Mit den berittenen Soldaten und Edelleuten an der Tete setzte unser Zug sich wieder in Bewegung. Als wir die Isarbrücke erreicht hatten, hob sich der Oberst der Reiterei in den Steigbügeln und gab einen Schuss ab. Daraufhin öffneten sich die Geschützpforten der Stadtmauer, grollende Kanonensalven, untermalt vom hämmernden und prasselnden Donnern des sich nun über den Giebeln Münchens entladenden Gewitters, ließen die schwülheiße Sommerluft vibrieren. Der Himmel öffnete seine Schleusen, just da wir das Schwabinger Tor passierten, und die hernieder stürzenden sintflutartigen Wassermassen des Platzregens verwandelten die Straßen binnen weniger Augenblicke in knöchelhohe Seen. Nichtsdestotrotz hatten sich zu beiden Seiten hinter den wachsamen Reihen der Musketiere Tausende von Menschen eingefunden, die jubelnd und winkend der Prinzessin einen unvergesslichen Empfang bereiteten.

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Die Schwarze Frau (Teil 28)…

Der Eifer, mit dem ich meine Verschwiegenheit beteuerte, ließ ihn schmunzeln. Sachte löste er sich aus meiner Umarmung, und fuhr in seiner Erzählung fort: „Ich Tor mache mir da nicht die geringsten Hoffnungen, ich stehe schließlich im Rang so sehr weit unter ihr, bin nur ein Hofschranze, und unser Adelsbrief ist erst vor wenigen Jahren ausgestellt worden, und es ist zudem auch eine Todsünde, die Frau eines anderen zu begehren, noch dazu des besten und gütigsten Freundes. Sie hat mich übrigens keines Blickes gewürdigt, sondern hatte von Anfang an nur Augen für den Prinzen. Die Röte stieg ihr ins Antlitz, als sie seiner ansichtig wurde, es war, als würde sie erblühen, und sie versuchte, die Depesche zu öffnen, die ihr von Metternich überreicht worden war, doch ihre wundervollen, schlanken Finger zitterten so sehr, dass ihr die Gräfin Wolkenstein helfen musste, das Siegel zu erbrechen. Wir wurden höflich aufgefordert, den Raum wieder zu verlassen, als sie daran ging, den Brief zu lesen. Danach ließ sie Ferdinand Maria rufen, und nur ihn allein. Sie zogen sich in ein winziges Separee nahe des Salons zurück und blieben eine lange Weile für sich. Metternich führte uns mittlerweile wieder in unser Quartier. Als der junge Kurfürst sich wieder zu uns gesellte, schien er wie auf Wolken zu schweben, und seine Schüchternheit war wie durch Zauberhand verschwunden. ‘Sie hat mich geküsst! Sie hat mich tatsächlich geküsst!’“, hat er mir zugeflüstert, bevor wir uns zum Innufer begaben, um samt unseren Pferden eine bereit gestellte Plätte zu besteigen, damit wir so schnell als möglich hierher gelangen konnten…“
„Ah, ihr seid gar nicht bis nach Wasserburg geritten?“ Meine Frage kam mir ungemein dumm vor, doch etwas Besseres fiel mir nicht ein.
„Nein, natürlich nicht, sonst hätten wir diese Strecke nicht in so kurzer Zeit zurück legen können. Wir haben erst ein paar hundert Meter vor der Stadt das Ufer angesteuert, weil Ferdinand Maria unbedingt durch das Brucktor einreiten wollte. – So, jetzt pack’ dich ins Bett, Adelheid, es ist schon sehr spät, und die kommenden Tage werden für uns alle anstrengend werden.“
Nachdem ich mich aus meinem feinen Gewand geschält und das hochgesteckte Haar gelöst hatte, kniete ich neben der Schlafstatt nieder, um zu beten. Ich wollte die Heilige Dreifaltigkeit, die Jungfrau Maria, ja, eigentlich jede Himmelsmacht um Hilfe für meinen Bruder bitten. Doch ich fand die richtigen Worte nicht. So schloss ich mein Nachtgebet: „Ihr wisst ja, was mir grad am meisten auf dem Herzen liegt.“ Wenn die himmlischen Heerscharen tatsächlich allmächtig waren, dann würden sie mich auch so verstehen…

-.-

… Ein backofenheisser Sommerwind zauste zwei Tage später träge meine sorgfältig gebrannten Locken. Maria Anna und ihr Hofstaat hatten sich bereits in den Morgenstunden auf dieser sanft hügeligen, hoch gelegenen Wiese außerhalb Wasserburgs nieder gelassen, um Henriette Adelaide zu empfangen und in ihrer neuen Heimat willkommen zu heißen. Die Scharfäugigen unter uns hatten vor langer Weile schon die langgezogene Staubwolke ausfindig gemacht, welche durch den Brauttross aufgewirbelt wurde.
„Das wird noch eine geraume Weile dauern, bis diese Kavalkade hier eintreffen wird. Sie wird einer der legendären Karawanen aus dem Orient gleichen.“, murmelte Anna von Sautern träge und wechselte ihren übergroßen Fächer, mit dem sie unablässig wedelte, von der rechten in die linke Hand. „Man sagt, der Zug der Prinzessin mit all ihrem Hab und Gut bestünde aus mehr als dreihundertdreißig Pferden und Dutzenden von Zugochsen, dreihundertfünfzig Packwagen, schwer beladen mit Tapezereien, Betten, Baldachinen, Sesseln, Teppichen, Portieren, Decken, Porzellan- und Silbergeschirr, Gläsern, Büchern, Musikinstrumenten, Kleinodien, Leinwänden und Kleidern, ganz abgesehen von den Gastgeschenken, die Ihrer Hoheit während der Reise dargebracht worden sind.“ Sie zwinkerte mir schelmisch zu. „Die Kurfürstin Witwe wird an unserer großen Residenz anbauen müssen, um den Hausstand und das gesamte Begleitpersonal ihrer Schwiegertochter unterbringen zu können.“
Ich blickte quer über die Wiese zum Kurprinzen, der nahe der schwarzen Kutsche seiner Mutter stand, umringt von seinen Pagen, dem Hofmeister Metternich und seiner Leibgardisten. Er war sichtlich darum bemüht, Fassung und Geduld zu bewahren, doch seine manchmal ziemlich ruckartigen Kopfbewegungen verrieten mir, dass es in ihm durchaus unruhig zuging. Ich kniff die Augen zusammen und nahm meinen Bruder ins Visier, doch Jakob kehrte mir halb den schlanken, straffen Rücken zu, und was ich von seinem Gesicht erkennen konnte, wurde von der breiten Krempe des Hutes in dunklen Schatten gehüllt. Wie mochte er sich fühlen, so hoffnungslos in seine neue Herrin verliebt, die Frau des Jünglings, dem er wie ein fast gleichaltriger Bruder verbunden war? Ich sandte schnell ein stummes Stoßgebet gen Himmel, um gleich darauf zu befinden, dass ich jetzt wahrlich genug für Jakob’s Seelenheil gefleht hatte. Er würde das nie und nimmer gut machen können.
Aus dem Waldrand, der einige hundert Meter von uns entfernt war, lösten sich die Gestalten laufender und ihre Hüte schwenkender Männer, die stracks auf uns zu hielten.
„Sie kommt! Sie kommt! Sie wird in wenigen Minuten hier sein!“, gellten die Rufe über die reich mit Sommerblumen bestandene, duftende Wiese. Und schon kam sie durch die Kerbe eines ausgefahrenen Feldwegs auf uns zu, eine im Mittagsglast golden funkelnde Sänfte, leicht schwankend im Rhythmus der vier im Gleichschritt trabenden, bunt kostümierten, muskulösen Träger. Lisa von Heydern, die etwas schrille und unkonventionelle Gemahlin eines der Hofkämmerer, drängte sich an unsere Seite und schüttelte feurig ihre schwarze Lockenpracht.
„Das nenn’ ich mir prachtvolle Kerle!“, murmelte sie anzüglich ihre breiten Lippen mit der Zungenspitze befeuchtend. Wie immer, wenn sich unsere Wege kreuzten, fühlte ich mich von ihrer unverhohlenen Sinnlichkeit auf eine sonderbare Weise angezogen und zugleich abgestoßen. Den Gerüchten, dass sie ihrem Manne schon etliche Male Hörner aufgesetzt haben soll, schenkte ich Glauben, ohne auch nur einen Funken Zweifel daran zu hegen.

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Die Schwarze Frau (Teil 27)…

… Natürlich brannte ich darauf, möglichst jede Einzelheit des ersten Zusammentreffens Ferdinand Maria’s mit seiner sehnlichst und seit langem schon erwarteten Gemahlin aus dem fernen Savoyen von Jakob zu erfahren. Doch ich musste mich gedulden, und zunächst an Dame Anna’s Seite beim gediegenen Abendmahl der Kurfürstin-Witwe mit ihrem Sohn, dem Hallgrafen von Echterding, dessen Gemahlin, vielköpfiger Kinderschar und dem Hofstaat der Familie zugegen sein.
Danach entwischte der junge Ehemann seiner Mutter, um zusammen mit seinen Vertrauten bei silbernem Mondenschein in einer kleinen, versteckten Bucht flussaufwärts im klaren, kühlen Inn ein Bad zu nehmen. Seit seiner frühen Kindheit liebte Ferdinand Maria das Schwimmen und Tauchen trotz ungezählter Versuche der gestrengen Kurfürstin Witwe, ihn davon zu überzeugen, dass der ausgiebige Kontakt mit Wasser zu gefährlichen Krankheiten führen würde. Ehrlich gesagt – daran glaubte ich im Grunde genommen auch nicht, war ich doch in unmittelbarer Nähe eines der wichtigsten und größten Ströme meines Heimatlandes geboren worden und aufgewachsen, selbst wenn die sehr gerne um Maria Anna herum scharwenzelnden und katzbuckelnden Hofärzte deren Meinung vertraten, und diese Ansichten bei jeder sich bietenden Gelegenheit beschwörend heraus posaunten.
So war es bereits späte Nacht, als ich endlich, endlich die schweren Tritte von Jakobs hohen Reiterstiefeln auf der Treppe vernahm. Ich huschte auf den Flur, griff nach seinem Wams, und zerrte und stieß meinen Bruder voller Ungeduld in mein Zimmerchen.
„Jetzt erzähl’ schon, Jakob! Ich platze schier vor Neugier!“
Er wandte zunächst den Kopf ab, um zu verbergen, wie er sich ein Schmunzeln verbiss, und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, was du meinst. Was soll ich dir denn erzählen?“
„Oooooooh, du Unhold! Du weißt genau, was ich von dir hören will!“
Er nahm neben mir auf der Bettkante Platz und blickte sich in dem schlicht möblierten Raum um, als sähe er diesen zum ersten Mal in seinem Leben. Irgend etwas hat ihn verändert, schoss mir durch den Kopf…
„Arrangiert hat dieses ‘Stelldichein’ natürlich vor Wochen schon die Kurfürstin Witwe. Sie ist so ungemein dominant, so – so herrschsüchtig. Und sie hat die beiden Prinzen, vor allem meinen Ferdinand Maria natürlich, schon enorm unter ihrer Fuchtel. Der junge Kurfürst hat sich seit seines Vater’s Tod zu seinem Nachteil verändert. Er ist linkisch geworden, und misstrauisch, und so schüchtern, zieht sich oft zurück, will dann niemanden von uns sehen…“
Ich zupfte gespielt gelangweilt an den savoyischen Liebesknoten herum, mit welchen ich den reich gefältelten Rock meines neuen Kleides zu Ehren der Prinzessin aus dem Süden verziert hatte. Manchmal mochte ich die Art und Weise nicht, mit der mein Bruder über die kurfürstliche Familie sprach, es klang so naseweis, altklug, auch von oben herab. Ich tat dann stets, als interessierten mich seine weitschweifigen Ausführungen nicht, doch in Wahrheit sog ich jedes Wort begierig in mich auf.
„Wir sind gestern Vormittag in Audorf nahe Kufstein eingetroffen, der Hofmeister des Kurprinzen hat dann meinen guten Freund Leopold, der ja, wie du weißt, einer der Kammerdiener meines Herrn ist, voraus geschickt, um für uns Zimmer ganz in Nähe der Prinzessin zu besorgen, damit wir nicht unnötig lang durch die Gassen gehen mussten, und auch nicht jeder mit den Fingern auf uns zeigen konnte. Kurz nach Mittag ritten wir endlich in Kufstein ein. Der Leopold wartete schon ungeduldig auf uns, und berichtete dem Hofmeister Metternich, dass man sich in Adelaide’s Gefolge bereits seit Tagen schier die Mäuler darüber zerreißen würde, der zukünftige Kurfürst würde sich seit dem Sechzehnten in Kufstein befinden.“
Ich bearbeitete voller Aufregung einen der sorgsam arrangierten Liebesknoten mit meinen schweißnassen Händen.
„Oh, wie spannend! Und – was habt ihr dann getan?“
„Der Metternich kann so schlau sein wie ein Fuchs, wenn er nur will. Jedenfalls hat er dem Brautzug einen Offizier mit der Nachricht an die Gräfin Wolkenstein, die sich während der ganzen langen Reise um die Prinzessin gekümmert hat, entgegen geschickt, dass ihr Bräutigam seine Aufwartung erst am heutigen Tag an der bayerischen Grenze machen würde.“
„Raffiniert!“
„Ja, nicht wahr. – Nur wenig später zog die Braut in Kufstein ein. Was war das für ein Prunk, für eine Pracht, für ein Getöse! Das halbe Land schien sich versammelt zu sein, strudelte winkend und gaffend und schreiend um die vergoldete Sänfte herum, jeder verrenkte sich den Kragen, um einen Blick auf die Kurprinzessin werfen zu können. Die berittenen Wachen hatten alle Mühe, den Tross vor diesem schier wild gewordenen Pöbel zu schützen. Wir standen indes im ersten Stock an einem der Fenster unseres Quartiers in einem benachbarten Gasthof und schauten uns ebenfalls die Augen aus, am meisten der Prinz natürlich. Er war sehr, sehr nervös, und wollte vor allem wissen, ob die Henriette Adelaide wirklich so schön und liebenswert war, wie man es ihm erzählt hatte. Metternich sandte seinen Schreiber in die Räume der Prinzessin, um uns zur Audienz anzumelden. Schon ein Viertelstünderl später machten wir uns auf den Weg zu ihr. Zuerst sprach der Hofmarschall allein mit ihr, Gräfin Wolkenstein und den Hofdamen. Dann wurden auch wir in den kleine Salon gebeten…“
Jakob verstummte. Nach einer Weile ertrug ich das zwischen uns lastende Schweigen nicht mehr.
„Und? Ist sie so schön, und so wundervoll, die junge Kurfürstin?“
Mein Bruder warf mir einen Blick zu, der mir durch Mark und Bein ging. Ich hatte ja noch keine sehr große Lebenserfahrung, aber was dieser Ausdruck in seinen Augen bedeutete, war mir instinktiv auf Anhieb klar.
„Du hast dich in sie verliebt!“, hauchte ich. Jakob lief puterrot an, bis unter die Haarwurzeln.
„Sobald ich sie zum ersten Mal gesehen hab’, ist’s um mich geschehen gewesen, Adelheid. Man hat mit den Schilderungen in keinster Weise übertrieben. Sie ist das schönste, das strahlendste, das wundervollste Wesen, das mir je begegnet ist. Ihre Anmut, ihren Liebreiz, ihren Charme kann man mit Worten nicht beschreiben. Wenn du das jemals einem anderen Menschen erzählst, Schwesterlein, dann drehe ich dir den Hals um, das schwöre ich dir!“
Ich nahm ihn wild den Kopf schüttelnd in meine Arme.
„Bei allem was mir heilig ist, Jakob. Von mir wird nie jemand ein Sterbenswörtchen erfahren.“

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Die Schwarze Frau (Teil 26)…

… Die zweite Ehe hatte sowohl meiner Mutter als auch dem Tuchhandel der Familie wahrlich gut getan. Ich hatte nur sehr verschwommene Erinnerungen an den ehemaligen guten Freund und Geschäftspartners meines Vaters, dessen Tod jetzt sechs Jahre zurück lag. Ich hatte sofort den Eindruck, als ich vor wenigen Tagen endlich nach so langer Abwesenheit wieder das Anwesen der von Gründings betreten hatte, und im Empfangsraum das beinahe lebensgroße Portrait Eberhard von Gründings erblickte, wie ähnlich die beiden Lebenspartner meiner Mutter sich waren, äußerlich und vom Wesen her hätten sie Zwillingsbrüder sein können, obwohl die Erinnerungen an meinen Vater im Laufe der langen Zeit in der Münchner Residenz natürlich zusehends verblasst waren.
Im Flur des elterlichen Stadthauses in der Wasserburger Salzsenderzeile hing ein sündhaft teurer Glasspiegel, dessen Rückseite mit einer Quecksilberschicht versehen war, eine vor kurzem erst gemachte Erfindung, er war aus Frankreich importiert worden, und ein untrügliches Zeichen für den Wohlstand unserer Familie. Davor stand ich nun und drehte und wendete mich, beifällig das neue Festtagskleid musternd, welches ich mir hatte schneidern dürfen, und auch meine nach wie vor zierliche und kindhafte Figur. Ich war immer noch recht kleinwüchsig, obwohl ich mittlerweile zwölf Lenze zählte.
Die Kunde vom Erfolg und Reichtum der Familie war bis an den Hof nach München gedrungen. Auf Geheiß der Kurfürstin-Witwe hatte man mich vor einigen Wochen der lieben Freundin Anna zugeteilt, Hofdame der stolzen und klugen Habsburgerin, und inzwischen verehelichte Gräfin von Sautern, um mich auf eine etwaige Anstellung als Kammerfrau vorzubereiten. Schweren Herzens nahm ich von den Schwestern des kleinen Annunziaten-Klosters nahe des Lehels Abschied, da ich nun wieder am Hof zu wohnen hatte. Während der vergangenen zwei Jahre waren einige neue Nonnen aus Savoyen hinzu gekommen, und da ich sehr wissbegierig und eifrig und auch nicht grade schwer von Begriff war, hatte es nicht lange gedauert, bis ich recht fein auf Italienisch und auch Französisch parlieren konnte.
Die Dame Anna hatte einen Adjudanten des gestrengen Obersthofmeisters Maximilian Kurtz Graf zu Senftenau dafür gewinnen können, mich zu unterrichten. So lernte ich jetzt unter den höchst pingeligen Augen eines gnomenhaften Herrn von Kasstritz Einzelheiten über das Hofzeremoniell, die seiner Ansicht nach von eminenter Wichtigkeit waren, und wie man sich den Hochwohlgeborenen gegenüber richtig zu benehmen hat, und von der Kammerfrau der Kurfürstin-Witwe erhielt ich Instruktionen über die mannigfaltigen Pflichten, die ich vielleicht eines nicht mehr allzu fernen Tages zu erfüllen haben würde.
Meine Heimatstadt barst geradezu vor Geschäftigkeit. Es war der 18. Juni 1652. Am Tag zuvor war Maria-Anna samt einem zahlreichen Gefolge, zu dem auch ich mich zählen durfte, in Wasserburg eingetroffen. Der Hallgraf Maximilian von Echterding hatte der bayerischen Landesmutter samt ihrem Tross bereitwillig das über den verwinkelten Gassen thronende und auf Hochglanz gebrachte Schloss überlassen. Gottlob hatte mir die Dame Anna die Erlaubnis erteilt, im Haus meiner Familie unterkommen zu dürfen, so dass ich nicht in einem der stickigen, überfüllten Dienstboten-Schlafsäle nächtigen musste. Man erwartete voller Neugierde und fieberhafter Anspannung das Eintreffen des fünfzehnjährigen Kurprinzen Ferdinand Maria, der in Begleitung einiger Pagen – darunter mein lieber Bruder Jakob – sowie seines Hofmeisters in Kufstein wohl am Tag zuvor zum ersten Mal seiner gleichaltrige Gemahlin Henriette Adelaide von Savoyen von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden war. Girlanden wurden kreuz und quer über die blitzblank gefegten Straßen und Gässchen gespannt, Blumenkübel arrangiert, die Schiffslände an der Westseite der die Stadt umfassenden Innschleife wurde mit bunten Bändern und Flaggen geschmückt, es wurde geputzt und gewienert, um sich der zukünftigen Regentin in aller Pracht und Schönheit zu präsentieren.
Ein wenig unwillig zupfte ich mit vorgeschobener Unterlippe an dem sanft schimmernden, gelben Mieder herum. Mir schien es viel zu weit zu sein. Neidvoll gedachte ich meiner Freundinnen. Sie wiesen wenigstens schon die ersten sprießenden Ansätze weiblicher Formen und Rundungen auf. Ich wirkte immer noch wie ein kleines Mädchen.
Meine liebe Mutter trat hinzu und umfasste sanft mit ihren Händen meine schmalen Schultern.
„Wunderschön siehst du aus, Adelheid! Als wärst du auch eine Prinzessin.“
Ich zog die Mundwinkel nach unten und patschte mir mit der Rechten auf den nicht vorhandenen Busen.
„Aber so – platt…“
Mama’s helles Lachen strömte durch den Flur.
„Meine Liebe, das kommt schon noch. Hab Geduld. Aus dir wird schon noch eine Frau werden, nach der sich alle Kavaliere der Hauptstadt die Finger abschlecken werden.“
Ich runzelte die Stirn. Die schreckliche Begegnung mit Ludwig Herboltz hatte ich zwar seit langem schon aus dem Bewusstsein verdrängt, doch mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken an gewisse Dinge, die sich zwischen Mann und Frau ereigneten, und von welchen ich in der Residenz bereits ein gerüttelt Maß mitbekommen hatte, auch wenn Maria-Anna streng auf die Einhaltung von Moral und Sitten bedacht war.
„Er kommt!“, schallte es durch die weit geöffneten Fenster, „Der junge Kurfürst kommt!“
Wir flogen förmlich die Treppe hinab, und vielen anderen gleich die Straße entlang, zum weit geöffneten Brucktor. Das rhythmische Poltern beschlagener Hufe war auf der Innbrücke zu vernehmen, geleitet von einer Abteilung berittener Hartschiere nahte sich der dunkel gelockte, etwas dickliche Jüngling Ferdinand Maria inmitten seiner Handvoll Begleiter. Ich konnte zwischen den dicht gedrängten neugierigen Zuschauern hindurch einen kurzen Blick auf das ernste, konzentrierte Gesicht meines Bruders erhaschen, der auf dem hoch gewachsenen, langbeinigen Braunen, den er ritt, eine recht gute Figur machte, dann war die kleine Kavalkade auch schon vorbei, und strebte der Burg entgegen…

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Die Schwarze Frau (Teil 25)…

Nur wenige Stunden danach sehnte ich mich nach Feierabend im Bus Richtung Schwabing sitzend nach einem langen und ausführlichen Telefongespräch mit Ellen. Das Glück war mir hold, bereits nach dem ersten Läuten nahm sie ab. Atemlos schilderte ich ihr meine neueste Begegnung mit der Schwarzen Frau.
„Sie scheint dir zu vertrauen, dich erwählt zu haben, sie will, dass du ihr Schicksal teilst, mit ihr fühlst, ihr Leben nachvollziehst. Das kann nur eines heißen: Sie hat bestimmt den Wunsch, dass du sie eines Tages ins Licht führen wirst.“
„Was meinst du damit?“
„Darüber haben wir vor einer Weile doch schon einmal gesprochen, liebe Martha. Man hilft einer Seele, die sich bislang nicht von ihren irdischen Fesseln befreien und in die Anderwelt hinüber gehen konnte, die Schwelle dorthin zu überschreiten. Dazu ist ein bestimmtes Zeremoniell nötig. Ich werde es dir gerne erklären.“
Unser Telefonat dauerte noch sehr, sehr lange, meine liebe Freundin beantwortete einige meiner Fragen, und ließ mich mit ungezählten neuen zurück…

-.-

Etliche Wochen später fing Abdul mich ab, als ich nach Dienstschluß durch das Westtor des Kapellenhofs auf die Residenzstraße schritt.
„Martha, ich möchte mich von dir verabschieden.“
Ich stutzte erstaunt. „Warum? Was ist los? Du gehst doch nicht weg, oder?“
Er nickte, die Schultern hochziehend. „Ich habe in der Firmenzentrale um meine Versetzung gebeten. Ich werde in Zukunft auf der Messe arbeiten.“
„Wieso das denn? Du hast dich hier im Schloss doch so wohl gefühlt!“
„Bis vorgestern, ja. – Da bist du nicht da gewesen, hast wohl deinen freien Tag gehabt. – Komm mit, ich lade dich auf einen Kaffee ein, ich muss dir das erzählen, Martha.“
Wir querten den Odeonsplatz, einer Filiale einer großen amerikanischen Kaffeehaus-Kette zustrebend. Nachdem wir uns an einem Ecktisch nieder gelassen hatte, begann Abdul, zuerst mit stockender Stimme, seinen Bericht: Der recht unbeliebte Vertreter unserer Dienstleiterin war nachmittags vom Kastellan nach Hause geschickt worden, nachdem er über starke, unvermittelt einsetzende Übelkeit geklagt hatte. Da Abdul bereits vor einigen Jahren die erforderliche Qualifikation als Dienstaufsicht erworben hatte, wurde er mit der Listenführung der Mitarbeiter/innen am Ende des Museumstages sowie der Kontrolle des Abschließens der einzelnen Abschnitte betraut. Es lief alles wie am Schnürchen, die Kollegen/innen meldeten sich brav ab, sobald sie Feierabend hatten. Da es an jenem Tag wegen einer Veranstaltung im großen Kaisersaal einen leicht geänderten Rundgang gegeben hatte, wurden die letzten Besucher kurz vor siebzehn Uhr über die sogenannte Kapellentreppe nach unten in die Ahnengalerie geleitet, und danach verriegelten zwei junge Damen der Bayerischen Schlösserverwaltung die Verbindungstüren, so, wie es seit jeher schon das vorgeschriebene Procedere ist. Barbara und Marie standen zusammen mit Abdul noch ein wenig im sogenannten Hartschier-Saal, sie witzelten und machten sich über eine Besucherin lustig, die sich ein wenig seltsam verhalten hatte – die Dame hatte sich ausschließlich für die Prunkbetten in den Kurfürsten-, Hofgarten- und Reichen Zimmern interessiert, und all unsere anderen Schätze mit griesgrämiger Geringschätzung ignoriert.
Plötzlich packte Marie meinen Kollegen am Arm. „Hast du das auch gehört?“
Abdul zuckte mit den Schultern. „Nein – ich weiß nicht, was du meinst.“
„Da hat jemand gesungen.“
Die Drei hielten den Atem an und lauschten. Durch die geschlossene Gittertür drangen von der Hofkapelle her die leicht verzerrten Laute einer hohen Frauenstimme an ihre Ohren.
„Da singt jemand.“, konstatierte Marie.
Barbara schüttelte energisch den Kopf. „Das ist ein Schreien.“
Abdul runzelte die Stirn. „Es ruft jemand um Hilfe.“
„Das wird doch nicht diese merkwürdige Alte sein.“
„Barbara, ich habe sie bis zum Foyer begleitet, das kann gar nicht möglich sein.“
Die zwei Frauen und mein Kollege begaben sich auf die nahe Empore der Hofkapelle. Der kleine Kirchenraum lag im Halbdunkel der Notbeleuchtung und schien menschenleer. Wieder ertönte die Stimme, und sie schien diesmal so nahe und gleichzeitig doch ungemein weit entfernt zu sein, als wäre sie nicht von dieser Welt.
„Vielleicht ist das die Hocheder, die singt doch so gerne immer und überall.“
Abdul trat ans Notlicht und studierte die Personalliste. „Kann nicht sein, die hat sich wie üblich um halb Fünf abgemeldet.“
Marie verdrehte die Augen gen Himmel. „Wir müssen ‘runter in die Paramentenkammern, und diese durchsuchen. Vielleicht haben wir doch aus Versehen eine Besucherin eingesperrt, obwohl ich das eigentlich für unmöglich halte.“
Während einer endlos scheinenden Zeit wurden die Drei von den seltsamen Lauten genarrt. Sie durchstreiften den gesamten westlichen Teil der Residenz, ohne auf eine Menschenseele zu treffen. Und doch hatten sie stets das Gefühl, als wäre jemand zugegen. Manchmal schien es ihnen, als würden im Dunklen Röcke rascheln, als würde der Hauch eines eisigen Atems ihre Wangen streifen. Und immer wieder erklang die Stimme – singend, flehend, rufend, weinend, wild schreiend.
Nach gut einer halben Stunde gaben Abdul, Barbara und Marie auf.
„Ich bin mit zitternden Knien nach Hause gegangen, Martha, das kannst du mir glauben.“, schloss Abdul. „Ich weiß nicht, wie die Mädels diesen Vorfall so locker wegstecken konnten, die haben kurz danach schon Witze darüber gemacht, und sich kaum mehr eingekriegt vor Lachen. Sie meinten, das sei wohl die gleiche seltsame Erscheinung gewesen, die vor ein paar Wochen plötzlich einen Staubsauger in der Putzkammer beim Theatinergang eingeschaltet hat, obwohl der gar nicht eingesteckt gewesen war. Da ist der schlimme Schrecken, der mir in die Glieder gefahren ist, gleich noch riesiger geworden. – Ich bin überzeugt davon, dass das, was wir erlebt haben, nicht von dieser Welt gewesen ist. Ich komme damit nicht zurecht, Martha, ich bin, was solche übersinnlichen Dinge anbelangt, so ein verfluchtes Weichei! Ich habe mich schon als Kind in meiner Heimat ganz schlimm vor Geistern und Gespenstern gefürchtet. Und deshalb habe ich meine Versetzung beantragt. Ab morgen arbeite ich als Tor- und Sonderwache auf dem Messegelände. Dort ist es modern, dort ist es hell und übersichtlich, und man hat immer ein Funkgerät bei sich, dort gibt es bestimmt keine schrecklichen Wesen aus dem Jenseits.“
Ich umarmte meinen Kollegen zum Abschied, dann schlenderte ich in Gedanken verloren über den weitläufigen Platz vor der Feldherrnhalle Richtung Bushaltestelle. Es war ein unzeitig lauer Winterabend, ein Föhneinbruch hatte der Stadt einen frühlingshaft warmen Tag beschert. Irgendwie verspürte ich so gar keine rechte Lust mehr, gleich nach Hause zu fahren, ich ließ mich auf dem niederen, breiten Sims nieder, der sich an der Westfront der Residenz entlang zog, und schloss tief die milde Luft in mich einsaugend die Augen…

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Die Schwarze Frau (Teil 24)…

Ich nickte, und setzte voller Freude und Eifer an – ich liebte es so sehr, diese Geschichte zu erzählen: „Ja, bereits in den frühen Vierzigern hat die damalige Schlösserverwaltung sämtliche Säle und Zimmer genauestens fotografisch festhalten lassen, und die Original-Pläne, soweit vorhanden, in Sicherheit gebracht. Aber nicht nur das! Bereits zu Beginn des Jahres 1943 hat man alle Gegenstände von Wert – Möbel, Bilder, Wandbehänge, Stuckaturen, die Türen, die Portale aus Stuckmarmor, Deckengemälde etc. abmontiert und ausgelagert. Da der ‘Führer’ und seine Getreuen zu der Zeit noch vom Endsieg Deutschlands völlig überzeugt gewesen waren, ist dies wie Fahnenflucht oder gar ein Volksverrat angesehen worden. Viele der Helfer und Helferinnen wurden in Folge bedroht, oder gar ins Gefängnis gesteckt.“
„Ach, wie schrecklich für diese mutigen Menschen! Und wo hat man die Einrichtung der Residenz untergebracht?“
„In den Kellern unter der Walhalla, der Befreiungshalle bei Kelheim, und von umliegenden Schlösser und Kirchen, aber auch in leer stehenden Hangars sowie Scheunen von Gutshöfen. Die Rettung der Schatzkammer ist übrigens höchst abenteuerlich gewesen, kein Drehbuchautor hätte sich diese Geschichte besser ausdenken können: Ein junger, in der Schweiz geborener und aufgewachsener Architekt, der für die Gartenanlagen der Residenz und Nymphenburg verantwortlich gewesen ist, hat den Wittelsbacher Kronschatz sowie etliche Dokumente der bayerischen Geschichte von unschätzbarem Wert mit seinem alten Opel Kadett zum Tegernsee verbracht, und dort teils in der Kartoffelscheune eines Bauernhofs versteckt, teils im See versenkt. Im Jahr 1948, als man daran ging, die Residenz wieder aufzubauen, barg man den Inhalt der Schatzkammer – er war vollständig, nicht ein Teil fehlte.“
„Das grenzt ja an ein Wunder!“
„Oh, ja! Jener kluge Kopf ist natürlich so vorsichtig gewesen, die Informationen über den geheimen Ort nur sehr Wenigen anzuvertrauen.“
„Ist das eine Legende oder wahr?“
„Das hat sich in der Tat so zugetragen. – Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist man sich übrigens überhaupt nicht sicher gewesen, ob man die Residenz denn überhaupt wieder aufbauen sollte. So ein riesiges Grundstück, mehr als dreiundzwanzigtausend Quadratmeter – da hatten sich Viele bereits die Finger danach abgeschleckt, vor allem Banken und Versicherungen, und ein findiger Geschäftsmann, der hier die erste Tiefgarage Münchens errichten lassen wollte. Doch dann setzten sich jene Menschen durch, die für eine Rekonstruktion waren. Allerdings übertrugen sie die Leitung dieses riesigen Projekts einem ihrer Meinung nach noch recht unerfahrenen Architekten, jenem Mann, der den Schatz der Wittelsbacher so wagemutig gerettet hatte, wohl in der geheimen Hoffnung, dass dieser sehr bald den Überblick verlieren und das Handtuch werfen würde. Doch da irrte man sich gewaltig. Tino Walz entwickelte eine ungeheure Energie, einen immensen Weitblick und Ideenreichtum, er wuchs quasi zuerst in seine Aufgabe hinein, und dann mit dieser. – Ich finde, das Ergebnis kann sich sehen lassen.“, schloss ich schmunzelnd, „Die Münchner Residenz ist heutzutage eines der bedeutendsten Raumkunst-Denkmäler Europas.“
Die beiden Damen drückten mir strahlend die Hände. „Vielen, vielen Dank! Mit Ihren Informationen haben Sie uns eine ganz große Freude bereitet! – Und jetzt müssen wir weiter, denn wir haben ja noch einen recht weiten Weg durch unser geliebtes Schloss vor uns.“
Ich blickte ihnen nach, bis sie am westlichen Ende des Weißen Saales in den Durchgang zum Kaisersaal gebogen waren, und fühlte mich mit jeder Faser meines Wesens sehr, sehr glücklich. Bei solchen Begegnungen wusste ich ganz genau, dass ich nach meinem Burnout im vergangenen Sommer die richtige berufliche Entscheidung getroffen hatte.

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